Zakat – etwas ganz anderes als Mildtätigkeit

zakat Rechtsextremismus ökonomen

„Zakat bietet sich als Heilmittel der radikalen Art an. Die Einkommensteuer scheiterte, den Graben zwischen Reichen und Armen zu verkleinern.“

(iz). Ich möchte über die Möglichkeit sprechen, wie die Zakat im seltsamen Kontext des heutigen Finanzsystems kreativ und erfolgreich funktionieren könnte. Die Frage ist eine bemerkenswert aktuelle. Eine der bekanntesten Eigenschaften des Islam ist seine resolute Stabilität.

Welche andere Weltreligion konnte nicht nur ihre Schlüssellehren bewahren, sondern die Einzelheiten ihrer Praxis? Wie das Gebet, Ramadan und Hadsch scheint die Zakat zeitlos zu sein. Es sind Regeln, die nicht zum Vergehen geschaffen wurden – niemals.

Die Zakat unterscheidet sich von anderen Säulen

Und doch unterscheidet sich die Pflichtabgabe von den anderen Säulen. Wenn das Gebet Anbetung Allahs ist, das Fasten Selbstverleugnung und Hadsch eine Rückbindung zur heiligen Vergangenheit und dem spirituellen Zentrum, dann betrifft die Zakat unsere Bindung zur Gesellschaft – in ihrer unverzichtbaren, finanziellen Dimension.

Religion leitet sich vom lateinischen Wort für „binden“ ab. Sie verbindet uns nicht nur mit dem Himmel, sondern mit dem Mitmenschen. Und ist eine besonders soziale Sache. Weil sich die uns umgebende Welt auf solch extremen und verwirrenden Wegen wandelt, steht diese Säule des Islam vor größeren Herausforderungen als die anderen.

Anders formuliert könnte man sagen, dass sie eine innere und eine äußere Dimension hat. Innerlich hat sie die Wirkung, uns von Elementen unserer Gier, Habsucht und der Teilnahmslosigkeit gegenüber anderen zu reinigen. Sie ist kathartisch.

Die Schari’a regelt und reinigt unsere Transaktionen. Aber das Fundament unseres sozio-finanziellen Austausches ist die Abgabe auf unseren Besitz. So bedeutsam ist wirtschaftliche Gerechtigkeit für die qur’anische Vision von Gesellschaft, dass dieser soziale Pfeiler sich darauf bezieht, wie Geld aufbewahrt, besteuert und ausgetauscht wird.

Selbstverständlich stellt sie keinen Ausschluss anderer sozialer Transaktionen dar. Zakat ist unser dritter Pfeiler und beispielsweise nicht die Aufrechterhaltung der Familienbande (arab. silat al-rahim). Und so ist die ganzheitliche, soziale Vision einer gläubigen und gerechten muslimischen Gesellschaft bezeichnenderweise auf ökonomische Gerechtigkeit fokussiert.

Einige der ersten Verse der Offenbarung waren düstere Warnungen vor Habgier und der Vernachlässigung des finanziellen Wohlergehens von benachteiligten Segmenten der mekkanischen Gesellschaft.

Foto: Christian Jepsen, NRC

Früher half sie zur Linderung von Armut

In früheren Zeiten trug die Institution der Zakat stark zur Linderung von Armut und anderen Bedürfnissen bei. Sie wurde oft von der enormen Infrastruktur der Stiftungen (arab. auqaf) in der weiten muslimischen Welt unterstützt. Obwohl der mittelalterliche Islam einige komplexe Finanzsysteme schuf – vergessen wir nicht, dass Worte wie Scheck oder Tarif arabischen Ursprungs sind –, bezieht sich die Theorie der klassischen Zakat auf eine weniger differenzierte Gesellschaft.

Heute legen Juristen die Stirn in Falten angesichts der Zunahme komplexer und häufig parasitärer Finanzinstrumente: lang- und kurzfristige Fonds, offene Portfolios (Macro Hedging), Terminhandel, Derivate und Immobilien-Investment-Trusts.

