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„Die Bürger haben mehr Angst, obwohl sie weniger Grund dazu haben“

„Messer-Migranten“ und Vergewaltiger, die das Land mit Kriminalität überfluten – die AfD spricht von einer „dramatisch verschärften Sicherheitslage“. Ist das wirklich so?
Bochum (dpa). Glaubt man AfD-Fraktionschefin Alice Weidel, sieht es düster aus in Deutschland: Die Sicherheitslage habe sich „dramatisch verschärft“, eine blutige Entwicklung setze sich ungebremst fort. Dies zeigten die Zahlen des Bundeskriminalamts „schwarz auf weiß“, behauptete sie noch am Donnerstag. Aber stimmt das?
Medienforscher Thomas Hestermann (Macromedia-Hochschule Hamburg) kommt zu einem ganz anderen Schluss: „Das Land ist trotz Flüchtlingswelle insgesamt sicherer geworden. Es ist so sicher wie lange nicht mehr – aber es fühlt sich für viele nicht so an.“
Die Zahl der bundesweit registrierten Straftaten war 2017 so stark zurückgegangen wie seit 20 Jahren nicht mehr. „Aber der krasse Rückgang der Kriminalität in der letzten Polizeistatistik hat in keiner Weise zu einer Beruhigung beigetragen“, sagt Hestermann.
„Die Bürger haben mehr Angst, obwohl sie weniger Grund dazu haben“, sagt auch Kriminologe Thomas Feltes (Uni Bochum). Er hat die Kluft zwischen realer und gefühlter Kriminalität schon 2016 gemessen: Von 3.500 repräsentativ befragten Bochumern sah es fast jeder Fünfte (19 Prozent) als wahrscheinlich an, im kommenden Jahr Opfer eines Raubüberfalls zu werden. Tatsächlich lag das Risiko bei 0,3 Prozent. Damit war die subjektive Angst 65 Mal so hoch wie die reale Gefahr.
Im Vergleich zur vorherigen Befragung 1998 gaben 65 Prozent weniger Bochumer an, Opfer einer Körperverletzung geworden zu sein. Die Befragten sagten auch, dass sie Straftaten heute wesentlich häufiger anzeigten als früher. Das Dunkelfeld der nicht registrierten Kriminalität dürfte also eher kleiner als größer geworden sein.
Der Anteil der Zuwanderer an den Tatverdächtigen ist in der Kriminalitätsstatistik allerdings deutlich überproportional zum Anteil in der Bevölkerung, auch wenn man die ausländerrechtlichen Taten abzieht. Doch damit sei nichts belegt, sagt Feltes. „Wer unreflektiert mit diesen Zahlen hantiert, begeht geistige Brandstiftung.“
Die Zuwanderer seien überwiegend männlich, jünger und ärmer als die deutsche Durchschnittsbevölkerung. Wenn man sie mit einer entsprechenden deutschen Gruppe vergleiche, löse sich der Unterschied größtenteils in Luft auf.
Die Kriminalstatistik hat weitere Tücken, die das Bild verzerren: Sie erfasst die Straftaten ausländischer Touristen und Geschäftsreisenden in Deutschland – in einer Stadt wie Berlin mit acht Millionen Touristen jährlich sei dies durchaus ein Faktor. Umgekehrt sind die Delikte Deutscher im Ausland nicht enthalten.
Für die enorme Verunsicherung hat Medienforscher Hestermann eine ganz andere Ursache als die Entwicklung der Zahlen ausgemacht. Er hat die Berichterstattung des Fernsehens und der Zeitungen in Deutschland untersucht und kommt zum Ergebnis: „Die deutschen Medien haben den gewalttätigen Einwanderer als Angstfigur neu entdeckt. Es gibt einen völligen Umschwung in der Berichterstattung nach der Kölner Silvesternacht.“
So habe sich die Zahl der Fernsehberichte über kriminelle Ausländer seit 2014 vervierfacht, während der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger in der Kriminalstatistik lediglich um ein Drittel angestiegen sei. In der gleichen Zeit halbierte sich die Zahl der Berichte über ausländische Opfer von Gewalttaten, obwohl die Statistik einen Anstieg ausländischer Gewaltopfer verzeichne.
Mehr Menschen bedeuteten nun einmal auch mehr Straftaten, sagt Kriminologe Feltes. Was die Belastung für die deutsche Bevölkerung aber nicht zwangsläufig erhöht: Die weitaus meisten Gewaltopfer von Zuwanderern seien Zuwanderer.
Trotz des Anstiegs der letzten zwei bis drei Jahre liegen die Zahlen für Mord und Totschlag weit unter denen etwa der 1990er Jahre. Und der Anstieg erklärt sich schon zu einem großen Teil aus einer einzigen Mordserie, auf die das BKA im Kleingedruckten verweist: die des deutschen Krankenpflegers Niels H.

