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IZ-Reiseblog: Tetovo, Grenzland zwischen Moschee und Beton

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IZ-Reiseblog: Wer sich die Landkarte von Nordmazedonien ansieht, bleibt fast zwangsläufig an Tetovo hängen.

(iz). Die Stadt liegt im Polog-Tal, keine dreißig Kilometer von der albanischen und der kosovarischen Grenze entfernt, im Schatten des mächtigen Šar-Gebirges. Auf dem Papier ist das eindeutig mazedonisches Staatsgebiet.

In der Realität ist Tetovo eine mehrheitlich albanische Stadt, geistiges und politisches Zentrum der Albaner Nordmazedoniens, mit eigener Universität und einer Geschichte, die 2001 fast in einem bewaffneten Konflikt geendet hätte.

1. Warum niemand die Grenzen neu ziehen will

Die Versuchung läge nahe. Warum nicht Tetovo, Gostivar und das gesamte Polog-Tal einfach zu Albanien oder zu einem größeren Kosovo schlagen, wenn hier ohnehin die Mehrheit albanisch spricht? Die Antwort liegt in einer Mischung aus internationaler Politik, regionaler Statik und – man muss es so nüchtern sagen – kollektiver Erschöpfung nach dem Krieg von 2001.

Im Frühjahr und Sommer 2001 lieferten sich mazedonische Sicherheitskräfte und die albanische Untergrundarmee UÇK (National Liberation Army) monatelange Gefechte, vor allem im Raum Tetovo. Die Eskalation wurde durch das Ohrid-Rahmenabkommen vom 13. August 2001 gestoppt, ausgehandelt unter starkem Druck von EU und USA. Die internationale Gemeinschaft lehnte jede Neuziehung von Grenzen kategorisch ab, obwohl Teilung und Gebietsabtretung während des Konflikts durchaus als mögliche Optionen diskutiert wurden.

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Das Problem dahinter war klar: Eine Grenzverschiebung in Mazedonien hätte sofort ähnliche Forderungen in Kosovo, im Preševo-Tal oder in Bosnien befeuert – ein Präzedenzfall, den niemand in der Region oder in Brüssel öffnen wollte. Am Ende siegte die Vernunft auf allen Seiten.

Statt einer Teilung bekam Nordmazedonien eine tiefgreifende Verfassungsreform: Albanisch wurde in weiten Teilen des öffentlichen Lebens gleichberechtigt, die Dezentralisierung stärkte lokale, mehrheitlich albanische Gemeinden wie Tetovo, und ethnische Quotenmechanismen sollten für eine gerechtere Vertretung im Staatsdienst sorgen.

Der Kompromiss lautete: keine eigene Grenze, aber ein Staat, der Albanern mehr Raum gibt, ohne seine „unitarische“ Struktur aufzugeben. Für die politische Führung der ehemaligen Aufständischen – viele von ihnen gründeten die Partei DUI, die bis 2024 fast durchgehend mitregierte – war das eine Option, mit der sich leben ließ: reale Machtanteile im bestehenden Staat statt eines riskanten, international isolierten Sezessionsprojekts.

Ein Vierteljahrhundert Ohrid – was bleibt

25 Jahre nach der Unterzeichnung, im August 2026, zog der mazedonische Journalist Vasko Popetrevski – langjähriger Chefredakteur der Polit-Sendung 360 Grad und selbst Augenzeuge der Verhandlungen von 2001 – eine nüchterne Bilanz gegenüber BIRN/Balkan Insight.

Sein Kernargument: Das Abkommen hat seine wichtigste Aufgabe erfüllt, es hat das Blutvergießen beendet und den politischen Prozess zurück in die Institutionen geholt.

Was jedoch ausblieb, ist eine gemeinsame gesellschaftliche Einigung darüber, was der Konflikt eigentlich bedeutete. Für viele Albaner steht Ohrid für den Höhepunkt eines langen Kampfes um Gleichberechtigung; für viele Mazedonier bleibt es untrennbar mit dem bewaffneten Konflikt verbunden – mit dem Gefühl, Zugeständnisse seien durch Waffengewalt erzwungen worden.

