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IZ-Reiseblog: Besuch in Delphi – Sehnsucht nach etwas Größerem

IZ-Reiseblog Delphi

IZ-Reiseblog: Delphi zwischen Orakel, Ruinen und Sehnsucht: Eine Reise zum Heiligtum am Parnass führt von der Antike bis zur Frage, wo Menschen heute Antworten auf ihre tiefsten Fragen suchen.

(iz). In der Hitze des Sommers muss man sich seine geistigen Erkenntnisse erarbeiten. Der Fels des Parnass ist in warmes Ocker getaucht und die alten Säulen werfen auf unserem Weg nach oben nur spärlich Schatten.

Es ist dieses Licht, das die Alten wohl meinten, wenn sie von einem Ort sprachen, der den Göttern näher liegt als andere. Wir schwitzen und arbeiten uns langsam nach oben.

Delphi empfängt seine Besucher nicht mit einem einzigen Anblick, sondern mit einer Choreografie von Perspektiven. Man steigt den Hang hinauf, und mit jedem Schritt verändert sich der Charakter des Ortes: das Stadion oben, in dem einst die Pythischen Spiele ausgetragen wurden, dann das Theater, das seinen Blick zugleich auf die Bühne und auf das Tal des Pleistos öffnet, und schließlich, im Zentrum der Anlage, der Apollon-Tempel, dessen wenige aufrechtstehende Säulen genügen, um die Kraft des Ortes spürbar zu machen.

Etwas unterhalb liegt das Gymnasion, wo Körper und Geist in der antiken Erziehung als eine Einheit gedacht wurden, und weiter unten, fast verborgen, die Tholos von Athena Pronaia – ein runder Bau, dessen Form bis heute Rätsel aufgibt und dessen Anblick etwas eigentümlich Stilles hat.

Delphi lässt sich – wie wir auf unserem Rundgang feststellen – als eine räumliche und zugleich symbolische Abfolge von Stufen verstehen, eine Dramaturgie der Vertiefung, eine Vielzahl möglicher Erkenntnisse, eine Welt, in der sich der Besucher – ob er will oder nicht – zunehmend in einen sakralen Raum hineinbewegt.

Die Faszination, mit den Göttern ins Gespräch zu kommen, wirkt offensichtlich bis heute: Delphi ist längst ein massentouristischer Sehnsuchtsort geworden. Die Reisebusse kommen im Minutentakt an und wenig später halten die Besucher ihre Selfie-Stöcke in die Luft. Die stille Faszination der Antike bleibt davon merkwürdig unberührt.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Der Orakelspruch für Kroisos

Am Abend lesen wir bei Herodot, dem griechischen Historiker aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, der oft als „Vater der Geschichtsschreibung“ bezeichnet wird, die berühmte Episode um Kroisos, den sagenhaft reichen König von Lydien.

Kroisos fragt das Orakel von Delphi, ob er gegen die Perser in den Krieg ziehen solle, und erhält die Antwort, er werde, wenn er den Fluss Halys überschreite, ein großes Reich zerstören. Kroisos zieht in den Krieg – und zerstört sein eigenes Reich.

Die Ambivalenz, ja die Paradoxie dieser Deutung ist bezeichnend für das Orakel insgesamt: Es antwortet nie eindeutig, sondern eröffnet einen Möglichkeitsraum, den der Fragende selbst mit seiner Interpretation füllen muss. Kroisos findet den Sinn des Spruches erst nach seiner Niederlage heraus.

Darin lag die politische Macht des Orakels in der Antike: Städte, Feldherren und Könige suchten in Delphi Rat, bevor sie Kriege begannen, Kolonien gründeten oder Gesetze erließen, und die Priesterschaft von Delphi wurde so zu einer Instanz, die weit über das rein Religiöse hinaus Einfluss auf die politische Gemeinschaft der griechischen Welt nahm.

Der Mensch lernte immer wieder neu, dass der eigene Machtanspruch an unverfügbare Grenzen stieß.

Das Verstummen der Quelle

Plutarch, der griechische Philosoph und Priester, der selbst über Jahrzehnte am Heiligtum von Delphi amtierte, hat sich ein paar hundert Jahre später in mehreren Schriften mit dem allmählichen Verstummen des Orakels beschäftigt. Er beobachtet, dass die Quelle der Weissagung im Lauf der Zeit schwächer wurde.

Er sucht dafür naturphilosophische Erklärungen, etwa das Nachlassen bestimmter Dämpfe aus der Erde, fordert aber zugleich dazu auf, dieses Verstummen philosophisch zu reflektieren, es nicht bloß zu beklagen, sondern als Anlass zum Nachdenken über das Verhältnis von Mensch und Göttlichem zu nehmen.

Dieser Gedanke wirkt bis in unsere Gegenwart: Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk hat in einem seiner Bücher den andauernden Versuch beschrieben, „den Himmel zum Sprechen zu bringen“ – eine Formel, die genau jene Sehnsucht beschreibt, die auch die antiken Pilger nach Delphi trieb.

Das eigentliche Ende der Pilgerstätte kommt Jahrhunderte später. Julian, der römische Kaiser des 4. Jahrhunderts, der als letzter bedeutender Herrscher versuchte, die alten heidnischen Kulte gegen das erstarkende Christentum zu verteidigen, soll noch einmal eine Gesandtschaft nach Delphi geschickt haben.

Die Antwort, so die Legende, die er erhielt, wird oft als das letzte überlieferte Orakel bezeichnet: Die Pythia kündigt darin, so die Überlieferung, ihr eigenes Verstummen an. Ein Orakel, das seinen eigenen Tod prophezeit – ein Bild von fast unheimlicher Konsequenz, dass die gesamte Geschichte des Ortes wie in einem Satz zusammenfasst.

Wir sind fasziniert, dass trotz der Flucht der Götter, dieser Ort bis heute seine Anziehungskraft nicht verloren hat und noch immer auf seine Weise nachwirkt.

Die Wanderung nach innen

Von dem äußeren Verstummen der heiligen Stätte führt eine Linie zu einer bemerkenswerten Verwandlung. Delphi wird, nachdem die Stimme des Himmels schweigt, zunehmend zu einem Symbol, an dem sich das Orakelhafte ins Innere des Menschen verlagert.

Der Arzt, Naturphilosoph und Maler Carl Gustav Carus, ein Vertrauter Goethes, veröffentlichte 1863 die kulturphilosophische Schrift „Die Lebenskunst nach den Inschriften des Tempels zu Delphi“. Darin untersucht er die berühmten delphischen Maximen – allen voran das weltbekannte „Gnothi seauton“ (Erkenne dich selbst) – und zeichnet den Wandel des spirituellen und moralischen Zentrums von außen nach innen nach.

Carus’ Argumentation kann man leicht verstehen: In der Frühzeit suchten die Menschen in Delphi Antworten im Außen. Sie befragten das Orakel (die Pythia), um göttliche Weisungen, Zukunftsvorhersagen oder politische Ratschläge von einer externen Instanz zu erhalten.

Carus argumentiert, dass die Inschriften des Tempels als ein Übergang zu einer höheren Stufe des Bewusstseins zu verstehen sind. Das Göttliche spricht nicht mehr primär durch äußere Zeichen, sondern fordert den Menschen auf, in sein eigenes Inneres zu blicken.

Für Carus ist diese Aufforderung zur Selbsterkenntnis ein wichtiger Wendepunkt der antiken Geistesgeschichte. Die wahre Lebenskunst besteht für ihn darin, das spirituelle Zentrum in der eigenen Seele zu ergründen. Indem der Mensch seine eigenen Grenzen, Kräfte und seine Natur begreift, findet er die göttliche Ordnung in sich selbst, statt sie passiv im Außen zu suchen.

