, , ,

Viel Geld – viel Krieg?

geld krieg

Über die Moral der Geldproduktion in Zeiten des Golfkonflikts und der Kriegführung. Wer profitiert am Ende?

(iz).In Kriegszeiten bekommt Geld ein anderes Gewicht. Es ist nicht mehr nur das neutrale Schmiermittel der Märkte, sondern ein Hilfsmittel für die unsichtbare Logistik der Gewalt. Wenn am Golf Raketen starten, schnellen an den Bildschirmen nicht nur Ölpreise und Inflationsprognosen nach oben, sondern auch die Kurse von Verteidigungsaktien, Energieunternehmen und Finanzderivaten.

Und irgendwo, zwischen Washington, Brüssel und den Ölstaaten, wird darüber spekuliert, wie lange der Konflikt dauert, welche Sanktionen folgen – und welche Regierung welchen Kurs „spielen“ wird.

Seit Donald Trump wieder im Weißen Haus sitzt, hat sich die Aufmerksamkeit für den Zusammenhang von Geopolitik und Börse nochmals verschärft. Jede Ankündigung, jede Drohung gegenüber Iran wird nicht nur in den Außenministerien, sondern auch in Handelsräumen antizipiert.

Die Frage, ob eine Regierung ihre eigene Außenpolitik über Märkte mitinszeniert – bewusst oder unbewusst –, wird damit Teil jener „Ethik der Geldproduktion“, die Guido Hülsmann beschreibt: Wer über Geld und Kredit verfügt, verfügt auch über Hebel, aus denen andere Spekulationschancen oder Risiken machen.

Schuldenbremse

Photo: DestinaDesign, Shutterstock

Wer darf Geld machen – und zu wessen Vorteil?

Hülsmann, ein deutschsprachiger Ökonom in der Tradition der Österreichischen Schule, verlegt den Streit um Geld weg von der Zinsfrage hin zum Rechtsrahmen. Ihn interessiert weniger, ob der Leitzins 3 oder 4 Prozent betragen sollte, als wer überhaupt das Privileg erhält, Geld zu schaffen, und welche rechtlichen Asymmetrien dieses Privileg absichern.

In seiner Lesart ist das heutige Zentralbanksystem keine neutrale Infrastruktur, sondern ein Geflecht von Sonderrechten: Monopol- oder QuasiMonopolpositionen, privilegierte Schnittstellen zum Staat, Rettungsfunktionen für Banken in einer Ordnung, deren Risikostruktur dadurch tiefgreifend verändert wird.

Der moralische Kern seiner Diagnose lautet: Inflation – insbesondere in fiat-basierten Systemen – ist eine institutionalisierte Umverteilung. Früh-Empfänger neu geschaffenen Geldes – Staat, Banken, große Finanzakteure – profitieren, weil sie zusätzliche Kaufkraft nutzen, bevor sich das allgemeine Preisniveau angepasst hat.

Spät-Empfänger, Lohnabhängige und Sparer tragen die Last, indem ihre nominalen Ansprüche real entwertet werden. Hinter der scheinbar technokratischen Kurve der Geldmenge verbirgt sich so eine unbequeme Frage: Wer gewinnt, wer verliert – und wer hat diese Ordnung legitimiert?

Foto: DoD/Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

Der Golfkonflikt als Labor für Kriegsfinanzierung und Spekulation

Seit Anfang 2026 berichten Agenturen von der offenen Eskalation zwischen Iran und Israel, von Angriffen auf Ziele in und um Teheran, von Störungen von Transportwegen und den Risiken neuer Energiepreisschocks. Kriege sind, so nüchtern es klingt, Finanzierungsschocks. Sie erzwingen gewaltige zusätzliche Staatsausgaben und erzeugen gleichzeitig Preisrisiken an den Energie und Finanzmärkten.

Im Hintergrund verlaufen zwei Prozesse, die sich heute enger verschränken als früher: die klassische Kriegsfinanzierung – über Steuern, Schulden und monetäre Akkommodation – und die Finanzialisierung der Außenpolitik. Wenn eine US-Regierung über Sanktionen, Flottenbewegungen oder Waffenlieferungen entscheidet, verschiebt sie zugleich Erwartungen an den Märkten.

