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Sevdah – wem gehört das bosnische Musikerbe?

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Sevdah: Die UNESCO hat die bosnische Musikform zum immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit erklärt „Eines der Dinge, die wir in Bosnien immer geliebt haben und auch weiterhin lieben werden, ist die […]

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Srebrenica 1995: Chronik eines Genozids

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Im Juli 1995 werden in einer UN-Schutzzone mehr als 8.000 muslimische Bosniaken ermordet. Srebrenica ist das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa nach 1945 – und eine offene Wunde, an der sich entscheidet, wie ernst der Kontinent seine Verantwortung gegenüber muslimischen Minderheiten nimmt.

(iz). Es ist ein warmer Julitag, als die Menschen in und um Srebrenica merken, dass die Versprechen der Welt zerbröseln. Seit Monaten hängt über der Stadt das blaue Emblem der Vereinten Nationen, Blauhelme patrouillieren, Lastwagen mit Hilfsgütern kommen und gehen. „UN-Schutzzone“.

Das klang für viele nach einem letzten Halt in einem Krieg, der Bosnien seit 1992 zerfrisst. In den Tagen vor dem 11. Juli 1995 aber wird aus der Schutzformel eine hohle Hülle. Die bosnisch-serbischen Truppen rücken vor, die Front verschiebt sich. Als die Angreifer einmarschieren, wird die Gegend zum Schauplatz eines Genozids.

Die Stadt ist da längst überfüllt. Menschen aus den umliegenden Dörfern haben sich in Srebrenica gesammelt, um den Angriffen zu entkommen. Die Versorgung ist schlecht, viele sind unterernährt, krankt und traumatisiert. Wer mit Bewohnern spricht, hört immer wieder, dass die Hoffnung an einem Punkt hing: An der Idee, dass die internationale Gemeinschaft ihr Versprechen einhält, diese letzten Inseln zu schützen.

Doch militärisch ist die „Schutzzone“ schwach, die Blauhelme sind schlecht ausgerüstet, der politische Rückhalt brüchig. Die UN warnen, appellieren, verhandeln. Aber sie zeigen nicht den Willen, die Zone gegen einen entschlossenen Angreifer zu verteidigen.

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Foto: Jeroen Akkermans, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Als Ratko Mladić nach der Einnahme Srebrenicas vor die Kameras tritt, wirkt sein Auftritt wie eine makabre Inszenierung. Er verteilt Süßigkeiten, spricht von „Befreiung“, verspricht Frauen und Kindern Sicherheit.

Hinter dieser Fassade beginnt ein streng organisiert wirkender Ablauf. Männer und jugendliche Jungen werden vom Rest der bosniakischen Zivilisten getrennt. Auf dem Gelände der niederländischen UN-Basis in Potočari drängen sich tausende Menschen.

Einige versuchen, mit den Blauhelmen zu verhandeln, andere flehen darum, nicht ausgeliefert zu werden. Gleichzeitig formieren sich Kolonnen in den Wäldern: Männer, die in der Dunkelheit zu Fuß Richtung Tuzla aufbrechen, in der Hoffnung, die Linien zu durchbrechen.

Was in den nächsten Tagen geschieht, wird später aus Dokumenten, Zeugenaussagen und forensischen Berichten zusammengesetzt. In Scheunen, Schulgebäuden, Lagerhallen und auf abgelegenen Feldern werden Gruppen von Bosniaken zusammengetrieben, gefesselt und erschossen. Busse und Lastwagen bringen immer neue zu den Exekutionsorten.

Es ist keine spontane Raserei, sondern eine systematische Vernichtung: Wer in dieser Logik als Träger der Gemeinschaft gilt – Männer und jugendliche Jungen – soll ausgelöscht werden. Danach verscharren die Täter die Leichen in Massengräbern.

In manchen Fällen werden die Gräber später wieder geöffnet, die Körper zerteilt und in mehrere, neue Gruben verbracht. Die Gewalt endet nicht mit dem letzten Schuss, sie setzt sich fort in dem Versuch, Spuren zu verwischen.

Die niederländischen Blauhelme stehen in dieser Phase zwischen Hilflosigkeit und Verantwortung. Sie sehen die Selektionen, sie sind Teil der Evakuierungen von Frauen, Kindern und Alten. Zugleich lassen sie zu, dass Männer und Jungen unter der Kontrolle der Angreifer gelangen.

Viele Menschen, die sich auf das UN-Emblem verlassen hatten, erleben den Moment, in dem der Schutz in Begleitung zur Vernichtung umschlägt. In Interviews mit Überlebenden taucht diese Szene immer wieder auf: der Blick zurück auf die Tore der Basis, auf das Blau der UN, auf Soldaten, die abwinken oder schweigend zur Seite treten.

Jahre später stehen auf den Feldern um Srebrenica und Potočari Menschen in weißen Schutzanzügen. Sie öffnen Gräber, tragen Knochen und Stoffreste an die Oberfläche, ordnen sie, fotografieren, beschreiben. Forensische Arbeit wird zur Voraussetzung dafür, dass Familien Gewissheit erhalten. DNA-Analysen helfen, die über die Region verstreuten Überreste einzelnen Personen zuzuordnen.

Hinter jeder Zahl steht ein Name, hinter jedem Namen eine Familie, ein Dorf, eine Straße. Die bekannte Anzahl von mehr als 8.000 ermordeten Bosniaken ist oft zitiert. Vor Ort ist sie nicht abstrakt. Sie findet sich auf Grabsteinen, Tafeln und in Registern.

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Foto: UN ICTY, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Parallel dazu laufen Verfahren vor globalen Gerichten. In Den Haag werden Generäle und politische Akteure vernommen, Zeugen berichten von Befehlen, Funksprüchen, Listen. Der Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien verhandelt Fälle, die Srebrenica betreffen, und spricht Urteile. Der Internationale Gerichtshof stuft 2007 das Verbrechen als Genozid ein.

Viele Bosniaken nehmen diese Anerkennung mit einer Mischung aus Genugtuung und Ernüchterung zur Kenntnis. Genugtuung, weil das Wort „Genozid“ nicht mehr verhandelbar ist. Ernüchterung, weil die Frage nach der Verantwortung von Staaten und internationalen Strukturen oft nur gestreift wird.

Wer heute nach Potočari kommt, sieht zuerst die langen Reihen weißer Grabsteine. Zwischen ihnen gehen Angehörige, viele davon Frauen, die seit Jahrzehnten auf eine Nachricht gewartet haben. Mütter, die ihren Sohn im Grabfeld suchen; Ehefrauen, die an einem Namen stehen, einem Datum, einem Geburtsort.

Oft tragen sie Kopftuch, manchmal den Ausweis einer NGO um den Hals. Sie sind zu Gesprächen eingeladen worden, zu Konferenzen, zu Gedenkveranstaltungen. Ihre Geschichten haben sich in Pressemitteilungen, Dokumentationen und Berichten niedergeschlagen, aber der Abstand zwischen einem Mikrofon und dem Grab eines Angehörigen bleibt spürbar.

Am 11. Juli, zum Jahrestag, werden neu identifizierte Tote beigesetzt. Jährlich kommen Särge dazu, von denen manche nur wenige Knochen enthalten. Der Akt der Beisetzung ist dennoch entscheidend. Er verschafft ein Grab, das besucht, betrauert, mit Gebeten begleitet werden kann.

Imame sprechen Bittgebete, Suren aus dem Qur’an werden rezitiert. Junge Leute tragen Särge, auch Gäste aus anderen Ländern. Auf dem Platz mischen sich bosnische Akzente mit deutschen, niederländischen, britischen Stimmen. Gedenken ist hier kein abstrakter Begriff, sondern eine körperlich erfahrene Praxis.

Schon Tage zuvor bricht der „Marš mira“ auf. Der Friedensmarsch folgt der Route, auf der viele Männer 1995 in Richtung Tuzla fliehen wollten. Wer mitläuft, schläft in einfachen Unterkünften, geht durch Wälder und über Hügel, an Orten vorbei, an denen damals Menschen getötet wurden.

Fotos: IZ Medien

Teilnehmer berichten, wie der Marsch die Distanz zwischen „Geschichte“ und „Gegenwart“ auflöst. Man spürt, wie weit es ist, wie steil manche Anstiege, wie schwer die Hitze auf den Körper drückt. Unter den Marschierenden sind Bosniaken, internationale Aktivisten, Studierende, muslimische Delegationen aus Westeuropa. Manche tragen Banner von NGOs, andere kleine bosnische Fahnen.

Organisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker begleiten diese Prozesse. Sie veröffentlichen Berichte, prangern die Leugnung und Relativierung des Genozids an, benennen das Versagen der internationalen Politik. In ihren Stellungnahmen wird deutlich, wie viel – trotz Gerichtsverfahren und Gedenkstätten – bis heute offen ist.

Es fehlen Konsequenzen, klare Bildungsarbeit, belastbare Zusagen für die Zukunft. Die Leugnung des Genozids ist in Teilen der Republika Srpska und in Serbien Alltag. Verurteilte Täter werden als Helden inszeniert, Denkmäler und Straßennamen erzählen andere Geschichten als die Gräber von Potočari.

Srebrenica ist damit mehr als ein lokaler Ort der Erinnerung. Es ist ein Spiegel für diesen Kontinent. Der Genozid traf Menschen, die Europäer und Muslime waren. Ihre Biografien sprengten die gewohnte Trennung zwischen „hier“ und „dort“, „wir“ und „sie“.

