Vom spirituellen Nutzen der Pilgerfahrt

pilgerfahrt

Die Pilgerfahrt nach Mekka bedeutet auch eine authentische Transformation der Beteiligten. Dafür braucht es die richtige Einstellung.

„Und rufe die Menschen zur Pilgerfahrt. Laß sie zu dir kommen zu Fuß und auf allen möglichen flinken Reittieren, aus den fernsten Gegenden. Damit sie Nutzen erfahren können.“ (Al-Hadsch, 25-26)

(iz). Abu Huraira sagte: „Ich hörte den Gesandten Allahs sagen: ‘Wer auf die Hadsch nur um Allahs willen geht und weder Geschlechtsverkehr hat noch Übles tut, der wird im gleichen Zustand zurück kehren wie seine Mutter ihn geboren hat.“ (al-Bukhari)

Foto: SPAENG

Die Pilgerfahrt – zum Herrn der Welten

„Die Hadsch ist die Demonstration der Wirklichkeit, dass im Islam alle Wege zum Hause Allahs führen, wo Nationalität, Herkunft und unterschiedliche Doktrien hinweg geblasen werden. Die Hadschis kommen fliegend, segelnd und auf dem Landweg. Aber wer sie auch sein mögen, woher sie auch kommen und wie immer sie kommen, sie werden nur von einer Sache und nur zu einem Punkt angezogen: ihrem Verlangen, Allah an Seinem Haus anzubeten und die Rituale der Hadsch zu vollziehen. Von dem Augenblick, in dem der Hadschi seinen Weg mit der Absicht, die Pilgerfahrt zu vollziehen, beginnt, ist die Reise des Pilgers auf eine gewisse Weise nicht seine eigene, denn er macht die gleiche Sache wie Millionen andere auch. Und doch ist es wiederum seine ganz eigene, denn in dieser großen Versammlung wird er in der Entfaltung seines eigenen, ungeteilten Schicksals alleine im Angesicht seines Herren stehen. Er wird zu einem von vielen ­Elementen des Schmelztiegels Mekka, wo die große Gestaltung der muslimichen Gemeinschaft stattfindet, wo alle Teile unter den intensivsten Bedingungen zusammengeschmissen und vermischt werden, um dann schließlich wieder getrennt zu werden und anders nach Haus zurückzukehren, als sie es verlassen haben.“

Ich habe diese Worte aus einer Beschreibung eines meiner Freunde, ‘Abdalghadur Mould, entnommen, der sie 1976 nach seiner Rückkehr von der Hadsch geschrieben hat. Wir alle haben Leute nach deren Rückkehr von der Hadsch getroffen und werden unserer Erfahrung nach ‘Abdalghafur zustimmen, dass niemand unverändert zurück gekommen ist.

Foto: Archiv

Nutzbringende Transformation

Es ist genau diese Veränderung, in der der Nutzen liegt, von dem Allah ta’ala in dem zitierten Ajat gesprochen hat. Bei einigen Hadschis ist der Wandel nur oberflächlich und der Glanz verschwindet schnell und binnen kurzer Zeit sind sie genauso, wie sie vorher gewesen sind.

Andere jedoch kommen vollkommen verändert wieder; ihr Leben hat eine neue und bedeutungsvollere Qualität erhalten. Dies sind diejenigen, die der Prophet meinte, als er von Neugeborenen sprach. Für sie ist die Hadsch wie ein neuer Anfang in ihrem Leben.

Der Unterschied zwischen beiden Gruppen liegt zuerst in dem, was wir vorher betrachtet haben: der Absicht. Zweitens in dem, was Allah in einem anderen Ajat sagt, nämlich dass es der Taqwa bedarf, um die Handlungen der Hadsch wirklich bedeutungsvoll zu machen.

Es ist nicht ausreichend, nur passiv an den Riten teilzunehmen und mit der Menge wie der Samen der Pusteblumen fortgeweht zu werden. Ihr müsst etwas von euch selbst mitbringen und das ist die „Taqwa“ – furchtsames Bewusstsein von der Gegenwart Allahs.

Die Rituale sind nicht magisch, d.h. dass sie nicht automatisch einen Nutzen für denjenigen haben, der sie vollzieht. Sicherlich gibt es große Baraka darin, die vom Alter dieses Göttlichen Befehls [der Hadsch] stammen und von den Milliarden von Muslimen, die an ihr während der Jahrhunderte teilgenommen haben. Aber der Nutzen, den ihr selber daraus ziehen werdet ist direkt abhängig von der Menge eurer Taqwa, die ihr mitbringt.

Maqam von Imam Dschunaid al-Baghdadi. (Foto: Wikiwand)

Der Hadschi und Imam Dschunaid

Vielleicht die verständlichste Aussage, die jemals über die innere Dimension der Hadsch gemacht wurde, stammt von Dschunaid al-Baghdadi, dem großen Rechtsgelehrten und Sufi des dritten islamischen Jahrhunderts. Ein Mann kam zu Dschunaid und dieser fragte ihn, woher er gekommen war. Er antwortete ihm, dass er gerade von der Hadsch gekommen war.

Dschunaid fragte diesen Mann: „Von der Zeit an, als du dein Haus verlassen hast, hast du auch alle falschen Handlungen hinter dir gelassen?“ „Nein“, antwortete der Mann. „Dann hast du sie nie wirklich hinter dir gelassen. Hast du bei jedem Halt eine weitere Stufe deines Weges zu Allah genommen?“

„Nein“ kam als Antwort.

„Dann hast du dich nicht wirklich auf die Reise gemacht. Als du deinen Ihram [rituelle Bekleidung während der Hadsch] beim Miqat [dem festgelegten Ort, an dem der Hadschi in den Ihram geht] anlegtest, hast mit deiner normalen Kleidung auch die Eigenschaft deiner Selbstheit abgelegt?“

Wiederum verneinte der Mann die Frage. „Dann hast du nicht wirklich den Ihram angelegt.“

„Als du den Tawaf der Ka’aba gemacht hast, hast du die Schönheit von Allah in der Heimstätte der Reinigung bezeugt.“ „Nein, das habe ich nicht getan“, so der Mann. „Dann hast du nicht wirklich Tawaf gemacht. Als du den Sa’i gemacht hast, erreichtest du den Rang von Safa (Reinheit) und Muruwwa (Tugend)?“

„Nein.“

„Dann warst du nicht beim Sa’i. Als du dich auf den Weg nach Mina machtest, verringerten sich deine Muna (Begierden).“

Wieder verneinte der Mann die Frage.

„Dann bist du niemals nach Mina gegangen. Als du in ‘Arafa standest, erlebtest du einen einzigen Augenblick der Ma’rifa (direktes Wissen) von Allah.“

„Nein“, entgegnete der Mann.