Als Denker der deutschen Romantik und Pionier der Psychologie sah Carus im Menschen in erster Linie einen Mikrokosmos. Für ihn war die Entwicklung von Delphi der historische Beweis dafür, dass sich die Menschheit von einem naiven, außenorientierten Mythos hin zu einer reifen, verinnerlichten Spiritualität und Selbstverantwortung entwickelt hat. Carus schlägt damit eine Brücke von der antiken Philosophie zu seiner eigenen Epoche.

Goethe selbst stand der antiken Maxime „Erkenne Dich selbst“ eher kritisch und misstrauisch gegenüber. Für ihn barg der Aufruf zur reinen Selbsterforschung die Gefahr einer lähmenden und unproduktiven Nabelschau.

In seinem 1823 erschienenen Aufsatz „Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort“ formulierte er seine Skepsis besonders scharf. Goethe empfand die Forderung gar als eine Art List von Priestern, die Menschen von der aktiven Auseinandersetzung mit der Außenwelt abhalten und in eine passive Innenschau treiben sollte.

Er lehnte isolierte Selbstbeobachtung und hypochondrisches Grübeln ab. Goethe befürwortete stattdessen eine Welterkenntnis durch aktives Handeln und Interaktion mit der Umwelt: Der Mensch erkennt sich selbst – nach Goethe – nur über die aktive Beschäftigung mit der ganzen Welt.

In „Wilhelm Meisters Wanderjahren“ definierte er Selbsterkenntnis praxisnah als das Achten auf sich selbst im Verhältnis zu Mitmenschen. Über seine „Maximen und Reflexionen“ hinaus galt ihm die Pflichterfüllung im Alltag als der einzig wahre Weg zur Selbsterkenntnis, anstelle des bloßen Nachdenkens.

Selbsterkenntnis ist für Goethe möglich, aber eben gerade nicht durch bloße Selbstbespiegelung. Man erkennt sich in seinen Beziehungen zur Welt und vor allem im eigenen Tätigsein.

Das Reisen wird für den Weimarer Dichter – wie er in seiner italienischen Reise eindrucksvoll dokumentiert – der Schlüssel zur Metamorphose.

Diese Maximen umzusetzen, in Zeiten in denen Menschen sich immer mehr um sich selbst und die Feststellung ihrer Identität sorgen, bleibt eine der Herausforderungen unserer Zeit.

Es geht dabei nicht um den romantisierenden Blick zurück, sondern um die Aktualisierung zeitloser Erfahrungshorizonte im hier und jetzt. Es geht um die Stiftung von neuen Orten, in denen Selbsterkenntnis, religiöse Erfahrung, Mitmenschlichkeit, gemeinsames Handeln und Tätigsein möglich werden.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Museum, Sphinx und Wagenlenker

Die Beschäftigung mit den geistigen Hintergründe Delphis inspiriert bis heute dazu, wie der obige Gedankengang als ein Beispiel andeutet, diese Fragen neu zu stellen. Die Fantasie der Besucher wird beflügelt, sich in eine Zeit zurückzuversetzen, in der dieser Ort noch der lebendige Mittelpunkt der Welt war.

Zur Orientierung trägt auch das archäologische Museum am Rande der Anlage bei, mit seinen berühmten Kunstwerken – der Sphinx von Naxos, die einst hoch auf einer Säule über dem Heiligtum thronte, oder dem Wagenlenker von Delphi, jener bronzenen Figur von stiller, fast meditativer Konzentration, deren Augen aus Glas und Onyx den Betrachter noch heute unmittelbar ansehen.

Der Rundgang, das Maß und die Schönheit der Figuren der Antike, lassen uns nicht unberührt. Wie ein Puzzle fügen sich reale Bilder und imaginäre Vorstellungskraft in einem schöpferischen Prozess zusammen.

Am Ende des Rundgangs durch das Museum sehen wir uns eine 3-D-Animationen an einem Bildschirm an, die das antike Heiligtum in seiner ursprünglichen Farbigkeit und Vollständigkeit digital rekonstruieren. Sind derartige Hilfsmittel sinnvoll? Zweifellos veranschaulichen sie, wie überwältigend bunt und dicht bebaut die Anlage einst war.

Doch es liegt darin auch eine Gefahr: dass die eigene, langsame Vertiefung – jenes Sich-Einlassen auf die Ruine als Ruine, auf das, was fehlt und gerade dadurch zum Nachdenken zwingt – zugunsten einer glatten, vollständigen Illusion übersprungen wird.

Es ist ein schmaler Grat zwischen musealer Vermittlung und einem virtuellen Disneyland, das dem Besucher nichts mehr zu ergänzen übriglässt. Für uns ist das vertiefte Nachdenken eine der notwendigen Antworten des Menschen auf die virtuellen Welten der künstlichen Intelligenz, die uns zunehmend bestimmen.

Robert McCabes Licht

Im Museumsshop finden wir einen Bildband mit Fotografien von Robert McCabe, einem amerikanischen Fotografen, der bereits in den 1950er Jahren begann, Griechenland zu bereisen und zu fotografieren.

Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen die archäologische Landschaft in einem Zustand, bevor der heutige Massentourismus unseren Blick auf solche Orte grundlegend verändert hat – menschenleere Weiten, karge Felsen, einzelne Hirten oder Bauern zwischen den Ruinen.

McCabes Fotografien sind ein bedeutendes visuelles Zeugnis eines Landes, das damals an der Schwelle zu einem tiefgreifenden Wandel stand. In einem Begleittext beschreibt er, dass Ruinen für die meisten Betrachter etwas Unbewegliches, Feststehendes seien – für das Auge des Fotografen aber seien sie in fortwährender Bewegung, weil das Wandern der Sonne über den Himmel und das Spiel der Wolken das Licht auf ihnen unablässig verändern.

Ein bemerkenswerter Gedanke, wie wir finden: Die Steine verwandeln sich in ein Medium der Zeit. Vielleicht verraten uns seine Schwarz-Weiß-Fotografien tatsächlich mehr über das Licht- und Schattenspiel von Delphi als die Millionen Smartphone-Bilder, die heute täglich an diesem Ort entstehen und ihn doch, in ihrer Fülle und Eile, kaum noch etwas wirklich zeigen. Langsamer Gehen, genauer hinsehen, tiefere Fragen stellen – bleiben nach wie vor die Instrumente eigentlicher Erkenntnis.

Schluss

Am Ende bleibt für uns der Eindruck, dass Vertiefung und Kontaktaufnahme – der Wunsch, mit etwas Größerem ins Gespräch zu kommen, sei es Gott, Orakel oder das eigene Innere – zu den unbewussten Sehnsüchten aller Besucherinnen und Besucher Delphis gehören, damals wie heute.

Die eigentliche Frage aber, die uns von diesem Ort mit nach Hause begleitet, ist eine andere: Wie lässt sich diese uralte Sehnsucht in unserer eigenen Zeit noch einmal aktualisieren – jenseits der Reisebusse, jenseits der 3-D-Animationen, jenseits der Bilderflut – und wo, wenn nicht mehr an einer Erdspalte am Fuß des Parnass, könnten wir heute noch nach Antworten suchen? Es sind die Erfahrungen der Resonanz, nach denen sich ja alle Reisenden sehnen.

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IZ-Reiseblog: Autoput – über die Straße

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IZ-Reiseblog: Autoput – Essay über eine der legendären und bekannten Straßen Europas.

