, ,

Armut und Angst in Dschenin

dschenin

Seit mehr als 70 Tagen dauert die israelische Militäroperation gegen das palästinensische Flüchtlingslager Dschenin. Ihre Auswirkungen belasten die Menschen in der Stadt, aber auch in umliegenden Dörfern.

(KNA). Ein Erdhügel versperrt die Einfahrtsstraße ins Flüchtlingslager Dschenin. Über den notdürftig verteilten Schotter schaukelt ein Krankenwagen. In der Luft liegt der Geruch von verbranntem Gummi. Im Lager selbst ist es still.

Nur der Wind zieht eine Gardine durch ein geöffnetes Fenster. Wie eine weiße Flagge der Kapitulation flattert sie inmitten kriegerischer Zerstörung. „Widerstand gibt es im Flüchtlingslager längst kaum noch“, sagt der lateinische Pfarrer von Dschenin, Amer Jubran.

Die Stille sei trügerisch, warnen die Einheimischen. Auf den Dächern vermuten sie Scharfschützen der israelischen Armee. In den über 70 Tagen seit Beginn der Operation „Eiserne Wand“ am 21. Januar sind mehr als 21.000 Menschen aus dem Camp und seiner Umgebung geflohen, „ein Viertel der Bevölkerung Dschenins“, sagt Bürgermeister Mohammed Jarrar.

Weite Teile der Infrastruktur und schätzungsweise 400 Häuser wurden bei israelischen Angriffen zerstört. Ähnlich sieht die Lage in Tulkarem und seinen Flüchtlingslagern aus. Die Vertreibung aus den Camps ist für Jarrar „nur der erste Schritt, um die Palästinenser aus ihrem Land zu vertreiben“.

Israel begründet sein hartes Vorgehen mit Terrorbekämpfung. Vor allem die Flüchtlingslager im Norden des besetzten Westjordanlandes gelten als Hochburgen militanter Palästinenser. „Die überwältigende Mehrheit der Menschen hat mit Gewalt nichts am Hut“, hält Jarrar dagegen.

Der Politiker beklagt die „Dehumanisierung der Menschen in Dschenin, wie in Gaza“, aber auch mangelnde Unterstützung aus Ramallah. Die dortige Palästinensische Behörde habe eine halbe Million Dollar zur Verfügung gestellt, ein Tropfen auf den heißen Stein, während seine Gemeinde kurz vor dem Zusammenbruch stehe.

Auch die Kirche versuche zu helfen, wo sie könne, sagt Pfarrer Jubran. Sie beschafft Lebensmittel und Medikamente, gibt finanzielle Unterstützung für Bildung oder dringende Krankenhausaufenthalte. Allerdings sei die Kirche selbst auf Spenden angewiesen, um geben zu können. Oft bleibt es so bei „Worten der Ermutigung und der Hoffnung“.

Es ist der letzte Tag des Fest des Fastenbrechens, arabisch Eid al-Fitr, mit dem Muslime das Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan feiern. Eigentlich, sagt Pfarrer Jubran, wären jetzt die Straßen voll, doch schon in den Tagen vor dem Feiertag sei es viel zu leer gewesen.

Die Flucht vieler Bewohner und Angst vor der israelischen Armee sind nur teilweise die Gründe. Vor allem fehle den Menschen das Geld. Seit dem 7. Oktober 2023, als der Terrorangriff der Hamas aus dem Gazastreifen auf den Süden Israels den Gazakrieg auslöste, haben es die Palästinenser in den besetzten Gebieten besonders schwer. „70 Prozent in Dschenin sind arbeitslos“, so Bürgermeister Jarrar.

Neben der allgemein schwierigen Wirtschaftslage in den palästinensischen Gebieten sind die Ursache dafür etwa entzogene Arbeitserlaubnisse für Israel und eine massiv eingeschränkte Bewegungsfreiheit und strenge Straßenkontrollen. „Jerusalem ist für uns unerreichbar, selbst die Fahrt nach Ramallah dauert mehrere Stunden“, so Amer Jubran.

Vieles, was der Mensch brauche, fehle in Dschenin, „ein ungesunder Zustand vor allem für Kinder“. Mit seinem Dienst will der Pfarrer vor allem die christliche Präsenz stärken. „Wir bleiben“, lautet seine trotzige Ermutigung vor allem an die junge Generation.

Schätzungsweise knapp 5.000 Christen leben im Gouvernement Dschenin, rund 85 Familien in Dschenin selbst, die anderen in umliegenden Dörfern. Unter ihnen hat Zebabdeh den bedeutendsten Christenanteil, wie der dortige anglikanische Diakon Saleem Kasabreh berichtet. Ihnen sei wichtig, zu helfen.

Etwa 3.000 Binnenvertriebe haben in Zebabdeh Zuflucht gefunden, nochmal so viele im benachbarten Telfit. Möglich ist dies, weil rund um die nahegelegene Amerikanische Universität viele Studierende wohnten – in friedlichen Zeiten. Seit dem Krieg hat die Uni auf Online umgestellt, stehen die Studentenwohnungen leer und werden nun neu vermietet.

