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IZ-Reiseblog: Bosnien und die Transzendenz

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Bosnien ist mehr als Kulisse für Wasserfälle, Berge und alte Steine. Unser Reiseblog folgt der Suche nach Transzendenz: zwischen Visokos Pyramidenmythos, den Stećci, Moscheen und einer Natur, die Spiritualität verspricht — aber ihre Geschichte nicht verschweigen darf.

(iz). Wir stehen im Regen am Eingang zu den Ravne-Tunneln bei Visoko und beobachten Menschen mit der ernsten Erwartung jener, die nicht bloß etwas besichtigen, sondern etwas empfangen wollen. Was erwarten Sie?

Manche suchen Heilung, manche Energie, manche lediglich die Möglichkeit, für einen Moment in eine größere Zeit einzutreten. Über ihnen liegt die Visočica, jener bewaldete Hügel, den der Geschäftsmann Semir Osmanagić 2005 zur „Pyramide der Sonne“ erklärte.

Die Anlage soll älter als die ägyptischen Pyramiden, höher als die Cheops-Pyramide, Zeugnis einer verschollenen Zivilisation von vor zwölf- oder gar dreißigtausend Jahren sein. Nur, die Archäologie sieht darin keine Pyramide. Anerkannte Geologen und Archäologen beschreiben die Formation als natürlichen Hügel, als Resultat von Sedimenten, tektonischer Hebung und Erosion.

Die European Association of Archaeologists verurteilte das Projekt scharf als Pseudowissenschaft und warnte davor, dass die Grabungen tatsächlich vorhandene mittelalterliche und römische Spuren beschädigen könnten.

Jenseits dieser Vorwürfe denken wir über die merkwürdige Bedeutung von Visoko nach: Die Pyramiden sind nicht deshalb interessant, weil sie eine unbekannte prähistorische Religion bezeugen würden. Sie sind interessant, weil sie zeigen, wie sehr die Gegenwart nach einer solchen Religion verlangt.

Die Hügel von Visoko sind ein Labor der modernen Sakralität. Hier verbindet sich der Wunsch nach Ursprünglichkeit mit Wellness, Esoterik, Tourismus und einer tiefen Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Nüchternheit. Die Besucher wollen nicht getäuscht werden; sie wollen berührt werden.

Sie suchen eine Welt, die nicht bloß wissenschaftlich erklärbar ist, sondern antwortet. In den Tunnelgängen, in den Erzählungen von kosmischen Energien und der Beschreibung von heilenden negativen Ionen, die sich im Netz verbreiten, in der Aura des angeblich uralten Bauwerks entsteht eine Erfahrung, die sich religiös anfühlt, auch wenn sie keiner Offenbarungsreligion und keiner kirchlichen Institution verpflichtet ist.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Der Wunsch nach einem Bosnien vor Bosnien

Bosnien und Herzegowina ist ein Land, in dem Religion nicht nur geglaubt, sondern sichtbar wird. Minarette steigen über die Dächer kleiner Städte. Kirchtürme, orthodoxe Kuppeln und Klöster markieren Landschaften, Straßen und Horizonte.

In Sarajevo stehen Moscheen, Kirchen und Synagogen in einer historischen Nähe, die Reiseführer gern als Signatur des Zusammenlebens feiern. Und doch kann diese Nähe täuschen.

Denn jedes dieser Gebäude trägt nicht nur Glauben, sondern auch Erinnerung: an Imperien, Nachbarschaften, Vertreibungen, Zerstörung, Rückkehr und die ungelösten Spaltungen nach dem Krieg.

Wer sich von dieser Geschichte überfordert fühlt, sucht oft nach einer älteren, weniger belasteten Tiefe. Die Bosnische Kirche des Mittelalters, oft vorschnell mit den Bogumilen identifiziert, wird dann zu einem Reservoir dieser Imagination.

In der populären Vorstellung erscheint sie als eine Art ursprüngliches, eigenständiges, vorislamisches Bosnien: weder katholisch noch orthodox, weder serbisch noch kroatisch, noch bosniakisch im heutigen Sinn.

Die Stećci, die mittelalterlichen Grabsteine, geben dieser Sehnsucht ein Gesicht. Sie stehen auf Höhen, in Feldern, am Rand von Dörfern oder unter Bäumen: schwere Kalksteinblöcke mit Rosetten, Monden, Tieren, Reitern, Händen, Kreuzen, Jagdszenen und rätselhaften Ornamenten.

Sie wirken nicht wie dogmatische Monumente. Sie wirken, als seien sie aus der Landschaft selbst hervorgegangen. Gerade deshalb sind sie so verführerisch. Sie erlauben es, ein älteres Bosnien zu imaginieren, das nicht von den politischen Grenzlinien der Gegenwart zerrissen ist.

Historisch ist diese Eindeutigkeit allerdings nicht haltbar. Die Stećci gehören nicht exklusiv einer angeblich „bogumilischen“ Kirche. Die UNESCO beschreibt sie als ein Erbe, das von verschiedenen mittelalterlichen christlichen Gemeinschaften genutzt wurde: von orthodoxen, katholischen und der Bosnischen Kirche verbundenen Bevölkerungen.

Die Grabsteine finden sich zudem nicht allein in Bosnien und Herzegowina, sondern auch in Teilen Kroatiens, Montenegros und Serbiens. Der Stećak ist kein Beweisstück einer nationalen Urgeschichte. Er ist eher ein Monument der Mehrdeutigkeit.