(iz). Wir bewegen uns auf der Autobahn, zwischen Losfahren und Ankommen, in jenem Niemandsland, in dem unsere imaginären Reiseziele noch nicht am Horizont auftauchen. Kroatien zieht an uns vorbei, das Land wirkt ausgebleicht, die Perspektiven verändern sich langsam, wie in Zeitlupe.

Die Landschaft ist in Sonnenlicht getaucht: Felder, vereinzelte Höfe und. Baumreihen. Regelmäßig tauchen Tankstellen an der Strecke, deren Logos überall dasselbe versprechen. Eine ausgeklügelte Infrastruktur verspricht Energie, Versorgung und Weiterfahrt.

Während wir fahren, schwankt unser Zustand zwischen Flow Erleben und Autobahnhypnose hin und her. Gedanken sickern durch, unangekündigt. Ich erinnere mich an eine Urlaubsfahrt, bin plötzlich wieder acht oder neun Jahre alt, sitze auf dem Rücksitz eines Autos, mit meinem Vater am Steuer, wir fahren auf einer Landstraße.

Damals gab es an jeder zweiten Ecke ein Lokal mit genau einem Gericht: Ćevapčići. Serviert wurde das Gericht auf einem einfachen Blechteller, mit rohen Zwiebeln und einem Berg Fladenbrot, das nach Holzofen schmeckte. Es gab keine Speisekarte, keine Auswahl und damit keine Probleme. Man aß, was es gab, und es war immer gut.

Heute, auf den modernen Autobahnen, gibt es Tankstellenketten mit austauschbaren Sandwiches. Ich vermisse etwas, das ich kaum benennen kann: vielleicht einfach nur die Einfachheit, mit der damals lokal gekocht wurde. Vielleicht fehlt mir auch nur die Illusion, dass die Straße noch nicht vollständig vermarktet, vermessen und mit Marken versehen war.

Dann eine andere Erinnerung: ich selbst am Steuer, jung, am Steuer meines Opel Kadetts, irgendwo auf dem alten Autoput. Jener Legende von Straße, die schnurgerade durch die Ebene in Richtung Süden lief.

Die Fahrt, mit ihren riskanten Überholmanövern, um voranzukommen, bleibt bis heute als Abenteuer in Erinnerung. Ebenso taucht ein Bild auf: Die Gastarbeiterfamilien in Kolonnen, die Kühlschränke auf den Dächern festgezurrt, die Kinder schlafend zwischen Kartons. Der Ford Transit als Wohlstandssymbol hart arbeitender Menschen.

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Foto: Alex Shirmanov/Adobe Stock

Der Autoput war nie nur eine Autobahn.

Das Wort selbst, nüchtern zusammengesetzt aus *auto* und *put*, Auto und Straße, hatte für viele einen beinahe mythischen Klang. Es meinte eine Achse durch ein Land, das es so nicht mehr gibt: über Zagreb und Belgrad, weiter nach Skopje, in Richtung Griechenland und Türkei.

Für das Tito-Regime war die Straße ein sozialistisches Prestigeprojekt. Sie wurde teils in freiwilligen Jugendarbeitseinsätzen gebaut und sollte die verschiedenen Teilrepubliken zusammenschweißen.

Die Ziele und Absichten der Reisenden waren von jeher verschieden. Für die einen war es die Strecke zu den Sehnsuchtsorten. Für andere war es die Straße der Gastarbeiter, der Rückkehr und der geteilten Biografien. Im Sommer floss auf ihm nicht einfach Verkehr.

Menschen fuhren nach Hause, obwohl dieses Zuhause längst nur noch temporär war. Die Autos waren voll mit Geschenken, Geräten, Kleidern, Kassetten, Konserven und Erinnerungen aus dem Norden. Sie trugen die materiellen Beweise eines Lebens, das anderswo stattfand. Und es brachte die Menschen für einige Wochen zurück in Dörfer, Städte, Familiengeschichten, die sie nie ganz verlassen hatten.

Die Straße war eng, überlastet und gefährlich. Gerade deshalb wurde sie erinnert wie eine Prüfung, die man bestanden hatte. Wer den Autoput gefahren war, hatte nicht einfach Strecke gemacht. Er hatte sich durch Hitze, Staus, Grenzkontrollen, Müdigkeit und die Unberechenbarkeit der anderen Fahrer gekämpft. Mobilität war damals eine Leistung.

Zurück in der Gegenwart: Irgendwann macht uns die lange Fahrt in der Sommerhitze müde, und Müdigkeit zwingt manchmal zu unüberlegten Entscheidungen. Vor uns – an der serbisch-kroatischen Grenze – hat sich ein langer Stau gebildet. Wir halten an und tippen auf dem Handy herum.

Google Maps schlägt eine Alternative vor: eine Wiese, ein Fluss, der angeblich zum Schwimmen geeignet ist. Es klingt nach genau dem, was wir brauchen. Wir verlassen die Autobahn.

Die Straße wird schmaler, kurvt sich durch Dörfer mit kleinen Kirchen, bis wir ankommen: ein Idyll, tatsächlich. Das klare Wasser der Save verspricht Abkühlung. Die großen Platanen am Ufer versprechen Schatten. Nur dass die Stille ein Trugschluss ist.

Was Google Maps nicht wusste oder nicht sagen wollte: Hier fand am Wochenende ein internationales Punkfestival statt. Die Wiese ist übersät mit den Überresten davon: zertretenes Gras, leere Dosen, ein umgekippter Bauzaun, die üblichen Verwüstungen im Nachglühen einer Party.

Wir kommen mit einem jungen Paar aus Hamburg ins Gespräch und bieten einen Kaffee an. Für einen Moment berühren sich zwei Welten. Sie sind keine Punks, ganz offensichtlich nicht, aber trotzdem hierhergereist, aus Gründen, die sie selbst nicht ganz erklären können. Man unterhält sich, wie man sich unterwegs unterhält: kurz, offen und ein wenig unverbindlich. Dann geht jeder wieder in seine Richtung.

An Erholung ist jedenfalls nicht zu denken. Die Stechmücken kommen am Spätnachmittag in Schwärmen, als hätten sie auf uns gewartet. Die Störung ist ein zuverlässiger Reisebegleiter, das lernt man schnell wieder, wenn man es vergessen hatte. Wer auf seinen Reisewegen das Paradies sucht, wird immer wieder enttäuscht.

II. Grenze

Wir fahren weiter, mit diesem vagen Gefühl, zugleich zu spät und zu früh unterwegs zu sein, und enden zurück auf der Autobahn im Stau vor der serbisch-kroatischen Grenze.

Die Autos stehen in der Sonne wie aufgereihte Blechdosen. Klimaanlagen laufen, und Motoren brummen.  Kinder quengeln, verstehen nicht warum alles stillsteht, wollen spielen, statt die Zeit tot zu schlagen.  Am Straßenrand verströmen Dixie-Klos ihren eigenen, unverwechselbaren Beitrag zur Reiseromantik.

Nichts bewegt sich, und doch ist alles auf Bewegung ausgerichtet. Hier endet der Schengenraum, und man merkt es sofort. Pässe. Blicke. Ein Procedere, dass in der Moderne länger als nötig erscheint. Grenzenloses Reisen ist eine Erzählung, die an genau diesem Punkt aufhört, wahr zu sein. Drei Stunden später sind wir durch.

Drei Stunden, die auf keiner Reiseroute vorkommen. Keine App schreibt: Zwischen 17.10 Uhr und 20.10 Uhr werden Sie lernen, dass Ihr Pass, Ihr Kennzeichen und der Blick eines Grenzbeamten über Ihre Geschwindigkeit bestimmen.

