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Muslime in Ostdeutschland: ein unbekannter Teil der Community

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Muslime in Ostdeutschland: Mitte Februar wurde in Erfurt der Neubau einer Gemeinde eingeweiht. Gelegenheit für einen Blick auf Muslime in den „neuen Ländern“.

(Iz). „Dass wir heute in dieser fertigen Moschee sitzen dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Weg war lang und von vielen Herausforderungen, Gesprächen und Prüfungen geprägt, umso größer ist unsere Dankbarkeit“, sagte ihr Präsident, Suleman Malik, beim Festakt vor rund 120 Gästen.

Darunter waren auch Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow sowie die Bischöfe Ulrich Neymeyr und Friedrich Kramer. Vorher waren Verse aus dem Qur’an rezitiert worden, angekündigte Proteste blieben aus.

Symbolische Wirkung für Ostdeutschland

Malik erklärte, der Neubau sei ein Haus des Gebets sowie des Dialogs und des gegenseitigen Respekts: „Es soll Brücken bauen.“ Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) gratulierte per Videobotschaft und sprach von einem Tag großer Freude. Religion sei auch Ausdruck von Heimat, und er freue sich, dass die Gemeinde hier Wurzeln geschlagen und sie gefunden habe.

Der Grundstein wurde 2018 gelegt. Sie steht am Rand von Erfurt in einem Gewerbegebiet. Der Bau mit schlichtem Gebetsraum und einer Wohnung für den Imam wurde aus Spenden finanziert und kostete den Angaben zufolge 1,35 Mio. Euro.

Dass eine vergleichsweise kleine Gemeinde in einem Industriegebiet am Rand um ihre Präsenz ringen musste, erzählt mehr als nur die Geschichte eines einzelnen Bauprojekts. Die Eröffnung markiert einen Moment, in dem eine bislang oft übersehene Realität sichtbarer wird: das islamische Leben in den neuen Bundesländern.

Wer verstehen will, was dieser Bau symbolisiert, muss den Blick von Erfurt aus weiten. Und eine Minderheit der deutschen Muslime betrachten, die im Osten längst Teil des Alltags ist, ohne im öffentlichen Bewusstsein denselben Platz zu haben.

Nur ein Bruchteil der Einwohner

Waren sie Anfang der 1990er kaum präsent, leben heute – je nach Schätzung – etwa 190.000 bis 200.000 in den neuen Bundesländern ohne Berlin, rund 1,5 % der Einwohner.

Gemessen an der Gesamtzahl aller Muslime, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf 5,3 bis 5,7 Mio. beziffert, entfallen damit nur ca. 3,5 % auf den Osten. In Sachsen machen sie nach diesen Berechnungen ca. 0,7 bis 0,8 % aus, im Anhaltischen liegen die Anteile mit 2,7 bis 2,9 % deutlich höher. Thüringen kommt auf ca. 2,6 bis 2,8 %, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern auf jeweils etwa 1,1 %.

Diese Zahlen markieren nüchtern, dass es mit ihrer Sichtbarkeit gesamtgesellschaftlich und auch innermuslimisch hapert.

Mit der Zuwanderung der 2010er Jahre, vor allem nach dem „Flüchtlingssommer“ 2015, veränderte sich die Landschaft spürbar. Wo zuvor einzelne Studierende, kleine Ladenbetreiber oder provisorische Musallas in Garagen und Plattenbauten den Rahmen bildeten, entstanden in kurzer Zeit neue Räume, Vereine und Gemeinschaften.

ostdeutschland Brandenburg Gebet Muslime osten

Foto: Verein der Muslime in Potsdam e.V.

Nur 2 % aller Moscheen in Deutschland

Eine Recherche des Mediendienstes Integration zählte Anfang 2025 ca. 60 Gebetsräume in Ostdeutschland, etwa 2 % der rund 2.600 Moscheegemeinden bundesweit. In kleineren Städten und Orten werden sie oft erst dann formal als Gemeinde sichtbar, wenn es gelingt, einen eigenen Raum anzumieten. Bis dahin findet ihr religiöses Leben im Privaten statt.

