IZ-Reiseblog: Belgrad – eine Schule des Perspektivwechsels
IZ-Reiseblog: Belgrad bleibt für manche wegen ihrer Geschichte und Gegenwart eine Stadt mit Vorbehalten – der Text fragt, ob sich dieser Blick vor Ort verändert.
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(iz). Ehrlich gesagt, wir haben länger überlegt, ob wir Belgrad besuchen sollen. Überzeugt hat uns eine freundliche Dame, die uns einen Stellplatz am Rande der Stadt zur Verfügung stellt.
Nach der Begrüßung erzählt sie von der Stadt, nennt uns ihre Lieblingsplätze und berichtet einiges aus ihrem Leben. Ihr Mann, sagt sie traurig, leide an gebrochenem Herzen. Wir können uns vorstellen, dass dieser Befund für viele Menschen in der Region gilt – aus den unterschiedlichsten Gründen.
Die Bilder, die man von Belgrad im Kopf hat, stammen meist aus zweiter Hand: aus Nachrichtenarchiven der neunziger Jahre, aus Reiseberichten, die vor allem von Beton, Verkehrslärm und Nachtleben erzählen, aus dem diffusen Gefühl, hier ende Mitteleuropa und beginne etwas Unübersichtliches.
Belgrad war für uns zunächst eine Zwischenstation, kein Ziel. Wir ändern spontan unseren Reiseplan, um diese Stadt zu erkunden.
Die Annäherung beginnt schon auf der Busfahrt hinein. Freundlicherweise sind die öffentlichen Verkehrsmittel hier kostenlos. Durch das Fenster sehen wir keine homogene Metropole: Wir fahren durch Vorstädte mit kleinen Läden, betrachten mitteleuropäische Fassaden des 19. Jahrhunderts, staunen über sozialistische Monumentalität und entdecken dazwischen neue Glasfronten und Rohbauten, die teilweise wohl seit Jahren auf ihre Vollendung warten.
Belgrad wirkt nicht wie eine Stadt aus einem Guss, sondern wie ein offenes Archiv, in dem jede Epoche ihre eigene Spur hinterlassen hat. Gerade diese Ungleichzeitigkeit macht den ersten Eindruck so stark.
Man fährt nicht einfach in eine Hauptstadt hinein, sondern in eine Landschaft aus Geschichte, Bruch und Überlagerung. Von Wien oder Budapest unterscheidet sich Belgrad genau darin: Wo dort ein geschlossenes historisches Stadtbild dominiert, zeigt Belgrad seine Brüche offen — und darin liegt sein architektonischer Reiz.
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Eine dieser Schichten kennen wir schon, bevor wir sie sehen. Wer sich zuvor mit dem Mythos Jugoslawien und mit Tito beschäftigt hat, erkennt in Belgrad das Material, aus dem dieser Mythos gebaut wurde. Der Bus streift die weiten Blocks von Neu-Belgrad, jene rasterhafte Stadt auf dem ehemaligen Sumpfland zwischen Save und Donau, die nach dem Krieg als sozialistische Zukunft entworfen wurde: Wohnen, Arbeiten, Verwalten in großen, klaren Strukturen.
Heute wirken diese Blocks weder heroisch noch verfallen, sondern schlicht bewohnt — Wäsche auf den Balkonen, Kioske, Kinder, die auf den Rasenflächen spielen. Die Utopie ist Alltag geworden, und das ist vielleicht ihr ehrlichstes Nachleben. Im Süden der Stadt, in Dedinje, liegt das Haus der Blumen mit Titos Grab, ein Ort, der einmal Pilgerstätte war und heute Museum ist.
In der Innenstadt setzen sich diese Erfahrungen fort. Der Weg ins Künstlerviertel Skadarlija führt in einen Stadtraum, der bis heute das Bild des bohemienhaften Belgrad bewahrt: Kopfsteinpflaster, Weinranken, Lokale, in denen abends live gespielt wird. Mitten darin eine alte Brauerei, die heute als Kulturzentrum dient.