Niemand bucht eine Warteschlange. Niemand zählt sie zu den Sehenswürdigkeiten. Immer wieder im Sommer kommt es zu diesen Grenzerfahrungen, die daran erinnern, dass ein geeintes Europa noch in weiter Ferne liegt.

Die Grenze ist hier nicht nur ein Schlagbaum. Sie ist eine Unterbrechung einer alten Linie. Der Autoput verband einst Städte, die später Hauptstädte verschiedener Staaten werden sollten. Er führte durch ein Land, das für viele Reisende als Durchgang erschien, während es für seine Bewohner der jugoslawische Alltag war.

Heute ist die alte Linie in Stücke geteilt: kroatische Autobahn, serbische Autobahn, verschiedene Währungen, verschiedene politische Räume, verschiedene Versprechen von Zukunft.

Weiter nördlich, an der Donau, ist nicht einmal die Grenze selbst endgültig entschieden. Serbien und Kroatien streiten seit Langem über ihren Verlauf. Die eine Seite orientiert sich am gegenwärtigen Lauf des Flusses, die andere an älteren Katastergrenzen.

Der Fluss hat seine Richtung verändert; die Akten sind ihm nicht überall gefolgt. So bleibt eine Grenze zurück, die zugleich Wasser, Verwaltung, Erinnerung und ungelöste Geschichte ist. Diese Brüche zu überwinden ist das große Zukunftsprojekt der Region.

Auf der serbischen Autobahn sind wir erschöpft. Es wird dunkel. Wir suchen nur einen Ort zum Anhalten, und finden ihn in einem Wald, auf einem Campingplatz, dessen Namen wir am nächsten Morgen schon wieder vergessen haben.

Der Platz hat alles, was ein Ort zum Übernachten braucht: ein Stück Wiese, einen Stromanschluss, einen Sanitärblock, ein paar andere Reisende, die ebenfalls nicht mehr weiterwollen.

Am folgenden Tag haben wir keine Lust mehr zu fahren. Eigentlich keine Lust auf irgendetwas Bestimmtes. Und erreichen, fast wie aus Trotz gegen die eigene Trägheit, nach nur einer Stunde Belgrad. Der Plan war ein anderer gewesen.

Aber Belgrad gefällt uns, unerwartet, sofort. Die Stadt hat etwas Unfertiges und Lebendiges zugleich. Die Donau fließt entlang der Ruinen, modernen Türmen und den alten Fassaden, die nicht restauriert werden, sondern weiteraltern. Zwischen den Gebäuden liegt eine Energie, die nicht nach Harmonie sucht.

Belgrad wirkt, als sei es nicht daran interessiert, einem zu gefallen. Gerade deshalb gefällt es uns. Wir bleiben einen Tag länger als vorgesehen. Planänderungen, das merken wir hier wieder, sind manchmal das Schönste an einer Reise – gerade, weil sie nicht geplant waren.

Vor uns liegen weitere Stunden auf der serbischen Autobahn nach Süden. Zu jeder Fahrt gehört eine Kaffeepause. Am Rande der Straße machen wir es uns in einer Raststation unter einem Baum bequem. Mitten in Serbien wird hier Türkisch gesprochen und gekocht. Es gibt sogar eine kleine Moschee. Kleine Pausen können erfüllend sein.

Weiter durch Nordmazedonien. Wieder Autobahn, diesmal glatt und neu, auffällig neu. Sie führt durch die Landschaft wie eine Feststellung: Wir sind angeschlossen. Wir besuchen Skopje, seit der Antike ein Verkehrsknoten, dessen Zentrum mit seinen Denkmälern und die Altstadt mit ihren vielen Schichten Geschichten erzählt.

Die Stadt will sich zeigen und verbirgt sich doch zugleich. Heroische Figuren stehen auf Plätzen, als müsse Geschichte Größe annehmen, um nicht zu verschwinden. Ein paar Straßen weiter wird gehandelt, gegessen, geredet; das Leben hält sich nicht an die Ordnung der Denkmäler.

Danach fahren wir ein Stück auf einer neuen Autobahn Richtung Tetovo, ehe wir auf eine gewöhnliche Landstraße zum Ohridsee wechseln. Ist es möglich, an jedem Straßenbelag sofort zu erkennen, welches Land hier investiert hat? Welches Interesse gerade baut?  So einfach ist es nicht.

Foto: Autor

Der Asphalt zeigt keine eindeutige Signatur. Und doch ist die Straße lesbar. Sie ist Teil von Verträgen, Krediten, Ausschreibungen, die ein Baukonsortium zusammenfügt. Sie ist die sichtbare Oberfläche von Entscheidungen, die oft weit entfernt getroffen werden. Die Europäische Union zeichnet Korridore, fördert Verbindungen, definiert Standards und Grenzübergänge.

China – zum Beispiel – finanziert und baut Infrastruktur im Rahmen seiner Handels- und Einflusspolitik. Der Bau der Autobahnstrecke Kičevo-Ohrid gilt als problematisches Infrastrukturprojekt der chinesischen „Neuen Seidenstraße“ in Nordmazedonien, das sich seit über zehn Jahren im Bau befindet.

Geprägt von massiven Verzögerungen, enormen Kostensteigerungen und einem Korruptionsskandal ohne öffentliche Ausschreibung, hat das Vorhaben zu einer hohen Verschuldung bei chinesischen Banken geführt.

Auf dem westlichen Balkan ist Infrastruktur deshalb nie nur Infrastruktur. Sie ist auch die Frage: Wer verbindet wen – und zu welchen Bedingungen?  Straßen werden gern als neutrale Dinge behandelt. Als wären sie bloß da, damit wir schneller von A nach B kommen.

Aber jede Straße entscheidet, welche Orte näher rücken, und welche zurückbleiben. Sie verteilt Zukunft. Sie lenkt Lastwagen, Touristen, Arbeitskräfte und Warenströme. Sie kann eine Region aus ihrer Abgeschiedenheit holen oder eine andere umgehen.

Skurril wird es an diesem Nachmittag auf andere Weise. Alle paar hundert Meter steht ein Polizist am Straßenrand, ein Handy in der Hand, reglos, wartend. Wir rätseln, warum. An einer Tankstelle klärt uns ein junger, freundlicher Polizist auf: Eine indische Delegation sei unterwegs. Die Straße werde deshalb kurz gesperrt, wir sollten – so sein Rat – in Ruhe einen Kaffee trinken. Kurz wird zu fast zwei Stunden.

Es ist genau die Art von Wartezeit, die man nicht plant und die trotzdem zum Kern einer Reise wird. Ein alter Mann mit Gehstock setzt sich neben mich, mustert mich kurz und beginnt dann, zu meiner vollkommenen Überraschung, in astreinem Schweizerdeutsch zu sprechen.

Über seine Jahrzehnte als Gastarbeiter, erzählt er. Irgendwo zwischen Zürich und Bern. Jetzt ist er zurückgekehrt, Rentner in einem Land, das sich um ihn herum verändert hat, während er weg war.

Seine Kinder seien geblieben, dort im Norden. Eine Familie, sagt er achselzuckend, sei eben manchmal zwischen zwei Orten aufgeteilt. Er sagt es ohne Pathos, fast sachlich. Aber in diesem Satz liegt ein ganzes Jahrhundert europäischer Bewegung.

Wir vergessen die Zeit über dem Gespräch, während um uns herum die Wartenden unruhig werden. Die ersten hupen. Andere fluchen über „die da oben“, über große Politik, die mit ihren Absichten in den Alltag eingreift.