Dass das Verbrechen in vielen Debatten lange als „Balkan-Tragödie“ abgelegt wurde, sagt einiges darüber, wie schwer sich Europa damit tut, muslimische Opfer als Teil der eigenen Geschichte zu sehen. Für Muslime in Deutschland und anderswo ist Srebrenica deshalb ein Schlüsselereignis: Es erzählt von einem Genozid in Europa, der gezielt solchen Menschen traf.

Wer heute durch die Reihen der Grabsteine in Potočari geht, sieht Namen, die einem vertraut vorkommen könnten. Väter, Söhne, Brüder – Menschen, deren Leben von Freitagsgebet, Schulbesuch, Arbeit im Dorf geprägt war.

Sie waren keine Statisten in einem „Konflikt“, sondern Nachbarn, Kollegen, Angehörige. Erinnerung an Srebrenica heißt, diese Wirklichkeit ernst zu nehmen. Nicht, um sie in Konkurrenz zu anderen Leidensgeschichten zu stellen, vielmehr um einen blinden Fleck im europäischen Gedächtnis zu benennen.

Journalistisch bedeutet das, nicht bei der Formel „schlimmstes Kriegsverbrechen seit 1945“ stehenzubleiben. Geschichten über Srebrenica erzählen von konkreten Orten, Menschen, Abläufen und Entscheidungen. Sie fragen nach Verantwortung – der bosnisch-serbischen Führung, des serbischen Staates, der UN, der beteiligten Regierungen.

Sie fragen danach, was „Nie wieder“ jenseits von Jahrestagsreden bedeutet. Für muslimische Communitys in Europa stellt sich die Frage, wie Srebrenica in eigene Erinnerungskulturen integriert wird: als Datum im Kalender, als Thema in Unterricht und Predigten, als Ort, den man besucht.

Wer darüber schreibt, bewegt sich immer auf einem schmalen Grat. Der Genozid von Srebrenica ist ein schweres Thema, das leicht zur instrumentellen Folie politischer Debatten werden kann.

Humanität verlangt, nahe bei den Menschen zu bleiben, ohne die Analyse zu vernachlässigen. Srebrenica ist ein Ort, an dem sich beides verdichtet: die Geschichte einer europäischen muslimischen Gemeinschaft und die Frage, ob unsere Politik bereit ist, für ähnliche Situationen in der Gegenwart andere Entscheidungen zu treffen.

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Bosnien zwischen Armut und Hoffnung

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Arbeitslosigkeit und politische Blockaden prägen Bosnien-Herzegowina. Doch zwischen Moscheen und Kirchen lebt die Hoffnung auf Versöhnung und den Weg in die EU.

(KNA/IZ). Wo mag die alte Frau im zerschlissenen Kleid und den ausgetretenen Schuhen wohl die Nacht verbracht haben? Verfilzte graue Haarsträhnen lugen unter ihrem Kopftuch hervor, das sie unter dem Kinn gebunden hat. Müde braune Augen blicken aus dem zerfurchten Gesicht. Von Marion Krüger-Hundrup

Es ist frühmorgens in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina mit rund 300.000 Einwohnern. In der Straße Safvet bega Basagica unweit des osmanisch geprägten Viertels Bascarsija stehen Müllcontainer, in denen die Anwohner ihre Abfälle entsorgen. Ungerührt von neugierigen Blicken wühlt die Seniorin im Unrat, reißt prall gefüllte Plastiktüten auf. Und fischt Brot- und Gemüsereste heraus: ihr Frühstück oder sogar die ganze Tagesration.

So wie ihr geht es auch denen, die in der Ferhadija am Straßenrand kauern und die Hand aufhalten. Hier in der beliebtesten Einkaufs- und Bummelmeile Sarajevos mit ihren Boutiquen, Parfümerien, Schuhläden und Cafés erhoffen sich alt gewordene Männer und Frauen von bessergestellten Einheimischen und Touristen ein Erbarmen. Ein kleines oder größeres Geldstück, um den Hunger nach Essbarem stillen zu können.

So bitterarm sind Srecka Cemalovic und ihr Sohn Adi noch nicht, dass sie betteln müssten. Doch auf Rosen gebettet ist die 66-jährige Witwe nicht: Obwohl sie über 40 Jahre lang als medizinisch-technische Angestellte an der Universität Sarajevo gearbeitet hat, bekommt sie lediglich eine kleine Rente: „Zu wenig zum Leben“, sagt Srecka und erzählt, dass sie trotz Ruhestand in einer pathologischen Praxis weiterarbeitet.

Auch, um ihren 39-jährigen Sohn zu unterstützen, der nach längerer Arbeitslosigkeit zu ihr in die Zweizimmerwohnung im Stadtteil Grbavica gezogen ist. „Ich bewerbe mich überall, bekomme aber nur Absagen oder gar keine Antwort“, klagt Adi. Die einzigen Angebote sind einmonatige Jobs in Supermärkten: „Regale einräumen ist keine Perspektive für die Zukunft“, meint der in einem technischen Beruf ausgebildete Mann.

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Foto: SorinVides, Shutterstock

Den Jüngeren in Bosnien-Herzegowina geht es oft nicht besser. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen sind mehr als ein Viertel arbeitslos. Der Anteil der registrierten Erwerbslosen an allen potenziellen Arbeitnehmern liegt 2026 bei 12,6 Prozent.

Der Weg nach Brüssel ist für das Balkanland auch drei Jahrzehnte nach dem verheerenden Bürgerkrieg von 1992 bis 1995 noch weit. 2016 hat es offiziell einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt und erhielt 2022 den Kandidatenstatus. 2024 beschlossen die Mitgliedstaaten, den Weg für Beitrittsverhandlungen grundsätzlich freizumachen. Sie knüpften dies jedoch an die Umsetzung von Reformauflagen.

Vor allem auch an die zivile Umsetzung des Dayton-Friedensabkommens von 1995. „Dazu zählen der Schutz der Institutionen, die Unterstützung demokratischer Prozesse und die Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit, die zu meinen Aufgaben gehören“, erklärt Christian Schmidt im Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA).

Der Deutsche ist Hoher Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, einer internationalen Sondereinrichtung, die 1995 durch das Dayton-Abkommen geschaffen wurde und die zivile Umsetzung des Friedensvertrages überwacht.

Nach fünf Jahren auf dem Posten hat der 68-Jährige im Mai 2026 seinen Rücktritt angekündigt. Er bleibt kommissarisch im Amt, bis eine Nachfolge bestimmt ist. In seiner Bilanz hebt er hervor, seine Reformen und die Einführung neuer Wahltechnologien hätten das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Wahlen gestärkt.

Darüber habe seine Behörde institutionelle und finanzielle Stabilität ermöglicht, wenn die einheimischen politischen Akteure keine Einigung erzielen konnten.

„Ich bin stolz darauf, dass sich Bosnien-Herzegowina in dieser Zeit der Europäischen Union angenähert hat“, sagt der CSU-Politiker und ehemalige Bundesminister Schmidt. Gleichwohl hätte er sich schnellere Fortschritte bei Reformen und eine stärkere Bereitschaft der politischen Führung gewünscht, um Spaltungen zwischen den bosnischen, serbischen und kroatischen Bevölkerungsteilen zu überwinden.

Und er bedauere, so Schmidt, „dass viele junge Menschen weiterhin unsicher in die Zukunft blicken und das Land verlassen“.

Dabei verfüge Bosnien-Herzegowina über enormes Potenzial: „Das wird aber erst voll zum Tragen kommen, wenn die politische Elite ihrer Verantwortung für die Stabilität und die Entwicklung des Landes gerecht wird“, erklärt der Hohe Repräsentant.

Das Land sehe sich weiterhin mit Versuchen lokaler politischer Kreise konfrontiert, die gesamtstaatlichen Institutionen zu schwächen und Reformen, die ihr korruptes Geschäftsmodell bedrohen, auszubremsen.

Gleichzeitig bestehe eine echte Chance auf Fortschritt, „wenn sich die politischen Führungspersönlichkeiten auf Zusammenarbeit statt auf Spaltung konzentrieren“, prognostiziert Schmidt.

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Foto: Mete H., Shutterstock

Er wehrt sich dagegen, die besonders durch den bosnischen Serben Milorad Dodik angespannte Lage, der einen konfrontativen nationalistischen Kurs fährt, einen „vergessenen Konflikt“ zu nennen: „Bosnien-Herzegowina bleibt wichtig für die europäische Stabilität und Sicherheit“, sagt der Hohe Repräsentant.

Die internationale Gemeinschaft verfolge die Entwicklungen im Land weiterhin aufmerksam, auch wenn globale Krisen zeitweise die Aufmerksamkeit ablenken. Deshalb sei es wichtig, Frieden und Stabilität nicht als selbstverständlich anzusehen. So wünsche er sich von der internationalen Staatengemeinschaft fortgesetztes Engagement, Geschlossenheit und strategische Geduld.

Am 5. Juni fand im montenegrinischen Tivat der EU-Westbalkan-Gipfel statt, zu dem auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) reiste. Schmidt gibt zu bedenken, Bosnien-Herzegowina sollte nicht nur durch die Brille des Krisenmanagements betrachtet werden, sondern als ein Land mit einer europäischen Identität, dessen Transformation und schließlich Integration die EU stärken würde: „Nicht zuletzt auch, weil wir in keiner anderen Region der Welt über so viel Einfluss verfügen“, so Christian Schmidt.

Eine stabilisierende Rolle spielen die Religionen für die 3,2 Millionen Landesbewohner. Der institutionalisierte interreligiöse Dialog zwischen muslimischen Bosniaken (50 %), orthodoxen Serben (31 %) und katholischen Kroaten (15 %) ist ein positives Beispiel dafür, wie unterschiedliche Glaubensrichtungen und Traditionen zusammenleben.