Öl-Terminkontrakte, Rüstungswerte und Währungen werden zum Ausdruck von Spekulation. In dem Maß, in dem die Trump-Administration Konflikte rhetorisch zuspitzt oder beruhigt, entstehen kurzfristige Kursbewegungen, aus denen sich Gewinne und Verluste ziehen lassen – legal, halblegal oder jenseits der Grenze.

Hülsmanns Blick auf Geldproduktion als moralisches Institutionenproblem erlaubt, diese Konstellation nicht nur als „Informationsasymmetrie“ zu lesen, sondern als Test für die Integrität der Ordnung.

Wenn Regierungen – sei es in Washington oder Teheran – fiskalische Löcher über Zentralbanknähe finanzieren und zugleich durch ihre Politik Märkte in Bewegung setzen, verschränken sich Staatsfinanzierung, Geldordnung und Spekulation. Die Frage lautet dann nicht nur: Wer zahlt den Krieg? Sondern auch: Wer verdient an seinen Ankündigungen?

US Mittel streichungen Hunger

Foto: The White House

Spekulation auf Krieg: Zwischen Insiderwissen und strukturellem Vorteil

Die Diskussion um Insiderhandel in Zentralbanken hat bereits gezeigt, wie eng geldpolitische Entscheidungen und Finanzmärkte verknüpft sind: Wer vorab weiß, wie ein Zinsentscheid ausfällt oder welche Formulierung in einem Statement steht, kann auf Anleihe, Aktien oder Devisenmärkten profitieren.

Übertragen auf den Golfkonflikt stellt sich eine parallele Frage: Was bedeutet es für die Moral der Geldordnung, wenn außen und sicherheitspolitische Entscheidungen vorhersehbare Kursmuster erzeugen – und Teile der politischen oder ökonomischen Elite darüber besser informiert sind als der Rest?

Hier geht es weniger um spektakuläre Verschwörungstheorien – „die Regierung führt Krieg, um Börsenfreunden Gewinne zu verschaffen“ – als um eine strukturelle Asymmetrie: In einem System, in dem wenige Akteure zugleich Zugang zu Informationen, Einfluss auf Politik und Nähe zur Geldproduktion haben, vervielfachen sich die Chancen, geopolitische Spannungen in Finanzgewinne zu übersetzen.

Ob einzelne Mitglieder der Trump-Administration, verbündete Fonds oder staatsnahe Akteure in anderen Ländern solche Chancen nutzen, ist empirisch schwer zu zeigen. Moralisch relevant bleibt die Frage dennoch: Wie viele Grauzonen lässt eine Ordnung zu, in der Kriegssignale und Kursbewegungen so dicht beieinanderliegen?

Hülsmanns Diagnose, wonach Zentralbanken Träger und Verteiler rechtlicher Sonderrechte sind, lässt sich hier erweitern: Auch Regierungen, die über Sanktionen, Militäreinsätze und Narrative entscheiden, sitzen an Hebeln, die Marktpreise bewegen – und damit Verteilungseffekte erzeugen.

Die Ethik der Geldproduktion verschmilzt mit der Ethik der Außenpolitik: Beide entscheiden darüber, wer Gewinne und Verluste aus den Spannungen am Golf zieht.

Die Formel „viel Geld – viel Krieg“ hat einen gewissen Reiz. Sie verspricht ein klares Rezept: Drehen wir den Geldhahn zu, und die Kanonen schweigen. Doch gerade hier droht durch eine simple Gleichung eine moralische Verkürzung. Über die Faktenlage streiten die Wissenschaftler seit Jahrzehnten.

Historisch lassen sich Kriege nicht auf Geldmengen zurückführen; sie sind Entscheidungen politischer Akteure, die ihre Finanzierung dann über ein Bündel von Instrumenten organisieren – Steuern, Schulden und monetäre Akkommodation.

Was sich belastbarer sagen lässt, ist nüchterner: Große Kriege erzeugen Finanzierungsdruck, und Staaten reagieren typischerweise mit einem Mix aus Steuern, Verschuldung und monetärer Maßnahmen. Die Gleichung lautet daher weniger „viel Geld = viel Krieg“ als „Krieg = Druck auf die Geldordnung“ – und die Moralfrage lautet: Wer trägt diesen Druck und wer profitiert davon?

Goldstandard: Rückkehr zur Tugend?

Vor diesem Hintergrund wirkt der Ruf nach dem Goldstandard wie eine moralische Gegenofferte: Zurück zur Härte, zurück zur Disziplin, zurück zu einer Ordnung, in der Politik sich ihre Kriege nicht mehr so leicht über die Notenpresse leisten kann. Es erscheint als metaphysischer Anker einer aus den Fugen geratenen Geldwelt – als externer Richter, der „Nein“ sagt, wo Regierungen „Mehr“ rufen.