Dann endlich: Die Delegation rast vorbei, in einer Reihe dunkler Limousinen. Dann öffnet sich die Straße wieder. Motoren starten. Alle wollen weiter. Der alte Mann winkt uns nach und wünscht uns eine schöne Reise!

Foto: Autor

IV. Unverfügbarkeit

Reisen, das zeigt sich auf dieser Fahrt wieder und wieder, ist kein Film mit festem Drehbuch. Es ist eher ein Roadmovie, dessen Anekdoten, Prüfungen und Überraschungen man nicht planen kann.

Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das, was uns dabei begegnet, das Unverfügbare: das, was sich nicht herstellen, nicht buchen, nicht in eine App eintippen lässt. Genau dort, wo die Kontrolle endet – an der Grenze, im Stau, im Gespräch mit einem Fremden –, beginnt das, was eine Reise erst zur Reise macht.

Das Unverfügbare ist dabei nicht nur der Zufall. Es ist auch Geschichte. Die Grenze, an der wir stehen, die Straßen, über die wir fahren, die Städte, in denen wir ungeplant bleiben, sind nicht nur die bloßen Kulissen unserer privaten Erfahrung. Sie sind aus Kriegen, Verträgen, Migration, Krediten, politischen Entscheidungen und unentschiedenen Vergangenheiten gemacht.

Wir glauben oft, Reisen bedeute Freiheit: offene Straßen, verfügbare Ziele, Karten auf dem Bildschirm, Bewertungen, Buchungen, Alternativrouten. Doch eine Reise beginnt vielleicht nicht dort, wo alles möglich ist, sondern dort, wo etwas sich unserer Verfügung entzieht.

Wir stranden. Wir ändern die Ziele. Wir verlieren Stunden an Dinge, die niemand vorhergesehen hat. Und – das ist vielleicht die eigentliche Überraschung dieser Fahrt durch die Sommerhitze des Balkans – wir lieben genau das.

Die Straße verspricht Richtung.

Aber Reise wird sie erst dort, wo sie uns aufhält.

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IZ-Reiseblog: Skopje oder eine Stadt sucht sich eine Geschichte

Skopje IZ-Reiseblog Stadt

IZ-Reiseblog über Skopje: Diese Stadt erzählt ihre vielschichtige Geschichte zwischen Monumenten, Basar und gelebter Vielfalt – aufmerksam, kritisch und voller leiser Hoffnung.

(iz). Es ist schwül, als wir auf den Makedonija-Platz zulaufen. Dann geht alles sehr schnell: Ein Gewitter bricht los, orkanartige Böen fegen über den Platz, die Temperatur fällt in Minuten. Menschen suchen Schutz unter Vordächern und in Hauseingängen. Schirme fliegen durch die Luft.

Wir stehen mittendrin und können nicht anders, als zu schmunzeln – über das Wetter, über uns selbst, über die Unwirklichkeit der Szene. Und vor uns, unberührt von alldem: ein riesiger Reiter, hoch über einem Wasserbecken, sein Pferd aufgebäumt, als müsste es nicht nur einen Feind bezwingen, sondern gleich die ganze stürmische Gegenwart.

Offiziell heißt er nüchtern „Krieger zu Pferd“ – Voin na konj. Inoffiziell weiß jeder in Skopje, wer gemeint ist: Alexander der Große.

Dieser doppelte Name ist unser erster Hinweis darauf, was für eine Stadt wir betreten haben. Skopje ist eine junge Hauptstadt, die sich offensichtlich eine sehr alte Herkunft wünscht – und eine Stadt, die genau deshalb ständig zwischen mehreren Geschichten hin- und herblickt.

Die Antike, das byzantinische Reich, die osmanische Geschichte und das jugoslawische Erbe bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte und sind gleichzeitig Erinnerungen an alte Konflikte. Wo setzt die große Erzählung ein, was betont, was vermeidet sie? Genau diese Konstellation macht Skopje, wie wir bei unserem Besuch lernen sollten, so faszinierend.

Foto(s): Autor

Ein Platz, der Geschichte behauptet

Ab 2010 verwandelte die Regierung unter der VMRO-DPMNE das Zentrum Skopjes im Projekt „Skopje 2014″ in ein Ensemble aus neoklassizistischen Fassaden, Triumphbögen, Brunnen und Heldenstatuen. Aus veranschlagten 80 Millionen Euro wurden am Ende schätzungsweise 680 Millionen. Bis heute wird darüber gestritten, ob das Geld gut angelegt war.

Aber eines lässt sich kaum bestreiten: Jede Hauptstadt erzählt sich selbst ein Bild. Ungewöhnlich an Skopje ist nur, wie unverhohlen dieses Bild hier zur Behauptung wird – nicht Erinnerung, die sich verdichtet, sondern eine Vergangenheit, die eigens für den Blick von heute gebaut wurde, und die genau dadurch sichtbarer wirkt als jede gewachsene Geschichte es könnte.

Der französische Philosoph Jean Baudrillard hätte an diesem Platz seine Freude gehabt. Seine Kernidee, verkürzt gesagt: Normalerweise bildet ein Bild etwas Reales ab – eine Landkarte folgt einem Territorium, ein Denkmal einer tatsächlichen Person.

Baudrillard beschrieb jedoch Fälle, in denen diese Reihenfolge sich umkehrt: Das Bild kommt zuerst, und die „Wirklichkeit“ wird nachträglich so eingerichtet, dass sie zum Bild passt. Er nannte solche Bilder ohne zugrundeliegendes Original „Hyperrealitäten“.

Auf Skopje übertragen heißt das: Nicht die Antike hat dieses Denkmal hervorgebracht, sondern der Wunsch nach einem antiken Alexander als nationaler Bezugspunkt hat das Denkmal – und mit ihm ein Stück der heutigen Selbstwahrnehmung der Stadt – erst hervorgebracht. Das ist kein Vorwurf. Es macht den Platz nur interessanter, als er auf den ersten Blick wirkt: Man schaut hier nicht auf Geschichte, sondern dabei zu, wie Geschichte gerade gemacht wird.

Der Reiter und der Nachbar

Dass der Reiter offiziell nicht Alexander heißen darf, ist keine Marginalie, sondern die eigentliche Pointe. Das Nachbarland Griechenland verstand die Statue nie als harmlose Stadtdekoration, sondern als Versuch, sich hellenisches Erbe anzueignen – ein Sprecher des griechischen Außenministeriums warf Skopje seinerzeit vor, griechische Geschichte zu „usurpieren“.

Hinter dem Streit um einen bronzenen Namen stand weit mehr: Grenzen, EU- und NATO-Perspektive, die Frage, wem eine antike Geschichte politisch gehört. Und doch: Diese Geschichte hat inzwischen ein gutes Schlusskapitel bekommen.

Nach dem Prespa-Abkommen von 2018 einigten sich beide Länder – Nordmazedonien erhielt seinen neuen Namen, der Weg nach Europa öffnete sich ein Stück weiter, und selbst der Reiter bekam eine neue, versöhnlichere Beschriftung als Teil der gemeinsamen hellenischen Geschichte.

Der Stein blieb derselbe. Seine Bedeutung wurde neu verhandelt. Das ist, wenn man so will, die tröstlichste Lektion Skopjes: Monumente sind aus härterem Material als die Politik, die sie einst aufstellte – und trotzdem lassen sich ihre Geschichten immer wieder neu erzählen, manchmal freundlicher, als sie begannen.

Über die Brücke

Nach einer knappen halben Stunde beruhigt sich das Wetter, und wir setzen unseren Weg fort. Die Steinbrücke über den Vardar führt uns vom Platz der großen Gesten in eine andere Stadt. Auf der einen Seite: neoklassizistische Gegenwart im Antikenkostüm.

