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Chrysalis – Der Mensch als Möglichkeit

chrysalis mensch

Chrysalis und Mensch: Der Mensch trägt mehr Möglichkeiten in sich, als er oft wahrhaben will.

(iz). Chrysalis – die Transformation einer molligen kleinen Raupe in ein geflügeltes Kunstwerk: Die Raupe trägt bereits alles in sich, was sie einmal werden kann. Aber ohne die Zumutung der Chrysalis, wird sie niemals fliegen, niemals ihr Potenzial ausschöpfen.

Kulturübergreifend erkennen die Menschen sich in diesem Bild und seiner Bedeutung wieder: „Wir vermögen mehr zu sein als lediglich unseren Mitmenschen ein Wolf.“ Es ist ein altes Bild, das konträr zum aktuellen Zeitgeist „Du bist gut, wie du bist“ steht, der keine Anstrengung und keine Verwandlung einfordert.

„Wer bist du?“ – ist die Frage, die insbesondere das Judentum und der Islam an den Menschen stellen. Nicht nach dem Status, erworben durch Vermögen und Besitz, wird hier gefragt, sondern nach dem Handeln des Menschen. Ein jeder von uns ist schließlich, was er tut.

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Wir erkennen uns nicht zuerst im Denken, sondern im Handeln. Erst unsere Entscheidungen zeigen uns selbst, wer wir wirklich sind – insbesondere in Stress-, Risiko- und Versuchungssituationen.

„Wer bist du (über die Zeit hinweg)?“, fragt danach, ob unser Handeln ethisch oder unethisch bestimmt ist. Die Kontinuität unseres Tuns ist ihre Beantwortung.

Für all jene von uns, die eine menschenwürdige Welt schaffen wollen, in der jeder jemand ist und zählt, gilt daher die alte Weisheit: „Werde selbst zu jener Veränderung in der Welt, die du erblicken möchtest!“

Hieran sehen wir, wie der prophetische Islam (da‘wa) stets das Individuum mit der Gesellschaft verknüpft und die Gesellschaft mit Fragen ihrer ökonomischen und politischen Verfasstheit. All dies muss stets zusammengedacht werden.

Träumen, Machen und Gestalten findet immer im Miteinander mit unseren Mitmenschen statt. Keiner von uns existiert als Einzelwesen, sondern als Kontinuität einer vorgegebenen Vergangenheit in der Gegenwart für die Zukunft. Niemand von uns stellt den Mittelpunkt der Existenz dar, sondern wir sind alle miteinander organisch in der linearen Zeit verwoben.

Sich vom anthropozentrischen Denken zu lösen und den Menschen lediglich als ein Partikel eines größeren Prozesses zu sehen, verändert im besten Fall auch unsere Einstellung zu der Welt, die unsere Körper umgibt. In der islamischen Anschauung der Welt finden wir hier drei entscheidende Begriffe vor: khalifa, mizan und amana.

halal tayyib

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Khalifa bedeutet Stellvertreter (Gottes) und kann in Verbindung mit der Urgeschichte durch das Bild des Gärtners veranschaulicht werden. Ein Gärtner besitzt keine absolute Kontrolle über den Garten.

Er kann nicht verhindern, dass Unkraut wächst oder Stürme, Regengüsse und Frost ihn verwüsten. Seine Aufgabe ist es lediglich, gute Bedingungen für sein Überleben zu schaffen und ihn zu hüten und zu pflegen.

Mizan wird häufig mit Gleichgewicht übersetzt. Treffender ist hier jedoch Balance. Letzteres bedeutet, dass das Böse, Leid und die Gewalt zur menschlichen Existenz gehören wie auch das Unkraut im Garten.

Niemand fordert vom Menschen das Unmögliche: zu verhindern, dass weiterhin Unkraut wächst. Aber es darf nicht überhandnehmen, sondern muss begrenzt werden. Gleichgewicht würde bedeuten, dass es erstrebenswert wäre, wenn es im Garten genauso viel Nutzpflanzen und Blumen wie Unkraut gäbe. Der Khalifa ist demnach ein Agent der Balance.

Amana meint die treuhändische Verantwortung über den Garten, die mit der Entscheidungsfreiheit des Menschen und seiner ethischen Verpflichtung einhergeht.

Der Dreiklang von Pflicht, Verantwortung und Handeln wird heute konträr zum eigenen Lebensglück gedacht. Er wird mit Verzicht und Einschränkungen verbunden. Warum sollte jemand dies tun? Mit Menschen zusammenzuarbeiten bedeutet doch oftmals Meinungsverschiedenheiten, Konflikt und schlaflose Nächte.

Aber am Ende bedeutet es auch die Möglichkeit, Menschen zu helfen, damit sie ein besseres Morgen haben und wissen, dass es jemanden gibt, der sich für sie einsetzt. „Darf ich helfen?“, drei Worte, die Zugang geben zu einem gänzlich neuen Selbstverständnis und Gesellschaftsbild.

empathie

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Erst wenn der Mensch, so der Philosoph Muhammad Iqbal (gest. 1938), von der Selbstfindung (hudi) zur Selbstlosigkeit (be-hudi) schreitet, befreit er sich von der Anhaftung, der Gier, dem Neid und dem Geiz und findet zu einer neuen Lebensqualität, die auf Freundlichkeit, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit, Hoffnung, Mut und Kooperation aufbaut.

Ein Sufi-Philosoph äußerte einst, dass der vollkommene Mensch jener sei, der mit seiner einen Hand die Belange seines eigenen Lebens gestaltet und zugleich mit der anderen Hand jene des bedürftigen Mitmenschen helfend ergreift.

Wir Menschen sind Inseln des Selbst, aber durch das Meer alle miteinander verbunden. Wir leben in Symbiose miteinander: „Ich bin, weil du bist und du bist, weil ich bin.“

Empathie und Nächstenliebe sind der Schlüssel zu einem Zusammenleben, indem sich alle wohl fühlen können und versuchen, anderen wo wenig unangenehm zu sein, wie nur möglich.

Es gilt demnach, eine Balance zwischen den eigenen Lebensvorstellungen und der ethischen Verantwortung gegenüber der eigenen Gesellschaft zu finden. Andernfalls kann das Streben nach dem eigenen Glück schnell auch in eine infantile Selbstsucht entarten. An deren Ende wird Alleinsein alles sein, was man jemals haben wird.

Und im Falle eines Konfliktes zwischen beidem, sind es gerade Juden, Christen und Muslime, die aufgrund ihrer Prägung durch die Prophetenerzählungen sich gegen das eigene Glück entscheiden, da ihr Selbstverständnis auf Verantwortung basiert. In ihr finden gläubige Menschen Sinn, Erfüllung und Erkenntnis.

Zu handeln macht den Unterschied aus. Und es birgt die Möglichkeit in sich, dass gleich einem Stein, der ins Wasser geworfen wird, ein Welleneffekt ausgelöst wird, der andere ebenso ermutigt, sich zu fragen: „Wer bin ich?“ und schließlich ihrer eigenen Verantwortung bewusst zu werden.

Niemand kann die Zukunft betreten, indem er bleibt, wer er ist.

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Anmerkungen zur Relation von Wissen und Handlung

gemeinschaft muslime handlung sadaqa

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Das deutsche Missverständnis

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Islam in Europa – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Dieser – im Auszug vorliegende – Text wurde am 21. September vom Autor als Einführungs­vortrag auf der Jahres­tagung der European Muslim Union (EMU) in Girne (Türkische Republik Nordzypern) gehalten. Die […]

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