Doch die Geschichte verweigert auch hier die einfache Erlösungserzählung. Ein Goldstandard ist nicht per se deflationär, aber er erhöht die Wahrscheinlichkeit deflationärer Phasen, wenn reale Produktion schneller wächst als die Goldbasis und Kredit oder Umlaufgeschwindigkeit dies nicht kompensieren. Vor dem Ersten Weltkrieg fielen Preisniveaus in vielen Ländern ebenso oft, wie sie stiegen, ohne dass dies zwangsläufig Depression bedeutete.

zakat

Foto: Dreamstime

Deflation konnte Ausdruck von Produktivitätsfortschritt sein. In der Zwischenkriegszeit hingegen wurde Deflation unter den Zwängen des Goldstandards zum Brandbeschleuniger von Bankenpaniken und realwirtschaftlichen Einbrüchen.

Hinzu kommt: Der Goldstandard war historisch eine „kontingente Regel“. In klar verstandenen Notlagen – und dazu zählen Kriege – wurde die Bindung an Gold suspendiert: Die britische Suspendierung von 1797 bis 1821 zur Finanzierung der Napoleonischen Kriege oder der Bruch der Goldeinlösung 1914 im Deutschen Reich illustrieren, dass gerade im Ernstfall die Fesseln gelöst wurden. Die Hoffnung, Gold als endgültigen Friedensanker zu installieren, kollidiert damit mit einer politischen Realität, in der Ausnahmezustände zur Regel werden.

Drei Formen derselben Frage

Goldstandard, Fiatgeld und Quantitative Easing erscheinen als Gegenspieler, erzählen aber dieselbe Geschichte: Wie bindet eine Gesellschaft ihre Geldordnung moralisch ein? Gold setzt auf externe Bindung – mit dem Preis höherer Deflations- und Krisenrisiken.

Das moderne Zentralbanksystem setzt auf interne Regeln und Vertragsrechte – etwa Preisstabilität als Primärziel und das Verbot monetärer Staatsfinanzierung in den europäischen Verträgen – und verlagert die moralische Debatte in juristische und technokratische Gremien. QE schließlich macht Verteilungseffekte sichtbarer: Asset-Käufe stützen Vermögenspreise, begünstigen damit Asset-Halter und sollen zugleich Beschäftigung und Einkommen stabilisieren. 

In allen drei Varianten taucht dieselbe Dreifachfrage auf: Wer zahlt? Wie sichtbar zahlt er? Wichtig ist auch zu verstehen, dass alle Staaten – ob sie sich religiös verklären oder nicht – heute der gleichen ökonomischen Dynamik unterliegen. Die Frage ist überall dieselbe: wer verantwortet diese Lastverteilung?

Der Internationale Währungsfonds spricht von einer „financial repression tax“, einer weniger sichtbaren Form der Abgabenlast durch regulierte Zinsen und Inflation. Die Bank of England betont die Gegenfaktizität („ohne Assetkäufe wäre es vielen schlechter ergangen“), während die Deutsche Bundesbank zur Vorsicht in der Bewertung dauerhafter Verteilungseffekte mahnt. 

Eine Einladung statt eines Urteils

Vielleicht liegt die eigentliche Pointe von Hülsmanns „Ethik der Geldproduktion“ darin, dass sie uns keine einfache Reformformel anbietet – kein „Zurück zu Gold“ und kein „Mehr QE“, sondern eine Verschiebung des Blicks. Geldproduktion wird als moralisches Institutionenproblem sichtbar: als Frage nach Regeln und Ausnahmen, nach Transparenz und Verteilung, nach demokratischer Kontrolle und technokratischer Macht.

Die Formel „viel Geld – viel Krieg“ kann als Titel provozieren, doch ihr Wert liegt darin, Leserinnen und Leser in eine offene Reflexion zu ziehen. Sind wir bereit, Kriege zu führen, wenn ihre Kosten vollständig über sichtbare Steuern ausgewiesen werden? Oder brauchen wir die Verschleierung über Inflation und negative Realzinsen, um politischen Konsens zu halten? Wie viel Disziplin wollen wir der Politik zumuten, wie viel Flexibilität der Geldpolitik zugestehen?

