IZ-Reiseblog: Berat – die Stadt, die zurückblickt

Reiseblog Berat: Eine Stadt aus tausend Fenstern, in der byzantinische Ikonen, osmanische Moscheen, jüdische Rettungsgeschichte und kommunistische Brüche bis heute zugleich sichtbar bleiben – und die den Blick ihrer Besucher zurückzugeben scheint.

07.09.2026 Abu Bakr Rieger 12 Min. Lesezeit
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Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

(iz). Es gibt Städte, die man besichtigt. Und es gibt Städte, bei denen man irgendwann das Gefühl bekommt, selbst betrachtet zu werden. Berat gehört zur zweiten Kategorie. Wer am Ufer des Osum steht und zum Stadtteil Mangalem hinübersieht, begegnet zunächst dem berühmten Bild: weiße Häuser, dicht an den Hang geschoben, über ihnen Reihen dunkler Fenster. Die „Stadt der tausend Fenster“ gehört längst zu den touristischen Höhepunkten Albaniens.

Aber Berat ist mehr als eine schöne osmanische Altstadt. Antike Ursprünge, byzantinische und mittelalterliche Geschichte, osmanische Architektur, orthodoxes Christentum, Islam und Sufi-Traditionen, kommunistischer Staatsatheismus und der heutige Kulturtourismus liegen hier nah beieinander.

Diese Schichten folgen einander nicht sauber; sie durchdringen sich. Wer Berat heute verstehen will, darf nicht nur auf die Fassaden sehen. Er muss lernen, mehrere Zeiten zugleich wahrzunehmen.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Zwei Ufer

Unterhalb der Burg trennt der Osum die historischen Viertel Mangalem und Gorica. Die steinerne Gorica-Brücke verbindet sie mit einer Selbstverständlichkeit, die dem Reisenden sofort malerisch vorkommt und gerade deshalb vorsichtig machen sollte. Brücken sind im touristischen Sprachgebrauch rasch zu Allegorien geworden: Ost und West, Islam und Christentum, Vergangenheit und Gegenwart. Berat widersteht solchen bequemen Versöhnungsbildern.

Kirchen, Moscheen und die Spuren von Sufi-Bruderschaften liegen hier räumlich nah beieinander. Doch diese Nähe erzählt nicht von einer konfliktfreien Vergangenheit. Sie verweist auf eine Gesellschaft, in der Unterschiede sichtbar blieben und das tägliche Leben dennoch geteilt werden konnte.

Das ist genauer und anspruchsvoller als die oft bemühte Formel vom „Zusammenleben der Religionen“. Zusammenleben bedeutet nicht Gleichheit, auch nicht die Auflösung der Differenz in eine schöne Einheitsgeschichte. Es heißt: Der Andere darf anders bleiben.

Vielleicht entsteht Resonanz gerade nicht zwischen identischen Dingen, sondern dort, wo etwas Fremdes uns anspricht, ohne sich ganz in unsere eigene Welt übersetzen zu lassen. Berat wäre dann keine Brücke zwischen Ost und West. Die Stadt ist eher ein Ort der Übergänge: kulturelle Ordnungen gehen ineinander über, ohne ganz zu verschmelzen.

In der Geschichte wohnen

Der mühsame Aufstieg zur Kalaja, der Burg von Berat, lässt die Zeitschichten beinahe körperlich erfahren. Das Pflaster zwingt zum langsamen Gehen.

Hinter Mauern, Toren und unregelmäßigen Häusern ist die Festung keine bloße Kulisse einer vergangenen Stadt; sie ist bis heute ein bewohntes Quartier. Menschen leben zwischen Mauern, Gärten, Kirchen, Höfen und engen Gassen. Hier wohnt man nicht neben der Geschichte. Hier wohnt man in ihr.

Die Kalaja bewahrt insbesondere die christliche Tiefenschicht der Stadt. In der Kirche Mariä Himmelfahrt befindet sich heute das Nationale Ikonenmuseum Onufri. Es trägt den Namen des Malers Onufri, dessen Ikonen des 16. Jahrhunderts durch ihr leuchtendes, fast unwahrscheinlich dichtes Rot berühmt wurden.

