(iz). Nach einer versuchten Brandstiftung durch Unbekannte auf eine Bielefelder Moschee am 11. August kam es am Morgen des 18. August zu einem ähnlich gelagerten Anschlagversuch auf eine andere muslimische […]
Nachrichten & Lebensart
(iz). Nach einer versuchten Brandstiftung durch Unbekannte auf eine Bielefelder Moschee am 11. August kam es am Morgen des 18. August zu einem ähnlich gelagerten Anschlagversuch auf eine andere muslimische […]
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(iz). In den letzten zwei Wochen ließen mehrere Brandanschläge auf Moscheen in Berliner und Bielefeld die muslimische Gemeinschaft aufhorchen und machte viele, nicht nur die Gemeinden vor Ort, betroffen. Viele Muslime stellen sich nicht nur Fragen nach der Sicherheit ihrer Einrichtungen, sondern auch nach der Zukunft eines gedeihlichen Zusammenlebens. Insbesondere ein größeres Interesse von Politik und Medien wurde in sozialen Medien wie Facebook weithin angemahnt.
Darüber sprachen wir am 21. August mit dem amtierenden Sprecher des Koordinationsrates der Muslime und Vorsitzenden des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, Ali Kizilkaya, über seine Eindrücke bei Besuchen in Berlin und Bielefeld, über unangemessene historische Vergleiche sowie über nachbarschaftliche Solidarität. „Es gibt in Deutschland leider Islamfeindlichkeit, aber Deutschland ist nicht islamfeindlich“, sagte der KRM-Sprecher.
Islamische Zeitung: Lieber Ali Kızılkaya, Sie haben als Sprecher des Koordinationsrates der Muslime (KRM) von Brandanschlägen betroffene Moscheen in Berlin und Bielefeld besucht. Was haben Sie empfunden, als sie die angegriffenen Gemeinden besucht haben?
Ali Kızılkaya: Am Ort des Geschehens bekommt man natürlich einen viel besseren Eindruck als über Medienberichte und Fotos. Ich war tief betroffen und schockiert. Angesichts der mutlosen Zerstörung kommt man sich im ersten Augenblick hilflos vor.
Islamische Zeitung: Brandschläge auf Moscheen häufen sich in den letzten Jahren und gerade in diesen Tagen hat man dies deutlich gesehen. Wie ist die Stimmung bei den betroffenen Gemeinden?
Ali Kızılkaya: Man spürt, dass sich die Gemeinden alleingelassen fühlen. Sie können nicht nachvollziehen, woher dieser Hass gegen sie kommt. Sie, die sich doch so sehr darum bemühen, als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft angenommen zu werden.
Islamische Zeitung: Ergreifen diese und andere Gemeinden Ihrem Kenntnisstand nach konkrete Gegenmaßnahmen, um sich vor weiteren Anschlägen zu schützen?
Ali Kızılkaya: Zuerst ist es natürlich wichtig, dass man wachsam ist und genau hinschaut. Natürlich erwartet man, dass die Politik und auch die Gesellschaft diese Herausforderung gemeinsam annehmen. Das sind Anschläge, die gegen unsere Gesellschaft gerichtet sind. Gebetshäuser, seien es Kirchen, Synagogen oder Moscheen, sind Orte, die eines besonderen Schutzes bedürfen. Insofern ist zu erwarten, dass alle aufmerksam sind. Man muss wachsam sein, aber es gibt keinen Grund zur Panik.
Islamische Zeitung: Sind – bei aller Empörung –, Vergleiche mit der NS-Zeit hilfreich?
Ali Kızılkaya: Nein. Sie verbieten sich sogar.
Islamische Zeitung: Lieber Herr Kızılkaya, wie bewerten Sie die Stimmung im Lande, gibt es auch Hoffnung?
Ali Kızılkaya: Es gibt in Deutschland leider Islamfeindlichkeit, aber Deutschland ist nicht islamfeindlich. Natürlich gibt es hier besonnene Stimmen, die aber leider noch viel zu zaghaft zu hören sind. Zu unserer Enttäuschung waren die Reaktionen bisher leider noch sehr verhalten. Politik und Medien haben dieses Thema bisher mehr oder weniger ignoriert.
Islamische Zeitung: Müsste man sich jetzt nicht konzentriert zusammensetzen, um konstruktive Strategien zu entwickeln?
Ali Kızılkaya: Das tun die Muslime bereits, auch wenn es nicht immer öffentlich zu erkennen ist. Jetzt haben wir eine neue Situation: Innerhalb einer Woche wurden drei Anschläge auf Moscheen verübt. Das gibt natürlich zu denken. Wir werden erst einmal innerhalb des Koordinationsrates der Muslime beraten, wie wir mit der Lage umgehen und was wir machen können.
Islamische Zeitung: Was können Muslime lokal tun, damit sich die Nachbarschaften solidarisch verhalten können?
Ali Kızılkaya: Solidarität sollte unabhängig von diesen Bränden behandelt werden. Moscheen sollten immer eine gute Beziehung zu ihren Nachbarn pflegen. Schließlich ist das auch eine islamische Pflicht. Solidarität entsteht dann von selbst.
Islamische Zeitung: Was gibt Ihnen die Energie und die nötige Zuversicht, um in dieser Zeit diese wichtige Arbeit zu machen?
Ali Kızılkaya: Zuerst, der Glaube. Zweitens, wir sind eine Gesellschaft; also gibt es keine Alternative zum Zusammenleben.
Islamische Zeitung: Lieber Ali Kızılkaya, wir bedanken uns für das Interview.
(iz). Nach einer Brandstiftung durch Unbekannte auf eine Bielefelder Moscheegemeinde am 11. August kam es am Morgen vom 18. August zu einem weiteren Anschlagversuch auf eine andere Lokalität. Laut Berichten […]
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Berlin (iz). In der Nacht zum 12. August kam es zu einem Brand am Rohbau der Berliner Mevlana-Moschee im Stadtteil Kreuzberg. Seitdem begann für die Gemeinde in Kreuzberg ein Gezerre um Ursache und Tathergang. In der Presse hieß es zunächst weiträumig, die Baumaterialien hätten Feuer gefangen, von einem Brand in der Moschee war keine Rede.
