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IZ-Reiseblog: Belgrad – eine Schule des Perspektivwechsels

IZ-Reiseblog Belgrad

IZ-Reiseblog: Belgrad bleibt für manche wegen ihrer Geschichte und Gegenwart eine Stadt mit Vorbehalten – der Text fragt, ob sich dieser Blick vor Ort verändert.

(iz). Ehrlich gesagt, wir haben länger überlegt, ob wir Belgrad besuchen sollen. Überzeugt hat uns eine freundliche Dame, die uns einen Stellplatz am Rande der Stadt zur Verfügung stellt.

Nach der Begrüßung erzählt sie von der Stadt, nennt uns ihre Lieblingsplätze und berichtet einiges aus ihrem Leben. Ihr Mann, sagt sie traurig, leide an gebrochenem Herzen. Wir können uns vorstellen, dass dieser Befund für viele Menschen in der Region gilt – aus den unterschiedlichsten Gründen.

Die Bilder, die man von Belgrad im Kopf hat, stammen meist aus zweiter Hand: aus Nachrichtenarchiven der neunziger Jahre, aus Reiseberichten, die vor allem von Beton, Verkehrslärm und Nachtleben erzählen, aus dem diffusen Gefühl, hier ende Mitteleuropa und beginne etwas Unübersichtliches.

Belgrad war für uns zunächst eine Zwischenstation, kein Ziel. Wir ändern spontan unseren Reiseplan, um diese Stadt zu erkunden.

Die Annäherung beginnt schon auf der Busfahrt hinein. Freundlicherweise sind die öffentlichen Verkehrsmittel hier kostenlos. Durch das Fenster sehen wir keine homogene Metropole: Wir fahren durch Vorstädte mit kleinen Läden, betrachten mitteleuropäische Fassaden des 19. Jahrhunderts, staunen über sozialistische Monumentalität und entdecken dazwischen neue Glasfronten und Rohbauten, die teilweise wohl seit Jahren auf ihre Vollendung warten.

Belgrad wirkt nicht wie eine Stadt aus einem Guss, sondern wie ein offenes Archiv, in dem jede Epoche ihre eigene Spur hinterlassen hat. Gerade diese Ungleichzeitigkeit macht den ersten Eindruck so stark.

Man fährt nicht einfach in eine Hauptstadt hinein, sondern in eine Landschaft aus Geschichte, Bruch und Überlagerung. Von Wien oder Budapest unterscheidet sich Belgrad genau darin: Wo dort ein geschlossenes historisches Stadtbild dominiert, zeigt Belgrad seine Brüche offen — und darin liegt sein architektonischer Reiz.

Fotos: Autor

Eine dieser Schichten kennen wir schon, bevor wir sie sehen. Wer sich zuvor mit dem Mythos Jugoslawien und mit Tito beschäftigt hat, erkennt in Belgrad das Material, aus dem dieser Mythos gebaut wurde. Der Bus streift die weiten Blocks von Neu-Belgrad, jene rasterhafte Stadt auf dem ehemaligen Sumpfland zwischen Save und Donau, die nach dem Krieg als sozialistische Zukunft entworfen wurde: Wohnen, Arbeiten, Verwalten in großen, klaren Strukturen.

Heute wirken diese Blocks weder heroisch noch verfallen, sondern schlicht bewohnt — Wäsche auf den Balkonen, Kioske, Kinder, die auf den Rasenflächen spielen. Die Utopie ist Alltag geworden, und das ist vielleicht ihr ehrlichstes Nachleben. Im Süden der Stadt, in Dedinje, liegt das Haus der Blumen mit Titos Grab, ein Ort, der einmal Pilgerstätte war und heute Museum ist.

In der Innenstadt setzen sich diese Erfahrungen fort. Der Weg ins Künstlerviertel Skadarlija führt in einen Stadtraum, der bis heute das Bild des bohemienhaften Belgrad bewahrt: Kopfsteinpflaster, Weinranken, Lokale, in denen abends live gespielt wird. Mitten darin eine alte Brauerei, die heute als Kulturzentrum dient.