Wer die nächste Pressekonferenz einer Zentralbank verfolgt, könnte sie mit diesen Fragen im Hinterkopf hören – nicht nur als Zahlenspiele, sondern als moralisches Dokument einer Gesellschaft, die darüber entscheidet, wie sie Krieg, Krise und Zukunft über ihr Geld verteilt. 

Die Debatte beginnt nicht mit der nächsten Zinssitzung, sondern mit der Bereitschaft, Geld nicht länger nur als technisches, sondern als moralisches Problem zu denken. Nur wer hier eine starke Argumentation abliefert, wird sich in den abzeichnenden Verteilungskämpfe der Bundesrepublik sinnvoll positionieren können.

, , ,

Jeffrey Epstein und die Krise des Westens

Jeffrey Epstein kurzmeldungen

Jeffrey Epstein war einer jener Männer, die leise hinter den Kulissen Macht ausübten – in den Schattenzonen zwischen Finanzeliten, Politik und globaler Gesellschaft.

(iz). Offiziell ein erfolgreicher Investmentberater, in Wahrheit der Betreiber eines Systems, das ökonomisches Kapital in soziale Erpressbarkeit verwandelte. Seit den frühen 2000er Jahren wurde gegen ihn ermittelt: wegen sexuellen Missbrauchs und Menschenhandels an Minderjährigen. 2008 bekannte er sich in Florida schuldig, „prostitution with a minor“.

Jeffrey Epstein: auffällig mildes Urteil – unaufgeklärter Tod

Das Urteil fiel auffällig milde aus – ein halbes Jahr im offenen Vollzug, täglich ein paar Stunden Hofgang in Freiheit. Elf Jahre später, 2019, wurde er in New York erneut verhaftet, diesmal wegen Sexhandels mit minderjährigen Mädchen.

Doch bevor das Verfahren beginnen konnte, war Epstein tot – tot in einer Zelle in Manhattan, unter Umständen, die bis heute unaufgeklärt sind. Seine engste Vertraute, die britische Gesellschaftsdame Ghislaine Maxwell, wurde 2021 von einer Bundesjury schuldig gesprochen, minderjährige Mädchen für Epstein rekrutiert und vorbereitet zu haben.

2022 erhielt sie zwanzig Jahre Haft, fünf Jahre überwachte Freilassung und eine Geldstrafe von 750.000 Dollar. Ein Urteil – und doch kein Ende. Denn die eigentliche Geschichte, die der Fall Epstein erzählt, beginnt dort, wo die juristische endet: im System, das ihn möglich machte.

I. Macht

Es ist die alte Frage, in neuer Gestalt: Wer kontrolliert die Mächtigen? In der globalisierten Gegenwart haben sich Reichtum und Einfluss von der nationalstaatlichen Kontrolle entkoppelt.

Sie verläuft nicht mehr entlang geografischer Grenzen, sondern entlang von Netzwerken – Konzernen, Stiftungen, Investmentfonds und exklusiven Clubs. Jeffrey Epstein war der Knotenpunkt eines solchen Netzwerks: halb Berater, halb Vermittler, ganz Symbol einer transnationalen Elite, die sich ihrer eigenen Regeln gewiss ist.

Der Fall zeigt, wie tiefgreifend die politische Architektur des 21. Jahrhunderts verschoben wurde. Demokratie, wie sie konzipiert war, vermag die neue Form der Macht kaum noch zu erfassen. Denn diese Macht ist nicht laut, sondern operiert leise in einer Schattenwelt.

Sie wird nicht gewählt, sondern eingerichtet. Und sie operiert in Räumen, in denen Empörung kein Zugriffsmittel ist – Flüge auf Privatjets, Inseln ohne Gerichtsbarkeit und Konten ohne Nationalität.

II. Recht

Der Umgang mit Epstein bleibt ein juristisches Lehrstück in selektiver Energie. Die Vereinigten Staaten können, wenn sie wollen, jeden noch so verborgenen Terroristen bis ans Ende der Welt verfolgen. Doch wenn es um Finanzeliten geht, um Menschen, die in globalen Netzwerken agieren, scheint das gleiche System plötzlich vorsichtig, abwägend, ja beinahe zögerlich zu werden.

Diese Asymmetrie offenbart die Schattenseite des westlichen Rechtsverständnisses: ein moralischer Humanismus nach innen, verbunden mit struktureller Blindheit nach oben.

