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IZ-Reiseblog: Belgrad – eine Schule des Perspektivwechsels

IZ-Reiseblog Belgrad

IZ-Reiseblog: Belgrad bleibt für manche wegen ihrer Geschichte und Gegenwart eine Stadt mit Vorbehalten – der Text fragt, ob sich dieser Blick vor Ort verändert.

(iz). Ehrlich gesagt, wir haben länger überlegt, ob wir Belgrad besuchen sollen. Überzeugt hat uns eine freundliche Dame, die uns einen Stellplatz am Rande der Stadt zur Verfügung stellt.

Nach der Begrüßung erzählt sie von der Stadt, nennt uns ihre Lieblingsplätze und berichtet einiges aus ihrem Leben. Ihr Mann, sagt sie traurig, leide an gebrochenem Herzen. Wir können uns vorstellen, dass dieser Befund für viele Menschen in der Region gilt – aus den unterschiedlichsten Gründen.

Die Bilder, die man von Belgrad im Kopf hat, stammen meist aus zweiter Hand: aus Nachrichtenarchiven der neunziger Jahre, aus Reiseberichten, die vor allem von Beton, Verkehrslärm und Nachtleben erzählen, aus dem diffusen Gefühl, hier ende Mitteleuropa und beginne etwas Unübersichtliches.

Belgrad war für uns zunächst eine Zwischenstation, kein Ziel. Wir ändern spontan unseren Reiseplan, um diese Stadt zu erkunden.

Die Annäherung beginnt schon auf der Busfahrt hinein. Freundlicherweise sind die öffentlichen Verkehrsmittel hier kostenlos. Durch das Fenster sehen wir keine homogene Metropole: Wir fahren durch Vorstädte mit kleinen Läden, betrachten mitteleuropäische Fassaden des 19. Jahrhunderts, staunen über sozialistische Monumentalität und entdecken dazwischen neue Glasfronten und Rohbauten, die teilweise wohl seit Jahren auf ihre Vollendung warten.

Belgrad wirkt nicht wie eine Stadt aus einem Guss, sondern wie ein offenes Archiv, in dem jede Epoche ihre eigene Spur hinterlassen hat. Gerade diese Ungleichzeitigkeit macht den ersten Eindruck so stark.

Man fährt nicht einfach in eine Hauptstadt hinein, sondern in eine Landschaft aus Geschichte, Bruch und Überlagerung. Von Wien oder Budapest unterscheidet sich Belgrad genau darin: Wo dort ein geschlossenes historisches Stadtbild dominiert, zeigt Belgrad seine Brüche offen — und darin liegt sein architektonischer Reiz.

Fotos: Autor

Eine dieser Schichten kennen wir schon, bevor wir sie sehen. Wer sich zuvor mit dem Mythos Jugoslawien und mit Tito beschäftigt hat, erkennt in Belgrad das Material, aus dem dieser Mythos gebaut wurde. Der Bus streift die weiten Blocks von Neu-Belgrad, jene rasterhafte Stadt auf dem ehemaligen Sumpfland zwischen Save und Donau, die nach dem Krieg als sozialistische Zukunft entworfen wurde: Wohnen, Arbeiten, Verwalten in großen, klaren Strukturen.

Heute wirken diese Blocks weder heroisch noch verfallen, sondern schlicht bewohnt — Wäsche auf den Balkonen, Kioske, Kinder, die auf den Rasenflächen spielen. Die Utopie ist Alltag geworden, und das ist vielleicht ihr ehrlichstes Nachleben. Im Süden der Stadt, in Dedinje, liegt das Haus der Blumen mit Titos Grab, ein Ort, der einmal Pilgerstätte war und heute Museum ist.

In der Innenstadt setzen sich diese Erfahrungen fort. Der Weg ins Künstlerviertel Skadarlija führt in einen Stadtraum, der bis heute das Bild des bohemienhaften Belgrad bewahrt: Kopfsteinpflaster, Weinranken, Lokale, in denen abends live gespielt wird. Mitten darin eine alte Brauerei, die heute als Kulturzentrum dient.

Historisch war die Gasse ein Treffpunkt von Schriftstellern, Malern, Schauspielern und Musikern, und sie gilt noch immer als Symbol des literarischen und künstlerischen Lebens der Stadt. Dort steht auch der Sebilj-Brunnen, eine Kopie des berühmten Brunnens aus der Baščaršija in Sarajevo und ein Geschenk Sarajevos an Belgrad.

Dass man in diesem Belgrader Künstlerquartier auf ein Motiv trifft, das zugleich zu Sarajevo gehört, ist mehr als eine pittoreske Beobachtung. Es ist ein stilles Zeichen dafür, dass sich die Städte des ehemaligen Jugoslawiens nicht sauber voneinander trennen lassen, weil ihre kulturellen Formen, Erinnerungen und Symbole ineinander übergehen.

Im Zentrum flanieren wir die Knez Mihailova hinunter, die große Fußgängerachse der Stadt. Zwischen den üblichen Ketten fallen uns gleich mehrere gute Buchläden auf, hell, gut sortiert und gut besucht. Buchhandlungen sind nie nur Verkaufsorte. Sie sind Indikatoren eines Geisteslebens, sichtbare Zeichen dafür, dass eine Stadt sich nicht im Konsum erschöpft, sondern Räume für Denken, Lesen und Widerspruch offenhält.

Fotos: Autor

In Belgrad wird genau das spürbar: eine Stadt, die nicht nur von Geschichte gezeichnet ist, sondern sie fortwährend interpretiert. Die Regale öffnen andere Zugänge zur Wirklichkeit als der bloße Blick auf Fassaden und Monumente. Sie zeigen, dass zu jeder sichtbaren Stadt eine unsichtbare Welt aus Texten, Deutungen und Erinnerungen gehört.

In einem dieser Läden finden wir das Buch von Srđan Ristić: „Yugoslavia: Utopia or Inspiration?“ Der Fund wirkt fast programmatisch. Ristić beschreibt Jugoslawien nicht eindimensional, sondern als vielschichtiges historisches Gebilde, das sich nur verstehen lässt, wenn geopolitische, religiöse, soziale und kulturelle Perspektiven zusammengedacht werden.

Er erzählt von der Rolle der Serben in den Jugoslawienkriegen, von der Opposition im Land, vom Widerstand gegen Milošević und von der Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten. Er versucht sich an einer Bilanz der Verantwortung, die den eigenen Anteil nicht herunterspielt, aber letztlich keine der Ethnien des Vielvölkerstaates vollständig entlastet.

Eindrucksvoll ist daran vor allem die Bereitschaft, die Perspektive des Anderen mitzudenken: keine apologetische Selbstentlastung, aber auch keine bloß moralische Selbstanklage, sondern der Versuch einer Einordnung, die Schuld nicht leugnet und Geschichte zugleich in größere Zusammenhänge stellt.

Für eine Reiseerfahrung in Belgrad ist das exemplarisch. Auch die Stadt erschließt sich nur, wenn man lernt, mehrere Perspektiven gleichzeitig auszuhalten. Sicher, ob der Frieden von Dauer sein wird, sind sich Autoren wie Ristić nicht.

Die serbische Literatur ist für die europäische Moderne wichtig, weil sie europäische Formen nicht bloß übernimmt, sondern sie mit einer eigenen Erfahrung von Vielvölkerraum, Geschichte und Zerfall konfrontiert. Darin liegt ihre Kraft: Sie erweitert die Moderne um den südosteuropäischen Blick auf Einheit, Identität und Verletzbarkeit. Ihr zentraler Beitrag ist die literarische Verarbeitung von Geschichte.

In ihr trifft, so hat man es einmal zugespitzt, die beste Literatur des 20. Jahrhunderts auf dessen verheerendste Geschichte. Das ist deshalb bedeutsam, weil europäische Moderne nicht nur Fortschritt, Urbanität und Formexperiment bedeutet, sondern auch Katastrophe, Krieg und die Krise des Humanen. Die serbische Literatur bringt diese dunkle Seite der Moderne mit besonderer Deutlichkeit zum Ausdruck.