Historisch war die Gasse ein Treffpunkt von Schriftstellern, Malern, Schauspielern und Musikern, und sie gilt noch immer als Symbol des literarischen und künstlerischen Lebens der Stadt. Dort steht auch der Sebilj-Brunnen, eine Kopie des berühmten Brunnens aus der Baščaršija in Sarajevo und ein Geschenk Sarajevos an Belgrad.
Dass man in diesem Belgrader Künstlerquartier auf ein Motiv trifft, das zugleich zu Sarajevo gehört, ist mehr als eine pittoreske Beobachtung. Es ist ein stilles Zeichen dafür, dass sich die Städte des ehemaligen Jugoslawiens nicht sauber voneinander trennen lassen, weil ihre kulturellen Formen, Erinnerungen und Symbole ineinander übergehen.
Im Zentrum flanieren wir die Knez Mihailova hinunter, die große Fußgängerachse der Stadt. Zwischen den üblichen Ketten fallen uns gleich mehrere gute Buchläden auf, hell, gut sortiert und gut besucht. Buchhandlungen sind nie nur Verkaufsorte. Sie sind Indikatoren eines Geisteslebens, sichtbare Zeichen dafür, dass eine Stadt sich nicht im Konsum erschöpft, sondern Räume für Denken, Lesen und Widerspruch offenhält.
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In Belgrad wird genau das spürbar: eine Stadt, die nicht nur von Geschichte gezeichnet ist, sondern sie fortwährend interpretiert. Die Regale öffnen andere Zugänge zur Wirklichkeit als der bloße Blick auf Fassaden und Monumente. Sie zeigen, dass zu jeder sichtbaren Stadt eine unsichtbare Welt aus Texten, Deutungen und Erinnerungen gehört.
In einem dieser Läden finden wir das Buch von Srđan Ristić: „Yugoslavia: Utopia or Inspiration?“ Der Fund wirkt fast programmatisch. Ristić beschreibt Jugoslawien nicht eindimensional, sondern als vielschichtiges historisches Gebilde, das sich nur verstehen lässt, wenn geopolitische, religiöse, soziale und kulturelle Perspektiven zusammengedacht werden.
Er erzählt von der Rolle der Serben in den Jugoslawienkriegen, von der Opposition im Land, vom Widerstand gegen Milošević und von der Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten. Er versucht sich an einer Bilanz der Verantwortung, die den eigenen Anteil nicht herunterspielt, aber letztlich keine der Ethnien des Vielvölkerstaates vollständig entlastet.
Eindrucksvoll ist daran vor allem die Bereitschaft, die Perspektive des Anderen mitzudenken: keine apologetische Selbstentlastung, aber auch keine bloß moralische Selbstanklage, sondern der Versuch einer Einordnung, die Schuld nicht leugnet und Geschichte zugleich in größere Zusammenhänge stellt.
Für eine Reiseerfahrung in Belgrad ist das exemplarisch. Auch die Stadt erschließt sich nur, wenn man lernt, mehrere Perspektiven gleichzeitig auszuhalten. Sicher, ob der Frieden von Dauer sein wird, sind sich Autoren wie Ristić nicht.
Die serbische Literatur ist für die europäische Moderne wichtig, weil sie europäische Formen nicht bloß übernimmt, sondern sie mit einer eigenen Erfahrung von Vielvölkerraum, Geschichte und Zerfall konfrontiert. Darin liegt ihre Kraft: Sie erweitert die Moderne um den südosteuropäischen Blick auf Einheit, Identität und Verletzbarkeit. Ihr zentraler Beitrag ist die literarische Verarbeitung von Geschichte.
In ihr trifft, so hat man es einmal zugespitzt, die beste Literatur des 20. Jahrhunderts auf dessen verheerendste Geschichte. Das ist deshalb bedeutsam, weil europäische Moderne nicht nur Fortschritt, Urbanität und Formexperiment bedeutet, sondern auch Katastrophe, Krieg und die Krise des Humanen. Die serbische Literatur bringt diese dunkle Seite der Moderne mit besonderer Deutlichkeit zum Ausdruck.