Deutschlandweit löste das Ereignis Entsetzen aus und entfachte eine hitzige Debatte über den oftmals ignorierten antimuslimischen Hass in Europa. Der Islamische Förderation Berlin rief ihre Moscheegemeinden auf, aus Solidarität das Freitagsgebet vor der Mevlana-Moschee zu verrichten; auch in den sozialen Medien verbreitete sich die Aufforderung. Diesem Aufruf folgten mehr als 1.000 Muslime, wofür die, sonst stark befahrene, Skalitzer Straße gesperrt wurde.
//2// Zahlreiche Passanten beobachteten und fotografierten die auf Teppichen kniende Menschenmasse, während diese der Rezitation der Sura Yasin lauschte. Der Imam predigte von Verständigung und Vielfalt. Es dürfe nicht zu Rassismus kommen, mahnte er, und betonte, dass die Abstammung eines Menschen ihn weder besser noch schlechter macht, sondern lediglich das menschliche Gottesverständnis und ein guter Charakter.
Er sah im Stolz das Fundament für Feindseligkeiten gegenüber anderen und verwies darauf, dass der Islam keine Bevorzugung einer Kultur oder eines Volkes kennt, sondern für jeden offen stehe. Er fuhr fort: Die Muslime dürfen „in keine Opferrolle fallen“, vielmehr sollten sie Vorbilder sein und nachahmenswerte Wege vorweisen.
Die Besucher bestanden aus Jung und Alt, Frauen und Männern, waren dunkel- und hellhaarig. Die Stimmung war neutral, bis gelassen. Befürchtete Emotionen blieben aus. Die Polizei war mit einem großen Aufgebot erschienen, musste es aber in keiner Hinsicht nutzen.
//4// Im Anschluss an das Gebet fand man sich noch einmal vor dem beschädigten Rohbau der Moschee zu einer Pressekonferenz ein. Zahlreiche Kamerateams waren erschienen, ebenso Funktionäre und andere Personen aus der Öffentlichkeit. Der Imam nutzte die Gunst der Stunde, um den Unmut der Gemeinde zum Ausdruck zu bringen. Die Kooperationsbereitschaft der Polizei ließe sehr zu wünschen übrig. Man habe der Presse noch vor dem Moscheevorstand Eintritt in das Gelände gewährt und die Gemeindemitgliedern erst nach Bitte der türkischen Auslandsvertretung um 09.00 Uhr des Folgetages den Tatort besichtigen lassen.
Auch von der Politik habe sich die Gemeinde mehr Anteilnahme erwartet, so habe die türkische Regierung ihnen mehr geholfen,als die deutsche und das dürfe nicht sein. Abgesehen von der Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann von den Grünen habe kein zuständiger Politiker die Moschee besucht. Deutliche Kritik adressierte er namentlich an den regierenden Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, und Innsensenator Frank Henkel. Außerdem gab er bekannt, dass am Morgen des 15.08. in der Asche Spuren von Brandbeschleunigern gefunden worden sind, wonach man von mutmaßlicher Brandstiftung ausgehen müsse. Er vertraue weiterhin den Ermittlungsbehörden und hoffe, dass solche „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zukünftig nicht mehr geschehen mögen. Auch die Bürgermeisterin des Bezirks Kreuzberg-Friedrichshain, Monika Hermann, wollte die Wichtigkeit der kulturellen und religiösen Vielfalt Berlins erwähnen und sprach den Betroffenen ihr Mitgefühl aus. Sie appellierte an die Anwesenden, nicht selbstständig Schuldige zu suchen, sondern die Ermittlungsergebnisse der Polizei abzuwarten.
//3// Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, rief zu Besonnenheit und Vernunft auf. Man dürfe nicht vergessen, dass hier alle in einem Boot säßen und man gemeinsam den wichtigen Aufgaben nachgehen müsse. Auch Süleyman Kücük vom DITIB Landesverband Berlin zeigte sich solidarisch mit der Mevlana-Moschee. Seine Ansprache zur Pressekonferenz schloss der Imam mit einem Zitat von Rumi ab: „Wenn dir das Leben immer wieder seine dornige Seite zeigt, so sei nicht traurig. Wisse, dass das Leben dir dann auch die Rose zeigen wird.“
(iz).Mit der Veröffentlichung des Gutachtens zur so genannten „Theologie der Barmherzigkeit“ des Münsteraner Professors Mouhanad Khorchide herrscht endlich Klarheit darüber, wie der Koordinationsrat der Muslime (KRM) sich dazu positioniert. Schließlich […]
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(iz). Na also, wir Muslime müssen nicht immer nur reagieren. Wir können auch – wenn wir gut organisiert sind – ein Thema offensiv besetzen. Am Tag der Offenen Moschee ging […]
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(iz). Vor Kurzem wurde bekannt, dass vier Moscheen an unterschiedlichen Orten zum Ziel anti-muslimischer Übergriffe wurden. Trotz muslimischer Stellungnahmen dazu erreichte das Thema entgegen der Schwere der Vorgänge nur die Seiten einiger Lokalblätter sowie von Muslimen betriebene Webseiten.
Die IZ sprach mit der Medienwissenschaftlerin Dr. Sabine Schiffer über den Zusammenhang zwischen medialer Muslimfeindlichkeit und solchen Übergriffen. Wir fragten nach den Mechanismen der öffentlichen Islamkritik, wollten wissen, wie groß die Fähigkeit zur Selbstkritik unter Deutschlands Qualitätsmedien ist und reflektieren über die Möglichkeit, ob und wie anti-muslimische Webseiten einer stärkeren Kontrolle unterzogen werden. Dr. Schiffer sieht „Zitierzirkel“, die am Fortbestand und der Verfestigung von Vorurteilen beteiligt sind. Abschließend beleuchten wir mit der Expertin die Möglichkeit, ob und wie Muslime Gegenstrategien entwickeln können, solange sie – wie bisher – keine Diskurshoheit in den Mainstreammedien haben.