Nach 17 Jahren „Anti-Terror-Krieg“

BERLIN/WASHINGTON (GFP.com). 17 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 dringen Berliner Regierungsberater auf die Überprüfung des fortdauernden „Anti-Terror-Kriegs“. Nach den Anschlägen seien in den westlichen Staaten im Namen des „Anti-Terror-Kriegs“ zahlreiche Maßnahmen wie „Inhaftierungen ohne Gerichtsurteil“ oder die massenhafte „anlasslose Überwachung“ eingeführt worden, die damals scharf kritisiert wurden, heißt es in einer aktuellen Studie der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).
Viele der Maßnahmen würden bis heute durchgeführt; die Kritik daran sei allerdings weitgehend verstummt, obwohl sie eine „systematische Aushöhlung von Menschen- und Bürgerrechten“ mit sich brächten. Der Vorwurf trifft auch Deutschland. Die Bundesrepublik verschärft im Namen des „Anti-Terror-Kriegs“ die innere Repression und ist Standort für den US-Drohnenkrieg, in dem Verdächtige ohne Gerichtsurteil ermordet werden. Politiker, die ab 2001 in die Verschleppung Verdächtiger in CIA-Foltergefängnisse involviert waren, haben staatliche Spitzenposten inne.
Vom Ausnahme- zum Normalzustand
17 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 dringen Berliner Regierungsberater auf eine Überprüfung des unmittelbar nach den Anschlägen gestarteten und bis heute fortdauernden „Anti-Terror-Kriegs“. Zahlreiche Maßnahmen, die damals eingeleitet und zunächst häufig kritisiert worden seien – „Inhaftierungen ohne Gerichtsurteil, gezielte Tötungen, anlasslose Überwachung“ –, würden bis heute weitergeführt und faktisch auch in Europa längst allgemein „toleriert“, heißt es in einer aktuellen Studie der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).
Vor allem in den USA seien eine „systematische Aushöhlung von Menschen- und Bürgerrechten“, eine zunehmende „Konzentration von Entscheidungsgewalt in den Händen der Exekutive“ sowie ein „Ausbau des nationalen Sicherheitsstaates“ zu konstatieren; doch unternähmen auch europäische Regierungen ähnliche Schritte und eiferten den Vereinigten Staaten „in vielem“ nach. „Aus der in einer Situation des Ausnahmezustands eingeführten Politik“ sei mittlerweile „ein Normalzustand geworden“, der kaum noch hinterfragt werde, urteilt der Autor des SWP-Papiers. Es gelte ihn auf den Prüfstand zu stellen – umso mehr, als „ein baldiges Endes des Krieges durch einen Sieg unwahrscheinlich“ sei.
Staatliche Morde
Die SWP-Studie zeichnet detailliert die Entwicklung zentraler „Anti-Terror“-Maßnahmen in den Vereinigten Staaten unter den Präsidenten George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump nach. So ist etwa, heißt es in dem Papier, die „Anwendung von Folter“ letzten Endes offiziell eingestellt worden; allerdings genießen „die für den Einsatz von Folter Verantwortlichen … vollständige Straflosigkeit“ und „konnten weiter Karriere machen“. Dies gilt beispielsweise für Gina Haspel – die ehemalige Leiterin eines CIA-Foltergefängnisses in Thailand wurde von Präsident Trump zur CIA-Direktorin ernannt. Beibehalten wurde, wie die SWP konstatiert, die Option, Personen ohne Gerichtsurteil zeitlich unbeschränkt zu inhaftieren; das Internierungslager Guantanamo ist entsprechend bis heute in Gebrauch.