„Wenn ich durch Zebabdeh gehe, sehe ich den Wandel der Bevölkerung: viele Muslime und viele Kinder“, sagt Kasabreh. Probleme im Zusammenleben gebe es nicht, vielmehr integrierten sich die Aufgenommenen gut in die religiöse Vielfalt des Ortes. „Viele sind neugierig und kommen zur Kirche, um den Ort und seine Geschichte kennenzulernen.“

Zu den unfreiwilligen Mietern in einem privaten Studentenwohnheim gehören Fida und Mustafa Dukkum mit ihren drei Kindern. Die Familie aus dem Dschenin-Camp teilt sich eine Einzimmerwohnung. Die einzige Waschmaschine für die Etage steht im Flur. Zehn Tage seien sie jetzt hier, nach Wochen, in denen sie außerhalb des Camps in Dschenin Zuflucht gesucht hatten.

„Die Lage ist sehr schwer“, sagt Fida, „aber verglichen mit vielen anderen geht es uns gut“. Ihre jüngste Tochter hat sie Salma genannt, von dem arabischen Wort „Salam“ – Frieden. In den 14 Monaten ihres Lebens hat Salma ihn noch nicht erlebt.

, ,

Libanon: Die zivilen Opferzahlen steigen weiter

libanon

Seit Beginn des israelischen Einmarsches in den Libanon ist eine Woche vergangen. Seitdem ist es zu schwerwiegenden Verlusten in der Zivilbevölkerung gekommen.

(IPS). Vor einer Woche drangen israelische Bodentruppen in den Libanon ein. Und in den letzten drei Wochen hat das Land einen massiven Anstieg der Attacken erlebt. Routinemäßige Bombardierungen führen zu erheblichen zivilen Opfern sowie zum Ausfall mehrerer kritischer Infrastrukturen. Die UN warnen davor, dass die Vertreibungen weiter zunehmen, da die Schutzräume ihre maximale Kapazität erreichen.

Libanon: Luftangriffe und Einmarsch von Bodentruppen

Am vergangenen Sonntag, dem 6. Oktober, flog die israelische Armee (IDF) über 30 Luftangriffe auf Beiruter Vororte. Am folgenden Tag ab die IDF bekannt, dass sie „innerhalb einer Stunde“ über 120 Angriffe auf Ziele der Hisbollah geflogen habe.

Laut dem humanitären Koordinator für den Libanon, Imran Riza, wurden im vergangenen Jahr über 2.000 libanesische Menschen getötet, darunter über 100 Kinder und 300 Frauen. Dies übersteigt die Zahl der Todesopfer des Libanonkrieges von 2006 und markiert eine der tödlichsten Perioden in der Geschichte des Landes. Durch regelmäßige Luftangriffe wurden Häuser dem Erdboden gleichgemacht, wovon über 1 Million Menschen betroffen waren, von denen die meisten mehrfach vertrieben wurden.

Angriffen beeinträchtigen Helfer und gefährden das Gesundheitssystem

Das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) schätzt, dass etwa 350.000 von ihnen Kinder sind. Die Interimstruppe der UN im Libanon (UNIFIL) hat für das Wochenende zahlreiche Schusswechsel und Luftangriffe gemeldet. Diese Angriffe haben die humanitären Helfer und das libanesische Gesundheitssystem stark belastet.

UNIFIL berichtet, dass ihr Personal für die Friedenssicherung in Bunkern Zuflucht suchen musste, um dem Beschuss durch die israelischen Streitkräfte zu entgehen. Darüber hinaus wurden im vergangenen Jahr 77 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angeschlossen sind, getötet.

Foto: OCHA

Am 4. Oktober meldeten drei Hospitäler, dass sie nach anhaltenden Bombardierungen nicht mehr einsatzfähig seien. Die Krankenhäuser forderten die WHO und die UNO auf, Patienten und Personal während einer Evakuierung zu schützen.

Sie informierten die offizielle libanesische Nachrichtenagentur darüber, dass „die anhaltenden Verbrechen gegen den medizinischen Sektor und die Notfallteams ein Ausmaß an Dreistigkeit erreicht haben, das gegen die UN-Charta und die Menschenrechte verstößt, insbesondere in Bezug auf das Recht auf medizinische Versorgung und Krankenhausaufenthalt für alle Menschen“.

Attacken aus der Luft beeinträchtigen Versorgung mit Wasser und Nahrung

Durch die anhaltenden Angriffe wurden über 25 Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsanlagen beschädigt. Ein UN-Vertreter gab an, dass über 300.000 libanesische Zivilisten von der Wasserknappheit betroffen sind. Die UN und ihre Partnerorganisationen verteilen sauberes Trinkwasser an Tausende von Menschen in Notunterkünften.