Viele Beobachter betonen, es gebe keinen „Kampf der Kulturen“. Was nicht heißt, dass nicht auch in Bosnien-Herzegowina Intoleranz und religiös begründete Feindseligkeit existieren. Wer über das eigene Minarett, den eigenen Kirchturm hinausschaut, tut sich wesentlich leichter mit der Versöhnung.

Solche Friedensbotschafter sind die Bosniaken Srecka und Adi Cemalovic, die selbst in ihrer in Sarajevo alteingesessenen Familie alle drei Religionen vertreten haben. Für die Witwe und ihren Sohn ist es selbstverständlich, dass sie sich um die alt gewordenen Verwandten kümmern.

Sarajevo, auch das „Jerusalem Europas“ genannt, trägt die Last der Geschichte, besitzt aber auch einen außergewöhnlichen Geist der Widerstandskraft und Offenheit. Inmitten architektonischer Vielfalt klingen hier der Muezzinruf und das Angelus-Läuten der Kirchen nebeneinander.

Selbst nach schwierigen Phasen ihrer Geschichte hat sich die Stadt eine einzigartige Energie und Würde bewahrt, ihr multikulturelles Gepräge zu bewahren und alte Konflikte zu überwinden.

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Ein Blick auf Bosnien (2). Wiedergeburt in Zeiten des Krieges

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In unserer letzten Ausgabe haben wir den ersten Teil eines längeren Textes von Robert Rigney über Sarajevo und Bosnien in der osmanischen und frühen österreichischen Zeit veröffentlicht. (iz). Was folgt, […]

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Bosnien oder der Traum des Sultans

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Bosnien: Fatih Sultan Mehmed II., der Eroberer von Konstantinopel, träumte 1463 am Vorabend seines Feldzugs nach Westen in den Balkan vom Land.

(iz). In seinem Traum sah er eine gewaltige Flamme, die weite Landstriche verschlang, und um das Feuer herum sah er drei Gefährten des Propheten Muhammed und spätere Kalifen sitzen, darunter Abu Bakr, seinen Schwiegervater, Osman und Ali.

Das Land, so schlussfolgerte sein Traumdeuter, sei Bosnien, und das Feuer sei der Islam. Dass Abu Bakr dort war, sei ein Zeichen dafür, dass das Land bis zum Jüngsten Tag standhaft im Islam verbleiben werde.

Osmans Präsenz bedeute, dass die Herrscher bis zum Tag des Gerichts im Amt bleiben würden. Alis Anwesenheit sei als Anzeichen dafür zu deuten, dass das Reich eine Fülle von Helden hervorbringen werde, die für die Sache des Islam kämpften.

Und so ritten die Gazi aus Istanbul nach Bosnien, erfüllt von Eifer, angetrieben vom wütenden Brüllen des Agha der Janitscharen und dem schrillen Klang der Zurnas der Mehtar-Kapellen. 

Riesige Entfernungen wurden an einem Tag zurückgelegt, und als sich die Osmanen Städten und Dörfern näherten, flohen die Menschen mit all ihren Gütern und Tieren und hinterließen eine Art Grenz-Niemandsland, das wie durch Osmose in ihre Hände glitt.

Sie sagten, sie seien Werkzeuge des göttlichen Schicksals, deren Erfolg den Ruhm des Islam bewies; Gott stehe in ihren Diensten, erklärten sie, während der Islam durch den Balkan zog. Als er das Land 1463 eroberte, hatte Fatih Sultan Mehmed nichts gesehen, was mit Bosnien vergleichbar gewesen wäre. Das Gebiet erschien üppig und grün, es gab unzählige Flüsse und Bäche und wunderschöne Tiere verschiedener Arten und Farben.

Tursun Beg, osmanischer Beamter und Historiker, beschrieb Bosnien im Jahr 1463 als „ein weitläufiges Land (bir memleket-i vesi)“. „Der größte Teil davon ist bergig, mit hohen Gipfeln und uneinnehmbaren Burgen sowie Gold- und Silberminen“, schrieb er. Das Klima war mild und der Charme der jungen Männer und Mädchen unvergleichlich.

Im Jahr 1451 eroberten sie Vrhbosna (Sarajevo), das während der türkischen Herrschaft wachsen und zur wichtigsten Stadt Bosniens werden sollte. Die Osmanen führten intensive Kriege, regierten ihre Eroberungsgebiete jedoch mit Milde. Ihre Untertanen wurden dazu angehalten, für sich selbst zu sorgen, und die Türken verfolgten kein Programm, das über die Sicherung ihres eigenen Unterhalts hinausging.

Foto: Nakkash Osman/gemeinfrei

Sie bestanden nicht darauf, dass die Menschen zum Islam konvertierten. „Es gibt keinen Zwang im Islam“, heißt es im Qur’an. Die Wahrheit offenbart sich von selbst. Bei der Eroberung des Landes erteilte Fatih Sultan Mehmed seinen Kommandeuren dieselben Befehle, die der Kalif Abu Bakr seiner Armee gab:

„Seid nicht ungerecht, plündert nicht, schändet keine Leichen! Greift keine Kinder, alte Menschen und Frauen an! Rodet keine Dattelhaine! Fällt keine fruchttragenden Bäume! Tötet kein Vieh, keine Schafe und Kamele, es sei denn, um ihr Fleisch zu essen! Ihr werdet auf eurem Weg Menschen begegnen, die sich in Klöster zurückgezogen haben. Lasst sie in Ruhe und behindert sie nicht bei ihren Gebeten.“

In den Jahren vor der osmanischen Eroberung war die Gesellschaft auf dem Balkan in einem repressiven Feudalismus versunken. König Dušan von Serbien hatte seinen Feudalherren gestattet, von ihren Bauern zwei Arbeitstage pro Woche zu verlangen.

Unter den Osmanen mussten sie nur drei Tage im Jahr für die örtlichen Spahis arbeiten. Abgesehen davon und von dem Zehnten, den sie als Christen in Höhe von zehn Prozent ihres Einkommens zahlten, durften sie ihrem Leben nachgehen und ihren Glauben ausüben.

Diejenigen, die das Land bearbeiteten, wurden beschützt wie Schafe, die von ihrem Hirten gehütet werden. Die osmanische Herrschaft kam sogar für die Orthodoxen als eine Art Befreiung von der Ausbeutung. Einige konvertierten zum Islam.

Ebenso sahen die Bogumilen, streng unabhängige Anhänger einer christlichen Sekte, die Ikonen und Bilder verabscheute und im Konflikt mit Rom stand, im Islam eine Befreiung.

muslime europa

Foto: Dr. Sara Kuehn

Die Leute waren leicht zu bekehren, da das Christentum auf dem Balkan nicht allzu tief verwurzelt war; zumindest nicht in Bosnien, und die Menschen nur sehr wenig Kontakt zu Priestern hatten. Es heißt, das bosnische Volk habe eine Art „Volksislam“ angenommen, der christliche Bräuche mit muslimischen vermischte.

Für die Verstorbenen wurde ein Gottesdienst von der orthodoxen Kirche abgehalten, gefolgt von einer Beisetzung auf einem muslimischen Friedhof. In vielen Familien war der eine Bruder orthodox oder katholisch, der andere muslimisch.

Im ganzen Reich wurden große Moscheen, Medresen, Armenhäuser, Krankenhäuser, Bäder, Gasthäuser und Bibliotheken errichtet, die die Religion des Islam verbreiteten. Auch die Derwische spielten eine Rolle bei der Bekehrung der Bosnier. Sie zogen unermüdlich durch das Reich, predigten und praktizierten ihre Tariqa und zahlreiche damit verbundene Zeremonien.

War Belgrad in den Jahren ihrer Herrschaft ein Ort der militärischen Macht, so stand Sarajevo für sanfte osmanische Gastfreundschaft. Hier endete die Route der Kamelkarawanen aus Anatolien und darüber hinaus, und ihre Waren wurden auf Maultiere und Pferde umgeladen, die sie zu weiteren Zielen im Norden transportierten. An der Ost-West-Route von Ragusa (Dubrovnik) gelegen, entwickelte es sich zu einer reichen Stadt und sicherte sich den Status der Halbunabhängigkeit von der Pforte.

Es war Saray, was „Palast“ bedeutet. Bosna Saraj. „Goldenes Saraj“. Eine Marktstadt, so wie Belgrad eine Garnisonsstadt war. Sarajevo war voller Parks, sephardischer Juden, Zigeuner, Muslime und Mitglieder alter bosnischer Familien, die zum Islam konvertiert waren, um ihre Ländereien zu behalten.

Der Reisende Evliya Çelebi lobte ihr geschäftiges Treiben und ihre Frömmigkeit, mit 1.080 Läden, die Waren von Indien bis Böhmen verkauften, mehr als tausend älteren Menschen bei bester Gesundheit und 17.000 Häusern; während Quiclet die 169 Brunnen der Stadt bewunderte.

Im Oktober 1697 bewunderte Prinz Eugen, der seine Truppen auf einem Bergrücken mit Blick auf die Stadt aufstellte – demselben, den die Serben während der Belagerung von Sarajevo besetzt hielten –, die Größe der Stadt und ihre 120 prächtigen Moscheen, bevor er sie vollständig dem Erdboden gleichmachte.

Sarajevo war eine typisch bosnische Stadt, die in einem Flusstal lag, sich zu beiden Seiten des Flusses erstreckte und sich an den Hängen der umliegenden Hügel emporzog, mit atemberaubenden Ausblicken und Panoramen.