Vielleicht liegt genau darin seine religiöse Kraft. Er verweist auf Tod und Erinnerung, auf Familie und Landschaft, auf Körper und Dauer. Er macht spürbar, dass es Formen der Zugehörigkeit gibt, die älter oder zumindest weniger eindeutig sind als die heutigen ethnokonfessionellen Raster.

Wer zwischen den Grabsteinen steht, begegnet keiner verlorenen „Naturreligion“ und auch keiner sauber rekonstruierbaren Häresie. Aber man begegnet einer Vergangenheit, die sich der vollständigen Aneignung verweigert. Das ist bereits eine Form des Sakralen: nicht die klare Antwort, sondern die Erfahrung einer Grenze des Verstehens.

Foto: Shutterstock | Lizenz: Shutterstock, erworben

Die Natur als säkulares Heiligtum

Wer heute durch Bosnien reist, bemerkt noch etwas anderes. Viele Reisende kommen nicht in erster Linie wegen der Moscheen, Kirchen oder Grabsteine. Sie kommen wegen der Flüsse, Berge und Wälder. Wegen der Una und der Neretva, wegen der Karstlandschaften der Herzegowina, wegen abgelegener Täler, tief eingeschnittener Schluchten, einsamer Straßen und der rauen Bergwelt.

Der Balkan erscheint ihnen als letzter Rest eines wilden Europas: ein Raum, in dem Wasser noch frei fließt, Wege noch nicht vollkommen erschlossen sind und Landschaft nicht vollständig unter touristischer Kontrolle steht. Hier ist ein neuer Tempel entstanden: die Natur. Man sollte das nicht vorschnell als oberflächliche Flucht abtun.

Viele Menschen, die aus den beschleunigten Metropolen Europas kommen, suchen in der Natur keine Ablenkung, sondern eine andere Beziehung zur Welt. Sie wollen nicht nur sehen, sondern wieder hören. Sie wollen nicht nur verfügen, planen, buchen und fotografieren, sondern für einen Moment aus dem Regime der Verfügbarkeit herausfallen.

Hartmut Rosa hat für diese Erfahrung den Begriff der Resonanz geprägt. Resonanz entsteht dort, wo die Welt uns berührt, wo wir ihr antworten können und zugleich anerkennen müssen, dass sie nicht vollständig beherrschbar ist. Rosa unterscheidet dabei horizontale, diagonale und vertikale Resonanzachsen: die Beziehung zu anderen Menschen; die Beziehung zu Dingen, Praktiken und Riten; und schließlich die Beziehung zu etwas, das über das unmittelbare Selbst hinausweist – zu Natur, Kunst, Geschichte, Gott oder Kosmos.

Der moderne Reisende muss dazu nicht an Waldgeister, Quellnymphen oder Berggötter glauben. Anders als historische Naturreligionen, die Landschaft als von Gottheiten und Mächten belebt verstanden, sucht er meist keine konkrete übernatürliche Instanz.

Er sucht eher eine Erfahrung der Einfügung: das Gefühl, nicht als isoliertes Ich einer stummen Welt gegenüberzustehen, sondern in eine größere Ordnung eingelassen zu sein. Das ist säkulare Spiritualität.

Die religiöse Erfahrung ohne Religion braucht weder Dogma noch Offenbarung. Sie ist das Gefühl, dass die Welt mehr ist als Materie und der Mensch mehr als ein Produzent, Konsument oder Nutzer. Der Wasserfall, die Schlucht oder die Abendstille am Rand eines Bergdorfs werden dann zu einem Ersatz-Sanktuarium.

Die Natur verlangt keine ausformulierten Glaubenssätze. Aber sie kann Erfahrungen ermöglichen: Aufmerksamkeit, Demut, Geduld oder Schweigen.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Die Unschuld der Landschaft

Die überwältigende Landschaft Bosniens wird von Touristen heute gern als geschichtslos wahrgenommen. Ein Fluss hat keine Nationalität, ein Berg keine Konfession, ein Wald keine Kriegsschuld. Wer durch ihn wandert, muss keine politische Position beziehen.

Er muss weder die Geschichte des Osmanischen Reichs verstehen noch die Nachwirkungen Jugoslawiens, weder die Belagerung Sarajevos noch die Logik von Dayton, weder Flucht, Massaker, Vertreibung oder Rückkehr.

Die Natur scheint eine Befreiung von all dem zu versprechen. Sakralbauten dagegen sind geschichtlich besetzt. Eine Moschee in einer zerstörten oder wiederaufgebauten Stadt ist nicht bloß ein schönes Gebäude. Eine orthodoxe Kirche ist nicht nur ein architektonischer Stil. Eine katholische Kirche, eine Synagoge, ein Friedhof, eine Brücke: Sie alle können Erinnerungsorte sein.

In dieser Region verlangen sie, dass der Besucher wahrnimmt, was an diesem Ort verloren ging, wem der Ort gehörte, wer vertrieben wurde, wer zurückkehrte und wer heute sichtbar sein darf. Der moderne Naturtourist kann sich dieser Zumutung des Schicksals entziehen. Die Schlucht verlangt keine Kenntnis der Geschichte.

Der Berg stellt keine Frage nach Verantwortung. Der Wasserfall fordert keine Haltung zu ethnischer Gewalt. Seine Schönheit ist unmittelbar und ästhetisch eindeutig. Doch diese Eindeutigkeit ist auch eine Projektion. Maria Todorova hat mit dem Begriff des „Balkanismus“ die westliche Neigung beschrieben, den Balkan als Europas ungezähmtes Anderes zu imaginieren: wild, irrational, rückständig, unübersichtlich und zugleich exotisch verführerisch.

