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Europas Wunde – Das Massaker von Srebrenica vor 30 Jahren

srebrenica

Es war das größte Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit 1945. Der Massenmord von Srebrenica an mehr als 8.000 bosniakischen Muslimen belastet bis heute die politische Kultur auf dem Balkan. Doch das Gedenken lebt.

Sarajevo (KNA/IZ). Der Eroberer gibt sich väterlich an diesem heißen Julitag 1995, im vierten Jahr des Bosnienkriegs: „Habt keine Angst, niemand wird euch etwas antun“, beschwichtigt der bosnisch-serbische General Ratko Mladic eine Gruppe muslimischer Bosniaken, Frauen, Männer und Kinder.

Srebrenica – der zynische General Mladic

Ihre Gesichter spiegeln Angst, Hoffnung, Ungewissheit. Busse seien unterwegs, um die Menschen aus der Gegend von Srebrenica auf bosnisches Gebiet zu bringen, verspricht Mladic vor laufender Kamera.

In Wahrheit gibt er beim Einmarsch in Srebrenica vor seinen Soldaten eine andere Parole aus, wie ein zweites Filmdokument beweist. Der tief in der Geschichte wurzelnde Hass des orthodoxen Serben auf bosnische Muslime entlädt sich in einem Satz: „Die Zeit ist gekommen, an den Türken dieser Region Rache zu nehmen“.

Nach der osmanischen Balkan-Eroberung im 15. Jahrhundert hatten die Bosniaken allmählich die Religion der neuen Herren angenommen.

Beide Auftritte Mladics laufen in Endlosschleife auf einem Videomonitor in der Galerija 11/07/95 in Sarajevo. Sie ist Museum und Gedenkstätte zugleich für das schlimmste Massenverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Foto: Jeroen Akkermans, flickr | Lizenz: CC BY-NC-Sa 2.0

Unter den Augen niederländischer UNO-Soldaten zogen Mladics Truppen am 11. Juli 1995 bei Srebrenica Tausende aus dem Flüchtlingsstrom heraus, vor allem Männer. Sie trieben sie zusammen und erschossen sie in den nächsten Tagen systematisch an Orten rund um die kleine Stadt in Ostbosnien.

Anschließend verscharrten sie die Ermordeten. Die Zahl der bestätigten Todesopfer liegt heute bei 8.372. Viele wurden immer noch nicht gefunden.

Eine ungefilterte Härte

Das Video auf dem Großbildschirm in der Galerija 11/07/95 zeigt harte Szenen von Massenerschießungen. Als die Körper der Männer nach vorne fallen, stöhnt eine Zuschauerin leise auf und wendet sich ab. Doch die Dauerausstellung im Zentrum von Sarajevo konfrontiert den Besucher auch mit stummen Bildern: 640 Porträtfotos von Ermordeten, darunter Frauen und Minderjährige.

„Der einzige Grund für ihre Tötung war, dass sie den falschen Namen, die falsche Ethnie und Religion hatten“, sagt Tarik Samarah, Gründer und Direktor der Galerija. „Von etlichen Opfern blieben wegen der Kriegswirren nichtmal mehr Fotos übrig.“ Dafür dokumentieren an den Wänden großformatige Aufnahmen das Grauen: ein verwester Schädel im Schlamm, Menschen mit Schaufeln, die ihre Angehörigen ausgraben.

Ein gespenstisches Bild zeigt eine erschossene Frau neben ihrer Einkaufstüte, während ein Auto im Hintergrund beiläufig vorbeifährt. Entstanden ist es während der fast vierjährigen Belagerung Sarajevos durch die bosnisch-serbische Armee, deren Scharfschützen und Artillerie Jagd auf die Bevölkerung machten und 11.000 Menschen töteten.

Das Foto erinnert daran, dass der Massenmord von Srebrenica zwar die schlimmste, aber bei weitem nicht einzige Gräueltat dieses Krieges war. „Erinnerung darf kein passiver Akt sein“, fordert Galerija-Gründer Samarah.

„Sie funktioniert nur als aktives Bemühen um die Menschenwürde und dafür, dass so etwas nicht wieder passiert.“

Blutiger Zerfall

Mit 100.000 Toten war der Bosnienkrieg 1992 bis 1995 der blutigste unter den jugoslawischen Zerfallskriegen. Während das Teilgebiet der Republika Srpska unter Präsident Radovan Karadzic den Anschluss an das serbische Mutterland anstrebte, wollten die Bosniaken ihren eigenen Staat.