Historisch war die Gasse ein Treffpunkt von Schriftstellern, Malern, Schauspielern und Musikern, und sie gilt noch immer als Symbol des literarischen und künstlerischen Lebens der Stadt. Dort steht auch der Sebilj-Brunnen, eine Kopie des berühmten Brunnens aus der Baščaršija in Sarajevo und ein Geschenk Sarajevos an Belgrad.

Dass man in diesem Belgrader Künstlerquartier auf ein Motiv trifft, das zugleich zu Sarajevo gehört, ist mehr als eine pittoreske Beobachtung. Es ist ein stilles Zeichen dafür, dass sich die Städte des ehemaligen Jugoslawiens nicht sauber voneinander trennen lassen, weil ihre kulturellen Formen, Erinnerungen und Symbole ineinander übergehen.

Im Zentrum flanieren wir die Knez Mihailova hinunter, die große Fußgängerachse der Stadt. Zwischen den üblichen Ketten fallen uns gleich mehrere gute Buchläden auf, hell, gut sortiert und gut besucht. Buchhandlungen sind nie nur Verkaufsorte. Sie sind Indikatoren eines Geisteslebens, sichtbare Zeichen dafür, dass eine Stadt sich nicht im Konsum erschöpft, sondern Räume für Denken, Lesen und Widerspruch offenhält.

Fotos: Autor

In Belgrad wird genau das spürbar: eine Stadt, die nicht nur von Geschichte gezeichnet ist, sondern sie fortwährend interpretiert. Die Regale öffnen andere Zugänge zur Wirklichkeit als der bloße Blick auf Fassaden und Monumente. Sie zeigen, dass zu jeder sichtbaren Stadt eine unsichtbare Welt aus Texten, Deutungen und Erinnerungen gehört.

In einem dieser Läden finden wir das Buch von Srđan Ristić: „Yugoslavia: Utopia or Inspiration?“ Der Fund wirkt fast programmatisch. Ristić beschreibt Jugoslawien nicht eindimensional, sondern als vielschichtiges historisches Gebilde, das sich nur verstehen lässt, wenn geopolitische, religiöse, soziale und kulturelle Perspektiven zusammengedacht werden.

Er erzählt von der Rolle der Serben in den Jugoslawienkriegen, von der Opposition im Land, vom Widerstand gegen Milošević und von der Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten. Er versucht sich an einer Bilanz der Verantwortung, die den eigenen Anteil nicht herunterspielt, aber letztlich keine der Ethnien des Vielvölkerstaates vollständig entlastet.

Eindrucksvoll ist daran vor allem die Bereitschaft, die Perspektive des Anderen mitzudenken: keine apologetische Selbstentlastung, aber auch keine bloß moralische Selbstanklage, sondern der Versuch einer Einordnung, die Schuld nicht leugnet und Geschichte zugleich in größere Zusammenhänge stellt.

Für eine Reiseerfahrung in Belgrad ist das exemplarisch. Auch die Stadt erschließt sich nur, wenn man lernt, mehrere Perspektiven gleichzeitig auszuhalten. Sicher, ob der Frieden von Dauer sein wird, sind sich Autoren wie Ristić nicht.

Die serbische Literatur ist für die europäische Moderne wichtig, weil sie europäische Formen nicht bloß übernimmt, sondern sie mit einer eigenen Erfahrung von Vielvölkerraum, Geschichte und Zerfall konfrontiert. Darin liegt ihre Kraft: Sie erweitert die Moderne um den südosteuropäischen Blick auf Einheit, Identität und Verletzbarkeit. Ihr zentraler Beitrag ist die literarische Verarbeitung von Geschichte.

In ihr trifft, so hat man es einmal zugespitzt, die beste Literatur des 20. Jahrhunderts auf dessen verheerendste Geschichte. Das ist deshalb bedeutsam, weil europäische Moderne nicht nur Fortschritt, Urbanität und Formexperiment bedeutet, sondern auch Katastrophe, Krieg und die Krise des Humanen. Die serbische Literatur bringt diese dunkle Seite der Moderne mit besonderer Deutlichkeit zum Ausdruck.

Hier kommt Ivo Andrić ins Spiel, dessen Bücher überall verkauft werden. Er ist vielleicht die wichtigste literarische Figur für ein solches Bewusstsein. Andrić steht selbst in einem Spannungsfeld: zwischen Bosnien und Serbien, zwischen Herkunftsraum und literarischer Form, zwischen imperialer Vergangenheit und südslawischer Moderne.