„Dann hast du in Wirklichkeit nicht in ‘Arafa gestanden. Als du die Nacht in Muzdalifa verbrachtest, hast du deine Gelüste auf diese Welt aufgegeben?“

„Nein, das habe ich nicht“, sagte der Mann zu Dschunaid. „Dann warst du nicht wirklich in Muzdalifa. Als du die Dschamra gesteinigt hast, hast du alles von dir abgeworfen, was zwischen dir und deinem Herren steht?“

„Nein.“

„Dann hast du nicht wirklich gesteinigt. Als du dein Opfer machtest, hast du dein niederes Selbst Allah angeboten?“

Wiederum verneint der Mann.

„Dann hast du nicht wirklich geopfert und die Wahrheit ist, dass du die Hadsch überhaupt nicht korrekt vollzogen hast. Kehre um und verrichte die Hadsch noch einmal auf die Art und Weise, die ich dir beschrieben habe, so dass du schließlich den Maqam von Ibrahim erreichen wirst.“

Offensichtlich können wir dies nicht wörtlich nehmen, aber auf was seine Worte sehr deutlich hinweisen ist, das es ein innere Dimension der Hadsch gibt.

Zur gleichen Zeit ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Imam Dschunaids Worte keinen Gegensatz zwischen Innen und Außen beinhalten bzw. irgend eine Art von innerer Bedeutung, die von der äußeren Form getrennt sein könnte.

Sie zeigen eher, dass jeder äußere Akt bei der Hadsch eine korrespondierende und untrennbare innere Wirklichkeit besitzt, ohne die sie nicht als vollkommen betrachtet werden kann.

Genauso wie ein Ei ohne Eiweiß und Dotter genau genommen kein Ei mehr ist, sondern bloß dessen Schale. Dies ist das Element des Ihsan, welches der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, als integraler Bestandteil des Din in seinem berühmten Ausspruch, der von ‘Umar ibn al-Khattab überliefert wurde, erklärte.

Ihsan, so sagte er, ist ­„Allah anzubeten, als ob ihr Ihn sehen könnt, denn auch wenn ihr Ihn nicht sehen könnt, so sieht Er euch.“ Das Bewusstsein von Allah ta’ala, welches dem vorausgeht, ist genau jene Taqwa, die Allah von uns im Zusammenhang mit den Ritualen der Hadsch verlangt. Ohne dieses Element wird unsere Hadsch sicherlich mangelhaft sein und wir können die versprochene große Belonung nicht erwarten.

Foto: Hasan Hatrash, Shutterstock

Der Ablauf der Hadsch

Wir haben bereits die notwendige innere Dimension der Handlung der Annahme des Ihram besprochen, der die Form jener Absicht annimmt, die auf alle folgenden Rituale projeziert werden sollte, so dass unsere Hadsch darin eingebettet ist.

Nach dem Ihram hat Imam Dschunaid über den Tawaf, die Handlung der Umkreisung vom Hause Allahs, die ein weiterer essentieller Bestandteil unserer Reise ist, gefragt.

Wenn man das große Rad bei Nacht und Tag betritt, welches ununterbrochen um die Ka’ba, der Fokus von denjenigen, die in aller Welt Allah wirklich anbeten, ist es nur zu leicht, abgelenkt zu werden von dem erstaunlichen Anblick, der sich einem bietet und von dem notwendigen Gedränge von Leuten, die sich auf begrenztem Raum bewegen und welches insbesondere in der Nähe des Schwarzen Steins stärker wird.

Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, auf sein Herz zu achten und der einfachste Weg dazu ist, einen einfachen Dhikr konstant zu wiederholen und sich entsprechend der prophetischen Anweisung daran zu erinnern, zwischen der jemenitischen Ecke und dem Schwarzen Stein das qur’anische Du’a zu sprechen.

Der Kreis des Tawaf ist vielleicht der Ort der Hadsch, an dem man am meisten an sein Sein als Weltbürger erinnert wird. Ein weiterer Aspekt des Tawaf ist, dass das eigene Leben weniger als ununterbrochene Kette einer Entwicklung erscheint, sondern als Reihe von Kreisen, die einen immer wieder an den gleichen Punkt bringt.

Was in unserem Leben wie beim Tawaf erstrebt wird, ist, dass dieses Kreisen nicht auf der gleichen Ebene verharren soll, sondern die Form einer aufsteigenden Spirale haben sollte, sodass wir uns immer mehr auf Allah zu bewegen. Unser Tawaf endet mit den zwei Rak’at (Verbeugungen) am Maqam von Ibrahim.

Dies hat eine besondere Bedeutung für uns, denn im Gewühl des Tawaf müssen wir einen Ort für uns selber finden und dort einige Augenblicke in Ruhe und Konzentration verharren, in dem wir uns verbeugen und niederwerfen und uns der Anbetung unseres Herren widmen.

Nach dem Tawaf kommt der Sa’i, der mich auf eine gewisse Weise immer an den Feierabendverkehr in einer der großen Weltstädte erinnert. Eine scheinbar endlose Masse von Leuten fließt in einer paradoxen Mischung von Verwirrung und Ordnung unaufhörlich rückwärts und vorwärts.

Der Sai’ ist die Nachstellung der verzweifelten Suche Hadschars, der Ehefrau von Ibrahim, als sie und ihr junger Sohn Isma’il im öden Tal von Bakka auf der Suche nach Wasser waren. Sie rannte zwischen den Hügeln von Safa und Marwa hin und her, und kletterte erst auf den einen und dann auf den anderen, als sie den Horizont nach Reisenden absuchte, die ihnen in ihrer Not hätten helfen können.

Am Ende erschien, wie wir wissen, das, was sie suchte, mit dem Aufspringen der Quelle von Zamzam unter ihren Füßen. Wir alle eilen hierhin und dorthin auf der Suche nach Hilfe von diesem oder jenen. In der Regel vergessen wir dabei, dass Allah ta’ala sehr wohl um unsere Umstände weiß und dann erscheint Allahs Hilfe direkt vor unseren Augen, manchmal sogar in uns selbst und die Situation ist bereinigt.

Der nächste Halt bei der Hadsch ist der Zug nach Mina. Es ist vielleicht in Mina, wo die Wirklichkeit der muslimischen Ummah am klarsten beobachtet werden kann. Leute pflegten entsprechend ihrer geografischen Herkunft ihre Zelte aufzuschlagen, so dass in Mina alle Völker und Nationen des Islam mehr oder weniger ihre Unterschiede behalten und doch alle innerhalb einer bestimmten Fläche eng beiander sind.

Für wenige wertvolle Tage haben Gemeinschaften, die tausende Kilometer von einander getrennt sind, Gelegenheit, sich Seite an Seite zu finden und in der freundlichen Atmosphäre der Hadsch findet die Brüderlichkeit im Islam ihren eigentlichen und Herz erwärmenden Ausdruck.

Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Hadsch ist ‘Arafa“, d.h. das große Treffen der Hadschis auf der Ebene von ‘Arafa ist das Kernritual der Hadsch. Deshalb sind alle dorthin gekommen. Es gibt keinen Zweifel daran, dass dies auf eine beinahe ausgesprochene Weise die Vorwegnahme der letzten Versammlung ist, an der wir alle unausweichlich am Jüngsten Tag teilnehmen werden.

Es ist in ‘Arafa, wo die Wirklichkeit des Zustandes des Ihram am deutlichsten wird. Die Existenz aller Anwesenden wird auf das nackteste Wesentliche reduziert. Alle Unterschiede werden entfernt. Reichtum und Armut, jede Art von Klassenunterschied, alle Dinge, die normalerweise die Menschen in ihrem Alltag trennen, werden an den Rand gedrängt und das was bleibt, ist die einfache Tatsache unserer Menschlichkeit.

Was wir haben, sind unsere Handlungen, die nichts mehr und nichts weniger darstellen, als das, was wir wirklich sind. Wir stehen dort, wie wir sind, nackt im Angesicht unseres Herren und durch nichts getrennt als den Schleier unserer Existenz.

Es gibt dort nichts zu tun, als sich Allah in vollkommener Aufrichtigkeit zuzuwenden und Ihn anzuflehen, dass Er unseren Din nur für Sich macht. Wir hoffen auf Seine Vergebung, es verlangt uns nach Seiner Gnade und wir sehnen uns nach dem Anblick Seines edlen Gesichts. Es gibt sicherlich keine Zeit und keinen Ort, wo unsere Gebete mehr Annahme erwarten können.

Dschabir berichtete, dass der Gesandte Allahs sagte: „Wenn der Tag von ‘Arafa kommt, steigt Allah in den niedrigsten Himmel herab und preist die Menschen gegenüber den Engeln mit den Worten: ‘Schaut auf Meine Sklaven, die zu Mir gekommen sind, zerzaust, staubig und weinend in jedem tiefen Tal. Ich rufe euch zu Zeugen an, dass Ich ihnen vergeben habe.’ Die Engel wenden dann ein: ‘Aber mein Herr, dieser Mann und auch diese Frau haben dieses oder jenes getan.’ Allah, der groß und glorreich ist, antwortet: ‘Ich habe ihnen vergeben.’“

Die drei Rituale während des ‘Id in Mina sind die Steinigung der Dschamrat al-’aqaba, die Opferung eines Tieres und die Rasur der Köpfe. Alle sind sehr besondere Handlungen und auf eine Weise ist deren Bedeutung untrennbar mit ihrer eigentlichen Vollziehung verbunden.

Die Steinigung der Dschamrat wird oft als Steinigung von Schaitan bezeichnet, vor dem Allah uns gewarnt hat und uns eindeutig darüber unterrichtet, dass dieser unser Feind ist. Eine Lektion, die wir daraus ziehen können, ist, dass wir selbst an einem so gesegneten Tag wie den ‘Id al-Adha nicht sicher sind vor Schaitans Einflüsterungen und uns vor ihm schützen müssen.

Wie wir aus einem Ajat entnehmen können, sorgt sich Allah tabaraka wa ta’ala Selbst darum, dass wir verstehen, dass das wichtige Element im Ritual der Opferung das Bewusstsein von Ihm ist, welches mit dem physischen Akt einhergehen muss, damit es eine Bedeutung erhält. Wir sollten wissen, dass es die Erinnerung der Begebenheit ist, als Sajjiduna Ibrahim, möge Allah ihm Frieden geben, davon befreit wurde, seinen geliebten Sohn zu opfern und ihm stattdessen ein Bock zur Opferung gegeben wurde.

Auf was diese Handlung hinweist, ist unsere Bereitschaft, um Allahs willen dasjenige zu aufzugeben, was uns am liebsten ist. Die Sache, die uns mehr als alles andere lieb ist, ist unser Selbst, unsere eigene, unabhängige Existenz. Damit steht das Opfer im höchsten Sinne für unsere Bereitwilligkeit, unseren eigenen Willen aufzugeben und unser Selbst vollkommen dem Willen unseres Herren zu widmen.

Die Wahrheit ist, dass wir, indem wir das tun, nichts verlieren werden und gewinnen, was unser Herz ersehnt. Allah sagt in der Sura at-Tauba, 112: „Freut euch des Tauschhandels, den ihr abgeschlossen habt! Dies ist der große Sieg.“

Die bloße körperliche Erleichterung, den durch unsere Tage im Ihram angesammelten Staubes und Schmutzes los zu werden, ist in sich die passende Bedeutung des Aktes der Rasur des Haupthaares, der einem das Gefühl gibt, sein Leben neu zu beginnen.

Es ist genau dieses Gefühl, welches die mehr symbolische Deutung bestätigt, dass mit dem Ritual der Entfernung der Haare man die eigene Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Das Wachsen des neuen Haares erscheint wahrlich als Hinweis auf einen neuen Anfang in unserem Leben als Ganzes.

Foto: SPAENG

Besuch in Medina

Ein Aspekt der Reise in den Hidschaz, den wir bisher noch nicht erwähnten, ist der Besuch von Medina al-Munawwara. Dieser wird so stark empfohlen, dass er als Teil der Sunna der Hadsch betrachtet wird.

Qadi ‘Ijad sagte darüber: „Der Besuch des Grabes des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, ist eine Sunna unter den Muslimen, über die Einigkeit besteht. Das ist eine Tugend, zu der ermutigt werden soll.“

Wenn Mekka der Schmelztiegel ist, in welchem der Hadschi entschlackt und gereinigt wird, dann ist Medina der See der Ruhe, in dem er Frieden und Erfrischung findet. Erinnern wir uns, dass es in Medina war, wo der Islam seine erste soziale Form erhalten hat und wo die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit des Dins von Allah seinen perfekten Ausdruck gefunden hat.

Über die Einwohner dieser Stadt sagte Allah Selber: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen erstand.“ (Al ‘Imran, 110)

Man muss nicht weit gehen, um den spirituellen Nutzen eines Besuches von Medina zu entdecken. Welcher Segen könnte größer sein, als vom Gesandten Allahs begrüßt zu werden, denn er hat gesagt, dass dies jedem geschieht, der ihn an seinem Grab grüßt. In dem berühmten Hadith von Abu Huraira, welches von Ahmad, Abu Dawud und al-Baihaqi überliefert wurde, sagte er: „Es gibt niemanden, der mich grüßt, dass Allah meinen Ruh nicht zu mir zurück kehren lässt, damit ich seinen Gruß erwidern kann.“ Und sicherlich gibt es nur wenige Pilger, die nicht etwas von der Süße der prophetischen Gegenwart während ihres Besuches in Medina erleben.

Was ich mit dem Vortrag über dieses Thema erreichen wollte war, etwas von der inneren Dimension der Rituale der Hadsch zu zeigen. Aber am Ende, auch wenn solche Hinweise vielleicht ein oder zwei Türen zu einer tieferen Wahrnehmung der Hadsch geöffnet haben, zählt nur der eigene Geschmack dieser Handlungen selber.