Beide bildeten jeweils mehr als 30 Prozent der Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas. In Titos Jugoslawien hatte man oft Haus an Haus zusammengelebt, nun wütete der ethnokulturelle Nationalismus.

1993 erklärt der UN-Sicherheitsrat das Gebiet um Srebrenica dann zur Schutzzone für rund 40.000 bosniakische Flüchtlinge, was die Eroberung durch Mladics Truppen zwei Jahre später nicht verhindert.

Dass die etwa 400 niederländischen Blauhelme sie angesichts der Übermacht ohne Gegenwehr gewähren ließen, sorgte nach dem endlich erzwungenen Frieden von Dayton Ende 1995 für jahrelange Debatten – und die Rolle der UNO bis heute für Verbitterung in der bosnischen Gesellschaft. Im Verkaufsbereich der Galerija 11/07/95 zeugen schwarze T-Shirts davon, Aufschrift: „UN – United Nothing“.

Foto: Paul Katzenberger, flickr | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der Gerichtshof stellte Völkermord fest

Zumindest bezeichnete der Internationale Gerichtshof in Den Haag das Grauen von Srebrenica 2007 als Völkermord. Die Haupttäter Mladic und Karadzic erhielten vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal lebenslange Haftstrafen, etliche weitere wurden von verschiedenen Gerichten verurteilt. Auch in Serbien, das den Vorwurf des Genozids aber nicht anerkennt.

Das gilt erst recht für den heutigen Präsidenten der Republika Srpska, seit dem fragilen Abkommen von Dayton eine der beiden Entitäten Bosnien-Herzegowinas. Der Nationalist Milorad Dodik spricht von einem „Lügen-Mythos“ und droht derzeit wieder mit der Abspaltung aus dem Staatsverband. „Wir leben immer noch in der letzten Phase eines Völkermords: seiner Leugnung“, sagt Samarah.

So bleibt Srebrenica auch nach 30 Jahren eine Wunde in Europa. Vor allem für die Angehörigen der rund 800 Opfer, nach denen immer noch gesucht wird. Noch 2021 stießen Ermittler auf ein weiteres Massengrab. 

Unter den Opfern war das jüngste bekannte: das wenige Tage alte Mädchen Fatima Muhic. Tausende Ermordete fanden inzwischen ein würdiges Grab auf der Gedenkstätte Potocari – jenem Ort nahe Srebrenica, wo Mladic den Menschen einst sicheres Geleit versprach.

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Wo Granaten lagerten, blühen Blumen

granaten Ökonomie

Aus Granathülsen werden Blumenvasen: Reportage über einen bosnischen Kupferschmied, der Kunst aus Kriegsmüll macht. (KNA). Schwerter zu Pflugscharen? Nein, aber Granathülsen zu Blumenvasen: Die stellt Adnan Hidic in Sarajevo her. […]

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Die Aktualität von Sarajevo

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Immer wieder beeindruckend ist die Hauptstadt Sarajevo – vor allem, wenn man sich für den Islam in Europa interessiert. Die bosnische Metropole verändert, erinnert und inspiriert den Gast.

(iz). Zu den schönsten Büchern in der Welt der Reiseliteratur gehört zweifellos „Die italienische Reise“ von Johann Wolfgang von Goethe. Der Schriftsteller erklärt darin nichts weniger als den eigentlichen Sinn des Reisens. Beinahe zwei Jahre lang reflektierte er in Oberitalien, Rom, Neapel und Sizilien die Natur, die Kunst und die Menschen, denen er auf seinem Weg begegnete.

Er erwartete von seiner Reise in die Fremde eine Veränderung, eine Metamorphose seiner Persönlichkeit. Die Sehnsucht nach seinen (griechischen) Idealen versuchte er stets zu aktualisieren, weil ihm bewusst war, dass er in Weimar in einer anderen Raumzeit lebt. Seine Inspiration war es, nach der Rückkehr, seine Erkenntnisse in eine neue Alltäglichkeit einfließen zu lassen.

Ein Besuch in Sarajevo ist fruchtbar

Mit dieser Absicht der Aktualisierung ist ein Besuch in Bosnien fruchtbar. Immer wieder beeindruckend ist die Hauptstadt Sarajevo – vor allem, wenn man sich für den Islam in Europa interessiert. Blickt man von den Bergen auf die Stadt, erzählt die lokale Architekturgeschichte, mit ihren, wie an einer Perlenkette aufgereihten Manifestationen, vom Leben und Schicksal der Menschen. In der Stadt erlebt man eine einmalige Gastfreundschaft und wird schnell Teil eines gelassenen Lebensstils.

