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Peking profitiert von der Annäherung zwischen Riad und Teheran

Riad Teheran

Die Rivalität zwischen Riad und Teheran hat konfliktreiche Wurzeln. Denkfaule Analysen reduzieren das Verhältnis häufig auf eine Glaubensfrage als Folge eines „alten Hasses“. (The Conversation) Nach mehr als vier Jahrzehnten […]

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Saudi-Arabien und Iran wollen Beziehungen normalisieren

Saudi-Arabien Iran

Jahrelang lagen die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran auf Eis. Nun machen die Rivalen einen großen Schritt aufeinander zu.

Teheran/Riad (dpa/iz). Der Iran und Saudi-Arabien wollen nach sieben Jahren Eiszeit wieder diplomatische Beziehungen aufnehmen. In einem ersten Schritt wurde ein Außenminister-Treffen der rivalisierenden Länder beschlossen, wie die staatlichen Nachrichtenagenturen beider Länder, IRNA und SPA, am Freitag berichteten. Demnach unterzeichneten hochrangige Regierungsvertreter unter chinesischer Vermittlung in Peking eine entsprechende Übereinkunft.

Foto: en.kremlin.ru

Saudi-Arabien und Iran wollen Dialoglösung

Im Dialog wollen Riad und Teheran Differenzen beilegen, wie es in der Mitteilung der saudischen Staatsagentur SPA hieß. Beide Staaten verständigten sich darüber hinaus auf die Wiedereröffnung der Botschaften innerhalb von zwei Monaten.

Das sunnitische Saudi-Arabien und der mehrheitlich schiitische Iran unterhielten in den vergangenen Jahren keine diplomatischen Beziehungen. Beide Länder ringen in der Region um politischen und militärischen Einfluss.

Bei dem Ministertreffen soll über einen Aufbau von Handelsbeziehungen und eine Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen gesprochen werden. China hatte iranischen Medienberichten zufolge als Gastgeber der Unterzeichnung neben dem Oman und dem Irak als Vermittler eine wesentliche Rolle.

Karte Naher Osten Iran Yuan Einfluss

Chinesischer Yuan auf der Karte von Saudi-Arabien und Iran. Konzept des Ölkaufs, wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Peking und den Ländern des Persischen Golfs

China einflussreich bei Verhandlungen

Die Vereinbarung sei dank einer „großzügigen Initiative von Präsident Xi Jinping“ zustande gekommen, hieß es von der saudischen Staatsagentur. Angesichts der politischen Isolation des Irans und internationaler Kritik hatte die Islamische Republik in den vergangenen Jahren in Asien nach neuen Partnern gesucht. Der Oman und Irak begrüßten die Annäherung zwischen Riad und Teheran.

Der Iran und Saudi-Arabien sind beide vom Ölexport abhängig. Auch die Konkurrenz auf dem Energiemarkt hatte zur Rivalität beigetragen. Durch internationale Sanktionen im Rahmen seines umstrittenen Atomprogramms ist der Iran aber weitgehend vom Markt ausgeschlossen.

Beobachtern zufolge könnte eine Normalisierung der Beziehungen der beiden Länder auch die Verhandlungen zur Wiederbelebung des Wiener Atomabkommens positiv beeinflussen. Seit fast einem Jahr liegen die Gespräche auf Eis.

Riad hatte die offiziellen Kontakte mit Teheran im Januar 2016 als Reaktion auf einen Angriff iranischer Demonstranten auf die saudische Botschaft im Iran gekappt. Ausgelöst wurden die Proteste durch die Hinrichtung des prominenten schiitischen Geistlichen Scheich Nimr al-Nimr in Saudi-Arabien. Ihre Rivalität trugen die beiden Staaten in vergangenen Jahren auch bei militärischen Konflikten in der Region aus, etwa im Jemen.