Die Wege waren eng und verwinkelt, und die Häuser waren nach innen ausgerichtet, mit Gärten und Außenbereichen, die von Mauern umgeben waren und von der Straße aus nicht zu sehen waren. Entsprechend der osmanischen Vorliebe für Wasser gab es öffentliche Brunnen und Bäder.

In Sarajevo waren alle – Muslime, Katholiken, Orthodoxe und Juden – in Milets organisiert. Das waren autonome Religionsgemeinschaften mit eigenen Gesetzen und Führern. Solange die Millet nicht in Konflikt mit der islamischen Organisation und Gesellschaft geriet, ihre Steuern zahlte und den Frieden wahrte, durften sie ihre Angelegenheiten selbst regeln. Die verschiedenen Konfessionen lebten in getrennten Vierteln, den Mahalas.

Während viele im Westen an der Vorstellung festhalten, dass Stammesfehden und ethnische Kriege in Bosnien seit alten Zeiten die Regel seien, könnte man sagen, dass eigentlich das Gegenteil der Fall war: Die Bosniaken lebten unter den Osmanen viele Jahrhunderte lang in relativer Ruhe und gegenseitiger Toleranz zusammen.

Geografisch gesehen lag die Stadt weit vom Zentrum der osmanischen Herrschaft. Sarajevo war fast doppelt so weit von Istanbul entfernt wie von Wien, der Hauptstadt Österreich-Ungarns. Belgrad lag viermal näher als Istanbul; die nördlichen Bezirke Bosniens näher an Berlin als an Istanbul.

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Foto: Roibo, Shutterstock

Es bot Besuchern aus dem Westen damals einen sehr malerischen Anblick. Der Fluss Miljačka floss „sanft murmelnd“ durch seine gesamte Länge. „Sarajevo ist nach wie vor die orientalischste Stadt auf der Balkanhalbinsel“, schrieb ein Reisender.

„In Sarajevo treffen West und Ost aufeinander … Man kann einen Spaziergang durch den Basar oder die čaršija machen und sich in eine rein orientalische Stadt versetzen, während einen die Geschäfte der Franje-Josipa-Straße nur wenige Minuten entfernt in eine österreichische Stadt zurückversetzen. Was die malerische Schönheit angeht, ist der Basar von Sarajevo im Nahen Osten unübertroffen. Er lässt sich vielleicht nicht mit den Suks von Tunis oder dem großen überdachten Basar in Konstantinopel vergleichen, da er fast ausschließlich unter freiem Himmel stattfindet. Um ihn von seiner besten Seite zu sehen, sollten Sie ihn an einem Markttag besuchen. Dann kommen die Landleute aus der ganzen Umgebung mit ihren Waren herein, jeder von ihnen in Tracht… Ein Großteil der Händler sind spanische Juden, die wie Svengali sowohl im Sommer als auch im Winter dicke Pelzmäntel tragen.“

Die Baščaršija bot nach wie vor ein orientalisches Bild mit ihrem „Netzwerk aus kleinen, mit Kopfsteinpflaster gepflasterten Gassen, die zu beiden Seiten von kleinen, niedrig gedeckten Holzläden gesäumt waren“. Ihr Charme lag in den Menschen, die sich dort drängten. Kein Radverkehr drang durch das enge Labyrinth, durch das sich manchmal Reihen von Ponys schlängelten, die Kopf an Schwanz angebunden und mit unhandlichen Lasten beladen waren. 

„Muslime, Juden, kräftig gebaute Bergbauern mit riesigen Gürteln, vollgestopft mit einem bunten Sammelsurium an Habseligkeiten; feierliche Hojas, türkische Träger, lungerten auf der Suche nach Arbeit herum. Es gab verschleierte osmanische Damen, die sich unbeholfen durch das Chaos schlängelten, bosnische Bäuerinnen, die in ihren weiten Hosen dahinschritten, Montenegriner und Albaner in ihrer charakteristischen Tracht sowie die christlichen Stadtbewohner, die „in der entstellenden Kleidung der Zivilisation recht gewöhnlich und schäbig aussahen“, heißt es in einem Bericht während der österreichisch-ungarischen Herrschaft.

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Sarajevo mit einem Kaffee kennenlernen

Sarajevo

Sarajevo ist für Sejfuddin Dizdarević kein bloßes Reiseziel, sondern ein biografischer Punkt: Der Bosnier, der als Jugendlicher vor dem Krieg nach Düsseldorf kam, kehrt seit Jahren als Brückenbauer zwischen seinen Welten zurück.

(iz). Dort entwickelt er Bildungsreisen, in denen Schüler, Studierende und Berufsgruppen die Spuren des Genozids, das vielschichtige religiöse Leben und die fragile Nachkriegsrealität Bosniens kennenlernen – immer mit der Frage, welche Lehren sich daraus für das Zusammenleben in Deutschland ziehen lassen.

Aus dieser Arbeit ist ein neuer Reiseführer entstanden, der weit mehr sein will als eine Sammlung touristischer Tipps: Dizdarević führt seine Leser durch Städte, Dörfer und Erinnerungsorte, verwebt Landschaftsbeschreibungen mit politischen Einsichten und persönlicher Erfahrung und lädt dazu ein, das Land als Labor europäischer Zukunft zu entdecken.

Foto: Marjola Rukaj

Sarajevo „in einer ungewöhnlichen Art und Weise“

Islamische Zeitung: Nach zwei Übersetzungen haben Sie jetzt mit „Sarajevo: eine Liebeseklärung“ ihren ersten eigenen Text veröffentlicht. Worum geht es bei dem Buch?

Sejfuddin Dizdarević: Es geht darum, das Land Bosnien im Allgemeinen und die Stadt Sarajevo im Speziellen dem Leser vorzustellen; allerdings in einer ungewöhnlichen Art und Weise, was es interessanter machen sollte, sich mit dem Text auseinanderzusetzen.

Drei Tassen Kaffee

Islamische Zeitung: Der Text orientiert sich an den drei Tassen des bosniakischen Kaffeerituals – Begrüßung, Austausch und Abschied. Warum ist es bedeutsam in der Behandlung Bosniens?

Sejfuddin Dizdarević: Wir sagen in Bosnien, dass wir nur Tee trinken, wenn wir krank sind. Hier wird man von klein auf an den Kaffee herangeführt.

Diese Tradition des dreimaligen Kaffeeservierens ist zwar ein bisschen im Rückgang. Aber es war bis vor einigen Jahren üblich, dass man durch dieses Ritual dem Besucher signalisierte, wo man sich im Gespräch befindet.

Foto: Sejfuddin Dizdarević

Ich habe versucht, diese drei Arten von Kaffee, die du eben erwähnt hast – Begrüßungs-, Plauder- und Abschiedskaffee – auf den Text zu übertragen. Zur Einführung, als Begrüßungskaffee, erzähle ich im Buch etwas von der Geschichte Bosniens und Sarajevos. Der Plauderkaffee ist dann die Hauptführung durch die Stadt.

Ich orientiere mich dabei an einem Spaziergang. Das heißt, der Leser kann einfach das Buch nehmen, entlang Sarajevo spazieren und sich das alles live anschauen, wo er gerade ist. Und der dritte Kaffee, der Abschiedskaffee, ist der Teil, in dem ich das Tempo etwas verlangsame und auf die nachdenklichen Themen eingehe.

„Bosnien ist interessant“

Islamische Zeitung: Was möchtest du mit dem Reiseführer über Sarajevo, aber darüber hinaus auch Bosnien vermitteln?

Sejfuddin Dizdarević: Ich merke generell, dass es ein großes Interesse an diesem Land gibt, besonders unter den Muslimen in Westeuropa. Bosnien ist für viele, die dort aufwuchsen und sozialisiert sind und teilweise zum Islam konvertierten, interessant, weil es keinen so krassen Bruch mit den gewohnten Gepflogenheiten darstellt, wie man es aus Westeuropa kennt.

Bosnien Ramadan

Gebetsruf zum Abendgebet und Fastenbrechen in Sarajevo, Bosnien. Foto: Ammar Asfour

Trotzdem ist es ein muslimisches Land. Mit dem Buch möchte ich dem muslimischen Leser sagen, dass man Islam und Muslime nicht nur mit dem Nahen oder Fernen Osten bzw. mit Afrika verbinden muss. Vielmehr, dass es auch europäische Muslime gibt, die keine Konvertiten sind, sondern von Geburt dem Islam angehören.

Und nichtmuslimischen Lesern möchte ich zeigen, dass es möglich ist, in einem geografisch kleinen Rahmen über Jahrhunderte hinweg so zusammenzuleben, dass verschiedene Menschen neben- und miteinander leben können – wenn die Bedingungen stimmen.

Sarajevo ist eine Stadt, die immer wieder beweist, dass die Leute es miteinander schaffen können. Ich versuche, den Leser dazu anzuregen, es in seinem Leben zu implementieren.

Islamische Zeitung: Vielen lieben Dank für das Gespräch.

Link zum Reiseführer: https://sejfuddin.myshopify.com/products/sarajevo-eine-liebeserklarung-durch-die-stadt-in-drei-tassen-kaffee

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Bosnien als Reiseziel

bosnien reisen

Bosnien ist eine Reise Wert: Zu Besuch an der Kreuzung von Kulturen und Religionen.

(iz). Überlegen Sie noch, wo Sie Ihren Urlaub verbringen könnten? Sie wollen endlich wieder einmal raus aus der Routine, Körper und Geist von dem Mief der langen Stubenhockerei entlüften, sich bewegen, Neues entdecken, lernen und gleichzeitig rundum entspannen? Nun, wie wäre es mit einer Reise nach Bosnien?