Hunderttausende Libanesen haben derzeit keinen Zugang zu Nahrungsmitteln, da die landwirtschaftlichen Erträge aufgrund von Zerstörungen und Sicherheitsbedenken erheblich zurückgegangen sind. Das Landwirtschaftsministerium und der Nationale Rat für wissenschaftliche Forschung berichten, dass etwa 4.500 Hektar Ackerland zerstört wurden, darunter 47.000 Olivenbäume. 340.000 Nutztiere wurden ebenfalls durch diesen Konflikt getötet.

Laut dem UN-Kinderhilfswerk (UNICEF) haben über 90 Prozent der Kinder tagsüber keinen Zugang zu warmen Mahlzeiten. Das Welternährungsprogramm berichtet, dass derzeit über 2,5 Mio. Personen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sind. Die NGO Action Against Hunger schätzt, dass bis Ende des Jahres voraussichtlich über 1,4 Mio. von einer erheblichen Lebensmittelunsicherheit beeinträchtigt sein werden.

, ,

Burkina Faso: Junta ist mit Massaker-Vorwürfen konfrontiert

burkina faso

Die Militärregierung im westafrikanischen Burkina Faso hat von Menschenrechtlern erhobene Vorwürfe eines Massakers durch die Armee mit mindestens 223 getöteten Zivilisten zurückgewiesen

Ouagadougou (dpa). Die Militärregierung im westafrikanischen Burkina Faso hat von Menschenrechtlern erhobene Vorwürfe eines Massakers durch die Armee mit mindestens 223 getöteten Zivilisten zurückgewiesen.

Der von der Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch (HRW) am Donnerstag veröffentlichte Bericht sei „erfunden“ und ziele darauf ab, „die Professionalität unserer tapferen Streitkräfte infrage zu stellen und das Ansehen Burkina Fasos zu untergraben“, teilte Regierungssprecher Rimtalba Jean Emmanuel Ouédraogo in einem am 28. April verbreiteten Schreiben mit. Ermittlungsverfahren liefen bereits zu den jüngsten Fällen ebenso wie zu früheren Vorwürfen von Tötungen von Zivilisten.

Massaker: schwere Vorwürfe von Menschenrechtlern

HRW hatte der burkinischen Armee vorgeworfen, die Zivilisten, darunter mindestens 56 Kinder, am 25. Februar in den Dörfern Nondin und Soro in der Provinz Yatenga zusammengetrieben und erschossen zu haben.

Es handele sich um eines der schlimmsten Verbrechen der Armee seit Beginn des Kampfs gegen islamistische Terrorgruppen 2015. Der Bericht stützt sich HRW zufolge auf 23 Interviews mit Augenzeugen und Überlebenden, Vertretern der örtlichen Zivilgesellschaft sowie Mitgliedern internationaler Organisationen.

Die Junta reagiert mit Repression

Als erste Reaktion hatte die Medienregulierungsbehörde des Landes am 26. April die Ausstrahlung des britischen Senders BBC und des US-amerikanischen Senders Voice of America, die in ihrem örtlichen Programm über die Vorwürfe berichtet hatten, für zwei Wochen ausgesetzt.

Außerdem wurde der Zugang zur Website von HRW im Land gesperrt. Der Regierungssprecher warf HRW vor, gemeinsam mit „medialen und imperialistischen“ Kräften „verhängnisvolle Ziele“ zu verfolgen.

Im Norden Burkina Fasos sind wie in den Nachbarstaaten Mali und dem Niger islamistische Gruppen aktiv, die den Terrormilizen Al-Kaida und Islamischer Staat die Treue geschworen haben. Die seit einem Putsch 2022 regierende Militärregierung in dem Sahel-Staat kontrolliert Schätzungen zufolge nur noch knapp die Hälfte des Staatsgebiets.

Nach Erhebungen der Konfliktdatenorganisation Acled wurden allein 2023 mehr als 8400 Menschen im Konflikt in Burkina Faso getötet, davon mindestens 2300 Zivilisten.

,

Sudan: Gewalt ist ein allgemeineres Symptom

Sudan

Sudan: Der Machtkampf zwischen Armee und RSF-Milizen steht für ein systemisches Problem der politischen Ordnung in Afrika. (The Conversation). Im Sudan ist es trotz ausgerufener Waffenruhe anlässlich der Ramadanfeiertage erneut […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, , ,

EU verurteilt Zerstörung palästinensischer Schule durch Israel

rüstung merz

Brüssel (KNA). Die EU hat die Zerstörung einer palästinensischen Grundschule durch israelisches Militär im besetzten Westjordanland verurteilt. Solche Zerstörungen seien völkerrechtlich illegal; das Recht von Kindern auf Bildung müsse respektiert werden, sagte der Sprecher des Europäischen Auswärtigen Dienstes, Peter Stano, am 2. Dezember in Brüssel. Demolierungen und Zwangsräumungen vermehrten nur das Leiden der Palästinenser und führten zu weiterer Eskalation.