Hier kommt Ivo Andrić ins Spiel, dessen Bücher überall verkauft werden. Er ist vielleicht die wichtigste literarische Figur für ein solches Bewusstsein. Andrić steht selbst in einem Spannungsfeld: zwischen Bosnien und Serbien, zwischen Herkunftsraum und literarischer Form, zwischen imperialer Vergangenheit und südslawischer Moderne.

Gerade deshalb ist er für die Region so zentral. Er zeigt, dass Identität auf dem Balkan selten einfach und nie monologisch ist. Bosnien erscheint bei ihm als Grenzraum, in dem Religion, Imperium, Gewalt und Erinnerung ineinandergreifen; Serbien ist dabei nicht bloß Gegenpol, sondern jener kulturelle und sprachliche Raum, in dem diese Erfahrung literarisch gefasst wird.

In „Die Brücke über die Drina“ wird das an einem einzigen Bauwerk durchgespielt: Eine Brücke verbindet und trennt, sie überdauert Reiche und bezeugt zugleich deren Gewalt. Andrić macht sichtbar, dass Geschichte nicht nur in Archiven oder politischen Reden lebt, sondern in Erzählformen, die Ambivalenz festhalten können. Liest man diese Werke als Muslim, mag man manchen Deutungen widersprechen; von der großen Erzählkunst profitiert man dennoch.

Überhaupt liegt darin für uns die tiefere Rolle der Literatur. Schriftsteller liefern nicht einfach Fakten, sie verschieben Wahrnehmung. Sie ersetzen die eigene Wahrheit nicht, sondern relativieren, brechen und erweitern sie.

Gerade in einer Stadt wie Belgrad, die architektonisch, historisch und politisch aus widersprüchlichen Schichten besteht, wird Literatur zu einem Organ der Bewusstseinserweiterung.

Sie zeigt, dass jede nationale und jede persönliche Perspektive nur partiell ist und erst im Gegenüber Kontur gewinnt. Reisen bedeutet dann nicht mehr bloß Ortswechsel, sondern die Bereitschaft, andere Deutungen der Welt an sich heranzulassen.

Fotos: Autor

Dass wir uns in Belgrad, im Hier und Jetzt, wohlfühlen, hat allerdings weniger mit Geschichte zu tun als mit der Atmosphäre der Stadt. Die Cafés sind mittags voll, und niemand wirkt, als müsse er gleich weiter. Man sitzt draußen, raucht, redet, bestellt nach zwei Stunden noch einen Kaffee; die Bedienungen sind direkt, nicht unfreundlich, und die Preise erinnern daran, dass wir nicht mehr in Mitteleuropa sind.

Wer nach dem Weg fragt, bekommt eine Antwort und meist noch eine Empfehlung dazu. Am Abend riecht es in den Seitenstraßen nach Grill, aus offenen Fenstern kommt Musik, und die Stadt füllt sich mit einer Selbstverständlichkeit, für die man anderswo Anlässe braucht.

Es ist diese Beiläufigkeit, die unsere Skepsis am schnellsten aufgelöst hat: Belgrad muss niemandem gefallen wollen, und gerade deshalb ist es angenehm, hier zu sein.

Am späten Nachmittag sitzen wir auf einer Bank im Kalemegdan, dort, wo der Park in die Mauern der Festung übergeht. Hier öffnet sich der Blick auf die zwei Flüsse, die unterhalb der Bastion ineinanderfließen: Save und Donau. Ein stilles Panorama, und doch wirkt es wie konzentrierte Geopolitik.

Die Save kommt aus dem Westen, aus dem alten jugoslawischen Raum; die Donau bringt die große mitteleuropäische Erzählung mit. Hier berühren sich Balkan und Kontinent, Ost und West, ohne dass einer den anderen auflöst.

In dieser Perspektive versteht man, warum von Schicksalsflüssen die Rede ist. Über diese Wasser sind Heere gezogen, Grenzen verschoben, Waren und Ideen gewandert. Jetzt liegen sie ruhig da, als hätte die Geschichte sich zurückgezogen, um nur noch als Landschaft aufzutreten.

Und doch ist dieses Schweigen trügerisch: Die Stadt hinter uns, die Festung, die Flüsse vor uns — alles ist getränkt mit Vergangenem, das nicht mehr laut, aber auch nicht verschwunden ist. Man sitzt da und spürt, dass man sich auf einer Schwelle befindet, nicht nur geographisch, sondern existenziell.

Von derselben Bank aus sieht man allerdings noch etwas anderes. Am Save-Ufer, dort wo früher Bahngleise, Lagerhallen und das halb verfallene Viertel Savamala lagen, wächst seit einigen Jahren Belgrade Waterfront: Wohntürme, Promenade, Einkaufszentrum, dazwischen der Kula Belgrade, das höchste Gebäude des Landes.

Das Projekt wird von einem Investor aus den Emiraten entwickelt und ist in der Stadt umstritten. Seine Befürworter verweisen auf ein Ufer, das jahrzehntelang brachlag und heute begehbar ist, auf Investitionen, Arbeitsplätze und eine Adresse, die Belgrad international sichtbar macht.

Seine Kritiker halten dem entgegen, dass Verfahren und Verträge wenig transparent waren, dass hier eine Preisklasse entsteht, die für die meisten Belgrader unerreichbar bleibt, und dass eine Stadt mehr ist als ihre Skyline; Proteste hat es über Jahre gegeben.

Überall auf dem Balkan ist das Gefälle zwischen Arm und Reich spürbar, und es besteht wenig Hoffnung auf Besserung. Uns fallen vor allem die Nahtstellen auf: Man geht wenige Minuten und wechselt von abblätterndem Putz in polierten Stein.

Damit schließt sich für uns ein Kreis, der bei Neu-Belgrad begonnen hat. Auch das Waterfront ist ein Entwurf davon, wie Zukunft auszusehen habe, nur dass die Ordnung heute nicht mehr nur vom Staat kommt, sondern auch vom Kapital.

Die eine Utopie versprach Gleichheit und lieferte Wohnblocks, in denen heute ganz normal gelebt wird; die andere verspricht Anschluss und liefert Türme, in die man erst einmal hineinkommen muss.

Wem Belgrad künftig gehört, ist keine Frage, die sich an einem Reisetag beantworten lässt. Aber man sieht, dass sie gestellt wird — und dass die Stadt sie nicht an ihrer Oberfläche versteckt.

So verdichtet sich unser Tag in Belgrad zu einer Art Synthese: die Busfahrt durch die Schichten der Stadt, die Blocks von Neu-Belgrad, das Künstlerviertel mit dem Sarajevoer Brunnen, die Entdeckung der Buchläden, der Fund von Ristićs Buch, die gedankliche Präsenz von Autoren wie Andrić, der Blick auf den Zusammenfluss und auf die Türme am anderen Ufer. Alles verweist auf dasselbe Motiv: dass unser Reisen dort beginnt, wo unsere Wahrnehmung mehrstimmig wird.

Unsere anfängliche Skepsis war, das wissen wir am Abend, kein Urteil über Belgrad, sondern eines über unsere eigenen Vorurteile. Die Stadt ist nicht schön im gefälligen Sinn, sie ist rau, ungleichzeitig, an manchen Stellen unfertig.

Aber sie ist lebendig. Belgrad erscheint uns am Ende nicht als Ziel, sondern als Schule des Perspektivwechsels: als Stadt, in der man lernt, die eigene Wahrheit durch die Wahrheit des Anderen ergänzen zu lassen. Wir sind skeptisch angekommen und mit dem Vorsatz abgereist, wiederzukommen.

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Interview: Warum heute noch Literatur?