Ich möchte über den Weg nachdenken, auf dem das Prinzip der Zakat selbst – in seiner weiten und hoffentlich zeitlosen Architektur – eine bedeutende neue Kraft einführen kann. Wir müssen einen Augenblick über die Eigenartigkeit der heutigen Weltwirtschaft nachdenken. In ihrer Sprunghaftigkeit und Fremdheit scheint sie Spiegel so vieler anderer moderner Quellen von Sorge und Unsicherheit zu sein.

Dazu gehören Klimawandel, Terrorismus, das Verschwimmen sozialer Formen und Beziehungen, religiöse Verwirrung und die Dominanz einer globalen Kultur durch mächtige Medienkonzerne. In einem gewissen Sinne steht sie in Verbindung zu allen anderen Kopfschmerzen. Es ist aber ihre innewohnende Fremdheit, die sie in einer eigenen Kategorie hervorstechen lässt.

Foto: wikimedia.org, Classical Numismatic Group | Lizenz: CC BY-SA 2.5

Eine Finanzblase nach der anderen

In wenig mehr als einer Generation wurden finanzielle Gesetze und Prozesse, welche der Welt jahrhundertelang zugrunde lagen, abgeschafft. Dank Tausender neuer Kreditformen wuchsen riesige Blasen an. Warum sind wir – in einem Zeitalter der Massenkommunikation – so unwissend, wenn wir mit mühelosen Klicks auf deregulierte Börsen Zugriff haben und sogar selbst mit Aktien handeln können? Das System erscheint beruhigend durchsichtig. Und doch sehen wir wegen der ganzen jungen Bäume das Feuer im Wald nicht.

Der Grund dafür ist, dass die Informationsrevolution mit dem Aufwuchern dessen zusammenfiel, was Benjamin DeMott „Müllpolitik“ nannte. Das ist die Politik der schmissigen, markigen Zitate. Wie moderne Kunst wird Politik weitaus zugänglicher, wenn sie Wahrheit durch Stil ersetzt.

Müllpolitik wird uns nicht dazu anleiten, auf angemessene Weise über soziale Ungerechtigkeit oder über Klimawandel nachzudenken. DeMott spricht davon, dass es in dieser neuen Welt „null Unterbrechung in den Vorgängen und Praktiken gibt, welche die existenten, verschränkten Systeme der sozioökonomischen Vorteilsnahme stärken“.

Das weltweite Finanzsystem fundiert auf der Täuschung, dass es mit Maßstäben von echtem Wert handle. Das ist sicherlich einer der Schlüsselgründe für die Sprunghaftigkeit der Märkte. Die meisten Schwankungen im Aktienkapital und den Warenmärkten werden von irrationalen Herdenimpulsen verursacht, anstatt von realen Dingen. Aber niemand weiß überhaupt irgendwas. Niemand weiß Bescheid.

Es herrscht beinahe universale Zustimmung, dass die Wirtschaft Blasen erzeugt. Billiges Geld, die Vermehrung der Geldmenge und das Regelwerk, dass trotz der Katastrophe von 2008 freizügig blieb, erlaubte ein Aufblühen der Schulden. Die Neo-Keynesianer behaupten, dass die Wirtschaft weiteren Anreiz in der traditionellen Form zusätzlicher Kreditspitzen brauche. Aber auch hier: Die Religion der Ökonomie hat eine großzügige Kirche.

Andere, darunter auch Köpfe der Österreichischen Schule, haben eine Reihe an Papieren veröffentlicht, um das Offensichtliche zu bekräftigen: Dass ein Anstieg an billigem Geld Finanzkrisen verursacht, anstatt sie zu beheben. Die Achterbahnfahrt von Auf- und Abschwung des neuen imperialen Kapitalismus führt uns zu einem unbekannten Ziel. Wir können nicht sagen, an welchem Punkt wir aussteigen. Niemand kann es uns sagen. Die Theoretiker sind sich uneins; und die Lage ohne bekannte Vorläufer.