Der zeitgenössische Naturtourismus verwandelt diese alte Abwertung oft in eine positive Sehnsucht. Aus Rückständigkeit wird Authentizität. Aus wirtschaftlicher Peripherie wird „unberührte Wildnis“. Die Reisenden suchen dann nicht Bosnien, sondern eine Fantasie von Bosnien: das letzte freie Europa, die Landschaft vor der Zivilisation und die Erholung vor der Geschichte.

Dabei ist die vermeintliche Wildnis häufig selbst historisch produziert. Entvölkerung, Abwanderung, fehlende Infrastruktur, ökonomische Marginalisierung, Krieg und verspätete Erschließung haben manche Räume weniger dicht bebaut und touristisch weniger standardisiert hinterlassen als andere Teile Europas.

Der Reisende genießt also bisweilen die ökologische und ästhetische Folge jener Brüche, deren menschliche Kosten er nicht sehen möchte. Das heißt nicht, dass man nicht wandern, paddeln oder staunen dürfte. Es heißt nur: Wer die Landschaft als Resonanzraum sucht, sollte ihre Geschichte nicht zum Schweigen bringen.

Wahre Resonanz ist keine komfortable Wellnessbeziehung zur Welt. Sie enthält auch Widerstand. Sie lässt sich stören. Sie hört nicht nur das Rauschen des Flusses, sondern auch die Abwesenheiten in den Dörfern, die Ruinen am Weg, die Namen auf den Friedhöfen und die politischen Schwebezustände, die hinter der touristischen Idylle liegen.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Die alten Religionen in der Gegenwart

Welche Rolle spielen die monotheistischen Religionen in Bosnien heute? Die erste Antwort lautet: eine sehr große. Islam, Orthodoxie und Katholizismus strukturieren weiterhin Alltag, Kalender, Familiengeschichte, Ortsbilder und – nicht zuletzt – politische Zugehörigkeiten.

Die zweite Antwort ist komplizierter: Ihre gesellschaftliche Macht übersteigt oft die individuelle Frömmigkeit. Viele Menschen verstehen sich als Muslime, Orthodoxe oder Katholiken, auch wenn sie selten beten, fasten, eine Messe besuchen oder sich theologisch engagieren. Religion fungiert dann nicht nur als Glaube, sondern als Zeichen der Herkunft.

In Bosnien und Herzegowina fallen ethnische und konfessionelle Kategorien besonders oft zusammen: Bosniaken werden mehrheitlich mit dem Islam, Serben mit der Orthodoxie und Kroaten mit dem Katholizismus identifiziert. Forschungen zur Gegenwart des Landes betonen gerade diese enge Überlappung von ethnischer Zugehörigkeit und religiöser Selbstbeschreibung.

Doch daraus folgt nicht, dass die Religionen lediglich Masken der Nationalpolitik wären. Eine Moschee bleibt für viele Menschen ein Ort des Gebets. Eine Kirche bleibt ein Ort der Liturgie, des Trostes, der Trauer und der Hoffnung. Eine Synagoge bleibt ein Ort von Schrift, Erinnerung und Gemeinschaft.

Wer diese Orte nur als ethnische Markierungen liest, nimmt ihnen jene Erfahrung weg, für die sie gebaut und erhalten wurden.

Sind Moscheen noch Resonanzräume? Ja. Und zwar in einem Sinn, den das touristische Auge leicht übersieht. Der Gebetsruf unterbricht die Zeit des Alltags. Der Gebetsteppich richtet den Menschen aus.

Die Abfolge der Bewegungen, die Rezitation des Korans, das gemeinsame Gebet und die Stille zwischen den Worten ordnen das Leben in eine Beziehung zu Allah ein. Dies ist eine vertikale Resonanzachse: keine diffuse Verbindung mit dem Kosmos, sondern die Antwort auf einen göttlichen Ruf.

Die Erfahrung ist dabei nicht bloß innerlich. Sie ist materiell und sozial. Der Teppich, der Mihrab, das Minarett, die Körper der Betenden, die Zeit des Freitagsgebets: All dies stiftet eine diagonale Resonanz mit Dingen, Praktiken und Räumen.

Die Moschee bringt Menschen zudem horizontal zueinander in Beziehung. Sie ist Ort des Gebets, aber auch der Begegnung, der Nachricht, der Fürsorge, der Trauerarbeit und der Feier. Untergegangen ist das Netzwerk der Stiftungen und der Marktplätze, die den Raum um die Moscheen über Jahrhunderte geprägt und – zum allgemeinen Nutzen – erweitert haben.

Die religiöse Infrastruktur war und ist gerade deshalb politisch so aufgeladen. Während des Krieges von 1992 bis 1995 wurden religiöse Bauten systematisch zerstört. Ihre Vernichtung zielte nicht allein auf Steine, Dächer und Türme, sondern auf die öffentliche Existenz der Gemeinschaften, die sich in ihnen versammelten.

Der Wiederaufbau von Moscheen und Kirchen war deshalb nach dem Krieg mehr als Restaurierung: Er wurde zum Zeichen der Rückkehr, des Rechts auf Präsenz und des Anspruchs, im Raum sichtbar zu bleiben. Das erklärt die Ambivalenz religiöser Architektur im heutigen Bosnien.