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IZ-Begegnung mit dem Literaturwissenschaftler, Autor und Referenten Ahmet Aydin über die anhaltende Relevanz der Weimarer Klassik und warum die Person des Autors wichtig bleibt.

(iz). Im Sommer 1995 erschien die erste von mittlerweile 359 Ausgaben der „Islamischen Zeitung“ – damals produziert von einer Gruppe begeisterter junger Muslime in der Klassikerstadt Weimar. Von Beginn an setzten wir auf die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe Deutschlands und Europas. Goethe, Schiller und das ganze Phänomen jenes Ortes standen für uns nicht nur räumlich am Anfang.

Von nichtmuslimischer Seite wurde das zunächst bespöttelt, dann kritisiert, bis sich die Erkenntnisse von Fachleuten wie Von Arnim und Mommsen verbreiteten. Heute ist Goethes Arbeit über den Islam nicht mehr zu leugnen.

Von muslimischer Seite wurde die IZ anfangs dafür belächelt. Zum einen war es für sie in den 1990er und frühen 2000er Jahren nicht immer nachvollziehbar, warum man Weimar als Symbol positiv besetzen wollte. Zum anderen wurde der Redaktion in den vergangenen 10-20 Jahren vorgeworfen, mit dem Thema „Deutschtümelei“ zu betreiben, eurozentrisch zu sein oder wichtigere Fragen zu ignorieren.
Wie relevant eine andere, konstruktive Herangehensweise ist, zeigen die „Kulturkämpfe“ der letzten Jahre sowie der weltweite Aufstieg völkischer Narrative; Phänomene, die Denker und Schriftsteller von Goethe über Rilke bis Thomas Mann gewiss grundsätzlich ablehnen würden.

Die „Islamische Zeitung“ hat diese Beschäftigung nie als „goetheanischen“ Selbstzweck betrieben, sondern war vom Gedanken geleitet, dass sich kulturalistische Missverständnisse in der Auseinandersetzung von Europäern mit dem Islam dadurch mindern ließen, wenn man deren Weite und Offenheit für das Phänomen freilegt.

Im Folgenden dokumentieren wir Auszüge aus einem längeren Gespräch mit unserem Autor Ahmet Aydin. Der vor 33 Jahren in der Lessingstadt, Wolfenbüttel, geborene Literaturwissenschaftler und Speaker-Poet begeistert sich seit seinem 16. Lebensjahr für Dichtung, Literatur, ihre Vermittlung und das Schreiben.

In dieser Funktion hat er diverse Seminare gegeben. Diese bietet er kundenorientiert auch jugendlichen Muslime an, die er auf sie zugeschnitten an das poetische Erbe der europäischen und der islamischen Kulturen heranführt.

Aydin ist unter anderem auf Instagram (@westoestlicherpoet) und X (@westostPoet) präsent und beschäftigt sich mit den Themen Kultur, Kommunikation und Kreativität.

Spielt Literatur heute eine Rolle?

Islamische Zeitung: Spielt Literatur heute eine Rolle? Gibt es in diesem Moment weiterhin Menschen, die sich von einem Text in Wallung bringen lassen – wie es über die frühen Araber oder Griechen berichtet wurde?

Ahmet Aydin: Was wir verkennen, ist, dass es in der Vergangenheit oft so war, dass herausragende Bücher erst einmal nichts veränderten und prägten. Shakespeare hat als Dramatiker die Welt beeinflusst. Aber so, wie wir ihn heute kennen, ist er ein Produkt der deutschen Sturm und Drang-Bewegung. Schiller, Goethe und Herder haben ihn großgemacht und in Deutschland entdeckt. Danach wurde er für England wieder interessanter.

Wir denken oft, dass Texte die Welt revolutionierten. Eine meiner Thesen lautet, nicht diese Titel haben das getan, sondern die Art und Weise, wie sie und ihre Ideen vermarktet und inszeniert wurden. Was man damals mit einem Buch gemacht hat, ist heute mit YouTube, TikTok oder Instagram möglich. Es gibt so viele Kanäle, auf denen jemand sich inszenieren und Ideen voranbringen kann.

Hier wird die Frage interessant: Was ist wichtiger, das eigentliche Produkt oder meine Fähigkeit, es an den Mann zu bringen? Schiller bspw. hat sich radikal inszeniert. Er hat die Gedichte von Bürger in einer Rezension zerschmettert, um sich in Szene zu setzen.

Goethe selbst war nicht nur Autor, sondern eben zusätzlich Finanzberater, also zeitweise Wirtschaftsminister, musste eine Währung bewerten usw. Er suchte Sponsoren, die er überzeugen wollte, um Steuern niedrig zu halten. Nur eine Minderheit seiner Bücher waren anfänglich „Bestseller“. Trotzdem entfalteten sie extreme Wirkung.

Foto: pict rider, Adobe Stock

Islamische Zeitung: Friedrich Nietzsche bezeichnete Goethe, den er bewunderte, in Hinblick auf die Deutschen als ein „Ereignis ohne Folgen“. Er warf ihnen damit vor, dessen Vorbild nicht aufgegriffen und weitergeführt zu haben. Und heute wird die „Kultur“ häufig benutzt, um sie in Abgrenzung von Muslimen als Monstranz vor sich herzutragen. Wie real sind diese Symbole?

Ahmet Aydin: Was Nietzsche über ihn und seine Wirkung in der Heimat sagte, stimmt definitiv. Es scheint hier so zu sein. Allerdings hatte er einen Effekt in den Vereinigten Staaten oder England, wo er bspw. vom US-amerikanischen Transzendentalismus um Emerson aufgegriffen wurde. Dieser meinte über den Dichter, er habe die moderne Existenz in Poesie gekleidet.

Und ich füge gerne hinzu, an Deutschland ging das so aber leider vorbei. Um es mit Goethe zu sagen, der selbst verallgemeinerte: Die Deutschen konnten die Philisterei nicht loswerden. Was hieß das für ihn? Von anderen zu verlangen, dass sie so denken wie ich. Aber auch, sich nicht für Dinge begeistern zu können, weil das naiv sei.

Was kann er uns heute geben? Eine gelungene Lebensführung, die sich einerseits den Künsten widmet und andererseits mitten im Leben steht. Er war sich Dingen wie dem manchmal schwierigen Umgang mit Verlegern, der Bedeutung von Infrastruktur oder der Verwaltung von Finanzen bewusst.

Der Autor als Kritiker der eigenen Verhältnisse

Islamische Zeitung: Harsche Kritik an den eigenen Verhältnissen ist in dieser Kultur nicht unbekannt. Viele kennen den berühmt-berüchtigten Beginn des „Hyperion“ von Hölderlin „Und so kam ich unter die Deutschen…“. Geht bei der Beschäftigung mit Dichtern und Denkern unter, dass diese ihre Umstände kritisch sahen?

Ahmet Aydin: Hölderlin wurde übrigens für diese Worte scharf kritisiert. Andere vor ihm haben ähnlich gedacht. Wieland hat Vergleichbares geschrieben. Die Großen aus dieser Phase waren sich darin einig. Alle benutzten in ihren Briefen Beschreibungen Begriffe wie „Barbaren“.

Was war damit gemeint? Nicht, dass Deutschland per se oder in Gänze barbarisch ist bzw. war. Sondern, dass diese Barbarei eine Möglichkeit des Menschen ist. Würde man bspw. Goethe heute kennenlernen, könnten wir von ihm profitieren. Praktisch hieße das, mit Person unterschiedlichster Herkunft und Abstammung respektvoll umzugehen.

Er hat es geliebt, inmitten der Bevölkerung zu sein und sie zu beobachten. Ebenso war sein Verhältnis zur Religion. Er konnte mit dem Christentum, wie es ihm vermittelt wurde, kaum etwas anfangen; und wahrte gleichzeitig Achtung und Würde vor religiösen Menschen.

Er hatte viele Facetten: Einerseits kritisierte er die zeitgenössischen Deutschen, räumte andererseits ebenso ein, dass der Begriff „Vaterland“ auch bei ihm Gefühle auslöst.