Es gibt keine internationale Gerichtsbarkeit, die jene ahnden könnte, die zwischen den Systemen operieren. Es gibt kein Tribunal für Reiche und Mächtige. Und so bleibt die Frage: Wie wirksam ist ein Recht, das seine Energien dort erschöpft, wo die Macht am geringsten ist?

Foto: Pixabay | Lizenz: CC0 Public Domain

III. Überwachung

Sechs Millionen Dokumente – so groß ist die Datenflut, die in Epsteins Umfeld gesichert und analysiert werden müsste, um sein Netzwerk vollständig zu rekonstruieren. Rechercheteams, die gründlich arbeiten, bevor sie urteilen, benötigen hierzu Monate.

Die Öffentlichkeit wird kaum Geduld haben die Ergebnisse abzuwarten. Das Problem ist offensichtlich. Wir leben in einer Zeit der totalen Information, und doch fehlen uns in diesem Kontext die Mittel zur Aufklärung.

Allein Regierungen und Sicherheitsfirmen verfügen heute über mächtige Überwachungssysteme: Palantir, Clearview, Geheimdienst-Algorithmen, die Muster des Verhaltens erkennen.

Aber diese Werkzeuge sind auf die Bevölkerungen ausgerichtet, nicht auf die Eliten der Schattenwirtschaft. Die internationale Öffentlichkeit muss ich fragen: Warum lassen sich dieselben Technologien, die Millionen BürgerInnen überwachen, nicht auf jene Netzwerke anwenden, die tatsächlich systemisch gefährlich sind?

Das Ergebnis ist paradox: nie zuvor war Kontrolle technisch so umfassend möglich – und nie zuvor so selektiv eingesetzt. Die „Tech‑Feudalisten“, wie manche sie nennen, herrschen über die Instrumente der digitalen Erkenntnis. Sie schaffen Transparenz nach unten und Undurchsichtigkeit nach oben.

IV. Assoziationsketten

Die mediale Darstellung des Skandals offenbart das erkenntnistheoretisches Dilemma unserer Zeit: „guilty by association“. Wer auf einer Liste steht, wer auf einem Foto zu sehen ist, wer mit Epstein gesprochen hat – all das gilt bereits als Indiz. So entsteht das Gefühl konfuser Schuld, während tatsächliche Verantwortungen zerfließen.

Man kann es als Symptom der Moderne lesen: Informationen sind verfügbar, aber kaum noch deutbar. Zwischen Dokument und Deutung öffnet sich der Raum für Verschwörungstheorien, Misstrauen, absurde Narrative.

So wird Aufklärung zur Farce – und der Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen, endet in einem neuen Nebel. Schon jetzt wirkt der bekannte Mechanismus in den Gesellschaften: Linke gegen Rechte, Gläubige gegen Atheisten.

tech-Milliardäre

Foto: The White House | Lizenz: gemeinfrei

V. Milieus und Konfessionen

Epsteins Kontakte reichen quer durch die Ideologien, Kulturen und Religionen. Rechte Internationalisten, linke Kulturikonen, Reformer, Globalisierer, Banker, Künstler, Humanisten – alle finden sich, jeweils aus unterschiedlichen Motiven, in seinem Dunstkreis wieder.

Der Skandal entzieht sich daher jeder eindimensionalen Zuschreibung. Er zeigt vielmehr, dass Machtmilieus ihr Idealbild von Moral längst pluralisiert haben. Es gibt dort keine Religion, keine Philosophie, keine Nation mehr, die als moralisches Korrektiv wirkt.

Und doch eint alle Kulturen, alle Glaubenssysteme eines: die Ablehnung des Missbrauchs von Kindern. In diesem Sinn repräsentiert Epstein nicht nur einen individuellen, sondern einen zivilisatorischen Bruch.

VI. Spekulationen

Israel oder Russland? Geheimdienste, Schattenfinanzierer, politische Kampagnen? Die Vermutungen sind endlos, und keine lässt sich vollständig belegen. Aber aus der Korrespondenz und den Whistleblower-Leaks zeichnen sich bestimmte Muster ab.

Zumindest die Zielrichtungen einiger Akteure scheinen klar zu sein: Schwächung der Europäischen Union, Unterstützung populistischer Strömungen oder der Versuch, die politische Mitte zu destabilisieren. Strategie der Spannung – neu aufgelegt, digitalisiert, global.