Die israelische Armee hatte am Montag die erst vor kurzem gebaute und auch mit EU-Mitteln finanzierte Schule in Masafer Yatta südlich von Hebron zerstört. Die Aktion fand laut dem arabischen Sender Al Jazeera während des morgendlichen Unterrichts statt. Soldaten hätten Schockgranaten gegen die Kinder eingesetzt, hieß es.

EU-Sprecher Stano sprach von einer „inakzeptablen Entwicklung“. Er verwies auf die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Israels, der im Mai die gewaltsame Räumung mehrerer Dörfer im Gebiet Masafer Yatta für rechtens erklärte. Die 1.200 Bewohner lebten in einer zunehmend von Zwang und Einschüchterung geprägten Atmosphäre, so Stano; dazu zählten auch Bewegungsbeschränkungen für die Bevölkerung sowie Lehrer und humanitäre Helfer.

Bewusste Entscheidung für Gewaltverzicht: Interview mit Saeed Amireh über den Versuch der Bauern von Ni’lin, Ungerechtigkeit anders zu beenden

(iz). Der 23-jährige Saeed Amireh ist einer der führenden Vertreter des gewaltfreien Widerstands in Ni’lin, Palästina. Mit ihm sprachen wir über die Lage in seiner Heimat, über Repression und Leid […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

Hintergrund: Beten für den Frieden, kämpfen für die Freiheit

(iz). Die Tragödie des Fluges MH17, die das Leben von 298 Unschuldigen forderte, eröffnete ein neues, grausames Kapitel im ukrainischen Konflikt. Die letzten Sanktionen gegen Russland, die von der EU […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

Bundeswehr betreibt die Einbindung von Muslimen

Berlin/Koblenz (GFP.com). Die Bundeswehr forciert die Rekrutierung junger Muslime. Integraler Bestandteil der dazu in Gang gesetzten Propagandamaßnahmen ist es, die deutschen Streitkräfte als „bunte Truppe“ darzustellen, die rigoros gegen jede Form von Rassismus und Diskriminierung vorgeht. In einem offiziellen „Arbeitspapier“ der Bundeswehr findet sich zudem der „Hinweis an Vorgesetzte“, mit den Angehörigen islamischer Religionsgemeinschaften „angemessen“ umzugehen und etwa von ihnen vorgebrachte Wünsche nach Gebetsräumen soweit wie möglich zu erfüllen. Verwiesen wird hier auch darauf, dass ein muslimischer Soldat, der entgegen den militärischen Dienstvorschriften einen „längeren Bart“ trägt, „zu einem akzeptierten Gesprächspartner in Afghanistan werden kann“. Bereits seit längerem setzen die deutschen Streitkräfte Muslime als „Sprachmittler“ im Rahmen von Kriegsoperationen ein – am Hindukusch unter anderem bei der für Propaganda und Spionage zuständigen „Truppe für Operative Information“. Damit einher gehen Bemühungen der militärischen Führung, für die seelsorgerische Betreuung muslimischer Armeeangehöriger islamische Feldgeistliche, sogenannte Militärimame, in Dienst zu stellen.

Mit Allah im Flecktarn
Aktuelle Publikationen der Bundeswehr lassen den klaren Willen erkennen, verstärkt junge Muslime zu rekrutieren. So berichtet das Militärmagazin „Y“ unter der Überschrift „Mit Allah im Flecktarn“ über den Alltag des 21-jährigen Hauptgefreiten Usama Pervaiz, der im Unterstützungsbataillon des Kommandos „Operative Führung Eingreifkräfte“ freiwillig Wehrdienst leistet. Der Sohn pakistanischer Eltern ist voll des Lobes über die deutschen Streitkräfte. Während seine deutschstämmigen Kameraden „neugierig“ auf seine Kultur seien, komme die Bundeswehr seinen religiösen Vorstellungen weitgehend entgegen, erklärt Pervaiz: „Das Essen der Truppenverpflegung ist hier leider nur ansatzweise an muslimische Bedürfnisse angepasst. (…) Das ist aber kein großes Problem. Ich bin von der Teilnahme an der Gemeinschaftsverpflegung befreit und bekomme das Geld dafür ausgezahlt.“

Freitagsgebet im Einsatz
Auch auf den Webseiten der Bundeswehr, die für eine Karriere bei der deutschen Armee werben, finden sich entsprechende Beiträge. Berichtet wird hier über muslimische Militärangehörige, die als Besatzungssoldaten in der serbischen Provinz Kosovo eingesetzt sind. Geradezu überschwänglich bedanken sie sich für die Möglichkeit zum Besuch eines islamischen Gotteshauses: „Im Einsatz, im Kosovo, zum Freitagsgebet in die Moschee zu dürfen, ist besonders schön.“ Organisiert wurde der Moscheebesuch vom katholischen Feldgeistlichen der Truppe, der mit folgenden Worten zitiert wird: „Als Seelsorger fühle ich mich auch für die muslimischen Soldaten in der Bundeswehr mitverantwortlich, und wenn es möglich ist, versuche ich sie in ihrer Glaubensauslebung in allen Belangen zu unterstützen.“ Dass die Muslime im Sold der deutschen Streitkräfte in Uniform an islamischen Gottesdiensten teilnähmen, störe im Kosovo „niemanden“, heißt es abschließend.[3]