Was viele nicht wissen: Goethe hat sich aktiv am Aufbau einer intellektuellen und akademischen Landschaft der damaligen Zeit beteiligt. Er hat, wenn man so sagen möchte, Elitenförderung betrieben und Menschen angezogen. Er zog Herder nach Weimar; Fichte, Schelling usw. nach Jena,  Durch ihn kam Schiller in die Universitätsstadt, der seinerseits andere Geister anzog.

Islamische Zeitung: Und jetzt zur Gegenwart. Wie sieht seine Relevanz im 21. Jahrhundert aus?

Ahmet Aydin: Derzeit haben über 20 % aller Menschen auf dem Arbeitsmarkt einen Zuwanderungshintergrund. Wie soll man sich in solch einer Lage miteinander umgehen? Wir können Führungskräfte hier ihre Mitarbeiter gut anleiten?

Da ist Goethes Denken ein Beispiel, wie es funktionieren kann. Sein Denkstil sorgt dafür, dass im Büro eine schönere Atmosphäre ist und Menschen respektvoller miteinander umgehen. Aber dazu muss man ihn erst mal kennenlernen und begreifen. Zu diesem Zweck sollte man ihn kennen und verstehen.

Weltbevölkerung

Foto: Abigail, Adobe Stock

Wie wichtig ist der Autor?

Islamische Zeitung: Das heißt, die Person des Schriftstellers ist ähnlich wichtig wie sein Werk?

Ahmet Aydin: Definitiv. Er hart seine Schriften nicht als alleiniges Hauptwerk begriffen. Goethe war Teil einer Stadtgesellschaft, agierte am Hof als Freund und Berater von Carl August. Er hatte das Ziel, ihre Kultur und die seines Landes zu bereichern. Regional wirkend hat er bspw. den „Tarquato Tasso“ geschrieben.

Dieser ist nichts anderes als die Beschreibung des Hoflebens inkl. Ratschläge an Herrschende und Autoren. Mit seinem lokalen Schaffen aber setzte er sich in Relation zur Menschheitsgeschichte. Einer der Gründe, warum sich Leute über die Zeiten hinaus für ihn begeistern.

Islamische Zeitung: Das heißt, für Dich muss der Künstler nicht hinter seinem Werk zurücktreten?

Ahmet Aydin: Nur bedingt. Er hat das ja auch getan. Dahinter verschwinden bedeutet hier allerdings, dass ich nicht nur über Themen schreibe, die ausschließlich einen selbst betreffen. Ich denke nicht nur an meine Community oder Filterblase. Andernfalls beschränkt man sich. Einerseits setze ich mich in den Kontext des Ganzen, vergesse andererseits nicht, dass man immer eine eigene Perspektive hat.

Eine reine Objektivität funktioniert nicht. Goethe sprach ja mit Hegel, der seine Antithese und Synthese lobte. Der Weimarer wandte ein, dass solche Methoden nicht dazu missbraucht werden dürften, um das Wahre unrichtig und das Falsche stimmig erscheinen zu lassen. Auch den Einwand des Philosophen, der das als „krank“ bezeichnete, sagte er, man sähe doch, was die Menschen tun.

Um es so zu sagen: Ich kann nicht zurücktreten vom Werk, aber versuche es. Das ist mein aufrichtiges Bemühen.

Islamische Zeitung: Für das Subjekt mag es keine reine Objektivität geben. Als soziales Phänomen in der Annäherung an den Anderen kann es im Sinne vom Common Sense durchaus eine verbindliche Wirklichkeit geben…

Ahmet Aydin: Ja, definitiv. Wenn wir das Thema Führungskräfte nehmen, haben diese verschiedene Mitarbeiter. Wie objektiv kann man in ihrer Bewertung sein? Der Vorgesetzte wird immer seine eigene Perspektive haben. Daher müssen wir uns unseres Verstandes bedienen, um allen gegenüber gerecht handeln zu können.

Goethe hat das selbst in seinem Leben versucht. Obwohl er besonders eng mit Schiller befreundet war, hat er in dessen Streit mit Schlegel versucht, die beiden wieder anzunähern.

Das ist ein Punkt, den wir begreifen müssen. Sein Ansatz hat das Potenzial die Gesellschaft zu vereinen. Das ist nicht romantisch gemeint. Man wird sich aneinander reiben, Ideen gegeneinanderprallen lassen. Ziel muss sein, die überpersönlichen Zustände zu verbessern.

Goethe Divan

Foto: Alexander Johrmann | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Der unbürgerliche Goethe

Islamische Zeitung: Um abschließend beim Mann Goethe zu bleiben. Er stammte aus der bürgerlichen Klasse, pflegte zeitgleich teils einen unbürgerlichen Lebensstil – von der offenen Tafel im Haus am Frauenplan bis zu seiner Beziehung und Ehe mit Christiane Vulpius.

Ahmet Aydin: In seinem Haushalt war es Alltag, dass Besucher bzw. Gäste kamen und gingen. Es gibt eine umfassende und treffende Beschreibung von ihm durch seinen Wetzlarer Freund Johann Chr. Kestner, der ein rationaler Mann war.

Darin heißt es, er habe eine „außerordentlich lebhafte Einbildungskraft“, sei „heftig in seinen Affekten“ und habe eine „edle Denkungsart“. Und jetzt kommt das Entscheidende: Er ist ein Mensch von Charakter. Er tut, was ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es nun gefällt oder nicht.

Ob Mode, oder Lebensart – jeder Zwang war ihm verhasst. Er störte andere nicht in ihren Vorstellungen. Kestner beschrieb ihn mit dem Wort „merkwürdig“. Im damaligen Sprachgebrauch meinte das „bemerkenswert“.

Nein, er hat kein typisch bürgerliches Leben geführt. Dazu gehörte seine zeitweise unübliche „wilde Ehe“ mit Christiane. Zu seiner Zeit war sie schon eine Art Skandal. Schillers Frau war zeitlebens davon skandalisiert; selbst noch, als der Dichter ihr seinen Namen gab.

Für ihn blieb das Menschliche, auch Praktische wichtig. Er hat Kontakt zu den Leuten gepflegt. Auch noch, als er Reichtum und Einfluss besaß. Obwohl man sich im Haus anmelden musste, er hatte ja zu tun, war Besuch immer möglich. Heine war dort, Hölderlin auch. Die Liste seiner Gäste im Laufe der Jahre würde den Rahmen sprengen.

Islamische Zeitung: Lieber Ahmet, vielen lieben Dank für das Gespräch.

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Thomas Mann – vom Künstler zum Aktivisten

thomas mann

Der deutsche Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann stand in der Auseinandersetzung mit den Ideologien seiner Zeit.

(iz). Der „Zauberberg“ gehört zu den faszinierendsten Büchern des deutschen Nobelpreisträger Thomas Mann. Der Inhalt hat Züge eines Bildungsromanes: Aus einem harmlosen Dreiwochenbesuch im Davoser Lungensanatorium wird für den jungen Hamburger Ingenieur Hans Castorp ein siebenjähriger Aufenthalt. Was als Pause vom Leben beginnt, wird zu einer Meditation über das Leben, die Krankheit, den Tod – und zu einer Reise in die geistigen Verwerfungen Europas am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Das abgeschiedene Sanatorium hoch über dem Tal steht nicht nur geographisch, sondern auch symbolisch für einen Ort der Zwischenzeit: Hier, wo Krankheit Alltag ist und die Welt draußen scheinbar stillsteht, entwickelt sich ein geistiges Drama. Castorp, zunächst ein unbedarfter junger Mann, gerät in den ideologischen Zweikampf seiner Mentoren, die sein Denken formen und in vielem das geistige Klima seiner Zeit widerspiegelt.