Während in der Vormoderne – und sicherlich im politischen Modell des Islam – Funktionen der Zentralregierung im Wesentlichen auf Sicherheitsfragen und Kontrolle der Münzprägung beschränkt blieben, wurde der moderne Staat zu einem Monster. Seine Fangarme erstrecken sich auf jeden Aspekt des Lebens. Bildung, Justiz, Gesundheit und andere Schlüsseldimensionen unserer Existenz unterliegen einer peinlich genauen Regelung und Kontrolle des Staates.

Und das Geld selbst, der Schlüsselindikator für Wert, wird durch die staatliche Zentralbank bewertet und geschaffen. Es kommt nicht aus den Minen von Allahs fester Erde. Vielmehr besteht es aus Papierschnippseln, deren Wert durch zentrale Politik festgelegt wird.

Foto: Dubai Shopping Festival

Islamische Werte und persönliche Freiheit

Auch hier bestehen unsere Werte auf persönlicher Freiheit: Eine Privatwährung, deren Wert außerhalb der Macht der Zentralbanken liegt, ist der wesentliche Maßstab des Austausches. Anders als Bitcoins, deren behaupteter libertärer Vorteil das Problem ihrer Sprunghaftigkeit nicht überzeugend überwiegt, erlauben Gold und Silber (die Naqdain) Privatpersonen beträchtliche Freiheit von Manipulation durch Staaten und Konzerninteressen.

Sie bieten Schutz vor unerwarteten Schuldenschnitten, Steuern und anderen, staatlich erzwungenen Eingriffen in den persönlichen Besitz. Und wenn die Geldautomaten einmal kein Geld mehr ausgeben, wird der Wert der beiden klar.

Wie zuvor angemerkt dreht sich die dritte Säule des Islam überhaupt nicht ums Banking, sondern um Gerechtigkeit. Zakat ist eine verpflichtende Reinigung unseres finanziellen Blutkreislaufes.

London ist die Heimat vieler Ultrareicher; mehr als jede andere Stadt in der Welt. Eine erhebliche Menge von ihnen sind Muslime, darunter einige russische Oligarchen. Die Folgen ihres goldenen Lebensstils sind allgegenwärtig. Luxusgeschäfte bieten kultursensible Termine für Damen aus dem Golf. Die schicksten Hotels wie das Dorchester und das Savoy haben weibliche Butler, Gebetsräume und Halal-Köche.

Unglücklicherweise scheinen sich viele nahöstliche Auswanderer gegen die Idee zu wehren, dass sie, wenn sie im Ramadan fasten oder in der Moschee des Dorchester beten, gleichfalls zakatpflichtig werden. Das Gebet (arab. salat) reimt sich auf Zakat. Ein solcher Islam ist unausgeglichen. Es ist ein Islam, der sich nicht reimt. Und die Wirkung für die Seele ist oft an ihren Gesichtern abzulesen.

Reichtum verhärtet oft das Herz

Reichtum verhärtet oft das Herz. Eine Studie der Princeton Universität legt den Schluss nahe, dass das Gehirn von wohlhabenden Studenten anders auf Bilder von Armut und Leiden reagiert als jenes von Studenten, die arbeiten oder Darlehen aufnehmen mussten. Es scheint so, dass Wohlstand und Privilegien nicht nur das Herz verhärten, sondern auch das Gehirn neu verkabeln.

Daher bietet sich Zakat als Heilmittel der radikalen Art an. Die Einkommensteuer scheiterte, den Graben zwischen Reichen und Armen zu verkleinern. Sozialleistungen und Gesundheitsvorsorge werden weiter beschnitten. Hier bietet die Offenbarung eine andere Lösung. Im Wesentlichen ist Zakat eine Netto-Vermögenssteuer. Es gibt Ausnahmen: das eigene Haus beispielsweise. Aber die ein-Euro-für-jeweils-40-Euro-Abgabe bleibt vielversprechend.