Nicht weit davon stehen weitere Kirchen und Kapellen der Burg: die Dreifaltigkeitskirche an einem Hang unterhalb der oberen Befestigung, die Marienkirche von Blachernai und die Nikolauskirche.

Ihre verschlossenen Türen, ihre kleinen Proportionen und die verbliebenen Fresken erinnern daran, dass Berat nicht nur eine osmanische Stadt ist. Es ist eine Stadt, deren orthodoxe Welt nicht im Schatten der Moscheen verschwunden ist, sondern weiter in ihre Topographie eingeschrieben bleibt.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Ein kleines Museum, eine große Geschichte

Auf dem Weg oder beim Abstieg besuchen wir das Solomon-Museum, ein kleines jüdisches Museum in Berat. Es ist kein großes Haus, eher ein konzentrierter Erinnerungsraum. Gerade seine Bescheidenheit macht die Begegnung eindringlich. Die Frau des Gründers Simon Vrusho führt uns durch die Ausstellung und erzählt von den Familien und ihren Namen. Im Mittelpunkt steht die Rettung jüdischer Flüchtlinge während der deutschen Besatzung.

In Berat versteckten muslimische und christliche Familien Juden in ihren Häusern und Kellern; die Stadt wurde zu einem Zufluchtsort. Yad Vashem hält fest, dass fast alle Juden, die sich während der deutschen Besatzung innerhalb der albanischen Grenzen befanden – Einheimische ebenso wie Flüchtlinge –, gerettet wurden; Berat gehörte zu den Orten, an denen lokale Albaner Schutz organisierten. Mehr als sechzig Familien der Stadt werden mit dieser Rettungsgeschichte verbunden.

In Albanien lebten nach der NS-Zeit mehr Juden als zuvor. Muslimische und christliche Familien, Arme und Wohlhabende, Menschen mit sehr verschiedenen politischen und religiösen Hintergründen öffneten Türen, obwohl die Gefahr real war. In Albanien wird diese Haltung häufig mit besa verbunden, jenem Wort für Ehrenwort, Verlässlichkeit und die Pflicht, dem anvertrauten Gast Schutz zu gewähren.

Doch kein Ehrenkodex handelt von selbst. Entscheidend bleibt der Augenblick, in dem ein Mensch einem anderen Schutz gewährt, obwohl er dafür einen Preis bezahlen könnte. Wir stellen wieder einmal fest: Charakter ist wichtiger als Identität. Oder präziser: Identität zeigt ihre Bedeutung erst dort, wo sie Verantwortung hervorbringt.

Auf unserer Reise lesen wir Marc David Baers Buch Kinder Abrahams. Das lange Jahrtausend muslimisch-jüdischer Geschichte. Die Lektüre passt, als ein Gegenakzent neben die Bilder des Solomon-Museums.

Der Historiker erzählt die Beziehungen von Juden und Muslimen nicht als interreligiöse Utopie und nicht als Geschichte ewiger Feindschaft. Über mehr als 1.400 Jahre beschreibt er Nähe und Hierarchie, Kooperation und Verletzung, Handel, gemeinsame Kultur, Schutz und Gewalt, Anerkennung, Liebe und Hass.

Berat ist kein Gegenbeweis gegen die Katastrophen des 20. Jahrhunderts und auch kein kleines Paradies der Religionen. Es ist ein konkreter Ort, an dem die einfache Erzählung von einer naturgegebenen muslimisch-jüdischen Feindschaft an einer historischen Tatsache scheitert:

Während Europa Juden verfolgte und ermordete, fanden viele von ihnen in einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft Schutz. Das entlastet weder Geschichte noch Gegenwart von ihren Konflikten. Aber es nimmt ihnen den falschen Duktus der Unausweichlichkeit.