Manchen wird dieser Vorschlag erstaunen, sind doch unsere Vorstellungen von diesem Land nachhaltig von den jahrelang andauernden Kriegshandlungen auf dem Balkan bestimmt. Die Spuren des Krieges sind auch heute noch, mehr als zehn Jahre danach, vielerorts in Gestalt von ausgestorbenen Dörfern, Häuserruinen und zerbombten Fassaden allgegenwärtig und nicht zu übersehen.

Foto: H. Marusic, Unsplash

Bosnien hat viele andere Seiten als den Krieg

Aber daneben gibt es auch zahlreiche andere Seiten des Landes. Da gibt es Sarajevo mit seinem alten Handwerkerviertel, der Bascarsija, und den Dutzenden kleinen alten Moscheen, seinen Kirchen und Museen. Oder das mit viel Mühe und Liebe restaurierte Mostar mit seinen legendären Brückenspringern auf der wiederaufgebauten Alten Brücke. Oder die alte Tekija aus dem 16. Jahrhundert in Blagaj an der Quelle der Buna.

Oder die faszinierende Natur der bosnischen Berge, das blaue klare Wasser der Neretva, die letzten Urwälder Europas im Sutjeska-Nationalpark oder die kargen Karstgipfel der Herzegowina. Und nicht nur in der Gegend von Grabovica, auf der Schwelle zwischen kontinentalem Gebirgsklima und mediterranem Seeklima gelegen, kann man sich von einer Vielzahl endemischer Arten in Flora und Fauna bezaubern lassen.

Auch für Sportler aller Couleur hat das Land viel zu bieten. Rafting oder Kajakfahren auf der Neretva, Una oder Drina sind unvergessliche Erlebnisse. Genauso wie Wanderungen oder Klettertouren durch die Bergwelten. Wer es ruhiger mag, der wird zum Angeln zahlreiche idyllische und ertragreiche Plätze finden.

Foto: Shutterstock

Landschaft und Geschichte

Doch in Bosnien bewegt man sich nicht nur in einer einzigartigen Landschaft, sondern immer auch auf geschichtsträchtigem Boden. Schon lange vor unserer Zeitrechnung ließen sich die ersten Menschen in dieser Gegend nieder.

Von dieser ersten Besiedlung zeugen noch heute mancherorts zu findende Grabhügel. Später bauten die Römer Straßen und Städte. Reiche Römer genossen schon damals die heilende Wirkung der Thermalquellen von Ilidza.

Im Mittelalter entstand der erste bosnische Staat. Relikte einer Besonderheit der christlichen Religionsgeschichte, der bosnischen Kirche, die Stecci, sind vielerorts noch zu bewundern. 

Und natürlich haben auch die über 400 Jahre andauernde Herrschaft der Osmanen und die eher kurze Periode unter Habsburger Vorherrschaft dem Land seine Stempel aufgedrückt. Durch diese lange, wechselvolle Geschichte entstand letztlich die einzigartige Mischung aus Kulturen und Religionen, welche einen Großteil der Faszination Bosniens ausmacht.

Foto: Imran Hecimovic, Unsplash

Eine muslimische Atmosphäre in Europa

Darüber hinaus ist besonders für den muslimischen Reisenden eine Reise nach Bosnien auch ein Quell der geistigen Erbauung und birgt eine besondere Entspannung in sich. Sich auf europäischem Boden zu bewegen und zu sehen, wie muslimischer Alltag Teil europäischen öffentlichen Lebens ist, ist wirklich wohltuend.

Das Aufstehen zum Frühgebet wird einem leicht, wenn sich zum Morgengrauen über Sarajevo die Gebetsrufe von den Minaretten der Stadt erheben. Egal wo man sich gerade befindet, ob in der Stadt oder irgendwo auf dem Land – wenn die Zeit zum Gebet naht, wird man mühelos eine Moschee für sein Gebet finden. Und keiner schaut einen schief wegen des Kopftuchs an.

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Den Völkermord von Srebrenica überleben

srebrenica

Für die Opfer von Srebrenica und des Bosnienkrieges insgesamt: Die Hilfsorganisation Islamic Relief Deutschland steht bis heute an der Seite der Überlebenden.

Köln (Islamic Relief Deutschland/iz). 30 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica bedeuten 30 Jahre Aufarbeitung, Erinnern, Gedenken und Trauma für die bosnische Gesellschaft. Sie zeugen aber auch von der Hoffnung und Widerstandsfähigkeit traumatisierter Menschen, die einen Völkermord überlebt haben.

Über 700 Tonnen Hilfsgüter während des Krieges

Islamic Relief Deutschland und ihr internationales Hilfsnetzwerk haben während des Bosnienkrieges mehr als 700 Tonnen Hilfsgüter bereitgestellt und die Menschen darin unterstützt, ihre eigenen Lebensmittel anzubauen. Die 70-jährige Überlebende und Zeitzeugin Tima erinnert sich an das Grauen von Srebrenica, die Kriegsjahre und das Leben danach.

Heute gedenkt die internationale Gemeinschaft des Völkermordes von Srebrenica im Jahr 1995, bei dem mehr als 8.372 bosniakische Männer und Jungen getötet wurden – aber auch der mehr als 100.000 größtenteils bosniakischen Todesopfer, die in den Kriegsjahren von 1992 bis 1996 in ganz Bosnien getötet wurden.

Das Trauma hält bis heute an und ist generationenübergreifend. Die 70-jährige Überlebende Tima erzählt von der Flucht aus ihrer Heimatstadt Sebioèina mit ihren drei Kindern: „Ich musste mein Zuhause verlassen, weil sie das Haus in Brand setzten. Sie töteten, wen sie konnten. Wir sind nie zurückgekehrt. Diejenigen, die geblieben sind, wurden getötet.“

Timas Heimatstadt Sebioèina wurde 1992 von serbischen Truppen angegriffen, was sie und ihre Familie zur Flucht zwang. Drei Monate lang trug Tima ihre Kinder durch den Schnee, bis sie Srebrenica erreichte, wo sie zunächst im Wald leben musste. „In Srebrenica erinnere ich mich an den Klang der Granaten. Ich erinnere mich daran, wie anstrengend es war, das schwere Essen auf meinem Rücken zu tragen, während ich gleichzeitig meine Kinder trug.“

Sie erinnert sich auch an die schwedischen Hilfsorganisationen, die etwas humanitäre Hilfe brachten. Sie sagt: „Diejenigen, die humanitäre Hilfe erhielten, hatten eine Überlebenschance, aber diejenigen, die keine erhielten, hatten keine Chance. Ich hoffe, dass es hier nie wieder Krieg gibt.“

Alija, Timas Ehemann, und ihr Sohn wurden von den serbischen Truppen gefangen genommen. Er wurde auf tragische Weise in Kasaba, im Osten von Bosnien und Herzegowina, getötet; im Jahr 1995, wie das rote Kreuz später herausfand. Ihr Sohn Nedzad wurde zu einer Massenhinrichtungsstätte gebracht. Trotz der vier Schüssen auf ihn, überlebte er und kehrte schwerverletzt zu seiner Mutter nach Tuzla zurück.

Jetzt, 30 Jahre später, lebt Tima zeitweise bei Nezdad in Srebrenica. Und bis heute verfolgen sie die Kriegsjahre: „Wenn man einmal etwas extrem Beängstigendes erlebt hat, dann erschüttern einen danach selbst kleine Dinge. Ich würde meinen Sohn gerne aus Srebrenica wegbringen, aber was kann ich tun? Da Nedzad hier beschäftigt ist, müssen wir hierbleiben.“

Tima und ihre beiden damals noch kleinen Töchter erhielten später Unterstützung durch das Waisenpatenschaftsprogramm von Islamic Relief. Tima konnte einen kleinen Kredit aufnehmen, der ihr half, die Kinder in die Schule zu schicken. Sie sagt: „Ich bin Islamic Relief sehr dankbar, denn ich hätte nirgendwo anders einen Kredit bekommen. Ich möchte Ihnen und der Organisation, die die Patenschaft für meine beiden Mädchen übernommen hat, einfach nur sehr danken.“

Derzeit teilt sie ihre Zeit zwischen Tuzla und Srebrenica, wo Nedzad lebt, auf, doch die Rückkehr dorthin fällt ihr immer noch schwer. „Ich wollte nicht zurückkehren“, sagt sie.

Auch 30 Jahre nach dem Krieg und dem Völkermord von Srebrenica findet sie keine Worte, die auch nur annähernd das Leid ausdrücken, welches ihr wiederfahren ist. Täglich beweist sie ihren Mut und ihre Willenskraft aufs Neue, indem sie auch jetzt für ihre Kinder da ist.

Trauma

Das Trauma der jahrelangen Belagerung, des Völkermordes, der Hungersnot und der massenhaften Vergewaltigungen von schätzungsweise 50.000 Frauen hält bis heute an. Mehr als 104.000 größtenteils bosniakische und muslimische Menschen starben im Krieg, dessen Spuren die Gesellschaft bis heute durchziehen.

Zwischen dem 13. und 19. Juli 1995 wurden beim Genozid von Srebrenica mehr als 8.372 Bosniaken hingerichtet und unzählige Frauen vergewaltigt.

Als Hilfsorganisation hat Islamic Relief während des Bosnienkrieges Lebensmittel an die Flüchtenden und Überlebenden verteilt und unterstützte sie in den schweren Folgejahren dabei, ihr Leben wiederaufzubauen.