Das Epstein-Netzwerk erscheint als ein Fragment einer größeren geopolitischen Landschaft, in der moralische Korruption ein Werkzeug politischer Einflussnahme ist.

VII. Das moralische Problem

Epstein ist längst mehr als ein Name – er ist ein Menetekel. Der Skandal berührt die Grundmauern universaler Moralbegriffe. Der Missbrauch von Kindern ist ein Tabubruch jenseits kultureller Relativismen. Wenn er dennoch geschieht – systematisch, gedeckt, verschwiegen –, dann steht die Glaubwürdigkeit der gesamten Moderne auf dem Spiel.

Dient dieser Skandal der Einigung oder der Spaltung der Menschheit? Die einen sehen in ihm ein Wecksignal, die anderen einen Beweis für den angeblichen Zerfall westlicher Werte. Vielleicht ist das übertrieben. Sorge sollte aber machen, dass jedes moralische System, das seine eigenen Gesetze nicht durchsetzen kann, seine Kraft zur Integration verliert.

VIII. Die Erosion

Im Westen, so scheint es, herrscht die juristische Müdigkeit. Verbrechen, moralisch wie strukturell, bleiben ohne echte Konsequenz. Selbst klare Verstöße gegen das internationale Recht werden auf die Ebene politischer Debatten verschoben.

Die gesellschaftliche Empörung ist groß, die rechtliche Wirkung international anerkannter Normen gering. Das Ergebnis: eine Zwei‑ oder gar Dreiklassenmoral. Währenddessen verlieren Begriffe wie „Rechtsstaat“ oder „westliche Werte“ ihren semantischen Halt. Sie bezeichnen Ideale, die nur noch rhetorisch verteidigt, aber realpolitisch suspendiert werden.

Foto: pixabay.com, Gerd Altmann

IX. Fazit

Antonio Gramsci schrieb in seinen “Gefängnisheften”: „Die Krise besteht gerade darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann — in dieser Zwischenzeit treten die unterschiedlichsten krankhaften Phänomene auf.“

Jeffrey Epstein ist eines dieser Phänomene – nicht nur als Privatperson, sondern als Symptom einer Übergangszeit. Das Alte – die moralische Ordnung des Nationalstaats, der Rechtsstaat, die Idee des vernünftigen Diskurses – stirbt.

Das Neue – eine globale Ethik, die Macht jenseits territorialer Grenzen kontrolliert – ist noch nicht geboren. In dieser Lücke entstehen „Monster“: digitale Oligarchien, moralische Apathie und Informationskriege.

Die Veröffentlichung der Epstein-Dokumente könnten einen Wendepunkt darstellen. Aber, die mediale Absicht dahinter deutet nicht auf einen Akt der Aufklärung, sondern eher auf eine Strategie der Verwirrung: Millionen Dateien, Millionen Spuren, führen wahrscheinlich zu keinem erzählbaren Narrativ.

Die traurige Wahrheit ist, dass nicht Zensur die Wahrheit verdunkelt, sondern die Überfülle ungeordneter Information. Was bleibt, ist eine paradoxe Transparenz: Wir wissen mehr – und verstehen weniger. Die Dunkelzonen der Macht sind nicht verschwunden; sie haben nur ihre Form geändert. Sie leuchten grell unter den Scheinwerfern einer Informationsgesellschaft, die alles sieht und nichts erkennt.

, , ,

Bücher: Said Nursi über Sparsamkeit

sparsamkeit said nursi

In seinem Text zur Sparsamkeit behandelt Said Nursi das Thema aus der Perspektive eines Gelehrten seiner Zeit.

(iz). Bei aller Notwendigkeit zur Übertragung von Verhältnissen und Kontexten gehört der spätosmanische (und frührepublikanische) Gelehrte Said Nursi nicht nur unter türkisch- und kurdischstämmigen Muslimen zu den langfristig einflussreichsten Autoren.

Seine umfangreiche Textsammlung „Risale-i Nur“ gehört wie die „Ihya ‘Ulum Ad-Din“ von Imam Al-Ghazali zu den Werken, aus denen gerne einzelne Segmente als Einzelausgaben erschienen. 2013 ist von ihm ein Buch zum Thema „Sparsamkeit“ (übersetzt durch Dr. Serdar Aslan) verlegt worden.

Said Nursis Abhandlung „Sparsamkeit“ ist eine schmale, aber dicht komponierte Schrift, die aus der islamischen Tradition heraus eine Ethik des Maßhaltens für eine konsumistische Gegenwart formulieren will.