Systematisch ausgebaut worden ist der gezielte Mord an Verdächtigen in zahlreichen Staaten Afrikas, des Mittleren Ostens sowie Südasiens mit Hilfe von Drohnen; die USA maßen sich an, Verdächtige in fremden Staaten nicht nur ohne Gerichtsurteil, sondern auch ohne jede öffentliche Begründung aus eigener Vollmacht umzubringen. Dabei werden auch sogenannte signature strikes durchgeführt: Mordanschläge auf Personen, die nicht einmal namentlich bekannt sind, sich aber durch ihr Verhalten aus Sicht von US-Spezialisten verdächtig gemacht haben. Wie das SWP-Papier bestätigt, sind die Drohnenangriffe zuerst unter Präsident Barack Obama und dann unter seinem Nachfolger Trump jeweils ausgeweitet worden.
Zerstörte Freiheitsrechte
Lediglich am Rande streift das SWP-Papier die Entwicklung der „Anti-Terror“-Maßnahmen in der EU. So konstatiert der Autor, in Frankreich habe nach den Terroranschlägen von 2015 „fast zwei Jahre lang ein verfassungsrechtlicher Ausnahmezustand“ gegolten; anschließend seien „viele der damals erlassenen Befugnisse für Polizei und Militär in einem Anti-Terror-Gesetz dauerhaft verankert“ worden. Großbritannien wiederum habe im Irak „einen seiner Staatsbürger durch einen Drohnenangriff töten lassen, ohne auch nur der Versuch einer juristischen Begründung zu unternehmen“.
Darüber hinaus forderten Polizeien und Geheimdienste 2in nahezu allen europäischen Ländern … immer neue Kompetenzen zur Überwachung der Kommunikation“. Letzteres trifft nicht zuletzt auf Deutschland zu. Aktuell sind neue Polizeigesetze in mehreren Bundesländern in Arbeit oder bereits verabschiedet worden, die, wie etwa die niedersächsische Datenschutzbeauftragte Barbara Thiel moniert, „unter dem Deckmantel, den internationalen Terrorismus zu bekämpfen, … die Freiheitsrechte der Bürger bis zur Unkenntlichkeit“ reduzieren.
Darüber hinaus haben auch deutsche Stellen zur Tötung deutscher Staatsbürger durch US-Drohnen beigetragen – indem sie beispielsweise Mobilfunkdaten an US-Behörden übermittelten; dies sei gesetzeskonform, sofern der Betroffene „einer organisierten bewaffneten Gruppe“ angehöre, erklärte schon vor mehreren Jahren der Generalbundesanwalt. Nicht zuletzt wird der US-Drohnenkrieg auch mit Hilfe militärischer Einrichtungen in Deutschland geführt, darunter vor allem die US-Militärbasis Ramstein. Die Basis unterstütze „die Planung, Überwachung und Auswertung“ entsprechender „Luftoperationen“, teilte im Januar 2017 die Bundesregierung mit.
In Guantanamo festgesetzt
Hinzu kommt, dass die Verwicklung deutscher Stellen in die Verschleppung von Verdächtigen durch die CIA und in ihre Internierung in Foltergefängnissen nie wirklich aufgeklärt und schon gar nicht sanktioniert worden ist. Davon profitieren auch Politiker, die heute staatliche Spitzenämter bekleiden. Dies zeigt etwa der Fall des Bremers Murat Kurnaz. Kurnaz, der im November 2001 in Pakistan unter falschen Verdächtigungen festgenommen, anschließend von US-Stellen in ein Folterlager in Afghanistan und dann in das US-Lager Guantanamo verschleppt worden war, hätte bereits 2002 in die Bundesrepublik zurückkehren können.