Gerade deshalb ist er für die Region so zentral. Er zeigt, dass Identität auf dem Balkan selten einfach und nie monologisch ist. Bosnien erscheint bei ihm als Grenzraum, in dem Religion, Imperium, Gewalt und Erinnerung ineinandergreifen; Serbien ist dabei nicht bloß Gegenpol, sondern jener kulturelle und sprachliche Raum, in dem diese Erfahrung literarisch gefasst wird.

In „Die Brücke über die Drina“ wird das an einem einzigen Bauwerk durchgespielt: Eine Brücke verbindet und trennt, sie überdauert Reiche und bezeugt zugleich deren Gewalt. Andrić macht sichtbar, dass Geschichte nicht nur in Archiven oder politischen Reden lebt, sondern in Erzählformen, die Ambivalenz festhalten können. Liest man diese Werke als Muslim, mag man manchen Deutungen widersprechen; von der großen Erzählkunst profitiert man dennoch.

Überhaupt liegt darin für uns die tiefere Rolle der Literatur. Schriftsteller liefern nicht einfach Fakten, sie verschieben Wahrnehmung. Sie ersetzen die eigene Wahrheit nicht, sondern relativieren, brechen und erweitern sie.

Gerade in einer Stadt wie Belgrad, die architektonisch, historisch und politisch aus widersprüchlichen Schichten besteht, wird Literatur zu einem Organ der Bewusstseinserweiterung.

Sie zeigt, dass jede nationale und jede persönliche Perspektive nur partiell ist und erst im Gegenüber Kontur gewinnt. Reisen bedeutet dann nicht mehr bloß Ortswechsel, sondern die Bereitschaft, andere Deutungen der Welt an sich heranzulassen.

Fotos: Autor

Dass wir uns in Belgrad, im Hier und Jetzt, wohlfühlen, hat allerdings weniger mit Geschichte zu tun als mit der Atmosphäre der Stadt. Die Cafés sind mittags voll, und niemand wirkt, als müsse er gleich weiter. Man sitzt draußen, raucht, redet, bestellt nach zwei Stunden noch einen Kaffee; die Bedienungen sind direkt, nicht unfreundlich, und die Preise erinnern daran, dass wir nicht mehr in Mitteleuropa sind.

Wer nach dem Weg fragt, bekommt eine Antwort und meist noch eine Empfehlung dazu. Am Abend riecht es in den Seitenstraßen nach Grill, aus offenen Fenstern kommt Musik, und die Stadt füllt sich mit einer Selbstverständlichkeit, für die man anderswo Anlässe braucht.

Es ist diese Beiläufigkeit, die unsere Skepsis am schnellsten aufgelöst hat: Belgrad muss niemandem gefallen wollen, und gerade deshalb ist es angenehm, hier zu sein.

Am späten Nachmittag sitzen wir auf einer Bank im Kalemegdan, dort, wo der Park in die Mauern der Festung übergeht. Hier öffnet sich der Blick auf die zwei Flüsse, die unterhalb der Bastion ineinanderfließen: Save und Donau. Ein stilles Panorama, und doch wirkt es wie konzentrierte Geopolitik.

Die Save kommt aus dem Westen, aus dem alten jugoslawischen Raum; die Donau bringt die große mitteleuropäische Erzählung mit. Hier berühren sich Balkan und Kontinent, Ost und West, ohne dass einer den anderen auflöst.

In dieser Perspektive versteht man, warum von Schicksalsflüssen die Rede ist. Über diese Wasser sind Heere gezogen, Grenzen verschoben, Waren und Ideen gewandert. Jetzt liegen sie ruhig da, als hätte die Geschichte sich zurückgezogen, um nur noch als Landschaft aufzutreten.

Und doch ist dieses Schweigen trügerisch: Die Stadt hinter uns, die Festung, die Flüsse vor uns — alles ist getränkt mit Vergangenem, das nicht mehr laut, aber auch nicht verschwunden ist. Man sitzt da und spürt, dass man sich auf einer Schwelle befindet, nicht nur geographisch, sondern existenziell.