Hier kommt Ivo Andrić ins Spiel, dessen Bücher überall verkauft werden. Er ist vielleicht die wichtigste literarische Figur für ein solches Bewusstsein. Andrić steht selbst in einem Spannungsfeld: zwischen Bosnien und Serbien, zwischen Herkunftsraum und literarischer Form, zwischen imperialer Vergangenheit und südslawischer Moderne.
Gerade deshalb ist er für die Region so zentral. Er zeigt, dass Identität auf dem Balkan selten einfach und nie monologisch ist. Bosnien erscheint bei ihm als Grenzraum, in dem Religion, Imperium, Gewalt und Erinnerung ineinandergreifen; Serbien ist dabei nicht bloß Gegenpol, sondern jener kulturelle und sprachliche Raum, in dem diese Erfahrung literarisch gefasst wird.
In „Die Brücke über die Drina“ wird das an einem einzigen Bauwerk durchgespielt: Eine Brücke verbindet und trennt, sie überdauert Reiche und bezeugt zugleich deren Gewalt. Andrić macht sichtbar, dass Geschichte nicht nur in Archiven oder politischen Reden lebt, sondern in Erzählformen, die Ambivalenz festhalten können. Liest man diese Werke als Muslim, mag man manchen Deutungen widersprechen; von der großen Erzählkunst profitiert man dennoch.
Überhaupt liegt darin für uns die tiefere Rolle der Literatur. Schriftsteller liefern nicht einfach Fakten, sie verschieben Wahrnehmung. Sie ersetzen die eigene Wahrheit nicht, sondern relativieren, brechen und erweitern sie.
Gerade in einer Stadt wie Belgrad, die architektonisch, historisch und politisch aus widersprüchlichen Schichten besteht, wird Literatur zu einem Organ der Bewusstseinserweiterung.
Sie zeigt, dass jede nationale und jede persönliche Perspektive nur partiell ist und erst im Gegenüber Kontur gewinnt. Reisen bedeutet dann nicht mehr bloß Ortswechsel, sondern die Bereitschaft, andere Deutungen der Welt an sich heranzulassen.
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Dass wir uns in Belgrad, im Hier und Jetzt, wohlfühlen, hat allerdings weniger mit Geschichte zu tun als mit der Atmosphäre der Stadt. Die Cafés sind mittags voll, und niemand wirkt, als müsse er gleich weiter. Man sitzt draußen, raucht, redet, bestellt nach zwei Stunden noch einen Kaffee; die Bedienungen sind direkt, nicht unfreundlich, und die Preise erinnern daran, dass wir nicht mehr in Mitteleuropa sind.
Wer nach dem Weg fragt, bekommt eine Antwort und meist noch eine Empfehlung dazu. Am Abend riecht es in den Seitenstraßen nach Grill, aus offenen Fenstern kommt Musik, und die Stadt füllt sich mit einer Selbstverständlichkeit, für die man anderswo Anlässe braucht.
Es ist diese Beiläufigkeit, die unsere Skepsis am schnellsten aufgelöst hat: Belgrad muss niemandem gefallen wollen, und gerade deshalb ist es angenehm, hier zu sein.
Am späten Nachmittag sitzen wir auf einer Bank im Kalemegdan, dort, wo der Park in die Mauern der Festung übergeht. Hier öffnet sich der Blick auf die zwei Flüsse, die unterhalb der Bastion ineinanderfließen: Save und Donau. Ein stilles Panorama, und doch wirkt es wie konzentrierte Geopolitik.
Die Save kommt aus dem Westen, aus dem alten jugoslawischen Raum; die Donau bringt die große mitteleuropäische Erzählung mit. Hier berühren sich Balkan und Kontinent, Ost und West, ohne dass einer den anderen auflöst.