Die Bundesregierung lehnte ein entsprechendes US-Angebot allerdings ab – offiziell, weil Kurnaz, der keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, seine Aufenthaltserlaubnis nicht wie erforderlich vor dem Ablauf von sechs Monaten verlängert hatte, was er, widerrechtlich in Guantanamo festgehalten, gar nicht konnte. Die infame Begründung dafür, ihm die Einreise nach Deutschland zu verweigern, lieferte damals der Leiter des Referats für Ausländerrecht im Bundesinnenministerium, Hans-Georg Maaßen. Dem heutigen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz verdankt Kurnaz vier weitere Jahre Internierung in Guantanamo bis zu seiner Freilassung im August 2006. Maaßen hat seine damalige Begründung für die Einreisesperre gegen Kurnaz später stets verteidigt.
„Sicherheitsrunden“ im Kanzleramt
Formell getroffen wurde die Entscheidung, Kurnaz wegen des – schuldlosen – Verlusts seiner Aufenthaltserlaubnis in Guantanamo leiden zu lassen, bei einer Besprechung im Bundeskanzleramt am 29. Oktober 2002. Beteiligt war der damalige Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier (SPD). Der heutige Bundespräsident war seit Herbst 2001 als Teilnehmer der „Sicherheitsrunden“ im Kanzleramt in diverse Entscheidungen involviert, mit denen zum Beispiel die Entsendung mehrerer Mitarbeiter deutscher Geheimdienste – BND, Bundesamt für Verfassungsschutz – und des BKA in Foltergefängnisse im Libanon, in Syrien und in Afghanistan sowie nach Guantanamo in die Wege geleitet wurde.
Dort nahmen die deutschen Beamten persönlich an Verhören teil oder stellten zumindest indirekt die von den Gefangenen zu beantwortenden Fragen. Über die deutsche Kollaboration mit der CIA bei Verschleppung und Folter von Terrorverdächtigen hat sich später der liberale Schweizer Politiker Dick Marty – in seiner Funktion als Sonderermittler des Europarats zu den kriminellen transatlantischen Machenschaften – bitter beklagt. Im Jahr 2007 warf er außerdem der Bundesregierung vor, „die Suche nach der Wahrheit“ im „Anti-Terror-Krieg“ hartnäckig zu „behindern“. Damals amtierte Steinmeier als Außenminister unter Kanzlerin Angela Merkel.
Gescheitert
Der Appell aus der SWP, den „Anti-Terror-Krieg“ endlich zu überprüfen, erfolgt zu einer Zeit, zu der sich die Erfolglosigkeit der Maßnahmen deutlicher zeigt denn je. Ging es im Herbst 2001 noch darum, Al Qaida den Garaus zu machen, so ist der globale Jihadismus seitdem gewachsen: Heute richtet sich der „Anti-Terror-Krieg“ auch gegen den IS, der eine Zeitlang sogar einen eigenen Staat unterhalten konnte. Al Qaida ist gleichfalls erstarkt: Allein der syrische Ableger der Organisation zählt heute laut Angaben des Syrian Observatory for Human Rights gut 30.000 Kämpfer.