Antirassismus à la Bundeswehr
Parallel dazu ließ der von migrantischen Bundeswehrangehörigen gegründete Verein „Deutscher Soldat“ jüngst mehrfach öffentlich verlauten, Rassismus sei „nicht symptomatisch“ für die deutschen Streitkräfte: „Im Gegenteil: Er ist dort weniger verbreitet als in der Gesellschaft insgesamt.“ Zwar bestünden insbesondere bei muslimischen Gemeinden „noch viele Vorurteile“ über die Truppe, jedoch habe sich diese mittlerweile „gewandelt“: „Sie ist heute bunt.“ Anlass der Statements war ein von Bundeswehrsoldaten verübter rassistischer Angriff: Am 15. Februar hatten vier Unteroffiziere auf dem im Libanon stationierten Schnellboot „Hermelin“ ihren asiatischstämmigen Vorgesetzten misshandelt und als „Mongo“ bezeichnet.

Militär als Integrationsinstanz
Das für die politisch-weltanschauliche Schulung der Truppe verantwortliche „Zentrum Innere Führung“ der Bundeswehr hat unterdessen sein „Arbeitspapier“ zum Umgang mit den deutschen Soldaten „muslimischen Glaubens“ neu aufgelegt. Das Militär wird hier als „wesentlicher Ort“ bezeichnet, „an dem die Integration muslimischer Staatsbürger gefordert und gefördert wird“ – verbunden mit entsprechenden „Hinweise(n) für die Vorgesetzten“. Diese werden explizit aufgefordert, sich ihren Untergebenen gegenüber „angemessen“ zu verhalten und gegebenenfalls auch „Freiräume“ für „Einzelfallentscheidungen“ zu nutzen. So liege es etwa „im klugen Ermessen eines Vorgesetzten, ob er einem Soldaten oder einer Soldatin mit Blick auf einen muslimischen Feiertag Erholungsurlaub oder Dienstausgleich gewährt“. Auch dürfte es „in der Praxis“ nur „geringere Schwierigkeiten“ bereiten, muslimischen Militärs den Wunsch nach einem Gebetsraum zu erfüllen, heißt es. Selbst der geltende „Bart- und Haarerlass“, dem zufolge Bärte und Koteletten „kurz geschnitten“ sein müssen, wird von den Autoren des „Arbeitspapiers“ in Bezug auf Muslime relativiert: „Es sind durchaus Situationen denkbar, in denen ein deutscher Soldat mit einem längeren Bart zu einem akzeptierten Gesprächspartner in Afghanistan werden kann.“ Die zuletzt genannte Aussage verweist auf die Funktion, die Muslime aufgrund der ihnen zugesprochenen „interkulturellen Kompetenz“ im Rahmen der Kriegsoperationen der Bundeswehr wahrnehmen: Insbesondere am Hindukusch werden sie als sogenannte Sprachmittler für den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung eingesetzt. Dabei arbeiten sie entweder für den jeweiligen Kommandeur des deutschen ISAF-Kontingents oder für die auf Propaganda- und Spionagetätigkeiten spezialisierte „Truppe für Operative Information“ (german-foreign-policy.com berichtete ).

Militärimame
Mit der von Seiten der Bundeswehr offensiv verfolgten Strategie der „Integration“ von Muslimen korrespondiert die erklärte Absicht, islamische Feldgeistliche, so genannte Militärimame, in Dienst zu stellen. Presseberichten zufolge sind sowohl der Leiter der „Zentralen Koordinierungsstelle Interkulturelle Kompetenz“ am „Zentrum Innere Führung“, Oberstleutnant Uwe Ulrich, als auch der Pastoralreferent des Katholischen Militärpfarramtes, Thomas R. Elßner, „von der Notwendigkeit der Beschäftigung eines Militärimams auf die gleiche Weise überzeugt“. Beide forderten erst unlängst die muslimischen Dachverbände in Deutschland auf, hierzu Stellung zu nehmen: „Diese Organisationen müssen festlegen, von wem und auf welche Weise die religiösen Dienstleistungen im Militär angeboten werden.“

Die Lage ist schwierig und entzieht sich dem Schwarz-Weiß-Denken. Von Abu Bakr Rieger

(iz). Es ist der Beginn einer literarischen Karriere. Schiller schreibt die „Räuber“ und kehrt dabei geläufige moralische Bilder um. Die Guten sind auch böse, die Bösen auch gut. Die Lehre aus dem Meisterwerk, das in seiner Zeit einen Skandal auslöst, fällt mit dem Beginn einer neuen Epoche zusammen. Sie entzieht sich dem alten Schwarzweiß-Denken und öffnet neue, größere Entscheidungsräume. Es wird schwerer, sich eindeutig auf der Weltbühne zu positionieren. In jedem Moment offenbart sich eine neue Wirklichkeit, die man immer neu und mit höheren Maßstäben beurteilen muss; fixe Ideologie und feste Parteiungen trüben dagegen eher den Blick. Schiller schult auf seiner Bühne den Blick auf das Geschehen, ohne schnelle und eindeutige Lösungen der absoluten Wahrheitsfindung anbieten zu können.