Islamische Zeitung: Frau Dr. Schiffer, in den letzten Tagen wurde bekannt, dass es Übergriffe auf vier unterschiedliche Moscheegemeinden gab. Viele Muslime sehen Zusammenhänge zwischen solchen Taten und einer medial präsenten „Islamkritik“ unterschiedlicher Färbung. Erkennen Sie als Medienwissenschaftlerin hier einen Zusammenhang?
Dr. Sabine Schiffer: Ja, wir sehen hier einen Zusammenhang und warnen davor bereits seit Langem.
Islamische Zeitung: Wie genau funktioniert dieser Zusammenhang zwischen den Segmenten der medialen Muslimfeindlichkeit und dieser ideologischen Kriminalität?
Dr. Sabine Schiffer: Die so genannte „Islamkritik“, die oft weit über Religionskritik hinausgeht, führt zu einer regelrechten Dämonisierung aller Muslime und schürt Ängste. Sie wird in Teilen der allgemeinen Medien seit Langem, extrem im Internet und jetzt auch auf der Straße in Form von Infoständen ausgefochten. Das ist gewissermaßen eine Dauerberieselung, die bei einigen verfängt und Ängste auslöst. Es ist immer wieder so wie das, was wir von den Anschlägen von vor 20 Jahren kennen [Solingen], sodass sich gerade junge Leute aufgefordert fühlen, endlich mal etwas zu tun, während die Alten nur reden. Der Ausgrenzungscharakter solcher diffamierenden Debatten wird sehr oft unterschätzt.
Islamische Zeitung: Gilt das für alle Erscheinungen, die unter „Islamkritik“ firmieren, oder gibt es eine Grenze zwischen legitimer Meinung und Diffamierung?
Dr. Sabine Schiffer: Natürlich gibt es solche Grenzen. Die Frage ist aber, ob noch zwischen beidem unterschieden wird. Geht es wirklich um Religionskritik? Das ist ja normalerweise kein Thema öffentlicher Debatten. Währenddessen gibt es Muster bei der Äußerung bestimmter Themen, deren Kritik oft berechtigt ist. Deren Fokus aber ist ein anderer. Sehr oft werden allgemeine Missstände wie Gewalt, Terror, Krieg, Frauenunterdrückung oder Antisemitismus, die auf der ganzen Welt zu beklagen sind, einfach Muslimen allein zugewiesen. Derart wird eine kleine Verschwörungstheorie konstruiert, so als müsse man gegen Islam und Muslime vorgehen, um diese Probleme zu beseitigen. Hier haben diese Kritik beziehungsweise die allgemeine Religionsdiffamierung eine Funktion, die man in einem solchen Moment erkennen muss. Dabei werden immer wieder zu verallgemeinernde Klischees in den Raum gestellt und wiederholt, sodass ich glaube, dass die öffentliche Debatte ein bisschen kritischer betrachtet werden müsste.
Islamische Zeitung: Jüngst veröffentlichten Medienwissenschaftler Studien, in denen sie das Maß der Selbstkritik in der Medienarbeit untersuchten. Das Ergebnis sah nicht so gut aus… Gibt es Reflexion in Medien, was Veröffentlichungen über den Islam auslösen können?
Dr. Sabine Schiffer: So wenig, wie es „den Islam“ gibt, so wenig gibt es „den Journalisten“ oder „die Medien“. Viele stellen selbstkritische Fragen. Aber es gibt auch einige, die dadurch auffallen, dass sie eine ganz starke Tradition einer bestimmten Ausrichtung pflegen. Insofern herrscht ein bisschen der Ruch, dass ja nur über Fakten berichtet werde. Es wird aber nur selten überprüft, ob diese Fakten überhaupt relevant für den vorliegenden Sachverhalt sind. Wenn ich dies immer zusammen konstruiere, dann suggeriere ich natürlich Zusammenhänge, die vielleicht bei etwas umfassenderer Betrachtung gar nicht als etwas spezifisch muslimisches oder islamisches erkennbar wären. Hier gibt es Leute, die das reflektieren, und es gibt solche, die eine Reflektion verweigern. Sie halten sich für sehr gut informiert und entwickeln daher sowieso eine gewisse Barriere, die Dinge selbstkritisch zu betrachten. Studien belegen dies. Auch die Fähigkeit der Kollegen untereinander, in öffentlichen Debatten tatsächlich Dinge und Kollegen in Frage zu stellen, ist gerade in Deutschland eher selten ausgeprägt.
Islamische Zeitung: Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf, dass Behauptungen, die ihren Ursprung in Meinungen haben (wie „der Islam unterdrückt Frauen“) gerade in letzter Zeit zu nicht hinterfragten Fakten geworden sind. Ist das ein Problem?
Dr. Sabine Schiffer: Ja, das ist wohl richtig. Aus Vorurteilen sind inzwischen feste Wissensstrukturen geworden, die dann auch gar nicht mehr hinterfragt werden. Gerade beim Thema Frauen herrscht bei sehr vielen Leuten eine ganz feste Vorstellung. Diese wurde in den letzten Jahren durch derlei Debatten noch weiter verfestigt. Da die Benachteiligung von Frauen ein allgemeines Phänomen ist, fehlt zwar die Spezifik, aber entsprechende Beispiele werden trotzdem traditionell Muslimen zugewiesen, weil Muslime im Fokus der Debatte stehen und nicht alle, die Frauen unterdrücken.
Das ist ein Phänomen der Feindbildkonstruktion. Man sollte ganz klar erkennen, dass wir es hier mit einer tiefsitzenden rassistischen Struktur zu tun haben, die eben Feindbildcharakter hat.
Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen Aktivisten, die öffentlich als Experten oder objektiv schreibende Journalisten wahrgenommen werden?
Dr. Sabine Schiffer: Es gibt natürlich gewisse, zu beobachtende Zitierzirkel, in denen sich kolportierte Meinungen von einflussreichen Leuten verselbstständigen, wobei die Gegenstimmen schnell untergehen. Insofern haben wir keine gleichwertige Debatte zwischen einzelnen Meinungen, sondern ganz starke Kräfte, die bestimmte Dinge veröffentlichen können; und andere eben nicht.
Andererseits fehlt in Sachen Strafverfolgung von behördlicher und politischer Seite eine Gleichbetrachtung der Dinge. Man sollte alle bedrohten Menschen schützen und nicht nur bestimmte Opfergruppen als solche festlegen, wobei andere nach dem Motto ignoriert werden: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Hier wird ein Potential unterschätzt, dessen extremste Ausformungen sich in Norwegen beobachten ließen.
Islamische Zeitung: Ist es ein Fortschritt, dass bestimmte Landesverfassungsschutzämter anfingen, bestimmte muslimfeindliche Webseiten und Newsgroups zu beobachten?
Dr. Sabine Schiffer: Zunächst ja, aber wenn der oberste Dienstherr des „Verfassungsschutzes“ erklärt, dass man den wichtigsten Hetzblog nicht beobachtet, weil man den Islam nicht lieben müsse, dann ist das natürlich ein ganz starkes Signal. Es wird in den entsprechenden Kreisen wahrgenommen und auch gelobt. Da fühlt man sich bestätigt.
Wir hätten längst aus den Anschlägen vor 20 Jahren lernen müssen, dass solche Äußerungen aus der politischen Mitte den rechtsextremen Rand stärken, dass der Rassismus der Mitte die Ränder stärkt und die Extremisten irgendwie ermutigt, dann aktiv zu werden. Wir sehen das an den zunehmenden Anschlägen auf Einrichtungen, die ganz klar als muslimische erkennbar sind.
Islamische Zeitung: Sie haben eben vom rechten Rand gesprochen. Oft wird die kritisierte Islamkritik mit den Vokabeln rechts, rechtsextrem oder rechtspopulistisch in Verbindung gebracht. Dieses Phänomen findet sich – Stichwort Kritische Islamkonferenz oder Zentralrat der Ex-Muslime – auch bei Leuten, die gemeinhin als Linke wahrgenommen werden. Ist das nicht ein simples Beschreibungsmuster?
Dr. Sabine Schiffer: Da haben Sie Recht. Die Verlagerung an den rechten Rand suggeriert ein bisschen, dass die Gesellschaft an sich immun sei und funktioniere und dass es nur rechts ein Problem gäbe. Hier handelt es sich auch darum, eine Projektionsfläche zu haben. Wir haben es hier mit einem ganz breiten Phänomen zu tun und das ist genau das Problem, warum es politisch so anschlussfähig ist. Teilweise wird es auch von politischen Gruppierungen und Strömungen ausgenutzt.
Islamische Zeitung: Haben Sie Ratschläge, wie Muslime und/oder ihre Interessenvertretungen im Rahmen eigener Medienstrategien etwas tun können? Sehen Sie hier Potenziale?
Dr. Sabine Schiffer: Ehrlich gesagt sehe ich da kein großes Potenzial, weil sie nicht entscheiden, was in den Mainstreammedien erscheint. So erschien zu den Anschlägen auf die Moscheen nichts beim ZDF oder bei der Tagesschau.
Die Presseerklärung des KRM fand ein Echo bei Lokalzeitungen; ich nehme an, nicht auf deren Titelseiten. Insofern haben wir es hier mit einer Diskurshierarchie zu tun. Hier Einfluss zu nehmen, ist sehr, sehr schwierig.
Eine Strategie wären sicherlich, Bündnisse mit rassismuskritischen Organisationen und deutlich zu machen, dass es sich hier nicht um eine ganz besondere Form von Rassismus handelt, sondern eine wie andere Rassismen auch. Über die Zusammenarbeit mit solchen Bündnissen lassen sich Leute werben, die diese Problematik jetzt schon ernstnehmen. Ich denke, die Zielgruppe muss ganz klar die Zivilgesellschaft sein, denn von politischer Seite hätten sich bisher schon klare Akzente setzen lassen.
Islamische Zeitung: Angesichts des stellenweise phänomenalen Erfolges, den kleine Teams oder Einzelpersonen haben, auch ohne große Mittel Gegenöffentlichkeit herzustellen, sollte es möglich sein, koordiniert etwas auf die Beine zu stellen…
Dr. Sabine Schiffer: Es bleibt das Problem zu lösen, dass Betroffene sehr oft als unglaubwürdig wahrgenommen werden, da sie ja im eigenen Interesse sprechen. Zudem erkennt das Unterbewusstsein Verneinung nicht, das heißt, dass oftmals eine Wiederholung der Klischees stattfindet – mehr nicht. Hier könnten wir aus dem antisemitischen Diskurs Ende des 19. Jahrhunderts lernen, wie es nicht geht.
Was die neuen Medien anbelangt, gibt es da natürlich Potenziale, aber die nutzen auch andere – und die erreichen nur bestimmte, eingeschränkte Zielgruppen. Wie aber die Mainstreammedien zu gewinnen sind für eine menschenfreundlichere und repräsentativere Darstellung, das bleibt eine wichtige Frage, die wiederum auch andere Themen betrifft.
„O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ (Al-Hudscharat, 13) […]
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Bremen/Köln (iz). Nach der Hansestadt Hamburg ist es wieder eine Hansestadt, die einen Staatsvertrag mit den islamischen Religionsgemeinschaften unterzeichnet hat. In Bremen und Bremerhaven sind von nun an islamische Feiertage, die Besetzung einiger, öffentlich-rechtlicher Gremien, Bestattungsrituale oder der Bau von Moscheen vertraglich geregelt.