Nach den Schrecken des Bosnienkrieges in den 1990er Jahre wahrlich keine Selbstverständlichkeit. Die Metropole verändert, erinnert und inspiriert den Gast. Und selbstverständlich mahnt die Geschichte des Landes den aktiven Austausch mit den Nachbarn zu suchen, gerade wenn sie anderen Kulturen oder Konfessionen angehören.

Die Ghazi-Husrev-beg-Moschee, Mittelpunkt der osmanisch geprägten Altstadt, mit ihren für alle Besucher offenen Türen, wirkt wie eine Einladung in einen geistigen Innenraum, der das bunte Treiben der Gassen vergessen lässt. Man darf nicht vergessen, dass der sakrale Raum Teil einer größeren Anlage ist. Die Infrastruktur rund um das Gebäude besteht aus öffentlichen, sozialen und ökonomischen Einrichtungen.

Bosnien

Gebetsruf zum Abendgebet und Fastenbrechen in Sarajevo, Bosnien. Foto: Ammar Asfour

Das Phänomen der Stiftungen

Es ist das Phänomen der Stiftungen, das die höheren Absichten der Muslime bezeugt. Im Moscheemuseum lese ich das Testament des Ghazi-Husrev-beg aus dem Jahr 1531. Es ist ein Aufruf zur Großzügigkeit, ein Bekenntnis zum Sinn und Zweck der Stiftungen, die auf Dauer angelegt sind und ausdrücklich der politischen Einflussnahme oder Instrumentalisierung entzogen werden. Der Gründer lebte in einer anderen, vergangenen Zeit – aber, diese soziale Idee bleibt bestehen. Eine friedliche Gesellschaft ist nur denkbar, wenn den Armen und Bedürftigen ein würdevolles Leben und Zugang zum Wissen ermöglicht wird.

Mich persönlich fasziniert die Konstellation von religiöser, sozialer und ökonomischer Infrastruktur rund um das ehrwürdige Gebäude; ein Zusammenspiel, das die Möglichkeit einer Balance birgt. Hier besichtigt man kein Museum. Man erkennt vielmehr ein Modell, das Muslime und Touristen aus aller Welt daran erinnert, dass die islamische Praxis nicht auf Politik reduziert werden kann. Auf unserer Reise geht es nicht darum, die Vergangenheit zu romantisieren, sondern eher darum, die Grundprinzipien dieses städtebaulichen Ansatzes zu verstehen.

Idealerweise ist eine Moscheeanlage nicht nur ein sakraler, geschlossener Raum. Die Bedürfnisse von Menschen, die nach Sinn und Bedeutung suchen, die Pflege der Nachbarschaft, die Nöte der Armen, die Notwendigkeiten der Reisenden oder der Händler werden ebenso erfüllt. Wie wir diese Aspekte in die moderne Stadtentwicklung des 21. Jahrhundert einfließen lassen, ist eine der wichtigsten Fragen an unsere Intelligenz.

IZ-Autor Prof. Dr. Enes Karic auf einer Pressekonferenz. (Foto: YouTube)

Die Geschichten schreiben die Schriftsteller – eine Begegnung mit Prof. Dr. Enes Karic

Es mag ein Vogel sein, der sanft auf einer Mauer landet. Laub, das der Wind über die Gräber fegt. Ein Blick, eine Geste, die man auf der Straße sieht. Die Phänomene, die uns wirklich treffen, bewegen, zum Staunen bringen oder erschrecken, führen uns in einen Moment der Sprachlosigkeit. Wir suchen nach Worten, um das Reale des Schönen oder Schrecklichen zu beschreiben.

Der Schriftsteller, oder die Schriftstellerin, widmen dieser Suche ihr Leben. Sarajevo ist nicht nur eine Stadt, die Geschichten schreibt, sondern auch ein Anziehungspunkt für all diejenigen, die sie aufschreiben, verstehen und lesen wollen. Manchmal findet man Bücher, oder sie finden uns. So treten wir in einen kleinen Buchladen ein und entdecken ein tiefsinniges Werk von Prof. Dr. Enes Karic: „Lieder wilder Vögel“.

Das Buch über die Rolle der Macht, der Liebe und des Glaubens ist historisch im Balkan des 16. Jahrhunderts angesiedelt und ist gleichzeitig eine Aktualisierung religiöser und philosophischer Fragen. Dabei wird klar, dass es zu keinem Zeitpunkt ideale Verhältnisse gab, wohl aber das Bemühen um Gewissheit, Redlichkeit und die Orientierung an moralischen Grundsätzen. In der Nacht lese ich in dem Werk und staune. Jeder hat seine eigenen Helden, ich bewundere das Vermögen des Schreibenden, dem es gelingt, den Reichtum seiner Erfahrungen zur Sprache zu bringen. 