Eine wiedererrichtete Moschee kann ein Ort der Andacht sein – und zugleich ein Zeichen dafür, dass eine vertriebene Gemeinschaft zurückgekehrt ist. Ein Kirchturm kann Trost und Kontinuität ausdrücken – und zugleich als territoriale Markierung gelesen werden.

Ein sakraler Bau kann Zugehörigkeit bekräftigen, ohne notwendig Ausgrenzung zu wollen. Aber unter den Bedingungen einer ethnisch fragmentierten Nachkriegsgesellschaft wird er selten völlig neutral wahrgenommen.

Foto: Petr Bonek, Shutterstock | Lizenz: Shutterstock, erworben

Wenn Identität die Erfahrung überlagert

Vielleicht ist Identitätspolitik in Bosnien deshalb so gegenwärtig, weil sie religiöse Erfahrung nicht einfach verdrängt, sondern in Anspruch nimmt. Religion stiftet etwas, das die moderne Politik allein nur schwer herstellen kann: Tiefe.

Sie verbindet Gegenwart mit Herkunft, einzelne Biografien mit den Toten, den Alltag mit Festen, den Wohnort mit einem größeren Sinnhorizont.

Nationalistische Politik weiß um diese Kraft. Sie versucht daher religiöse Zeichen in politische Zeichen verwandeln: Das Minarett wird zur Grenze, das Kreuz zur Besitzanzeige, das Gotteshaus zum Beweis historischer Priorität.

Dann verändert sich die religiöse Erfahrung. Sie muss nicht verschwinden, aber sie wird überlagert. Aus dem vertikalen Verhältnis zu Gott wird ein horizontales Verhältnis zwischen Gruppen – häufig eines der Abgrenzung.  Aus dem Gotteshaus wird eine Fahne aus Stein. Doch gerade hier liegt auch eine andere Möglichkeit.

Denn die religiösen Gemeinschaften des Landes sind nicht nur Träger von Trennung. Sie verfügen über lokale Netzwerke, karitative Praxis, Bildungsarbeit und eine Autorität, die im Alltag stärker verankert sein kann als viele staatliche Institutionen.

Der Interreligiöse Rat von Bosnien und Herzegowina steht exemplarisch für Versuche, diese Autorität in Dialog, Friedensarbeit und Versöhnung zu übersetzen

Ob Religion trennt oder verbindet, entscheidet sich daher nicht abstrakt an ihrem Wahrheitsanspruch. Es entscheidet sich an der Frage, ob sie die Verletzbarkeit des anderen wahrnehmen kann.

Eine Religion, die nur die eigene Erinnerung heiligspricht, wird zur Identitätsmaschine. Eine Religion, die auch die Würde des Nachbarn, die Trauer der anderen und die Vielstimmigkeit der Geschichte hören kann, bleibt ein Resonanzraum.

Bosnien ist deshalb kein Land, in dem die alten Religionen von neuer Spiritualität abgelöst worden wäre. Es ist ein Land, in dem verschiedene Formen des Heiligen nebeneinanderstehen.

Der Einfluss der Gläubigen auf das gesellschaftliche Leben wirkt ungebrochen fort, sie entscheiden mit, ob der Nationalismus zurückkehrt und die allgegenwärtige Korruption bekämpft wird.

Was wir auf unserer Reise gelernt haben: Der moderne Reisende sucht, manchmal auch unbewusst, die Formen der Transzendenz. Er sucht sie im Ritual, in der Landschaft, in der Aura einer Vergangenheit oder im Versprechen einer Energie, die älter sein soll als alle Geschichte.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Suche religiös ist. Sie ist es häufig, auch wenn sie sich nicht so nennt. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welche Welt wollen wir sehen? Eine reine Natur ohne Geschichte? Eine reine Herkunft ohne Mehrdeutigkeit? Eine reine Identität ohne Nachbarn? Oder ein Bosnien, dessen religiöse und landschaftliche Räume gerade deshalb berühren, weil sie keine einfachen Antworten geben?

In diesem Sinn wäre die tiefste Form der Resonanz nicht jene, die den Reisenden beruhigt. Sie wäre jene, die ihn verändert. Wo immer sein Zuhause ist, er wird die Zeichen unserer Zeit bewusster sehen.

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Dieser Ramadan in Berlin

berlin ramadan

Ramadan 2026 in der Hauptstadt. Der US-Berliner Journalist Robert Rigney zieht eine recht persönliche Bilanz.

Berlin (iz). Von 2011 bis 2012 lebte ich in Istanbul. Es war mein letztes Jahr als Nichtmuslim. Seit mehr als einem Jahrzehnt hatte ich über den Islam nachgedacht. Das Leben drehte sich bis dahin um Balkanmusik und abendliches Ausgehen, und doch wusste ich im Hinterkopf, dass der beschrittene Weg nicht der richtige war. Gedanken über den Din drängten sich mir immer wieder auf.

Ich ahnte, dass ich mich eines Tages zum Islam bekehren würde, aber ich war noch nicht bereit. Die Erfahrungen, die ich in Istanbul sammelte, sollten mich schließlich dazu ermutigen, die letzten Schritte zur Annahme des Islam zu gehen. Ich war dort Englischlehrer und unterrichtete an einer Filiale der Berlitz-Schule auf der asiatischen Seite der Stadt. Meine Schüler waren Geschäftsleute aus allen Gesellschaftsschichten. Einige waren nicht religiös, andere schon.