Man will regionale Sicherheit

Die beiden Länder wollen mit der Annäherung auch Frieden und Sicherheit auf regionaler und internationaler Ebene fördern, hieß es in der Erklärung von SPA weiter. Die Entwicklung könne positive Auswirkungen auf regionale Krisenherde wie den Krieg in Syrien sowie die Krise im Libanon haben, sagte der Analyst Naif al-Waka dem staatlichen saudischen Fernsehsender Al-Ekhbariya. Chinas Vermittlung werde das Ansehen und die Glaubwürdigkeit des Landes in der Region festigen.

Der Analyst Ali Alfoneh schrieb auf Twitter, es bleibe abzuwarten, ob Teheran und Riad möglichen Sabotageakten seitens Israels Stand halten könnten. Israel ist Irans Erzfeind und bemüht sich seit längerem um eine Normalisierung der Beziehungen mit Saudi-Arabien. Seit der Islamischen Revolution von 1979 stellt der Iran Israels Existenzrecht in Frage.

Foto: Jennifer Bose, CARE

Tel Aviv sieht „gefährliche Entwicklung“ – USA unter Bedingungen positiv

Israels Ex-Ministerpräsident Naftali Bennett kritisierte die Wiederannäherung scharf. Das Abkommen sei „ein Scheitern der israelischen Bemühungen, eine Koalition gegen Teheran aufzubauen, schrieb er auf Twitter. Er sprach von einer „gefährlichen Entwicklung für Israel“. Der Oppositionsführer Jair Lapid nannte den Deal „einen kompletten Fehlschlag“ für das Land.

Die „regionalen Verteidigungsmauern“ seien zusammengebrochen. Beide gaben die Schuld der aktuellen Regierung, die von einer umstrittenen Justizreform abgelenkt sei. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu äußerte sich zunächst nicht zu der Entwicklung.

Die USA sähen vor allem den inneren und äußeren Druck, unter dem die Regierung in Teheran stehe, als Grund für die Annäherung, wie der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats, John Kirby, sagte. 

Sofern der Schritt helfe, den Krieg im Jemen zu beenden und dazu beitrage, dass sich Saudi-Arabien nicht mehr gegen Angriffe verteidigen müsse, sei die Annäherung zu begrüßen. Bei den Verhandlungen habe mehr als „nur eine Einladung Chinas“ eine Rolle gespielt, sagte Kirby.

Im vergangenen Jahr näherten sich beide Seiten auf diplomatischer Ebene vorsichtig an. Im Irak fanden mehrere Gesprächsrunden mit iranischen und saudischen Vertretern statt, die sich vor allem um Sicherheitsfragen drehten. Irans einflussreicher Politiker Ali Schamchani, Sekretär des Sicherheitsrats, war Berichten zufolge in den vergangenen Tagen wieder für Gespräche in Bagdad.

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Wie nähert man sich dem Fastenmonat?

ramadan nähert fastenmonat

Der Fastenmonat kommt: In sehnsüchtiger Erwartung des Anfangs des gesegneten Ramadan, wünsche ich allen ein angenommenes und gereinigtes Fasten.

Wir beten dafür, dass diese Zeit eine Spanne der spirituellen Erneuerung wird. Eine Zeit, wenn man dazu in der Lage ist, für den vollen Nutzen der Göttlichen Geschenke, die den Anbetenden angeboten werden.
Diejenigen, die nicht in der Lage waren, sich in den beiden Monaten Rajab und Scha’ban auf den Ramadan vorzubereiten, sollten insbesondere den Ramadan gewissenhaft umsetzen.