Der Konflikt in Mali, der heute unsere Aufmerksamkeit beansprucht, entzieht sich ebenfalls einer einfachen Einordnung. Die Schwierigkeiten der Sichtung beginnen schon bei den aktiven Konfliktparteien: sind es Staaten oder Unternehmen, Muslime, Terroristen oder Nationalisten? Wer wird von wem benutzt? Die Räuber sind eine bunte Truppe geworden, deren Uniformen, soweit sie welche tragen, im Wüstenstaub Malis nur schwer zu erkennen sind. Auf Seiten der Rebellen kämpfen Tuareg-Nationalisten, einige salafitisch angehauchte Gruppen, Kriminelle und vermutlich auch der eine oder andere „Agent provocateur“. Natürlich darf man auch spekulieren, wer den Rebellen die üppige Ausrüstung zur Verfügung gestellt hat.

Was wissen wir wirklich? Seit 1961 hat Frankreich dutzende Male in Afrika interveniert. Dabei ging es zweifellos um den Schutz dubioser Diktatoren, um Rohstoffe und um imperiale Ziele. In diesen Staaten bildeten sich diverse, teilweise bewaffnete Gegenbewegungen, die mit nationalistischen, islamischen oder kommerziellen Motiven gegen die Herrschaft mobil machte. Mangels entsprechender Ausbildung und Bildung überhaupt, vermischten sich auch die genannten Motivationen der Gegner der offiziellen Staaten, zu einem undurchsichtigen und zugleich explosiven Gemisch.

Es ist beinahe eine Binsenweisheit: In Afrika sind nicht nur Staaten am Ball. Es geht hier weniger um die klassische Verteidigung von Grenzen als um die Sicherung von „Claims“. Viele Konzerne aus der Rohstoffbranche unterhalten Söldner und eigene private Sicherheitsstrukturen. Bis zum heutigen Tag sind „marodierende“ Unternehmen, wie sie Arundhati Roy nennt, an zahlreichen Konflikten in Afrika beteiligt. Es ist kein Geheimnis, dass große Teile der französischen Uranversorgung aus dem Niger, dem Nachbarland Malis, kommen. Wer die Bedeutung der Atomenergie für Frankreich kennt, dem ist klar, dass ein europafeindliches Regime in Mali und die Destabilisierung einer ganzen Region kaum im Interesse der „Grande Nation“ sein dürfte.

Kriege werden also längst nicht mehr nur im geopolitischen Interesse von Staaten geführt, sondern sie werden auch zum Vorteil von börsennotierten Unternehmungen organisiert. Das sind die alten Sensationen aus Afrika, die, ob es gefällt oder nicht, aus der Realität des Kontinents nicht wegzudenken sind. Längst gefährden die ökonomischen Interessen der USA, Europas und Chinas den Frieden und den bescheidenen Fortschritt des ganzen Kontinents.

Der Kampf in Mali mag nun der Einfachheit halber ebenfalls in die Kategorie der Rohstoffkriege abgelegt werden, wäre da nicht das Phänomen, das eine souveräne Position hin und wieder auszeichnet: das Erkennen von Ausnahmen.

Die Horden – so genannter – „Islamisten“ in der Region sind tatsächlich nicht nur ein lokales Ärgernis, das eventuell die französische Energieversorgung gefährden könnte, sondern sie stellen auch aus anderen Gründen eine schwerwiegende Gefahr dar. Die Frage ist nur: eine Gefahr für was oder wen?

Markus Kaim von der Berliner Stiftung und Wissenschaft hält in einer Analyse des westlichen  „Konfliktmanagements“ (was für ein Begriff!) den Ball zunächst eher flach: eine Bedrohung Europas und Deutschlands durch Terroristen aus Mali sei eher unwahrscheinlich. Das mögliche Engagement der Bundeswehr, so der anerkannte Berliner Think Tank, sei in dem Konflikt militärisch kaum von großer Bedeutung. Aber, so die Analyse weiter, Europa müsse auf Dauer mehr Engagement im weiteren Mittelmeerraum zeigen, da sich die USA nicht weiter in militärische Auseinandersetzungen am Boden beteiligen wolle. Der deutsche Verteidigungsminister de Maiziere bereitet schon länger die deutsche Öffentlichkeit auf neue Auslandseinsätze vor. Der Minister ist der Überzeugung, dass es für Deutschland schwieriger werden wird, sich aus dieser Art Konflikte, zumal in der Nähe der Außengrenzen der Europäischen Union, auf Dauer herauszuhalten.