In dieser Perspektive versteht man, warum von Schicksalsflüssen die Rede ist. Über diese Wasser sind Heere gezogen, Grenzen verschoben, Waren und Ideen gewandert. Jetzt liegen sie ruhig da, als hätte die Geschichte sich zurückgezogen, um nur noch als Landschaft aufzutreten.
Und doch ist dieses Schweigen trügerisch: Die Stadt hinter uns, die Festung, die Flüsse vor uns — alles ist getränkt mit Vergangenem, das nicht mehr laut, aber auch nicht verschwunden ist. Man sitzt da und spürt, dass man sich auf einer Schwelle befindet, nicht nur geographisch, sondern existenziell.
Von derselben Bank aus sieht man allerdings noch etwas anderes. Am Save-Ufer, dort wo früher Bahngleise, Lagerhallen und das halb verfallene Viertel Savamala lagen, wächst seit einigen Jahren Belgrade Waterfront: Wohntürme, Promenade, Einkaufszentrum, dazwischen der Kula Belgrade, das höchste Gebäude des Landes.
Das Projekt wird von einem Investor aus den Emiraten entwickelt und ist in der Stadt umstritten. Seine Befürworter verweisen auf ein Ufer, das jahrzehntelang brachlag und heute begehbar ist, auf Investitionen, Arbeitsplätze und eine Adresse, die Belgrad international sichtbar macht.
Seine Kritiker halten dem entgegen, dass Verfahren und Verträge wenig transparent waren, dass hier eine Preisklasse entsteht, die für die meisten Belgrader unerreichbar bleibt, und dass eine Stadt mehr ist als ihre Skyline; Proteste hat es über Jahre gegeben.
Überall auf dem Balkan ist das Gefälle zwischen Arm und Reich spürbar, und es besteht wenig Hoffnung auf Besserung. Uns fallen vor allem die Nahtstellen auf: Man geht wenige Minuten und wechselt von abblätterndem Putz in polierten Stein.
Damit schließt sich für uns ein Kreis, der bei Neu-Belgrad begonnen hat. Auch das Waterfront ist ein Entwurf davon, wie Zukunft auszusehen habe, nur dass die Ordnung heute nicht mehr nur vom Staat kommt, sondern auch vom Kapital.
Die eine Utopie versprach Gleichheit und lieferte Wohnblocks, in denen heute ganz normal gelebt wird; die andere verspricht Anschluss und liefert Türme, in die man erst einmal hineinkommen muss.
Wem Belgrad künftig gehört, ist keine Frage, die sich an einem Reisetag beantworten lässt. Aber man sieht, dass sie gestellt wird — und dass die Stadt sie nicht an ihrer Oberfläche versteckt.
So verdichtet sich unser Tag in Belgrad zu einer Art Synthese: die Busfahrt durch die Schichten der Stadt, die Blocks von Neu-Belgrad, das Künstlerviertel mit dem Sarajevoer Brunnen, die Entdeckung der Buchläden, der Fund von Ristićs Buch, die gedankliche Präsenz von Autoren wie Andrić, der Blick auf den Zusammenfluss und auf die Türme am anderen Ufer. Alles verweist auf dasselbe Motiv: dass unser Reisen dort beginnt, wo unsere Wahrnehmung mehrstimmig wird.
Unsere anfängliche Skepsis war, das wissen wir am Abend, kein Urteil über Belgrad, sondern eines über unsere eigenen Vorurteile. Die Stadt ist nicht schön im gefälligen Sinn, sie ist rau, ungleichzeitig, an manchen Stellen unfertig.
Aber sie ist lebendig. Belgrad erscheint uns am Ende nicht als Ziel, sondern als Schule des Perspektivwechsels: als Stadt, in der man lernt, die eigene Wahrheit durch die Wahrheit des Anderen ergänzen zu lassen. Wir sind skeptisch angekommen und mit dem Vorsatz abgereist, wiederzukommen.