Beachten wir die folgende Worte des Dichters: „Horche! O du, der nicht damit zufrieden war, im Radschab falsche Handlung zu vollziehen. Seine Rebellion gegen seinen Herrn musste während der Dauer das Scha’bans anhalten. Der Monat des Fastens ist nun gekommen, um dir Schatten und Schutz zu geben. Verwandle ihn nicht in einen Monat der falschen Taten. Lies den Qur’an und verherrliche (Allah), mit eifriger Zunge. In der Tat! Er ist ein Monat der Verherrlichung und des Qur’an. Verneine die Leidenschaften deines Körpers und suche das Heil deiner Seele. Irgendwann wird die Erde den Körper verzehren. Wie viele Verstorbene hast du gesehen, die fasteten – in deiner Familie, bei deinen Nachbarn und Brüdern? Der Tod hat sie ausgelöscht, und dich zurückgelassen. Sei ernsthaft, denn die Lebenden sind den Toten nah. Du erfreust dich an der Kleidung des ‘Ids [Feiertag am Ende des Ramadans], die nun für den Feiertag geschnitten wird. Aber bald wird sie dein Totenkleid sein. Wie lang kann eine Person in ihrer weltlichen Behausung glücklich sein? Bedenke, dass ihre endgültige Heimat das Grab ist.“

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Foto: Yuri A./Shutterstock

Wir hoffen, dass der Ramadan für uns ein Mittel des spirituellen Aufstiegs ist. Wenn dies geschieht, und unsere körperlichen Leidenschaften abnehmen, können wir uns in jener Art des Fastens üben, wie sie von unseren rechtgeleiteten Vorläufern beschrieben wurde:

„Fastet eurer gesamtes Leben. Macht den Tod zu eurem ‘Id! Das Leben selbst ist ein Fasten für die Rechtgeleiteten. Denn es besteht im Fernbleiben von verbotenen Lüsten. Wenn der Tod zu ihnen kommt, dann endet ihr Fasten. In diesem Augenblick finden sie den Neumond des Festtages.“

In Nachfolge der prophetischen Sunna

Es ist für alle Muslime empfehlenswert, die prophetischen Gewohnheiten (Sunnan) des Ramadan zu befolgen. So sollten sie versuchen, eine Mahlzeit vor Sonnendämmerung (Sahur) zu sich zu nehmen, egal wie klein sie auch sein mag, und sich gleichermaßen dabei beeilen, das Fasten so früh wie möglich zu brechen. Der Sinn dieser Zeit besteht auch in der Steigerung des Gehorsams.

Dies wird dadurch erreicht, dass wir gewissenhaft an den Regeln bezüglich des Fastens festhalten. „O ihr, die ihr Iman habt. Das ist euch vorgeschrieben, so wie es jenen vorgeschrieben wurde, die euch vorausgingen, damit ihr Taqwa haben möget.“ (Al-Baqara, 183)

Ebenso sollten wir uns gegenseitig dazu anhalten, gerade jetzt großzügig zu sein. Unser geliebter Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, war schon üblicherweise überragend großzügig. Im Ramadan war er sogar noch freigiebiger. Ibn ‘Abbas, möge Allah mit ihm zufrieden sein, überlieferte:

„Der Prophet war der großzügigste aller Menschen. Er war im Ramadan noch freigiebiger, wenn Jibril [der Erzengel Gabriel] ihn besuchte und mit ihm den Qur’an durchging. Jibril kam zu ihm in jeder Nacht des Ramadans und ging den Qur’an mit ihm durch. Während dieser Augenblicke war der Gesandte Allahs noch großzügiger als der ungehindert wehende Wind.“ (Al-Bukhari und Muslim)

Der Qur’an im Mittelpunkt

Wir sollten jeden ermutigen, den Qur’an mindestens einmal durchzulesen. Diejenigen, die die arabische Schrift beherrschen, sollten es auf Arabisch tun, selbst wenn sie dessen Bedeutung nicht voll verstehen. Auch sollten sie die jeweilige Übertragung der Bedeutungen in ihrer Muttersprache studieren.

Denen, welche die arabische Schrift nicht beherrschen, rate ich, trotzdem eine Übertragung studieren. Der Ramadan ist, neben vielen anderen Dingen, eine Feier des Qur’an. Wir sollten uns dieser Feier anschließen, indem wir während dieses gesegneten Monats häufig im Buch Allahs lesen.