Die randständig gelegenen Orte sind Ausdruck einer Lage, in der es nur geringe Anbindung an große Moschee-Dachverbände gibt. Jenseits von Ausnahmen wie dem Berliner „Speckgürtel“ (wo man regelmäßigere Verbindungen unterhält) oder Sonderbeziehungen in ethnischen Netzwerken erhielten sie kaum institutionelle Hilfe durch Muslime und hatten nur wenig Zugang zu vorhandenen Ressourcen.

Während westdeutsche Verbände ihre Infrastruktur jahrzehntelang aufbauen konnten, entstanden ostdeutsche Moscheegemeinschaften häufig aus akuter Notwendigkeit. Die Menschen suchen einen Raum zum Gebet, für Begegnung und die religiöse Bildung ihrer Kinder. In den meisten Fällen wird das Nötigste selbst organisiert.

Allerdings gibt es einige, die mit solchen im Westen eine gemeinsame Herkunft teilen und aufgrund dessen dort für Hilfe sammeln. Diese Eigeninitiative prägt bis heute das Bild vieler Gemeinschaften zwischen Erzgebirge und Ostseeküste.

Forscherinnen wie Ayşe Almıla Akca beschreiben die östlichen Moscheevereine als deutlich jünger. Das gilt nicht nur im Hinblick auf ihre Gründung, sondern ebenso ihre innere Struktur.

Foto: Frau Schütze, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Häufiger multikulturelle Gemeinschaften

Anders als die klassischen, entlang von Herkunft und Anwerbewellen gewachsenen Moscheen versammeln sich in den ostdeutschen oft Menschen aus verschiedenen Ländern und Fluchtgeschichten: Syrer, Tschetschenen, Afghanen, Irakis sowie Konvertierte aus der Region.

Die gemeinsame Sprache ist häufig Deutsch. Das gilt nicht nur in der Kommunikation mit Behörden, sondern in Teilen des religiösen Alltags. Die äußeren Umstände – geringe Zahl, knappe Ressourcen, dünne Netzwerke – zwingen dazu, miteinander auszukommen und Differenzen im Inneren anders zu balancieren.

Die Kehrseite dieser manchmal improvisierten Entwicklung ist Strukturmangel, der sich an einigen Stellen bemerkbar macht. Viele haben keine hauptamtlichen, ausgebildeten Imame oder ausreichend geschulte Vorstände. Religiöse Unterweisung und Gemeindemanagement werden im Ehrenamt getragen. Das sind oft Menschen, die selbst erst seit wenigen Jahren hier leben.

Förderprogramme, Beratungsstrukturen und etablierte Gesprächskanäle zu Politik und Verwaltung sind selten so ausgebaut wie in westdeutschen Ballungsräumen. Hinzu kommt eine gesellschaftliche Umgebung, in der die Mehrheit der Bevölkerung sich selbst als konfessionslos versteht und religiöse Ausdrucksformen generell als fremd empfindet.

Vorurteile treffen ostdeutsche Muslime deshalb anders. Untersuchungen zeigen, dass der Islam dort tendenziell häufiger als bedrohlich wahrgenommen wird im Vergleich zum Westen. Und, dass die Bereitschaft, diese Einstellungen in praktisches Handeln zu übersetzen, größer ist.

Proteste vor Moscheebauten, Demonstrationen gegen vermeintliche „Islamisierung“ oder Anfeindungen im Alltag sind für viele Gemeinden zu selbstverständlichen Begleiterscheinungen geworden.

Foto: Kalispera Dell, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Es tut sich was unter erschwerten Bedingungen

Gleichzeitig ist der Blick allein auf Ablehnung verkürzt. Die Geschichte in Erfurt zeigt, dass neben Widerstand Formen von Unterstützung gewachsen sind: ökumenische Kontakte, Nachbarschaftsinitiativen, kommunale Akteure, die trotz Konflikten an Dialogangeboten festhalten.

Für Muslime vor Ort bedeutet das eine doppelte Bewegung. Sie organisieren ihren Alltag in Strukturen, die erst im Aufbau sind. Gleichzeitig werden sie zu Ansprechpartnern in Debatten.