Um die Menschen auch danach zu unterstützen, setzte Islamic Relief in den 30 Jahren seit dem Krieg zahlreiche Projekte um, die Frauen und Kinder in ihrer Resilienz durch psychosoziale Betreuung stärken, aber auch Familien dabei unterstützen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Waisenpatenschaften halfen den vielen Witwen und Waisenkindern dabei, Zugang zu Bildung zu erhalten und Mikrokredite zu nehmen, um sich eine kleine Existenz aufzubauen.

30 Jahre humanitäre Hilfe in Bosnien für eine Zukunft voller Hoffnung 

Der Bosnienkrieg ist eng mit der Gründung Islamic Relief Deutschlands verbunden, denn noch vor der offiziellen Gründung 1996 sammelten deutsche Helferinnen und Helfer erstmalig Geld für die Opfer und Überlebenden des Bosnienkrieges und des Völkermordes von Srebrenica.

Mittlerweile leistet die Kölner Hilfsorganisation seit 30 Jahren humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit in dem Land, das den Krieg und andere Katastrophen erlebt hat.

Die Hilfsorganisation hat während des Krieges in Bosnien Soforthilfe geleistet und unterstützt bis heute schutzbedürftige Gemeinden vor Ort – ob durch die jährliche Winterhilfe, saisonalen Ramadan- und Kurban Lebensmittelverteilungen oder Patenschaften für Waisenkinder.

Heute noch steht das internationale Islamic Relief Hilfsnetzwerk den Überlebenden des Völkermordes, insbesondere Witwen und Waisenkindern zur Seite, mit bis zu 1400 laufenden Waisenpatenschaften.

Islamic Relief als globales Netzwerk ist seit 1992 in Bosnien und Herzegowina tätig. Mit dem Kriegsende halfen lokale Teams den Überlebenden beim Wiederaufbau ihrer Häuser und bei der Bewältigung ihres Traumas; halfen den Kindern, wieder zur Schule zu gehen, und bei der Gründung von Bauernhöfe und kleinen Unternehmen.

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Gedenken: Srebrenica aus europäischer Sicht

Srebrenica

Jahrestag: Wie lässt sich des Genozids von Srebrenica aus europäischer Sicht gedenken? Und wie sieht ein muslimischer Beitrag dazu aus?

(iz). Wenn wir Muslime über Vergangenes und Geschehenes, über Geschichten in Raum und Zeit reflektieren, dann um die Bedeutung und den Sinn von Geschichte zu erfassen. Bei unserem heutigen Thema ist es zunächst notwendig, nochmals einige historische Eckdaten aus dem Logbuch der Geschichte zu erfassen und auf uns wirken zu lassen. Leider zeigen diese Ereignisse der 90er Jahre, dies sei vorab gesagt, einige typische, sich wiederholende Merkmale der Moderne auf.

Genannt seien das Lager, das nach dem italienischen Philosophen Agamben zum „Nomos der Moderne“ gehört, und das Prinzip der Massenvergewaltigung, für den Philosophien Foucault der Ausdruck einer modernen Biopolitik.

Der Balkankrieg macht zudem wieder einmal deutlich, was es heißt, wenn sich Volksgruppen ausschließlich als „Ethnie“ definieren. Die Grundlage des Barbarischen, Antireligiösen ist damit bereits gelegt. „Der ethnisch definierte Mensch“, so schrieb die damalige Ombudsfrau für Bosnien, Gret Haller, „hat gar keine Autonomie als Mensch mehr und wird völlig auf seine ethnische Zugehörigkeit reduziert“. Recht verletzen und Recht haben verkommt zu einer ethnischen Frage.

Srebrenica

Foto: The Advocacy Project, via flickr | Lizenz: CC BY-ND 2.0

Vergegenwärtigen wir uns also noch einmal emotionslos einige historische Fakten, die im Grunde für sich sprechen:

1991: Letzte Volkszählung vor dem Krieg. Srebrenica: 73 Prozent der Einwohner bezeichnen sich als Muslime.

6.3.1992: Beginn der Kämpfe in Bosnien-Herzegowina.

August 1992: Erste Berichte über Gefangenenlager der Serben (Roy Gutman in „Newsday“).

Oktober 1992: Die Serben haben die Macht in ihren Siedlungsgebieten konsolidiert, diese territorial verbunden und „ethnische Säuberungen“ vorgenommen. Dazu haben sie das von den bosnischen Muslimen bewohnte Ostbosnien bis auf sechs Enklaven, darunter Srebrenica, erobert. Auch die Hauptstadt Sarajevo sowie Bihac in Westbosnien sind von Serben eingeschlossen.

6.5.1993: Alle belagerten bosnischen Enklaven – Srebrenica, Sarajevo, Tuzla, Zepa, Gorazde und Bihac – werden zu UN-Schutzzonen erklärt (Resolution 824).

10.6.1993: Die NATO übernimmt den Schutz der UNPROFOR aus der Luft, die Abstimmung über Einsätze erfolgt in einem komplizierten Zwei-Schlüssel-System mit der UNO. Die NATO-Flugzeuge sollten aber nie wirklich zum Schutz der Bosnier zum Einsatz kommen.

24.5.1995: Der französische General Bernard Janvier, Kommandeur der UNO-Truppen in Ex-Jugoslawien, schlägt dem Sicherheitsrat die Aufgabe der Schutzzonen vor. [General Janvier war einer der härtesten Gegner von möglichen NATO-Angriffen gegen serbische Landziele während der Eroberung Srebrenicas. Er ließ das schlecht vorbereitete „Dutchbat“ alleine.]

6.-11.7.1995: Serben erobern die Schutzzone Srebrenica trotz der Anwesenheit von 419 Blauhelm-Soldaten. Der Befehlshaber der bosnischen Serben, General Mladic, leitet die Aktion persönlich. Dreißig niederländische Blauhelm-Soldaten als Gefangene in der Gewalt der Serben.

10.7.1995, 19.00 Uhr: Das niederländische Bataillon „Dutchbat“ fordert Luftunterstützung an. General Janvier zögert, weist drei solcher Aufrufe ab. Flugzeuge erreichen Srebrenica, kehren aber wieder um.

11.7.1995: Erst um 14.30 Uhr greifen NATO-Flugzeuge serbische Panzer an.

Um 15.00 Uhr wird die Beendigung der Angriffe wegen der Gefahr von Geiselnahmen verlangt.

16.00 Uhr: Eroberung Srebrenicas.

20.30 Uhr: Treffen Karremans/Mladic [Berüchtigter Sektglas-Empfang]. Präsident Izetbegovic ruft die UNO vergeblich zur Rückeroberung auf. [Viele niederländische Soldaten haben sich niemals mit dem Ziel ihres Einsatzes identifiziert; Zitat: „This is not my war!“]

12.7.1995: „Dutchbat“ wird von den Serben praktisch entmachtet. Zehntausende Frauen und Kinder, die Schutz bei der UN-Basis Potocari gesucht haben, werden mit Bussen deportiert.

12.7. bis 18.7.1995: Ca. 8.300 muslimische Jungen und Männer werden von serbischen Militärs und Militärpolizisten der bosnischen Serben bei Srebrenica ermordet.

11.7.1995: Die niederländischen Blauhelme verlassen Srebrenica. [Es hat nach den Ereignissen keine wirklichen Worte des Bedauerns seitens der beteiligten „Dutchbat“-Offiziere oder Mannschaften gegeben. Der kommandierende Offizier Karremans wurde später befördert.]

Erst am 26.7.1995 stimmt der US-Senat für die Aufhebung des Waffenembargos gegen Bosnien-Herzegowina.

12.10.1995: Waffenstillstand in ganz Bosnien und Herzegowina, letzte Kämpfe am 21.10.1995.

14.12.1995: Das im November ausgehandelte Friedensabkommen von Dayton wird von den Präsidenten unterschrieben. Srebrenica wird, wie andere früher mehrheitlich muslimische Gebiete auch, Teil der „Republika Srpska“ der bosnischen Serben.

[Quellen: Unter unseren Augen, von Hajo Funke und Alexander Rhotert, Verlag Das Arabische Buch, Berlin 1999; Srebrenica – Ein Prozess, Herausgegeben von Julija Bogoeva und Caroline Fetscher, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2002]

Was gehört zur weiteren Geschichte?

Soweit also zu den nüchternen historischen Fakten. Sie sprechen wie gesagt eigentlich schon für sich. Dennoch, was gehört aber noch zur weiteren Geschichte dieses Krieges und des stattgefundenen Genozids? Wenn wir heute gemeinsam dem Schicksal der unzähligen Opfer des Völkermords in Srebrenica gedenken, dann verrichten wir nicht nur eine notwendige gemeinsame Trauerarbeit, sondern wir tauchen auch in den besonderen Erfahrungshorizont europäischer Muslime ein.

Seit dem 11. September ist etwas in Vergessenheit geraten: Dass gerade im letzten Jahrhundert die Muslime in Europa nicht etwa Aggressoren, sondern immer wieder auch Opfer waren. Der Krieg auf dem Balkan und insbesondere die unvergesslichen Bilder aus Srebrenica sind und bleiben damit der natürliche Teil unserer gemeinsamen kollektiven Erinnerung.

Zur Verortung und zum Denken eines „europäischen Islam“ gehören zweifellos Städte wie Sarajevo und Cordoba, gehört der west-östliche Diwan Goethes, gehört das Denken Ibn Al-’Arabis und gehört Srebrenica gleichermaßen. Mit europäischen Muslimen meine ich, wenn ich dies ausdrücklich anmerken darf, diejenigen Muslime, die europäische Sprachen sprechen.