Popetrevski warnt davor, dass genau diese Narrative an eine Generation weitergereicht werden, die den Krieg selbst gar nicht mehr erlebt hat: Wenn junge Mazedonier und Albaner, die nach 2001 geboren wurden, Feindseligkeiten aus einem Konflikt erben, den sie nicht oder nur aus Erzählungen kennen, sagt das mehr über das Versagen der Gesellschaft der letzten 25 Jahre aus als über das Abkommen selbst.

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Die bunte Moschee – Stifterinnen, Farbe und italienisches Barock

Wer durch die Stadt zum Ufer der Pena geht, sieht sie schon von Weitem aufleuchten: die Šarena Džamija, die „Bunte“ oder „Bemalte Moschee“. Kein anderes Bauwerk auf dem Balkan sieht so aus. Die Ursprünge reichen zurück ins 15. Jahrhundert – je nach Quelle 1438 oder um 1495.

Bemerkenswert ist schon die Gründungsgeschichte selbst: Anders als die meisten Moscheen dieser Zeit, die von Sultanen, Beys oder Paschas gestiftet wurden, finanzierten hier zwei Schwestern, Hurshida und Mensure, den Bau – der Überlieferung nach aus ihrer eigenen Mitgift.

Ihr Grabmal, ein achteckiges Türbe, steht bis heute im Innenhof der Moschee. Für die damalige Zeit war eine solche Stiftung durch Frauen eine echte Ausnahme, und sie ist bis heute Teil der lokalen Identität des Ortes – ein Bauwerk, das von Anfang an mit weiblicher Handschrift verbunden war.

Die Moschee, wie wir sie heute sehen, ist allerdings nicht mehr die ursprüngliche. Nach einem Brand ließ der osmanische Statthalter von Tetovo, Abdurrahman Pascha, ein großer Kunstliebhaber, das Gebäude 1833/34 grundlegend erneuern und erweitern.

Genau diese Rekonstruktion prägt das heutige Erscheinungsbild: einen einzigen quadratischen Gebetsraum, dessen Innen- und Außenwände vollständig mit Fresken bedeckt sind. Wir sehen bei unserer Begehung Blumenmotive, geometrische Medaillons, Arabesken und gemalte Städteansichten (darunter Mekka). Beauftragt wurden Meistermaler aus Debar, die für die Farbherstellung angeblich Zehntausende Eier verarbeiteten, um die Pigmente zu binden.

Kunstgeschichtlich ist das Gebäude deshalb so bedeutend, weil es zwei stilistische Brüche in sich vereint. Die frühe Bausubstanz orientierte noch an anatolischen statt an klassisch-osmanischen (byzantinisch beeinflussten) Kuppelbauten.

Die Dekoration der Rekonstruktion von 1833 dagegen gehört in eine ganz andere Epoche. Sie zählt zu den eindrucksvollsten Beispielen des sogenannten „osmanischen Barock“, jener Stilphase (etwa 1740er bis frühes 19. Jahrhundert), in der europäische, vor allem norditalienische Barockornamentik in die osmanische Kunst einsickerte.

Über Handelsstädte wie Thessaloniki und die zunehmenden diplomatischen und kulturellen Kontakte des Osmanischen Reiches mit Mitteleuropa gelangte ein dekoratives Vokabular – illusionistische Architekturmalerei, plastisch wirkende Scheinarchitektur – in die osmanische Handwerkskunst, wo es mit islamischer Ornamentik aus Pflanzen- und Geometriemotiven verschmolzen wurde.

Hier kann man lernen, dass die islamische Architektur durchaus mit der europäischen Kultur in einen Austausch eintreten kann. Wir sitzen also staunend vor einem Gebäude, das Europa und den Orient ineinander verschränkt. Besuchergruppen aus aller Welt bewundern diese Symbiose.

3. Café gegenüber der Moschee: Ist Architektur politisch?

Wir bestellen Kaffee im Schatten alter Bäume, die Moschee auf der einen, der ehemalige Hamam – heute eine Kunsthalle – auf der anderen Seite. Zwischen den Tassen liegt ein Aufsatz zweier Architekturhistoriker der Staatlichen Universität Tetova, Kujtim Elezi und Nuran Saliu.