Am Morgen besuche ich das Literaturmuseum der Stadt, lese einige Biografien von Männern und Frauen, deren Namen für mich fremd klingen. Einige sind vergessen, andere wie der Nobelpreisträger Ivo Andrić berühmt geworden. Sie alle teilen die gleiche Leidenschaft und schreiben, woran sie geglaubt oder nicht geglaubt haben. Allein die Qualität ist der Maßstab: Ein Ungläubiger, der gut schreibt, wird den Gläubigen nicht verunsichern, sondern nur anregen, sein Wissen zu erweitern und noch tiefer zu glauben. 

Man lernt eine andere Perspektive nicht kennen, wenn man sich mit den niedrigsten Ausdrucksformen dieser Kultur beschäftigt. Deswegen lohnt die Beschäftigung mit den Denkern und Dichtern, die in der Lage sind, die andere Sicht, ihre Erfahrungen auf höchster Ebene mitzuteilen. Das heißt nicht, dass man die jeweilige Quintessenz unbedingt teilt, sondern ist Ausdruck, dass man die harte Arbeit im Steinbruch der Wörter respektiert. Leben und leben lassen, als Bedingung der Möglichkeit des friedvollen Umgangs mit den Anderen, basiert nicht auf der Substanzlosigkeit, sondern ist das Ergebnis der Einsicht, dass Menschen unterschiedliche Geschichten erleben.

Diese Unterschiede zu erfahren und nachzuvollziehen, schafft keine Unsicherheit über die eigene Identität, sondern endet vielmehr mit einem Zugewinn für die eigene Substanz. Oft lese ich zum Beispiel die Werke Andersdenkender und erkenne in ihnen die Umschreibung des ersten Teils unseres Glaubensbekenntnisses.

Seit 2014 hat die Gazi-Husrev-beg-Bibliothek ein neues Zuhause. (Foto: O. Dikbakan

Islam ist ein Meer des Wissens

Der Islam ist ein Meer des Wissens. Wir besuchen das Museum der 1537 gegründeten Gazi Husrev-Beg-Bibliothek mit ihrer Sammlung von zehntausenden Büchern. Das älteste vorhandene Manuskript ist eine Abschrift aus dem Jahr 1105 des „Ihya’ Ulum ad-Din“ von Abu Muhammad Al-Ghazali. Darüber hinaus gibt es unzählige Werke in bosnischer, arabischer, persischer und osmanischer Sprache. In dem modernen Gebäude sehe ich aus der Ferne Studenten, die über ihren Schätzen sitzen und ihrem Wissensdrang nachgehen. Was studieren Sie? Es sind unendliche Möglichkeiten.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“, ist eine der Einsichten, die wir Sterblichen, die nur über sehr bescheidenes Wissen verfügen, gerne wiederholen. Es sind die Gelehrten, auch die begnadeten Schriftsteller, die uns Zeit sparen können, uns helfen und an ihren Erkenntnissen teilnehmen lassen. Treffen wir sie persönlich, dann ist ein sicheres Zeichen der gelungenen Vermittlung, dass wir verändert aus der Begegnung kommen.

Foto: Paul Katzenberger | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die Zeit des Kriegs

Ein anderes, wichtiges Kapitel in dieser Stadt beschreiben Bücher, die den Verlauf des Krieges in den 1990er Jahren nachzeichnen. Sie handeln vom Unglaublichen, von ehemaligen Nachbarn, die zu Feinden werden, von Verbrechen, von Heldentaten, von der Hoffnung und der Verzweiflung. Viele dieser Bücher wurden unter Tränen geschrieben und schaffen eine Erinnerungskultur, die in Zeiten des aufkeimenden Nationalismus in Europa, wie eine Mahnung wirken.

Jeden Abend, wenn wir aus der Altstadt hoch hinauf in die Berge in unsere Unterkunft wollen, benutzen wir ein Taxi. Die Gilde hat sich gut abgesprochen, es gilt ein Einheitspreis, der nicht zu verhandeln ist. Auf der Strecke entwickeln sich interessante Gespräche über Land und Leute. Beeindruckend ist zum Beispiel die Fahrt mit einer freundlichen Taxifahrerin, die sehr gut Deutsch spricht.