Ich würde gerne einige weitere Aspekte der geschichtlichen Deutung, aus europäischer und muslimischer Sicht, hier ansprechen. Zunächst ist festzustellen: Der Krieg auf dem Balkan war auch, aber nicht nur, ein ethnischer Konflikt zwischen verfeindeten Volksgruppen. Diesen Umstand versteht man besser, wenn man sich für einen Moment die Symbolsprache der Konflikte auf dem Balkan vergegenwärtigt.

Einen weltweiten Bekanntheitsgrad haben diese tragischen Ereignisse auf dem Balkan ja immer wieder durch das umkämpfte Amselfeld erlangt, auf welchem im Jahr 1389 die Osmanen das Heer der Serben geschlagen haben.

Dieser Ort, der sich im heutigen Kosovo befindet, wurde immer wieder zum Symbol für das serbische Nationalbewusstsein (und, wenn ich diese Anmerkung hier machen darf: jedes Nationalbewusstsein in Europa ist natürlicherweise in der Gefahr, in ein rassisches Bewusstsein umzuschlagen).

Für Milosevic war es ein Leichtes, an dieser Stelle, mit seiner weniger berühmten als berüchtigten Rede, die Balkankriege der 90er Jahre einzuleiten, indem er auf die damals genau sechs Jahrhunderte zurückliegende Schlacht bewusst Bezug nahm. Es ist dabei nicht überraschend, sondern vielmehr vielsagend, dass während des Krieges von der serbischen Propaganda den Bosniern gerade eine ethnische Identität nicht wirklich zugebilligt wurde.

Sie wurden, auf ihre islamische Identität anspielend, von der serbischen Propaganda immer wieder als „Türken“, also gerade nicht als Europäer, bezeichnet. So wurde verdeutlicht, dass man den Muslimen weder ein eigenes Territorium zubilligte, noch ihre Identität als europäische Volksgruppe überhaupt anerkennen wollte. Hieraus speist sich wohl auch der totalitär-unmenschliche Zug der Kriegsführung.

Es sind vor allem drei weitere Aspekte der Aufklärung und Würdigung der Ereignisse in Bosnien, die auch zehn Jahre nach Srebrenica aus meiner Sicht nicht in den Hintergrund geraten dürfen und nach weiterer Aufklärung verlangen. Diese Aspekte seien – natürlich in aller Kürze – hier genannt: Die Rolle der orthodoxen Kirche in Bosnien, die Rolle der Westmächte, von Srebrenica bis Dayton, und die Rolle der Täter-Opfer-Perspektive.

Zur Rolle der orthodoxen Kirche in Bosnien

Schwere Vorwürfe gegen die Serbisch-orthodoxe Kirche hat zu Recht die Gesellschaft für bedrohte Völker International (GfbV) nach der Veröffentlichung des so genannten Srebrenica-Videos erhoben. „Die Serbisch-orthodoxe Kirche hat die Ermordung und Vertreibung der bosnischen Muslime und damit die Auslöschung des 500 Jahre alten mitteleuropäischen Islam aus Bosnien bedingungslos unterstützt“, stellte der (damalige) Präsident der GfbV International, Tilman Zülch, fest.

Zülch weiter: „Das Video belegt einmal mehr, wie unmittelbar diese Kirche in den Genozid an den bosnischen Muslimen verstrickt ist.“ In dem Video war zu sehen, wie der in Serbien populäre Abt Gavrilo aus dem Kloster des heiligen Erzengels in Privina Glava bei Sid im Nordwesten von Belgrad die serbischen Mörder von sechs muslimischen Zivilisten aus Srebrenica segnete.

Eine ähnliche Szene ist auf einem weltweit verbreiteten Foto der Agentur Reuters zu sehen, das wenige Tage nach der Erschießung von mindestens 7.800 bosnischen Männern und Knaben aus der ehemaligen UN-Schutzzone durch serbische Einheiten in Ostbosnien am 25. Juli 1995 aufgenommen wurde.

Auf dem Bild reicht Patriarch Pavle, der höchste Geistliche der serbisch-orthodoxen Kirche, den heute mit internationalem Haftbefehl gesuchten Hauptkriegsverbrechern Radovan Karadzic und Ratko Mladic in Sokolac bei Sarajevo geweihtes Brot. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Zur Rolle der Westmächte

Immer wieder diskutiert wurde die Rolle der NATO-Staaten in diesem Konflikt. Wir wissen heute, dass die UNO sowie die Militärführungen und Regierungen mehrerer NATO-Staaten mindestens vier Monate vor dem Fall der ostbosnischen UNO-Schutzzone Srebrenica im Juli 1995 sehr konkrete Informationen über die Angriffsvorbereitungen und Eroberungspläne der bosnischen Serben hatten.

Doch Überlegungen im New Yorker UNO-Hauptquartier, den militärischen Schutz Srebrenicas zu verstärken, wurden nach einer Intervention der Clinton-Administration Anfang April 1995 gestoppt.

Diese neuen Erkenntnisse, die im Widerspruch zu dem im November 1999 vorgelegten Srebrenica-Untersuchungsbericht von UNO-Generalsekretär Kofi Annan stehen, erbrachten gemeinsame Recherchen der taz und des niederländischen Radiosenders VPRO.

Wir können hier nur noch einmal an die skandalöse Folgenlosigkeit der Untersuchungen der Akte Srebrenica erinnern. Dunkel bleibt die Rolle von Militärs und Politikern, sieht man einmal vom Rücktritt der niederländischen Regierung Kok am 16.4.2002 nach Veröffentlichung eines Reports über Srebrenica durch das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation (NIOD) ab.

Bis heute verweigert sich Frankreich wirklichen Untersuchungen über die Rolle der französischen Politik und Militärs, so zum Beispiel über die dubiose Rolle des französischen Generals Janvier.

Es bleibt nach wie vor eine offene Frage, inwieweit das „humanitäre“ Engagement oder Nicht-Engagement, das Gewähren und Nichtgewähren von Hilfe, die Rolle von Embargos und so weiter auch von geopolitischen Gesichtspunkten und Zielvorstellungen geprägt war.

Foto: CIA, via Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Zur Täter-Opfer-Perspektive

Schon der Daytonvertrag an sich birgt – aus Sicht vieler Bosnier – das Problem, dass die Vertragsmodalitäten in Dayton den serbischen Despoten Milosevic als gleichrangigen Verhandlungspartner anerkennen.

Der Daytonvertrag hat sicher einige juristische Schwächen, die indirekte Akzeptanz Milosevics ist jedoch seine evidente moralische Schwäche und hat die Regierungszeit Milosevics wohl mit entscheidend verlängert.

Aber auch zehn Jahre nach dem Krieg gibt es weitere handfeste Zweifel an der gerechten Aufarbeitung der Tragödie. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat beispielsweise der NATO schwere Versäumnisse bei der Suche nach den als Kriegsverbrecher angeklagten bosnischen Serben Ratko Mladic und Radovan Karadzic vorgeworfen.

Zehn Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica befinden sich der einstige bosnisch-serbische Militärführer und der bosnisch-serbische Ex-Präsident noch immer auf freiem Fuß. Die Leiterin der Abteilung für Europa und Zentralasien von Human Rights Watch, Holly Cartner, klagte: „Dass Karadzic ein Jahrzehnt nach Srebrenica noch immer frei herumläuft, ist ein schweres moralisches Versäumnis“. Laut Human Rights Watch gab es von Seiten der NATO-Friedenstruppen in den vergangenen zehn Jahren nur drei bestätigte Versuche, Karadzic zu verhaften.

Auch ein Weiteres möchte ich in diesem Zusammenhang anführen. Ich war vor drei Jahren Zeuge, als drei bosnische Generäle wegen Verletzung des Kriegsrechts in Den Haag angeklagt worden sind. In einigen Dutzend Fällen war es laut Anklageschrift in ihren Einheiten zu Lynchjustiz und Übergriffen gekommen.

Auf dieses Verfahren angesprochen, erklärte mir Alija Izetbegovic, man dürfe nicht vergessen, dass in dem untersuchten Zeitraum bis zu 110.000 Bosnier und Bosnierinnen ums Leben kamen. Dies spricht natürlich nicht gegen einen Prozess gegen die Generäle, wohl aber gegen das Vergessen der eigentlichen Verursachung des gesamten Krieges.

Sicher gehört es zu den moralischen Grundverpflichtungen der Bewertung dieses Krieges, Aggressor und Opfer immer wieder klar auseinanderzuhalten.

Meine verehrten Anwesenden, was bleibt nun also aus europäisch-muslimischer Sicht? Als wir Mitte der 90er Jahre in Weimar einige Veranstaltungen zum Thema Bosnien organisiert hatten, waren wir immer wieder über das fehlende Interesse der europäisch-bürgerlichen Eliten erstaunt.

Für mich war dies besonders unverständlich, da wir doch in der Schule gelernt hatten, dass eine Verfolgung aufgrund der religiösen Zugehörigkeit sich in Europa keinesfalls wiederholen dürfe.

Jetzt aber wurde man am Fernsehschirm Zeuge von jahrelang andauernden Übergriffen, Säuberungen und Verfolgungen. Für mich ein Trauma. Srebrenica hat allerdings auch – wie man es beispielsweise an der Politik des deutschen Außenministers ablesen kann – zu einem Bewusstseinswandel geführt. Srebrenica, so heißt es, hat die Idee eines deutschen Pazifismus erledigt.