Der Text handelt über die Architektur der Stadt zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem Zweiten Weltkrieg. Und tatsächlich: Kaum ein Ort eignet sich besser, um die Frage zu stellen, ob Architektur und Stadtplanung politischen Einfluss ausüben. Die Antwort, die sich aus dem Text, wie aus dem Stadtbild selbst ergibt, lautet: unbedingt ja.

Die Autoren beschreiben, wie sich die osmanische Stadt bis weit ins 19. Jahrhundert nach einer klaren, religiös-rechtlich organisierten Logik entwickelte: Moschee, Basar (Bazaar) und Stiftung (Waqf) bildeten eine untrennbare Einheit. Eine Moschee wie die Šarena Džamija war nie ein isoliertes Sakralgebäude, sondern der Kern eines ganzen „Küllye“ – einer Stiftungsanlage, zu der Brunnen, Hamam, Karawanserei, Koranschule und Markt gehörten.

Die Stiftungen finanzierten über Mieteinnahmen aus Läden und Werkstätten dauerhaft den religiösen und sozialen Betrieb. Stadtentwicklung war damit nicht das Ergebnis eines zentralen Plans, sondern das kumulative Ergebnis frommer, oft privater Stiftungen – ein System, in dem Religion, Wirtschaft und Städtebau organisch verwoben waren.

Mit dem Ende des Osmanischen Reiches und erst recht mit dem Übergang zu Jugoslawien wurde dieses Modell „politisch“ überschrieben. Der Aufsatz beschreibt bereits für die Zeit vor 1918 eine erste „Europäisierung“ der Fassaden, die den orientalisch-traditionellen Baustil allmählich verdrängten. Das war noch eine bürgerliche, ästhetische Modernisierung.

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Die zweite, viel radikalere Zäsur kam mit dem sozialistischen Jugoslawien nach 1945. Die jugoslawische Idee der Modernisierung verstand Städtebau explizit als politisches Projekt: Funktionalistische, oft brutalistische Beton-Architektur sollte eine neue, säkulare, gesamtjugoslawische Identität sichtbar machen, die ethnische und religiöse Zugehörigkeiten überschreibt.

Die Losung „Brüderlichkeit und Einheit“ floss überall in die Betonwerke ein. Das prominenteste Beispiel dieser Haltung liegt nur eine Autostunde entfernt: der Wiederaufbau von Skopje nach dem Erdbeben von 1963, bei dem der japanische Architekt Kenzo Tange gemeinsam mit jugoslawischen Planern eine explizit modernistische, von Le Corbusiers Ideen geprägte Stadt entwarf – Sichtbeton, große Maßstäbe, funktional getrennte Zonen, die wenig Rücksicht auf das gewachsene osmanische Stadtgefüge nahmen. Das Projekt wurde wegen Geldmangel und bürokratischen Hindernissen nicht vollständig umgesetzt.

An dieser Stelle lohnt ein Umweg über die Gestalt, deren Ideen im ganzen sozialistischen Jugoslawien nachwirkten: Le Corbusier. Der Schweizer Architekt, der damals noch Charles-Édouard Jeanneret hieß, durchquerte die Region 1911 auf seiner berühmten „Voyage d’Orient“ – jener fünfmonatigen Reise von Prag über die Balkanländer, durch Rumänien und über Adrianopel bis nach Istanbul.

Biografen beschreiben seine Reise, die ihn wochenlang zu Fuß, per Maultier, Boot und Bahn in Dörfer und Städte der Region führte. In Istanbul blieb er fünfzig Tage, länger als an jedem anderen Ort der Reise. Tief beeindruckt von den Moscheen, sah er deren Kuppeln, Halbkuppeln und Minarette als reine geometrische Körper – Würfel, Kugel und Kegel.

Diese Silhouetten, das Verhältnis von Baumasse zu Grün- und Freiraum, notierte er sich explizit als Lehrstück für Stadtplaner; die Beobachtungen flossen Jahrzehnte später direkt in seine Schrift „The City of Tomorrow and its Planning“ (1929) ein.

Genau in diesem Ansatz liegt aber auch das Problem, auf das man hier, im Café gegenüber von Moschee und Hamam, mit Blick auf die jugoslawischen Betonbauten ein paar Straßen weiter stößt. Jeanneret sah die osmanische Stadt vor allem als Bild – als Silhouette, als Komposition reiner Formen, als malerische Unordnung, die ihn ästhetisch begeisterte.