Auf der anderen: der Alte Basar, gewachsen über Jahrhunderte aus Handel, Sprachen, Migration und Glauben. Wir tauchen ein in enge Gassen, riechen gegrilltes Fleisch und frischen Kaffee, hören mehrere Sprachen gleichzeitig. Hier verkörpert sich Geschichte nicht als Behauptung, sondern als Schicht auf Schicht gewachsener Alltag.

Moscheen erinnern an die osmanisch-muslimische Prägung der Stadt, die bis heute lebendig ist. Wenige Gehminuten entfernt erhebt sich die neue orthodoxe Kirche der Heiligen Konstantin und Helena, erst 2025 geweiht, nachdem ihre Vorgängerin nach dem Erdbeben von 1963 verschwunden war.

Und dann finden wir die Bet-Yaakov-Synagoge, 2000 eröffnet an der Stelle, an der 1943 mehr als 7.000 mazedonische Juden von bulgarischen Besatzungsbehörden nach Treblinka deportiert wurden – fast das gesamte jüdische Skopje. Ihre bloße Existenz heute ist mehr als Wiederaufbau. Sie ist eine leise, beharrliche Anwesenheit gegen das Vergessen.

Moschee, Kirche, Synagoge sind hier wenige hundert Meter voneinander entfernt. Wir wollen das nicht vorschnell zum Vorzeigebild einer gelungenen Multikulturalität erklären – ihre Geschichten sind zu unterschiedlich, zu ungleich in ihrem Leid und ihrer Dauer. Aber allein, dass sie heute nebeneinanderstehen, wieder genutzt und besucht werden, ist eine leise Form von Hoffnung, die uns auf diesem Spaziergang immer wieder auffällt.

Foto(s): Autor

Der Basar bleibt Stadt

Auch im Basar gibt es Souvenirs, Kaffeehäuser, Kameras. Auch hier wird Vergangenheit verkauft. Der Unterschied zum Makedonija-Platz liegt woanders: Der Basar lässt sich zwar herausputzen und vermarkten, aber er widersteht dem völligen Verwandeln in Kulisse, weil hier einfach weiterhin Stadtleben passiert.

Menschen kaufen ein, beten, arbeiten und verabreden sich zum Kaffee. Wir sitzen eine Stunde in einem winzigen Café, trinken zu süßen Tee, und beobachten, wie das Viertel längst allen Skopjern gehört, nicht nur den Touristinnen und Touristen.

Ein Platz will betrachtet werden. Ein Basar will benutzt werden. Das, vermuten wir, ist der eigentliche Unterschied zwischen einer echten Stadt und einer Kulisse – und der Basar besteht diesen Test.

Rast in der Mustafa-Pascha-Moschee

Von der Mittagshitze und dem Trubel in den Gassen etwas erschlagen, steigen wir die wenigen Stufen zur Mustafa-Pascha-Moschee hinauf, die hoch über dem Basarviertel liegt. Sie wurde 1492 erbaut und gilt als eine der schönsten osmanischen Moscheen auf dem Balkan – ihre Kuppel, ihr zierlicher Portikus mit den bemalten Bögen, der Innenhof mit Brunnen und alten Platanen wirken wie ein eigener, stillerer Kosmos direkt über der lauten Stadt.

Wir setzen uns nach dem Gebet eine Weile in den Schatten des Hofes. Von hier oben blicken wir über die Dächer des Basars bis hinüber zum Makedonija-Platz, wo der Reiter in der Sonne glänzt.

Es ist einer dieser Momente, in denen sich die Stadt kurz beruhigt – nicht, weil sie ihre Widersprüche gelöst hätte, sondern weil ein Ort wie dieser einfach Raum zum Durchatmen bietet, mitten in ihnen. Erholt und ein wenig andächtig steigen wir später wieder hinab in die Gassen.

Die stille Karawanserei

Am späteren Nachmittag besuchen wir die Karawanserei Kuršumli An. Einst Herberge, Lagerhaus und Handelsplatz zugleich, später zeitweise Gefängnis, heute Museumshof für kulturelle Veranstaltungen.

Die Arkaden stehen leer, die islamische Ökonomie, für die sie gebaut wurden, ist längst vergangen. Auf dem ganzen Balkan finden sich Spuren der ökonomischen und sozialen Infrastruktur der osmanischen Geschichte.

Wir stehen eine Weile in der Stille dieses Innenhofs, und paradoxerweise wirkt gerade diese Leere ehrlicher als die pompöse Fülle des Makedonija-Platzes. Der Kuršumli An behauptet nicht, noch zu leisten, was er einmal leistete. Er zeigt keine triumphale Wiederkehr, sondern erlaubt seiner Geschichte, einfach vorbei zu sein.

Foto(s): Autor

Ein Abend, viele Trachten

Skopje ist keine Stadt ohne Geschichte, die sich eine Herkunft erfindet. Es ist eine Stadt mit zu vielen Geschichten, als dass eine einzige von ihnen den Rest zum Schweigen bringen könnte.

Der Reiter, die Steinbrücke, die Moscheen, die neue Kirche, die Synagoge, der Basar, die stille Karawanserei – sie sprechen nicht dieselbe Sprache. Und doch gehören sie alle demselben Ort.

Als wir am Abend zum Platz zurückkehren, hören wir gleichzeitig den Ruf des Muezzins und die Klänge eines Kulturfests: Um das Reiterdenkmal herum haben sich zahlreiche Gruppen in bunten Trachten versammelt, mit Trommeln, Musikinstrumenten und Gesängen, als wäre für einen Abend die ganze Welt in diese eine Stadt gezogen.

Kinder tanzen zwischen den Ständen, die Erwachseneren bedienen ihre Smartphones, und für einen Moment scheint es, als hätte die Veranstalter die vielen Kulturen einfach nebeneinandergestellt, ohne sie bewerten zu müssen – und genau darin liegt vielleicht eine große Stärke. Die Frage, inwieweit Kulturen sich in einer globalisierten Welt überhaupt ihre Authenzität bewahren können, stellt sich nicht nur hier.

Wir wissen also nicht, ob dieser Abend mit seiner Multikulti-Atmosphäre die tiefen Brüche der Region heilen kann, die sich in Skopjes Straßen, Erinnerungen und Namen eingeschrieben haben. Aber wir nehmen ein Bild mit, das uns hoffen lässt: eine Stadt, die lernt, ihre Widersprüche nicht zu verstecken, sondern auszustellen – und darin vielleicht ehrlicher ist als jede glatte Versöhnungserzählung es je sein könnte.

Die Frage, die uns auf dem Rückweg bleibt, ist deshalb keine resignierte: Nicht ob der Balkan sein Narrativ findet, sondern welches. Wird es die eine, große Erzählung sein, die eine Herkunft über alle anderen stellt?

Oder gewinnt am Ende die leisere, schwierigere Erzählung – die, in der viele Geschichten gleichzeitig wahr sein dürfen? Welche politische Mehrheit wird künftig das Erbe dieser Region interpretieren?

Skopje, so viel nehmen wir mit, hat sich noch nicht endgültig entschieden. Und vielleicht ist genau das, in dieser Stadt an diesem Abend, ein gutes Zeichen.

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IZ-Reiseblog: Belgrad – eine Schule des Perspektivwechsels

IZ-Reiseblog Belgrad

IZ-Reiseblog: Belgrad bleibt für manche wegen ihrer Geschichte und Gegenwart eine Stadt mit Vorbehalten – der Text fragt, ob sich dieser Blick vor Ort verändert.