Nur die direkte Erfahrung der Hadschrituale macht die eigene Hadsch aus und nur die eigene Hadsch wird einem selbst gehören. Deshalb ist die Hadsch genauso eine innere wie eine äußere Reise und es ist diese innere Dimension, die die unbekannte Menge der äußerlich undefinierbaren aber unverzichtbaren Eigenschaft der Taqwa, die wir bei allen Ritualen mitbringen, die wir vollziehen. Nur davon wird die Menge des Nutzens der Hadsch und ihrer Annehmbarkeit bei Allah am Ende abhängig sein.

Der Prophet erklärte, dass eine der besten Handlungen für einen Menschen eine angenommene Hadsch ist und es ist daher zu hoffen, dass alle diejenigen, die sich auf den Weg dahin machen, mit sich die stärkste Absicht und die Menge an Taqwa bringen, damit ihre Hadsch Annahme bei ihrem Herren finden wird. Wenn sie diese finden, liegt der direkte Beweis in ihrem eigenen Dasein. Ich möchte mit denjenigen Ajats schließen, mit denen Allah die Sura beendet, die Er der Einrichtung der Hadsch gewidmet hat:

„Ihr, die ihr Iman habt, beugt euch und werft euch nieder und dient eurem Herren und tut Gutes, damit ihr erfolgreich seid. Und strengt euch auf dem Weg Allahs an, wie es Ihm gebührt. Er hat euch erwählt und hat euch im Din, dem Din eures Vorvaters Ibrahim, nichts Schweres auferlegt. Er hat euch Muslime genannt, schon zuvor und in diesem Buch, damit der Gesandte euer Zeuge sei und ihr Zeugen der Menschen sein möget. So richtet das Gebet ein und zahlt die Zakat und haltet fest an Allah. Er ist euer ­Beschützer – der Beste Beschützer, der Beste Helfer.“ (al-Hadsch 75-76)

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Spiritualität und die ökologische Krise

Spiritualität Ökologie Umweltzerstörung

Ich erinnere mich daran, dass ich während meiner Kindheit und Jugend vom Problem der ökologischen Krise gehört habe. Ehrlich gesagt habe ich mir kaum darüber Gedanken gemacht. Die Umgebung sah […]

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Das Fasten lehrt uns die Praxis der materiellen Enthaltsamkeit

Enthaltsamkeit reue

Eine Folge von Enthaltsamkeit: Der Ramadan unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht sehr von anderen Zeiten des Jahres. Das liegt nicht nur an seiner äußeren Erscheinung. Wir alle kennen Iftar-Feiern, Spendenaufrufe, […]