Was er kaum erfasste, war die institutionelle Logik dahinter, eben jenes Dreieck aus Moschee, Basar und Stiftungen, das diese scheinbare Unordnung überhaupt erst organisiert hatte. Der zivilisatorische Kern der islamischen Stadt lag nicht in ihrer äußeren Form, sondern in dieser Verschränkung von Frömmigkeit, Handel und sozialer Fürsorge zu einer selbsttragenden Institution.

Le Corbusier nahm nur die Oberfläche mit – die reinen Volumen, die Silhouette, den Kontrast von Baukörper und Grün – und goss daraus zwei Jahrzehnte später mit der Ville Radieuse und der Charta von Athen (1933) ein Stadtmodell, das exakt das Gegenteil dieser osmanischen Logik verordnete: die strikte Trennung von Wohnen, Arbeiten, Erholung und Verkehr in separate Zonen.

Wo die Moschee-Basar-Stiftung-Anlage Glaube, Wirtschaft und Wohnen bewusst ineinander verwob, verlangte die Charta von Athen ihre säuberliche Auflösung in Funktionszonen.

Was diese doppelte Transformation – erst bürgerliche Europäisierung, dann sozialistischer Brutalismus – am Ende übrigließ, beschreibt der Aufsatz in seiner Schlussfolgerung fast resigniert: Von der reichen, hybriden Zivilarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts, den eklektischen Bürgerhäusern mit ihren Barock- und Renaissance-Zitaten, ist nur noch eine kleine Zahl an Gebäuden erhalten. Übriggeblieben sind vor allem die isolierten Sakralbauten – Moscheen und Kirchen – weil sie kontinuierlich religiös genutzt und damit gepflegt wurden.

Das Ergebnis ist eine Stadtlandschaft, in der die religiösen Gebäude zu den Hauptträgern kollektiver Identität wurden: die Moschee als Symbol albanisch-muslimischer, die orthodoxe Kirche als Symbol mazedonisch-christlicher Zugehörigkeit.

Was einst Teil eines vielschichtigen, auch säkularen Stadtgefüges war, wird so – mangels Alternativen – zum Hauptvokabular der Identitätspolitik. Architektur ist hier tatsächlich nicht nachrangig zur Politik, sondern eine ihrer sichtbarsten Bühnen. Die Frage, die sich stellt, könnte man so formulieren: Wenn Moscheen, Märkte und Stiftungen als soziale Realität verschwinden, verliert die Gemeinschaft ihre Verwurzelung im realen Leben?

Bleibt, statt des gemeinsamen Handelns, nur ein abstrakter, oft verhärteter Kulturkampf, mit seinen Bildern, bei denen es nur noch um Repräsentation und Labels geht, statt um das echte, gelebte Miteinander? Sicher ist heute nur eins, das alte Stadtbild, mit seinen komplexen Strukturen, wird nicht wieder zurückkehren.

Wir beobachten eine Gruppe junger Leute an einem Nachbartisch. Ob es Albaner oder Mazedonier sind, können wir nicht unterscheiden. Eine der jungen Frauen, trägt ein Kopftuch. Sie hantieren an ihren Handys, auf dem Tisch steht ein Laptop.

Was entdecken Sie gerade, was entwickeln sie gemeinsam? Diese Generation wird entscheiden, ob so etwas wie ein „Wir“-Gefühl in Mazedonien entsteht und wie genau, die neue soziale Realität der Zukunft aussehen wird.

Weiter an den Ohridsee

Wir zahlen, werfen einen letzten Blick auf die Farben der Moschee und die kühlen, stummen Betonflächen der jugoslawischen Nachkriegsbauten ein paar Straßen weiter, und setzen uns ins Auto. Vor uns liegt die Fahrt Richtung Süden, vorbei an Kičevo, hinein in die wunderbaren Landschaften um den Ohridsee – dorthin, wo Nordmazedonien sich lieber über seine Schönheit als über seine Gräben definiert.

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IZ-Reiseblog: Skopje oder eine Stadt sucht sich eine Geschichte

Skopje IZ-Reiseblog Stadt

IZ-Reiseblog über Skopje: Diese Stadt erzählt ihre vielschichtige Geschichte zwischen Monumenten, Basar und gelebter Vielfalt – aufmerksam, kritisch und voller leiser Hoffnung.