Die Königsmoschee und der Hof der Derwische

Nach dem Abstieg kehren wir in die Königsmoschee ein, die Xhamia e Mbretit, auch Sultan-Bayezid-II.-Moschee genannt. Der Imam hält uns zunächst für Touristen und will Eintritt verlangen. Als wir sagen, dass wir einfach nur beten möchten, entschuldigt er sich.

Dann beginnt er zu erzählen: von der Geschichte des Gebäudes und davon, dass die Moschee während der kommunistischen Zeit als Lagerhalle diente. In seiner Rede wird spürbar, Jahrzehnte nach der Öffnung des Staates, dass für ihn eine ungestörte Religionsausübung keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Königsmoschee stammt in ihrem Ursprung aus dem späten 15. Jahrhundert und gehört zu den ältesten und bedeutendsten Moscheen Albaniens. Ihre Baugeschichte reicht jedoch weit über einen einzigen Gründungsakt hinaus: Nach schweren Schäden in den Jahren 1832 und 1833 wurde sie weitgehend neu errichtet; die sichtbare Gestalt ist das Ergebnis mehrerer Jahrhunderte.

Das schlanke Minarett wird auf 1494 datiert. Im Inneren lenkt die bemalte Holzdecke den Blick nach oben: farbige Rosetten bilden ein Spiel von Farbe und Form.

Entscheidend ist aber der Zusammenhang. Die Moschee steht nicht isoliert, sondern gehört zu einem sozial-religiösen Ensemble. Gegenüber und um einen Hof gruppieren sich die Helveti-Tekke, die Konaks der Derwische und die Spuren der ehemaligen Karawanserei beziehungsweise der Herberge der Derwische.

Eine Moschee war hier nicht nur ein Gebetsraum. Sie war Teil einer Infrastruktur des Glaubens, der Bildung, der Gastfreundschaft und der Bewegung. Die Helveti-Tekke gehört dem Halveti- beziehungsweise Khalwati-Orden an, einer Sufi-Bruderschaft. Ein Vorgängerbau soll bereits aus dem 15. Jahrhundert stammen; die heutige Tekke wurde 1782 unter Ahmet Kurt Pascha erneuert.

Ihr kleiner, quadratischer Raum wirkt zurückhaltend, doch die geschnitzte Holzdecke und die barock anmutenden Dekorationen machen ihn zu einem der feinsten Räume der Stadt. Hier versammelten sich Derwische zu ihren religiösen Übungen. Die Kunst ist nicht nur Ausschmückung: Sie schafft eine Innenwelt, die sich vom Markt, der Straße und der politischen Gewalt der Zeiten absetzt.

Südlich davon liegen die Dervisch-Konaks, ebenfalls auf 1782 datiert. Ihr Untergeschoss diente den Tieren, das Erdgeschoss bot Derwischen und Pilgern Unterkunft; eine Veranda auf Holzpfosten öffnet sich zum Hof. Es ist ein Gebäude der Durchreise.

In diesem Ensemble wird sichtbar, dass die Stadt des Glaubens immer auch eine Stadt des Verkehrs war: Pilger, Händler, Ordensleute, Nachrichten und Geschichten gingen durch dieselben Räume.

Die Königsmoschee und die Tekke stehen nicht für zwei Varianten des Islam. Zusammen erzählen sie von seinen unterschiedlichen sozialen Formen: dem gemeinsamen Gebet, der spirituellen Übung, der Unterkunft, der Wohltätigkeit und der städtischen Öffentlichkeit. Die Nähe zur alten Karawanserei fügt eine weitere Dimension hinzu. Berat lag nicht am Ende der Welt, sondern an Wegen.

Im Mangalem-Viertel sehen wir uns noch die Junggesellenmoschee aus dem frühen 19. Jahrhundert an. Sie war mit den unverheirateten Männern der Handwerkszünfte verbunden, die auch als Nachtwächter des Basars tätig waren.

Ihre Außenmalereien sind für eine osmanische Moschee auffallend und fast weltlich in ihrer Anschaulichkeit. Auch das gehört zu Berat: Religion erscheint nicht als abstraktes System, sondern ist mit Berufen, Quartieren und Gilden verflochten.