Mit diesem Staatsvertrag gehört der Islam nun auch zu Bremen. Zuvor hatte Hamburgs erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) den Islam in die Hansestadt „eingebürgert“.
Zu den Unterzeichnern des Bremer Staatsvertrags gehören neben der Schura Bremen auch der Landesverband der islamischen Religionsgemeinschaften Niedersachsen und Bremen (DİTİB), unter dem erfolgreichen Vorsitzenden Yılmaz Kılıç aus Melle und der Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ). Alle Beteiligten, angefangen vom Bremer Senat über Kirchen, Moscheen und weiterer zivilgesellschaftlicher Organisationen bewerten den Staatsvertrag als einen „Meilenstein“ und wichtige Anerkennung der muslimischen Religionsgemeinschaften sowie ihrer langjährigen, ehrenamtlichen Arbeit.
Den islamischen Religionsgemeinschaften ist es nun gesetzlich erlaubt, Moscheen mit Kuppeln und Minarette zu bauen, sofern diese sich mit den geltenden Baugesetzen vertragen. Außerdem bekennen sich beide Seiten ausdrücklich zur Gleichstellung von Mann und Frau. Dass dieser Punkt in dem Vertragstext ausdrückliche Erwähnung findet, weist auf eine offene Wunde in der Einwanderergesellschaft hin: Noch immer gibt es in den oftmals patriarchalischen Familienstrukturen vieler Muslime, Araber und Türken Defizite bei der geschlechtlichen Gleichstellung.
Dies hat aber im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung in der Mehrheitsgesellschaft überhaupt keine Grundlage in der islamischen Religion. Patriarchalische Gesellschaftsstrukturen und geschlechtliche Diskriminierung haben vorislamische Zusammenhänge, die öffentlich auch klar benannt werden müssen. Kulturelle Eigenschaften mit pseudoreligiösen Merkmalen zu vermischen, bringt die Migrantencommunity nicht voran. Bei der Geschlechtergleichstellung müssen sich viele Muslime noch weiter anstrengen. Der kulturelle, soziale und wirtschaftliche Erfolg der muslimischen Frau sollte die Männer nicht irritieren.
In dem Bremer Vertragstext finden weiterhin Abkommen zu Bestattungen auf öffentlichen Friedhöfen, die Beteiligung in öffentlich-rechtlichen Institutionen, zum Beispiel in den Rundfunkräten sowie die Achtung islamischer Speisevorschriften für die Bremer Muslime Erwähnung. Des Weiteren können sich die Muslime an islamischen Feiertagen wie dem Ramadan-Ende und dem Opferfest unbezahlten Urlaub nehmen und die Kinder vom Schulunterricht befreien lassen. Muslimische Schüler bekommen grundsätzlich frei an den Feiertagen und müssen nicht, wie früher, um Erlaubnis bei der Schulleitung fragen.
Daneben müssen Betriebe ihrem Personal an diesen Tagen die Teilnahme an dem Gebet erlauben, falls seitens des Arbeitgebers keine ernstzunehmenden Gründe dagegen sprechen. Weitere wichtige Fragen, wie etwa der Schwimm- und Religionsunterricht oder die Speisevorschriften auf Klassenfahrten, finden in dem Staatsvertrag keine Erwähnung. Diese müssen aber ebenso schnell geklärt werden.
In dem Stadtstaat (Bremen und Bremerhaven) leben nach Schätzungen etwa 50.000 Muslime. Diese bekommen durch den Vertrag, zwar mehr Rechte, aber auch mehr Pflichten im Alltag. Dennoch bedeutet ein Staatsvertrag noch keinen Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Erst dadurch wäre es aber möglich, auf „gemeinsamer Augenhöhe“ zu diskutieren, wie so oft von Integrationsexperten gefordert wird. Erst durch einen Körperschaftsstatus können wichtige Mitspracherechte und nötige Finanzmittel für eine qualitativ wertvolle Arbeit beansprucht werden.
Sie müssen aber auch mehr Finanzmittel bekommen, um die ehrenamtlichen Tätigkeiten zu professionalisieren und geeignete sowie dringend benötigte Fachkräfte einzustellen. Bei der Finanzmittelvergabe und der zukünftigen Einstellungspraxis des Landes Bremen wird sich herausstellen, ob sich Wohlfahrtsverbände, Kirchen und andere öffentlich-rechtliche und zivile Organisationen wirklich über diesen Staatsvertrag freuen und es ernst meinen oder ob dies nur Politik mit Symbolcharakter ist.
Man muss sich nichts vormachen: Es geht hier auch um die Verteilung von knappen Ressourcen. Wo Geld und Macht geteilt werden, muss jeder zu Kompromissen bereit sein. Mit der Anerkennung der islamischen Religionsgemeinschaften und der Unterzeichnung des Staatsvertrags kommt ein weiterer „Akteur“ hinzu, den die etablierten Kräfte als Konkurrenz ansehen könnten.
Es bleibt zu hoffen, dass die neue Situation zu neuen Kooperationen und gegenseitigem Nutzen führen wird; ein Nutzen für die gesamte Gesellschaft. Eine „win-win-Situation“ gewissermaßen, in der alle Seiten profitieren und keiner verliert.
Zum Autor:
Yasin Bas ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?“ sowie „nach-richten: Muslime in den Medien“.
(iz). Spätestens seit dem 11. September verzeichnen die deutschen Muslime regelmäßig die verschiedensten Formen anti-muslimischer Straftaten. Von Pöbeleien, über Schmierereien, Wandalismus, bis zu tätlichen Angriffen und Brandstiftungen, all das ist leider Realität in unserem Land. Um das Problem zu lösen, braucht es aber neue Kategorien bei der Erfassung dieser Kriminalität, meint der Kriminologe und Polizeiwissenschaftler Charles A. von Denkowski im Gespräch mit der IZ.