(iz). Es ist schwül, als wir auf den Makedonija-Platz zulaufen. Dann geht alles sehr schnell: Ein Gewitter bricht los, orkanartige Böen fegen über den Platz, die Temperatur fällt in Minuten. Menschen suchen Schutz unter Vordächern und in Hauseingängen. Schirme fliegen durch die Luft.

Wir stehen mittendrin und können nicht anders, als zu schmunzeln – über das Wetter, über uns selbst, über die Unwirklichkeit der Szene. Und vor uns, unberührt von alldem: ein riesiger Reiter, hoch über einem Wasserbecken, sein Pferd aufgebäumt, als müsste es nicht nur einen Feind bezwingen, sondern gleich die ganze stürmische Gegenwart.

Offiziell heißt er nüchtern „Krieger zu Pferd“ – Voin na konj. Inoffiziell weiß jeder in Skopje, wer gemeint ist: Alexander der Große.

Dieser doppelte Name ist unser erster Hinweis darauf, was für eine Stadt wir betreten haben. Skopje ist eine junge Hauptstadt, die sich offensichtlich eine sehr alte Herkunft wünscht – und eine Stadt, die genau deshalb ständig zwischen mehreren Geschichten hin- und herblickt.

Die Antike, das byzantinische Reich, die osmanische Geschichte und das jugoslawische Erbe bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte und sind gleichzeitig Erinnerungen an alte Konflikte. Wo setzt die große Erzählung ein, was betont, was vermeidet sie? Genau diese Konstellation macht Skopje, wie wir bei unserem Besuch lernen sollten, so faszinierend.

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Ein Platz, der Geschichte behauptet

Ab 2010 verwandelte die Regierung unter der VMRO-DPMNE das Zentrum Skopjes im Projekt „Skopje 2014″ in ein Ensemble aus neoklassizistischen Fassaden, Triumphbögen, Brunnen und Heldenstatuen. Aus veranschlagten 80 Millionen Euro wurden am Ende schätzungsweise 680 Millionen. Bis heute wird darüber gestritten, ob das Geld gut angelegt war.

Aber eines lässt sich kaum bestreiten: Jede Hauptstadt erzählt sich selbst ein Bild. Ungewöhnlich an Skopje ist nur, wie unverhohlen dieses Bild hier zur Behauptung wird – nicht Erinnerung, die sich verdichtet, sondern eine Vergangenheit, die eigens für den Blick von heute gebaut wurde, und die genau dadurch sichtbarer wirkt als jede gewachsene Geschichte es könnte.

Der französische Philosoph Jean Baudrillard hätte an diesem Platz seine Freude gehabt. Seine Kernidee, verkürzt gesagt: Normalerweise bildet ein Bild etwas Reales ab – eine Landkarte folgt einem Territorium, ein Denkmal einer tatsächlichen Person.

Baudrillard beschrieb jedoch Fälle, in denen diese Reihenfolge sich umkehrt: Das Bild kommt zuerst, und die „Wirklichkeit“ wird nachträglich so eingerichtet, dass sie zum Bild passt. Er nannte solche Bilder ohne zugrundeliegendes Original „Hyperrealitäten“.

Auf Skopje übertragen heißt das: Nicht die Antike hat dieses Denkmal hervorgebracht, sondern der Wunsch nach einem antiken Alexander als nationaler Bezugspunkt hat das Denkmal – und mit ihm ein Stück der heutigen Selbstwahrnehmung der Stadt – erst hervorgebracht. Das ist kein Vorwurf. Es macht den Platz nur interessanter, als er auf den ersten Blick wirkt: Man schaut hier nicht auf Geschichte, sondern dabei zu, wie Geschichte gerade gemacht wird.

Der Reiter und der Nachbar

Dass der Reiter offiziell nicht Alexander heißen darf, ist keine Marginalie, sondern die eigentliche Pointe. Das Nachbarland Griechenland verstand die Statue nie als harmlose Stadtdekoration, sondern als Versuch, sich hellenisches Erbe anzueignen – ein Sprecher des griechischen Außenministeriums warf Skopje seinerzeit vor, griechische Geschichte zu „usurpieren“.

