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IZ-Reiseblog: Bihać – am Rand der vertrauten Welt

reiseblog Bihać UNA

Im IZ-Reiseblog führt die letzte Etappe der Balkanreise nach Bihać: an die smaragdgrüne Una, in eine Landschaft zwischen Naturparadies und den sichtbaren wie unsichtbaren Spuren des Krieges.

Von dort aus öffnet sich der Blick auf Bosnien – und auf eine Frage, die längst die ganze Welt betrifft: Wie kann Zusammenleben gelingen, wenn Erinnerungen, Identitäten und Grenzen einander noch immer entgegenstehen?

(iz). Es ist die letzte Etappe unserer Balkanreise 2026: Von Sarajevo führt die Straße über Travnik und Jelce zu einer der schönsten Regionen Europas. Unser Ziel ist Bihać, nahe der kroatischen Grenze, im Nordwesten des Landes.

Die Landschaft dort gehört zu den wasserreichsten und ursprünglichsten Naturregionen Südosteuropas. Die Ausläufer des Dinarischen Gebirges reichen bis in dichte Wälder, tiefe Schluchten und Karstformationen hinein. Doch alles wird von einem Element zusammengehalten: der Una.

Ihr Name, so heißt es, gehe auf die Römer zurück. Angesichts dieses Flusses sollen sie nur ein Wort gefunden haben: una, die Einzige. Es ist leicht, die sprachliche Übertreibung zu verstehen, wenn man am Ufer steht. Das Wasser schimmert, je nach Licht, in Smaragd, Türkis und dunklem Grün.

Es tritt aus einer mächtigen Karstquelle hervor, aus einer Tiefe, die den Fluss zugleich uralt und unwirklich wirken lässt. Oberhalb von Bihać ist die Una an vielen Stellen so klar, dass man, wie uns gesagt wird, direkt aus ihr trinken könne. Der Fluss ist nicht bloß Teil einer Landschaft. Er bildet ein Gegenbild zu allem, was man mit Bosnien gewöhnlich verbindet.

Wer an dieses Land denkt, denkt oft zuerst an Krieg, ethnische Grenzziehungen, an die Belagerung Sarajevos, an Srebrenica, an die komplizierte Architektur des Friedens von Dayton.

Die Una stellt diesen Assoziationen nichts Ideologisches entgegen. Sie fließt unberührt, schneidet sich durch Wald und Stein, nimmt Licht auf und gibt es verändert zurück. In ihrer Gegenwart wirkt die Landschaft versöhnt und zeigt eine andere Möglichkeit des Daseins: Schönheit ohne Erklärung.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Rauch über dem Paradies

Nahe Bihać stehen wir auf einem kleinen Campingplatz an einem eiskalten Nebenfluss. Die Umgebung ist von einmaliger Wildheit: Bäume, Felsen, feuchte Erde, die Kühle des Flusses, die an den Füßen sofort in den Körper steigt. Es ist ein Naturparadies.

Zumindest bis wir an den Berghängen, nicht weit entfernt, dünne Rauchsäulen aufsteigen sehen. Wir sprechen den Besitzer des Campingplatzes darauf an. Er lächelt. Nicht spöttisch, nicht sorglos, sondern mit der stillen Gelassenheit, die Menschen besitzen können, die mehr als eine Krise überstanden haben.

Gefährlich werde es, erklärt er, erst dann, wenn man offenes Feuer sehe. Dann könnten Detonationen folgen. Der Bergzug sei im Jugoslawienkrieg von serbischen Truppen vermint worden. Solange wir nichts hörten, sei alles gut.

Es sind Sätze, die sich in die Erinnerung einbrennen, weil sie verschiedene Wirklichkeiten in einem Atemzug verbinden. Vor uns: das kühle Wasser, das Grün der Wälder, die Idylle einer Landschaft. Über uns: Rauch. Unter dem Boden: die Möglichkeit des Krieges.

Vielleicht ist das eine der Wahrheiten Bosniens: Dass die Vergangenheit nicht immer als sichtbares Monument erscheint. Sie liegt nicht nur in Museen, Gedenkorten, Einschusslöchern oder verlassenen Häusern.

Warum wir an den Rand reisen

Zuletzt haben wir einen Essay von Charles Foster „What Are We? Where Are We?“ gelesen. Er stellt zwei grundlegende Fragen: Was ist der Mensch? Und in welcher Wirklichkeit lebt er eigentlich?

Fosters Gedanke ist ebenso einfach wie weitreichend: Der Mensch erkennt sich und die Welt nicht im geschützten Zentrum seiner Gewohnheiten. Er erkennt sich dort, wo Sicherheit, Komfort, Identität und vertraute Ordnung brüchig werden. Am Rand. In der Fremde. In Situationen, in denen die eigenen Deutungsmuster nicht mehr selbstverständlich tragen.

Der Mensch nimmt die Welt nicht nur wahr; er interpretiert sie. Und indem er interpretiert, verwandelt er sie. Foster knüpft dabei, mit Henri Bergson im Hintergrund, an ein Verständnis von Zeit an, das sich gegen die bequeme Vorstellung einer geraden Linie richtet.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft folgen nicht einfach aufeinander wie Stationen auf einem Fahrplan. Zeit ähnelt eher einer Welle, einem wachsenden Schneeball oder einem Lavastrom. Die Vergangenheit ist nicht vorbei; sie bleibt in der Gegenwart enthalten. Und die Zukunft ist nicht festgelegt, sondern bildet sich in jedem Augenblick neu.

Warum also Bosnien? Warum der Balkan? Nicht, um eine exotische Kulisse für europäische Selbstvergewisserung zu suchen oder um das „Andere“ konsumierbar zu machen. Sondern weil das Reisen auf dem Balkan tatsächlich an die Ränder des Gewohnten führen kann.

Dort werden feste Selbstbilder durchlässig. Information verwandelt sich in der Begegnung zu einer Erfahrung. Routinen verwandeln sich in Aufmerksamkeit. Das Fremde kann Resonanz erzeugen.

Eine vollständig optimierte Reise durch diese Region, die jede Unsicherheit, jedes Missverständnis und jede Irritation beseitigt, würde möglicherweise gerade jene Schwelle entfernen, an der Erfahrung zur Verwandlung wird. Das ist Fosters anthropologische Begründung des Reisens: Wir suchen nicht nur andere Orte. Wir suchen die Möglichkeit, anders auf die Welt zu sehen.

Foto: CIA, via Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Balkanische Lektionen

Am Ende dieser Reise bleiben vier Themen, die sich immer wieder miteinander verschränkt haben: Identitätspolitik, Architektur, Perspektiven und die Rolle der Religionen. Die Architektur war dabei nie nur Architektur.

In Belgrad, Tetovo, Skopje oder Sarajevo erzählen Häuser, Brücken, Kirchen, Moscheen, sozialistische Großbauten und Ruinen von Leben, Zugehörigkeit und Verlust. Jede Fassade hatte ihre Zeit. Jede Stadt stellt die Frage, wer hier gewohnt hat, wer vertrieben wurde, wer zurückkehrte und wer die Deutungshoheit über den Raum beansprucht.

Besonders Belgrad hat uns daran erinnert, dass die Zeit nirgendwo stillsteht. Die serbische Hauptstadt lässt sich weder auf die Bilder der 1990er Jahre noch auf eine nationale Selbstbeschreibung reduzieren. Literatur, Gespräche und Beobachtungen haben uns gelehrt, dass es „die Serben“ im Plural einer homogenen Kollektividentität auch während des Jugoslawienkriegs nicht gegeben hat.

Der nationalistischen Politik Slobodan Miloševićs stand stets Opposition gegenüber: in kulturellen Milieus, in politischen Initiativen, in Familien und in intellektuellen Netzwerken, im Widerstand einzelner Menschen gegen die Zumutung, für eine abstrakte Nation zu sprechen.

Das ist keine Entlastung gegenüber der Verantwortung der Geschichte. Aber es ist eine Absage an die Vereinfachung, ohne die Nationalismus nicht funktionieren kann. Nationalistische Politik braucht kollektive Subjekte: „die Serben“, „die Kroaten“, „die Bosniaken“, „die Muslime“ und „die Europäer“.

Wirkliche Gesellschaften bestehen dagegen aus widersprüchlichen Biografien, Abweichungen, Solidaritäten, Ängsten und Hoffnungen. Gerade deshalb interessierte uns der Zusammenhang zwischen Identitätspolitik und Architektur.

Wer ein Gebäude errichtet, restauriert, zerstört oder ignoriert, entscheidet oft auch darüber, welche Geschichte sichtbar bleibt. Die Infrastruktur eines Ortes ermöglicht oder beendet Lebensformen.

Und wenn sich das moderne Leben der verschiedenen Menschen in unserer Zeit immer mehr annähert, ersetzt eine abstrakte Sehnsucht nach Identität, die oft mühsame Neustiftung der eigenen Kultur.

Und immer wieder beobachten wir auf unserer Reisestationen die stille Sehnsucht nach Transzendenz. Nicht ausschließlich – wie wir gesehen haben – in den Moscheen, Kirchen, Klöstern oder Friedhöfen. Religion ist auf dem Balkan weder bloß private Glaubenspraxis noch nur politische Markierung.

Sie kann Erinnerung, Trost, Zugehörigkeit und Abgrenzung zugleich sein. Wer sie allein als Problem betrachtet, versteht ihre Tiefe nicht. Wer sie allein als Lösung verklärt, übersieht ihre politische Instrumentalisierbarkeit.

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Foto: Adobe Stock | Lizenz: Adobe Stock, erworben

Wahrheit als Gespräch

Unsere Reise durch Bosnien hat uns schließlich zu einer philosophischen Frage geführt: Mit welcher Methode lässt sich in einer polarisierten, vielfach geteilten Gesellschaft so etwas wie Wahrheit finden?

Der deutsche Philosoph Hans-Georg Gadamer bietet dafür keinen politischen Masterplan. Seine Hermeneutik – beschrieben in seinem Hauptwerk Wahrheit und Methode – verspricht keine schnelle Konfliktlösung und keine neutrale Position außerhalb der Geschichte.

Aber gerade darin liegt bis heute ihre Stärke. Gadamer erinnert daran, dass Verstehen keine technische Operation ist. Es ist ein Geschehen zwischen Menschen, die ihre Vorannahmen mitbringen, sich ihnen stellen und im Gespräch verändern lassen.

Bosnien und Herzegowina leidet bis heute offensichtlich unter den Folgen eines Friedens, der den Krieg beendete, aber die politischen und ethnischen Grenzen in institutionelle Formen übersetzte.

Das Dayton-Abkommen von 1995 stabilisierte das Land nach dem Krieg; zugleich prägte es ein System, das Bosniaken, Serben und Kroaten als zentrale politische Kategorien festschreibt. Geschichte wird dadurch leicht zur Waffe: Jede Gruppe verfügt über ihre eigene Erzählung des Leids, der Opfer, der Schuld und der Bedrohung.

Gadamer würde vermutlich nicht verlangen, diese Geschichten zu vergessen oder in einer künstlichen Einheitsgeschichte aufzulösen. Der Ausweg liegt nicht im Vergessen. Er liegt in einer anderen Haltung zum eigenen Wissen.

Das sokratische Gespräch

Im politischen Alltag stehen sich heute häufig Monologe gegenüber. Sie sind miteinander verbunden, aber nicht offen füreinander. Jede Seite kennt ihre Argumente, ihre Verletzungen und ihre Erinnerungspolitik. Oft wird verhandelt, als sei jeder Gewinn der einen Seite notwendig der Verlust der anderen.

Gadamers Orientierung am sokratischen Gespräch setzt an einem anderen Punkt an. Ein wirkliches Gespräch beginnt nicht damit, dass man Recht behalten will. Es beginnt damit, dass die Sache selbst wichtiger wird als die Selbstbehauptung der Beteiligten. Wer sich auf ein Gespräch einlässt, muss bereit sein, vom anderen verändert zu werden.

Auf Bosnien übertragen hieße das: Politische Begegnung dürfte nicht allein, als eine Art Nullsummenspiel organisiert, sein. Es müsste ein Raum entstehen, in dem nicht nur Kompromisse verrechnet, sondern gemeinsame Fragen gestellt werden.

Was bedeutet ein würdiges Leben? Welche Schulen wollen wir? Wie schützen wir Wasser, Landschaft und öffentliche Räume? Wie entsteht eine Zukunft, in der junge Menschen nicht auswandern müssen, um frei leben zu können?

Das Ziel wäre nicht die erzwungene Harmonie. Es wäre die Entstehung eines Dritten: eines gemeinsamen Gegenstands, der größer ist als die ethnische Zugehörigkeit. Und dieser Ansatz wird in allen polarisierten Gesellschaften Europas entscheidend für die Möglichkeit eines Miteinanderseins sein. 