(iz). Ehrlich gesagt, wir haben länger überlegt, ob wir Belgrad besuchen sollen. Überzeugt hat uns eine freundliche Dame, die uns einen Stellplatz am Rande der Stadt zur Verfügung stellt.

Nach der Begrüßung erzählt sie von der Stadt, nennt uns ihre Lieblingsplätze und berichtet einiges aus ihrem Leben. Ihr Mann, sagt sie traurig, leide an gebrochenem Herzen. Wir können uns vorstellen, dass dieser Befund für viele Menschen in der Region gilt – aus den unterschiedlichsten Gründen.

Die Bilder, die man von Belgrad im Kopf hat, stammen meist aus zweiter Hand: aus Nachrichtenarchiven der neunziger Jahre, aus Reiseberichten, die vor allem von Beton, Verkehrslärm und Nachtleben erzählen, aus dem diffusen Gefühl, hier ende Mitteleuropa und beginne etwas Unübersichtliches.

Belgrad war für uns zunächst eine Zwischenstation, kein Ziel. Wir ändern spontan unseren Reiseplan, um diese Stadt zu erkunden.

Die Annäherung beginnt schon auf der Busfahrt hinein. Freundlicherweise sind die öffentlichen Verkehrsmittel hier kostenlos. Durch das Fenster sehen wir keine homogene Metropole: Wir fahren durch Vorstädte mit kleinen Läden, betrachten mitteleuropäische Fassaden des 19. Jahrhunderts, staunen über sozialistische Monumentalität und entdecken dazwischen neue Glasfronten und Rohbauten, die teilweise wohl seit Jahren auf ihre Vollendung warten.

Belgrad wirkt nicht wie eine Stadt aus einem Guss, sondern wie ein offenes Archiv, in dem jede Epoche ihre eigene Spur hinterlassen hat. Gerade diese Ungleichzeitigkeit macht den ersten Eindruck so stark.

Man fährt nicht einfach in eine Hauptstadt hinein, sondern in eine Landschaft aus Geschichte, Bruch und Überlagerung. Von Wien oder Budapest unterscheidet sich Belgrad genau darin: Wo dort ein geschlossenes historisches Stadtbild dominiert, zeigt Belgrad seine Brüche offen — und darin liegt sein architektonischer Reiz.

Fotos: Autor

Eine dieser Schichten kennen wir schon, bevor wir sie sehen. Wer sich zuvor mit dem Mythos Jugoslawien und mit Tito beschäftigt hat, erkennt in Belgrad das Material, aus dem dieser Mythos gebaut wurde. Der Bus streift die weiten Blocks von Neu-Belgrad, jene rasterhafte Stadt auf dem ehemaligen Sumpfland zwischen Save und Donau, die nach dem Krieg als sozialistische Zukunft entworfen wurde: Wohnen, Arbeiten, Verwalten in großen, klaren Strukturen.

Heute wirken diese Blocks weder heroisch noch verfallen, sondern schlicht bewohnt — Wäsche auf den Balkonen, Kioske, Kinder, die auf den Rasenflächen spielen. Die Utopie ist Alltag geworden, und das ist vielleicht ihr ehrlichstes Nachleben. Im Süden der Stadt, in Dedinje, liegt das Haus der Blumen mit Titos Grab, ein Ort, der einmal Pilgerstätte war und heute Museum ist.

In der Innenstadt setzen sich diese Erfahrungen fort. Der Weg ins Künstlerviertel Skadarlija führt in einen Stadtraum, der bis heute das Bild des bohemienhaften Belgrad bewahrt: Kopfsteinpflaster, Weinranken, Lokale, in denen abends live gespielt wird. Mitten darin eine alte Brauerei, die heute als Kulturzentrum dient.

Historisch war die Gasse ein Treffpunkt von Schriftstellern, Malern, Schauspielern und Musikern, und sie gilt noch immer als Symbol des literarischen und künstlerischen Lebens der Stadt. Dort steht auch der Sebilj-Brunnen, eine Kopie des berühmten Brunnens aus der Baščaršija in Sarajevo und ein Geschenk Sarajevos an Belgrad.

Dass man in diesem Belgrader Künstlerquartier auf ein Motiv trifft, das zugleich zu Sarajevo gehört, ist mehr als eine pittoreske Beobachtung. Es ist ein stilles Zeichen dafür, dass sich die Städte des ehemaligen Jugoslawiens nicht sauber voneinander trennen lassen, weil ihre kulturellen Formen, Erinnerungen und Symbole ineinander übergehen.

Im Zentrum flanieren wir die Knez Mihailova hinunter, die große Fußgängerachse der Stadt. Zwischen den üblichen Ketten fallen uns gleich mehrere gute Buchläden auf, hell, gut sortiert und gut besucht. Buchhandlungen sind nie nur Verkaufsorte. Sie sind Indikatoren eines Geisteslebens, sichtbare Zeichen dafür, dass eine Stadt sich nicht im Konsum erschöpft, sondern Räume für Denken, Lesen und Widerspruch offenhält.

Fotos: Autor

In Belgrad wird genau das spürbar: eine Stadt, die nicht nur von Geschichte gezeichnet ist, sondern sie fortwährend interpretiert. Die Regale öffnen andere Zugänge zur Wirklichkeit als der bloße Blick auf Fassaden und Monumente. Sie zeigen, dass zu jeder sichtbaren Stadt eine unsichtbare Welt aus Texten, Deutungen und Erinnerungen gehört.

In einem dieser Läden finden wir das Buch von Srđan Ristić: „Yugoslavia: Utopia or Inspiration?“ Der Fund wirkt fast programmatisch. Ristić beschreibt Jugoslawien nicht eindimensional, sondern als vielschichtiges historisches Gebilde, das sich nur verstehen lässt, wenn geopolitische, religiöse, soziale und kulturelle Perspektiven zusammengedacht werden.

Er erzählt von der Rolle der Serben in den Jugoslawienkriegen, von der Opposition im Land, vom Widerstand gegen Milošević und von der Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten. Er versucht sich an einer Bilanz der Verantwortung, die den eigenen Anteil nicht herunterspielt, aber letztlich keine der Ethnien des Vielvölkerstaates vollständig entlastet.

Eindrucksvoll ist daran vor allem die Bereitschaft, die Perspektive des Anderen mitzudenken: keine apologetische Selbstentlastung, aber auch keine bloß moralische Selbstanklage, sondern der Versuch einer Einordnung, die Schuld nicht leugnet und Geschichte zugleich in größere Zusammenhänge stellt.

Für eine Reiseerfahrung in Belgrad ist das exemplarisch. Auch die Stadt erschließt sich nur, wenn man lernt, mehrere Perspektiven gleichzeitig auszuhalten. Sicher, ob der Frieden von Dauer sein wird, sind sich Autoren wie Ristić nicht.

Die serbische Literatur ist für die europäische Moderne wichtig, weil sie europäische Formen nicht bloß übernimmt, sondern sie mit einer eigenen Erfahrung von Vielvölkerraum, Geschichte und Zerfall konfrontiert. Darin liegt ihre Kraft: Sie erweitert die Moderne um den südosteuropäischen Blick auf Einheit, Identität und Verletzbarkeit. Ihr zentraler Beitrag ist die literarische Verarbeitung von Geschichte.

In ihr trifft, so hat man es einmal zugespitzt, die beste Literatur des 20. Jahrhunderts auf dessen verheerendste Geschichte. Das ist deshalb bedeutsam, weil europäische Moderne nicht nur Fortschritt, Urbanität und Formexperiment bedeutet, sondern auch Katastrophe, Krieg und die Krise des Humanen. Die serbische Literatur bringt diese dunkle Seite der Moderne mit besonderer Deutlichkeit zum Ausdruck.