Von derselben Bank aus sieht man allerdings noch etwas anderes. Am Save-Ufer, dort wo früher Bahngleise, Lagerhallen und das halb verfallene Viertel Savamala lagen, wächst seit einigen Jahren Belgrade Waterfront: Wohntürme, Promenade, Einkaufszentrum, dazwischen der Kula Belgrade, das höchste Gebäude des Landes.

Das Projekt wird von einem Investor aus den Emiraten entwickelt und ist in der Stadt umstritten. Seine Befürworter verweisen auf ein Ufer, das jahrzehntelang brachlag und heute begehbar ist, auf Investitionen, Arbeitsplätze und eine Adresse, die Belgrad international sichtbar macht.

Seine Kritiker halten dem entgegen, dass Verfahren und Verträge wenig transparent waren, dass hier eine Preisklasse entsteht, die für die meisten Belgrader unerreichbar bleibt, und dass eine Stadt mehr ist als ihre Skyline; Proteste hat es über Jahre gegeben.

Überall auf dem Balkan ist das Gefälle zwischen Arm und Reich spürbar, und es besteht wenig Hoffnung auf Besserung. Uns fallen vor allem die Nahtstellen auf: Man geht wenige Minuten und wechselt von abblätterndem Putz in polierten Stein.

Damit schließt sich für uns ein Kreis, der bei Neu-Belgrad begonnen hat. Auch das Waterfront ist ein Entwurf davon, wie Zukunft auszusehen habe, nur dass die Ordnung heute nicht mehr nur vom Staat kommt, sondern auch vom Kapital.

Die eine Utopie versprach Gleichheit und lieferte Wohnblocks, in denen heute ganz normal gelebt wird; die andere verspricht Anschluss und liefert Türme, in die man erst einmal hineinkommen muss.

Wem Belgrad künftig gehört, ist keine Frage, die sich an einem Reisetag beantworten lässt. Aber man sieht, dass sie gestellt wird — und dass die Stadt sie nicht an ihrer Oberfläche versteckt.

So verdichtet sich unser Tag in Belgrad zu einer Art Synthese: die Busfahrt durch die Schichten der Stadt, die Blocks von Neu-Belgrad, das Künstlerviertel mit dem Sarajevoer Brunnen, die Entdeckung der Buchläden, der Fund von Ristićs Buch, die gedankliche Präsenz von Autoren wie Andrić, der Blick auf den Zusammenfluss und auf die Türme am anderen Ufer. Alles verweist auf dasselbe Motiv: dass unser Reisen dort beginnt, wo unsere Wahrnehmung mehrstimmig wird.

Unsere anfängliche Skepsis war, das wissen wir am Abend, kein Urteil über Belgrad, sondern eines über unsere eigenen Vorurteile. Die Stadt ist nicht schön im gefälligen Sinn, sie ist rau, ungleichzeitig, an manchen Stellen unfertig.

Aber sie ist lebendig. Belgrad erscheint uns am Ende nicht als Ziel, sondern als Schule des Perspektivwechsels: als Stadt, in der man lernt, die eigene Wahrheit durch die Wahrheit des Anderen ergänzen zu lassen. Wir sind skeptisch angekommen und mit dem Vorsatz abgereist, wiederzukommen.

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Weibliche Perspektiven des Fastens

weiblich Zeit Iftar

Weibliche Perspektiven werden besonders im Ramadan angesprochen: Passives Mitgefühl müsse in aktiven Beistand und Unterstützung münden, denn „das Fasten hat auch soziale Ziele.

(iz). ls ich alt genug war und zu fasten begann, ging die Sonne gegen 16.00 Uhr unter. Man könnte sagen, das war Fasten deluxe. Trotzdem habe ich damals meine Mutter alle zehn Minuten aufgesucht, um meinen Hunger zu beklagen.

Irgendwann hatte sie genug: Ich faste ja freiwillig. Also, wenn ich jammern wolle, solle ich lieber mein Fasten brechen. Und wenn ich es für sie täte, anstatt für Allah, könne ich immer noch heimlich etwas essen. Sie hat wohl gewusst, dass ich damit auf einen Schlag begreifen würde. Sie hatte vollkommen recht. Seitdem faste ich ganz anders. Oder sagen wir, seitdem faste ich.