Foto: home for heroes, Shutterstock

Berlitz hat recht strenge Richtlinien, wie Englischunterricht zu gestalten ist, doch für eine spezifische Klasse beschloss ich, die mir auferlegte starre Struktur aufzugeben und stattdessen offene Konversation zu fördern. Das Thema unserer Gespräche drehte sich unweigerlich um Religion, insbesondere um den Islam.

Noch nicht in Berlin: Istanbuler Vorspiel

Der Fastenmonat 2011 fiel damals auf Ende Juli. Vielleicht war es die wohltuende Wirkung der Gespräche mit meinen muslimischen Schülern. Jedenfalls beschloss ich, obwohl noch kein Muslim, am ersten Tag zu fasten, nur um zu sehen, wie es so ist.

Zuvor verbrachte ich die Wochenenden in Taksim, Istanbuls Ausgehviertel auf der europäischen Seite, das voller Meyhanes und Musikclubs ist. Doch der Reiz dieses Kiezes hatte allmählich nachgelassen. Stattdessen wuchs das Interesse am religiösen Viertel Fatih am Goldenen Horn, einem der geschichtsträchtigsten Stadtteile Istanbuls, den mir einige meiner wohlmeinenden Studenten jedoch abzuraten versuchten.

Ich hatte begonnen, mich nahe der Fatih-Moschee aufzuhalten, einem historischen Sultans-Komplex aus dem 15. Jahrhundert, der von Sultan Mehmed II. nach seiner Eroberung im Jahr 1453 in Auftrag gegeben wurde, einen bedeutenden Übergang zur osmanischen Herrschaft markierte und das Grab von Mehmed II. beherbergt.

Dort verbrachte ich den ersten Tag des Ramadan 2012, in und um die Moschee herum, und versuchte, mein Verlangen nach einer Zigarette sowie Hunger- und Durstgefühle zu bekämpfen. Schließlich ging ich zum Iftar in ein kleines türkisches Restaurant vor den Moscheetoren, wo mir ein paar freundliche Muslime alles Gute wünschten und meine Mahlzeit bezahlten.

Ich erinnere mich noch immer an die Herzlichkeit ihrer Begrüßung, als ich mich an ihren Tisch setzte. Muslim zu sein bedeutete, Teil einer großen universellen Bruderschaft zu sein, beschloss ich.

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Foto: Shutterstock

Zurück in Berlin

Als ich etwa fünf Monate später wieder in Berlin war, beschloss ich schließlich, dass die Zeit gekommen war, den Islam anzunehmen. Ich hatte mich nicht aus oberflächlichen politischen Gründen dazu entschlossen, Muslimin zu werden.

Vielmehr entsprang dieser Wunsch aus tiefstem Herzen. Ich sprach meine Schahada und versuchte, wann immer es mir möglich war, die fünf täglichen Gebete zu verrichten. Es dauerte eine Weile, bis mir die volle Bedeutung dieser Pflicht bewusst wurde. Ebenso wie die des Ramadanfastens.

Verzicht während des Monats Ramadan ist eine der fünf Säulen des Islam, und doch hatte ich diese Praxis viele Jahre lang vernachlässigt, nachdem ich Muslim geworden war. Ich musste morgens und abends Medikamente einnehmen, und mir war von wohlmeinenden Hocas und Mitmenschen erklärt worden, dass ich daher von der Fastenpflicht befreit sei.

Dennoch machte es mich traurig, dass ich an dieser wichtigen islamischen Pflicht nicht teilnehmen konnte, und ich fühlte mich von diesem reichen Teil unserer Religion abgeschnitten.

Vor zwei Jahren beschloss ich dann, daran teilzunehmen. Ich schaffte es und nahm mir vor, von da an jedes Jahr zu fasten. Doch erst 2026 begann ich, die volle Bedeutung der Tarawihgebete zu schätzen, jener besonderen nächtlichen Gebete, die während des Ramadan verrichtet werden.

Ein Tarawih in der Hauptstadt

An diesen Gebeten, die nach dem Nachtgebet stattfinden und als Sunna von großer Bedeutung sind, um die spirituelle Verbindung zu vertiefen, hatte ich schon ein paar Mal teilgenommen. Doch damals erschienen sie mir sinnlos und anstrengend. Erst als ich letzten Monat zur Umrah aufbrach, konnte ich die Gnade, die mit ihrer Vollendung einhergeht, voll und ganz würdigen.

Tarwih wird oft gemeinsam in Moscheen verrichtet und fördert so den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Es besteht aus mehreren Rakats, in der Regel zwischen 8 und 20. Der Prophet Muhammad sagte: „Wer während des Ramadan aus Glauben und auf der Suche nach seiner Belohnung zum Nachtgebet steht, dem werden alle seine früheren Sünden vergeben.“

Nach meiner Rückkehr von der Umrah, wo ich mich gemeinsam mit anderen aus meiner Gruppe dem Tarawih in der Masjid al-Haram in Mekka gewidmet hatte, kehrte ich nach Berlin zurück und begann, mich in der Emir-Sultan-Moschee im Berliner Stadtteil Schöneberg diesen Gebeten zu widmen.

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Foto: Muslimische DiaLogen | Rat Berliner Imame

Schulter an Schulter – Ramadan in Berlins Moscheen

In Berlin gibt es mehr als achtzig Moscheen. Die meisten davon befinden sich in den traditionellen Einwanderervierteln der Stadt, wie Neukölln, Kreuzberg und Wedding.