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Im Dickicht der Theorien

(iz). Am 21. Januar dieses Jahres beklagte die „Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus“ einen zunehmenden „anti-islamischen Rassismus“ in Deutschland. Nach Ansicht des geschäftsführenden Vorstands Micksch sei diese Entwicklung ein Nährboden für einen Rechtsextremismus, der immer gewaltbereiter werde.
Selbst ein oberflächlicher Blick auf Berichterstattung sowie Statistik legt den Schluss nahe, dass der Rassismus Teil des Alltags geworden ist. Zeugnis davon legen derzeit auch Erfahrungen einzelner Muslime ab, die mit diesem Phänomen konfrontiert sind. Sie können von verbaler „Anmache“ bis zur Ablehnung bei Wohnraum- oder Stellengesuchen reichen. Was früher, platt gesagt, „der Türke“ war, ist heute oft „der Muslim“. Die Muster von Diskriminierung sind oft die gleichen geblieben.
Es geht noch weiter: Bei einigen Muslimen ist die rasante Verbreitung zum festen Bestandteil der Kommunikation in sozialen Netzwerken geworden. Bei aller realen Erfahrung stellt sich die Frage, ob wir es mit dem berühmten „Einzelfall“ zu tun haben, oder ob diese Vorfälle stellvertretend für einen allgemeingültigen Umgang mit Muslimen zu verstehen sind. Angesichts der erodierenden Kommunikationsformen, die insbesondere das Internet produzierte, ist Zurückhaltung bei Subjektivismen geboten. Immerhin ist es die gleiche „Technik“, die der aggressiven Islamkritik selbst zu eigen ist.
Hochkarätiger Diskurs
Diese Phänomene sowie die sich radikalisierende mediale, und damit politische, Behandlung der Schlagworte „Islam“, „Muslime“ und „Migration“, sind Grund genug dafür, dass das Osnabrücker Institut für islamische Theologie zu einer mehrtägigen Fachkonferenz über das Thema lud. Vom 14. bis 16. Januar trafen sich Wissenschaftler wie Prof. Dr. Naika Foroutan, Prof. Dr. Kai Hafez, Prof. Dr. Iman Attia, Prof. Dr. Wolfgang Benz, Dr. Silvia Horsch, Dr. Fared Hafez und viele andere, um das Thema zu diskutieren. Eingeladen waren auch Vertreter muslimischer Verbände wie Dr. Zekeriya Altug, Aiman Mazyek, Burhan Kesici sowie Journalisten wie Eren Güvercin oder Daniel (?) und Aktivisten aus der muslimischen Zivilgesellschaft.
Es ist den Gastgebern gelungen, dass sie als erste auf diesem Niveau – bei Quantität und Qualität von Referenten und Diskutanten – das Phänomen behandelten. Wohl unbeabsichtigt war die Konferenz am Puls der Zeit. Inwiefern der ausgestellte Erkenntnis- und Diskussionsstand Einzug in weitere Kreise finden wird, steht auf einem anderen Blatt. So meinte Prof. Dr. Foroutan melancholisch bei der Auftaktdiskussion, dass Fakten nur eine begrenzte Reichweite hätten. Eine „schwankende Mitte“ ließe sich davon beeinflussen. Bereits in der Vergangenheit hätten Daten- und Faktensammlung auf die von Sarrazin angestoßenen Thesen wenig Auswirkungen gehabt.
Relativ einhellig
Bei den Beiträgen war von einer „Diskussion“ im Sinne gegenteiliger Positionen nicht viel zu vernehmen. Relativ einhellig bezogen Referenten und Diskutanten nicht nur Stellung zu dem behandelten Phänomen des „anti-muslimischen Rassismus“, sie ordneten es – von graduellen Unterschieden – auch ähnlich ein.
Prof. Dr. Naika Foroutan legte in ihrem Impulsreferat die Faktenbasis für die folgenden Debatten dar. Die Zuschreibungen dessen, wer ein „Deutscher“ sei, werden immer schwieriger. Vor Beginn der Fluchtbewegung seien ca. vier Millionen Menschen in Deutschland Muslime gewesen – die Hälfte davon Staatsbürger. Von den rund 1,1 Millionen Flüchtlingen, die laut BAMF 2015 hierher kamen, sei die Mehrheit Muslime. Das habe Folgen für die Gesellschaft und die betroffenen Communities. Die aktuellen Entwicklungen, namentlich die „Flüchtlingsfrage“, trieben die Debatten um eine vermeintliche „Islamisierung“ voran. So überschätze eine Mehrheit der Bevölkerung konstant den muslimischen Bevölkerungsanteil um ein Mehrfaches. Obwohl Wirtschaftsinstitute sich für Auswanderung aussprächen und die Bevölkerung selber von einer positiven Lage ausgehe, herrschten große Ängste.
Was die Einstellungen gegenüber Muslimen in diesem Land betrifft, konstatierte die Berliner Forscherin aufgrund ihrer regelmäßigen Erhebungen einen Unterschied zwischen einer kognitiven Anerkennung der Präsenz von Muslimen und ihrer Einforderung verfassungsgemäßer Rechte mit einer „emotionalen Distanz“. Sie verwies auf einen Widerspruch zwischen der Betonung der Verfassung, zu der Muslime sich zu bekennen hätten, und andererseits der stellenweisen Überzeugung, Muslime dürften sich nicht auf ihre verfassungsgemäß verbrieften Rechte (Moscheebau oder Kopftuch) berufen. Handfest äußere sich das in der Vervierfachung von Angriffen in den letzten Jahren. Die derzeitige Verrohung werde mit Argumenten und dem Verhalten von Muslimen begründet.
Ihre Erkenntnisse wurden in den folgenden Beiträgen bestätigt und theoretisch unterfüttert. Der antimuslimische Rassismus stelle den Übergang vom Biologismus der Rechten, so Hendrik Cremer, zu einem kulturalisierten Vorurteil dar. Gerade die Fixierung auf den rechten Rand sei ein Missverständnis, wie das Beispiel Sarrazin seit 2009 belege. Cremer verwies einerseits auf die bestehenden deutschen und europäischen Gesetzgebungen zur Volksverhetzung. Anstoß erzeugende Rede müsse allerdings grundsätzliche durch Gegenrede beantwortet werden. Der Forscher schränkte aber ein, dass der Staat sich, trotz des Vorwurfes eines „Meinungskartells“, nicht taktisch verhalten dürfe, da sich rassistische Diskurse wie der von Pegida derzeit „in gefährlicher Weise“ ausbreiteten. Diesen Aspekt sprach auch Naika Foroutan an. Diskurse erführen eine Verschärfung, sobald die agitierenden Gruppen den parlamentarischen Raum betreten.
Aufgrund seiner Erforschung von Vorurteilen gab Prof. Dr. Wolfgang Benz eine präzise Definition des anti-muslimischen Rassismus: „Zu definieren ist das Phänomen der Islamfeindschaft als Ressentiment gegen eine Minderheit von Bürgern beziehungsweise von in unserer Gesellschaft lebenden Menschen, die mit politischen, ethnischen und religiösen Argumenten diskriminiert und ausgegrenzt werden. (…) Gleichzeitig stärkt dies das Selbstbewusstsein der Mehrheit, die die Minderheit ausgrenzt.“
Soziologische Welten
Theoretisch – und auch ideologisch – unterfüttert werden diese nüchternen Überlegungen mit einer Rassismusforschung im globalen Stil. Und das nicht ohne Erfolg. Gerade junge Muslime fühlen sich angesprochen von einer Theoriebildung in Nachfolge Fanons oder Du Bois‘, die sie irgendwo zwischen antikolonialem Befreiungskampf und der US-Bürgerrechtsbewegung um Luther King oder Malcom X einordnet.
Wie Dr. Silvia Horsch andernorts erläuterte, würden diese Rassismustheorien auch verstärkt bei Muslimen rezipiert. Die Betonung liegt hier auf der strukturellen Komponente. Zu den bekanntesten Vertretern gehören Prof. Dr. Iman Attia aus Berlin oder Dr. Farid Hafez. In seinem intellektuell wie sprachlich brillantem Parforceritt durch die Theoriebildung von Fanon, Du Bois und der Universität Berkeley ordnete er den antimuslimischen Rassismus in diesen Diskurs ein. „Die Berkeley-Schule der Islamophobieforschung konzentriert sich auf Macht- und Herrschaftsstrukturen und versteht die Islamophobie als einen Ausdruck dieser ökonomischen und politischen Disparitäten, die durch einen anti-muslimisch-rassistischen Diskurs stabil gehalten und ausgeweitet werden sollen.“
Laut Hafez werde die Figur des Muslims zum „imaginierten Gegenstand“ zentral für den islamophoben Diskurs. Racial Profiling wäre nicht möglich, wenn nicht die Figur des gefährlichen Muslim vorhanden wäre. Da diese Rassismustheorie damit operiert, den Begriff „weiß“ im Sinne eines asymmetrischen Machtverhältnisses als politische Größe zu definieren (nicht als ontologische), müssen Widersprüche entstehen. Welche Position nehmen in diesem Denken die „weißen Muslime“ des Balkans und Russlands (die zahlenmäßig größte Gruppe der europäischen Muslime) oder die wachsende Gruppe der „Konvertiten“ ein? Ironischerweise entstehen hier Parallelen zu anti-muslimischen Diskursen in Europa, in denen der Islam als wesensfremd zu Kultur, Geschichte und Identität unseres Kontinents verortet wird.
Ein weiter blinder Fleck ist das Verharren in jahrzehntealten Deutungen globaler Verhältnisse. Das de facto koloniale Auftreten „neuer Mächte“ wie China, Indien oder Russland (die allesamt einen problematischen Umgang mit ihren muslimischen Minderheiten pflegen) geht hier unter. Das gleiche gilt für die neuen nichtstaatlichen Akteure wie Banken, Supra-Banken oder Investmentsfonds, die nach neuen Kriterien operieren. Funktioniert die Welt, operieren globale Mechanismen von Macht noch so, wie sich das die Theoretiker in Berkeley und anderswo vorstellen? Wenn nicht, was bedeutet es dann für ihre Gültigkeit?
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Es ist wohl davon auszugehen, dass die vorgetragenen Erkenntnisse und Theorien von der Mehrheit der Muslime mitgetragen werden. Das kann aber für religiös verfasste und praktizierende Muslime zu Widersprüchen führen. Die Rassismusforschung habe, wie es Dr. Horsch formulierte, Grenzen, weil sie den Glauben an Gott nicht miteinbezieht. „Da können wir nicht stehen bleiben.“
Religion droht hier zu einem nebulösen Faktor unter vielen zu werden – eine „Markierung“ für den imaginären Muslim; neben Herkunft, Ethnie und Kultur. Denn dieser Gegenstand bleibt genauso wenig real, wie er es im Auge seines vermeintlichen Feindes ist. In beiden Welten kann er nicht der oberfränkische Gutbesitzer mit Biolandwirtschaft sein oder die erfolgreiche Ärztin, die ohne Diskriminierungserfahrung oder Identitätsprobleme durchs Leben schreiten.
Obwohl das Institut für Islamische Theologie einladende Institution war, fehlten hier Beiträge, die sich dem Thema antimuslimischer Rassismus von einer theologischen Warte aus näherten. Es bleibt offen, ob sich das von Kenan Kolat geforderte „Empowerment“ ereignen kann, wenn grundlegende Aspekte des Muslimseins ausgeblendet bleiben. Ironischerweise führt dieser säkular-fatalistische Diskurs bisher nicht zu Aktivität. In den letzten zehn Jahren haben muslimische Organisationen bisher keine großen Schritte in Richtung funktionierender Lobbyorganisationen unternommen.
Dr. Silvia Horsch eröffnet in ihrem Vortrag „Eine spirituelle Sicht auf antimuslimischen Rassismus“ eine andere Perspektive. Weil die Rassismusforschung dank ihrer Ausblendung Gottes Grenzen habe, müssten Muslime über sie hinausgehen. Muslime leben in der Anerkennung der Allmacht Gottes. Sie wissen, dass nichts geschieht, was Er nicht will. Und nichts, was geschieht, ist sinnlos. Muslime hätten immer schon über ihre Verhältnisse reflektiert. Aber man dürfte nicht unzufrieden sein mit der Tatsache, dass Allah alle Dinge bestimmt. Muslime müssten sich die Frage stellen, warum sie dieserart auf Diskriminierungen und Vorfälle reagierten. Sind wir wütend, weil Allah und Sein Gesandter verleumdet werden, oder weil wir uns angegriffen fühlen? Der Gesandte Allahs habe, so Horsch, die höchste Möglichkeit aufgezeigt, wie mit solchen Situationen umzugehen ist.
Der bisherige Umgang mit Diskriminierungen berge Gefahren. In ihrem Bemühen um Anerkennung richteten sich Muslime nach Parametern, die die Gesellschaft vorgebe. Natürlich solle man nach gesellschaftlichem Einfluss streben, aber hier sei die Absicht entscheidend. Eine zweite Gefahr bestünde in Äußerlichkeiten. Weil auch äußerliche Elemente der muslimischen Lebensweise, allen voran das Kopftuch, im antimuslimischen Rassismus negativ markiert seien, würden Muslime sie positiv aufladen. Dann werde das Kopftuch zu einem Symbol für Reinheit, Frömmigkeit und Identität. Drittens, seien Muslime gefährdet, passiv und reaktiv zu werden. Eine Opferhaltung habe auch die Funktion, die von Ressentiment Betroffenen moralisch aufzuwerten. Nur, die Tatsache, dass einem Ungerechtigkeit widerfahre, mache einen noch nicht zu einem bessern Menschen.
Eine weitere, tiefere Differenz zur Rassismusforschung sei deren Fehlen einer metaphysischen Dimension. Diese gehe davon aus, dass die Betroffenen nichts mit Vorurteilen zu tun hätten. Wir müssten uns aber die Frage stellen: Warum sind wir in dieser Lage und warum passieren uns diese Dinge?
Laut der muslimischen Lehre können Probleme wie antimuslimischer Rassismus auf mindestens zwei Arten verstanden werden: Negativität ist eine Prüfung. Das sei keine Aufforderung zur Passivität. „Denn wir haben Dinge zu verantworten, die wir ändern können.“ Es kann aber auch Reinigung beziehungsweise Sühne sein. Es könne sein, dass Allah uns durch solche Erfahrungen reinigen wolle.
Will die muslimische Community im Hinblick auf den gegen sie gerichteten Rassismus nicht nur passiv bleiben, muss sie sich nicht nur in Diskurse einbringen wie den, der in Osnabrück so hochkarätig geführt wurde. Sie kommt nicht darum umhin, eigenständige Positionen und Perspektiven zu entwickeln. Das erwähnte Empowerment kann nur aus einer aktiven Haltung erwachsen.