Unsere Imame, Malik, Abu Hanifa, Asch-Schafi’i und andere, unterichteten während des Ramadans weder Hadithwissenschaften noch islamisches Recht (Fiqh). sondern widmeten sich ausschließlich dem Qur’an.

Allah sagt über Sein Majestätisches Buch: „Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur’an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung.“ (Al-Baqara, 185)

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Foto: quickshooting, Adobe Stock

Den inneren Frieden bewahren

Alle sollten ermutigt werden, sich im Ramadan vor dem Schaden zu hüten, den die Zunge anrichten kann. In seinem Hauptwerk „Ihya ‘Ulum Ad-Din“ (Wiederbelebung von den Wissenschaften des Dins) benennt Imam Al-Ghazali diese Gefahren wie folgt:

• Übermäßiges Reden,
• Sprechen über falsche Taten,
• Streit und Anfechtungen,
• Unnötige ausgeschmückte Rede,
• Beleidigende oder frivole Sprache,
• Erweckung des Fluchs von Allah gegen jemand anderen,
• Frivoler Gesang oder die Rezitation unmoralischer Dichtung,
• Übertriebene Späße,
• Sarkasmus und Entwürdigung,
• Weitergabe von Geheimnissen,
• Falsche Versprechen,
• Lügen und falsche Eide,
• Verleumdung und üble Nachrede,
• Die Verschlechterung der Beziehung der Menschen untereinander durch die eigene Rede,
• Das Lob von jemandem, der es entweder nicht verdient hat oder nicht in der Lage ist, bescheiden zu bleiben,
• Sprechen über Themen und Vorstellungen, bei denen man weder das notwendige Wissen hat oder die Sprachfähigkeit, die dafür notwendig wäre, und
• Rede von einfachen Leuten in Fragen, die die Domäne von Spezialisten sind.

Möge Allah uns vor diesen Schädigungen während und nach dem Ramadan bewahren. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Wer daran scheitert, die schädliche Rede zu lassen und dann nach ihr handelt, von dem verlangt Allah auch nicht, dass er das Essen und Trinken sein lässt.“ (Al-Bukhari)

Foto: hussein, Adobe Stock

Empfehlungen

Wir sind dazu aufgerufen, alle Streitigkeiten, Auseinandersetzungen und unnötigen Verstrickungen während dieses gesegneten Monates sein zu lassen. Dies ist die Zeit für tiefe Anbetung und Hinwendung zu Allah.

Es ist für uns empfehlenswert, getrennte Beziehungen oder Verwandtschaftsgrade wieder zu beleben, die vernachlässigt wurden. Dies ist eine Zeit, in der der sanfte Wind der Göttlichen Hilfestellung weht. Jede gute Sache, die wir im Ramadan angehen, wird – wenn Allah es will – ihre Früchte tragen.

Gleichfalls ist es nicht nur Tradition, sondern auch empfehlenswert, in dieser Zeit einfach und leicht zu essen. Man sollte die Absicht fassen, unnötige und allgemein ungesunde Nahrung nicht zu essen. Pizza, Eiscreme, Fast-Food, Gebäck, Fritiertes und Softdrinks sollten stehen bleiben.

In manchen Regionen der muslimischen Welt artet das eigentlich simple Mahl zum Fastenbrechen in ein Gelage aus, und in einigen Regionen haben sich sogar zwei warme Mahlzeiten vor dem Schlafengehen eingebürgert. So kommt es, dass nicht wenige Muslime im Ramadan sogar zunehmen, statt an Gewicht zu verlieren.

Wer es gewohnt ist, viel Fernsehen zu schauen oder kommerzielle Musik zu hören, ist gut beraten, diese Dinge im Ramadan aufzugeben. Sie lenken uns von der Erinnerung an Allah auf jeden Fall ab. Während dieser besonderen Zeit, wenn jeder Buchstabe des Majestätischen Qur’an, den wir rezitieren, belohnt wird, sollten wir uns damit beschäftigen, anstatt mit banalem Zeitvertreib.