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Foto: Patheos.com

Horizontverschmelzung

Gadamers Begriff der Horizontverschmelzung wird oft missverstanden, als bedeute er die Auflösung von Differenz. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Horizont verschmilzt nicht, indem eine Seite verschwindet. Er erweitert sich, weil man erkennt, dass der eigene Blick begrenzt ist.

Jeder Mensch bringt, so Gadamer, Vorurteile mit. Das Wort meint hier nicht einfach falsche Meinungen, sondern historische Vorverständnisse: das, was wir gelernt, erlebt, geerbt und übernommen haben. Ohne solche Vorverständnisse könnten wir die Welt gar nicht deuten.

Gefährlich werden sie, wenn wir sie für vollständig und unangreifbar halten. In Bosnien bedeutet dies: Die Erinnerung an Srebrenica, an die Belagerung Sarajevos, an Vertreibung, Massaker und Verlust bleibt unverzichtbar. Sie darf weder relativiert noch gegen andere Leidensgeschichten ausgespielt werden.

Eine gemeinsame Zukunft kann jedoch nicht entstehen, solange das Leiden des Nachbarn aus dem eigenen Horizont ausgeschlossen bleibt. Horizontverschmelzung wäre deshalb keine Forderung nach Gleichmacherei.

Sie wäre die Bereitschaft, anzuerkennen: Meine Geschichte ist wahr, aber nicht vollständig. Meine Erfahrung begründet Verantwortung, aber kein Monopol auf Wahrheit. Das Leid der anderen bedroht nicht meine Erinnerung; es erweitert die Wirklichkeit, in der ich lebe.

Das Dritte: das Gute

Wie sieht die Zukunft aus? In Gadamers Platon-Deutung steht über den Gesprächspartnern eine Idee: Gerechtigkeit, das Gute und die Wahrheit. Diese Idee gehört keiner Seite. Sie ist das Dritte, an dem beide teilhaben können.

Für Bosnien ist dieser Gedanke eine politische Notwendigkeit. Solange Politik ausschließlich als Vertretung ethnischer Interessen organisiert wird, bleibt sie in der Trostlosigkeit der Geschichte gefangen.

Sobald Menschen sich über Herkunftsgrenzen hinweg für sauberes Wasser, funktionierende Schulen, bezahlbaren Wohnraum, öffentliche Verkehrsmittel, unabhängige Gerichte oder den Kampf gegen Korruption einsetzen, verändert sich der Bezugspunkt. Dann geht es nicht mehr zuerst um die Frage, welche Gruppe gewinnt. Es geht um das gemeinsame Gute.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Die bosnische Frage ist europäisch

Aus philosophischer Sicht lässt sich die Spannung vielleicht so fassen: Kulturelle Identität liefert die Substanz, das „Wer bin ich?“. Politische Identität liefert die Form, das „Wie leben wir friedlich zusammen?“.

Wenn die politische Form die kulturelle Substanz bedroht, entsteht Entfremdung. Wenn kulturelle Zugehörigkeit jede gemeinsame politische Form unmöglich macht, zerfällt das Gemeinsame. In Bosnien lässt sich diese Spannung besonders schmerzhaft beobachten. Sie ist jedoch keine ausschließlich bosnische Angelegenheit.

In allen Ländern des Balkans begegneten wir – unabhängig von Religion, Sprache oder kultureller Tradition – einer Bevölkerung, die unter Korruption, Klientelpolitik und der Macht neuer Eliten leidet. Ethnische Konflikte sind nicht die einzige Realität dieser Gesellschaften.

Oft verdecken sie andere Konflikte: zwischen einer jungen, mobilen Generation und den Besitzständen der Vergangenheit; zwischen öffentlichem Interesse und privater Bereicherung; zwischen europäischer Zukunft und nationaler Selbstverengung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wird die Jugend erkennen, dass ethnokapitalistische Eliten eine Zukunft jenseits des Nationalismus blockieren? Und wird Europa verstehen, dass seine Verantwortung nicht an den Grenzen der Europäischen Union endet?

Nach der osmanischen Epoche, nach der jugoslawischen Erfahrung, nach den Balkan- und Jugoslawienkriegen liegt in einer europäischen Zugehörigkeit, verstanden als Europa der Regionen und Bürgerinnen und Bürger, eine reale Möglichkeit. Nicht als technische Beitrittslogik und nicht als Wohlstandsversprechen allein.

Sondern als politischer Horizont, in dem Staatenbildung nicht länger den höchsten Preis fordert: neue Opfer, neue Vertreibungen, neue Generationen, die lernen müssen, ihre Nachbarn zu fürchten.

Die bosnische Frage ist deshalb eine europäische Frage. Wie viele Menschen sollen noch für die Herstellung, Verteidigung oder Korrektur von Staatsgrenzen bezahlen? Wie lassen sich kulturelle Unterschiede bewahren, ohne sie in politische Feindschaft zu verwandeln? Und welche Form von Europa wäre stark genug, Vielfalt nicht nur zu tolerieren, sondern in eine gemeinsame politische Praxis zu übersetzen?

Für uns steht fest: Wer den Islam in Europa verstehen will, sollte Sarajevo besuchen. Nicht, weil die Stadt eine einfache Antwort für das Zusammenleben der Religionen bereithielte. Sondern weil sich dort Fragen verdichten, die den ganzen Kontinent betreffen: Kann muslimische Identität selbstverständlich europäisch sein? Kann Europa geistig, kulturell und politisch von seinen muslimischen Bürgerinnen und Bürgern lernen? Kann eine Stadt, die Zerstörung, Belagerung und Wiederaufbau erlebt hat, zum Ort einer anderen europäischen Erzählung werden?

Wie gerade die jungen Muslime diese Grundfragen beantworten, ist nicht sicher. In einigen Gesprächen war eine Sorge um eine mögliche Radikalisierung von Teilen einer frustrierten Generation nicht zu überhören.

Wir verlassen den Balkan mit der Gewissheit, dass wir zurückkehren werden. Nicht, weil wir eine abschließende Antwort auf unsere Fragen gefunden hätten. Eher im Gegenteil: Dieser Raum ist faszinierend, weil er Perspektiven anbietet, die sich endgültigen Urteilen entzieht.

Er zwingt dazu, die Vergangenheit nicht zu vergessen und die Zukunft nicht als bloße Verlängerung des Gewesenen zu denken. Zwischen Sarajevo und Bihać, zwischen Rauch und kaltem Flusswasser, zwischen Minenfeldern und dem Smaragdgrün der Una, wird sichtbar, was Reisen im besten Fall leisten kann: Es bringt die Fragen der Vergangenheit mit den Möglichkeiten der Zukunft in Berührung.

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IZ-Reiseblog: Sarajevo oder der verlorene Raum

Sarajevo bosnien reiseblog

Sarajevo, Bosnien und der verlorene Raum: Dieser Reiseblog führt durch eine Stadt zwischen Bergen, Erinnerungen und politischen Grenzen. Eine Spurensuche nach dem, was Menschen trennt – und nach den Räumen, die wieder gemeinsam bewohnbar werden müssen.

(iz). Wir fahren über die Berge Montenegros nach Bosnien. Die Landschaft ist großartig: eine Abfolge dunkler Bergrücken, steiler Täler und Straßen, die sich an die Hänge klammern. Am Grenzübergang führt eine alte Holzbrücke über einen schmalen Fluss.

Sie wirkt provisorisch und erinnert daran, dass Grenzen auf dem Balkan unsicher sein können. Hinter ihr beginnt Bosnien und Herzegowina – und doch zunächst nicht jenes Bosnien, das man sich als Reisender vielleicht vorstellt.

Die Straße Richtung Sarajevo ist schlecht und voller Schlaglöcher. Wir befinden uns in der Republika Srpska, einer der beiden Entitäten Bosnien und Herzegowinas. Verfassungsrechtlich gehört sie zum Gesamtstaat.

In der Erfahrung jedoch wirkt sie wie ein eigener politischer Raum: kyrillische Schrift, serbische Symbole, Fahnen, eine andere öffentliche Stimmung und eine andere Erinnerung an die Vergangenheit.

Das Land, in das wir hineinfahren, ist also zugleich eines und nicht eines. Nach dem Dayton-Abkommen besteht Bosnien und Herzegowina aus der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Republika Srpska. Diese Fahrt wird zu einer Lektion über die Fragilität des Landes.

Nicht, weil überall Spannung sichtbar wäre. Die Landschaft ist still, Dörfer liegen in den Tälern, Menschen warten an Bushaltestellen, irgendwo weht Wäsche vor einem Haus.

Doch die politische Geografie drängt sich auf. Sie ist in Fahnen, Schriftbildern, Verwaltungsgrenzen und Erzählungen eingeschrieben. Man reist nicht nur durch eine Gebirgslandschaft. Man fährt durch eine Nachkriegsordnung.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Die zerbrochene Großkuppel

Bis Anfang der 1990er-Jahre war das sozialistische Jugoslawien mehr als ein Staat. Es war, um einen Begriff Peter Sloterdijks aufzunehmen, eine Großkuppel: ein politischer, sozialer und imaginärer Innenraum, unter dessen Dach verschiedene Sprachen, Religionen, Landschaften und lokale Loyalitäten zusammengehalten wurden.

Die sozialistische Formel von „Brüderlichkeit und Einheit“ war nicht nur ideologische Dekoration. Sie versprach eine symbolische Immunität: Serben, Kroaten, Muslime, Slowenen, Mazedonier und andere Gruppen sollten zwar ihre Eigenheiten behalten, doch diese Eigenheiten sollten innerhalb eines größeren gemeinsamen Horizonts entschärft werden.

Unter der Großkuppel entstand keineswegs ein unschuldiger Raum. Die Verhältnisse beruhten auf Macht, auf dem Schweigen über ältere Gewalt und auf der autoritären Stabilisierung des Tito-Staates.

Dennoch stellte die Idee des gemeinsamen Staates für viele Menschen einen Rahmen bereit. Herkunft war nicht bedeutungslos, aber sie musste nicht in jedem Moment über politische Loyalität, Gefährdung oder Zugehörigkeit entscheiden.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens und den Kriegen der 1990er-Jahre platzte diese Kuppel. Was verloren ging, war nicht allein ein Pass, eine Föderation oder ein wirtschaftliches Modell. Es zerbrach eine symbolische Heimat.

Wenn eine Großkuppel verschwindet, suchen Menschen psychologisch kleinere, überschaubare Schutzräume: Familie, Dorf, Konfession, Sprache, Opfergemeinschaft, Nation. In Bosnien wurden die ethnisch-religiösen Kategorien Bosniaken, Serben und Kroaten zu solchen Schutzräumen – und zugleich zu politischen Frontlinien.

Das heutige Bosnien und Herzegowina ist deshalb nicht einfach „geteilt“. Es lebt in einer Form von Ko-Isolation. Unterschiedliche Gemeinschaften wohnen nicht unbedingt weit voneinander entfernt; sie leben oft Wand an Wand, aber in getrennten Erinnerungsräumen, Bildungssystemen, Symbolwelten und politischen Loyalitäten.

Die institutionelle Ordnung sicherte den Frieden, indem sie die im Krieg verhärteten Kategorien anerkannte und in eine komplizierte Verfassungsstruktur übersetzte. Doch dieselbe Ordnung erschwert die Entstehung eines unbefangenen gemeinsamen politischen Wir.

Sogar die staatliche Hymne erzählt von diesem Problem. Bosnien und Herzegowina besitzt eine Hymne, aber keinen offiziell verabschiedeten Liedtext. Seit Jahren scheiterten Versuche, Worte zu finden, die für alle politischen und ethnischen Gruppen des Landes akzeptabel wären. Der Staat hat eine Melodie, aber – das ist kein Zufall – keine gemeinsame Erzählung.

Auch der Fußball zeigt, wie ungleich das Gefühl nationaler Zugehörigkeit verteilt ist. Die bosnisch-herzegowinische Nationalmannschaft ist nicht für alle Bürger selbstverständlich „unsere“ Mannschaft.

In Teilen der Republika Srpska bleibt sie für viele ein Team der anderen, ein Symbol Sarajevos oder der Föderation. Und in Teilen des serbisch-nationalistischen Milieus wird Ratko Mladić, der wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verurteilt wurde, bis heute öffentlich verehrt.

Dass diese Verherrlichung trotz ihrer strafrechtlichen Sanktionierung fortlebt, zeigt, wie tief die moralischen und historischen Bezugssysteme voneinander getrennt geblieben sind.

Ankunft am Stadtrand

Wir erreichen den Stadtrand von Sarajevo, stellen den Camper auf einem Stellplatz ab und wechseln das Verkehrsmittel. Auf dem Bahnsteig, den wir nach einem Fußmarsch erreichen, ist es stiller als erwartet.