Die Stadt ohne Transzendenz

Dann kam das kommunistische Albanien. 1967 erklärte das Regime das Land zum atheistischen Staat. Religiöse Institutionen wurden geschlossen, zerstört oder zweckentfremdet. Für eine Stadt wie Berat war das mehr als ein politischer Eingriff.

Eine über Jahrhunderte durch Kirchen, Moscheen, Tekken, Glocken, Gebetsrufe, Ikonen und Friedhöfe gegliederte Landschaft sollte plötzlich ohne diese Bedeutungen auskommen. Doch lässt sich die metaphysische Dimension eines Ortes politisch abschaffen?

Gebäude können entweiht, umgewidmet, als Lager oder Werkstatt benutzt werden. Aber sie behalten in ihren Nischen und abgewetzten Stufen oft etwas zurück. Orte speichern Bedeutungen länger als politische Systeme.

Auch Ismail Kadare gehört zu dieser Schicht der Berat-Geschichte. Der Schriftsteller, viele Jahre lang ein Kandidat für den Nobelpreis, wurde in den 1960er Jahren für eine Zeit in die damalige „Museumsstadt“ Berat gesendet, damit er das Arbeiterleben außerhalb der intellektuellen Kreise kennenlernen sollte.

Was war geschehen? Das Monster — albanisch Përbindëshi, gelegentlich auch mit dem Originaltitel Monstra bezeichnet, hatte die Machthaber in Tirana provoziert. Der Text erschien 1965 zunächst in gekürzter Form in der Tiranaer Literaturzeitschrift Nëntori.

Er wurde fast umgehend zensiert und für mehr als ein Vierteljahrhundert aus dem literarischen Leben Albaniens verdrängt. Erst nach dem Ende der kommunistischen Diktatur konnte Kadare den Stoff umfassend überarbeiten; 1991 erschien die wesentlich längere, definitive Buchfassung.

Das Monster nimmt die Sage vom Trojanischen Pferd nicht als fernes klassisches Material, sondern als politische Maschine der Gegenwart. Das Pferd erscheint als unheimliches Objekt vor den Toren einer Stadt — ein Körper, der angeblich Geschenk, vielleicht aber Falle ist.

Die antike Welt verschiebt sich dabei in die Moderne: Troja wird stellenweise zu einer Stadt mit Cafés, Flughafen und öffentlicher Nervosität. Vergangenheit und Gegenwart geraten ineinander, Mythos wird zur Atmosphäre einer totalitären Gesellschaft.

Das „Monster“ ist das Trojanische Pferd selbst. Es steht für Infiltration, Spionage und die Angst, dass das Bedrohliche bereits im Inneren der Gemeinschaft angekommen sein könnte.

Aber Kadare zeigt noch etwas anderes: Macht lebt nicht allein von Gewalt. Sie lebt von Zeichen, Gerüchten und der Fähigkeit, eine Bevölkerung in einen Zustand dauernder Deutungspanik zu versetzen. Wer steckt im Pferd? Wer ist Verräter? Wer beobachtet wen?

Die Fragen erzeugen jene paranoide Luft, in der jede Geste verdächtig werden kann. Darin lag die Brisanz des Buches für das stalinistische Albanien Enver Hoxhas. Die Allegorie zielte nicht einfach auf einen einzelnen Diktator, sondern auf ein System, das innere Feinde benötigt, Überwachung normalisiert und Angst politisch organisiert.

In seiner Zeit in Berat beschäftigte Kadare viele Fragen, die sich in seinem Werk spiegeln. In seinen Büchern kehrt Albanien immer wieder als unruhige Zugehörigkeitsfrage zurück: Was heißt europäisch in einem Land, dessen Geschichte ohne Byzanz, Orthodoxie und die osmanische Erfahrung nicht zu denken ist? Wie lässt sich diese Vergangenheit erzählen, ohne sie zu verleugnen oder in Folklore zu verwandeln?

Der Schriftsteller sah in der osmanischen Zeit eine Episode, die von dem – aus seiner Sicht – europäisch-christlichen Erbe Albaniens wegführte. Über diese These wird bis heute gestritten. Gerade deshalb gehört Kadare nach Berat.