Hinter dem Streit um einen bronzenen Namen stand weit mehr: Grenzen, EU- und NATO-Perspektive, die Frage, wem eine antike Geschichte politisch gehört. Und doch: Diese Geschichte hat inzwischen ein gutes Schlusskapitel bekommen.

Nach dem Prespa-Abkommen von 2018 einigten sich beide Länder – Nordmazedonien erhielt seinen neuen Namen, der Weg nach Europa öffnete sich ein Stück weiter, und selbst der Reiter bekam eine neue, versöhnlichere Beschriftung als Teil der gemeinsamen hellenischen Geschichte.

Der Stein blieb derselbe. Seine Bedeutung wurde neu verhandelt. Das ist, wenn man so will, die tröstlichste Lektion Skopjes: Monumente sind aus härterem Material als die Politik, die sie einst aufstellte – und trotzdem lassen sich ihre Geschichten immer wieder neu erzählen, manchmal freundlicher, als sie begannen.

Über die Brücke

Nach einer knappen halben Stunde beruhigt sich das Wetter, und wir setzen unseren Weg fort. Die Steinbrücke über den Vardar führt uns vom Platz der großen Gesten in eine andere Stadt. Auf der einen Seite: neoklassizistische Gegenwart im Antikenkostüm.

Auf der anderen: der Alte Basar, gewachsen über Jahrhunderte aus Handel, Sprachen, Migration und Glauben. Wir tauchen ein in enge Gassen, riechen gegrilltes Fleisch und frischen Kaffee, hören mehrere Sprachen gleichzeitig. Hier verkörpert sich Geschichte nicht als Behauptung, sondern als Schicht auf Schicht gewachsener Alltag.

Moscheen erinnern an die osmanisch-muslimische Prägung der Stadt, die bis heute lebendig ist. Wenige Gehminuten entfernt erhebt sich die neue orthodoxe Kirche der Heiligen Konstantin und Helena, erst 2025 geweiht, nachdem ihre Vorgängerin nach dem Erdbeben von 1963 verschwunden war.

Und dann finden wir die Bet-Yaakov-Synagoge, 2000 eröffnet an der Stelle, an der 1943 mehr als 7.000 mazedonische Juden von bulgarischen Besatzungsbehörden nach Treblinka deportiert wurden – fast das gesamte jüdische Skopje. Ihre bloße Existenz heute ist mehr als Wiederaufbau. Sie ist eine leise, beharrliche Anwesenheit gegen das Vergessen.

Moschee, Kirche, Synagoge sind hier wenige hundert Meter voneinander entfernt. Wir wollen das nicht vorschnell zum Vorzeigebild einer gelungenen Multikulturalität erklären – ihre Geschichten sind zu unterschiedlich, zu ungleich in ihrem Leid und ihrer Dauer. Aber allein, dass sie heute nebeneinanderstehen, wieder genutzt und besucht werden, ist eine leise Form von Hoffnung, die uns auf diesem Spaziergang immer wieder auffällt.

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Der Basar bleibt Stadt

Auch im Basar gibt es Souvenirs, Kaffeehäuser, Kameras. Auch hier wird Vergangenheit verkauft. Der Unterschied zum Makedonija-Platz liegt woanders: Der Basar lässt sich zwar herausputzen und vermarkten, aber er widersteht dem völligen Verwandeln in Kulisse, weil hier einfach weiterhin Stadtleben passiert.

Menschen kaufen ein, beten, arbeiten und verabreden sich zum Kaffee. Wir sitzen eine Stunde in einem winzigen Café, trinken zu süßen Tee, und beobachten, wie das Viertel längst allen Skopjern gehört, nicht nur den Touristinnen und Touristen.

Ein Platz will betrachtet werden. Ein Basar will benutzt werden. Das, vermuten wir, ist der eigentliche Unterschied zwischen einer echten Stadt und einer Kulisse – und der Basar besteht diesen Test.