Die Fahrt mit dem in die Jahre gekommenen Zug führt vorbei an Häusern, Gewerbeflächen, Bahndämmen, Gärten und den Ausläufern der Hänge. Sarajevo erscheint zunächst nicht als Bild, sondern als Verdichtung: Straßen, Züge, Wohnblöcke, Werkstätten, Verkehr, Menschen auf dem Weg zur Arbeit.

Erst allmählich wird die besondere Topografie sichtbar. Die Stadt liegt in einem engen Tal der Miljacka, eingerahmt von Bergen. Häuser steigen die Hänge hinauf, eng nebeneinander, rote Dächer über weißem Putz, dazwischen Minarette, Kirchtürme und die hellen Flächen der Friedhöfe.

Diese Geografie ist schön und bedrückend zugleich. Die Berge, die auf der Fahrt aus Montenegro noch Schutz, Abstand und Erhabenheit versprachen, bekommen hier eine andere Bedeutung.

Während der Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1995 bildeten die Höhen einen tödlichen Ring. Von dort wurde die Stadt beobachtet, beschossen und kontrolliert. Die Topografie wird zur Erinnerung: Sarajevo lag offen im Blickfeld eines mörderischen Krieges.

Der Zug hält am Hauptbahnhof. Wir steigen aus und gehen zu Fuß weiter. Der Bahnhof ist kein repräsentatives Portal wie in Paris, Budapest oder Wien. Er wirkt funktional, sozialistisch, etwas abgewetzt, als hätte er seine große Zeit bereits hinter sich gelassen.

Davor: breite Straßen, Verkehr, Busse, Taxis, Menschen mit Taschen, Jugendliche mit Mobiltelefonen, der gewöhnliche Lärm des Alltags einer Hauptstadt. Die Stadt ist eine lebendige, widersprüchliche europäische Stadt. Ihre turbulente Vergangenheit bleibt in der Gegenwart lesbar.

Foto: Schiler Verlag/Amazon

Auf der Suche nach Sadik

Vom Hauptbahnhof gehen wir zum Kriegsmuseum. Auf dem Weg erinnern wir uns an die Reiselektüre, die uns auf diesen Besuch vorbereitet hat: Enes Karićs Roman Der jüdische Friedhof. Das Buch begleitet uns nun wie eine zweite Stadtkarte.

Karić, einer der bekanntesten bosnischen Islamwissenschaftler und ein Verfechter des interreligiösen Dialogs, erzählt die Geschichte des dreizehnjährigen Sadik vor dem Hintergrund des Bosnienkrieges und der Belagerung Sarajevos. Sadik stammt aus einem kleinen Dorf in Ostbosnien.

Zu Beginn des Krieges 1992 wird er mit seiner Schwester verschleppt. Durch einen Gefangenenaustausch gelangen sie schließlich nach Sarajevo. Sie besitzen keine Papiere, keine Dokumente und sind Menschen ohne administrative Identität. Auf sich allein gestellt, müssen sie in der blockierten Stadt überleben.

Sadik begegnet Flüchtlingen, Bettlern, Soldaten, Kriminellen und Mitarbeitern internationaler Hilfsorganisationen. Er erlebt Hunger und Angst, aber auch Freundschaft, Solidarität und die seltsame Beharrlichkeit des Alltags.

Besonders wichtig wird für ihn der Hodscha Mujki, der den Jungen nicht nur beschützt, sondern ihm Fragen stellt: über den Glauben, über Menschen, über die Welt und über den Krieg. Das Buch schildert eindringlich die Rolle des Glaubens im Ausnahmezustand existenzieller Not.

Im Kriegsmuseum finden die Motive des Romans ihre materielle Entsprechung. Bilder der Belagerung, Objekte des Mangels, Zeugnisse eines Lebens unter Beschuss: Alles scheint aus Karićs Erzählung hervorzutreten.

Man sucht beinahe nach Sadik in den Fotografien, obwohl man weiß, dass er eine literarische Figur ist. Oder anders: Man sucht nach den wirklichen Kindern, nach den vielen Sadiks, deren Leben nie zu einem Roman geworden ist.

Die Literatur wird hier nicht zur Illustration der Geschichte. Sie macht sichtbar, was Statistiken und Gedenktafeln nicht fassen können: die innere Erfahrung eines Kindes, das seine Welt verliert. Sadik ist kein Symbol, das bequem für eine Nation sprechen soll. Er ist ein verletzlicher, neugieriger, hungriger und widersprüchlicher Mensch.

Der jüdische Friedhof, der dem Roman seinen Titel gibt, wird bei Karić zu einer großen Metapher. Er verbindet die Geschichte jüdischen Leidens und europäischer Verfolgung mit der Katastrophe der bosnischen Muslime, ohne beides einfach gleichzusetzen.

Der Friedhof ist zugleich Ort des Todes, Archiv einer verschwundenen Welt und Mahnmal gegen die Torheit des Bruderkrieges. Karićs Erzählung verweigert die bequeme Sprache des Pathos. Sie sucht nach Menschlichkeit dort, wo ideologische Kategorien die Menschen zu Feinden gemacht haben.

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Foto: Lothar Boris Piltz, Unsplash

In der Altstadt

Nach dem Museumsbesuch gehen wir zu Fuß in Richtung Altstadt. Der Weg ist lang genug, um Sarajevo als Übergangsstadt zu erfahren. Die Architektur verändert sich schrittweise. Zunächst dominieren breite Straßen, Verwaltungsgebäude, Wohnhäuser und die Schichten der habsburgischen und sozialistischen Stadt.

Dann werden die Wege enger, die Fassaden niedriger, die Bewegung dichter. Irgendwann ist man in Baščaršija. Die Gassen sind mit unebenem Pflaster ausgelegt. Man wandert hier nicht durch eine Museumsstadt, sondern mitten durch das pulsierende Leben.

In den Auslagen glänzen Tabletts, Kaffeekannen und kleine Džezvas. Es riecht nach starkem bosnischem Kaffee, gegrilltem Fleisch, Tabak und den süßen, schweren Düften von Baklava. Die Menschen sitzen dicht beieinander an kleinen Tischen.

Sie reden, rauchen, lachen, telefonieren, beobachten die Passanten. Touristen stehen vor der Sebilj, dem hölzernen Brunnen auf dem Taubenplatz, und versuchen, eine Ordnung in dem Gewimmel der Tauben zu erkennen.

Baščaršija ist kein konserviertes osmanisches Viertel, sondern ein Gebrauchsort: Markt, Treffpunkt, Kaffeehauslandschaft, religiöser Raum, touristische Bühne und Alltag zugleich.

Die bekannte Formel, Sarajevo sei ein Ort, an dem Orient und Okzident einander begegnen, ist nicht falsch, aber sie bleibt oberflächlich. Hier treffen nicht zwei dekorative Zivilisationen aufeinander.

Hier überlagern sich osmanische Stadtgeschichte, habsburgische Modernisierung, sozialistische Erinnerungen, die Verwüstung des Krieges und eine europäische Gegenwart, die längst digital, touristisch und globalisiert ist. Die Nähe von Moscheen, Kirchen und Synagoge ist hier real.

Aber sie ist kein automatisches Modell friedlicher Koexistenz. Sarajevo zeigt nicht, dass Verschiedenheit von selbst Harmonie erzeugt. Es zeigt, wie viel Arbeit, Geduld und politische Vernunft erforderlich sind, damit Verschiedenheit nicht wieder in Abgrenzung umschlägt.

Foto: www.iitb.ba | Screenshot: Youtube

Kaffee mit Enes Karić

Am Nachmittag treffen wir Enes Karić in der Altstadt. Der Schriftsteller gehört mit seinen Geschichten und seinem Denken in diese urbane Dichte. Bevor wir ein Café aufsuchen, erzählt uns der Dichter Anekdoten aus der Zeit der Gründung der Stadt.

Während draußen Menschen durch die Gassen ziehen, bestellen wir einen Kaffee und sprechen über kulturelle und politische Identität.

Eine Frage liegt für uns nahe: Wer ist Sadik? Man könnte ihn als muslimischen Jungen bezeichnen. Als Bosniaken. Als Bosnier. Als Kind des Krieges. Als Opfer. Als Bewohner Sarajevos. Jede dieser Bezeichnungen wäre richtig, und doch wäre keine vollständig. Wir sind gespannt auf die Antwort.

Karić antwortet kurz: „Er ist ein Flüchtling.“

Dieses Wort verschiebt alles.

„Flüchtling“ ist keine ethnische Kategorie, keine Konfession und keine nationale Selbstbeschreibung. Es bezeichnet eine existenzielle Lage: den Menschen, der aus seinem Raum gerissen wurde, dessen Leben plötzlich an Grenzen, Transporten, Lagern, Papieren, Hilfsorganisationen und Entscheidungen anderer hängt.

Sadik ist nicht identitätslos. Aber seine wichtigste Identität in diesem Moment ist die Erfahrung, keinen sicheren Ort mehr zu besitzen.

Dann sprechen wir über den Bosniakischen Volkskongress von 1993, der in dem Buch beschrieben wird. Die Atmosphäre dieses Kongresses lässt sich kaum von der Belagerung Sarajevos trennen. Während die Stadt eingeschlossen war, während Menschen unter Beschuss lebten und zugleich internationale Friedenspläne über eine mögliche Teilung Bosniens verhandelt wurden, versammelten sich im September 1993 rund 340 Delegierte – politische, kulturelle und religiöse Repräsentanten bosnischer Muslime.

Sie beschlossen, den historischen Namen „Bosniaken“ wieder anzunehmen. Es war ein Moment intellektueller Selbstbehauptung unter dem Druck der Ereignisse jener Tage. Der Begriff „Muslim“ hatte im sozialistischen Jugoslawien, großgeschrieben, nicht allein eine religiöse, sondern auch eine ethnische Bedeutung.

Doch 1993 erschien diese Bezeichnung vielen zu unbestimmt: Sie markierte die Religion, nicht aber unbedingt die geschichtliche, territoriale, sprachliche und politische Bindung an Bosnien. Mit der Rückkehr zum Namen Bošnjak sollte die Verbindung zum Land Bosnien, zur staatlich-rechtlichen Tradition und zur eigenen kulturellen Geschichte ausdrücklich artikuliert werden.

Der Kongress war ein Versuch, in einer Zeit der Bedrohung einen historischen Namen wiederzugewinnen und daraus politische Handlungsfähigkeit zu ziehen. Die geistige Atmosphäre muss zugleich angespannt und entschieden gewesen sein: Belagerung draußen, eine ungewisse Zukunft, die Möglichkeit der Teilung des Landes im Raum – und drinnen die Suche nach einem Begriff, der Zugehörigkeit stiften konnte, ohne Bosnien auf Religion zu reduzieren.

Doch jede Namensgebung hat eine doppelte Wirkung. Sie schafft Sichtbarkeit, Würde und Schutz. Zugleich befestigt sie Grenzen, wenn die politische Welt ohnehin schon dazu neigt, Menschen vor allem als Angehörige voneinander abgegrenzter Kollektive zu sehen.

Gerade deshalb bleibt Karićs Antwort über die Identität Sadik‘s so wichtig: Flüchtling. Sie erinnert daran, dass hinter jedem Namen ein Mensch steht, dessen Leben nicht in einer ethnischen Kategorie aufgeht.

Am Ende unseres Gesprächs sprechen wir über die Kraft der Literatur in politischen Zeiten. Literatur kann – darin sind wir uns einig – keine Verfassung reformieren, keine Gewalt verhindern und keine Hymne mit gemeinsamen Worten versehen.

Aber sie kann etwas leisten, das der politischen Sprache oft nicht gelingt: Sie kann die Sicht der anderen erfahrbar machen. Sie kann den Gegner aus seiner Rolle lösen, das Opfer aus seiner stummen Funktion befreien und das Individuum zurückholen, das im Krieg zur Zahl, zum Namen oder zur Zugehörigkeit geworden ist.

Vom Basar zum Bahnhof

Wir gehen zu Fuß zurück zum Hauptbahnhof. Der Weg führt aus der Dichte der Altstadt hinaus, vorbei an Cafés, Geschäften, Straßenbahnen, Fassaden und dem Fluss. Hinter uns bleiben die engen Gassen von Baščaršija; vor uns öffnet sich wieder die breitere, modernere Stadt.

Auf dem Weg zum Bahnhof wird deutlich, dass Sarajevo von Geschichten und Friedhöfen geprägt ist. Aber man kann diesen Ort nicht auf die Schrecken der Vergangenheit reduzieren.