Er betreibt die Hannoveraner Firma Crime Prevention Solutions, welche Kriminalprävention und kriminologische Forschung sowie kriminalitätsbezogene Beratung als Dienstleistungen anbietet. Nach dem 11. September leistete er als kriminalpolizeilicher Ermittler im Bereich der politisch motivierten Kriminalität Dienst. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit lehrt praktizierende Katholik und Experte an zwei Universitäten.
Islamische Zeitung: Seit mindestens zehn Jahren verzeichnen muslimische Organisationen und Dachverbände stetig auftretende Übergriffe gegen Muslime beziehungsweise gegen Einrichtungen wie Moscheen. Warum werden diese Handlungen nicht als eigenständige Kategorie bei Straftaten erfasst?
Charles A. von Denkowski: Es fehlt der politische Wille. Das wäre ohne Weiteres möglich, da antisemitisch motivierte Delikte seit rund zehn Jahren auch erfasst werden. Im so genannten Definitionssystem politische motivierte Kriminalität, Kriminalpolizeilicher Meldedienst (KPMD), könnte man das, da es eine Angelegenheit von Bund und Ländern ist, von Unterkommission Staatsschutz (K-Staatsschutz) der Bund-Länder-Arbeitsgruppe Kriminalpolizei (AG Kripo) des Bundesinnenministeriums organisieren lassen, sodass die Länder entsprechende Fälle statistisch erfassen und der Bund eine zentrale Datensammlung aufbereitet. Man muss sich dabei in Bund und Ländern auf eine gemeinsame Kategorie für die Phänomene „Muslimfeindlichkeit“ oder „Islamfeindlichkeit“ verständigen, damit die kriminalstatistische Erfassung bundesweit einheitlich erfolgt.
Wir hätten dann aber nur Daten im so genannten „Hellfeld“ der Kriminalität. Allerdings kennen wir die Belastung im „Dunkelfeld“, der Anzahl der nicht bei der Polizei angezeigten beziehungsweise von nicht im KPMD-registrierten Delikte auch mit so einer Statistik nicht. Wir bräuchten zusätzlich kriminologische Dunkelfeld-Forschung über die Opferwerdung von Muslimen durch islamfeindliche oder muslimfeindliche motivierte Kriminalität.
Islamische Zeitung: Wie viele gibt es? Könnten Sie diese beziffern?
Charles A. von Denkowski: Nein, aufgrund der mangelnden Datenquellen und der völligen Unerforschtheit dieses Phänomenbereichs kann ich das nicht.
Islamische Zeitung: Was wäre von muslimischer Seite für die Erfassung solcher Straftaten nötig? Bräuchten diese ein Netzwerk, das sie erfasst?
Charles A. von Denkowski: Letzteres klingt interessant. Aber es würde dennoch eine zentrale Erfassung benötigen. Wie gesagt: Es gibt in der Kriminalitätsstatistik keine Kategorie dafür, in der solche Delikte spezifisch erfasst werden; sondern nur als entsprechend „fremdenfeindlich“ motiviert. Es gibt eben keine Kategorie „islamfeindlich“ oder „muslimfeindlich“, ich möchte dieses erneut betonen. Zur Illustration ein Beispiel:
Stellen Sie sich vor, dass eine deutsche Rechtsanwältin, die Muslimin ist – konvertiert oder deutsche Staatsbürgerin mit Migrationshintergrund –, angegriffen oder mit einem Schimpfwort im Kontext des Wortes „Muslimin“ beschimpft wird und dann Anzeige erstattet. Weil sie keine Ausländerin ist, ergibt die Einstufung dieser Strafanzeige als „fremdenfeindlich“ keinen statistischen Sinn. Der Aussagegehalt des KPMD-PMK wird mit solche Fällen völlig verfälscht. Es finden sich darin keine muslimfeindlich motivierten Delikte. Und doch werden sie angezeigt und diese Anzeigen erfahren auch eine Einstufung. Nur eben völlig unspezifisch. Das ist weder sachgerecht und es trifft nicht die Motivation mancher Täter.
Noch einmal: Es gibt nach dem 11. September 2001 ein gesellschaftliches Phänomen der öffentlichen Islamkritik, aber auch muslimfeindliche Straftaten, über die einige Moscheen Fallmeldungen gesammelt haben. Doch das reicht nicht aus.
Islamische Zeitung: Wo sehen Sie den Übergang zum Verhalten? Wann ist die Grenze erreicht, ab der man von antimuslimischen Straftaten sprechen kann?
Charles A. von Denkowski: Diese Grenze definiert unser Strafgesetzbuch. Verhalten, welches kriminalisiert ist, stellt eine entsprechende Straftat dar, eben eine Handlung von strafwürdigem Unwertgehalt. Von der Meinungs- oder Kunstfreiheit rein rechtlich gewährleistete und daher zulässige Islamkritik grenzt sich – wie alle Kritik an Religionen – von Straftatenbeständen ab.
Islamische Zeitung: Nun gibt es ja im angelsächsischen Raum Konzepte wie „hate speech“ oder „hate crime“…
Charles A. von Denkowski: Würden wir Muslimfeindlichkeit unter „Hasskriminalität“ erfassen, dann müssten wir auch Angriffe auf Buddhisten erfassen. Das ist wiederum nicht spezifisch genug. Mir ist von in Deutschland erfolgenden Angriffen auf öffentlich als solche erkennbaren Buddhisten nichts bekannt. Sicherlich kann ein Mönch in safrangelber Robe öffentlich beleidigt werden, doch Angriffe auf Tempel sind mir nicht bekannt, dafür aber Angriffe auf Moscheen und das Senden von Hassbriefen und Drohschreiben an diese. Sie stehen meiner Ansicht nach im Kontext der nach dem 11. September 2001 politisch von einigen Kreisen – übrigens aller Sparten, so genannter linker und rechtskonservativer Interessengruppen – immer wieder in Schüben initiierten Islamdebatte, welche pseudowissenschaftlich geführt wird und in Wahrheit gruppenbezogen menschenfeindlich motiviert ist. Zulässige und für unsere gesellschaftliche Entwicklung notwendige Religionskritik sieht dagegen anders aus, als den Begriff „Kopftuchmädchen“ zu verwenden, wie ein bekannter ehemaliger Berliner Finanzsenator es in einem seiner pseudowissenschaftlichen Werke tat, was schlichtweg menschenfeindlich und die Würde dieser Frauen verletzend ist.