Auf der einen Seite steht Lodovico Settembrini, ein wortgewaltiger Humanist, Vertreter der Aufklärung, des Fortschritts und der Vernunft. Für ihn ist Bildung das höchste Gut und die Krankheit ein Zustand, den es zu überwinden gilt. Auf der anderen Seite erhebt sich Leo Naphta – eine düstere Gestalt, intellektuell nicht weniger scharf als sein Gegenspieler, doch ideologisch radikal anders. In ihm vermengen sich religiöser Fanatismus und marxistische Revolutionsrhetorik zu einer gefährlichen Mischung. Für ihn ist die Freiheit des Individuums zweitrangig – entscheidend ist allein das Heilige, das Absolute, notfalls durch Gewalt durchzusetzen.

Thomas Mann – Autor in einem Zeitalter der Extreme

Zwischen diesen beiden Polen schwankt Castorp. Er hört zu, denkt mit, lässt sich beeindrucken – doch er übernimmt keine der Positionen vollständig. Er tastet sich, oft im Zweifel, durch die ideologischen Nebel seiner Zeit. Ein Schlüsselmoment dieser inneren Wandlung ereignet sich im berühmten Schnee-Kapitel. Der Hauptdarsteller ist alleine auf Skiern unterwegs, gerät in einen Schneesturm. „Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts, worin er blickte, wenn er sich zwang zu sehen“, so beschreibt Mann den Moment existenzieller Leere.

Castorp kann sich nicht mehr an den Halt des Rationalen klammern. Er verirrt sich, findet notdürftig Schutz im Windschatten eines Heuschobers, trinkt Portwein und beginnt zu träumen. In einem tranceartigen Zustand sieht er zunächst eine Vision voll Licht und Harmonie: ein mediterranes Tal, erfüllt von Schönheit und Liebe. Dann steigt er in die Abgründe der menschlichen Natur. Gewalt, Opfer, archaische Grausamkeit treten ins Bild. Er erkennt: Die Welt ist nicht nur Licht, sondern auch Schatten.

Und es entsteht eine Einsicht: „Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie.“ Aus der ambivalenten Erfahrung formt sich sein stiller Entschluss: „Ich will dem Tode keine Herrschaft einräumen über meine Gedanken!“ Und weiter: „Ich will dem Tod Treue halten in meinem Herzen, doch mich hell erinnern, dass Treue zum Tode und Gewesenen nur Bosheit und finstere Menschenfeindschaft ist, bestimmt sie unser Denken und Regieren.“

Mann entwirft in diesem Kapitel – unter dem Eindruck der Verheerungen des 1. Weltkrieges – eine Ethik der Balance, die sich den Ideologien entgegenstellt und eine Haltung ist, die sich letztlich der Kraft der Liebe verpflichtet fühlt. Castorp erkennt: „Die Liebe steht dem Tode entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker als er.“

Das Kapitel steht somit symbolisch für eine innere Reifung, für die Selbsterkenntnis und die Suche nach einem eigenständigen Weg zwischen den Extremen. Das Thema ist aktuell: Die Debatten über den Sinn der Kriege oder den selbstmörderischen Zynismus des Terrorismus unserer Tage zeigen das.

Das Kapitel hat für den Schriftsteller eine persönliche Note. Der Verfasser des „Zauberbergs“ überwindet seine eigene Todessehnsucht zugunsten einer lebensbejahenden Haltung: „Es gibt zweierlei Lebensfreundlichkeiten: eine, die vom Tod nichts weiß; die ist recht einfältig und robust, und eine andere, die von ihm weiß, und nur diese, meine ich, hat vollen geistigen Wert. Sie ist die Lebensfreundlichkeit der Künstler, Dichter und Schriftsteller.“

Foto: Adobe Stock

Metamorphosen eines Mannes

Thomas Mann ist mehr als nur der Schöpfer von „Der Zauberberg“ und anderen großen literarischen Werken. Er ist ein Beispiel für die Verwandlung eines Mannes, der sich nicht nur mit den künstlerischen, sondern auch mit den politischen Realitäten seiner Zeit auseinandersetzte. Mann, der zunächst als unpolitischer Künstler und Dichter gefeiert wurde, fand sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in einer völlig neuen, eigentlich ungewollten Rolle wieder: als entschiedener politischer Aktivist und Widerstandskämpfer.

Diese Transformation war nicht abrupt, sondern entwickelte sich schrittweise, und sie begann lange vor seiner Flucht aus Deutschland im Jahr 1933. In den Jahren der Weimarer Republik stand er noch zwischen den Stühlen. Er hatte sich bis dahin als politisch unentschlossen und liberal angesehen, doch er war nicht blind für die politischen Strömungen, die das Land ergriffen.

Zwar gab er sich als kritischer Beobachter, doch zu jener Zeit hatte er vor allem die Rolle des künstlerischen Intellektuellen im Auge – jemand, der sich in seiner Kunst verwirklicht, der sich erhaben über den politischen Gegensätzen positioniert, ohne sich vollends auf das politische Parkett zu begeben.

Diese Haltung änderte sich jedoch fundamental, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Das Verbot vieler demokratischer Institutionen in Deutschland konnte Mann nicht ignorieren. Der Künstler, der zunächst nur durch seine Werke die Welt beeinflusste, fühlte sich nun gezwungen, politische Verantwortung zu übernehmen. Die Diktatur, die der Nationalsozialismus errichtete, stellte eine existenzielle Bedrohung für alles dar, wofür Mann stand – für Freiheit, Individualität, Kunst und die europäische Kulturtradition.

Bereits 1933, nach der Machtübernahme Hitlers, ging Thomas Mann ins Exil. Zunächst hielt er sich in der Schweiz auf, zog dann aber nach Frankreich und schließlich in die USA.  Im Jahr 1936 gab er seine Zurückhaltung in einem Beitrag für die „Neue Zürcher Zeitung“ endgültig auf und wurde ein scharfsinniger Kritiker des Nationalsozialismus.

Reden gegen den Nationalsozialismus

Sein politisches Engagement gipfelte in seinen Reden gegen den Nationalsozialismus, die er im amerikanischen Exil hielt. Er stellte die Kunst und Kultur als Gegengewicht zu den zerstörerischen Kräften des Nazismus in den Vordergrund und rief zur Bewahrung der humanistischen Werte auf. Manns zentrale Botschaft war klar: „Der Kampf gegen den Nationalsozialismus ist auch der Kampf für die Zukunft der Menschheit.“

Foto: RIA Novosti archive, image #602161 / Zelma / CC-BY-SA 3.0

Neben der Ablehnung der modernen Ideologien ist sein Engagement für den Humanismus untrennbar mit dem Schicksal der Juden in Deutschland verbunden. Diesem Thema widmet sich das 2024 erschienene, lesenswerte Buch „Thomas Mann als politischer Aktivist“ von Kai Sina. Zu Beginn seiner Karriere hatte Mann eine ambivalente Haltung gegenüber der jüdischen Frage und insbesondere zum Zionismus. 

In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts, als er noch in Deutschland lebte, vertrat Mann die Auffassung, dass die Juden geistig und kulturell untrennbar mit Deutschland verbunden seien. Er betonte immer wieder, dass die deutsche Kultur ohne die jüdische Mitwirkung – sowohl in der Philosophie, Literatur als auch in der Musik – nicht vorstellbar sei. Mann sah die jüdische Identität als Teil der deutschen kulturellen und intellektuellen Landschaft, und er hob hervor, dass viele bedeutende deutsche Denker und Künstler, wie etwa Heinrich Heine oder Felix Mendelssohn, jüdische Wurzeln hatten.

Mann und der Zionismus

Angesichts dieser kulturellen Verbindung war Mann skeptisch gegenüber dem Zionismus, der zu dieser Zeit einen stärkeren politischen Ausdruck fand. Der Zionismus setzte auf die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina, was Mann als eine künstliche Trennung zwischen Juden und ihrer bisherigen kulturellen Heimat, Europa, empfand. Den Verlust des „Kultur-Stimulus“ hielt er für „Ungefähr das größte Unglück (…), das unserem Europa zustoßen könnte“. Er glaubte, dass die jüdische Identität nicht territorial fixiert werden sollte, sondern vielmehr in einer gelebten kulturellen und intellektuellen Verbindung zu Europa fortbestehen müsse. 

