Beirut: Mehr als 70 Tote und 3.000 Verletzte bei Explosion

Der Libanon steckt derzeit in einer seiner schwersten Krisen seit Jahrzehnten. Mitten in diesen politischen Turbulenzen kommt es am Hafen von Beirut zu einer gewaltigen Explosion. Retter zÀhlen am Abend Dutzende Todesopfer und enorm viele Verletzte.

Beirut (dpa). In der libanesischen Hauptstadt Beirut hat sich am Dienstag eine gewaltige Explosion mit Dutzenden Toten und mindestens 3.000 Verletzten ereignet. Über der Stadt stieg am frĂŒhen Abend eine riesige Rauchwolke auf. Eine Reporterin der Deutschen Presse-Agentur berichtete von einer starken ErschĂŒtterung im Zentrum und von großen SchĂ€den. Durch die Wucht der Explosion am Hafen der KĂŒstenstadt gingen Fenster zu Bruch, Straßen waren mit TrĂŒmmern und Glasscherben ĂŒbersĂ€t. Große Teile des Hafens wurden vollstĂ€ndig zerstört.

Die HintergrĂŒnde der Explosion blieben zunĂ€chst unklar. Hinweise auf einen Anschlag oder einen politischen Hintergrund gab es am Abend nicht. Das AuswĂ€rtige Amt zeigte sich „erschĂŒttert“. Auch Mitarbeiter der Deutschen Botschaft seien unter den Verletzten. Beirut mit seinen 2,4 Millionen Einwohnern wurde zur „Katastrophen-Stadt“ erklĂ€rt.

Gesundheitsminister Hassan Hamad sagte am Abend, mehr als 70 Menschen seien getötet und weitere 3000 verletzt worden. Der GeneralsekretĂ€r des libanesischen Roten Kreuzes, Georges Kettaneh, berichtete der dpa ebenfalls von mehr als 2000 Verletzten. Augenzeugen sprachen von Leichen auf den Straßen und Menschen, die unter TrĂŒmmern verborgen seien. Die Armee half, Verletzte in KrankenhĂ€user zu bringen. BĂŒrger wurden aufgerufen, Blut zu spenden.

Videos vom Vorfall zufolge begann die Katastrophe mit einem Brand am Hafen. In dessen RauchsĂ€ule sind mehrere kleinere Explosionen zu sehen, die an Feuerwerkskörper erinnern. Kurz darauf folgt eine gewaltige Detonation mit einer Pilzwolke und einer Druckwelle, die sich blitzschnell kreisförmig nach außen ausbreitet.

„Wir können keinen Ermittlungen zuvorkommen“, sagte der Chef fĂŒr innere Sicherheit, Abbas Ibrahim. Am Ort der Explosion sei aber hochexplosives Material gelagert gewesen. Auch MinisterprĂ€sident Hassan Diab sagte, dass Fakten zu dem „gefĂ€hrlichen Lagerhaus“ am Hafen vorgelegt wĂŒrden. Die Verantwortlichen wĂŒrden „den Preis fĂŒr dieses Desaster“ zahlen.

Am Abend gab es Spekulationen, eine große Menge Ammoniumnitrat sei im Hafen explodiert. Die Zersetzung des Stoffs, der auch zur Herstellung von SprengsĂ€tzen dienen kann, fĂŒhrt bei höheren Temperaturen zu Detonationen. Die Substanz dient zum Raketenantrieb und vor allem zur DĂŒngemittelherstellung. Berichten zufolge hatten Behörden vor einigen Jahren mehr als 2.700 Tonnen des Stoffs an Bord eines Schiffs sichergestellt und ihn seit mehreren Jahren im Hafen gelagert. Eine Regierungsquelle bestĂ€tigte, dass dort Ammoniumnitrat gelagert war.

Im Internet kursierten Fotos von zerstörten Fenstern an WohnhĂ€usern und TrĂŒmmern auf den Straßen. Dutzende Autos wurden beschĂ€digt. Ein Polizist sagte, die SchĂ€den erstreckten sich kilometerweit. Kurz nach der Explosion fielen Telefon und Internet in der Stadt aus. „Wir saßen in unserem Wohnzimmer, und plötzlich fielen uns die Wand und Glas auf den Kopf“, sagte ein Anwohner namens Rumi. Der Hafen liegt nur wenige Kilometer von der Innenstadt Beiruts entfernt.

„Ich war in der KĂŒche und kochte, als ich plötzlich ins Wohnzimmer geworfen wurde“, sagte eine Frau namens Aida. Auch ihre beiden Kinder seien verletzt worden. Ein Ă€lterer blutĂŒberströmter Mann saß weinend vor einem Krankenhaus und wartete auf Behandlung. Ein neun Jahre alter Junge sagte, die ErschĂŒtterung habe sich angefĂŒhlt, als sei er gegen die TĂŒr geworfen und auf den Kopf geschlagen worden.

Wenige Kilometer vom Ort der Explosion entfernt waren 2005 der damalige libanesische MinisterprĂ€sident Rafik Hariri und 21 weitere Menschen bei einem Sprengstoffanschlag getötet worden. An diesem Freitag will das UN-Libanon-Sondertribunal in Den Haag sein Urteil gegen vier Angeklagte in dem Fall von 2005 verkĂŒnden. Viele im Libanon machen die FĂŒhrung des Nachbarlandes Syrien fĂŒr den Anschlag auf Hariri verantwortlich. Er hatte vor seinem Tod den Abzug der damals im Libanon stationierten syrischen Truppen verlangt.

Der Regierungspalast, die finnische Botschaft und die Residenz von Ex-MinisterprĂ€sident Saad Hariri wurden ebenfalls beschĂ€digt. Am Suk Beirut, eine moderne Einkaufsgegend im Zentrum, zerbarsten Fensterscheiben vieler GeschĂ€fte. Ein Schiff der UN-Friedenstruppen im Libanon (Unifil) wurde ebenfalls beschĂ€digt. Es seien mehrere Blauhelm-Marinesoldaten verletzt worden, einige von ihnen schwer, teilte die Mission mit. „Zu diesem Zeitpunkt sind unsere Gedanken bei den Menschen im Libanon“, sagte ein UN-Sprecher in New York.

Regierungschef Hassan Diab erklĂ€rte den Mittwoch zum Tag landesweiter Trauer in Gedenken an die Opfer. PrĂ€sident Michel Aoun berief eine Dringlichkeitssitzung des Nationalen Verteidigungsrats ein. FĂŒr die Stadt wurde ein zwei Wochen langer Notstand verhĂ€ngt.

Regierungen anderer LĂ€nder zeigten sich betroffen und stellten rasche UnterstĂŒtzung in Aussicht. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich „erschĂŒttert“, wie die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer die Kanzlerin bei Twitter zitierte. „Wir werden dem Libanon unsere UnterstĂŒtzung anbieten.“ Deutschland stehe dem Libanon in der „schweren Stunde zur Seite“, twitterte Außenminister Heiko Maas. Auch die EuropĂ€ische Union, die USA und Frankreich – frĂŒhere Mandatsmacht des Libanon – stellten UnterstĂŒtzung in Aussicht.

Selbst Israel, das mit dem benachbarten Libanon keine diplomatischen Beziehungen pflegt, bot ĂŒber auslĂ€ndische KanĂ€le „medizinische humanitĂ€re Hilfe“ an. Offiziell befinden sich beide LĂ€nder noch im Krieg. Spekulationen, dass Israel hinter der Explosion stecken könnte, rĂ€umte Außenminister Gabi Aschkenasi aus. Auch US-PrĂ€sident Trump wurde ĂŒber die Situation unterrichtet.