Aber, die Eroberung, oder wohl eher nur die Destabilisierung einer Region in Afrika durch eine radikale Extremistengruppe ist natürlich auch für Berlin ein Problem, ein Ärgernis eben, dass aber nicht nur die Sicherheitsinteressen Europas, sondern durchaus auch die Interessen der Muslime in aller Welt betrifft. Wieder einmal könnte die absolute Mehrheit der Muslime, hilflos dem Treiben einer Kleingruppe, die im Namen des Islam handelt, ausgesetzt sein. Der traditionelle Islam befindet sich schon in großen Teilen Afrikas in Bedrängnis. In Mali schaffen zudem zahlreiche sektiererische Gruppen eine schwer überschaubare Lage. Sie sind auch in Drogenhandel und Menschenhandel verstrickt und könnten das Land auf Dauer unregierbar machen. Auf qantara.de spricht der Führer von Ansar Dine (nicht zu verwechseln mit einer ähnlich benannten Terrorgruppe), Ousmane Haidara, einer sufischen Gruppierung mit immerhin 2 Millionen Mitgliedern in Mali, Klartext: „In Mali geht es nicht um die Scharia, sondern um Banditentum“.

Neben der realen Möglichkeit der Entstehung eines Rückzugsgebietes für Terroristen, bringt die (angebliche) Anwendung des islamischen Rechts, durch ungebildete Horden in der Region, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, wunderbare Assoziationsmöglichkeiten für all diejenigen, denen es in Wirklichkeit darum geht, den Islam zu schädigen. Begriffe und Schlagworte wie „Scharia“ oder „islamischer Terrorismus“ stehen bei bestimmten Medien wieder hoch im Kurs. Natürlich sind einige tausend Rebellen und ihre dubiosen Gruppierungen mitsamt ihrer zynischen Glaubensausübung im Weltmaßstab von über einer Milliarde Muslime völlig isoliert.

Die ignoranten Zerstörungen in Timbuktu, einem Welterbe islamischer Kultur, sprachen bereits Bände über den verwirrten ideologischen Kern der Bewegung. Die Rebellen sollen unter Anderem die Bibliothek der berühmten Stadt beschädigt und zahlreiche Bücher, statt sie zu studieren, verbrannt haben. Die Generalsekretärin der UNESCO hatte sich bereits letzten Jahres zu Recht über diese Taten öffentlich empört.

Für muslimische Beobachter ist aber völlig klar: Wer die isoliert agierenden Rebellen und Gruppen in den Rang einer „offiziellen“ muslimischen Bewegung befördern will, dem geht es in Wirklichkeit um eine Kampagne gegen den Islam.  Durchsichtig sind zum Beispiel die Versuche der rechtsextremen Front National in Frankreich, zu behaupten, die Rebellen würden von den Golfemiraten finanziell unterstützt. Hier bastelt die europäische Rechte am Mythos reicher Araber, die den Untergang französischer Soldaten befördern wollen. Für die französischen Rassisten passt das perfekt in ihre Agitation gegen die in Frankreich lebenden Afrikaner aus der Sahelzone.

Wer ein wenig nachdenkt und über ein bisschen Geschichtsverständnis verfügt, wird diese Kampagnen schnell durchschauen. Über Jahrhunderte waren islamische Gelehrte in Afrika nicht nur durch eine umfassende Bildung, sondern auch durch Nachsicht, Vorsicht und Rücksicht gekennzeichnet. In Afrika stammte kein  unerheblicher Teil ihres Wissens aus der berühmten Bibliothek in Timbuktu. Sie verkörperten – charakterlich ausgezeichnet – als ehrwürdige Persönlichkeiten das Recht. Die radikale Umsetzung einer lebensfernen, ideologischen Systematik war ihnen so fern, wie die tägliche Reflexion über das tiefere Wesen der Gerechtigkeit ihnen nah war. Besonders widerlich sind insofern die Fälle der Anwendung von „Hudud-Strafen“ durch Schnellgerichte der Rebellen in dem Land.  Die verzweifelten Armen Afrikas sind in dieser Zeit weder das Problem, noch können sie – ohne in den Zynismus zu verfallen – ernsthaft Gegenstand von irgendeiner strafrechtlichen Maßnahme sein.