 Als junge Frau, während des Krieges, lebte sie zwei Jahre in Deutschland und kehrte später zurück. Es war eine harte Zeit, seufzt sie. „Ich hatte schreckliches Heimweh und Angst um meine Eltern, die weiter in Sarajevo lebten.“ Ich frage sie, ob sie es für möglich hält, dass sich die schrecklichen Ereignisse eines Tages wiederholen könnten. „Ja, ich glaube das. Wir alle glauben das“, antwortet sie mit einem gequälten Lächeln, das ein Achselzucken begleitet. In ihrem melancholischen Ausdruck spiegeln sich gleichzeitig Sorge und Schicksalsergebenheit. 

Wir sprechen über ihre ökonomische Lage. Sie beklagt sich, dass ihre gut ausgebildeten Kinder kaum Arbeit finden. Wir verstehen: Welche Mutter hat schon gerne, dass ihre Lieben die Heimat verlassen? Und sie deutet etwas an, das wir in unseren Gesprächen mit Slowenen, Kroaten und Bosniaken öfters hören: „In Jugoslawien waren die Verhältnisse bescheiden, aber immerhin gab es keine so extremen sozialen Unterschiede.“

Wir glauben nicht, dass es sich hier um Nostalgie handelt, oder gar um eine Sehnsucht nach der Rückkehr des Kommunismus. Die Botschaft ist einfacher: Es gibt in dieser Region nicht nur ökonomische Gewinner, sondern auch Armut und Zukunftsängste. Diese Phänomene – und nicht nur in dieser Region – sind immer der Nährboden für politische Unruhestifter.

Wir verabschieden uns herzlich von der Frau und das Gespräch wirkt nach. Am nächsten Morgen besuchen wir die Markthalle in Sarajevo. Hier sitzen Frauen vor ihren Ständen mit Obst und Gemüse, sie wirken gelangweilt. Die Geschäfte scheinen schleppend zu laufen und es ist ruhig an diesem Morgen. In der Ecke des Marktes sehen wir die Spuren des Einschlages einer Granate. Am 5. Februar 1994 waren hier viele Menschen gestorben. Wie bei jedem Krieg, kann man sich als Außenstehender nicht vorstellen, was eine Belagerung über so lange Zeit und das Leben in ständiger Todesgefahr bedeutet. Man kann hier eigentlich nur schweigend verweilen.

Gründe für einen gesunden Optimismus

Gott sei Dank gibt es gute Gründe für einen gesunden Optimismus. Keine Frage, das Land entwickelt sich: In vielen Städten in Bosnien sieht man Neubauten, moderne Geschäftshäuser und neue Straßen. Neben dem pulsierenden Leben entdeckt man noch immer die Narben vergangener Tage an den alten Häusern. Man lernt hier, dass der Frieden etwas Wertvolles ist und dass man diese Zeit nutzen muss, um Brücken zu schlagen. Selbstredend gesellt sich zu dieser Praxis die Verpflichtung, den Nationalismus und jedes andere Extrem abzulehnen. Die Existenz von Moscheen, Synagogen und Kirchen erzählen von einer Tradition: die Kunst des Zusammenlebens auf engstem Raum. Das ist etwas, was man aus Bosnien mit nach Hause nimmt.

Der Schriftsteller Dzevad Karahasan schrieb in seinem Buch „Die Schatten der Städte“ allgemein gültige Sätze über seine Heimat: „In Sarajevo ist die kulturelle Identität (…) unverbrüchlich mit einer Art sozialen Unbehagens verbunden, weil der soziale Kontext des Menschen in Sarajevo ständig daran erinnert, dass die Welt voll von andersartigen Leuten ist, dass sein Glaube nur einer von vielen ist, dass er und alles Seine nur eine von unzähligen Möglichkeiten im Ozean der göttlichen Allmacht sind.“

Für den bosnischen Denker hängt es vom Charakter und Erleben des Menschen ab, ob er in dieser Situation eine Chance, eine Verpflichtung zum gegenseitigen Kennenlernen oder eine Gefahr sieht. Diese Herausforderung, ein Klima des von gegenseitigem Respekt getragenen Miteinanderseins zu schaffen, stellt sich heute in allen Städten Europas. Zur Aktualisierung historischer Erfahrung gehört es, sich an die gelungenen und gescheiterten Versuche der Geschichte zu erinnern.

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Reiseblog Westbalkan: Als Gast in der Tekke von Blagaj

reiseblog blagaj

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: An der Tekke von Blagaj treffen Naturnähe und spirituelle Sinnsuche aufeinander.