Ein weiblicher Blick auf den Ramadan

Mariem Dhouib war islamische Gelehrte, Lehrerin und Mitbegründerin von Madrasah e.V. Sie riet einmal dazu, sich vor dem Ramadan zu besinnen und mit den eigenen Absichten auseinanderzusetzen. „Wir müssen uns vorher im Klaren sein“, erklärt sie, „welchen Sinn unsere Handlungen haben sollen, und für wen wir sie verrichten. Sprich: Wer ist Allah, wer bin ich, und wie ist unsere Bindung?“.

Denn das Fasten ist eine ganz besondere Form des Gottesdienstes, „eine verdeckte Ibadah”. Wer fastet, hat von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang nichts zu sich genommen, obwohl er genügend Gelegenheiten dazu hätte, sich jenseits der anerkennenden Blicke seiner Mitmenschen dem Fasten beispielsweise durch einen Schluck Kaffee zu entziehen. Das Fasten ist also frei und geheim – und damit einzig und allein für Allah.

„Die mehrheitliche Meinung der Gelehrten besagt, dass die wertvollste Nacht im Jahr, Lailat-ul-Qadr, auf die letzten zehn Tage des Ramadans fällt. In diesem Monat, der der einzig namentlich erwähnte im Qur’an ist, wurde das Wort Allahs erstmalig herabgesandt“, erklärt Mariem Dhouib. 

Der Prophetengefährte Salman Al-Farisi hat überliefert, dass der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, am letzten Tag von Scha’ban sagte:

„O Menschen, ihr seid beschattet von einem großartigen und gesegneten Monat, ein Monat, in dem sich eine Nacht befindet, die besser als eintausend Monate ist. Allah machte das Fasten in diesem Monat zur Pflicht und machte das Beten in der Nacht zu einer freiwilligen Handlung. Wer auch immer in ihm versucht, Allah durch eine gute Tat näher zu kommen, wird wie jemand belohnt, der eine Pflicht (zu einer anderen Zeit) erfüllte. Wer auch immer eine Pflicht in ihm ausführt, wird wie jemand belohnt, der siebzig Pflichten (zu einer anderen Zeit) erfüllte. Er ist der Monat der Geduld (Sabr) und der Lohn der Geduld ist das Paradies. Er ist der Monat der Spende. Er ist der Monat, in dem die Versorgung eines Gläubigen vermehrt wird.“

Dies sei der Grund, weshalb Muslime mit „Allahuma baligh’na Ramadan“, so Dhouib, darum beten, den Ramadan zu erleben. Wir würden so daran erinnert, „dass die Erntesaison des Jahres, welches die Gelehrten auf zwei Hälften teilen, uns nicht selbstverständlich gewährleistet wird“. Die Begründung hierfür ist die Vergänglichkeit des Lebens.

Die Zeit nach dem Fasten

Wie sieht das Jahr nun für den Muslim aus? Nach dem Fastenmonat besteht unsere Aufgabe darin, „die Früchte des Monats – die guten Taten – aufrechtzuerhalten“. Wobei die besten Taten die fortwährenden, die regelmäßigen sind, „auch wenn es wenige sind“, so Dhouib. In den Monaten vor Ramadan kann manch ein „Energietank“ aufgebraucht sein, manch regelmäßige, freiwillige Guttat wird vielleicht nicht mehr verrichtet.

„Da ist es ratsam, sich vorzubereiten; die klugen Leute warten nicht erst auf den Ramadan, um Änderungen und Umstellungen zu machen.“ Im Monat der Vergebung, dem Radschab, und im Scha’ban, dem Monat des Propheten, „befassen wir uns spätestens mit unserer Beziehung zu Allah, unseren Absichten und dem Sinn unserer Handlungen.

Islam Sadaqa Solidarität Nächstenliebe

Foto: Shutterstock

Wer die Zeit vor Radschab verpasste, sollte den Radschab nicht verpassen. Wer Radschab verpasst hat, sollte Scha’ban nicht verpassen. Und wer auch Scha’ban verpasst hat, sollte schließlich Ramadan nicht verpassen“.