Die Stadt bleibt eine Möglichkeit. Nicht die romantische Möglichkeit eines konfliktfreien Multikulturalismus, in dem Unterschiede sich mühelos in Folklore verwandeln. Sondern die schwierigere Möglichkeit eines Zusammenlebens, das seine Verletzungen kennt, seine Verschiedenheiten nicht leugnet und dennoch nicht akzeptiert, dass diese Verschiedenheiten die letzte Wahrheit über Menschen sein sollen.

Die Zukunft Bosniens wird sich nicht daran entscheiden, ob die Vergangenheit vergessen wird. Sie darf nicht vergessen werden. Sie wird sich daran entscheiden, ob Erinnerung zu einer gemeinsamen moralischen Sprache werden kann – statt zu einem Vorrat exklusiver Ansprüche und konkurrierender Opfergeschichten.

Vielleicht ist das die eigentliche Frage, die Sarajevo dem Reisenden stellt: Kann nach dem Platzen einer Großkuppel in einem neuen Staat ein neuer gemeinsamer Innenraum entstehen? Einer, der die Unterschiede der Menschen nicht auslöscht, sie aber auch nicht zu Mauern macht?

Vielleicht liegt ein Teil der Antwort in Karićs Satz über Sadik: „Flüchtling.“ Denn wer den Flüchtling erkennt, erkennt zuerst nicht den Angehörigen eines Kollektivs.

Er erkennt einen Menschen, dem der Raum verloren gegangen ist. Und vielleicht beginnt jede politische Zukunft dort: bei der gemeinsamen Aufgabe, Räume wieder für alle bewohnbar zu machen.

Link zur Kampagne: https://commonsplace.de/project/balkan

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IZ-Reiseblog: Bosnien und die Transzendenz

bosnien reiseblog transzendenz

Bosnien ist mehr als Kulisse für Wasserfälle, Berge und alte Steine. Unser Reiseblog folgt der Suche nach Transzendenz: zwischen Visokos Pyramidenmythos, den Stećci, Moscheen und einer Natur, die Spiritualität verspricht — aber ihre Geschichte nicht verschweigen darf.

(iz). Wir stehen im Regen am Eingang zu den Ravne-Tunneln bei Visoko und beobachten Menschen mit der ernsten Erwartung jener, die nicht bloß etwas besichtigen, sondern etwas empfangen wollen. Was erwarten Sie?

Manche suchen Heilung, manche Energie, manche lediglich die Möglichkeit, für einen Moment in eine größere Zeit einzutreten. Über ihnen liegt die Visočica, jener bewaldete Hügel, den der Geschäftsmann Semir Osmanagić 2005 zur „Pyramide der Sonne“ erklärte.

Die Anlage soll älter als die ägyptischen Pyramiden, höher als die Cheops-Pyramide, Zeugnis einer verschollenen Zivilisation von vor zwölf- oder gar dreißigtausend Jahren sein. Nur, die Archäologie sieht darin keine Pyramide. Anerkannte Geologen und Archäologen beschreiben die Formation als natürlichen Hügel, als Resultat von Sedimenten, tektonischer Hebung und Erosion.

Die European Association of Archaeologists verurteilte das Projekt scharf als Pseudowissenschaft und warnte davor, dass die Grabungen tatsächlich vorhandene mittelalterliche und römische Spuren beschädigen könnten.

Jenseits dieser Vorwürfe denken wir über die merkwürdige Bedeutung von Visoko nach: Die Pyramiden sind nicht deshalb interessant, weil sie eine unbekannte prähistorische Religion bezeugen würden. Sie sind interessant, weil sie zeigen, wie sehr die Gegenwart nach einer solchen Religion verlangt.

Die Hügel von Visoko sind ein Labor der modernen Sakralität. Hier verbindet sich der Wunsch nach Ursprünglichkeit mit Wellness, Esoterik, Tourismus und einer tiefen Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Nüchternheit. Die Besucher wollen nicht getäuscht werden; sie wollen berührt werden.

Sie suchen eine Welt, die nicht bloß wissenschaftlich erklärbar ist, sondern antwortet. In den Tunnelgängen, in den Erzählungen von kosmischen Energien und der Beschreibung von heilenden negativen Ionen, die sich im Netz verbreiten, in der Aura des angeblich uralten Bauwerks entsteht eine Erfahrung, die sich religiös anfühlt, auch wenn sie keiner Offenbarungsreligion und keiner kirchlichen Institution verpflichtet ist.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Der Wunsch nach einem Bosnien vor Bosnien

Bosnien und Herzegowina ist ein Land, in dem Religion nicht nur geglaubt, sondern sichtbar wird. Minarette steigen über die Dächer kleiner Städte. Kirchtürme, orthodoxe Kuppeln und Klöster markieren Landschaften, Straßen und Horizonte.

In Sarajevo stehen Moscheen, Kirchen und Synagogen in einer historischen Nähe, die Reiseführer gern als Signatur des Zusammenlebens feiern. Und doch kann diese Nähe täuschen.

Denn jedes dieser Gebäude trägt nicht nur Glauben, sondern auch Erinnerung: an Imperien, Nachbarschaften, Vertreibungen, Zerstörung, Rückkehr und die ungelösten Spaltungen nach dem Krieg.

Wer sich von dieser Geschichte überfordert fühlt, sucht oft nach einer älteren, weniger belasteten Tiefe. Die Bosnische Kirche des Mittelalters, oft vorschnell mit den Bogumilen identifiziert, wird dann zu einem Reservoir dieser Imagination.

In der populären Vorstellung erscheint sie als eine Art ursprüngliches, eigenständiges, vorislamisches Bosnien: weder katholisch noch orthodox, weder serbisch noch kroatisch, noch bosniakisch im heutigen Sinn.

Die Stećci, die mittelalterlichen Grabsteine, geben dieser Sehnsucht ein Gesicht. Sie stehen auf Höhen, in Feldern, am Rand von Dörfern oder unter Bäumen: schwere Kalksteinblöcke mit Rosetten, Monden, Tieren, Reitern, Händen, Kreuzen, Jagdszenen und rätselhaften Ornamenten.

Sie wirken nicht wie dogmatische Monumente. Sie wirken, als seien sie aus der Landschaft selbst hervorgegangen. Gerade deshalb sind sie so verführerisch. Sie erlauben es, ein älteres Bosnien zu imaginieren, das nicht von den politischen Grenzlinien der Gegenwart zerrissen ist.

Historisch ist diese Eindeutigkeit allerdings nicht haltbar. Die Stećci gehören nicht exklusiv einer angeblich „bogumilischen“ Kirche. Die UNESCO beschreibt sie als ein Erbe, das von verschiedenen mittelalterlichen christlichen Gemeinschaften genutzt wurde: von orthodoxen, katholischen und der Bosnischen Kirche verbundenen Bevölkerungen.

Die Grabsteine finden sich zudem nicht allein in Bosnien und Herzegowina, sondern auch in Teilen Kroatiens, Montenegros und Serbiens. Der Stećak ist kein Beweisstück einer nationalen Urgeschichte. Er ist eher ein Monument der Mehrdeutigkeit.

Vielleicht liegt genau darin seine religiöse Kraft. Er verweist auf Tod und Erinnerung, auf Familie und Landschaft, auf Körper und Dauer. Er macht spürbar, dass es Formen der Zugehörigkeit gibt, die älter oder zumindest weniger eindeutig sind als die heutigen ethnokonfessionellen Raster.

Wer zwischen den Grabsteinen steht, begegnet keiner verlorenen „Naturreligion“ und auch keiner sauber rekonstruierbaren Häresie. Aber man begegnet einer Vergangenheit, die sich der vollständigen Aneignung verweigert. Das ist bereits eine Form des Sakralen: nicht die klare Antwort, sondern die Erfahrung einer Grenze des Verstehens.

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Die Natur als säkulares Heiligtum

Wer heute durch Bosnien reist, bemerkt noch etwas anderes. Viele Reisende kommen nicht in erster Linie wegen der Moscheen, Kirchen oder Grabsteine. Sie kommen wegen der Flüsse, Berge und Wälder. Wegen der Una und der Neretva, wegen der Karstlandschaften der Herzegowina, wegen abgelegener Täler, tief eingeschnittener Schluchten, einsamer Straßen und der rauen Bergwelt.

Der Balkan erscheint ihnen als letzter Rest eines wilden Europas: ein Raum, in dem Wasser noch frei fließt, Wege noch nicht vollkommen erschlossen sind und Landschaft nicht vollständig unter touristischer Kontrolle steht. Hier ist ein neuer Tempel entstanden: die Natur. Man sollte das nicht vorschnell als oberflächliche Flucht abtun.

Viele Menschen, die aus den beschleunigten Metropolen Europas kommen, suchen in der Natur keine Ablenkung, sondern eine andere Beziehung zur Welt. Sie wollen nicht nur sehen, sondern wieder hören. Sie wollen nicht nur verfügen, planen, buchen und fotografieren, sondern für einen Moment aus dem Regime der Verfügbarkeit herausfallen.

Hartmut Rosa hat für diese Erfahrung den Begriff der Resonanz geprägt. Resonanz entsteht dort, wo die Welt uns berührt, wo wir ihr antworten können und zugleich anerkennen müssen, dass sie nicht vollständig beherrschbar ist. Rosa unterscheidet dabei horizontale, diagonale und vertikale Resonanzachsen: die Beziehung zu anderen Menschen; die Beziehung zu Dingen, Praktiken und Riten; und schließlich die Beziehung zu etwas, das über das unmittelbare Selbst hinausweist – zu Natur, Kunst, Geschichte, Gott oder Kosmos.

Der moderne Reisende muss dazu nicht an Waldgeister, Quellnymphen oder Berggötter glauben. Anders als historische Naturreligionen, die Landschaft als von Gottheiten und Mächten belebt verstanden, sucht er meist keine konkrete übernatürliche Instanz.

Er sucht eher eine Erfahrung der Einfügung: das Gefühl, nicht als isoliertes Ich einer stummen Welt gegenüberzustehen, sondern in eine größere Ordnung eingelassen zu sein. Das ist säkulare Spiritualität.

Die religiöse Erfahrung ohne Religion braucht weder Dogma noch Offenbarung. Sie ist das Gefühl, dass die Welt mehr ist als Materie und der Mensch mehr als ein Produzent, Konsument oder Nutzer. Der Wasserfall, die Schlucht oder die Abendstille am Rand eines Bergdorfs werden dann zu einem Ersatz-Sanktuarium.

Die Natur verlangt keine ausformulierten Glaubenssätze. Aber sie kann Erfahrungen ermöglichen: Aufmerksamkeit, Demut, Geduld oder Schweigen.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Die Unschuld der Landschaft

Die überwältigende Landschaft Bosniens wird von Touristen heute gern als geschichtslos wahrgenommen. Ein Fluss hat keine Nationalität, ein Berg keine Konfession, ein Wald keine Kriegsschuld. Wer durch ihn wandert, muss keine politische Position beziehen.

Er muss weder die Geschichte des Osmanischen Reichs verstehen noch die Nachwirkungen Jugoslawiens, weder die Belagerung Sarajevos noch die Logik von Dayton, weder Flucht, Massaker, Vertreibung oder Rückkehr.

Die Natur scheint eine Befreiung von all dem zu versprechen. Sakralbauten dagegen sind geschichtlich besetzt. Eine Moschee in einer zerstörten oder wiederaufgebauten Stadt ist nicht bloß ein schönes Gebäude. Eine orthodoxe Kirche ist nicht nur ein architektonischer Stil. Eine katholische Kirche, eine Synagoge, ein Friedhof, eine Brücke: Sie alle können Erinnerungsorte sein.

In dieser Region verlangen sie, dass der Besucher wahrnimmt, was an diesem Ort verloren ging, wem der Ort gehörte, wer vertrieben wurde, wer zurückkehrte und wer heute sichtbar sein darf. Der moderne Naturtourist kann sich dieser Zumutung des Schicksals entziehen. Die Schlucht verlangt keine Kenntnis der Geschichte.

Der Berg stellt keine Frage nach Verantwortung. Der Wasserfall fordert keine Haltung zu ethnischer Gewalt. Seine Schönheit ist unmittelbar und ästhetisch eindeutig. Doch diese Eindeutigkeit ist auch eine Projektion. Maria Todorova hat mit dem Begriff des „Balkanismus“ die westliche Neigung beschrieben, den Balkan als Europas ungezähmtes Anderes zu imaginieren: wild, irrational, rückständig, unübersichtlich und zugleich exotisch verführerisch.

Der zeitgenössische Naturtourismus verwandelt diese alte Abwertung oft in eine positive Sehnsucht. Aus Rückständigkeit wird Authentizität. Aus wirtschaftlicher Peripherie wird „unberührte Wildnis“. Die Reisenden suchen dann nicht Bosnien, sondern eine Fantasie von Bosnien: das letzte freie Europa, die Landschaft vor der Zivilisation und die Erholung vor der Geschichte.