In diesem Zusammenhang zeigte Mann bis in die 1920er-Jahre hinein eine gewisse Skepsis gegenüber den zionistischen Bestrebungen und dem Konzept eines jüdischen Nationalstaates. Auf einer Palästinareise 1930 erinnerte der Schriftsteller zudem ausdrücklich an das Recht der Araber in dieser Region zu leben. Im Jahr 1939 forderte der Komponist Arnold Schönberg die „skrupellose“ und „unerlässliche“ Rückeroberung Palästinas und forderte Mann auf, diesen Plan aktiv zu unterstützen.

Der Schriftsteller blieb auf Distanz, da ihm die „gewalttätige Allüre“ des Programms und die geistige Gesamthaltung dahinter „ein wenig ins faschistische falle“. Kai Sina hinterfragt insoweit den Anti-Antisemitismus, für den der Schriftsteller bekannt ist, da er eine Paradoxie enthalte, die Möglichkeit, dass es „jüdische Faschisten“ gebe. Zudem warnt der Literaturwissenschaftler – nach der Gesamtschau des Werkes – vor Pauschalurteilen: „Juden sind anders, das bleibt eine Konstante in Manns Denken.“

Foto: Adobe Stock

Wie wir heute wissen, änderte Mann seine Haltung in Sachen Israel nach den Erfahrungen der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus. Nachdem die systematische Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung begann, durchlebte er eine fundamentale Wandlung in seiner Sichtweise auf das jüdische Schicksal. Die brutale Realität des Holocausts und die Zerstörung der jüdischen Gemeinden in Europa führten dazu, dass Mann seine Zweifel am Zionismus relativierte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung des Staates Israel 1948 zeigte er sich zunehmend als Befürworter eines jüdischen Nationalstaates. In seinen späteren Essays und Reden erklärte er, dass die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina nun die notwendige Antwort auf die jahrhundertelange Diskriminierung, Verfolgung und die unvorstellbaren Gräueltaten des Holocausts sei. Er akzeptierte und unterstützte nun die Idee, die jüdische Bevölkerung aus der Diaspora zu befreien und ihr ein sicheres Zuhause zu bieten. 

Mann erkannte die Notwendigkeit einer Reaktion auf die tiefe Verletzung der jüdischen Identität und die völlige Zerstörung der jüdischen Kultur in Europa durch die Nazis. Kai Sina bemängelt in diesem Kontext, dass es sich Mann – bei allem Verständnis für die Lage der Juden – mit dem künftigen Zusammenleben von Juden und Palästinensern zu leicht gemacht habe: „Ein nicht anders als kolonial zu bezeichnendes Denk- und Begriffsmuster übernimmt die Regie (…)“.

Inzwischen hat die Geschichte ihren Gang genommen. Im 21. Jahrhundert scheint die Vision eines friedlichen Zusammenlebens von Juden und Muslimen in der Region in weite Ferne gerückt. Die beteiligten Konfliktparteien werfen sich gegenseitig Vernichtungsphantasien und Extremismus vor. Die Lage ist aus politischer und menschlicher Sicht trostlos. Die Auseinandersetzung mit dem Werk Thomas Manns verhilft immerhin dazu – gerade den in Deutschland lebenden Muslimen – die geistigen Hintergründe der Entwicklung besser zu verstehen.

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Die Aktualität von Sarajevo

sarajevo

Immer wieder beeindruckend ist die Hauptstadt Sarajevo – vor allem, wenn man sich für den Islam in Europa interessiert. Die bosnische Metropole verändert, erinnert und inspiriert den Gast.

(iz). Zu den schönsten Büchern in der Welt der Reiseliteratur gehört zweifellos „Die italienische Reise“ von Johann Wolfgang von Goethe. Der Schriftsteller erklärt darin nichts weniger als den eigentlichen Sinn des Reisens. Beinahe zwei Jahre lang reflektierte er in Oberitalien, Rom, Neapel und Sizilien die Natur, die Kunst und die Menschen, denen er auf seinem Weg begegnete.

Er erwartete von seiner Reise in die Fremde eine Veränderung, eine Metamorphose seiner Persönlichkeit. Die Sehnsucht nach seinen (griechischen) Idealen versuchte er stets zu aktualisieren, weil ihm bewusst war, dass er in Weimar in einer anderen Raumzeit lebt. Seine Inspiration war es, nach der Rückkehr, seine Erkenntnisse in eine neue Alltäglichkeit einfließen zu lassen.

Ein Besuch in Sarajevo ist fruchtbar

Mit dieser Absicht der Aktualisierung ist ein Besuch in Bosnien fruchtbar. Immer wieder beeindruckend ist die Hauptstadt Sarajevo – vor allem, wenn man sich für den Islam in Europa interessiert. Blickt man von den Bergen auf die Stadt, erzählt die lokale Architekturgeschichte, mit ihren, wie an einer Perlenkette aufgereihten Manifestationen, vom Leben und Schicksal der Menschen. In der Stadt erlebt man eine einmalige Gastfreundschaft und wird schnell Teil eines gelassenen Lebensstils.

Nach den Schrecken des Bosnienkrieges in den 1990er Jahre wahrlich keine Selbstverständlichkeit. Die Metropole verändert, erinnert und inspiriert den Gast. Und selbstverständlich mahnt die Geschichte des Landes den aktiven Austausch mit den Nachbarn zu suchen, gerade wenn sie anderen Kulturen oder Konfessionen angehören.

Die Ghazi-Husrev-beg-Moschee, Mittelpunkt der osmanisch geprägten Altstadt, mit ihren für alle Besucher offenen Türen, wirkt wie eine Einladung in einen geistigen Innenraum, der das bunte Treiben der Gassen vergessen lässt. Man darf nicht vergessen, dass der sakrale Raum Teil einer größeren Anlage ist. Die Infrastruktur rund um das Gebäude besteht aus öffentlichen, sozialen und ökonomischen Einrichtungen.

Bosnien

Gebetsruf zum Abendgebet und Fastenbrechen in Sarajevo, Bosnien. Foto: Ammar Asfour

Das Phänomen der Stiftungen

Es ist das Phänomen der Stiftungen, das die höheren Absichten der Muslime bezeugt. Im Moscheemuseum lese ich das Testament des Ghazi-Husrev-beg aus dem Jahr 1531. Es ist ein Aufruf zur Großzügigkeit, ein Bekenntnis zum Sinn und Zweck der Stiftungen, die auf Dauer angelegt sind und ausdrücklich der politischen Einflussnahme oder Instrumentalisierung entzogen werden. Der Gründer lebte in einer anderen, vergangenen Zeit – aber, diese soziale Idee bleibt bestehen. Eine friedliche Gesellschaft ist nur denkbar, wenn den Armen und Bedürftigen ein würdevolles Leben und Zugang zum Wissen ermöglicht wird.

Mich persönlich fasziniert die Konstellation von religiöser, sozialer und ökonomischer Infrastruktur rund um das ehrwürdige Gebäude; ein Zusammenspiel, das die Möglichkeit einer Balance birgt. Hier besichtigt man kein Museum. Man erkennt vielmehr ein Modell, das Muslime und Touristen aus aller Welt daran erinnert, dass die islamische Praxis nicht auf Politik reduziert werden kann. Auf unserer Reise geht es nicht darum, die Vergangenheit zu romantisieren, sondern eher darum, die Grundprinzipien dieses städtebaulichen Ansatzes zu verstehen.