Für Ehepaare ist es segensreich, sich gegenseitig an die spirituellen Elemente der Sunna im Ramadan zu erinnern, das heißt der Rezitation des Qur’an, der Teilnahme an Tarawih-Gebeten etc. Diejenigen, die gewohnt sind, im Ramadan extravagante Abendessen zu halten, sollten dies vermeiden, insbesondere wenn die Menschen in der Küche mit langen Stunden beschäftigt sind, anstatt ihre freiwillige Anbetung zu vollziehen.

Üblicherweise sind gerade die Frauen vom Kochen während des Fastens betroffen. Während es ohne Frage lobenswert ist, Gäste und andere mit Essen zu versorgen, damit diese ihr Fasten brechen können, so reichen Datteln, Wasser (oder auch Milch) und eine einfach zubereitete Mahlzeit aus.

Für jeden von uns zahlt es sich aus, an den freiwilligen Tarawih-Gebeten teilzunehmen. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Für den, der während der Nächte im Ramadan im Gebet steht, werden seine/ihre Sünde ausgelöscht.“ (Al-Bukhari und Muslim)

Das Gebet ist ein Symbol für unser Leben. Der Ramadan ist eine großartige Zeit, die Macht des Gebets wieder zu entdecken und unsere Widmung für unseren Herrn durch das Gebet wieder zu erneuern.

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Hintergrund: Über das Verhältnis westeuropäischer Staaten zu den Moscheen. Von Jonathan Laurence