Wir müssen uns nur ausmalen, welche Summen hier von muslimischen Millionären in Großbritannien anfielen. Nach Angaben des Muslim Council of Britain gibt es mehr als 10.000. Zusammen besitzen sie beinahe vier Milliarden Pfund. Das wären auf einmal hundert Millionen Pfund jährlich als Zakat.

Und was ist mit den rund 14.000 Londoner Firmen in muslimischem Besitz? Über ein Drittel der kleinen bis mittleren Unternehmen in London gehört heute ihnen. Wie sieht es dort mit Zakatpflicht aus? Bereits jetzt sind sie nach Angaben der Spendenkommissionen pro Kopf die großzügigsten Spender des Vereinigten Königreichs.

Aber bei der Zakat geht es nicht um Spenden. Dafür gibt es Sadaqa, die etwas anderes ist. Zakat hat nicht nur ein wohltätiges Ziel, sondern eine höhere Funktion der Umverteilung. Sie ist Teil einer breiteren Philosophie, die untrennbar zur sozialen Vision gehört. Während wirtschaftliches Handeln ermutigt wird, wird die langfristige Kapitalanhäufung durch verschiedene Prinzipien der Schari’a eingeschränkt.

Eines davon ist ein System der Erbschaftssteuerung. Bei Muslimen wird der Nachlass mehrfach aufgeteilt: Alle Kinder erben sowie weitere Verwandte. Und ein Drittel muss außerhalb des Familienkreises abgegeben werden. Oft wird es sich dabei um eine Stiftung handeln. Noch bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts gehörte ein Drittel der Fläche Istanbuls solchen Auqaf. Deren Einkünfte konnten nur für wohltätige Ziele benutzt werden.

Im Qur’an ist von einer Art von Wohltätigkeit die Rede, deren Empfänger „Verwandte, Waisen, Arme und Reisende“ sein sollen. „Damit dieser Besitz nicht nur unter den Wohlhabenden von euch zirkuliert.“ Reichtum muss wieder untergepflügt werden; in die niedrigeren und benachteiligten Segmente der Gesellschaft. Das sind Obdachlose, Alleinstehende, der Flüchtling und der Asylsuchende. Dies sind alles zeitlose Kategorien des menschlichen Bedürfnisses. Sie haben ein Recht auf die Mittel der Glücklichen.

Die Vorteile einer Steuer auf das Vermögen, anstatt auf das bloße Einkommen, werden nicht nur im Qur’an erklärt. 2014 kam es zu einer Sensation, als der französische Ökonom Thomas Piketty sein Buch „Capital in the Twenty-First Century“ veröffentlichte.

Er behandelt hier Einkommensunterschiede. Wenn Kapitalerträge die Wachstumsraten überstiegen, würden die Reichen noch reicher. Das gefährde schlussendlich das gesamte globale System. Die Lösung sei keine Einkommens- oder Verkaufssteuer, sondern eine Vermögensabgabe. Piketty gibt beinahe das klassische islamische Denken wieder.

Dieses Modell würde auch die Wirtschaft beleben. Hier sei lagerndes Geld einem jährlichen Schnitt unterworfen. Das würde Anteilseigner zwingen, in profitable Geschäfte zu investieren. Diese wiederum würden höhere Einkünfte erzielen, da die Einkommenssteuer anteilig geringer ausfiele.

Parasitische Investitionen würden durch aktivere Strategien ersetzt. Piketty sagt voraus, dass dies unsere Ära der Stagnation beenden und die Rückkehr zu einem gesünderen Wirtschaftsmodell darstellen würde, das auf Steuern als negativer Bestärkung basiere. Passive Einlagen würden leiden, während wirtschaftliche Aktivität belohnt werde.

Foto: Secl, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 3.0

Wir müssen uns außerdem an einen weiteren interessanten, aber bedauerlicherweise vergessenen Fakt erinnern. Wir denken beim Zakatniveau an eine Flatrate von 2,5 Prozent. Jedoch erhöht das Recht diese bei bestimmten Kapitalgruppen. Namentlich wäre hier jene Kategorie zu nennen, die als Rikaz bekannt ist. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Bodenschätze ohne vorherige Eigentümer.