Die Stadt ist keine einfache Antwort auf die Frage nach Albanien, sondern ihr gebaute Form: orthodoxe Kirchen, osmanische Moscheen, Sufi-Räume, jüdische Erinnerungen, kommunistische Zweckentfremdung und die neue Bildökonomie des Tourismus liegen hier übereinander. Berat gibt keine ideologische Synthese vor. Es stellt die Frage als Architektur.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Tausend Fenster, tausend Smartphones

Heute erlebt Berat eine weitere Transformation. Sie kommt nicht durch Religion und nicht durch Ideologie, sondern durch Tourismus. Die weißen Häuser von Mangalem gehören zu den bekanntesten Bildern Albaniens. Restaurants, Gästehäuser und Boutiquehotels prägen zunehmend die historischen Viertel. Reisegruppen ziehen durch die Gassen, Drohnen steigen über den Osum.

Die Stadt wird ununterbrochen betrachtet. Aus den tausend Fenstern werden tausend Smartphones. Das muss nicht kulturpessimistisch gelesen werden. Tourismus kann Gebäude erhalten, Einkommen schaffen und Begegnungen ermöglichen. Er kann der lokalen Restaurierung jene wirtschaftliche Grundlage geben, die staatliche Pflege allein oft nicht leisten kann.

Zugleich verändert er die Beziehung zwischen Ort und Besucher. Je erfolgreicher ein historischer Ort als Bild wird, desto größer ist die Gefahr, dass das Bild wichtiger wird als das Leben dahinter. Dann lebt man nicht mehr einfach in einer Stadt. Man lebt in einer Sehenswürdigkeit.

Nach unserem Rundgang sind wir müde geworden. Wir sitzen auf einer Bank in einem Park am Rande der Altstadt und schauen älteren Männern beim gemeinsamen Spiel zu. Ein Bild zeitloser Lebensfreude im Süden, könnte man sagen.

Vielleicht ist es nur eine Szene des Alltags: Stimmen, Karten oder Steine auf dem Tisch, eine kurze Geste, ein Lachen. Für diesen Moment jedenfalls unberührt von Kameras. Uns gefällt diese Atmosphäre.

Die Stadt blickt zurück

Am Abend verändert sich die Stadt noch einmal. Das Licht wird weicher. Die Fassaden verlieren ihre Härte, die Fenster spiegeln Himmel statt Besucher. Über allem liegt die Burg; unten fließt der Osum zwischen Mangalem und Gorica weiter.

Vielleicht versteht man erst mit der Zeit, warum Berat im Gedächtnis bleibt. Nicht allein wegen seiner Schönheit, nicht allein wegen seiner Geschichte, sondern weil verschiedene Zeiten hier gleichzeitig anwesend scheinen.

Eine Ikone bewahrt eine Farbe. Ein Hof bewahrt die Erinnerung an Derwische und Durchreisende. Ein kleines Museum bewahrt Namen von Geretteten und Rettern. Eine Moschee, einst Lagerhalle, ist wieder Gebetsraum. Der Alltag geht weiter zwischen allem hindurch.

Und wieder fällt der Blick auf die Fenster von Mangalem. Wer schaut hier eigentlich wen an? Wir reisen meist in der Vorstellung, die Welt sehen zu wollen. Manche Orte kehren diese Beziehung um. Sie stellen Fragen: über Geschichte, Glauben und Fremdheit; über den Unterschied zwischen Toleranz als Wort und Schutz als Tat; über unseren Blick, der so leicht aus einem bewohnten Ort ein konsumierbares Bild macht.

Vielleicht beginnt Reisen im eigentlichen Sinn nicht dann, wenn wir einen Ort gesehen haben, sondern wenn ein Ort unsere Art zu sehen verändert. Berat ist eine solche Stadt. Eine Stadt, die man betrachtet. Und die irgendwann zurückblickt.

Link zur Kampagne: https://commonsplace.de/project/balkan

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