Idealerweise ist eine Moscheeanlage nicht nur ein sakraler, geschlossener Raum. Die Bedürfnisse von Menschen, die nach Sinn und Bedeutung suchen, die Pflege der Nachbarschaft, die Nöte der Armen, die Notwendigkeiten der Reisenden oder der Händler werden ebenso erfüllt. Wie wir diese Aspekte in die moderne Stadtentwicklung des 21. Jahrhundert einfließen lassen, ist eine der wichtigsten Fragen an unsere Intelligenz.

IZ-Autor Prof. Dr. Enes Karic auf einer Pressekonferenz. (Foto: YouTube)

Die Geschichten schreiben die Schriftsteller – eine Begegnung mit Prof. Dr. Enes Karic

Es mag ein Vogel sein, der sanft auf einer Mauer landet. Laub, das der Wind über die Gräber fegt. Ein Blick, eine Geste, die man auf der Straße sieht. Die Phänomene, die uns wirklich treffen, bewegen, zum Staunen bringen oder erschrecken, führen uns in einen Moment der Sprachlosigkeit. Wir suchen nach Worten, um das Reale des Schönen oder Schrecklichen zu beschreiben.

Der Schriftsteller, oder die Schriftstellerin, widmen dieser Suche ihr Leben. Sarajevo ist nicht nur eine Stadt, die Geschichten schreibt, sondern auch ein Anziehungspunkt für all diejenigen, die sie aufschreiben, verstehen und lesen wollen. Manchmal findet man Bücher, oder sie finden uns. So treten wir in einen kleinen Buchladen ein und entdecken ein tiefsinniges Werk von Prof. Dr. Enes Karic: „Lieder wilder Vögel“.

Das Buch über die Rolle der Macht, der Liebe und des Glaubens ist historisch im Balkan des 16. Jahrhunderts angesiedelt und ist gleichzeitig eine Aktualisierung religiöser und philosophischer Fragen. Dabei wird klar, dass es zu keinem Zeitpunkt ideale Verhältnisse gab, wohl aber das Bemühen um Gewissheit, Redlichkeit und die Orientierung an moralischen Grundsätzen. In der Nacht lese ich in dem Werk und staune. Jeder hat seine eigenen Helden, ich bewundere das Vermögen des Schreibenden, dem es gelingt, den Reichtum seiner Erfahrungen zur Sprache zu bringen. 

Am Morgen besuche ich das Literaturmuseum der Stadt, lese einige Biografien von Männern und Frauen, deren Namen für mich fremd klingen. Einige sind vergessen, andere wie der Nobelpreisträger Ivo Andrić berühmt geworden. Sie alle teilen die gleiche Leidenschaft und schreiben, woran sie geglaubt oder nicht geglaubt haben. Allein die Qualität ist der Maßstab: Ein Ungläubiger, der gut schreibt, wird den Gläubigen nicht verunsichern, sondern nur anregen, sein Wissen zu erweitern und noch tiefer zu glauben. 

Man lernt eine andere Perspektive nicht kennen, wenn man sich mit den niedrigsten Ausdrucksformen dieser Kultur beschäftigt. Deswegen lohnt die Beschäftigung mit den Denkern und Dichtern, die in der Lage sind, die andere Sicht, ihre Erfahrungen auf höchster Ebene mitzuteilen. Das heißt nicht, dass man die jeweilige Quintessenz unbedingt teilt, sondern ist Ausdruck, dass man die harte Arbeit im Steinbruch der Wörter respektiert. Leben und leben lassen, als Bedingung der Möglichkeit des friedvollen Umgangs mit den Anderen, basiert nicht auf der Substanzlosigkeit, sondern ist das Ergebnis der Einsicht, dass Menschen unterschiedliche Geschichten erleben.

Diese Unterschiede zu erfahren und nachzuvollziehen, schafft keine Unsicherheit über die eigene Identität, sondern endet vielmehr mit einem Zugewinn für die eigene Substanz. Oft lese ich zum Beispiel die Werke Andersdenkender und erkenne in ihnen die Umschreibung des ersten Teils unseres Glaubensbekenntnisses.

Seit 2014 hat die Gazi-Husrev-beg-Bibliothek ein neues Zuhause. (Foto: O. Dikbakan

Islam ist ein Meer des Wissens

Der Islam ist ein Meer des Wissens. Wir besuchen das Museum der 1537 gegründeten Gazi Husrev-Beg-Bibliothek mit ihrer Sammlung von zehntausenden Büchern. Das älteste vorhandene Manuskript ist eine Abschrift aus dem Jahr 1105 des „Ihya’ Ulum ad-Din“ von Abu Muhammad Al-Ghazali. Darüber hinaus gibt es unzählige Werke in bosnischer, arabischer, persischer und osmanischer Sprache. In dem modernen Gebäude sehe ich aus der Ferne Studenten, die über ihren Schätzen sitzen und ihrem Wissensdrang nachgehen. Was studieren Sie? Es sind unendliche Möglichkeiten.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“, ist eine der Einsichten, die wir Sterblichen, die nur über sehr bescheidenes Wissen verfügen, gerne wiederholen. Es sind die Gelehrten, auch die begnadeten Schriftsteller, die uns Zeit sparen können, uns helfen und an ihren Erkenntnissen teilnehmen lassen. Treffen wir sie persönlich, dann ist ein sicheres Zeichen der gelungenen Vermittlung, dass wir verändert aus der Begegnung kommen.

Foto: Paul Katzenberger | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die Zeit des Kriegs

Ein anderes, wichtiges Kapitel in dieser Stadt beschreiben Bücher, die den Verlauf des Krieges in den 1990er Jahren nachzeichnen. Sie handeln vom Unglaublichen, von ehemaligen Nachbarn, die zu Feinden werden, von Verbrechen, von Heldentaten, von der Hoffnung und der Verzweiflung. Viele dieser Bücher wurden unter Tränen geschrieben und schaffen eine Erinnerungskultur, die in Zeiten des aufkeimenden Nationalismus in Europa, wie eine Mahnung wirken.

Jeden Abend, wenn wir aus der Altstadt hoch hinauf in die Berge in unsere Unterkunft wollen, benutzen wir ein Taxi. Die Gilde hat sich gut abgesprochen, es gilt ein Einheitspreis, der nicht zu verhandeln ist. Auf der Strecke entwickeln sich interessante Gespräche über Land und Leute. Beeindruckend ist zum Beispiel die Fahrt mit einer freundlichen Taxifahrerin, die sehr gut Deutsch spricht.

 Als junge Frau, während des Krieges, lebte sie zwei Jahre in Deutschland und kehrte später zurück. Es war eine harte Zeit, seufzt sie. „Ich hatte schreckliches Heimweh und Angst um meine Eltern, die weiter in Sarajevo lebten.“ Ich frage sie, ob sie es für möglich hält, dass sich die schrecklichen Ereignisse eines Tages wiederholen könnten. „Ja, ich glaube das. Wir alle glauben das“, antwortet sie mit einem gequälten Lächeln, das ein Achselzucken begleitet. In ihrem melancholischen Ausdruck spiegeln sich gleichzeitig Sorge und Schicksalsergebenheit. 

Wir sprechen über ihre ökonomische Lage. Sie beklagt sich, dass ihre gut ausgebildeten Kinder kaum Arbeit finden. Wir verstehen: Welche Mutter hat schon gerne, dass ihre Lieben die Heimat verlassen? Und sie deutet etwas an, das wir in unseren Gesprächen mit Slowenen, Kroaten und Bosniaken öfters hören: „In Jugoslawien waren die Verhältnisse bescheiden, aber immerhin gab es keine so extremen sozialen Unterschiede.“

Wir glauben nicht, dass es sich hier um Nostalgie handelt, oder gar um eine Sehnsucht nach der Rückkehr des Kommunismus. Die Botschaft ist einfacher: Es gibt in dieser Region nicht nur ökonomische Gewinner, sondern auch Armut und Zukunftsängste. Diese Phänomene – und nicht nur in dieser Region – sind immer der Nährboden für politische Unruhestifter.