Auch die Propheten vor Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, haben die Botschaft des Fastens an ihre Völker herangetragen. „Unsere nichtmuslimischen Mitmenschen kennen diese Enthaltsamkeit also meist schon“, wenn auch in anderer Form.

Ob es für den Muslim eine besondere Verantwortung in diesem Monat gibt, wollte ich von ihr wissen. „Ich bin Botschafter Muhammads, das ist nicht anders als sonst, und zwar auf die beste Art und Weise. Durch Großzügigkeit, Sanftheit, Barmherzigkeit – durch meinen Charakter“, lautet die Antwort der Gelehrten.

Passives Mitgefühl mit Bedürftigen müsse in aktiven Beistand und Unterstützung münden, denn „das Fasten hat sowohl individuelle, als auch soziale Ziele. Das Prinzip der Solidarität und Geschwisterlichkeit der Muslime ist im Islam tief verankert. Wenn Bindungen im Laufe des Jahres Schwäche oder Schaden erfahren haben, ist es im Monat des Qur’ans an der Zeit, sie zu bereinigen und Versöhnung zu veranlassen.“

Foto: jahmaica, Adobe Stock

Als Beistand gelte, so Mariem Dhouib, natürlich auch die Wohltätigkeit; wie das Spenden einer Mahlzeit zum Fastenöffnen, selbst wenn es nur durch eine Dattel oder einen Schluck Milch erfolge.

Allerdings warnt die Gelehrte davor, Zusammenkünfte und soziale Kreise dazu zu nutzen, durch unprofessionelle Debatten – etwa über die richtige oder falsche Anzahl der Einheiten des freiwilligen Tarawwihgebets – für Spaltung zwischen den Menschen zu sorgen. Zu zweifelhafter und weitverbreiteter Schwarz-Weiß-Malerei wünscht sie sich daher Distanz.

Ramadanstimmen

Foto: Pexels/Thirdman

Ich möchte von ihr wissen, was denn individuelle Ziele des Fastens sein könnten. „Taqwa, zum Beispiel“, lautet ihre Antwort. Das werde oft mit „Gottesfurcht“ übersetzt, es ist aber viel mehr. Durch das Fasten als Akt der Anbetung von Allah übt sich der Hungernde in Aufrichtigkeit, die sich nicht nur auf den körperlichen Verzicht beschränkt, sondern ganzheitlich wirkt.

Sie nennt noch weitere Aspekte: „Sabr (Geduld) in den grundlegendsten Bedürfnissen walten lassen, Selbstkontrolle erlernen und mit wenig gut zurechtkommen.“

Das Fasten ist also Kopfsache und rückt den Fokus vom Körperlichen hin zur höher gestellten Seele. „Natürlich ist es wichtig, im Monat des Qur’ans diesen auch viel zu lesen. Worum es aber immer geht, ist, den Qur’an zu leben.“

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Salma Chbib über Syrien 2024: „Wir haben einen anderen Zugang“

salma chbib syrer

Die Deutschsyrerin Salma Chbib spricht über Perspektive auf die Ereignisse in Syrien, ihre Emotionen und was sie sich für die Zukunft erwartet.

(iz). Am 8. Dezember floh Baschar Al-Assad aus Syrien nach Russland. In Syrien und in Deutschland feierten syrischstämmige Menschen auf den Straßen. Was denken Deutschsyrer über das Ende des Regimes und was erhoffen sie sich für die Zukunft? Hierzu sprachen wir mit Salma Chbib. Sie kam als Tochter einer syrischen Familie zur Welt. Die Unternehmerin und Mutter ist Gründerin des Frauennetzwerkes „Raidat“, wo sie sich für die Stärkung von Frauen in Business und Gesellschaft einsetzt. Unter anderem betreibt sie einen Onlineshop.

Islamische Zeitung: Liebe Salma Chbib, sie sind in einer syrischen Familie zur Welt gekommen. Wie haben Sie die Gewalt in Syrien seit 2011 sowie die jetzigen Umwälzungen erlebt?

Salma Chbib: Seit ich auf der Welt bin, habe ich immer das Gefühl gehabt, dass etwas Böses passiert. Es waren Emotionen der Ohnmacht und der Frustration. Ich musste erfahren, dass andere ihre Großeltern, Tanten und Cousins besuchen können, man selbst aber nicht. Als ich fragte, warum wir unsere Familie in Syrien nicht sehen durften, erklärte unser Vater es kindgerecht. Ich wuchs mit der Traurigkeit auf, wegen eines Tyrannen von meiner Familie getrennt zu sein.