Dabei ist die vermeintliche Wildnis häufig selbst historisch produziert. Entvölkerung, Abwanderung, fehlende Infrastruktur, ökonomische Marginalisierung, Krieg und verspätete Erschließung haben manche Räume weniger dicht bebaut und touristisch weniger standardisiert hinterlassen als andere Teile Europas.

Der Reisende genießt also bisweilen die ökologische und ästhetische Folge jener Brüche, deren menschliche Kosten er nicht sehen möchte. Das heißt nicht, dass man nicht wandern, paddeln oder staunen dürfte. Es heißt nur: Wer die Landschaft als Resonanzraum sucht, sollte ihre Geschichte nicht zum Schweigen bringen.

Wahre Resonanz ist keine komfortable Wellnessbeziehung zur Welt. Sie enthält auch Widerstand. Sie lässt sich stören. Sie hört nicht nur das Rauschen des Flusses, sondern auch die Abwesenheiten in den Dörfern, die Ruinen am Weg, die Namen auf den Friedhöfen und die politischen Schwebezustände, die hinter der touristischen Idylle liegen.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Die alten Religionen in der Gegenwart

Welche Rolle spielen die monotheistischen Religionen in Bosnien heute? Die erste Antwort lautet: eine sehr große. Islam, Orthodoxie und Katholizismus strukturieren weiterhin Alltag, Kalender, Familiengeschichte, Ortsbilder und – nicht zuletzt – politische Zugehörigkeiten.

Die zweite Antwort ist komplizierter: Ihre gesellschaftliche Macht übersteigt oft die individuelle Frömmigkeit. Viele Menschen verstehen sich als Muslime, Orthodoxe oder Katholiken, auch wenn sie selten beten, fasten, eine Messe besuchen oder sich theologisch engagieren. Religion fungiert dann nicht nur als Glaube, sondern als Zeichen der Herkunft.

In Bosnien und Herzegowina fallen ethnische und konfessionelle Kategorien besonders oft zusammen: Bosniaken werden mehrheitlich mit dem Islam, Serben mit der Orthodoxie und Kroaten mit dem Katholizismus identifiziert. Forschungen zur Gegenwart des Landes betonen gerade diese enge Überlappung von ethnischer Zugehörigkeit und religiöser Selbstbeschreibung.

Doch daraus folgt nicht, dass die Religionen lediglich Masken der Nationalpolitik wären. Eine Moschee bleibt für viele Menschen ein Ort des Gebets. Eine Kirche bleibt ein Ort der Liturgie, des Trostes, der Trauer und der Hoffnung. Eine Synagoge bleibt ein Ort von Schrift, Erinnerung und Gemeinschaft.

Wer diese Orte nur als ethnische Markierungen liest, nimmt ihnen jene Erfahrung weg, für die sie gebaut und erhalten wurden.

Sind Moscheen noch Resonanzräume? Ja. Und zwar in einem Sinn, den das touristische Auge leicht übersieht. Der Gebetsruf unterbricht die Zeit des Alltags. Der Gebetsteppich richtet den Menschen aus.

Die Abfolge der Bewegungen, die Rezitation des Korans, das gemeinsame Gebet und die Stille zwischen den Worten ordnen das Leben in eine Beziehung zu Allah ein. Dies ist eine vertikale Resonanzachse: keine diffuse Verbindung mit dem Kosmos, sondern die Antwort auf einen göttlichen Ruf.

Die Erfahrung ist dabei nicht bloß innerlich. Sie ist materiell und sozial. Der Teppich, der Mihrab, das Minarett, die Körper der Betenden, die Zeit des Freitagsgebets: All dies stiftet eine diagonale Resonanz mit Dingen, Praktiken und Räumen.

Die Moschee bringt Menschen zudem horizontal zueinander in Beziehung. Sie ist Ort des Gebets, aber auch der Begegnung, der Nachricht, der Fürsorge, der Trauerarbeit und der Feier. Untergegangen ist das Netzwerk der Stiftungen und der Marktplätze, die den Raum um die Moscheen über Jahrhunderte geprägt und – zum allgemeinen Nutzen – erweitert haben.

Die religiöse Infrastruktur war und ist gerade deshalb politisch so aufgeladen. Während des Krieges von 1992 bis 1995 wurden religiöse Bauten systematisch zerstört. Ihre Vernichtung zielte nicht allein auf Steine, Dächer und Türme, sondern auf die öffentliche Existenz der Gemeinschaften, die sich in ihnen versammelten.

Der Wiederaufbau von Moscheen und Kirchen war deshalb nach dem Krieg mehr als Restaurierung: Er wurde zum Zeichen der Rückkehr, des Rechts auf Präsenz und des Anspruchs, im Raum sichtbar zu bleiben. Das erklärt die Ambivalenz religiöser Architektur im heutigen Bosnien.

Eine wiedererrichtete Moschee kann ein Ort der Andacht sein – und zugleich ein Zeichen dafür, dass eine vertriebene Gemeinschaft zurückgekehrt ist. Ein Kirchturm kann Trost und Kontinuität ausdrücken – und zugleich als territoriale Markierung gelesen werden.

Ein sakraler Bau kann Zugehörigkeit bekräftigen, ohne notwendig Ausgrenzung zu wollen. Aber unter den Bedingungen einer ethnisch fragmentierten Nachkriegsgesellschaft wird er selten völlig neutral wahrgenommen.

Foto: Petr Bonek, Shutterstock | Lizenz: Shutterstock, erworben

Wenn Identität die Erfahrung überlagert

Vielleicht ist Identitätspolitik in Bosnien deshalb so gegenwärtig, weil sie religiöse Erfahrung nicht einfach verdrängt, sondern in Anspruch nimmt. Religion stiftet etwas, das die moderne Politik allein nur schwer herstellen kann: Tiefe.

Sie verbindet Gegenwart mit Herkunft, einzelne Biografien mit den Toten, den Alltag mit Festen, den Wohnort mit einem größeren Sinnhorizont.

Nationalistische Politik weiß um diese Kraft. Sie versucht daher religiöse Zeichen in politische Zeichen verwandeln: Das Minarett wird zur Grenze, das Kreuz zur Besitzanzeige, das Gotteshaus zum Beweis historischer Priorität.

Dann verändert sich die religiöse Erfahrung. Sie muss nicht verschwinden, aber sie wird überlagert. Aus dem vertikalen Verhältnis zu Gott wird ein horizontales Verhältnis zwischen Gruppen – häufig eines der Abgrenzung.  Aus dem Gotteshaus wird eine Fahne aus Stein. Doch gerade hier liegt auch eine andere Möglichkeit.

Denn die religiösen Gemeinschaften des Landes sind nicht nur Träger von Trennung. Sie verfügen über lokale Netzwerke, karitative Praxis, Bildungsarbeit und eine Autorität, die im Alltag stärker verankert sein kann als viele staatliche Institutionen.

Der Interreligiöse Rat von Bosnien und Herzegowina steht exemplarisch für Versuche, diese Autorität in Dialog, Friedensarbeit und Versöhnung zu übersetzen

Ob Religion trennt oder verbindet, entscheidet sich daher nicht abstrakt an ihrem Wahrheitsanspruch. Es entscheidet sich an der Frage, ob sie die Verletzbarkeit des anderen wahrnehmen kann.

Eine Religion, die nur die eigene Erinnerung heiligspricht, wird zur Identitätsmaschine. Eine Religion, die auch die Würde des Nachbarn, die Trauer der anderen und die Vielstimmigkeit der Geschichte hören kann, bleibt ein Resonanzraum.

Bosnien ist deshalb kein Land, in dem die alten Religionen von neuer Spiritualität abgelöst worden wäre. Es ist ein Land, in dem verschiedene Formen des Heiligen nebeneinanderstehen.

Der Einfluss der Gläubigen auf das gesellschaftliche Leben wirkt ungebrochen fort, sie entscheiden mit, ob der Nationalismus zurückkehrt und die allgegenwärtige Korruption bekämpft wird.

Was wir auf unserer Reise gelernt haben: Der moderne Reisende sucht, manchmal auch unbewusst, die Formen der Transzendenz. Er sucht sie im Ritual, in der Landschaft, in der Aura einer Vergangenheit oder im Versprechen einer Energie, die älter sein soll als alle Geschichte.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Suche religiös ist. Sie ist es häufig, auch wenn sie sich nicht so nennt. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welche Welt wollen wir sehen? Eine reine Natur ohne Geschichte? Eine reine Herkunft ohne Mehrdeutigkeit? Eine reine Identität ohne Nachbarn? Oder ein Bosnien, dessen religiöse und landschaftliche Räume gerade deshalb berühren, weil sie keine einfachen Antworten geben?

In diesem Sinn wäre die tiefste Form der Resonanz nicht jene, die den Reisenden beruhigt. Sie wäre jene, die ihn verändert. Wo immer sein Zuhause ist, er wird die Zeichen unserer Zeit bewusster sehen.

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Sevdah – wem gehört das bosnische Musikerbe?

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Sevdah: Die UNESCO hat die bosnische Musikform zum immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit erklärt „Eines der Dinge, die wir in Bosnien immer geliebt haben und auch weiterhin lieben werden, ist die […]

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Srebrenica 1995: Chronik eines Genozids

srebrenica

Im Juli 1995 werden in einer UN-Schutzzone mehr als 8.000 muslimische Bosniaken ermordet. Srebrenica ist das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa nach 1945 – und eine offene Wunde, an der sich entscheidet, wie ernst der Kontinent seine Verantwortung gegenüber muslimischen Minderheiten nimmt.

(iz). Es ist ein warmer Julitag, als die Menschen in und um Srebrenica merken, dass die Versprechen der Welt zerbröseln. Seit Monaten hängt über der Stadt das blaue Emblem der Vereinten Nationen, Blauhelme patrouillieren, Lastwagen mit Hilfsgütern kommen und gehen. „UN-Schutzzone“.

Das klang für viele nach einem letzten Halt in einem Krieg, der Bosnien seit 1992 zerfrisst. In den Tagen vor dem 11. Juli 1995 aber wird aus der Schutzformel eine hohle Hülle. Die bosnisch-serbischen Truppen rücken vor, die Front verschiebt sich. Als die Angreifer einmarschieren, wird die Gegend zum Schauplatz eines Genozids.

Die Stadt ist da längst überfüllt. Menschen aus den umliegenden Dörfern haben sich in Srebrenica gesammelt, um den Angriffen zu entkommen. Die Versorgung ist schlecht, viele sind unterernährt, krankt und traumatisiert. Wer mit Bewohnern spricht, hört immer wieder, dass die Hoffnung an einem Punkt hing: An der Idee, dass die internationale Gemeinschaft ihr Versprechen einhält, diese letzten Inseln zu schützen.

Doch militärisch ist die „Schutzzone“ schwach, die Blauhelme sind schlecht ausgerüstet, der politische Rückhalt brüchig. Die UN warnen, appellieren, verhandeln. Aber sie zeigen nicht den Willen, die Zone gegen einen entschlossenen Angreifer zu verteidigen.

Srebrenica

Foto: Jeroen Akkermans, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Als Ratko Mladić nach der Einnahme Srebrenicas vor die Kameras tritt, wirkt sein Auftritt wie eine makabre Inszenierung. Er verteilt Süßigkeiten, spricht von „Befreiung“, verspricht Frauen und Kindern Sicherheit.

Hinter dieser Fassade beginnt ein streng organisiert wirkender Ablauf. Männer und jugendliche Jungen werden vom Rest der bosniakischen Zivilisten getrennt. Auf dem Gelände der niederländischen UN-Basis in Potočari drängen sich tausende Menschen.

Einige versuchen, mit den Blauhelmen zu verhandeln, andere flehen darum, nicht ausgeliefert zu werden. Gleichzeitig formieren sich Kolonnen in den Wäldern: Männer, die in der Dunkelheit zu Fuß Richtung Tuzla aufbrechen, in der Hoffnung, die Linien zu durchbrechen.

Was in den nächsten Tagen geschieht, wird später aus Dokumenten, Zeugenaussagen und forensischen Berichten zusammengesetzt. In Scheunen, Schulgebäuden, Lagerhallen und auf abgelegenen Feldern werden Gruppen von Bosniaken zusammengetrieben, gefesselt und erschossen. Busse und Lastwagen bringen immer neue zu den Exekutionsorten.

Es ist keine spontane Raserei, sondern eine systematische Vernichtung: Wer in dieser Logik als Träger der Gemeinschaft gilt – Männer und jugendliche Jungen – soll ausgelöscht werden. Danach verscharren die Täter die Leichen in Massengräbern.