Die Erwartungen sind hoch: Gemeinden sollen religiöse Bedürfnisse erfüllen, Unterstützung bieten, Räume für Jugendliche schaffen und zugleich öffentliche Brückenbauer sein. Insbesondere kleinere stoßen dabei schnell an ihre Grenzen, weil ihnen die Mittel fehlen, um all diese Rollen dauerhaft zu tragen.

Vieles spricht dafür, dass die muslimische Landschaft in Ostdeutschland in den kommenden Jahren in einem eigenen Tempo wachsen wird. Das heißt, langsamer, kleinteiliger und fragiler.

Ob sie dabei als Randerscheinung oder selbstverständlicher Teil der Gesellschaft wahrgenommen wird, entscheidet sich nicht nur in den Gemeinden, sondern in den Städten und Dörfern, in denen sie ihren Platz suchen.

* Mit Material von KNA und Mediendienst Integration (CC-Lizenz).

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Die Unsichtbaren? Über Muslime im Osten wird wenig gesprochen

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In Erfurt eröffnete die erste Moschee mit Minarett und Kuppel in Ostdeutschland. Wie sieht muslimisches Leben im Osten aus – und was sind die Unterschiede zum Westen?

(Mediendienst Integration/IZ). In den letzten zehn Jahren, nach dem „Flüchtlingssommer“ 2015, kamen viele Geflüchtete auch in die ostdeutschen Bundesländer. Wo es vorher kaum muslimische Strukturen gab, sind neue Gebetsräume entstanden, eine Reihe von Vereinen und Moscheegemeinschaften. Die in Erfurt ist die erste Moschee mit Minarett und Kuppel in Ostdeutschland außerhalb Berlins. Von Carsten Wolf, Lennart Kreuzfeld und Lina Steiner

Waren es Anfang der 1990er Jahre noch sehr wenige, leben inzwischen laut einer BAMF-Schätzung etwa 190.000 bis 200.000 in den neuen Bundesländern (ohne Berlin). Das sind etwa 1,5 % der dortigen Menschen.

Foto: Frau Schütze, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Gemessen an ihrem prozentualen Teil an der Gesamtbevölkerung leben die wenigsten Muslime in Sachsen, mit einem Anteil von ca. 0,7 % an der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Westdeutschland sind es im Schnitt 10. Mit 2,7-2,9 % hat Sachsen-Anhalt die meisten muslimischen Menschen. Danach folgen Thüringen mit 2,6-2,8 % sowie Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg mit jeweils 1,1 %.

Gemessen an der Gesamtzahl aller Muslime in der Bundesrepublik leben nur etwa 3,5 % aller Muslime in Deutschland im Osten. Allerdings lässt sich ihre Zahl nur näherungsweise bestimmen. Die Angabe der Religionszugehörigkeit ist freiwillig in Befragungen wie dem Zensus. Rund jeder fünfte Bürger verweigert die Antwort auf Fragen zur religiösen Zugehörigkeit.

Von ca. 2.800 Moscheegemeinden in der Gesamtrepublik befindet sich nur ein Bruchteil in den ostdeutschen Bundesländern. Bei einer Mediendienst-Recherche aus öffentlichen Quellen ließen sich rund 60 Gemeinschaften oder Gebetsräume ermitteln, das entspricht etwa 2 % von allem im Land. Ihre Zahl ist in den letzten Jahren gestiegen. Viele sind erst nach dem „Flüchtlingssommer“ 2015 entstanden.

Die Zahl 60 ist nur ein Schätzwert, der eher zu niedrig sein dürfte. Ostdeutsche Muslime beten teilweise in Räumlichkeiten, die sie mit anderen teilen, zum Beispiel in Gemeinschaftsunterkünften. Erst wenn sie einen eigenen Raum anmieten wollen, gründen sie einen öffentlich sichtbaren Verein, so eine Studie der Robert Bosch Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Foto: Elpstirra | Shutterstock

Es gibt Hinweise darauf, dass Muslimfeindlichkeit im Osten stärker verbreitet als im Westen ist. Muslime berichten von Übergriffen in „praktisch allen Bereichen ihres Lebens“. Öffentlichkeitswirksam waren die Proteste gegen eine vermeintliche „Islamisierung“ bzw. Moscheebauprojekte, wie beispielsweise in Dresden oder Erfurt.