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Spiritualität in der Schwangerschaft

(iz). Das Gedenken Allahs im Herzen, der Dhikr, ist einer der wichtigsten Bestandteile der spirituellen Rolle als Mutter. Denn es ist durch den Dhikr im Herzen der Mutter, dass das […]

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Geschichten und Geschichte. Notizen aus der Welt der Sprache

„Sprache ist nicht nur Mittel zum Zweck der Kommunikation. Sie ist eine Möglichkeit, die Welt zu erlernen. Sie sich zu eigen zu machen; nicht in einem rohen und barbarischen Akt […]

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Die innere Bedeutung des Fastens

Es ist wesentlich für das verpflichtende Fasten im Monat Ramadan, welches neunundzwanzig oder dreißig Tage dauern kann, vorher die Absicht zu fassen. (iz). Hier sind wir wieder – ein weiteres […]

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Das innere Fasten: Auszüge aus der „Ihya ‘Ulum Ad-Din“ von Imam Al-Ghazali

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Rangstufen des Fastens: Der große Gelehrte Imam Al-Ghazali sprach in seinem Hauptwerk von den inneren Aspekten der Enthaltsamkeit. (iz). Es ist wichtig anzumerken, dass es drei Abstufungen des Fastens gibt: […]

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Einführung: Wie begehen Muslime den Ramadan?

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Die Wie und wozu des Ramadan: In jedem grundlegenden Element unseres Din lassen sich bei aller Einfachheit doch unzählige Bedeutungen finden. (iz). Die Verse, in denen Allah im Qur’an den […]

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Interview mit der Arabistin Angelika Neuwirth über die Arbeit ihres Instituts zur Koranforschung

(iz). Prof. Dr. Angelika Neuwirth studierte Arabistik, Semitistik und Klassische Philologie an der Freien Universität Berlin sowie in Teheran, Göttingen, Jerusalem und München. Nach ihrer Habilitation arbeitete sie von 1977 bis 1983 als Gastprofessorin an der Universität von Jordanien in Amman. Von 1994 bis 1999 war sie Direktorin am Orient-Institut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft Beirut und Istanbul.

Derzeit ist sie an der Freien Universität in Berlin als Professorin tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich des Korans und der Koranexegese, in der modernen arabischen Literatur der Levante, der palästinensischen Dichtung und der Literatur des israelisch-palästinensischen Konflikts. Für ihre Koranforschung erhielt sie im Juni 2013 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.

Frage: Guten Tag, Frau Prof. Neuwirth. Auf mehr als achthundert Seiten versuchen Sie in ihrem Werk über den „Koran als Text der Spätantike“, einen europäischen Zugang zum heiligen Buch der Muslime zu finden. Was genau meinen Sie mit dem „europäischen“ Blick auf den Koran?

Neuwirth: Das Buch selber legt das dar. Ich versuche zu zeigen, dass, wenn man den Koran historisch liest, man auf dieselben Traditionen stößt, die von Europäern als für ihre Kultur grundlegend in Anspruch genommen werden. Das ist einfach eine historische Lektüre des Korans, jetzt nicht wie üblich als Gründungsurkunde des Islam, sondern gewissermaßen dahinter zurück. Der Koran wird als eine Verkündigung, das heißt als Botschaft an Leute, die noch gar nicht Muslime waren, gelesen. Denn Muslime wurden sie ja erst durch die Verkündigung.