Im Zentrum steht die These, dass Schlichtheit nicht Verzicht um seiner selbst willen ist, vielmehr eine Form geistiger Dankbarkeit, die den Menschen würdiger, freier und letztlich auch unabhängiger von materiellen und sozialen Zwängen macht.

Der Text will weniger moralisieren als eine Wahrnehmung der Welt einüben: Gaben werden nicht nach ihrem Preis, sondern nach ihrem Sinn und ihrer Einbettung in ein religiöses Leben bemessen.

Die Abhandlung ist klassisch didaktisch gegliedert: In sieben „Aspekten“ entfaltet Nursi jeweils einen Zugang zu Sparsamkeit, von der Begriffsbestimmung über den Alltag des Essens bis hin zu seelischen und gesellschaftlichen Folgen von Gier.

Ein einleitender Qur’anvers – „Esst, trinkt, doch verschwendet nicht“ – wird programmatisch als kategorisches Gebot zur Nüchternheit und Verbot der Verschwendung gelesen und durch Gleichnisse, Hadithe und Gelehrtenworte konkretisiert.

Sie erscheint dabei als spirituell aufgeladene Praxis: Und ist Ausdruck von Dankbarkeit, Quelle von „Segen“ und ein Schutz vor der „Erniedrigung geistiger Bettelei“.

Iftar Nachhaltigkeit

Foto: Shutterstock

Besonders anschaulich wird der Autor, wenn er Verschwendung beim Essen beschreibt. Das Bild vom menschlichen Körper als Palast, der vom„Wächter“ Geschmackssinn und „Verwalter“ namens Magen organisiert wird, dient dazu, den geringen realen Nutzen teurer Speisen gegenüber einfachen Lebensmitteln herauszustellen.

Der kurze „Gaumenkitzel“ eines kostspieligen Desserts wird dabei bewusst nüchtern gegen den langfristigen Schaden von Überernährung und Verdauungsstörungen ausgespielt. Es ist diese Nüchternheit, gestützt durch den Verweis auf Avicenna, die der religiösen Argumentation einen rationalen Rahmen gibt.

Nursis Text ist durchgehend in einer Sparsamkeit verankert, welche diese Bescheidenheit als „prophetische Tugend“ und Teil der göttlichen Ordnung des Kosmos versteht. Dankbarkeit, „göttliche Gnade“ und der „Segen“ einer bescheidenen Lebensführung bilden den spirituellen Hintergrund, vor dem selbst alltägliche Entscheidungen – ob Schwarzbrot oder Baklava – zu Fragen des Gottesverhältnisses werden.

Immer wieder zieht er Linien zu anderen, seiner Werken, sodass dieser Text zugleich als Baustein eines größeren, innerislamischen Projekts lesbar ist.

Charakteristisch ist die Unterscheidung zweier Formen von Versorgung: einer „natürlichen“, für das Überleben notwendigen, die Gott gewährleiste. Und einer „künstlichen“, durch Gewöhnung und Konsumkultur erzeugten, für die es keine solche Garantie gebe.

In dieser Gegenüberstellung klingt eine deutliche Kritik an modernen Konsumstandards an, die Bedürfnisse in Süchte verwandeln und den Menschen in Abhängigkeit von Geld, Status und fremder Gunst treiben. Sparsamkeit wird so zur Technik der Zurückhaltung: Sie soll helfen, zwischen Notwendigem und Überflüssigem neu zu unterscheiden.

Die Übersetzung und Edition durch „Islam auf Deutsch“ rahmt den Text ausdrücklich als Angebot in die hiesige Debatte hinein. Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Verweise auf klassische wie moderne muslimische Quellen machen deutlich, dass hier nicht nostalgisch eine vormoderne Askese beschworen wird, sondern eine Tradition neu eröffnet werden soll.