Die Forscherin Ayşe Almıla Akca von der Universität Innsbruck ist der Ansicht, dass diese Gemeinschaften „bunter“ als die im Westen seien. „In den kleinen Gemeinden kamen Musliminnen und Muslime aus verschiedenen Herkunftsländern zusammen, während sie im Westen oft nach Herkunftsland getrennt sind.“

In ihrer Gründungsphase hätten sie dort viel selbst organisieren müssen. „Viele haben mir erzählt, dass das neu für sie war. Sie mussten Räume anmieten, das selbst bezahlen. Es gab keinen Staat oder Gemeinde, die das für sie gemacht hätten.“

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Glaube in Ostdeutschland

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Neues Buch über Juden, Muslime und Christen in Ostdeutschland erschienen. (KNA). Religion spielt im Osten oft noch weniger eine Rolle als im Westen. In einem neuen Buch sprechen Menschen unterschiedlicher […]

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Tag der Deutschen Einheit 2023: Kommentar über ein problematisches Wir-Gefühl

deutsch berlin ramadan

Am Tag der Deutschen Einheit öffnen Moscheen die Tore. Nicht alle sehen das wohlwollend. Andere beklagen ewig gleiche Rituale.

(iz). Der Tag der offenen Moschee findet inzwischen traditionell am Tag der Deutschen Einheit statt. In diesem Jahr luden über 1.000 Gebetshäuser in Deutschland die lokale Bevölkerung zum Austausch ein. Ziel war es nicht nur, Vorbehalte gegen die islamischen Gemeinden abzubauen, sondern auch auf die soziologische Vielfalt der Gläubigen hinzuweisen.

Tag der Einheit auch in Moscheen

Deutsche Muslime mit oder ohne Immigrationshintergrund sind seit Jahrzehnten Teil der Gesellschaft. Sie sind BürgerInnen mit allen Rechten und Pflichten. Darüber hinaus leisten die Moscheen einen beachtlichen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen.

In den Medien wird diese Initiative meist wohlwollend begleitet. Aber es gibt Stimmen, die den Organisatoren ideologische Motive unterstellen oder „Trittbrettfahrerei“ vorwerfen und nicht akzeptieren, dass Muslime sich an einem neuen Wir-Gefühl beteiligen.

Pressefoto: igmg.org, X

Wiederholung der gleichen Rituale

Andere KritikerInnen sehen in den Feiern rund um den Tag der Einheit eine leere Symbolpolitik, die die bestehenden Ost-West Unterschiede-des Landes in einer ewigen Wiederholung des gleichen Rituals überspielen.

Großes Aufsehen hat ein Buch des ostdeutschen Literaturwissenschaftlers Dirk Oschmann erregt: „Der Osten, eine Erfindung des Westens“. Dem Autor geht es in seiner Streitschrift nicht um Identitätspolitik oder die Verfestigung einer Ost-Identität, sondern im Gegenteil um „Des-Indentifizierung“.

Er bezieht sich auf den französischen Sozialphilosoph Jacques Rancière, der für das absolute Recht einer Person oder einer gesellschaftlichen Gruppe eintritt, keine Identität zugeschrieben zu bekommen. 

Auf der sachlichen Ebene erinnert das Buch an Sachverhalte, die das Integrationsprojekt Einheit trotz vieler Erfolge hinterfragen. Es gibt Beispiele: Der Anteil Ostdeutscher in Spitzenpositionen von Wissenschaft, Verwaltung, Jurisprudenz, Medien und Wirtschaft beläuft sich derzeit auf durchschnittlich 1,7 Prozent.

Der Immobilienbesitz in Leipzig liegt bspw. zu 90 Prozent in westlichen Händen. Er beklagt die Unterschiede im Lohnniveau und die Schwierigkeiten im Vermögensaufbau der Bevölkerung.

Assoziationsketten prägen das Bild Ostdeutschlands

Neben diesen Fakten stehen im Mittelpunkt des Buches die Klagen über diverse Assoziationsketten, die aus Sicht des Autors das Bild Ostdeutschlands prägen. Es ist gerade für uns Muslime klar, was gemeint ist: Viele MitbürgerInnen aus dem Westen sehen  – insbesondere wegen der Wahlerfolge der AfD – auf die neuen Bundesländer mit großen Vorbehalten.