Islamische Zeitung: Ließe sich denn eine Entwicklungskette, beispielsweise bei einem Internetblog, nachzeichnen, wo „hate speech“ in tatsächliche Straftaten mündet. Viele Muslime in Deutschland sind besorgt, dass dieser Übergang hier viel zu selten kritisch beleuchtet wird…
Charles A. von Denkowski: Die verfassungsrechtlich garantierte Grauzone im Rahmen von Artikel 5 unseres Grundgesetzes, ist – bildlich gesprochen – ein Teil unserer Meinungsfreiheit. Diese werden wir – manchmal leider – ertragen müssen. Das zeichnet unseren Staat aus, beispielsweise im Gegensatz zur DDR. Oder zu den heutigen Verhältnissen in China, Nordkorea oder dem Iran…
Islamische Zeitung: Es besteht aber in Deutschland nicht nur bei Muslimen die Vermutung, dass es ein relativ ungehindertes Ausufern einer bestimmten Rhetorik gibt…
Charles A. von Denkowski: Ich stimme Ihnen zu, dass ausufernde Islamkritik der gesellschaftlichen Kohäsion keinesfalls förderlich ist. Hier kann eine Art geistiger Brandstiftung geschehen. Sie ist aber nicht zu bestrafen, weil wir sonst keinen freiheitlichen Staat mehr haben. Es ist unheimlich wichtig, das auszuhalten, und mit Hilfe von Stellungnahmen deutscher Muslime dagegen vorzugehen. Es sollte sich zudem ein Bund muslimischer Polizeibeamter gründen, der nach Außen hin vertritt, dass auch Muslime in der Polizei tätig sind und sich zu solchen Dingen dann fachlich – politisch neutral – äußern.
Diese Beispiele zeigen: Die deutsche muslimische Community ist gefordert, sich sachlich im Rahmen des Rechts als Betroffene zu zeigen und möglichst sachlich – das ist zu betonen – Stellung zu beziehen. Wir haben ein großes Spektrum an Meinungsfreiheit und ein solches Verhalten ist auszuhalten, solange es keine strafrechtlichen Grenzen berührt sind. Dass dieses konsequent religiösen Menschen sehr schwer fallen mag, verstehe ich. Aber das Aushalten dieser nicht strafrechtlich relevanten Inhalte der Islamdebatte – etwa die widerlichen Karikaturen vom heiligen Propheten Mohammed – es weist auf den Status der Integration auch strenggläubiger Muslime hin. Sie sollten daher friedlich dagegen demonstrieren und Medienarbeit betreiben. Diese könnte die Urheber dieser Karikaturen in sachlicher Weise als für unser Zusammenleben als nicht förderlich darstellen, da der Glaube einer Minderheit durch diese Karikaturen angegriffen wird. Folgt man Gottes Idee für den Umgang mit solchen Herausforderungen an uns Gläubige, so sollte diesen Feinden des Glaubens gegenüber friedlich und mit Sanftmut reagiert werden. Das allein ist im Sinne unseres einen abrahamitischen Gottes.
Islamische Zeitung: Lässt sich das Milieu der Straftäter eindeutig einordnen? Ich habe erfahren, dass ein deutsch-arabischer Student wegen seines Palästinensertuches ein paar Häuserblocks von so genannten anti-deutschen Linken gejagt wurde.
Charles A. von Denkowski: Das ist ein sehr interessanter Fall und ein weiterer Grund, warum wir die erwähnte Dunkelfeld-Forschung brauchen. Es handelt sich bei Muslimfeindlichkeit um ein sehr differenziertes Kriminalitätsphänomen. Ich werde meinen Studierenden dazu auch damit verwandte Themen für Bachelor-Arbeiten anbieten und wenigstens auf dieser Ebene mittelbar Forschung betreiben. Doch die deutsche Kriminologie sollte sich über den Weg von Promotionsvorhaben und Forschungsprojekten der Muslimfeindlichkeit und ihren verschiedenen Tätertypologien annehmen. Auch aus dem so genannten linken politischen Bereich heraus, wenn man die Begriffe links und rechts benutzen möchte, ereignen sich durchaus Straftaten gegen Muslime. Genauso wie es sein kann, dass ein sich politisch links verortender, sehr palästinaorientierter Mensch jemanden mit einem Davidstern in der U-Bahn angeht, weil dieser angeblich für die so genannte zionistische Politik Israels stünde.
Fazit: Wir haben hier eine sehr differenziert zu betrachtende politische Situation und eine Auseinandersetzung divergierender politischer Meinungen, die teilweise mit Straftaten ausgetragen wird. Daher brauchen wir, ich wiederhole es erneut, eine differenzierte Erfassung muslimfeindlicher Delikte und zudem eine kriminologische Erforschung dieses Phänomens. Hier könnte man analysieren, mit welcher Tatmotivation Täter vorgehen und aus welcher politischen Richtung das kommt. Es könnte sich auch um gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ohne bestimmten politischen Einschlag handeln. Es sind also diverse Tätermotivationen denkbar.
Islamische Zeitung: Stichwort Bonn, bedauerlicherweise gibt es auch auf muslimischer Seite radikale Gruppierungen und Einzelpersonen. Schaukeln sich hier die Extreme beider Seiten gegenseitig auf?