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#MeTwo: Diskriminierung im Inneren wie im Äußeren

(iz). Die #MeTwo-Debatte hat bei Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen wie auch bei Privatpersonen für viel Wirbel gesorgt. Die Hashtag-Aktion ermutigte verschiedenste BürgerInnen dazu, ihre Diskriminierungserfahrungen mit der Welt zu teilen und schlug große Wellen. Auch in den Mainstreammedien wie dem ARD wurde das Thema aufgegriffen und es gab eine, wenn auch nur kurzweilige, ­Debatte über den gesellschaftlichen und strukturellen Rassismus in Deutschland, den die Gastarbeitergenerationen bis hin zu den jetzt „eigentlich“ Deutschen mit Migrationshintrgrund erdulden mussten und es noch heute tun.
Wir haben die Lehrerin Fereshta ­Ludin, die mit ihrem Kampf um das Recht, mit Kopftuch an der Schule unterrichten zu dürfen, öffentlich bekannt wurde, zu ihren Erfahrungen und ­Gedanken in Sachen #MeTwo befragt. Die Aktion habe bei ihr viele verstaubte Erinnerungen empor geholt. „Es war eine Lehrerfortbildung vor vielen Jahren, da organisierten eine muslimische Frauengruppe und ich als Studentin eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema ­muslimische SchülerInnen an Schulen. Als Einstieg haben wir uns ein paar lustige Sketche ausgedacht, die wir gespielt haben, damit das Thema den KollegInnen nicht allzu trocken, abstrakt, langweilig und ernst transportiert wird.
Wir hofften, damit einen lockeren ­Einstieg erzielen zu können. Das Ergebnis dieses Einstiegs war jedoch weder hoffnungsvoll noch lustig und traf nicht auf die Akzeptanz der Anwesenden. Die adressierten LehrerInnen waren entsetzt und erbost darüber, dass wir diese Form der Darstellung, nämlich den Sarkasmus/die Persiflage gewählt hatten, um die Probleme, die angesprochen wurden, zu denen gemeinsam schultaugliche Lösungen erzielt werden sollten, darzustellen. Die anwesenden LehrerInnen fühlten sich als an Schulen nicht ernst zu nehmende Personen dargestellt. Uns wurde vorwurfsvoll mitgeteilt, mit diesem Einstieg kein Verständnis für die Belange der LehrerInnen vermittelt zu haben.
Die Probleme, die wir in den Sketchen geschildert hatten waren schwierige Schüler, die Disziplinprobleme erzeugt hatten, weil diese sich nicht mit ihrem kulturellen Hintergrund verstanden fühlten und Lehrer sie nicht nur in ihrem Verhalten versuchten zu disziplinieren, sondern auch an ihrem Auftritt und Aussehen ­einen Anstoß genommen haben. Kurz gesagt, diese SchülerInnen wurden ­diskriminiert und durch die Lehrkräfte als Außenseiter abgestempelt.“ Dieses Verhaltensmuster spiegelte sich nach Aussage Ludins nicht nur im Leben der Darstellerinnen der Sketche so wieder, sondern sei auch die Realität an vielen Schulen der kleinen Stadt im Süden Deutschlands gewesen.
Die Reaktion der LehrerInnen bei ­dieser und viele weitere Fortbildungen, die sie auch später im Norden Deutschlands ähnlich erlebt habe, stimme sie nachdenklich. LehrerInnen seien häufig durch Kinder mit „Migrationshintergrund“ überfordert. Viele versuchten, diese ­Kinder in ein ihnen genehmes ­Schema zu pressen, das von den SchülerInnen nur schwer angenommen werde, weil ­ihnen nicht oft die nötige Akzeptanz und der Respekt durch die Lehrerschaft ­entgegengebracht werde.
Migration sei für sie ein Themenkomplex, für den weder Politik als Ganzes, noch die Bildungspolitik im konkreten bis heute differenziert Konzepte zu entwickeln in der Lage gewesen sei. Im schulischen Alltag blieben sowohl SchülerInnen mit Migrationshintergrund, als auch LehrerInnen im Versuch, mit einander klarzukommen. Benachteiligung, Diskriminierung und Rassismus an Schulen sei ein durchaus präsentes Thema. Was jedoch viel zu oft verkannt werde, sei das Problem, dass LehrerInnen mit jenen SchülerInnen „gezwungen“ seien, umzu­gehen, ohne die entsprechende Kultur- und Religionssensibilät zu besitzen.