(iz). Es ist einer der meistbesuchten Orte in der Herzegovina: Blagaj. Unzählige Reisende sind – unabhängig von ihrer Konfession – fasziniert von dem malerischen Bild, das die „Tekija Blagaj“und die Buna-Quelle unter dem 240 Meter hohen Bergmassiv bilden.

An diesem Ort treffen Naturnähe und spirituelle Sinnsuche seit Jahrhunderten aufeinander. Die Anlage, immer wieder von Zerstörung und Steinschlag bedroht, wurde von Muslimen zuverlässig über die Zeit gerettet.

Mir fällt hier der berühmte Satz von Friedrich Nietzsche ein: „Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt.“ Die Mahnung erinnert daran, dass der permanente Blick in den Abgrund in unser Seelenleben einwirkt.

Fotos: Autor

Dabei ist es nicht die Lösung, die schlimmen Ereignisse, die uns in den letzten Monaten beschäftigen, zu verdrängen. Vielleicht ringen wir eher um eine Haltung, die man als einen Pessimismus mit Hoffnung umschreiben kann.

Die Motivation des Reisenden – sei es durch das Sammeln von Eindrücken an Orten, durch neue Erfahrungen auf dem Weg oder im Lernen in Gesprächen und Begegnungen – ist es, der Zuversicht ausreichend Nahrung zu verschaffen. 

Dieser Ort wirkt auf uns wie eine Oase, ein Rastplatz, eine Erinnerung in unruhiger Zeit. Die Gebetswaschung in dem eiskalten Fluss vermittelt eine belebende, beinahe schockartige Wirkung und erinnert an den Sinn dieses Rituals. „Wir haben alles Lebendige aus dem Wasser geschaffen“ (Al-Anbiya, 30) lesen wir auf einem Stein eingemeißelt.

Fotos: Autor

In dem kleinen Gebetsraum, den wir aufsuchen, hat schon Evliya Çelebi sein Gebet verrichtet. Tharik Hussain („Das Minarett in den Bergen“) erzählt in seinem lesenswerten Porträt über ein unvermutetes Europa, als der Reiseschriftsteller die Tekke 1664 besucht hat. Vermutlich hat er die Musafirhana, das Gasthaus für Reisende, genutzt.

Am Ende unseres Rundgangs lernen wir die junge Muslima Khadize kennen, die gerade die Fenster in dem Gebäude putzt. Die gebildete Frau erzählt uns von ihren Erlebnissen mit den Besuchern.

Mit einem Augenzwinkern kommentiert sie die Versuche einiger Muslime, ihr den Islam beizubringen. Dabei ist ihre muslimisch-europäische Identität so klar wie das Wasser im Fluss vor dem Haus. Sie berichtet von den negativen Erfahrungen der Vergangenheit mit religiöser Indoktrinierung aus dem Ausland. Wir verabschieden uns mit der Hoffnung auf eine gute Zukunft dieser Region im Herzen Europa.

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Kurzmeldungen aus Ausgabe 350: KI, Kaffee und Gaza

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Kurzmeldungen Ausgabe 350: In dieser Ausgabe spannen sich die internationalen Nachrichten von den Religionen und die KI, Kaffee aus Jemen bis zur Lage in Gaza. Religiöse Vertreter zur Nutzung von […]

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Leben auf der Balkanroute: Camp Lipa wird zur Anlaufstelle

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Sie nennen es „Game“. Gewinner des „Spiels“ auf der Balkanroute ist, wer es über die EU-Grenze schafft. Hauptsache ist, nicht von der kroatischen Grenzpolizei erwischt zu werden, die im Umgang […]

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Mein Herz ist in Bosnien geblieben

Marš Mira bosnien

Über den jährlichen Gedenkmarsch Marš Mira in Bosnien: Karim Moustafa berichtet über die Erinnerung an den Genozid von Srebrenica

(iz). Grenzenlose Trauer. Erschütterndes Leid. Grausamste Verbrechen. Herzzerreißende Erlebnisse der Überlebenden des Genozids in Bosnien. Drei Tage des alljährlichen Gedenkenmarsches „Marš Mira“ (Marsch des Friedens) für die Opfer des größten Völkermordes in Europa nach dem zweiten Weltkrieg liegen hinter mir. Von Karim Moustafa

Bosnien: Die Heutigen beschreiten den Weg der Ermordeten

Über 5.000 Menschen haben sich vom 8.-11. Juli 2024 auf den langen Weg vom damaligen freien Territorium in Nezuk zur heutigen Gedenkstätte in Potočari gemacht. In Erinnerung an die mindestens 8372 getöteten Bosniaken in Srebrenica. Zur Trauer um die mehrheitlich muslimischen Männer. In Gedächtnis an die unzähligen Söhne, Väter, Großväter, Cousins und Onkel. Um die Geschichte hochzuhalten und um dem Vergessen entgegen zu wirken.