Obwohl die Rechtsschulen hier differieren, stellen wir fest, dass mineralischer Reichtum – nach seiner Förderung – eine 10- oder 20-prozentige Zakat bedeutet. 2008 veröffentlichte das Institut für Islamische Forschung der Al-Azhar darüber eine Fatwa. Erdölvorkommen hätten demnach – wie andere mineralische Bergbauprodukte – als Rikaz zu gelten.

Daher rief der Mufti die erdölreichen Golfstaaten auf, eine 20-prozentige Rate auf alle Energieträger zu bezahlen, sobald sie aus dem Boden kämen. Die Einkünfte sollten benutzt werden, um die Wirtschaft der ärmeren muslimischen Länder zu verbessern und um die Leiden der Armen und Flüchtlinge zu lindern.

Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass dieser Gedanke ekstatische Aufnahme am Golf fand. Jedoch finden sich die höheren Prozentraten der Zakat in den juristischen Handbüchern. Die zeitlose Relevanz dieser Texte wird ganz deutlich, betrachten wir, wie enorm groß die Wirkung einer solchen jährlichen Abgabe wäre; wenn sie korrekt angewandt würde. Sie könnte in Ländern wie Bangladesch oder Mali, wo ein Dirham vieles kaufen kann, Erleichterung bringen.

Das Horden von Kapital in Londoner Immobilien, der spekulative Aufkauf von moderner Kunst, Fußballvereinen sowie Anteilen von Apple oder Fox News wäre so eingeschränkt. Und es würde die Anlagenpreise auf eine mehr erkennbare Normalität zurückstutzen. Die Weltwirtschaft zöge Nutzen daraus. Denn es käme zu neuer Importnachfrage in den Ländern, welche durch die Rikaz-Zakat entwickelt würde. Es könnte eine grundlegende Industrie finanzieren und Handel anregen – insbesondere in den OIC-Staaten.

Betrachten wir eine weitere vernachlässigte Konsequenz: Sie zielt spezifisch auf Bodenschätze inklusive fossiler Brennstoffe ab. Ein realer Anstieg von 20 Prozent bei der Öl-, Kohle- und Gasförderung stellt eine reale und gleichwertige Subvention von erneuerbaren Energieträgern dar. Es gibt keine Zakat Ar-Rikaz auf Wasserkraft, Windkraftanlagen und Solarzellen. Wenn es sich bei ihnen um Privatinvestitionen handelt, unterliegen sie der üblichen 2,5-prozentigen Zakatpflicht.

* Dieser Text ist die gekürzte Version eines Vortrages, der am 19. Mai 2016 auf einer Veranstaltung zum Thema in London gehalten wurde.

Themenschwerpunkt "Islamic Finance": Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Sulaiman Wilms

(iz). Das Interessante am Publicity-Rummel ist, dass alle ihn ernst nehmen, auch wenn sich am Ende nichts ereignet. Ein Geschmack vom Verhältnis zwischen Hype und Realität konnten Deutschlands Muslime in den letzten Jahren in Sachen Halal-Lebensmittel machen. Obwohl angesagte Branding-Firmen wie der US-Riese Ogil­vy gar, die auf Muslime spezialisierte Tochterfirma Ogilvy-Noor gründete, und eine globale Halal-Konferenz die nächste jagt, ist von dem Trend beim deutschen Verbraucher nichts zu spüren.

Das soll nicht heißen, dass so mancher Branchenriese der Industrie nicht mit „Halal-“Industrieprodukten horrende Gewinne einfahren würde, aber der Hype hat sich noch nicht einmal in den Produktregalen der tristen Lebensmitteldiscounter niedergeschlagen. Zu verängstigt reagierte bisher die Führung des deutschen Einzelhandels.