Dort, wo ich wohne, im Bezirk Wilmersdorf, gibt es nur eine, zufälligerweise der älteste noch erhaltene Bau Deutschlands, der in den 1920er Jahren errichtet wurde. Die für mich am günstigsten gelegene ist jedoch die Emir-Sultan-Moschee, eine fünfzehnminütige Busfahrt von meinem Wohnort entfernt.

Die Gemeinschaft, die sich (wie viele in Berlin) im Hinterhof einer ehemaligen Fabrik aus rotem Backstein befindet, ist eine türkisch geprägte. Sie ist benannt nach der gleichnamigen Moschee in Bursa, Türkei, einem osmanischen Komplex aus dem 14. Jahrhundert und bedeutenden Pilgerort, der gegenüber dem Mausoleum von Emir Sultan liegt, einem renommierten islamischen Gelehrten und Berater von Bayezid I.

Im Laufe der Jahre, in denen ich die Gebete in ihr besucht habe, habe ich einige der Stammgäste dort kennengelernt. Es ist immer eine Freude, ihre Gesichter zu sehen. Wir geben und nehmen geistige Kraft voneinander.

Durch ihren regelmäßigen Besuch werde ich immer wieder von der Bedeutung und den Tugenden der Jamaat beeindruckt. Das Gebet in Gemeinschaft gilt als 27-mal lohnender als das Beten allein, wie in zahlreichen Hadithen betont wird.

Man steht Schulter an Schulter, unabhängig von Nationalität und sozialem Status, und entwickelt so ein Gemeinschaftsgefühl. Es wird während des Tarawihs noch verstärkt, wo der gute Geist unserer muslimischen Glaubensbrüder dazu anspornt, einander in Ausdauer und richtigem Handeln zu übertreffen.

Es ist 24 Jahre her, seit ich 2012 den Islam angenommen habe, und im Laufe meiner Zeit als Muslim ist mir bewusst geworden, dass man sich nicht über Nacht vollständig verändern kann.

Spirituelle Reife und Reifung erfolgen schrittweise, in kleinen Sprüngen, über die Jahre hinweg durch die Gnade Allahs. Man kann sie nicht beschleunigen. Dieser Ramadan war für mich jedoch ein besonderer.

Was mit der Umrah in Mekka begann und hier in Berlin fortgesetzt wurde und inshallah bis zu den letzten Tagen des Ramadan andauern wird, wird sich mit der Gnade Allahs über den Rest des Jahres und der kommenden fortsetzen.

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Wie den Ramadan spirituell gehen?

ramadan herzensbildung dhikr

Ramadan ist kein bloßer Monat im Kalender der „Frommen“. Er ist ein Einschnitt in die Zeit selbst: eine von Allah geöffnete Zone, in der sich die Horizonte des Diesseits und des Jenseits einander annähern.

(iz). Wer kurz nach Sonnenuntergang in den Himmel blickt und auf die schmale Sichel wartet, erlebt ein kleines Wunder – nicht, weil sich ein Himmelskörper bewegt, vielmehr da ein Herz bereit ist, sich bewegen zu lassen.

Der andalusische Gelehrte Qadi Abu Bakr ibn Al‑’Arabi deutete den Mondkalender der Muslime als Zeichen dafür, dass ihre Zeitrechnung nicht von der Jagd nach weltlichem Nutzen, sondern von der Ausrichtung auf das Jenseits geprägt ist. Die Sonne ordnet die Arbeitswelt, der Mond das gottesdienstliche Leben. In diesem Licht erscheint er wie eine Schule der inneren Umkehr. Und er ist Prüfstein dafür, wie ernst wir es mit der Reinigung unserer Herzen meinen.

Das Herz im Zentrum

Im Kern dieser Zeit steht nicht der Magen, sondern das Herz. Es ist in der Sprache der klassischen Gelehrten das edelste Organ des Menschen, der Ort von Erkenntnis, Absicht und Liebe. Zugleich ist es der gefährdetste. Der Sinn des Monats, sein inneres Geheimnis, kreist darum, dass es gereinigt, aufgeweckt und neu ausgerichtet wird.

In den Nächten, in denen wir lange im Gebet stehen und dem Qur’an zuhören, verliert die achtlose Zerstreutheit (ghafla) ihre gewohnte Zuflucht. Der Mensch wird daran erinnert, dass Allah die Bewegungen seiner Gedanken und Gefühle kennt, und diese Bewusstheit lässt viele dunkle Regungen beschämt verstummen.

Die traditionelle Literatur zur „Reinigung des Herzens“ – von al‑Ghazali bis zu den Gedichten von Imam Mawlud – liest sich wie ein inneres Handbuch für diesen Monat.

Sie beschreibt Krankheiten, die modernen Menschen nur allzu vertraut sind: Geiz und Selbstbezogenheit, Stolz auf flüchtige Leistungen, übermütige Freude an der Welt, die sich als taube Sicherheit auf ein „später“ tarnt. Dieser Monat konfrontiert uns mit der Frage, ob wir dieser inneren Diagnose wirklich ins Auge sehen wollen – oder ob uns das Ritual genügt, solange es nicht zu nah an die Komfortzonen rückt.

Fasten als Therapie

Mawlud beginnt seine Beschreibung der Herzenskrankheiten mit Knausrigkeit (bukhl). Es ist kein Zufall, dass der Prophet, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, in den Überlieferungen als der großzügigste aller Menschen beschrieben wird, und dass seine Freigebigkeit im Ramadan noch zunahm.