Hier kommt Ivo Andrić ins Spiel, dessen Bücher überall verkauft werden. Er ist vielleicht die wichtigste literarische Figur für ein solches Bewusstsein. Andrić steht selbst in einem Spannungsfeld: zwischen Bosnien und Serbien, zwischen Herkunftsraum und literarischer Form, zwischen imperialer Vergangenheit und südslawischer Moderne.

Gerade deshalb ist er für die Region so zentral. Er zeigt, dass Identität auf dem Balkan selten einfach und nie monologisch ist. Bosnien erscheint bei ihm als Grenzraum, in dem Religion, Imperium, Gewalt und Erinnerung ineinandergreifen; Serbien ist dabei nicht bloß Gegenpol, sondern jener kulturelle und sprachliche Raum, in dem diese Erfahrung literarisch gefasst wird.

In „Die Brücke über die Drina“ wird das an einem einzigen Bauwerk durchgespielt: Eine Brücke verbindet und trennt, sie überdauert Reiche und bezeugt zugleich deren Gewalt. Andrić macht sichtbar, dass Geschichte nicht nur in Archiven oder politischen Reden lebt, sondern in Erzählformen, die Ambivalenz festhalten können. Liest man diese Werke als Muslim, mag man manchen Deutungen widersprechen; von der großen Erzählkunst profitiert man dennoch.

Überhaupt liegt darin für uns die tiefere Rolle der Literatur. Schriftsteller liefern nicht einfach Fakten, sie verschieben Wahrnehmung. Sie ersetzen die eigene Wahrheit nicht, sondern relativieren, brechen und erweitern sie.

Gerade in einer Stadt wie Belgrad, die architektonisch, historisch und politisch aus widersprüchlichen Schichten besteht, wird Literatur zu einem Organ der Bewusstseinserweiterung.

Sie zeigt, dass jede nationale und jede persönliche Perspektive nur partiell ist und erst im Gegenüber Kontur gewinnt. Reisen bedeutet dann nicht mehr bloß Ortswechsel, sondern die Bereitschaft, andere Deutungen der Welt an sich heranzulassen.

Fotos: Autor

Dass wir uns in Belgrad, im Hier und Jetzt, wohlfühlen, hat allerdings weniger mit Geschichte zu tun als mit der Atmosphäre der Stadt. Die Cafés sind mittags voll, und niemand wirkt, als müsse er gleich weiter. Man sitzt draußen, raucht, redet, bestellt nach zwei Stunden noch einen Kaffee; die Bedienungen sind direkt, nicht unfreundlich, und die Preise erinnern daran, dass wir nicht mehr in Mitteleuropa sind.

Wer nach dem Weg fragt, bekommt eine Antwort und meist noch eine Empfehlung dazu. Am Abend riecht es in den Seitenstraßen nach Grill, aus offenen Fenstern kommt Musik, und die Stadt füllt sich mit einer Selbstverständlichkeit, für die man anderswo Anlässe braucht.

Es ist diese Beiläufigkeit, die unsere Skepsis am schnellsten aufgelöst hat: Belgrad muss niemandem gefallen wollen, und gerade deshalb ist es angenehm, hier zu sein.

Am späten Nachmittag sitzen wir auf einer Bank im Kalemegdan, dort, wo der Park in die Mauern der Festung übergeht. Hier öffnet sich der Blick auf die zwei Flüsse, die unterhalb der Bastion ineinanderfließen: Save und Donau. Ein stilles Panorama, und doch wirkt es wie konzentrierte Geopolitik.

Die Save kommt aus dem Westen, aus dem alten jugoslawischen Raum; die Donau bringt die große mitteleuropäische Erzählung mit. Hier berühren sich Balkan und Kontinent, Ost und West, ohne dass einer den anderen auflöst.

In dieser Perspektive versteht man, warum von Schicksalsflüssen die Rede ist. Über diese Wasser sind Heere gezogen, Grenzen verschoben, Waren und Ideen gewandert. Jetzt liegen sie ruhig da, als hätte die Geschichte sich zurückgezogen, um nur noch als Landschaft aufzutreten.

Und doch ist dieses Schweigen trügerisch: Die Stadt hinter uns, die Festung, die Flüsse vor uns — alles ist getränkt mit Vergangenem, das nicht mehr laut, aber auch nicht verschwunden ist. Man sitzt da und spürt, dass man sich auf einer Schwelle befindet, nicht nur geographisch, sondern existenziell.

Von derselben Bank aus sieht man allerdings noch etwas anderes. Am Save-Ufer, dort wo früher Bahngleise, Lagerhallen und das halb verfallene Viertel Savamala lagen, wächst seit einigen Jahren Belgrade Waterfront: Wohntürme, Promenade, Einkaufszentrum, dazwischen der Kula Belgrade, das höchste Gebäude des Landes.

Das Projekt wird von einem Investor aus den Emiraten entwickelt und ist in der Stadt umstritten. Seine Befürworter verweisen auf ein Ufer, das jahrzehntelang brachlag und heute begehbar ist, auf Investitionen, Arbeitsplätze und eine Adresse, die Belgrad international sichtbar macht.

Seine Kritiker halten dem entgegen, dass Verfahren und Verträge wenig transparent waren, dass hier eine Preisklasse entsteht, die für die meisten Belgrader unerreichbar bleibt, und dass eine Stadt mehr ist als ihre Skyline; Proteste hat es über Jahre gegeben.

Überall auf dem Balkan ist das Gefälle zwischen Arm und Reich spürbar, und es besteht wenig Hoffnung auf Besserung. Uns fallen vor allem die Nahtstellen auf: Man geht wenige Minuten und wechselt von abblätterndem Putz in polierten Stein.

Damit schließt sich für uns ein Kreis, der bei Neu-Belgrad begonnen hat. Auch das Waterfront ist ein Entwurf davon, wie Zukunft auszusehen habe, nur dass die Ordnung heute nicht mehr nur vom Staat kommt, sondern auch vom Kapital.

Die eine Utopie versprach Gleichheit und lieferte Wohnblocks, in denen heute ganz normal gelebt wird; die andere verspricht Anschluss und liefert Türme, in die man erst einmal hineinkommen muss.

Wem Belgrad künftig gehört, ist keine Frage, die sich an einem Reisetag beantworten lässt. Aber man sieht, dass sie gestellt wird — und dass die Stadt sie nicht an ihrer Oberfläche versteckt.

So verdichtet sich unser Tag in Belgrad zu einer Art Synthese: die Busfahrt durch die Schichten der Stadt, die Blocks von Neu-Belgrad, das Künstlerviertel mit dem Sarajevoer Brunnen, die Entdeckung der Buchläden, der Fund von Ristićs Buch, die gedankliche Präsenz von Autoren wie Andrić, der Blick auf den Zusammenfluss und auf die Türme am anderen Ufer. Alles verweist auf dasselbe Motiv: dass unser Reisen dort beginnt, wo unsere Wahrnehmung mehrstimmig wird.

Unsere anfängliche Skepsis war, das wissen wir am Abend, kein Urteil über Belgrad, sondern eines über unsere eigenen Vorurteile. Die Stadt ist nicht schön im gefälligen Sinn, sie ist rau, ungleichzeitig, an manchen Stellen unfertig.

Aber sie ist lebendig. Belgrad erscheint uns am Ende nicht als Ziel, sondern als Schule des Perspektivwechsels: als Stadt, in der man lernt, die eigene Wahrheit durch die Wahrheit des Anderen ergänzen zu lassen. Wir sind skeptisch angekommen und mit dem Vorsatz abgereist, wiederzukommen.