Rast in der Mustafa-Pascha-Moschee

Von der Mittagshitze und dem Trubel in den Gassen etwas erschlagen, steigen wir die wenigen Stufen zur Mustafa-Pascha-Moschee hinauf, die hoch über dem Basarviertel liegt. Sie wurde 1492 erbaut und gilt als eine der schönsten osmanischen Moscheen auf dem Balkan – ihre Kuppel, ihr zierlicher Portikus mit den bemalten Bögen, der Innenhof mit Brunnen und alten Platanen wirken wie ein eigener, stillerer Kosmos direkt über der lauten Stadt.

Wir setzen uns nach dem Gebet eine Weile in den Schatten des Hofes. Von hier oben blicken wir über die Dächer des Basars bis hinüber zum Makedonija-Platz, wo der Reiter in der Sonne glänzt.

Es ist einer dieser Momente, in denen sich die Stadt kurz beruhigt – nicht, weil sie ihre Widersprüche gelöst hätte, sondern weil ein Ort wie dieser einfach Raum zum Durchatmen bietet, mitten in ihnen. Erholt und ein wenig andächtig steigen wir später wieder hinab in die Gassen.

Die stille Karawanserei

Am späteren Nachmittag besuchen wir die Karawanserei Kuršumli An. Einst Herberge, Lagerhaus und Handelsplatz zugleich, später zeitweise Gefängnis, heute Museumshof für kulturelle Veranstaltungen.

Die Arkaden stehen leer, die islamische Ökonomie, für die sie gebaut wurden, ist längst vergangen. Auf dem ganzen Balkan finden sich Spuren der ökonomischen und sozialen Infrastruktur der osmanischen Geschichte.

Wir stehen eine Weile in der Stille dieses Innenhofs, und paradoxerweise wirkt gerade diese Leere ehrlicher als die pompöse Fülle des Makedonija-Platzes. Der Kuršumli An behauptet nicht, noch zu leisten, was er einmal leistete. Er zeigt keine triumphale Wiederkehr, sondern erlaubt seiner Geschichte, einfach vorbei zu sein.

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Ein Abend, viele Trachten

Skopje ist keine Stadt ohne Geschichte, die sich eine Herkunft erfindet. Es ist eine Stadt mit zu vielen Geschichten, als dass eine einzige von ihnen den Rest zum Schweigen bringen könnte.

Der Reiter, die Steinbrücke, die Moscheen, die neue Kirche, die Synagoge, der Basar, die stille Karawanserei – sie sprechen nicht dieselbe Sprache. Und doch gehören sie alle demselben Ort.

Als wir am Abend zum Platz zurückkehren, hören wir gleichzeitig den Ruf des Muezzins und die Klänge eines Kulturfests: Um das Reiterdenkmal herum haben sich zahlreiche Gruppen in bunten Trachten versammelt, mit Trommeln, Musikinstrumenten und Gesängen, als wäre für einen Abend die ganze Welt in diese eine Stadt gezogen.

Kinder tanzen zwischen den Ständen, die Erwachseneren bedienen ihre Smartphones, und für einen Moment scheint es, als hätte die Veranstalter die vielen Kulturen einfach nebeneinandergestellt, ohne sie bewerten zu müssen – und genau darin liegt vielleicht eine große Stärke. Die Frage, inwieweit Kulturen sich in einer globalisierten Welt überhaupt ihre Authenzität bewahren können, stellt sich nicht nur hier.

Wir wissen also nicht, ob dieser Abend mit seiner Multikulti-Atmosphäre die tiefen Brüche der Region heilen kann, die sich in Skopjes Straßen, Erinnerungen und Namen eingeschrieben haben. Aber wir nehmen ein Bild mit, das uns hoffen lässt: eine Stadt, die lernt, ihre Widersprüche nicht zu verstecken, sondern auszustellen – und darin vielleicht ehrlicher ist als jede glatte Versöhnungserzählung es je sein könnte.

Die Frage, die uns auf dem Rückweg bleibt, ist deshalb keine resignierte: Nicht ob der Balkan sein Narrativ findet, sondern welches. Wird es die eine, große Erzählung sein, die eine Herkunft über alle anderen stellt?

Oder gewinnt am Ende die leisere, schwierigere Erzählung – die, in der viele Geschichten gleichzeitig wahr sein dürfen? Welche politische Mehrheit wird künftig das Erbe dieser Region interpretieren?

Skopje, so viel nehmen wir mit, hat sich noch nicht endgültig entschieden. Und vielleicht ist genau das, in dieser Stadt an diesem Abend, ein gutes Zeichen.