Seine Gefährten verglichen ihn in dieser Phase mit einem Wind, der unaufhörlich Gutes bringt. Dasselbe Fasten, das tagsüber Begehren zügelt, öffnet abends die Hand. Das ist eine symbolische Gegenbewegung zum Reflex, gerade in Zeiten der Entbehrung enger zu werden.

Sadaqa

Foto: Muslimfoodbank.com

Eine weitere Krankheit nennt Lehrer „Batar“. Das ist ein übermütiges Freudentaumeln über die flüchtigen Dinge dieser Welt, das den Menschen blind macht für die Zerbrechlichkeit seiner Lage. Die verpflichtende Enthaltsamkeit setzt hier einen anderen Akzent: 

Der Fastende erfährt ein gegenwärtiges Glück, wenn er bei Sonnenuntergang das Fasten bricht und eine gottesdienstliche Handlung vollendet. Hinzukommt eine zukünftige Freude, die sich auf das Wiedersehen mit seinem Herrn und die bleibende Seligkeit des Paradieses richtet.

Der Monat Ramadan eröffnet zudem ein seltenes Fenster, um tiefe Abneigung und Hass zu überwinden. Wer sich Allah im Zustand der Bedürftigkeit nähert, erlebt oft, wie hartnäckige Ressentiments ihre Selbstverständlichkeit verlieren.

In einer Überlieferung wird betont, dass die beste Sadaqa darin besteht, Versöhnung zwischen Menschen zu stiften. Unterdrückung und Unrecht bleiben im Islam immer verwerflich, doch wer in dieser Spanne bewusst über die Würde und Rechte anderer hinweggeht, verfehlt nicht nur ein Gebot, sondern widerspricht ihrem Geist der Barmherzigkeit.

Eine geheime Tat

Zu den subtilsten Versuchungen gehört die Liebe zum Lob. Die Brillanz des Ramadan liegt darin, dass das Fasten als gottesdienstliche Handlung im Verborgenen geschieht. Man kann einem Menschen ins Gesicht schauen, ohne zu wissen, ob er fastet.

Wo Gebete sichtbar und Spenden messbar sind, bleibt die Enthaltung von Essen, Trinken und ehelichem Verkehr im Stillen. Das ist auch ein Schutz gegen das offene Zurschaustellen der eigenen Frömmigkeit.

Eine der gefährlichsten Krankheiten des Herzens bleibt jedoch die Unzufriedenheit mit dem göttlichen Erlass, die innere Revolte gegen das, was als Geschick geschieht.

Sie entspringt einem Mangel an Zutrauen in die Weisheit und Fürsorge Allahs. Ramadan zwingt uns, dieses Vertrauen einzuüben: Wir verzichten freiwillig auf das Erlaubte, warten geduldig auf das erlaubte Genießen und verlassen uns darauf, dass diese Enthaltsamkeit in Seinen Waagschalen nicht verloren geht.

Aus wachsendem Glauben erwächst eine andere Bereitschaft, die Schicksalsfügungen zu akzeptieren – nicht als passiven Fatalismus, sondern ist eine Haltung, die im Handeln nicht die Illusion der totalen Kontrolle sucht.

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Foto: Sondem, Adobe Stock

Die Zeit als solche

Die ersten Tage ziehen sich für viele in die Länge, als hätte die Zeit selbst an Tempo verloren. Doch nach dieser Anfangsphase beschleunigt sich der Ramadan und ist plötzlich, fast schockartig, vorüber. Seine Struktur – Anfang, Mitte, Ende – spiegelt das menschliche Leben.

Es ist eine Kindheit, die sich wie ein weites Feld anfühlt, ein Erwachsenenalter, in dem sich Jahre zu bündeln scheinen, und ein letztes Drittel, in dem das Bitten um Rettung aus den Strafen des Jenseits dringlicher wird. Der anschließende Feiertag erinnert dann an die Freude der Annahme. Nicht umsonst beten die Wissenden bis zum Schluss um ein angenommenes Fasten.

Imam Al‑Ghazali und viele andere warnen vor der trügerischen Sicherheit eines langen Lebens, das uns angeblich genug Zeit für spätere Umkehr lässt. Die stille Botschaft eines bewussten Ramadan lautet: Niemand besitzt die Garantie, einen weiteren zu sehen. Wer auf einen „besseren Zeitpunkt“ wartet, um sich Allah zuzuwenden, läuft Gefahr, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen.

Disziplin, Geduld und die Logik des Aufschubs

Die Gelehrten der spirituellen Läuterung betonen drei Grundübungen des Fastens: Geduld mit dem Hunger – Trieb zur Selbsterhaltung – und Mäßigung in der Sexualität – Erhaltung der Art. Hinzukommen Selbstdisziplin in allen übrigen, die diesen beiden folgen. Wer die ersten beiden in den Griff kriegt, hat es mit den restlichen Disziplinen leichter.

Interessanterweise bestätigen moderne Sozialwissenschaften, dass die Bereitschaft zum Belohnungsaufschub, um langfristigen Nutzen zu sichern, einer der wichtigsten Indikatoren für weltlichen Erfolg und geistige Reife ist. Aus islamischer Perspektive ist Ramadan eine kollektive Übung in genau dieser Fähigkeit.