Als 2011 der syrische Frühling begonnen hat, waren wir erst einmal voller Hoffnung. Und hatten die Erwartung, dass es aufwärts gehen würde. Dann wurde der Konflikt schlimmer. Die anfänglich friedlichen Demonstrationen wurden gewaltsam niedergeschlagen. Danach sind so viele Dinge geschehen. Aufgrund dieser extremen Lage schwand die Hoffnung weiter. Irgendwann hat sich ein Gefühl der Taubheit eingestellt.

Als Mensch in der Diaspora bot der Alltag immer Momente der Ablenkung. Man hat hier ein Leben in Sicherheit, etwas zu Essen usw. geführt. Und zwischendurch Augenblicke des schlechten Gewissens gehabt, wenn man Freude empfand, denn die Geschehnisse in Syrien nahmen immer Raum in unserem Herzen ein. Die Lage war so verzweifelt angesichts der Tatsache, dass russische und iranische Kräfte Assad so vehement unterstützten.

Hinzukamen die Lage und das Leid, das schon vor 2011 herrschte. Man hatte sogar im eigenen Haushalt Angst, etwas gegen das Regime zu sagen. Bereits kleinen Kindern wurde beigebracht, dass die Wände Ohren haben. Das war ein Schmerz. Zusätzlich dazu kamen die Ereignisse der Revolution. Wir haben Angehörige in der Familie verloren, wofür das Regime verantwortlich war. Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühle wuchsen, bis Herz und Hirn sie nicht mehr tragen konnten. Wenn wir uns abgelenkt haben, dann einfach deshalb, weil man sich damit nicht jeden Tag befassen kann. Und dann hat sich das Blatt gewendet.

Seit 1965 in Deutschland

Islamische Zeitung: Ihre Familie lebt seit über einem halben Jahrhundert in Deutschland…

Salma Chbib: Ja, mein Vater kam 1965 für sein Studium nach Deutschland. Wie viele andere Studenten hatte er den Traum, später in seine Heimat zurückzukehren. Aber damals stellte er sich schon offen gegen das Assad-Regime. Von Deutschland aus führte er seinen Widerstand nicht mit Waffen, sondern mit seiner Feder – mit seinen Worte, Schriften und seinem öffentlichen Auftreten, deckte er die Gräueltaten der Assad-Familie auf.

Islamische Zeitung: Sie haben als Deutschsyrerin eine spezifische Perspektive. Worin unterscheidet sich diese von Menschen, die 2015/2016 kamen?

Salma Chbib: Ja, das sind schon unterschiedliche Blickwinkel. Wir haben einen anderen Zugang. Und haben einen anderen Schmerz – den des Verlustes. Diejenigen, die 2015 gekommen sind, wurden traumatisiert. Ich habe mich mit einer Reihe von Leuten unterhalten, die ich nach ihrer Ankunft betreut habe. Viele haben Gefechte erlebt, Leichen gesehen, Todesangst verspürt und sind aus ihrem Zuhause geflohen. Sie haben all das Schreckliche am eigenen Leib gespürt. Unser Schmerz war ein anderer. Wir haben ein Land verloren, in das man nie gehen durfte und das man nicht kennenlernen konnte. Alle hatten den gleichen Traum: ein freies Syrien ohne Assad, ohne Angst und Schrecken. Wir teilen ein Trauma, erfuhren aber unterschiedliche Schmerzen.

Islamische Zeitung: Einige Syrer haben uns in den letzten Jahren mitgeteilt, in Deutschland wegen der Präsenz von Geheimdienstmitarbeitern vorsichtig sein zu müssen…

Selma Chbib: Für mich war das kein Thema. Vor 2011 war man vorsichtiger, danach nicht mehr. Das war das Mindeste. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir den Mund aufmachen mussten. Hier waren wir sicherer als in Syrien.