Ironischerweise dürften wir aber in dem Sachbuch einige Passagen entdecken, die für uns Muslime aus eigener Erfahrung durchaus nachvollziehbare Phänomene beschreiben. Oschmann beklagt vor allem in den Medien zum Beispiel Zuschreibungsmechanismen, die sich in Vorurteilen, Stereotypen, Ressentiments und Schematisierungen zeigen. Mit anderen Worten: Er erklärt zu Recht dass es die Ostdeutschen oder die Westdeutschen nicht gibt.

VIP-Prediger

Foto: Adobe Stock, Montecillo

Die Medien suchen Zuschreibungen

„Wutbürger, AfD-Wähler, Nazis, Rassisten“, so schreibt er, sind Typisierungen, die von den Medien gezielt gesucht und ausgesucht werden, damit sie im nächsten Schritt als repräsentativ hingestellt werden. Und: „Vor 1989 behauptete der Osten, alle Nazis würden im Westen leben, seit 1989 läuft es andersherum.“

Oschmann erinnert daran, dass die Mehrheit der führenden AfD-Funktionsträger in Thüringen, Sachsen oder Brandenburg aus den alten Bundesländern stammen. Die ostdeutschen Landesregierungen und der Verfassungsschutz hätten lange die Zuwanderung von Rechtsradikalen tatenlos begleitet. Kurzum: Das Problem mit dem Rechtsradikalismus ist für ihn in erster Linie ein gesamtdeutsches Phänomen.

Foto: © Jorge Royan / www.royan.com.ar, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Oschmann übersieht Migranten und Flüchtlinge

Über das Thema Migranten und Flüchtlinge ist in seinem lesenswerten Buch weniger die Rede. Das ist kein Zufall, sondern hier liegt eine Schwachstelle seiner Argumentation, da diese Fragen die Atmosphäre in Ostdeutschland entscheidend betreffen.

Wie steht es um die Gewalt gegen Muslime in den ostdeutschen Regionen? Warum wurden die PEGIDA und ihre Verschwörungstheorie über die Islamisierung Europas ausgerechnet in Dresden erfolgreich?

Bezeichnend ist in diesem Kontext, wie der Literaturwissenschaftler mit einer der wichtigsten Stimmen Ostdeutschland umgeht. Uwe Tellkamp hatte mit Äußerungen über Flüchtlinge und Islam vor einigen Jahren bundesweit Aufsehen erregt. Es werde laut Tellkamp eine Religion importiert, die „mit unserer Auffassung von Werten, speziell dem Rechtssystem“ nichts am Hut habe.

Eine Aussage, die Millionen Muslime in Deutschland ausgrenzt. Im Buch widmet er der Kontroverse über den Dresdner Schriftsteller und dem Umgang mit pauschalen Vorurteilen leider nur einen Satz, der die angebliche Benachteiligung des Ostdeutschen im Diskurs umschreibt. Die Frage: Sind nicht alle Wissenschaftler und Autoren, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion, gemeinsam aufgerufen, das Niveau der Debatte zu heben und Erfindungen über die jeweils andere, meist konstruierte Identität zu hinterfragen?

Ein Fazit der Lektüre ist klar: Die Einheit der Deutschen, die Akzeptanz der muslimischen Bevölkerung sowie der Umgang mit Zuwanderung werden uns nicht nur die nächsten Tage, sondern weitere Jahrzehnte beschäftigen.

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Frischer Blick auf die Muslime in den neuen Bundesländern

(iz). Die ersten Ausgaben dieser Zeitung wurden Mitte der 1990er, als die Digitalisierung in ihren Kinderschuhen steckte, von einer Gruppe damals junger, deutscher Muslime in Weimar im sprichwörtlichen Sinne „montiert“. In dieser Zeit waren Muslime – von Metropolen wie Leipzig, Dresden oder Erfurt abgesehen – in Ostdeutschland eine Seltenheit. Entweder hielten sie sich zeitweise als Studenten in Universitätsstädten wie Jena auf, betrieben mit einigem Mut kleinere Geschäfte wie Imbisse oder hatten einen Exotenstatus. Gebetsräume, wenn es sie gab, wurden temporär in Plattenbauten, ehemaligen Garagen oder baufälligen Industrieruinen eingerichtet.