Charles A. von Denkowski: Seit 9/11 meine ich, genau diesen Aufschaukelungseffekt beobachten zu können. So etwas gab es zuvor nicht. Die Attraktivität des Salafismus für Jugendliche – teils für solche mit Migrationshintergrund, teils für deutschstämmige – ist neu. Das ist eine gefährliche Projektionsfläche, da der Weg in den Dschihadismus drohen kann. An dieser Stelle sind die muslimischen Verbände gefragt, mit kreativer Jugendarbeit solche von einer Radikalisierung gefährdeten Jugendlichen anzusprechen. Dazu muss ein den mit zumeist älteren Herren besetzten Vorständen von Moscheegemeinden ein Umdenken erfolgen.
Dazu ein Beispiel: Ich habe gerade mit meinen Studenten des von mir an der Universität Vechta gelehrten Seminars Islam und Integration eine Moschee der Ditib besucht und dort sehr intensive, gastfreundliche Aufnahme sowie eine intensive Führung sowie theologische Einführung in den sunnitischen Islam erfahren. Wir konnten unsere gegensätzlichen religiösen Positionen, aber auch Gemeinsamkeiten, sehr differenziert darstellen. Das umfasste auch, nur so ist Wissenschaft möglich, höflich gestellte kritische Fragen. Es waren Christen und Atheisten unter den Studierenden dabei – ich selbst bin praktizierender Katholik – und eben unsere muslimischen Gastgeber. Wir haben alle unsere Identität bewahrt, und trotzdem konnten wir uns über Gemeinsamkeiten und Unterschiede verständigen. Das ist möglich. Auch sachliches Hinterfragen strenger Religionsauffassungen aller Konfessionen ist zum einen grundgesetzlich gestattet, zum anderen für unseren gesellschaftlichen Diskurs wichtig – denn nicht nur Gläubige leben hier miteinander. Insoweit war dieser Besuch ein voller Erfolg. Aber: Ich stellte fest, dass es an der Jugendarbeit mangelte. Das ist verbesserungswürdig.
Die islamischen Verbände müssen auf die jugendbezogenen Werbestrategien der Salafisten, etwa um Pierre Vogel, reagieren. Man könnte von seiner Rekrutierungstaktik auch ein wenig lernen. Denn muslimische Jugendliche anzusprechen können nicht nur außerhalb der Gemeinden laufende Projekte, wie etwa JUMA in Berlin, leisten. Jugendarbeit ist zuvörderst eine Aufgabe der Moscheegemeinden. Hier stellt sich die Frage an die muslimischen Verbände in Deutschland! Mein Rat ist – und meine Firma steht hier auch gerne pro bono als Consultingbüro zur Unterstützung der Umsetzung bereit: Die muslimische Jugendarbeit muss zum einen in die deutsche nicht-muslimische Gesellschaft hinein ausgerichtet sein. Zum anderen muss sie ein nachhaltig bindendes Angebot schaffen, um zu verhindern, dass jugendliche Muslime sich an einem aufgrund seiner Radikalität und seiner Subkulturcodes extremistischen Islamverständnis, etwa an dem der Salafisten, orientieren. Die Jugendlichen, die im Islam Halt suchen, müssen dazu zuerst von den Moscheen vor Ort angesprochen werden, um sie dort sinnvoll zu integrieren. Dazu bedarf es ausgebildeter Jugendleiter – in jeder Moschee! Jede katholische oder evangelische Gemeinde, so denn junge Menschen in ihrer Gemeinde leben, betreibt bewusst Jugendarbeit. Auch das Internet ist wichtig – jede Moschee muss eine Webseite (auch in deutscher Sprache!) haben, die auch Jugendliche gezielt anspricht.
Islamische Zeitung: Was können betroffene Muslime in Ermangelung der erwähnten Erfassung antimuslimischer Straftaten jetzt tun?
Charles A. von Denkowski: Zuerst einmal Strafanzeige erstatten… Ich denke schon, dass die islamischen Verbände – weil nicht abzusehen ist, ob die Erfassung des KPMD PMK geändert wird – eine zentrale Erfassung zunächst intern initiieren sollten. Man sollte aber aufpassen, sich in der Außenwahrnehmung nicht in eine Opferrolle zu manövrieren. Wird das zu sehr postuliert, kann man sich auch öffentlich zum Opfer stilisieren, dem der Staat nicht helfen will. Davor warne ich!
Vor allem im letzten Jahr waren immer wieder muslimfeindliche Vorfälle Gegenstand von Medienberichten. In Berlin war dies im letzten Jahr sehr extrem, bedenkt man die Angriffe auf die am Columbiadamm befindliche Moschee. Ich denke, dass Muslime auf jeden Fall Anzeige erstatten müssen. Wir brauchen zudem die Dunkelfeld-Forschung; auch ohne reformierte KPMD-PMK-Statistik, wenn es nicht anders geht. Hier ließe sich überlegen, ob nicht sehr wohlhabende Muslime Kriminologen unterstützen, um ein solches Forschungsprojekt durch Spenden zu ermöglichen. So könnte man sich dem Phänomen auch mit den Mitteln der qualitativen Sozialforschung annähern, um den Kontext der Opferwerdung und diese Vorfälle im Allgemeinen zu verstehen. Es gilt zu fragen: Wie sieht die Täter-Opfer-Konstellation bei Geschlecht und Alter aus? Handelte es sich um Alltagssituationen? Erhielten Moscheen Hassbriefe? Wenn ja, welche Inhalte weisen diese auf? Wurden Scheiben eingeschlagen? Wurden muslimische Passanten, beispielsweise beim Aussteigen aus einem Bus, durch Anrempeln oder feindliche Bemerkungen angegangen?
Meine Firma steht für die Beratung des Forschungsdesigns eines solchen Projektes gerne pro bono zur Verfügung.
Islamische Zeitung: Lieber Herr von Denkowski, wir bedanken uns für das Gespräch.
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