Wir verabschieden uns herzlich von der Frau und das Gespräch wirkt nach. Am nächsten Morgen besuchen wir die Markthalle in Sarajevo. Hier sitzen Frauen vor ihren Ständen mit Obst und Gemüse, sie wirken gelangweilt. Die Geschäfte scheinen schleppend zu laufen und es ist ruhig an diesem Morgen. In der Ecke des Marktes sehen wir die Spuren des Einschlages einer Granate. Am 5. Februar 1994 waren hier viele Menschen gestorben. Wie bei jedem Krieg, kann man sich als Außenstehender nicht vorstellen, was eine Belagerung über so lange Zeit und das Leben in ständiger Todesgefahr bedeutet. Man kann hier eigentlich nur schweigend verweilen.

Gründe für einen gesunden Optimismus

Gott sei Dank gibt es gute Gründe für einen gesunden Optimismus. Keine Frage, das Land entwickelt sich: In vielen Städten in Bosnien sieht man Neubauten, moderne Geschäftshäuser und neue Straßen. Neben dem pulsierenden Leben entdeckt man noch immer die Narben vergangener Tage an den alten Häusern. Man lernt hier, dass der Frieden etwas Wertvolles ist und dass man diese Zeit nutzen muss, um Brücken zu schlagen. Selbstredend gesellt sich zu dieser Praxis die Verpflichtung, den Nationalismus und jedes andere Extrem abzulehnen. Die Existenz von Moscheen, Synagogen und Kirchen erzählen von einer Tradition: die Kunst des Zusammenlebens auf engstem Raum. Das ist etwas, was man aus Bosnien mit nach Hause nimmt.

Der Schriftsteller Dzevad Karahasan schrieb in seinem Buch „Die Schatten der Städte“ allgemein gültige Sätze über seine Heimat: „In Sarajevo ist die kulturelle Identität (…) unverbrüchlich mit einer Art sozialen Unbehagens verbunden, weil der soziale Kontext des Menschen in Sarajevo ständig daran erinnert, dass die Welt voll von andersartigen Leuten ist, dass sein Glaube nur einer von vielen ist, dass er und alles Seine nur eine von unzähligen Möglichkeiten im Ozean der göttlichen Allmacht sind.“

Für den bosnischen Denker hängt es vom Charakter und Erleben des Menschen ab, ob er in dieser Situation eine Chance, eine Verpflichtung zum gegenseitigen Kennenlernen oder eine Gefahr sieht. Diese Herausforderung, ein Klima des von gegenseitigem Respekt getragenen Miteinanderseins zu schaffen, stellt sich heute in allen Städten Europas. Zur Aktualisierung historischer Erfahrung gehört es, sich an die gelungenen und gescheiterten Versuche der Geschichte zu erinnern.

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Reiseblog Westbalkan: Geschichten in und aus Sarajevo

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IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Sarajevo ist eine Stadt, die Geschichte schreibt und Geschichten aufschreibt.

(iz). Es mag ein Vogel sein, der sanft auf einer Mauer landet. Laub, das der Wind über die Gräber fegt. Ein Blick, eine Geste, die man auf der Straße sieht. Es sind Phänomene, die uns wirklich treffen, bewegen, zum Staunen bringen oder erschrecken, führen uns in einen Moment der Sprachlosigkeit. Wir suchen nach Worten, um das Reale des Schönen oder Schrecklichen zu beschreiben. Der Schriftsteller oder die Schriftstellerin widmen dieser Suche ihr Leben.

Sarajevo ist nicht nur eine Stadt, die Geschichten schreibt, sondern auch ein Anziehungspunkt für all diejenigen, die sie aufschreiben, verstehen und lesen wollen. Manchmal findet man hier Bücher, oder sie finden uns. So trete ich in einen kleinen Buchladen ein und entdecke ein tiefsinniges Werk von Professor Enes Karic: Lieder wilder Vögel

Das Buch über die Rolle der Macht, der Liebe und des Glaubens ist historisch im Balkan des 16. Jahrhunderts angesiedelt. Es ist gleichzeitig eine Aktualisierung religiöser und philosophischer Fragen. In der Nacht lese ich darin und staune. Jeder hat seine eigenen Helden. Ich bewundere das Vermögen des Schreibenden, dem es gelingt, den Reichtum seiner Erfahrungen zur Sprache zu bringen.

Fotos: Autor

Am Morgen besuche ich das Literaturmuseum in der Stadt, lese einige Biografien von Männern und Frauen, deren Namen fremd klingen. Einige sind vergessen, andere wie der Nobelpreisträger Ivo Andrić berühmt geworden. Sie alle teilen die gleiche Leidenschaft und schreiben, woran sie geglaubt oder nicht geglaubt haben.

Allein die Qualität ist der Maßstab: Ein Ungläubiger, der gut schreibt, wird den Gläubigen nicht verunsichern, sondern nur anregen, sein Wissen zu erweitern und noch tiefer zu glauben. Oft lese ich solche Werke und erkenne ihn ihnen die Umschreibung des ersten Teils unseres  Glaubensbekenntnisses.

Ein anderes Kapitel in dieser Stadt beschreiben Bücher, die den Verlauf des Krieges in den 1990er Jahren beschreiben. Sie handeln von Unglaublichem, von ehemaligen Nachbarn, die zu Feinden werden, von Verbrechen, von Heldentaten, von der Hoffnung und der Verzweiflung. Viele diese Bücher wurden unter Tränen geschrieben und schaffen eine Erinnerungskultur, die in Zeiten aufkeimenden Nationalismus, wie eine Mahnung wirken. Sie müssen immer wieder gelesen werden.

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Hamburger LiteraturAG: Narrative und das Versprechen der Moderne

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Texte einer LiteraturAG von muslimischen Akademikern aus Hamburg (2) zum Thema: Narrative und das Versprechen der Moderne. (iz). Narrative sind en vogue und omnipräsent. In jedem Diskurs, mehr und mehr […]

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Sehnsucht nach Mekka. Die Hadsch in der Literatur

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Mekka und Medina haben jahrhundertelang Reisende und Autoren in aller Welt fasziniert. Das schlug sich auch in Büchern nieder. „Wir rasten durch Mekka in japanischen Taxis. Wir führten internationale Ferngespräche. […]

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Palästinensische Literatur vor und nach der Nakba

Palästinensische Literatur

Palästinensische Literatur war vor und nach der Nakba eine wichtige Ausdrucksform dieses Volkes zwischen Schmerz und Hoffnung. (The Conversation). Wenn eine Gesellschaft Unterdrückung und Trauma erlebt, hilft die Literatur den […]

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Emine Sevgi Özdamar mit Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet

Berlin/Darmstadt (KNA/iz). Die türkisch-deutsche Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar (76) hat am 5. November in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erhalten. Die Auszeichnung ist mit 50.000 Euro dotiert, wie die Akademie am gleichen Tag mitteilte.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) erklärte dazu in Berlin, als „sprachmächtige, meisterhafte Erzählerin“ habe Özdamar mit ihrem hochpoetischen Sound die deutsche Literatur um neue, andere und überraschende Perspektiven bereichert. Die Autorin sei eine wichtige Vermittlerin zwischen den Kulturen.

Der Preis gilt als der bedeutendste deutsche Literaturpreis. Finanziert wird die seit 1951 erliehene Auszeichnung von der Staatsministerin für Kultur und Medien, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie der Stadt Darmstadt. Zu den Preisträgern gehören unter anderen Marie Luise Kaschnitz (1955), Max Frisch (1958), Ingeborg Bachmann (1964), Günter Grass (1965) und Christa Wolf (1980).

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Geschichten und Geschichte. Notizen aus der Welt der Sprache

„Sprache ist nicht nur Mittel zum Zweck der Kommunikation. Sie ist eine Möglichkeit, die Welt zu erlernen. Sie sich zu eigen zu machen; nicht in einem rohen und barbarischen Akt […]

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