In einer Zeit in der Völkermord wieder live passiert, während die Welt zuschaut. Und die Weltgemeinschaft versagt wieder einmal. United Nothing (UN) wie es treffend auf einem Ausstellungsfoto eines alten Graffiti im heutigen Museum steht. Dort, wo den serbischen Mördern die bosnischen Muslime ausgehändigt wurden. Wo das Wort „Schutzzone“ ein lächerlicher, ein tödlicher Witz gewesen ist.

Foto: Autor

Es sind nicht die körperlichen Strapazen

Es sind daher nicht die 100 Kilometer kräftezehrender Fußmarsch durch teils unwegsames Gelände, das auf und ab des Weges durch die beeindruckende bosnische Berglandschaft und über den Berg Udrč oder die in diesem Jahr mit deutlich über 30 Grad brütende Hitze der Sonne im strahlend blauen Himmel, die den meisten Eindruck bei unserer Reisegruppe hinterlassen haben. Die körperlichen Strapazen und das Kräftezehren sind schnell vergessen.

Aber die überwältigenden Emotionen, die einem in unzähligen Gesprächen mit den Opfern und Hinterbliebenen von Srebrenica und des gesamten Genozids in Bosnien während dieser Reise begegnen, lassen einen nicht mehr derselbe Mensch sein.

Etwas ist zerbrochen und gleichzeitig etwas anderes neu entstanden. Wie die Liebe zu Bosnien. Zu diesen unglaublichen Menschen. Die mit ihrer Stärke, Geduld und Mut, mit ihrer grenzenlosen Gastfreundschaft ein Vorbild sind für die Welt.

Die Geschichten der Menschen

So lauschen wir während des Marsches den Geschichten der Menschen Bosniens, die so eindringlich ins Herz gehen. Die erschaudernden Erzählungen der einheimischen Wegbegleiter, welche die tränenreichen Geschichten ihrer teils ausgelöschten Familien teilen. 

Die Zeitzeugen, welche jedes Jahr den langen Weg beschreiten, auf dem ihre Verwandten und Freunde ermordet wurden. Einer von ihnen ist Hasan Hasanović, der uns begleitet und die bedrückende Zeit des Leids und Unglücks greifbar macht.

Wer sein bekanntes Buch „Srebrenica – Kein Vergessen. Kein Vergeben“ gelesen hat, kennt manche mörderischen Szenen, doch die Realität und die Details sind schlimmer. Ein Bruder, der seinen schwer verwundeten Bruder, der auf eine Mine getreten ist, noch 20 Kilometer durch den Wald trägt, weil er ihn nicht zurücklassen kann, bevor er stirbt.

Die unglaubliche Gastfreundschaft von fast mittellosen Veteranen, welche ganze Ortschaften jahrelang vor weiteren Gräueltaten bewahrt haben und deren karge Rente heute gerade so zum Überleben reicht.

Die früheren Kinder, die durch schicksalhafte Wendungen überlebt haben und jetzt als Erwachsene auch 29 Jahre nach dem Fall Srebrenicas am 11. Juli 1995 die sterblichen Überreste ihrer ermordeten Verwandten suchen, während sie in bedrückender Erinnerung schwebend durch die vielen Orte des Grauens und Tötens laufen. Wie am Berg Kameničko an dem kein Zentimeter ohne Blut geblieben ist, als etwa 1.000 flüchtende Bosnier u.a. von serbischer Artillerie in Stücke gerissen wurden.

Foto: Autor

Wenn die Bittgebete verstummen

Selbst die Bittgebete für die Verstorbenen sprechende Stimme verstummt plötzlich, wenn die bewusst in der Natur belassene verblichene Kleidung einer Reihe von Opfern ins Blick fällt. Wie die ausgetretenen Schuhe mitten im Wald, die ausgefranste Lederjacke an einer Baumgabel…

Manchmal sind es lediglich stumme Blicke der Menschen am Wegesrand, die den unbeschreiblichen Schmerz auch drei Jahrzehnte später nur erahnen lassen. Wie eine Großmutter am Wegesrand, neben dem Denkmal eines der vielen Massengräber, die Wanderer des Friedensmarsches mit Wasser, bosnischem Kaffee und Tee bewirtet. Alles was man machen kann, ist sie zur Unterstützung in den Arm zu nehmen und wie die eigene Oma auf die Stirn zu küssen.