Jetzt schreiben wir 2021 und die Lage von MuslimInnen in Ostdeutschland hat sich fraglos weiterentwickelt. Das liegt in nicht geringem Maße am Zuzug vieler Flüchtlinge, die ab 2015 kamen. Bei vielen anderen Aspekten sehen die Dinge im Vergleich weiterhin anders aus. Zum einen sind die Zahlen nicht zu vergleichen. Auch haben sie keine vergleichbare Gemeinschaftsentwicklung, kaum Anbindung an die großen Dachverbände sowie einen viel geringeren Zugang zu nötigen oder gewünschten Ressourcen. Selbst in der muslimischen Community spielen sie keine nennenswerte Rolle oder sind kuriose „Exoten“, die im Osten leben (müssen).

Einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung stellt die aktuelle Aufsatzsammlung „Muslimisches Leben in Ostdeutschland“ dar, die von Leonie Stenske und Tom Bioly für die Universität Leipzig herausgegeben wurde. In der Anthologie finden sich neben der Einführung in die muslimischen Verhältnisse in den fünf neuen Bundesländern auch konkrete Fallbeispiele zu bestimmten Aspekten muslimischen Lebens, Gemeinschaften und Erfahrungen. Ihren Ausgang nahm die Anthologie in der Arbeitsgruppe „Moscheegemeinden in Sachsen“, an dem Mitherausgeber Bioly mitwirkte. In ihrem Verlauf ergab sich der Wunsch nach Perspektivenausweitung: „einerseits auf die gesamten neuen Bundesländer und ihren jeweiligen Kontext, andererseits auf weitere Facetten muslimischen Lebens“.

Hauptunterschied zwischen den Communitys in beiden Teilen des Landes sind die Zahlen. Aus diesem leiten sich viele Differenzen in West und Ost ab. Nach Angaben der wegweisenden Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, die von einer Forschungsabteilung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für die Deutsche Islamkonferenz (DIK) erstellt und 2020 veröffentlicht wurde, leben derzeit rund 5,3 bis 5,7 Millionen MuslimInnen in Deutschland (zwischen 6,4 bis 6,7 Prozent der Gesamtbevölkerung). Davon entfallen nur 3,5 Prozent auf den Osten. Im Vergleich: Westdeutschland hat ca. die doppelte Fläche und vier Mal so viele EinwohnerInnen. Der geringste Anteil von MuslimInnen entfällt dabei auf Sachsen (0,6 Prozent), der größte auf Sachsen-Anhalt (1,1) und Thüringen (1,0). Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern liegen dazwischen. Diese Zahlenverhältnisse wirken sich auch auf die Anzahl von Moscheegemeinschaften aus: Während laut dem Reader „gut 50 Moscheevereine“ in allen ostdeutschen Bundesländern existieren sollen, seien es alleine in Baden-Württemberg beinahe 600. Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen vereinigt rund ein Drittel „aller islamischen Vereinigungen in Deutschland überhaupt“.

Ein weiterer Unterschied, der sich ebenfalls aus der Genese muslimischen Lebens in Ostdeutschland ableitet, besteht darin, dass die Mehrheit der dortigen Moscheegemeinden mit keinem der bestehenden Großverbände, die ihre Zentralen im Westen haben, verbunden ist. Die Gründung von Moscheen, Vereinen und Gebetsräumen war in den letzten Jahren (insbesondere ab 2015) eine lokale Reaktion auf schnell entstehende Bedürfnisse der wachsenden muslimischen Bevölkerungszahl. Auch aus diesem Grund greift die in den alten Bundesländern etablierte „Norm“, von der die Herausgeber in ihrer Einleitung sprechen, hier auch nicht.