In manchen Fällen werden die Gräber später wieder geöffnet, die Körper zerteilt und in mehrere, neue Gruben verbracht. Die Gewalt endet nicht mit dem letzten Schuss, sie setzt sich fort in dem Versuch, Spuren zu verwischen.

Die niederländischen Blauhelme stehen in dieser Phase zwischen Hilflosigkeit und Verantwortung. Sie sehen die Selektionen, sie sind Teil der Evakuierungen von Frauen, Kindern und Alten. Zugleich lassen sie zu, dass Männer und Jungen unter der Kontrolle der Angreifer gelangen.

Viele Menschen, die sich auf das UN-Emblem verlassen hatten, erleben den Moment, in dem der Schutz in Begleitung zur Vernichtung umschlägt. In Interviews mit Überlebenden taucht diese Szene immer wieder auf: der Blick zurück auf die Tore der Basis, auf das Blau der UN, auf Soldaten, die abwinken oder schweigend zur Seite treten.

Jahre später stehen auf den Feldern um Srebrenica und Potočari Menschen in weißen Schutzanzügen. Sie öffnen Gräber, tragen Knochen und Stoffreste an die Oberfläche, ordnen sie, fotografieren, beschreiben. Forensische Arbeit wird zur Voraussetzung dafür, dass Familien Gewissheit erhalten. DNA-Analysen helfen, die über die Region verstreuten Überreste einzelnen Personen zuzuordnen.

Hinter jeder Zahl steht ein Name, hinter jedem Namen eine Familie, ein Dorf, eine Straße. Die bekannte Anzahl von mehr als 8.000 ermordeten Bosniaken ist oft zitiert. Vor Ort ist sie nicht abstrakt. Sie findet sich auf Grabsteinen, Tafeln und in Registern.

srebrenica gaza

Foto: UN ICTY, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Parallel dazu laufen Verfahren vor globalen Gerichten. In Den Haag werden Generäle und politische Akteure vernommen, Zeugen berichten von Befehlen, Funksprüchen, Listen. Der Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien verhandelt Fälle, die Srebrenica betreffen, und spricht Urteile. Der Internationale Gerichtshof stuft 2007 das Verbrechen als Genozid ein.

Viele Bosniaken nehmen diese Anerkennung mit einer Mischung aus Genugtuung und Ernüchterung zur Kenntnis. Genugtuung, weil das Wort „Genozid“ nicht mehr verhandelbar ist. Ernüchterung, weil die Frage nach der Verantwortung von Staaten und internationalen Strukturen oft nur gestreift wird.

Wer heute nach Potočari kommt, sieht zuerst die langen Reihen weißer Grabsteine. Zwischen ihnen gehen Angehörige, viele davon Frauen, die seit Jahrzehnten auf eine Nachricht gewartet haben. Mütter, die ihren Sohn im Grabfeld suchen; Ehefrauen, die an einem Namen stehen, einem Datum, einem Geburtsort.

Oft tragen sie Kopftuch, manchmal den Ausweis einer NGO um den Hals. Sie sind zu Gesprächen eingeladen worden, zu Konferenzen, zu Gedenkveranstaltungen. Ihre Geschichten haben sich in Pressemitteilungen, Dokumentationen und Berichten niedergeschlagen, aber der Abstand zwischen einem Mikrofon und dem Grab eines Angehörigen bleibt spürbar.

Am 11. Juli, zum Jahrestag, werden neu identifizierte Tote beigesetzt. Jährlich kommen Särge dazu, von denen manche nur wenige Knochen enthalten. Der Akt der Beisetzung ist dennoch entscheidend. Er verschafft ein Grab, das besucht, betrauert, mit Gebeten begleitet werden kann.

Imame sprechen Bittgebete, Suren aus dem Qur’an werden rezitiert. Junge Leute tragen Särge, auch Gäste aus anderen Ländern. Auf dem Platz mischen sich bosnische Akzente mit deutschen, niederländischen, britischen Stimmen. Gedenken ist hier kein abstrakter Begriff, sondern eine körperlich erfahrene Praxis.

Schon Tage zuvor bricht der „Marš mira“ auf. Der Friedensmarsch folgt der Route, auf der viele Männer 1995 in Richtung Tuzla fliehen wollten. Wer mitläuft, schläft in einfachen Unterkünften, geht durch Wälder und über Hügel, an Orten vorbei, an denen damals Menschen getötet wurden.

Fotos: IZ Medien

Teilnehmer berichten, wie der Marsch die Distanz zwischen „Geschichte“ und „Gegenwart“ auflöst. Man spürt, wie weit es ist, wie steil manche Anstiege, wie schwer die Hitze auf den Körper drückt. Unter den Marschierenden sind Bosniaken, internationale Aktivisten, Studierende, muslimische Delegationen aus Westeuropa. Manche tragen Banner von NGOs, andere kleine bosnische Fahnen.

Organisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker begleiten diese Prozesse. Sie veröffentlichen Berichte, prangern die Leugnung und Relativierung des Genozids an, benennen das Versagen der internationalen Politik. In ihren Stellungnahmen wird deutlich, wie viel – trotz Gerichtsverfahren und Gedenkstätten – bis heute offen ist.

Es fehlen Konsequenzen, klare Bildungsarbeit, belastbare Zusagen für die Zukunft. Die Leugnung des Genozids ist in Teilen der Republika Srpska und in Serbien Alltag. Verurteilte Täter werden als Helden inszeniert, Denkmäler und Straßennamen erzählen andere Geschichten als die Gräber von Potočari.

Srebrenica ist damit mehr als ein lokaler Ort der Erinnerung. Es ist ein Spiegel für diesen Kontinent. Der Genozid traf Menschen, die Europäer und Muslime waren. Ihre Biografien sprengten die gewohnte Trennung zwischen „hier“ und „dort“, „wir“ und „sie“.

Dass das Verbrechen in vielen Debatten lange als „Balkan-Tragödie“ abgelegt wurde, sagt einiges darüber, wie schwer sich Europa damit tut, muslimische Opfer als Teil der eigenen Geschichte zu sehen. Für Muslime in Deutschland und anderswo ist Srebrenica deshalb ein Schlüsselereignis: Es erzählt von einem Genozid in Europa, der gezielt solchen Menschen traf.

Wer heute durch die Reihen der Grabsteine in Potočari geht, sieht Namen, die einem vertraut vorkommen könnten. Väter, Söhne, Brüder – Menschen, deren Leben von Freitagsgebet, Schulbesuch, Arbeit im Dorf geprägt war.

Sie waren keine Statisten in einem „Konflikt“, sondern Nachbarn, Kollegen, Angehörige. Erinnerung an Srebrenica heißt, diese Wirklichkeit ernst zu nehmen. Nicht, um sie in Konkurrenz zu anderen Leidensgeschichten zu stellen, vielmehr um einen blinden Fleck im europäischen Gedächtnis zu benennen.

Journalistisch bedeutet das, nicht bei der Formel „schlimmstes Kriegsverbrechen seit 1945“ stehenzubleiben. Geschichten über Srebrenica erzählen von konkreten Orten, Menschen, Abläufen und Entscheidungen. Sie fragen nach Verantwortung – der bosnisch-serbischen Führung, des serbischen Staates, der UN, der beteiligten Regierungen.

Sie fragen danach, was „Nie wieder“ jenseits von Jahrestagsreden bedeutet. Für muslimische Communitys in Europa stellt sich die Frage, wie Srebrenica in eigene Erinnerungskulturen integriert wird: als Datum im Kalender, als Thema in Unterricht und Predigten, als Ort, den man besucht.

Wer darüber schreibt, bewegt sich immer auf einem schmalen Grat. Der Genozid von Srebrenica ist ein schweres Thema, das leicht zur instrumentellen Folie politischer Debatten werden kann.

Humanität verlangt, nahe bei den Menschen zu bleiben, ohne die Analyse zu vernachlässigen. Srebrenica ist ein Ort, an dem sich beides verdichtet: die Geschichte einer europäischen muslimischen Gemeinschaft und die Frage, ob unsere Politik bereit ist, für ähnliche Situationen in der Gegenwart andere Entscheidungen zu treffen.

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Bosnien zwischen Armut und Hoffnung

bosnien armut hoffnung

Arbeitslosigkeit und politische Blockaden prägen Bosnien-Herzegowina. Doch zwischen Moscheen und Kirchen lebt die Hoffnung auf Versöhnung und den Weg in die EU.

(KNA/IZ). Wo mag die alte Frau im zerschlissenen Kleid und den ausgetretenen Schuhen wohl die Nacht verbracht haben? Verfilzte graue Haarsträhnen lugen unter ihrem Kopftuch hervor, das sie unter dem Kinn gebunden hat. Müde braune Augen blicken aus dem zerfurchten Gesicht. Von Marion Krüger-Hundrup

Es ist frühmorgens in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina mit rund 300.000 Einwohnern. In der Straße Safvet bega Basagica unweit des osmanisch geprägten Viertels Bascarsija stehen Müllcontainer, in denen die Anwohner ihre Abfälle entsorgen. Ungerührt von neugierigen Blicken wühlt die Seniorin im Unrat, reißt prall gefüllte Plastiktüten auf. Und fischt Brot- und Gemüsereste heraus: ihr Frühstück oder sogar die ganze Tagesration.

So wie ihr geht es auch denen, die in der Ferhadija am Straßenrand kauern und die Hand aufhalten. Hier in der beliebtesten Einkaufs- und Bummelmeile Sarajevos mit ihren Boutiquen, Parfümerien, Schuhläden und Cafés erhoffen sich alt gewordene Männer und Frauen von bessergestellten Einheimischen und Touristen ein Erbarmen. Ein kleines oder größeres Geldstück, um den Hunger nach Essbarem stillen zu können.

So bitterarm sind Srecka Cemalovic und ihr Sohn Adi noch nicht, dass sie betteln müssten. Doch auf Rosen gebettet ist die 66-jährige Witwe nicht: Obwohl sie über 40 Jahre lang als medizinisch-technische Angestellte an der Universität Sarajevo gearbeitet hat, bekommt sie lediglich eine kleine Rente: „Zu wenig zum Leben“, sagt Srecka und erzählt, dass sie trotz Ruhestand in einer pathologischen Praxis weiterarbeitet.

Auch, um ihren 39-jährigen Sohn zu unterstützen, der nach längerer Arbeitslosigkeit zu ihr in die Zweizimmerwohnung im Stadtteil Grbavica gezogen ist. „Ich bewerbe mich überall, bekomme aber nur Absagen oder gar keine Antwort“, klagt Adi. Die einzigen Angebote sind einmonatige Jobs in Supermärkten: „Regale einräumen ist keine Perspektive für die Zukunft“, meint der in einem technischen Beruf ausgebildete Mann.

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Foto: SorinVides, Shutterstock

Den Jüngeren in Bosnien-Herzegowina geht es oft nicht besser. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen sind mehr als ein Viertel arbeitslos. Der Anteil der registrierten Erwerbslosen an allen potenziellen Arbeitnehmern liegt 2026 bei 12,6 Prozent.

Der Weg nach Brüssel ist für das Balkanland auch drei Jahrzehnte nach dem verheerenden Bürgerkrieg von 1992 bis 1995 noch weit. 2016 hat es offiziell einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt und erhielt 2022 den Kandidatenstatus. 2024 beschlossen die Mitgliedstaaten, den Weg für Beitrittsverhandlungen grundsätzlich freizumachen. Sie knüpften dies jedoch an die Umsetzung von Reformauflagen.

Vor allem auch an die zivile Umsetzung des Dayton-Friedensabkommens von 1995. „Dazu zählen der Schutz der Institutionen, die Unterstützung demokratischer Prozesse und die Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit, die zu meinen Aufgaben gehören“, erklärt Christian Schmidt im Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA).

Der Deutsche ist Hoher Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, einer internationalen Sondereinrichtung, die 1995 durch das Dayton-Abkommen geschaffen wurde und die zivile Umsetzung des Friedensvertrages überwacht.

Nach fünf Jahren auf dem Posten hat der 68-Jährige im Mai 2026 seinen Rücktritt angekündigt. Er bleibt kommissarisch im Amt, bis eine Nachfolge bestimmt ist. In seiner Bilanz hebt er hervor, seine Reformen und die Einführung neuer Wahltechnologien hätten das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Wahlen gestärkt.

Darüber habe seine Behörde institutionelle und finanzielle Stabilität ermöglicht, wenn die einheimischen politischen Akteure keine Einigung erzielen konnten.

„Ich bin stolz darauf, dass sich Bosnien-Herzegowina in dieser Zeit der Europäischen Union angenähert hat“, sagt der CSU-Politiker und ehemalige Bundesminister Schmidt. Gleichwohl hätte er sich schnellere Fortschritte bei Reformen und eine stärkere Bereitschaft der politischen Führung gewünscht, um Spaltungen zwischen den bosnischen, serbischen und kroatischen Bevölkerungsteilen zu überwinden.