Genauso verhält es sich „am Boden“ mit dem sagenumwobenen „Islamic Banking“ beziehungsweise dem Zweig der Finanzindustrie, der auf den muslimischen Endverbraucher abzielen soll. Anders als in Großbritannien – einem Zentrum der globalen Finanzindustrie – lässt der Antrag einer türkischen Bank auf die Erteilung einer Vollbanklizenz durch die deutsche Aufsichtsbehörde BaFin seit einiger Zeit auf sich warten.

Bisher sieht es mau aus
Sehen wir vom PR-Rummel und der oft wiederholten Beteuerung ab, backt das so genannte „Islamische Finanzwesen“ hier seit Jahren eher kleine Brötchen. Von der Handvoll unabhängiger Finanzdienstleister und Agenturen, die zumeist als Zwischeninstanzen für so genannte „scharia-kompatible Anlageformen“ beziehungsweise konventionelle Modelle – wie Edelmetalldepots, die mit dem islamischen Recht vereinbar sind – werben, geht es daheim eher ruhig und beschaulich zu. Diese Vermittlungsfirmen, deren Hauptgeschäft aus Provisionen besteht, finden ihre Kundschaft oft auf Veranstaltungen von Muslimen, wo sie mit Infoständen und als Sponsoren vertreten sind.

Am mangelnden Interesse von Muslimen, die etwas auf die Hohe Kante legen wollen, oder die auf der Suche nach islam-kompatiblen Kaufverträgen sind, kann es nicht liegen. Seit Jahren ­erhalten wir im Rahmen unserer redaktionellen Arbeit regelmäßige Anfragen von Lesern und Freunden. Diese Fragen sind ­relativ häufig: Was soll ich mit Zinsen machen, die ich für meine Einlage bekommen? Wie kann ich den Kauf meines neuen Autos finanzieren, ohne dafür Zinsen zahlen zu müssen? Wer vermittelt mir Optionen für den Kauf eines Hauses jenseits der konventionellen Möglichkeiten? Bisher fällt es schwer, auf diese Frage eine plausible und befriedigende Antwort zu geben.

Muslimische Verbände begrüßen Entwicklung
Wenn es nach einigen muslimischen Verbänden in Deutschland geht, soll sich das bald ändern. Die Vorlage des britischen Premiers Cameron (siehe S. 17) auf dem diesjährigen World Islamic Economic Forum, London zum führenden Handelsplatz für „islamische Anlageformen“ machen zu wollen, begrüßten der Zentralrat der Muslime und auch der Islamrat den Verstoß. Beide forderten die Bundesregierung auf, die Bedingungen auch in Deutschland für das „Islamic Banking“ vorteilhaft zu gestalten. Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrates, erklärte seine Zustimmung: „Es ist erfreulich, dass alternative Wirtschaftsformen gesucht und anerkannt werden.“

Bereits im Mai 2012 forderte der Verantwortliche des Zentralrates der Muslime für die „Islamic Finance“, Michael Saleh Gassner, „mögliche Anbieter auf, die Muslime als Kundensegment wahrzunehmen und das attraktive Potenzial zu nutzen“. Und am 19. Januar 2013 beschäftigte sich die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) auf einer „hochkarätig besetzten Veranstaltung“ (so die Frankfurter Rundschau) mit „dem Islamischen Bankwesen“. Der ­Zentralrat wurde bereits vor geraumer Zeit selbst Akteur in der Debatte um die „Islamic Finance“. So half er der Westdeutschen Landesbank (WestLB) bei der „Zertifizierung“ eines „risikoreduzierten Investments in die zehn größten islamkonformen Unternehmen Deutschlands“.

Kritik vom Experten
Konträre Meinungen zur „Islamic Finance“ kommen in den Stellungnahmen und Events muslimischer Organisationen und auf akademischen Veranstaltun­gen (für Anfang 2014 ist ein Symposium an der Universität Osnabrück vorge­sehen) bisher nicht vor, obwohl diese eigentlich auf einer qualifizierten Ebene zu finden sind.