Das führe dazu, so Ayşe Almıla Akca, im einführenden Aufsatz dazu, dass die allermeisten Moscheegemeinschaften deutlich jünger seien als die im Westen. Ihre spezielle Genese und Mitgliederbasis (nicht die klassischen „Arbeiter“) gibt ihnen deutlich geringere Ressourcen für Aufbau und Unterhalt von Gemeinden und Gebäuden. Laut Akca wirke sich das niedrigere Niveau bei den Mitteln wie folgt aus: „Gemeindeaufbau und Moscheemanagement in Selbstorganisation, fehlende Räume und fehlendes religiös ausgebildetes Personal – also auch kein Imam –, wenig Finanzmittel, ambivalente Akzeptanz durch die einheimische Bevölkerung, rassistische Gewalt, wenig Kontakte und kaum Netzwerke.“ Ein Fakt ist hier allerdings auch wichtig, um das gegenwärtige Bild einschätzen zu können: In Ostdeutschland ist die muslimische Präsenz so jungen Datums und die Migrationserfahrung einer Mehrheit von Gemeindemitgliedern so jung, dass noch andere Aspekte für sie wichtiger sind als im Westen, wo MuslimInnen teilweise schon in der vierten Generation leben.

Die vorliegende Gemengelage hat nicht ausschließlich negative Folgen. Was viele (nicht alle) Communitys zwischen Erzgebirge und Ostsee unterscheidet, ist der Fakt, dass nicht jede „noch so kleine ethnische beziehungsweise sprachliche Gruppe (…) ihre eigene Moschee auf die Beine“ gestellt habe. Ähnlich wie in manchen westdeutschen Kleinstädten oder abgelegenen Ortschaften zwingen die äußeren Umstände MuslimInnen in Ostdeutschland dazu, den innewohnenden Drang zur ethnischen Abgrenzung und Volkstümelei zu überwinden. „Dieser Umstand prägt die gemeinsame Verkehrssprache Deutsch (…) und das kulturell-religiöse Leben im Osten deutlich anders als im Westen“, schreibt Ayşe Almıla Akca.

Hier ist man – von zwei bis drei Ballungsräumen wie Leipzig – darauf angewiesen, miteinander auszukommen und für viele verträgliche Lösungen zu finden. Man könnte durchaus sagen, dass durch die äußeren Zwänge das Ideal einer nicht-national definierten Community leichter zu verwirklichen ist. Anstatt die hiesigen Verhältnisse des muslimischen Lebens in Ostdeutschland nur und vor allem als Manko zu sehen, könnten die sehr viel ressourcenstärkeren Strukturen im Westen sie auch als Vorbild begreifen. Nämlich, wie sich eine mehrheitlich ethnische oder weltanschauliche Fixierung, wie sie stellenweise bei ihnen besteht, überwunden werden kann.

Zu den Faktoren, die in den neuen Bundesländern anders sind und die nicht direkt von den dortigen MuslimInnen zu beeinflussen sind, gehören andere politische und gesellschaftliche Gegebenheiten vor Ort in den jeweiligen Heimatorten oder -städten.

Wie Akca dokumentiert, sind sie einer teils viel größeren Feindschaft durch direkte Umfeld beziehungsweise durch lokal agierende anti-muslimische Bewegungen ausgesetzt. Evidente Beispiele dafür waren in den letzten Jahren die teils massiven Proteste und Kampagnen gegen den Neubau von Moscheen wie in Leipzig oder Erfurt. Bisher sei im Osten noch keine „als solche sichtbare Repräsentativmoschee“ entstanden.

Bis auf Weiteres spricht vieles dafür, dass sich die muslimische Landschaft in Ostdeutschland auch mittelfristig noch in einer anderen Geschwindigkeit verändern wird. Das kann allerdings kein Ausschlussgrund für die dortigen MuslimInnen sein, sich Gehör in der allgemeinen Community zu verschaffen. Und es ist kein Anlass für diese, ihnen nicht zuzuhören.

Die IZ als Reiseführer. Auf dem Weg durch Ostdeutschland

(iz). „Reisen bildet“ – diese Maxime gilt auch etwas in der islamischen Lebenspraxis. Zu einem umfassenden Bild deutscher Landschaften gehört natürlich der Besuch des Ostens. Nur, viele Muslime scheu­en sich […]

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