Die Beziehungen zwischen Staat und Moscheegemeinden in Westeuropa ­haben sich in den letzten 15 Jahren erkennbar weiter entwickelt.
(CGNews). Etwas mehr als ein Prozent aller weltweiten Muslime, rund 1,5 Mil­liarde Menschen, leben in Westeuropa. Ungeachtet dessen hat diese Minderheit eine überproportionale Wirkung auf Religion und Politik in ­ihrer neuen Heimat. In nur 50 Jahren wuchs die muslimische Bevölkerung von einigen zehntausend auf 16 oder 17 Millionen in 2010 an – schätzungsweise jeder 25. Westeuropäer.
Auf der einen Seite wächst die Vorstellung unter einheimischen Europäern, dass dem Islam – der einstmals ungehin­dert im Nachkriegseuropa wachsen durfte – Einhalt geboten werden müsse. ­Diese Weltsicht fordert von den Europäern, dass sie aus ihrem Schlaf aufwachen und „Eurabien“ besiegen. Als Gegenentwurf zu diesem Narrativ gibt es die Meinung, wie sie von einigen muslimischen Vertre­tern vertreten wird, wonach die europä­ischen Regierungen grundsätzlich repres­siv und intolerant gegenüber Vielfalt eingestellt seien.
Beide Sichtweisen sind unangemessen und – was noch wichtiger ist – verpassen den breiteren Trend, der vor Ort abläuft.
Europäer und Muslime haben in den letzten zehn Jahren erfolgreich ­verhandelt und sich aneinander angepasst. Dies wurde durch verschiedene, entscheidende Momente bestätigt. In dem, was alltägli­che, aber trotzdem entscheidende Bereiche für religiöse Integration zu sein scheinen, sprechen muslimische Gemeinschaf­ten und europäische Regierungen miteinander und handeln gemeinsam. Dazu zählen Moscheebauten, die Ausbildung von Imamen und Seelsorgern, die Verfügbarkeit von Halal-Lebensmitteln und die Vergabe von Hadschvisen.
Vergleichen wir dies mit der ­Situation vor 10 oder 15 Jahren, als der Islam in der Innenpolitik bei europäischen Politi­kern und der Bürokratie im Wesentlichen unbekannt war. Insofern religiöse Fragen tangiert wurden, war dies die Zo­ne der Einwanderungsbehörden und der Diplomatie – nicht von Parlamenten und Innenministerien. Die Organisationen der islamischen Gemeinschaften in den [west-]europäischen Städten ­reflektierten diesen Zustand. Weit entfernt davon, organisch in ihrer lokalen, europäischen Kultur und Politik verwurzelt zu sein, waren sie immer noch von ausländischen Regierung und internationalen NGOs dominiert.
Mittlerweile erwächst eine neue Landschaft, in der muslimischen Verantwort­liche in steigendem Maße ihren Platz in Gesellschaft und den Institutionen ­ihrer Aufnahmeländer finden. Ein ­neuer poli­tischer Konsens – und die ­entsprechende Verwaltungspraxis – fasst Fuß. Dies reflektiert die sich ausbreitende, pragmatis­che Anerkennung der ununkehrbaren muslimischen Präsenz in [West-]Europa.
Die Periode zwischen der Mitte der 1990er und der Mitte der 2000er Jahre war eine Phase des größten Wachstums in der Beziehung zwischen dem Islam und den europäischen Staaten. Das eindrücklichste Beispiel einer europaweiten Bewegung hin zu einer Integration des Islam kam mit der Entwicklung nationa­ler Beratungsgremien. Vorbei waren die adhoc getroffenen Entscheidungen bezüglich jener Fragen, die sich muslimischen Gemeinschaften stellten. Vorbei sind die Arbeitsgruppen der vorangegan­genen Jahrzehnte, die zwischen den Ministerien gebildet wurden. Ersetzt wurden sie durch den Aufbau kooperativer Institutionen und Einrichtungen von Stellen zur Klärung der staatlichen Beziehungen mit den Moscheen.
Quer durch Europa war einer der Höhepunkte die institutionelle Anerkennung und Heimischwerdung des Islam die Form zentraler Gremien. Führungsgremien wie der Französische Rat für den Muslimischen Glauben, der Spanische Islamrat, Deutschlands Islamkonferenz und das italienische Islamkomitee ­halfen bei der Lösung praktischer Fragen zur religiösen Infrastruktur mit. Diese reichen von der Einrichtung von Plätzen für Imame und Seelsorgern in öffentlichen Institutionen über die Regulierung von Moscheen, der religiösen Bildung bis zu Halal-Lebensmitteln und Visen für die Hadsch.
Während diese neue Realität anhält, entsteht eine neue Ordnung der Gemein­schaftsführung und der Imame. Eine, die sich stärker mit lokalen Gesellschaften mischt und besser vertraut ist mit den pluralistischen Systemen der Beziehungen von Staat und Islam, den ­kulturellen Normen Europas sowie den einheimischen Sprachen. Dazu gehören Muslime mit unterschiedlichen Hintergründen, aber auch Nichtmuslime. Während muslimische Organisationen sich ihren Weg durch die Institutionen bahnen, die die Religionsausübung bestimmen, können Behörden die Chancen zu Beratungen nutzen, aber auch strukturelle Anreize für den interreligiösen Dialog und die Sicherheitspartnerschaft mit lokalen Vertre­tern bereitstellen.
Organisationen und Führungsgremien, die zuvor ausschließlich jenseits der europäischen Grenzen auf der Suche nach islamischer Autorität und Authentizität waren, gewinnen langsam an einheimischen, institutionellen Bezügen.
Es gibt immer noch viel Raum für Verbesserungen, innerhalb neuer Zonen der Vermittlung. Aber dazu wird es nur kommen, wenn die Zugewinne des letzten Jahrzehnts nicht dem übersteigerten Pessimismus einer negativen Erzählung über die Zukunft der europäischen Muslime geopfert werden. Soll dieser Prozess andauern, müssen beide „Seiten“ nach oben schauen und im Geiste erkennen, dass ihnen der Himmel nicht auf den Kopf fällt.
Jonathan Laurence ist Außerordentlicher ­Professor für Politikwissenschaften am ­Boston College und Gastdozent am Brookings Insti­tute. Sein jüngstes Buch heißt ­“The ­Eman­cipation of Europe’s Muslims“.