Und er bedauere, so Schmidt, „dass viele junge Menschen weiterhin unsicher in die Zukunft blicken und das Land verlassen“.

Dabei verfüge Bosnien-Herzegowina über enormes Potenzial: „Das wird aber erst voll zum Tragen kommen, wenn die politische Elite ihrer Verantwortung für die Stabilität und die Entwicklung des Landes gerecht wird“, erklärt der Hohe Repräsentant.

Das Land sehe sich weiterhin mit Versuchen lokaler politischer Kreise konfrontiert, die gesamtstaatlichen Institutionen zu schwächen und Reformen, die ihr korruptes Geschäftsmodell bedrohen, auszubremsen.

Gleichzeitig bestehe eine echte Chance auf Fortschritt, „wenn sich die politischen Führungspersönlichkeiten auf Zusammenarbeit statt auf Spaltung konzentrieren“, prognostiziert Schmidt.

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Foto: Mete H., Shutterstock

Er wehrt sich dagegen, die besonders durch den bosnischen Serben Milorad Dodik angespannte Lage, der einen konfrontativen nationalistischen Kurs fährt, einen „vergessenen Konflikt“ zu nennen: „Bosnien-Herzegowina bleibt wichtig für die europäische Stabilität und Sicherheit“, sagt der Hohe Repräsentant.

Die internationale Gemeinschaft verfolge die Entwicklungen im Land weiterhin aufmerksam, auch wenn globale Krisen zeitweise die Aufmerksamkeit ablenken. Deshalb sei es wichtig, Frieden und Stabilität nicht als selbstverständlich anzusehen. So wünsche er sich von der internationalen Staatengemeinschaft fortgesetztes Engagement, Geschlossenheit und strategische Geduld.

Am 5. Juni fand im montenegrinischen Tivat der EU-Westbalkan-Gipfel statt, zu dem auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) reiste. Schmidt gibt zu bedenken, Bosnien-Herzegowina sollte nicht nur durch die Brille des Krisenmanagements betrachtet werden, sondern als ein Land mit einer europäischen Identität, dessen Transformation und schließlich Integration die EU stärken würde: „Nicht zuletzt auch, weil wir in keiner anderen Region der Welt über so viel Einfluss verfügen“, so Christian Schmidt.

Eine stabilisierende Rolle spielen die Religionen für die 3,2 Millionen Landesbewohner. Der institutionalisierte interreligiöse Dialog zwischen muslimischen Bosniaken (50 %), orthodoxen Serben (31 %) und katholischen Kroaten (15 %) ist ein positives Beispiel dafür, wie unterschiedliche Glaubensrichtungen und Traditionen zusammenleben.

Viele Beobachter betonen, es gebe keinen „Kampf der Kulturen“. Was nicht heißt, dass nicht auch in Bosnien-Herzegowina Intoleranz und religiös begründete Feindseligkeit existieren. Wer über das eigene Minarett, den eigenen Kirchturm hinausschaut, tut sich wesentlich leichter mit der Versöhnung.

Solche Friedensbotschafter sind die Bosniaken Srecka und Adi Cemalovic, die selbst in ihrer in Sarajevo alteingesessenen Familie alle drei Religionen vertreten haben. Für die Witwe und ihren Sohn ist es selbstverständlich, dass sie sich um die alt gewordenen Verwandten kümmern.

Sarajevo, auch das „Jerusalem Europas“ genannt, trägt die Last der Geschichte, besitzt aber auch einen außergewöhnlichen Geist der Widerstandskraft und Offenheit. Inmitten architektonischer Vielfalt klingen hier der Muezzinruf und das Angelus-Läuten der Kirchen nebeneinander.

Selbst nach schwierigen Phasen ihrer Geschichte hat sich die Stadt eine einzigartige Energie und Würde bewahrt, ihr multikulturelles Gepräge zu bewahren und alte Konflikte zu überwinden.

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Ein Blick auf Bosnien (2). Wiedergeburt in Zeiten des Krieges

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In unserer letzten Ausgabe haben wir den ersten Teil eines längeren Textes von Robert Rigney über Sarajevo und Bosnien in der osmanischen und frühen österreichischen Zeit veröffentlicht. (iz). Was folgt, […]

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Bosnien oder der Traum des Sultans

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Bosnien: Fatih Sultan Mehmed II., der Eroberer von Konstantinopel, träumte 1463 am Vorabend seines Feldzugs nach Westen in den Balkan vom Land.

(iz). In seinem Traum sah er eine gewaltige Flamme, die weite Landstriche verschlang, und um das Feuer herum sah er drei Gefährten des Propheten Muhammed und spätere Kalifen sitzen, darunter Abu Bakr, seinen Schwiegervater, Osman und Ali.

Das Land, so schlussfolgerte sein Traumdeuter, sei Bosnien, und das Feuer sei der Islam. Dass Abu Bakr dort war, sei ein Zeichen dafür, dass das Land bis zum Jüngsten Tag standhaft im Islam verbleiben werde.

Osmans Präsenz bedeute, dass die Herrscher bis zum Tag des Gerichts im Amt bleiben würden. Alis Anwesenheit sei als Anzeichen dafür zu deuten, dass das Reich eine Fülle von Helden hervorbringen werde, die für die Sache des Islam kämpften.

Und so ritten die Gazi aus Istanbul nach Bosnien, erfüllt von Eifer, angetrieben vom wütenden Brüllen des Agha der Janitscharen und dem schrillen Klang der Zurnas der Mehtar-Kapellen. 

Riesige Entfernungen wurden an einem Tag zurückgelegt, und als sich die Osmanen Städten und Dörfern näherten, flohen die Menschen mit all ihren Gütern und Tieren und hinterließen eine Art Grenz-Niemandsland, das wie durch Osmose in ihre Hände glitt.

Sie sagten, sie seien Werkzeuge des göttlichen Schicksals, deren Erfolg den Ruhm des Islam bewies; Gott stehe in ihren Diensten, erklärten sie, während der Islam durch den Balkan zog. Als er das Land 1463 eroberte, hatte Fatih Sultan Mehmed nichts gesehen, was mit Bosnien vergleichbar gewesen wäre. Das Gebiet erschien üppig und grün, es gab unzählige Flüsse und Bäche und wunderschöne Tiere verschiedener Arten und Farben.

Tursun Beg, osmanischer Beamter und Historiker, beschrieb Bosnien im Jahr 1463 als „ein weitläufiges Land (bir memleket-i vesi)“. „Der größte Teil davon ist bergig, mit hohen Gipfeln und uneinnehmbaren Burgen sowie Gold- und Silberminen“, schrieb er. Das Klima war mild und der Charme der jungen Männer und Mädchen unvergleichlich.

Im Jahr 1451 eroberten sie Vrhbosna (Sarajevo), das während der türkischen Herrschaft wachsen und zur wichtigsten Stadt Bosniens werden sollte. Die Osmanen führten intensive Kriege, regierten ihre Eroberungsgebiete jedoch mit Milde. Ihre Untertanen wurden dazu angehalten, für sich selbst zu sorgen, und die Türken verfolgten kein Programm, das über die Sicherung ihres eigenen Unterhalts hinausging.

Foto: Nakkash Osman/gemeinfrei

Sie bestanden nicht darauf, dass die Menschen zum Islam konvertierten. „Es gibt keinen Zwang im Islam“, heißt es im Qur’an. Die Wahrheit offenbart sich von selbst. Bei der Eroberung des Landes erteilte Fatih Sultan Mehmed seinen Kommandeuren dieselben Befehle, die der Kalif Abu Bakr seiner Armee gab:

„Seid nicht ungerecht, plündert nicht, schändet keine Leichen! Greift keine Kinder, alte Menschen und Frauen an! Rodet keine Dattelhaine! Fällt keine fruchttragenden Bäume! Tötet kein Vieh, keine Schafe und Kamele, es sei denn, um ihr Fleisch zu essen! Ihr werdet auf eurem Weg Menschen begegnen, die sich in Klöster zurückgezogen haben. Lasst sie in Ruhe und behindert sie nicht bei ihren Gebeten.“

In den Jahren vor der osmanischen Eroberung war die Gesellschaft auf dem Balkan in einem repressiven Feudalismus versunken. König Dušan von Serbien hatte seinen Feudalherren gestattet, von ihren Bauern zwei Arbeitstage pro Woche zu verlangen.

Unter den Osmanen mussten sie nur drei Tage im Jahr für die örtlichen Spahis arbeiten. Abgesehen davon und von dem Zehnten, den sie als Christen in Höhe von zehn Prozent ihres Einkommens zahlten, durften sie ihrem Leben nachgehen und ihren Glauben ausüben.

Diejenigen, die das Land bearbeiteten, wurden beschützt wie Schafe, die von ihrem Hirten gehütet werden. Die osmanische Herrschaft kam sogar für die Orthodoxen als eine Art Befreiung von der Ausbeutung. Einige konvertierten zum Islam.

Ebenso sahen die Bogumilen, streng unabhängige Anhänger einer christlichen Sekte, die Ikonen und Bilder verabscheute und im Konflikt mit Rom stand, im Islam eine Befreiung.

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Foto: Dr. Sara Kuehn

Die Leute waren leicht zu bekehren, da das Christentum auf dem Balkan nicht allzu tief verwurzelt war; zumindest nicht in Bosnien, und die Menschen nur sehr wenig Kontakt zu Priestern hatten. Es heißt, das bosnische Volk habe eine Art „Volksislam“ angenommen, der christliche Bräuche mit muslimischen vermischte.

Für die Verstorbenen wurde ein Gottesdienst von der orthodoxen Kirche abgehalten, gefolgt von einer Beisetzung auf einem muslimischen Friedhof. In vielen Familien war der eine Bruder orthodox oder katholisch, der andere muslimisch.

Im ganzen Reich wurden große Moscheen, Medresen, Armenhäuser, Krankenhäuser, Bäder, Gasthäuser und Bibliotheken errichtet, die die Religion des Islam verbreiteten. Auch die Derwische spielten eine Rolle bei der Bekehrung der Bosnier. Sie zogen unermüdlich durch das Reich, predigten und praktizierten ihre Tariqa und zahlreiche damit verbundene Zeremonien.

War Belgrad in den Jahren ihrer Herrschaft ein Ort der militärischen Macht, so stand Sarajevo für sanfte osmanische Gastfreundschaft. Hier endete die Route der Kamelkarawanen aus Anatolien und darüber hinaus, und ihre Waren wurden auf Maultiere und Pferde umgeladen, die sie zu weiteren Zielen im Norden transportierten. An der Ost-West-Route von Ragusa (Dubrovnik) gelegen, entwickelte es sich zu einer reichen Stadt und sicherte sich den Status der Halbunabhängigkeit von der Pforte.

Es war Saray, was „Palast“ bedeutet. Bosna Saraj. „Goldenes Saraj“. Eine Marktstadt, so wie Belgrad eine Garnisonsstadt war. Sarajevo war voller Parks, sephardischer Juden, Zigeuner, Muslime und Mitglieder alter bosnischer Familien, die zum Islam konvertiert waren, um ihre Ländereien zu behalten.

Der Reisende Evliya Çelebi lobte ihr geschäftiges Treiben und ihre Frömmigkeit, mit 1.080 Läden, die Waren von Indien bis Böhmen verkauften, mehr als tausend älteren Menschen bei bester Gesundheit und 17.000 Häusern; während Quiclet die 169 Brunnen der Stadt bewunderte.

Im Oktober 1697 bewunderte Prinz Eugen, der seine Truppen auf einem Bergrücken mit Blick auf die Stadt aufstellte – demselben, den die Serben während der Belagerung von Sarajevo besetzt hielten –, die Größe der Stadt und ihre 120 prächtigen Moscheen, bevor er sie vollständig dem Erdboden gleichmachte.

Sarajevo war eine typisch bosnische Stadt, die in einem Flusstal lag, sich zu beiden Seiten des Flusses erstreckte und sich an den Hängen der umliegenden Hügel emporzog, mit atemberaubenden Ausblicken und Panoramen.

Die Wege waren eng und verwinkelt, und die Häuser waren nach innen ausgerichtet, mit Gärten und Außenbereichen, die von Mauern umgeben waren und von der Straße aus nicht zu sehen waren. Entsprechend der osmanischen Vorliebe für Wasser gab es öffentliche Brunnen und Bäder.

In Sarajevo waren alle – Muslime, Katholiken, Orthodoxe und Juden – in Milets organisiert. Das waren autonome Religionsgemeinschaften mit eigenen Gesetzen und Führern. Solange die Millet nicht in Konflikt mit der islamischen Organisation und Gesellschaft geriet, ihre Steuern zahlte und den Frieden wahrte, durften sie ihre Angelegenheiten selbst regeln. Die verschiedenen Konfessionen lebten in getrennten Vierteln, den Mahalas.