Zumindest auf, oder besser gesagt allerdings leider nur auf dem Balkan. Tatsächlich leisten ja auch heute noch Soldaten der Bundeswehr, vor einigen Jahren noch undenkbar, einen Beitrag zur labilen Sicherheitslage in der Region.

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Foto: SorinVides, Shutterstock

Aber kommen wir zurück zu unserem eigentlichen Thema, den Menschen in Bosnien. Ich habe die positive Haltung der bosnischen Muslime nach den schrecklichen Kriegsereignissen immer bewundert. Die oft betonten Charaktereigenschaften eines angeblich „kriegerischen“ Islam treffen auf den Islam in Bosnien augenscheinlich nur wenig zu. Das ist eine wichtige Botschaft.

Es ist kein Zufall, dass Huntington bei seiner düsteren Vision des angeblich drohenden „Clash der Zivilisationen“ den bosnisch-europäischen Islam nicht erwähnt, oder besser nicht erwähnen kann. Die bosnisch-europäischen Muslime jedenfalls haben zu dem Konflikt der Kulturen – in jeder Hinsicht – herzlich wenig beigetragen.

Mehr noch, die Existenz der europäischen Muslime und die Existenz ihrer Kultur zeigt gerade, dass dieser angebliche Kulturkampf zwischen Europa und dem Islam eine Fata Morgana darstellt.

Eine andere Frage wäre es, ob auf dem Balkan ein neuer Konflikt droht, dessen mögliche Ursachen weniger kultureller als eher politisch-ökonomischer Natur sind. Der Balkan droht im sich abzeichnenden „Weltinnenraum des Kapitals“, so nennt Sloterdijk die neue globale Ordnung, zu einer vernachlässigten Außenzone zu werden.

Heute ist das Wort „Balkanisierung“ längst eine Art politisches Schimpfwort geworden. Es verwundert nicht, dass es keine wirkliche öffentliche Debatte über einen EU-Beitritt Bosniens gibt. Ich halte diesen Umstand, unabhängig vom Ergebnis, für zutiefst unlogisch.

Eine solche Debatte wäre aus den genannten Gründen für das geschichtliche Selbstverständnis Europas ungeheuer wichtig und als Debatte übrigens gerade für diejenigen schwer zu führen, die den Islam allein als eine fremde Religion von Ausländern definieren und ausgrenzen wollen.

Der Fall Bosniens zeigt, dass der Islam und Europa geschichtlich durchaus zusammengehören. Im Gegensatz zur Türkei dürfte auch die geografische Zugehörigkeit Bosniens zu Europa völlig außer Frage stehen.

sarajevo

Foto: Adev, Unsplash

Viele Geschichten, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, beginnen und enden in Sarajevo. Sarajevo ist eine europäische Stadt. Ein Blick auf die Stadt gehört zu den europäisch-geschichtlichen Erfahrungen.

Blickt man auf das Tal, so sieht man wie an einer Schnur geschichtliche Abläufe und ihre architektonischen Ausdrucksformen aneinander gereiht. Geschichte ist sozusagen in jeder Epoche zum Greifen nah. Osmanisch geprägter Islam, österreichisch-ungarische Kaiserzeit, säkulare Ideologien, bis hin zum Olympiastadion und seinen Massengräbern.

Eine meiner bewegendsten Begegnungen fand vor einigen Jahren mit dem mittlerweile verstorbenen Alija Izetbegovic statt. Der ehemalige Präsident war von seiner tragischen Geschichte schwer gezeichnet und berichtete über seine, eigentlich von ihm nie gewollte, politische Karriere.

Der Islam, so Izetbegovic, hatte ihn vor allem als eine ökonomische Lehre fasziniert, die die damals herrschende Lehre des Kommunismus zurückwies. Das Gespräch drehte sich dann schnell um die negativste der gegenwärtigen Möglichkeiten auf dem Balkan: einen neuen, sich wiederholenden Bürgerkrieg.

Dies wäre, wie wir gemeinsam feststellten, auch deswegen eine Tragödie, weil dies auch ein neuer Bürgerkrieg zwischen jungen Serben, Kroaten und Bosniaken wäre, jungen Leuten, die alle im Grunde nicht mehr so genau wissen würden, was der eigentliche „kulturelle“ Unterschied zwischen ihren Völkern und Nationen ist.

Die Zurückhaltung der bosnischen Muslime

Schlussendlich: Ich habe, wie gesagt, die Zurückhaltung der bosnischen Muslime nach den schrecklichen Ereignissen immer bewundert. Auch dies gehört hierher: Ein Selbstmordattentat, ausgeführt durch einen bosnischen Muslim, ist, religiös und existenziell, Gott sei dank undenkbar. Eine Lehre oder ein Lehrer, die oder der solche Taten als „religiös“ verklärt, zum Glück auch.

Exemplarisch sei die folgende, zusammenfassende Antwort von Mufti Mustafa Ceric zur Rolle Bosniens im aktuellen Spannungsfeld Europa – Islam – Terrorismus genannt.

Ceric sagte in einem Interview mit der tageszeitung: „Man kann nur beschämt sein über das, was geschah, und dass man es zugelassen hat. Wenn wir in Bosnien jetzt in die terroristische Ecke gestellt werden, dann hat dies etwas mit dem schlechten Gewissen uns gegenüber in Europa zu tun. Dabei gab es hier in Bosnien nach dem Ende des Krieges keine Revanche gegenüber den Tätern, obwohl es viele Gründe dafür gegeben hätte. Wir haben uns zivilisiert benommen. Während des Krieges mussten wir jegliche Hilfe annehmen, weil Europa zögerte, uns gegenüber der Aggression zu verteidigen. Deshalb kamen so genannte Mudschaheddin ins Land, die solidarisch mit uns sein wollten. Das liegt also auch in der europäischen Verantwortung. Zudem muss man sich fragen, was der Wahhabismus eigentlich ist. Es gibt einen politischen und religiösen Wahhabismus; der politische wurde vom Westen kreiert, um das türkisch-osmanische Reich zu schlagen. Saudi-Arabien ist nach wie vor Verbündeter des Westens. Der ideologische Wahhabismus, die Theologie, ist uns bosnischen Muslimen fremd geblieben. Wir haben ein anderes Verständnis von Staat und Gesellschaft; die bosnischen Muslime werden sich darin nicht verändern, da können sie sicher sein.“

Man kann sich, verehrte Anwesende, zur Geschichte des letzten Jahrhunderts mit ihren verheerenden Kriegen, maßlosen Ideologien und menschenverachtenden Lagern letztlich nicht geistig indifferent verhalten. Am Schlimmsten wäre wohl, als Konsequenz dieser Ereignisse, eine fatalistische oder nihilistische Haltung.

Als Gläubiger, unabhängig von der Konfession, gehört die Akzeptanz des Schicksals, wie schwer es auch sein mag, zur geistigen Konstitution. Ein bosnischer Freund hat mir einmal nach einem Gespräch über dieses Thema gesagt: „Nach Srebrenica hört man entweder auf zu beten, oder man beginnt damit“. Wir haben dann gemeinsam das Abendgebet verrichtet und einen neuen Tag begonnen.

* gehalten am 2. Juli 2005.

Ajvatovica  – das größte Festival in Bosnien

Ajvatovica

Ajvatovica ist die größte muslimische Wallfahrt auf dem Balkan – und damit in Europa. Es dauert sieben Tage und wird mit einem gemeinschaftlichen Gebet abgeschlossen.

(iz). Jedes Jahr ab Ende Juni findet das muslimische Fest statt, welches mehrere tausend Touristen ins kleine Dorf bringt. Es wurde nach dem Evlija (muslimischer Heiliger) beziehungsweise Alim (großer, islamischer Gelehrter) Ajvaz Dedo (tr. Ayvaz Dede) benannt. Von Sejfuddin Dizdarevic

Foto: Dr. Sara Kuehn

Ajvatovica geht auf einen osmanischen Wali zurück

Dieser stammte ursprünglich aus Akhisar in der Türkei und reiste im 15. Jahrhundert nach Zentralbosnien.

In dieser Zeit herrschte in Prusac Wassermangel und Dürre, da der Zufluss zu einer Wasserquelle durch einen großen Felsen verbarrikadiert wurde. Mit der Ankunft von Ajvaz Dede erhofften sich die Einwohner eine Lösung beziehungsweise ein Wunder für die Wasserkrise.

Somit zog er sich zurück und betete 40 Tage und 40 Nächte lang auf der Spitze des Felsens, welcher sieben Kilometer vom Dorf entfernt war. Er bat Allah um die Spaltung des Felsens. In der vierzigsten Nacht träumte er davon, wie die Hörner von zwei kämpfenden Widdern zusammenprallten.

Durch das laute Geräusch des Zusammenpralls wachte Ajvaz Dede auf und sah, dass seine Gebete erhört wurden. Der Felsen wurde gespalten und die Quelle konnte wieder fließen. Die Dürre hatte ein Ende.

Foto: iqna.ir

Wunder lud zum Islam ein

Aufgrund der Barmherzigkeit (rahmet) Allahs konvertierten vor Ort viele Bosniaken zum Islam. Aus Dankbarkeit zu Ajvaz Dedo wurde die Quelle und das nahegelegene Umfeld Ajvatovica benannt.

Das Festival wurde 1990 vom früheren Präsidenten Alija Izetbegovic wieder ins Leben gerufen. Traditionell gab es grüne Flaggen in Ajvatovica für den Islam.

Die Leute kamen traditionell mit geschmückten Pferden, und sie schmückten die Pferde auch. Denn diese waren damals das Haupttransportmittel. (von Sejfuddin Disdarevic)