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Tharik Hussain: We are like ‘time travelers’

Minarette

(iz). There are not many books about Islam and Muslims in Europe that have a transforming effect just by reading them – not to mention enthusiasm. The English travel writer and photographer Tharik Hussain has succeeded in writing such a book with “Minarets in the Mountains.”

In the past, the Briton has worked for the BBC, among others, and published several travel guides on countries such as Saudi Arabia, Bahrain, or Thailand. We talked to him about his new book, the Western Balkans, and European Muslims.

Islamische Zeitung: Dear Tharik Hussain, your latest book “Minarets in the Mountains” has recently been published in English and is going to have a German translation too. As it is so encompassing, is it only a traveling book or equally a history and a description of the present?

Tharik Hussain: It falls into the genre of travel literature, and I believe good travel literature, written by the likes of William Dalrymple, Tim Mackintosh-Smith and others that have influenced me, should do all of this; offer history, an insight of the present and a good, engaging narrative.

Islamische Zeitung:  Since you were not just moving through a physical space but also a temporal, how did you experience this duality of space and time in the places visited?

Tharik Hussain: It was fascinating. I have always loved books written in this way, like the one by Tim Mackintosh-Smith when he follows in the footsteps of Ibn Battuta. Tim put it best when he said to me, we are like ‘time travellers’, and that’s how it can sometimes feel to have that historic window and compare it to what is in front of you.

Islamische Zeitung: You let yourself being guided by the memories of the famous Ottoman traveler Evliya Çelebi. How import was he as an interpretation and as a helper to find your way around in the Western Balkans?

Tharik Hussain: As I state in the book, Evliya’s observations are important because he was writing at a time when many of the places I visited were the most ‘Muslim’ they have ever been, so it allowed me to see just how much of that remains, and then ask questions about why it might have changed. Equally important was the fact that as a Muslim, Evliya was looking at this history and heritage as his own, like I wanted to. This was something previous writers in English about this region didn’t always do because they were not Muslim.

Islamische Zeitung: Dear Tharik, one remarkable aspect of your travel book is that you are not just featuring physical places and their history. You’re always meeting people and engaging with them. What are your impressions of the Muslims you met?

Tharik Hussain: Like people across the globe, they were fascinating. They are very proud of their roots and their identities. These are people with ancient histories who are very secure in who they are. But of course, the most engaging thing was to hear the individual stories of remarkable people like those that saved Jews in the holocaust or fought in the Siege of Sarajevo – all were truly inspiring Muslims of Europe I had not known about before this journey.

Islamische Zeitung: Do you think mainly migrant Muslims in Western Europe pay enough head to this aspect? Should the Muslims in Southeastern Europe receive more representation by the wider Muslim community in the west?

Tharik Hussain: Absolutely. The Muslims of SEE are almost entirely overlooked and not even viewed in the popular domain as part of the global Muslim community. Those living in the western half – many the result of postcolonial migration or conversion to Islam could learn a lot about belonging and identity from a community that has been European and Muslim for almost six centuries.

Islamische Zeitung: What fascinates you most in the Western Balkans?

Tharik Hussain: The way the everyday people there, seem to have always harmoniously bridged the different religious and cultural influences that have come together in this region, from sharing sites of religious significance like the Islamic-Christian tombs of Bulgaria that I write about, through to the pluralist heritage of places like Sarajevo. Yes, the powers that be were warring at various intervals, but the people; how they got along (in the main), inter married, respected each other’s differences – that was fascinating.

Islamische Zeitung: If you had to pick one place during your journey what would it be?

Tharik Hussain: That would be tough, but the most surprising was probably Skopje as I knew very little about it before I arrived, and to then be literally stumbling over stunning Islamic monuments blew me away – but then I could say that about every corner of Muslim Europe!

Unsichere Grenzen, unsichere Staaten: Der Balkan bleibt für die Muslime in Europa eine Herausforderung. Von Khalil Breuer

(iz). Für die Muslime in Europa bleibt die Balkanregion ein faszinieren­des Phänomen. Hier in Südosteuropa, zwischen Sarajevo und Istanbul, treffen sich nicht nur alte und ­berühmte Handelsrouten, sondern hier fand […]

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