Auch fehle das Bewusstsein dafür, dass SchülerInnen, die einen Migrations­hintergrund hätten, zum größten Teil sowohl hier geboren sind, als auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Sie seien also schon längst nicht mehr als Fremde, Migranten, oder als Ausländer zu ­betrachten.
„Also was soll das Wort Migrationshintergrund überhaupt? Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir alle Menschen, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben, oder hier geboren sind, nicht mehr als Migranten, sonder vielmehr einfach als Deutsche sehen. Denn an diesem Punkt könnte die Diskriminierung aufhören, ebenso viele rassistische Bemerkungen, Fragestellungen und Kommentare in der Schule, während des Studiums und im Berufsleben. Es ist an der Zeit, einmal anders Deutsch zu denken und ein ­anderes Deutschverständnis zu definieren. Sprache ist das erste Mittel dazu“, so Fereshta Ludin.
Aaliyah Bah-Traoré, Aktivistin togolesischen Ursprungs, sieht das Problem des Rassismus nicht nur in der Be­zie­hung zwischen den sogenannten ­MigrantInnen und der deutschen ­Mehrheitsgesellschaft, sondern auch unter den Migranten selbst. Für sie sei es grundlegend nicht einfach, in Deutschland eine schwarze, kopftuchtragende ­Muslimin zu sein. Einerseits ­erfahre sie Diskriminierung vonseiten der deutschen, weißen Mehrheitsgesellschaft im ­Hinblick auf ihre Hautfarbe, auf ihr Muslimsein und ebenso als Frau.
Jedoch werde sie gleichzeitig auch von der muslimischen Community diskriminiert, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe und wiederum auch als Frau benachteilige. Sie fände eine Diskussion innerhalb unserer eigenen muslimischen Gemeinschaft in Deutschland wichtig, denn ohne vor der eigenen Haustüre zu kehren, ­können wir nicht erwarten, dass sich im Äußeren etwas ändern könne. „Oft ist es so, als wollten mir Leute meine eigene Identität vorschreiben. Mir wurde mehrmals gesagt, ich solle türkischer oder arabischer werden, um eine echte Muslimin sein zu können, denn schwarze Muslime wüssten nicht, wie man den Din richtig praktiziere und müssten von eben diesen Ethnien darin unterrichtet werden.“ Trotz dieser rassistischen Erfahrungen lässt sich die junge und dynamische Frau in kein Muster pressen. Sie lasse sich nicht von anderen vorschreiben, was es heiße eine in Deutschland lebende schwarze Muslimin zu sein, weder von „den Deutschen“ noch von „den Mus­limen“. Sie fühle sich nicht in einer Identitätskrise, da sie weder die Akzeptanz noch die Anerkennung anderer brauche, die sie in ihrem Muslimsein und ihrer Selbstbeschreibung bestärken.
Sie fürchte sich auch nicht vor Konfrontationen, um ihre Grenzen zu schützen und Menschen daran zu hindern, diese zu überschreiten. Sie wirkt im ­Gespräch gelassen und realistisch, ist sich der negativen Erfahrungen und der ­angespannten Lage bewusst, lässt sich ­jedoch nicht das Lachen und die Fröhlichkeit nehmen.
Ihr selbstbewusster ­Umgang mit diesem Thema stamme von ihrer Erziehung, denn ihre Mutter habe sie stets Unabhängigkeit und Durchsetzungsvermögen gelehrt. „Ich empfinde es als ein Segen, eine schwarze Frau zu sein, auch wenn es nicht immer einfach ist. Meiner Mutter brachte mir bei, mich von niemandem unterdrücken zu lassen und für meine Rechte einzustehen. Ich gebe Menschen gar nicht erst die ­Möglichkeit, mich als minderwertig zu behandeln. Ich habe einen Weg gefunden, mich selbst auf eine Art zu lieben, die andere einschüchtert“, so Bah-Traoré. Dies sei für sie ein guter Weg, für sich selbst einzustehen und sich gegen ­Diskriminierung zu wehren.
Auf persönlicher Ebene haben viele Menschen migrantischen Urpsrungs Wege für sich gefunden, mit Diskriminierung umzugehen. Die Frage besteht dennoch: Was tun wir als deutsche Gesellschaft, damit sich alle hier Lebenden zuhause fühlen?

