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Jerusalem – der Schlüssel, der Religionen verbindet

Jerusalem

Jerusalem: Wie ein tägliches Ritual im Morgengrauen um die Grabeskirche einen Weg zu mehr Frieden weisen kann

(iz). Wenn die Altstadt von Jerusalem noch im Halbdunkel liegt und nur vereinzelte Schritte durch die Gassen hallen, beginnt ein Vorgang, der älter ist als viele Staaten dieser Welt.

Zwei Männer begegnen sich vor dem Portal der Grabeskirche. Beide gehören muslimischen Familien an, deren Namen seit Generationen mit diesem Ort verbunden sind. Die Familie Judeh al-Husseini und die Familie Nusseibeh.

Einer trägt den Schlüssel bei sich, ein langes, schmales Stück Metall von beträchtlicher Größe. Der andere übernimmt ihn, setzt ihn ins Schloss und öffnet das schwere Tor. Hinter ihm liegt nach christlichem Glauben das Grab Jesu, das Zentrum der Christenheit. Die Szene wirkt schlicht. Doch sie erzählt von einer komplexen Geschichte.

Foto: Jorge Láscar/via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Jerusalem: Konkurrenz im Heiligtum

Schon früh wurde die Grabeskirche nicht von einer einzigen Kirche verwaltet. Mehrere alte christliche Gemeinschaften beanspruchten Rechte an Kapellen, Altären und sogar an einzelnen Stufen. Armenier, Griechen, Kopten, Syrer, Äthiopier und auch Katholiken teilen sich das Gebäude bis heute nach streng festgelegten Regeln.

Was von außen wie Einheit aussieht, ist im Inneren oft ein empfindliches Gleichgewicht. Selbst kleinste Veränderungen, wie z.B. wo ein bestimmtes Möbelstück stehen darf und nicht stehen darf, lösen Spannungen aus. Historisch führten solche Auseinandersetzungen nicht nur zu lautstarken Streitigkeiten, sondern auch zu politischen Konflikten mit internationaler Tragweite.

Im 19. Jahrhundert etwa nutzte das Russische Reich Differenzen um Schutzrechte an christlichen Stätten als Vorwand für militärische Schritte gegen das Osmanische Reich. Der daraus entstandene Krimkrieg zeigt, wie eng religiöse Fragen mit Machtpolitik verflochten waren.

Bis heute kommt es gelegentlich zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen Geistlichen verschiedener christlicher Konfessionen. Die Spannungen sind Teil einer langen Geschichte konkurrierender Ansprüche.

Die Entscheidung Saladins

Ein Wendepunkt trat 1187 ein. Nach seinem Sieg über die Kreuzfahrer übernahm Saladin die Herrschaft über Jerusalem. Wie viele seiner muslimischen Vorgänger in anderen Gebieten, entschied auch er sich gegen die Zerstörung von Kirchen und Synagogen. Die Grabeskirche blieb bestehen.

Um jedoch dauerhafte Konflikte unter den christlichen Gruppen zu verhindern, wurde eine ungewöhnliche Lösung gefunden. Die Verantwortung für den Schlüssel ging an muslimische Familien über. Damit lag die Kontrolle über das Öffnen und Schließen des Tores in neutralen Händen.

Foto: Freepik

Diese Regelung stabilisierte die Situation. Keine der christlichen Kirchen musste befürchten, dass eine rivalisierende Gemeinschaft die Oberhand gewann. Gleichzeitig blieb der Zugang für Pilger gesichert.

Christen und Juden konnten sich auf die muslimischen Schlüsselträger verlassen. Seit fast 900 Jahren sorgen sie für Schutz und Sicherheit in der Grabeskirche, so dass der Gottesdienst stattfinden kann.

Ein lebendiges Gleichgewicht

Heute erscheint diese Praxis wie ein stilles Lehrstück über Zusammenleben. In einer Stadt, in der religiöse Identitäten tief verwurzelt sind und politische Spannungen zum Alltag gehören, existiert hier eine Kooperation, die auf Vertrauen und Tradition beruht.

Der Schlüssel wechselt jeden Morgen die Hand. Zwei Männer erfüllen ihre Aufgabe, unabhängig von theologischen Differenzen oder politischen Entwicklungen.

Das schwere Tor öffnet sich nur, wenn beide ihren Teil beitragen. In dieser einfachen Handlung liegt eine symbolische Kraft. Selbst an einem Ort voller Geschichte und Konflikte ist das Miteinander möglich, wenn Rollen klar verteilt und gegenseitiger Respekt gewahrt bleiben.

Wer bewacht die heiligste Stätte vieler Christen? Zwei Muslime.

(iz). Für Muslime, Juden und Christen ist Jerusalem von ungeheurer Bedeutung. In den Geschichten der Propheten spielten sich an diesem Ort besondere Ereignisse ab. Die meisten Christen glauben daran, dass dort, wo heute die, 325 errichtete, Grabeskirche steht, der Prophet Jesus, Allahs Segen auf ihm, gekreuzigt und begraben wurde , und dann auferstanden ist. Aber nur wenige wissen, dass es ein Muslim ist, der die Tür zu dieser Pilgerstätte bewacht, öffnet und schließt.
Nach der Eroberung Jerusalems 637 versprach der Kalif Umar, Allahs Wohlgefallen auf ihm, den Juden und Christen Schutz. So wurde beispielsweise das Verbot von jüdischen Ritualen aufgehoben, das unter römischer Herrschaft jahrhundertelang galt. Umar garantierte dem Erzbischof Sophronius auch die Grabeskirche stets beschützen zu lassen und dafür wählte er die angesehene Familie der Nuseibehs aus.
Es geht aber nicht nur um den Schutz vor Übergriffen von außen, sondern auch um die Bewahrung von Frieden und Harmonie zwischen den einzelnen christlichen Konfessionen, deren Anhänger in Scharen nach Jerusalem pilgern. Innerhalb der letzten Jahrhunderte gab es immer wieder Konflikte, und auch Kämpfe, zwischen einander.
Auch als der Sultan Saladin 1187 Jerusalem von den Kreuzrittern zurückeroberte, erneuerte er den Schutz der Grabeskirche und wählte dafür wieder die Familie der Nuseibehs. Doch sie sind heute nicht mehr die einzigen, die dafür zuständig sind. Nachdem die Osmanen die Verwaltung Jerusalems übernahmen, ernannten sie wenig später eine weitere Familie, die Joudehs, zum zweiten Beauftragten. Seitdem teilen die beiden palästinensischen Familien sich diese Aufgabe.
Der Schlüssel zu der Kirche wird behütet, wie ein Schatz. Die Obhut seiner Wächter verlässt er nur in die Hände der obersten Kirchenvertreter. In vertrauen Ritualen übergeben die Muslime täglich den Schlüssel an die Patriarchen der verschiedenen Konfessionen. Jede größere christliche Gemeinschaft hat ihre eigene Zeit. Am Ende landet der Schlüssel, den schon der Sultan Saladin hielt, immer in den Händen seiner Beschützer, einem Joudeh oder Nuseibeh.