Für mich war es grausam zu wissen, dass solche Personen hier frei herumliefen. Ich kannte Leute in meinem Zirkel, die die Ereignisse verharmlosten und mit Assad sympathisierten. Er gab sich ja immer als gebildeter Menschen, der nett und schüchtern lächelte. Dabei war er ein Beispiel für einen der schlimmsten Diktatoren, der Verbrechen am eigenen Volk verübte. 

Das hat es mir schwer gemacht, mit solchen Leuten umzugehen. Da hatte ich keine Hemmungen, mit Worten dagegenzuhalten. Es war meine Pflicht gegenüber den Verstorbenen in Syrien, und jenen, die nach Deutschland fliehen mussten. Sie ließen ihr Leben, ihr Hab und Gut sowie ihre Familie hinter sich.

syrien Debatte

Foto: Zerophoto, Adobe Stock

Bilder des Jubels

Islamische Zeitung: Syrer in aller Welt haben die Befreiung mit Jubel begrüßt. Wie blicken Sie auf die nahe und mittlere Zukunft Syriens?

Salma Chbib: Natürlich sorgen wir uns darum, was kommen könnte. Das würde kein Syrer verneinen. Vielmehr würde er sagen: Alles ist besser als das Assad-Regime. Wenn wir jetzt betrachten, was nach Befreiung der Foltergefängnisse ans Tageslicht kam. Das sind Geschichten, die das Gehirn nicht erträgt. Ich weiß nicht, wie die Menschen das ertrugen. Man sieht Gebrochene, die am Ende sind. Mir ist es wichtig für den Heilungsprozess, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Ich wünsche mir das für alle, die in den Gefängnissen saßen und Folter erlitten, dass solche Täter nicht frei herumlaufen dürfen.

Die Dinge müssen demokratisch ablaufen. Ich will ein freies Syrien, in dem sämtliche Ethnien gleichberechtigt sind. So waren wir immer, bis das Regime die Menschen gegeneinander ausspielte. Wir sind ein aufgeschlossenes, freundliches Volk. Christen und Muslime lebten gut miteinander. Die Syrer werden zeigen, dass sie sich nicht mehr von Diktatur und Angst bestimmen lassen.

Das haben sie in den letzten Jahren gezeigt. In Nachbarländern, in Deutschland sind viele NGOs entstanden. Sie setzen sich für die Menschen und die Zivilgesellschaft ein. Das belegt, dass das Volk für sich einstehen und demokratisch sein kann. Ich hoffe darauf, dass Syrien ein demokratisches Land wird, wo alle Ethnien zusammenhalten und friedlich nebeneinander leben können.

Islamische Zeitung: Wie nehmen Sie die Debatte mancher Politiker wahr, die im Augenblick der Befreiung die Rückführung von Syrern forderten? Wollen die meisten zurück oder hier bleiben?

Salma Chbib: Ich möchte das mit einer persönlichen Bemerkung einleiten. Ich bin hier geboren und fühle mich als Deutsch mit syrischen Wurzeln. Syrien selbst habe ich nie richtig kennenlernen dürfen. Nach dem Sturz Assads wächst ein neues Gefühl, das mir vorher unbekannt war; eines von Heimat. Viele Syrer haben dieses Wort in Gesprächen immer wiederholt. Das ist ein unglaublich starkes Gefühl der Verbundenheit. Ich würde auch sehr gerne dorthin gehen.

Andererseits glaube ich, dass viele an ihre Sicherheit, Familien, Chancen etc. in Deutschland denken. An all das, was wir hier haben. Die meisten dürften abwarten, wie es weitergeht. Wahrscheinlich werden es jüngere Männer oder Frauen sein, die als erste gehen werden. Und die das Land wieder aufbauen werden. Syrien ist ein schönes Land und seine Menschen sind auch schön.

Was die deutsche Debatte betrifft, so ist sie sehr überheblich. Man kann nur mit dem Kopf schütteln angesichts der Stimmen, die jetzt über Abschiebung geredet haben. Deutschland ist auf die Syrer angewiesen. Für das Gesundheitssystem wäre die Rückkehr Tausender Ärzte eine Tragödie. Was soll denn passieren, wenn die alle weg wären? Es ist unglaublich, was hier an politischer Kultur herrscht.

Islamische Zeitung: Liebe Salma Chbib, wir bedanken uns für das Gespräch.