Es gibt allerdings einen anderen Horizont: Belohnungsaufschub zielt nicht nur auf bessere Gesundheit, Arbeitsdisziplin oder finanzielle Stabilität, sondern auf die dauerhafte Nähe Gottes. Der größte Dienst, den ein Mensch leisten kann, besteht darin, die Begierden seiner Glieder zu kontrollieren und die ihm gegebenen Fähigkeiten dankbar im Gehorsam gegenüber dem Geber einzusetzen.

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Foto: ademmm, Deviantart

Kein Automatismus

Bei allem liegt eine Warnung wie ein Kommentar über dem Monat: Nichts geschieht mechanisch. Allah hat die Welt nicht als Ort eingerichtet, an dem Früchte ohne Anstrengung wachsen. Jeder Gewinn wie Sein Wohlgefallen verlangt Mühe, bewusste Entscheidungen sowie ein Mindestmaß an innerer Wachheit. Ramadan kann, bei aller Heiligkeit, zu dreißig recht leeren Tagen verkommen, die in der Jahreschronik kaum Spuren hinterlassen.

Die leicht beängstigende Frage lautet: Was hat der Ramadan an mir sichtbar verändert, das sich nicht im bloßen Abhaken von Ritualen erschöpft? Hat sich mein Verhältnis zu Geld spürbar verschoben – von der Angst, zu kurz zu kommen, hin zu Großzügigkeit? Habe ich konkrete Schritte zur Versöhnung unternommen, statt nur abstrakt „Vergebung“ zu beschwören? Habe ich die Zunge diszipliniert, die Blicke gesenkt, meine digitale Gegenwart gesäubert? Oder verlässt mich der Monat so, wie ich vorher war?

Ein Monat als Angebot und als offene Tür

Ramadan gleicht einer barmherzigen Tür in die Zeit, die sich öffnet und wieder schließt. Niemand kann sicher sein, ob er sie im nächsten Jahr erneut hindurch gehen darf. Wer den Monat ernst nimmt, investiert in die Dinge, die im islamischen Verständnis dauerhaft Ertrag bringen: nützliches Wissen, anhaltende Gottesdienste, stabile Familienbande, Gebete und versteckte oder offene Wohltätigkeit, die in den Aufzeichnungen der Engel erscheinen wird.

Die eigentliche Herausforderung liegt darin, die Logik dieses Monats in den Rest des Jahres mit zu übernehmen. Wenn Fasten nur ein saisonales Projekt bleibt, das pünktlich mit dem Neumond beginnt und endet, verfehlt man seinen Charakter als Schulung.

Wer jedoch auch nach dem Feiertag bewusst kleine Elemente dieser Schule weiterführt – regelmäßige Portionen Qur’an, freiwillige Fastentage, eine freundlichere Zunge, zusätzliche Routinen des Gebets –, hat begonnen, aus dieser Ausnahmezeit eine neue Grundorientierung seines Lebens zu machen.

In diesem Sinn ist der Fastenmonat weniger ein einmaliges Ereignis als ein Prüfstein: Er zeigt uns, wie ernst wir es mit dem Verlangen nach einem reinen Herzen tatsächlich meinen. Und wie viel wir zu investieren bereit sind, um jenem Wunsch Gewicht zu geben.

* Unter Verwendung von „Ramadan: The Soul’s Delight“, Zaytuna College, 2026.

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Ramadan 2026: Imam Al-Ghazali zur Spiritualität des Fastens

Fasten Dimension Fastenmonat

Imam Al-Ghazali hat umfangreich über alle Dimensionen des Dins geschrieben. So auch zur Spiritualität des Fastens. Es ist wichtig anzumerken, dass es drei Abstufungen des Fastens gibt: das gewöhnliche, das […]

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Imam Al-Ghazali: Einige Wunder des Fastens

Al-Ghazali

Es gibt laut Imam Al-Ghazali verschiedene Stufen des Fastens. Die unabdingbare Grundlage stellt der Verzicht auf handfeste Dinge und Handlungen dieser Welt dar, wie Essen, Trinken, Sex, Rauchen, Streit etc. […]

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Von der Demut des Geistes

spirituell jüngst Demut

Zwischen Demut und spiritueller Arroganz: Wie können wir unser Selbst praktisch überwinden, um Allah näher sein? (Traversing Tradition). Muslime sind oberflächlich mit dem Konzept der spirituellen Demut vertraut. Die Älteren […]

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Die Spiritualität des Ramadan entdecken

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Durch die Gunst Allahs befinden wir uns bald wieder im Monat Ramadan. Es ist eine gesonderte Phase im Jahr, in der die Teufel angekettet sind und die Tore des Himmels […]

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Transzendenz und TikTok

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Themenschwerpunkt über soziale Medien und ihre Folgen: Reflexionen über den Trend zur Manifestation auf TikTok und seine Differenz zu echter Spiritualität. (Renovatio Magazine). Was bedeutet es, etwas zu „manifestieren“ oder […]

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Ein Versuch über Kafka

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Lassen sich Verbindungen zum muslimischen Denken bei Franz Kafka herstellen? Ein Versuch zum 100. Todesjahr des Schriftstellers. (iz). Franz Kafka war einer der bedeutendsten Vertreter der deutschsprachigen Literatur. Er wurde […]

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Spiritualität in der kreativen Gestaltung

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Spiritualität und Kreativität: Ali Hussain untersucht die Verbindung von Sufismus und dem künstlerischen Werk. (iz). Von „islamischer Kunst“ ist oft die Rede – von aufwendigen Bildbänden über Ausstellungen bis hin […]

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