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Die Wohlklänge des Islam

(iz). In den Versammlungen der Muslime wie dem Dschumu’a, zum Freitagsgebet in der Moschee, steht das Gebet beziehungsweise die Andacht und das Wort Gottes im Zentrum. In der Übermittlung der […]

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Umweltschutz: „Die Verantwortung ernster nehmen“

Darmstadt/Osnabrück (KNA). Yoga im Bürgerpark, ein Ameisen-Workshop oder ein Vortrag des Klimaforschers Mojib Latif: So unterschiedliche Veranstaltungen gehören zum Programm der zweiten Religiösen Naturschutzwoche, die Anfang September in Osnabrück, Köln und Darmstadt stattfindet. Dahinter steht das Abrahamische Forum, das Religionsvertreter und Naturschützer zusammenbringen möchte. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht Geschäftsführer Jürgen Micksch über die Aktionswoche und die Schnittstellen zwischen Religion und Naturschutz.
KNA: Herr Micksch, was kann man sich unter der Religiösen Naturschutzwoche vorstellen?
Jürgen Micksch: Sie hat das Ziel, religiöse Gemeinschaften und Gemeinden für die Herausforderungen im Naturschutz stärker zu sensibilisieren und Vertretungen der Religionsgemeinschaften mit Persönlichkeiten des Naturschutzes zusammen zu bringen. Anfangs war es schwierig, dafür geeignete Orte zu finden. Städte haben sich zwar beworben, dann aber festgestellt, dass die konkrete Durchführung nicht funktioniert. Zudem waren die Leute aus dem Naturschutz zurückhaltend, mit Vertretern von Religionsgemeinschaften zusammenzuarbeiten. Viele Naturschützer sind eher religionsfern eingestellt.
KNA: Offenbar sind Sie trotzdem zusammengekommen…
Jürgen Micksch: Ja, denn die Haltung hat sich schnell verändert. Ein Beispiel: Inzwischen führt der zuständige NABU-Mitarbeiter in Darmstadt regelmäßig Projekte in einer Moschee durch, zuletzt wurden Nistkästen für Vögel eingerichtet. Anfangs wurde uns gesagt, ach, jetzt wollen die Religionen auch noch in den Naturschutz hineinwirken. Inzwischen höre ich das nicht mehr. Naturschützer staunen manchmal noch darüber, dass Religionsgruppen sich dieser Fragen annehmen. Sie stellen aber schnell fest, dass die Zusammenarbeit bisher überall zu ausgesprochen positiven Ergebnissen geführt hat.
KNA: Wo sehen Sie Schnittstellen von Religion und Naturschutz?
Jürgen Micksch: Religionen haben eine Geschichte im Naturschutz, die ein wenig in Vergessenheit geraten ist. In der Bibel ist genau beschrieben, wie der Mensch mit der Natur und mit Tieren umgehen soll, wie Felder zu bestellen sind. Viele religiöse Feste sind durch Erfahrungen mit der Natur geprägt. Im Christentum erkennen wir diese Spuren noch beim Erntedankfest. Beim muslimischen Noah-Fest steht der Tierschutz im Mittelpunkt. Die Juden feiern mit dem Tag des Baumes die Idee, Israel von einem verwüsteten Land wieder zu einem Land mit Grün werden zu lassen. Uns ist es wichtig, an diese Traditionen zu erinnern – und an die Verantwortung der Religionen für den Naturschutz.
KNA: Was macht der Arbeitskreis „Religionen und Naturschutz“ jenseits der Aktionswoche?
Jürgen Micksch: Insgesamt sind neun Religionsgemeinschaften bei der Arbeitsgruppe dabei, und so geht es viel um Austausch. Wichtig ist uns, dass der Naturschutz in den religiösen Gemeinden als Aufgabe wahrgenommen wird. Dazu kann die Naturschutzwoche durchaus beitragen: Ein Vorbild sind die Interkulturellen Wochen, die über die Jahre gewachsen sind – inzwischen gibt es jährlich über 5.000 Veranstaltungen an über 500 Orten. Was ursprünglich von den Kirchen begonnen wurde, hat mit dazu beigetragen, dass es die „Willkommenskultur“ geben konnte. Das wünsche ich mir auch in Bezug auf den Naturschutz: dass religiöse Gemeinden dazu beitragen, die Verantwortung für den Naturschutz ernster zu nehmen.