Dieser Blick zeigt, dass damals dieselben Probleme auf der arabischen Halbinsel diskutiert wurden, wie in der umliegenden spätantiken Welt, die später dann gewissermaßen als Grundlage Europas wahrgenommen wurde. Das heißt, wir entstammen alle einem gemeinsamen Entstehungsszenario, ein Sachverhalt, der nur durch spätere historische Entwicklungen verunklärt worden ist.

Frage: Also, geht es ja eigentlich nicht um einen „europäischen“ Zugang, sondern um die verbindenden Elemente der Spätantike beziehungsweise die Einflüsse der Antike. Und weder der so genannte „Orient“  noch der „Okzident“ können diese Elemente als Eigenheit für sich beanspruchen, oder?

Neuwirth: Das tun sie allerdings faktisch. Sowohl im Orient, also in der konventionellen islamischen Selbstwahrnehmung, wird davon ausgegangen, dass der Islam sich bereits von seinen Anfängen her essentiell von der umgebenden Kultur unterscheidet, dass mit ihm etwas ganz Neues in die Welt gekommen ist. Davor gab es das Zeitalter der „Dschahiliya“ (Zeit der Unwissenheit), eine gering geschätzte Epoche, die man nicht unbedingt zur Kenntnis nehmen muss.

Und im Westen glaubt man, dass der Islam das ganz Andere ist, also etwas, was nicht zu der eigenen Kultur gehört. Es sind uralte Festschreibungen von Andersheit, die historisch nicht zu halten sind, die sich aber aufgrund von früheren Machtverlagerungen oder Machtverhältnissen eben so festgeschrieben haben. 

Frage: Würden Sie dann auch die Auffassung verneinen, dass der Islam noch eine Aufklärung nötig hat beziehungsweise, dass Vernunft und Wissenschaft im Koran in einem Spannungsverhältnis zum Glauben stehen? 
Neuwirth: Die Behauptung, dem Islam fehle die Aufklärung ist auch ein uraltes Klischee. Der Stolz auf die Aufklärung, wenn er sich inzwischen allerdings auch etwas gelegt hat, verleitet immer wieder dazu, der westlichen Kultur gegenüber dem Islam einen erheblichen Vorsprung zuzumessen. In der islamischen Geschichte hat es zwar keine flächendeckende  Säkularisierungsbewegung gegeben, dies aber deshalb nicht, weil Sakrales und Säkulares im Islam bereits nebeneinander existierten. Auch war das Kräfteungleichgewicht keineswegs immer so wie wir es heute haben.

Die islamische Wissenskultur war sehr lange Zeit der westlichen oder überhaupt der außerislamischen weit überlegen. Das hat nicht zuletzt zu tun mit den medialen Vorsprüngen, die man hatte. Es gab in der islamischen Welt beispielsweise schon seit dem achten Jahrhundert die Herstellung von Papier. Diese ermöglichte wiederum, immense Massen von Texten zu verbreiten, wovon im gleichzeitigen Westen keine Rede sein konnte.

Es ist sicher mehr als das Hundertfache des im Westen an Schriften Vorhandenen, was da an arabischen Texten in Umlauf gebracht worden ist. Bis zum 15. Jahrhundert war man im Westen noch auf Pergament angewiesen, was sehr kostspielig und schwer zu bekommen war.

Frage: Wenn wir uns die inhaltliche Ebene des Korans anschauen: Welches Frauen- und Menschenbild konstatiert der Koran?

Neuwirth: Natürlich ist der Koran kein Nachschlagwerk für soziales Verhalten. Weite Kreise gehen heute davon aus, dass man alle Normen des Islam bereits im Koran auffinden kann. So war der Koran aber nicht gedacht. Es wandte sich als Verkündigung an Leute, die andere Normen kannten und bereit waren, diese Normen infrage zu stellen. Der Koran bildet Verhandlungen über verschiedene Normen ab. Dass man die relativ wenigen rechtlich relevanten Anweisungen dann systematisiert hat, und zu einem Teil des islamischen Normenkanons, der Scharia gemacht, ist eine andere Sache.

Die spätere Rechtsliteratur reflektiert nicht dieselben Verhältnisse wie der Koran. Das zeigt sich besonders deutlich am Bild der Frau, das ja in der islamischen Rechtsliteratur ganz anders aussieht als im Koran. Gerade hier markiert der Koran einen revolutionären Fortschritt: Er stellt die Frau – zu seiner Zeit ist es einmalig! – vor Gott auf gleiche Ebene mit dem Mann. Beide Geschlechter werden im jüngsten Gericht auf dieselbe Weise beurteilt.

Das klingt vor heute aus gesehen vielleicht irrelevant, aber das ist es nicht. In der damaligen Zeit war die Gleichstellung der Frau mit dem Mann noch ganz undenkbar – es gab sogar noch Diskussionen darüber, ob die Frau überhaupt eine Seele habe. Die Frau wurde sehr ambivalent beurteilt und ihr Rechtsstatus war in vielen vorislamischen Gesellschaften ausgesprochen ungünstig.

Der Koran rückt die Frau auch in wichtigen weltlichen Dingen auf die gleiche Ebene mit dem Mann, sie besitzt Rechte und kann sogar erben, ist also keineswegs entmündigt.

Frage: Navid Kermani spricht in seinem Werk „Gott ist schön“ von der ästhetischen Dimension des Korans. Können Sie dazu näheres sagen?

Neuwirth: Ja, das ist sogar wichtig. Wenn man, wie viele Koranforscher es heute tun, den Koran als eine Art Informationsmedium liest, in dem bestimmte Informationen stehen, dann wird man der ganzen Sache nicht gerecht. Der Koran ist sehr stark poetisch geprägt und hat eine ganze Reihe von Botschaften, die er gar nicht explizit, gar nicht eindeutig auf der semantischen Ebene mitteilt, sondern eben durch poetische Strukturen vermittelt, sonst wäre er auch gar nicht so eindringlich.

Wenn da bestimmte Informationen stünden, die hätte man vielleicht woanders auch haben können. Das Einzigartige am Koran ist eben seine Vielschichtigkeit, das er auf verschiedenen Ebenen spricht und das ist einerseits natürlich ästhetisch von großem Reiz, aber es ist auch, wenn man so will, rhetorisch oder überzeugungstechnisch von großem Reiz.

Wie gesagt, die Aussagen des Korans ließen sich vielleicht in einem ganz kurzen Zeitungsresümee zusammenfassen, das hätte aber keinerlei Effekt gehabt. Es geht wirklich um diese Verzauberung durch Sprache. Sprache selbst wird im Koran auch gepriesen als die höchste Gabe, die der Mensch von Gott erhalten hat. Das hat natürlich zu tun mit Wissen. Sprache ist das Medium des Wissens. Deswegen sollte man auf gar keinen Fall der islamischen Kultur auch noch Wissensfeindlichkeit unterstellen. Also der ganze Koran ist im Grunde genommen ein Preis auf das Wissen. Das Wissen, das sich durch Sprache artikuliert.