Was tun also in Mali? Natürlich könnte man die ganze Region einfach ihrem Schicksal überlassen, nur, wäre dies die Lösung? Wer kann, außer den Franzosen, dem schauerlichen Treiben dieser Gruppen Einhalt gebieten? Soll man sie einfach gewähren lassen, mit welchen Folgen? Man muss – auch als Muslim – also vorsichtig sein mit einer vorschnellen Verurteilung der Franzosen; wenn auch mit einem wachsamen Auge, das beurteilt, ob die Militärführung im Umgang mit der muslimischen Zivilbevölkerung die nötige Vernunft walten lässt. Durch die Einbeziehung der Tuareg in Friedensgespräche könnte Frankreich zudem klarstellen, dass es der Militärführung nicht nur um die Sicherung von Rohstoffen und die Etablierung einer „Marionettenregierung“ geht. Es ist sicher auch kein Nachteil, wenn verantwortliche Kommandeure der Bundeswehr die Lage beobachten und insbesondere ein Auge auf die brutalen, offiziellen malischen Regierungstruppen werfen. Ein Überlassen der Angelegenheit an die afrikanischen Truppen der Nachbarländer wäre – wie die neuerlichen Übergriffe der offiziellen Truppen Malis wieder einmal zeigen – wahrscheinlich zum größeren Nachteil der Zivilbevölkerung und nur eine weitere Einladung zur Barbarei.

Kommentar: In den Konflikten Afrikas sind längst nicht nur Staaten beteiligt

(iz). Es ist der Beginn einer literarischen Karriere. Schiller schreibt die „Räuber“ und kehrt dabei geläufige moralische Bilder um. Die Guten sind auch böse, die Bösen auch gut. Die Lehre aus dem Meisterwerk, das in seiner Zeit einen Skandal auslöst, fällt mit dem Beginn einer neuen Epoche zusammen. Sie entzieht sich dem alten Schwarz-Weiß. In jedem Moment offenbart sich eine neue Wirklichkeit, die man immer neu und mit höheren Maßstäben beurteilen muss; fixe Ideologie und feste Parteiungen trüben dagegen den Blick.

Seit 1961 hat Frankreich Dutzende Male in Afrika interveniert. Dabei ging es um den Schutz dubioser Diktatoren, um Rohstoffe und um imperiale Ziele. Bis zum heutigen Tag sind marodierende Unternehmen ebenfalls an den Konflikten beteiligt. Der Krieg ist längst nicht mehr nur die Sache von Staaten, sondern wird auch zum Vorteil von börsennotierten Unternehmungen organisiert.

Der Kampf in Mali mag man nun der Einfachheit halber ebenfalls in diese Kategorie der widerwärtigen Rohstoffkriege einordnen, wäre da nicht das Phänomen, dass eine souveräne Position auszeichnet: das Erkennen der Ausnahme.

Die Horden so genannter „Islamisten“ in der Region sind tatsächlich nicht nur ein Ärgernis, sondern eine schwerwiegende Gefahr. Die ignoranten Zerstörungen in Timbuktu sprachen bereits Bände über den ideologischen Kern der Bewegung. Die kalte Umsetzung von Normen durch eine Heerschar relativ ungebildeter Raufbolde beschädigt nicht nur das Bild des Islam in der Welt, sondern birgt tatsächlich die Gefahr, dass in der Region ein bedrohliches Rückzugsgebiet für Terroristen entstehen könnte. Ein weiterer Alptraum wäre natürlich der anschließende Export des Terrors nach Europa. Es muss gleichzeitig nüchtern untersucht werden, welche Staaten, Firmen oder Parteien die Rebellen logistisch unterstützen.

Klar ist auch: Wer die isoliert agierten Rebellen und Gruppen in den Rand einer offiziellen muslimischen Bewegung befördern will, dem geht es in Wirklichkeit um eine Kampagne gegen den Islam. Die Fakten dagegen sprechen für sich. Über Jahrhunderte waren islamische Gelehrte nicht nur durch eine umfassende Bildung, sondern auch durch Nachsicht, Vorsicht und Rücksicht gekennzeichnet. Sie verkörperten – charakterlich ausgezeichnet – als ehrwürdige Persönlichkeiten das Recht. Die radikale Umsetzung einer ideologischen Systematik war ihnen so fern, wie die tägliche Reflexion über das tiefere Wesen der Gerechtigkeit ihnen nah war. Die verzweifelten Armen Afrikas sind in dieser Zeit weder das Problem, noch können sie – ohne in den Zynismus zu verfallen – ernsthaft Gegenstand von strafrechtlichen Maßnahmen sein.

Man muss – auch als Muslim – also vorsichtig sein mit einer vorschnellen Verurteilung der Franzosen; wenn auch mit einem wachsamen Auge, dass beurteilt, ob die Militärführung im Umgang mit der muslimischen Zivilbevölkerung die nötige Vernunft walten lässt. Durch die Einbeziehung der Tuareg könnte Frankreich klarstellen, dass es der Militärführung nicht nur um die Sicherung von Rohstoffen geht. Es ist auch kein Nachteil, wenn verantwortliche Kommandeure der Bundeswehr die Lage beobachten.

Ein Überlassen der Angelegenheit allein den afrikanischen Truppen wäre – wie viele Beispiele der afrikanischen Wirklichkeit zeigen – nicht unwahrscheinlich nur zum Nachteil der Zivilbevölkerung eine Einladung zur Barbarei.