Am Ende des eindrücklichen Marsches, der uns alle verändert hat, stehen wir in Potočari zum Gedenktag des bosnischen Genozids am 11. Juli vor dem schier endlosen Gräberfeld mit weißen Stelen. Tausende, die aus Bosnien und aller Welt gekommen sind, um die Tausenden zu betrauern. Die Stimmen verstummen. Gemeinsam heben wir unsere Hände zum Gebet. Von Allah kommen wir und zu Ihm kehren wir zurück…

Wie beschreibt man Heimat? Vielleicht mit dem Gefühl von Traurigkeit, das einen überfällt, wenn man sein Land verlässt, sein Volk. Wenn du getrennt wirst von „deinen Leuten“, „deinem Hood“. Und die gleichzeitig aufkommende starke Sehnsucht schnell wieder zurückkehren zu wollen. Dieses eindringliche Gefühl habe ich gerade, als ich Bosnien schweren Herzens verlasse.

Lang lebe das tapfere bosnische Volk!

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Bosnien und UN begehen ersten Srebrenica-Gedenktag 

srebrenica

Bis heute werden Leichen des Massakers von Srebrenica entdeckt. Nun wird weltweit mit einem speziellen Gedenktag an die Opfer des Völkermordes erinnert.

Wien/Srebrenica (KNA). Bosnien und die internationale Staatengemeinschaft begehen am Donnerstag den ersten internationalen Gedenktag für die Opfer des Srebrenica-Völkermordes.

Er erinnert an die Ermordung von mehr als 8.000 muslimischen Bosniaken durch die bosnisch-serbische Armee und serbische Paramilitärs. Die Opfer waren zuvor in eine Schutzzone der Vereinten Nationen geflohen.

Srebrenica: Immer noch werden Opfer beigesetzt

Während der Gedenkfeier werden 14 Opfer beigesetzt. Die Leichen werden knapp 30 Jahre nach dem Massaker immer noch in Wäldern und an anderen Orten in Massengräbern gefunden. Bei dem jüngsten Getöteten, der nun im Srebrenica-Gedenkzentrum in der ostbosnischen Stadt Potocari beigesetzt werden soll, handelt es sich örtlichen Medien zufolge um einen 17-Jährigen; das älteste Opfer sei 68 Jahre alt gewesen.

Nach Informationen des Senders N1 hat der Erzbischof von Vrhbosna, Tomo Vuksic, den Hinterbliebenen sein tiefes Beileid ausgesprochen: Die Gräber der Opfer seien ein Mahnmal für den Frieden. Zudem rief der Erzbischof zu sozialem Zusammenhalt auf.

Provokationen durch serbische Militärs

Zu einem augenscheinlichen Provokationsakt war es am Wochenende gekommen, als serbische Militärkadetten Medienberichten zufolge in zwei bosnischen Städten aufmarschierten. Mitglieder des bosnischen Staatspräsidiums verurteilten die Aktion und kündigten Untersuchungen an. Die US-Botschaft in Sarajevo sprach von einer verantwortungslosen Instrumentalisierung der Militärparade, die Versöhnungsversuche im Land untergrabe.

Auch die UN-Generalversammlung will bei einer Zeremonie in New York der Getöteten gedenken. Sie bezeichnete das Massaker von Srebrenica als „dunkelstes Kapitel“ des Bosnienkrieges (1992-1995) und als „größtes Massaker in Europa nach dem Holocaust“.

Im Mai hatten die UN-Staaten eine Resolution angenommen, die einen internationalen Gedenktag für den „Völkermord“ ins Leben rief und dessen weit verbreitete Leugnung verurteilte. Serbiens Präsident Aleksandar Vucic hatte dagegen vor der Generalversammlung protestiert.

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Eine fatale Tat. Vor 110 Jahren kam es zum Attentat von Sarajevo

sarajevo

Vor 110 Jahren wurden auf dem Balkan die Weichen für den Ersten Weltkrieg gestellt. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar. Ein Besuch in Belgrad, Sarajevo und Wien. (KNA). Wenn der […]

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Der lange Schatten von Srebrenica. Vor der Abstimmung zu Völkermord

Srebrenica

Die Deutung von Geschichte ist oft eine Sache der Perspektive. Der Massenmord von Srebrenica ist unbestreitbar. Trotzdem entzweit er das Land bis heute. Sarajevo (KNA) „Serbe, Kroate, Bosniake – wer […]

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