Ein muslimischer Jurist und Fachmann, der ungenannt bleiben wollte, sprach von seinen großen Zweifeln bezüglich der geplanten Anleihe von London. „Grundsätzlich würde ich diese Anleihe wie jede andere einschätzen. Komplizierend kommt hinzu, dass sie als ‘islamisch’ bezeichnet wird und die Frage, wie die muslimische Community darauf reagieren wird. Dies alles löst weitere Beobachtungen aus: a.) unser Umgang als Gemeinschaft mit Banking als solche, b.) unsere Einstellung zu Wirtschaftsethik, Armutsfragen und natürlich auch zum Kapitalismus“, beschreibt der international aktive Fachmann das britische Vorhaben, welches in Deutschland ein solch positives Feedback erhielt.

Das Projekt dürfte die Form von Sukuk annehmen. Wahrscheinlich werde die Einkommenssumme am LIBOR [tagesabgängiger Interbanken-Zinssatz] „gefixt“ und es dürfte auch eine Auffangklause geben, wenn bestimmte Rückfluss­summen wegen des gefixten LIBOR-Tatbestands nicht erfüllt würden. „So wird im Prinzip ein fixierter Rückfluss erzeugt. Das ist dann identisch mit ­einem Zinssatz. Auch wenn ich die Einzelheiten nicht kenne, ist dies der Regelfall. Es würde mich wundern, wenn sie jetzt ein neues, revolutionäres Produkt einführen würden“, war seine ernüchternde Einschätzung.

Die Zweifel wachsen
„Grundsätzlich ist mein Problem mit dem ‘Islamic Banking’, dass das, was ‘scharia-konform’ genannt wird, überwiegend von Gelehrten besiegelt wird, die auch von diesen Banken bezahlt werden. Jeder Anwalt kann eine Meinung äußern. Nur ein Richter kann entscheiden, ob diese Ansicht etwas taugt oder nicht. Leider haben wir, soweit es ­Fatwas betrifft, kein Gericht in der Welt, dass autorativ entscheiden könnte, ob eine bestimmte islamische Meinung scharia-konform ist oder nicht“, ist der grundle­gende Zweifel unseres Gesprächspartners.

Die öffentliche Positivität muslimischer Organisationen gegenüber dem Vorschlag Camerons sei für ihn ein „Wer­begag“. „Die Verbände haben nicht das notwendige Know-how beziehungsweise nicht die nötige, diversifizierte Meinung. Sie folgen einer Schule zu Unguns­ten einer anderen und werden wahrscheinlich einseitig beraten“, lautet ­seine Kritik. Er bedauere, dass die hörbaren muslimischen Stimmen „nicht bankkritischer“ seien.

Außerdem werde übersehen, dass das Ziel gar nicht „Ali“ und „Fatima“ in Deutschland seien, sondern die großen Bestände „an Liquidität am Golf und in Asien“. Indien alleine verfüge über 400 Millionen Muslime. Da reiche „nur ein kleiner Anteil“.

Ganz konkret sind weitere Zweifel an „Islamischen Banken“ angebracht. Jeder Rechtsanwalt oder Ökonom wird auch in einigen modernen Finanzprodukten „islamischer Banken“ schnell den einen oder anderen Taschenspielertrick erkennen. Dazu gehört die Umwertung der Murabaha-Verträge (s.u.), die einen großen Platz in der „Islamic Finance“ einnehmen.

Wer koordiniert die Position der Muslime wirklich, will Khalil Breuer wissen

(iz). Als ich vor einigen Jahren Muslim wurde, war die innerislamische Debatte in Deutschland stark von Fragen wie „gibt es in diesen Keksen Gelatine?“ geprägt. Einige Zeit später wurde dann […]

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Steuerfeinde, Terroristen – der Staat entwickelt eine neue Dynamik. Von Khalil Breuer, Berlin

(iz). Parallelgesellschaft – mit diesem Unwort wird immer wieder gewarnt, wenn über die angeblichen gesellschaftlichen Folgen großzügi­ger Moscheebauprojekte oder Stra­ßen­züge in muslimischer Hand diskutiert wird. Natürlich ist es naiv zu […]

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