, ,

Die Zukunft des Krieges? Israel setzt KI bei der Zielerfassung ein

KI rafah krieg Gaza Gazastreifen Not norweg

KI: Der anhaltende Krieg gegen den Gazastreifen beleuchtet die neue Rolle der Künstlichen Intelligenz. (The Conversation). Vor einigen Wochen wurde berichtet, dass die israelische Armee (IDF) im Krieg gegen die […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, ,

Würde muss bei der KI eine Rolle spielen

KI Künstliche Intelligenz pharao

Künstliche Intelligenz muss auch im Kontext der islamischen Ethik und Verantwortung betrachtet werden. (iz). Künstliche Intelligenzen sind intelligente Systeme, die in der Lage sind, komplexe Aufgaben in sehr kurzer Zeit […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

Bei sich selber aufräumen

„Wir Moslems müssen in unserem eigenen Saustall aufräumen.“ Der Kieler Schriftsteller und Moslem Feridun Zaimoglu wählt drastische Worte, wenn es um die Aufarbeitung des Geschehens in der Silvesternacht in Köln geht.
Kiel (dpa). Für den Schriftsteller Feridun Zaimoglu muss die Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln schonungslos offen auch innerhalb der islamischen Gemeinschaft geführt werden. „Frauenverachtung ist geradezu ein Gebot im Judentum, im Christentum und im real existierenden Islam – das nur an die Adresse der Heuchler, die vom Abendland schwätzen und nicht ein einziges Mal die Bibel aufgeschlagen haben“, sagte der Kieler Schriftsteller türkischer Herkunft der Deutschen Presse-Agentur. „Gleichzeitig ist es aber auch genauso falsch zu sagen im relativierenden Ton: Weil es so ist, müssen wir uns nicht damit auseinandersetzen, wir Moslems.“
Der 51-jährige Schriftsteller, der sich selber als Moslem mit einem Kinderglauben bezeichnet, forderte: „Wir Moslems müssen in unserem eigenen Saustall aufräumen. Denn wir haben einen Saustall. Der gelebte Dorf-Islam ist unter aller Sau.“ Er als Schriftsteller könne sich dabei nicht aus der Verantwortung ziehen: „Das wäre ein bisschen feige.“
Die Übergriffe in Köln seien keine Ausreißer gewesen. Es handle sich nicht um eine Krise des Islam, „sondern wir haben eine Krise des moslemischen Mannes. Wir haben eine Krise moslemischer Männer mit Minderwertigkeitskomplexen.“ „Wenn ein Mann unfähig ist, die starke mündige Frau als gesellschaftliche Realität zu sehen, und sich in seiner Herrlichkeit beeinträchtigt fühlt, dann lege ich ihm professionelle Hilfe nahe.“
Insgesamt bewertete Zaimoglu die Debatte über die Kölner Silvesternacht als sehr positiv: „Entgegen irgendwelcher seltsamen Vermutungen ist die freie Rede bei uns in Deutschland vorherrschend – und das ist wunderbar.“ Die sexuellen Übergriffe müsse man geißeln, „so wie man sonst von ostdeutschen Nazis spricht oder westdeutschen Hooligans. Ich verstehe nicht, warum man sich plötzlich an dieser Stelle zurückhalten muss oder wieso die Beschwichtiger dann darauf hinweisen wollen, dass man jetzt vorsichtig sein soll“, sagte Zaimoglu. Er zollte den beteiligten Journalisten Anerkennung: „Ein sehr anständiger Umgang mit dem Thema.“ Das einzige was falsch laufe sei, dass Männer schon wieder über Frauen sprächen.
Die Gefahr einer wachsenden Kluft in der Gesellschaft sieht Zaimoglu durchaus: Es fehle an Solidarität untereinander. Die Stimmung sei gekippt wegen bestimmter seltsamer Entscheidungen von oben. „Und unten zünden jetzt irgendwelche Vollidioten Flüchtlingsheime an oder träumen von einem reinen Abendland. Die armen Schweine gehen aufeinander los. So war es immer, so wird es immer weitergehen.“ Dabei führten die christlichen Kirchen und die islamischen Verbände schon seit einiger Zeit einen Dialog und kämen friedlich miteinander aus. „Es geht nicht um Religionen, es geht darum, dass Menschen mit religiösem oder nationalem Anstrich – seltsame Borderline-Menschen da draußen – den sozialen Frieden zu Klump schlagen wollen. Und darüber müsste man sich unterhalten“, sagte Zaimoglu.
Opfer von Stereotypen oder Vorurteilen sei er selber noch nie geworden. „Deutschland ist mein herrliches Land.“ Ja, er habe einen sauschweren Nachnamen, sagte er lachend. Aber wenn er bei einer Taxi-Zentrale anrufe, seinen Name nenne und zugleich zu buchstabieren beginne „Zeppelin, Anton, Martha…“, herrsche schnell Heiterkeit.