Frage: Welche Parallelen weist der Koran zu den religiösen Schriften der Juden und Christen auf? Was ist konkret die besondere Auszeichnung des Korans beziehungsweise was hat der Koran neues gebracht?

Neuwirth: Ja, was hat der Koran neues gebracht? Also, er muss ja Neues gebracht haben, wenn er so viele hundert Jahre nach der zuletzt vorher entstandenen heiligen Schrift in die Welt tritt (ca. 600 Jahre nach dem Neuen Testament). Zum einen würde ich sagen ist es sein Beharren darauf, dass Wissen einen ganz immens wichtigen Anteil am menschlichen Leben und auch am menschlichen religiösen Leben hat.

Der Gedanke ist im Neuen Testament zum Beispiel nicht interessant. Das Neue Testament hebt auf andere Dinge ab, und die Thora, das Alte Testament, also die hebräische Bibel, ebenfalls. Die Fokussierung auf das Wissen ist eindeutig eine Neuheit, die es vorher nicht gegeben hat. Das hängt zusammen mit der spätantiken Entstehung, damals war man einfach, auch durch die Philosophie, bereit, Wissen in den Vordergrund zu stellen.

Außerdem lässt sich anführen, dass im Koran die Universalisierung der Botschaft, die sich nun an alle Menschen richtet, eine besondere Rolle spielt. Weder hat der Koran ein besonderes Verständnis für das Erwählungsverständnis der Juden. Eine solche Erwählung lehnt die koranische Stimme ab, an die Stelle einiger Erwählter treten die Menschen insgesamt. Auch die Erwählung der Christen, die sich an die Stelle der Juden gesetzt hatten, wird zurückgewiesen.

Es gibt keine Erwählten, sondern es gibt die Menschen insgesamt, die bestimmten Vorbildern folgen, sich aber nicht auf irgendwelche Erwählungsprivilegien berufen können. Also weder, wie die Juden auf Abraham, oder wie die Christen auf Christus. Diese Berufungen helfen vor Gott gar nicht, sondern jeder ist allein verantwortlich und hat für sein Tun Rechenschaft abzulegen.

Frage: Das heißt, dass jeder Mensch eine individuelle Beziehung zu Gott aufbauen kann, ohne dass es dafür eine vermittelnde Instanz gibt?

Neuwirth: Ja, das kann man so sagen, wenngleich auch der Koran selber in gewisser Hinsicht eine vermittelnde Instanz ist, nämlich als ein Medium ist, durch das man leichter diesen Zustand erreichen kann. Durch die Erfüllung der rituellen Verpflichtung, vor allem durch das Gebet, durch die Rezitation des Korans, hat der Gläubige einen Zugang, der anderen nicht offen steht. Das ist aber eben ein verbaler Zugang, ein rituell-verbaler Zugang, aber keine auf eine Person gerichtete, auf einen Vorfahren oder eine Erlöserfigur gegründete Privilegierung.

Frage: Welchen Rat würden Sie einem Menschen geben, der bisher keinen Zugang zur Religion des Islams hatte und sich den Koran zum ersten Mal durchlesen möchte?

Neuwirth: Das ist natürlich ein ganz unvorteilhafter Ausgangspunkt (lacht). Vielleicht hat er dann ja auch gar keinen Zugang zu den anderen heiligen Schriften.

Es es ist ja leider so, dass man das Wissen, das die Hörer des Propheten hatten, normalerweise nicht nicht mehr hat. Die Hörer des Propheten waren gebildet, sie hatten eine Menge Bibelwissen und auch einiges philosophische Wissen der Zeit, das wir heute nicht haben. Was kann man da tun?

Wenn man Muslim ist, tut man gut daran, einfach die Kommentare zu lesen, die enthalten ja die Erfahrungen der muslimischen Gemeinde mit dem Koran. Das ist auf jeden Fall hilfreich – auch wenn diese auch aus einer Zeit stammen, die nicht unsere ist, und es manchmal irritierend ist, was man da zu lesen bekommt.

Wenn man Außenstehender ist, dann sollte man sich vielleicht damit begnügen, zunächst einmal den letzten Teil des Korans zu lesen, nach Möglichkeit auf Arabisch, wenn es geht, und dabei eine Koranrezitation zu hören. Dieses letzte Dreißigstel des Korans, das Dschuz' 'amm, wie es im Arabischen heißt, ist ein sehr schöner Zugang. Wenn sich da in einem nichts öffnet, wird es auch nicht bei Sure Zwei nicht passieren (lacht). Ich würde unbedingt raten, sich Koranrezitation dazu zu gönnen, damit nicht der falsche Eindruck entsteht, hier würden religiöse Informationen herübergebracht.

Frage: Inwiefern gibt es eine andere Spiritualität im Islam, oder eine andere Vorstellung von Spiritualität im Islam, als jetzt im Judentum oder Christentum?

Neuwirth: Es ist jetzt schwer in einem Satz von drei Spiritualitäten zu handeln, aber auf jeden Fall lebt die islamische Spiritualität von der Koranrezitation.

Erstmal reinszeniert man damit die Erfahrung des Propheten, was ja schon einmal eine ganz wichtige Rückbindung an ihn ist. Man steht in einer Tradition. Die Rezitation ist eingebettet in die Vorstellung, dass man durch das Sprechen bestimmter Formeln sich für einen Moment aus der Alltagswelt entfernen kann.

Besonders im Gebet selber werden bestimmte Formeln gesprochen, am Anfang und wieder am Ende, die zeigen, dass man während dieser Zeit abgemeldet ist aus dem Alltag. Das ist ein ganz erheblicher Vorteil gegenüber Leuten, die eine solche Möglichkeit nicht haben, sondern gewissermaßen 24 Stunden lang auf demselben Alltagsniveau sind.

Es gibt inzwischen ja eine Menge Versuche, solche Auszeiten mithilfe künstlicher Religionen zu erreichen, aber im Islam ist diese Praxis – sehr genuin und außerordentlich gut geregelt – schon abrufbar. Das heißt, mit dieser Rezitation ist man eine Weile in einer anderen Welt.

Anmerkung zur Autorin:
Anna Alvi (23) ist Bloggerin und im interreligiösen Dialog aktiv. Zurzeit studiert sie in Heidelberg  Vergleichende Religionswissenschaften (Masterstudiengang). Alia Hübsch (23) ist ebenfalls Bloggerin und Beauftragte für den interreligiösen Dialog einer muslimischen Frauenorganisation in Frankfurt am Main; derzeit studiert sie Religionsphilosophie (Masterstudiengang) in Frankfurt.