Während viele im Westen an der Vorstellung festhalten, dass Stammesfehden und ethnische Kriege in Bosnien seit alten Zeiten die Regel seien, könnte man sagen, dass eigentlich das Gegenteil der Fall war: Die Bosniaken lebten unter den Osmanen viele Jahrhunderte lang in relativer Ruhe und gegenseitiger Toleranz zusammen.

Geografisch gesehen lag die Stadt weit vom Zentrum der osmanischen Herrschaft. Sarajevo war fast doppelt so weit von Istanbul entfernt wie von Wien, der Hauptstadt Österreich-Ungarns. Belgrad lag viermal näher als Istanbul; die nördlichen Bezirke Bosniens näher an Berlin als an Istanbul.

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Foto: Roibo, Shutterstock

Es bot Besuchern aus dem Westen damals einen sehr malerischen Anblick. Der Fluss Miljačka floss „sanft murmelnd“ durch seine gesamte Länge. „Sarajevo ist nach wie vor die orientalischste Stadt auf der Balkanhalbinsel“, schrieb ein Reisender.

„In Sarajevo treffen West und Ost aufeinander … Man kann einen Spaziergang durch den Basar oder die čaršija machen und sich in eine rein orientalische Stadt versetzen, während einen die Geschäfte der Franje-Josipa-Straße nur wenige Minuten entfernt in eine österreichische Stadt zurückversetzen. Was die malerische Schönheit angeht, ist der Basar von Sarajevo im Nahen Osten unübertroffen. Er lässt sich vielleicht nicht mit den Suks von Tunis oder dem großen überdachten Basar in Konstantinopel vergleichen, da er fast ausschließlich unter freiem Himmel stattfindet. Um ihn von seiner besten Seite zu sehen, sollten Sie ihn an einem Markttag besuchen. Dann kommen die Landleute aus der ganzen Umgebung mit ihren Waren herein, jeder von ihnen in Tracht… Ein Großteil der Händler sind spanische Juden, die wie Svengali sowohl im Sommer als auch im Winter dicke Pelzmäntel tragen.“

Die Baščaršija bot nach wie vor ein orientalisches Bild mit ihrem „Netzwerk aus kleinen, mit Kopfsteinpflaster gepflasterten Gassen, die zu beiden Seiten von kleinen, niedrig gedeckten Holzläden gesäumt waren“. Ihr Charme lag in den Menschen, die sich dort drängten. Kein Radverkehr drang durch das enge Labyrinth, durch das sich manchmal Reihen von Ponys schlängelten, die Kopf an Schwanz angebunden und mit unhandlichen Lasten beladen waren. 

„Muslime, Juden, kräftig gebaute Bergbauern mit riesigen Gürteln, vollgestopft mit einem bunten Sammelsurium an Habseligkeiten; feierliche Hojas, türkische Träger, lungerten auf der Suche nach Arbeit herum. Es gab verschleierte osmanische Damen, die sich unbeholfen durch das Chaos schlängelten, bosnische Bäuerinnen, die in ihren weiten Hosen dahinschritten, Montenegriner und Albaner in ihrer charakteristischen Tracht sowie die christlichen Stadtbewohner, die „in der entstellenden Kleidung der Zivilisation recht gewöhnlich und schäbig aussahen“, heißt es in einem Bericht während der österreichisch-ungarischen Herrschaft.

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Sarajevo mit einem Kaffee kennenlernen

Sarajevo

Sarajevo ist für Sejfuddin Dizdarević kein bloßes Reiseziel, sondern ein biografischer Punkt: Der Bosnier, der als Jugendlicher vor dem Krieg nach Düsseldorf kam, kehrt seit Jahren als Brückenbauer zwischen seinen Welten zurück.

(iz). Dort entwickelt er Bildungsreisen, in denen Schüler, Studierende und Berufsgruppen die Spuren des Genozids, das vielschichtige religiöse Leben und die fragile Nachkriegsrealität Bosniens kennenlernen – immer mit der Frage, welche Lehren sich daraus für das Zusammenleben in Deutschland ziehen lassen.

Aus dieser Arbeit ist ein neuer Reiseführer entstanden, der weit mehr sein will als eine Sammlung touristischer Tipps: Dizdarević führt seine Leser durch Städte, Dörfer und Erinnerungsorte, verwebt Landschaftsbeschreibungen mit politischen Einsichten und persönlicher Erfahrung und lädt dazu ein, das Land als Labor europäischer Zukunft zu entdecken.

Foto: Marjola Rukaj

Sarajevo „in einer ungewöhnlichen Art und Weise“

Islamische Zeitung: Nach zwei Übersetzungen haben Sie jetzt mit „Sarajevo: eine Liebeseklärung“ ihren ersten eigenen Text veröffentlicht. Worum geht es bei dem Buch?

Sejfuddin Dizdarević: Es geht darum, das Land Bosnien im Allgemeinen und die Stadt Sarajevo im Speziellen dem Leser vorzustellen; allerdings in einer ungewöhnlichen Art und Weise, was es interessanter machen sollte, sich mit dem Text auseinanderzusetzen.

Drei Tassen Kaffee

Islamische Zeitung: Der Text orientiert sich an den drei Tassen des bosniakischen Kaffeerituals – Begrüßung, Austausch und Abschied. Warum ist es bedeutsam in der Behandlung Bosniens?

Sejfuddin Dizdarević: Wir sagen in Bosnien, dass wir nur Tee trinken, wenn wir krank sind. Hier wird man von klein auf an den Kaffee herangeführt.

Diese Tradition des dreimaligen Kaffeeservierens ist zwar ein bisschen im Rückgang. Aber es war bis vor einigen Jahren üblich, dass man durch dieses Ritual dem Besucher signalisierte, wo man sich im Gespräch befindet.

Foto: Sejfuddin Dizdarević

Ich habe versucht, diese drei Arten von Kaffee, die du eben erwähnt hast – Begrüßungs-, Plauder- und Abschiedskaffee – auf den Text zu übertragen. Zur Einführung, als Begrüßungskaffee, erzähle ich im Buch etwas von der Geschichte Bosniens und Sarajevos. Der Plauderkaffee ist dann die Hauptführung durch die Stadt.

Ich orientiere mich dabei an einem Spaziergang. Das heißt, der Leser kann einfach das Buch nehmen, entlang Sarajevo spazieren und sich das alles live anschauen, wo er gerade ist. Und der dritte Kaffee, der Abschiedskaffee, ist der Teil, in dem ich das Tempo etwas verlangsame und auf die nachdenklichen Themen eingehe.

„Bosnien ist interessant“

Islamische Zeitung: Was möchtest du mit dem Reiseführer über Sarajevo, aber darüber hinaus auch Bosnien vermitteln?

Sejfuddin Dizdarević: Ich merke generell, dass es ein großes Interesse an diesem Land gibt, besonders unter den Muslimen in Westeuropa. Bosnien ist für viele, die dort aufwuchsen und sozialisiert sind und teilweise zum Islam konvertierten, interessant, weil es keinen so krassen Bruch mit den gewohnten Gepflogenheiten darstellt, wie man es aus Westeuropa kennt.

Bosnien Ramadan

Gebetsruf zum Abendgebet und Fastenbrechen in Sarajevo, Bosnien. Foto: Ammar Asfour

Trotzdem ist es ein muslimisches Land. Mit dem Buch möchte ich dem muslimischen Leser sagen, dass man Islam und Muslime nicht nur mit dem Nahen oder Fernen Osten bzw. mit Afrika verbinden muss. Vielmehr, dass es auch europäische Muslime gibt, die keine Konvertiten sind, sondern von Geburt dem Islam angehören.

Und nichtmuslimischen Lesern möchte ich zeigen, dass es möglich ist, in einem geografisch kleinen Rahmen über Jahrhunderte hinweg so zusammenzuleben, dass verschiedene Menschen neben- und miteinander leben können – wenn die Bedingungen stimmen.

Sarajevo ist eine Stadt, die immer wieder beweist, dass die Leute es miteinander schaffen können. Ich versuche, den Leser dazu anzuregen, es in seinem Leben zu implementieren.

Islamische Zeitung: Vielen lieben Dank für das Gespräch.

Link zum Reiseführer: https://sejfuddin.myshopify.com/products/sarajevo-eine-liebeserklarung-durch-die-stadt-in-drei-tassen-kaffee

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Bosnien als Reiseziel

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Bosnien ist eine Reise Wert: Zu Besuch an der Kreuzung von Kulturen und Religionen.

(iz). Überlegen Sie noch, wo Sie Ihren Urlaub verbringen könnten? Sie wollen endlich wieder einmal raus aus der Routine, Körper und Geist von dem Mief der langen Stubenhockerei entlüften, sich bewegen, Neues entdecken, lernen und gleichzeitig rundum entspannen? Nun, wie wäre es mit einer Reise nach Bosnien?

Manchen wird dieser Vorschlag erstaunen, sind doch unsere Vorstellungen von diesem Land nachhaltig von den jahrelang andauernden Kriegshandlungen auf dem Balkan bestimmt. Die Spuren des Krieges sind auch heute noch, mehr als zehn Jahre danach, vielerorts in Gestalt von ausgestorbenen Dörfern, Häuserruinen und zerbombten Fassaden allgegenwärtig und nicht zu übersehen.

Foto: H. Marusic, Unsplash

Bosnien hat viele andere Seiten als den Krieg

Aber daneben gibt es auch zahlreiche andere Seiten des Landes. Da gibt es Sarajevo mit seinem alten Handwerkerviertel, der Bascarsija, und den Dutzenden kleinen alten Moscheen, seinen Kirchen und Museen. Oder das mit viel Mühe und Liebe restaurierte Mostar mit seinen legendären Brückenspringern auf der wiederaufgebauten Alten Brücke. Oder die alte Tekija aus dem 16. Jahrhundert in Blagaj an der Quelle der Buna.

Oder die faszinierende Natur der bosnischen Berge, das blaue klare Wasser der Neretva, die letzten Urwälder Europas im Sutjeska-Nationalpark oder die kargen Karstgipfel der Herzegowina. Und nicht nur in der Gegend von Grabovica, auf der Schwelle zwischen kontinentalem Gebirgsklima und mediterranem Seeklima gelegen, kann man sich von einer Vielzahl endemischer Arten in Flora und Fauna bezaubern lassen.

Auch für Sportler aller Couleur hat das Land viel zu bieten. Rafting oder Kajakfahren auf der Neretva, Una oder Drina sind unvergessliche Erlebnisse. Genauso wie Wanderungen oder Klettertouren durch die Bergwelten. Wer es ruhiger mag, der wird zum Angeln zahlreiche idyllische und ertragreiche Plätze finden.

Foto: Shutterstock

Landschaft und Geschichte

Doch in Bosnien bewegt man sich nicht nur in einer einzigartigen Landschaft, sondern immer auch auf geschichtsträchtigem Boden. Schon lange vor unserer Zeitrechnung ließen sich die ersten Menschen in dieser Gegend nieder.

Von dieser ersten Besiedlung zeugen noch heute mancherorts zu findende Grabhügel. Später bauten die Römer Straßen und Städte. Reiche Römer genossen schon damals die heilende Wirkung der Thermalquellen von Ilidza.

Im Mittelalter entstand der erste bosnische Staat. Relikte einer Besonderheit der christlichen Religionsgeschichte, der bosnischen Kirche, die Stecci, sind vielerorts noch zu bewundern. 

Und natürlich haben auch die über 400 Jahre andauernde Herrschaft der Osmanen und die eher kurze Periode unter Habsburger Vorherrschaft dem Land seine Stempel aufgedrückt. Durch diese lange, wechselvolle Geschichte entstand letztlich die einzigartige Mischung aus Kulturen und Religionen, welche einen Großteil der Faszination Bosniens ausmacht.

Foto: Imran Hecimovic, Unsplash

Eine muslimische Atmosphäre in Europa

Darüber hinaus ist besonders für den muslimischen Reisenden eine Reise nach Bosnien auch ein Quell der geistigen Erbauung und birgt eine besondere Entspannung in sich. Sich auf europäischem Boden zu bewegen und zu sehen, wie muslimischer Alltag Teil europäischen öffentlichen Lebens ist, ist wirklich wohltuend.

Das Aufstehen zum Frühgebet wird einem leicht, wenn sich zum Morgengrauen über Sarajevo die Gebetsrufe von den Minaretten der Stadt erheben. Egal wo man sich gerade befindet, ob in der Stadt oder irgendwo auf dem Land – wenn die Zeit zum Gebet naht, wird man mühelos eine Moschee für sein Gebet finden. Und keiner schaut einen schief wegen des Kopftuchs an.