KNA: Manche Themen, aktuell etwa das Bienensterben, stoßen auf große Aufmerksamkeit, andere haben es schwer. Was müsste sich ändern?
Micksch: Die Menschen merken: Wenn Bienen sterben, sterben irgendwann Pflanzen und auch wir Menschen. Es liegt im Eigeninteresse der Menschen, dass das Bienensterben nicht weiter fortschreitet. Auf andere Themen möchten wir bei der Aktionswoche hinweisen: zum Beispiel die Vielfalt der Vögel. Der Rückgang bei den Singvogelarten ist erschreckend. Das betrifft etwa auch Spatzen, die wir von Kindheit an kennen und mögen. Zunächst scheint es vielen Menschen nicht unmittelbar entscheidend, aber wir brauchen die Vielfalt, um als Tiere und Menschen überleben zu können.
Jürgen Micksch: Apropos Kindheit: Laut Berichten erkennen viele Kinder keine Gemüsesorten mehr erkennen. Ist Naturschutz eine Altersfrage?
Micksch: Das kann man sicher so sagen. Ältere Generationen sind noch in ganz anderen Zusammenhängen mit der Natur aufgewachsen. Viele Kinder, die in städtischen Gebieten leben, wissen nicht, woher die Milch kommt. Sie verbinden sie eher mit dem Supermarkt als mit Kühen und grünen Wiesen. Aber auch sie müssen lernen, wie wichtig es ist, dass wir Kühe in einer gesunden Mitwelt haben.
KNA: Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Beate Jessel, sieht in Ihrer Arbeitsgruppe auch eine Chance für den interreligiösen Dialog. Wie sehen Sie das?
Jürgen Micksch: Das ist meine besondere Motivation als Theologe und Soziologe. Wenn wir interreligiös intensiver zusammenarbeiten und manche Konflikte überwinden wollen, dann müssen wir Themen suchen, wo wir uns gut verstehen und Gemeinsamkeiten haben. Dazu gehört der Naturschutz: Alle Religionen setzten sich seit Jahrhunderten für die Bewahrung der Natur ein. Bei uns arbeiten Religionsgemeinschaften zusammen, die bei anderen Themen nicht zu einer Kooperation bereit sind.
KNA: Zum Abschluss eine praktische Frage: Was kann jeder Einzelne für die Natur tun?
Jürgen Micksch: Jeder kann in seiner Gemeinde an dem Bewusstsein dafür mitarbeiten, dass zum Beispiel Friedhöfe Orte biologischer Vielfalt sind und entsprechend gepflegt werden. Auch das Umfeld religiöser Gebäude kann bewusst gestaltet werden, etwa mit Bienenhäusern, Wildpflanzen oder Nistplätzen für Vögel. Viele Gemeinden nehmen diese Impulse sehr positiv auf – aber es ist noch viel zu tun.

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Und Er hat die schönsten Namen

„Allah – es gibt keinen Gott außer Ihm. Sein sind die schönsten Namen.“ (Ta-Ha, 8) „Sprich: ‘Ruft Allah oder ruft den Allerbarmer an; welchen ihr auch ruft, Sein sind die […]

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Im Schatten des Ghettos

Mit ihren neuen Gesetzen führt die dänische Regierung nicht nur den Begriff des „Ghettos“ ein. Dessen Bewohner werden auch gesonderten Regelungen unterworfen, die sie von anderen Bürgern des Landes unterscheiden. […]

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Wir sind auch die Mitte

(iz). Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer ist nicht nur ein bekannter Wissenschaftler. Er hat sich auch mit klugen Beiträgen in die soziale Gemengelage eingeschaltet. ­Kürzlich äußerte er sich über den sich verstärkenden Drang zur Eindeutigkeit. Darunter leide, so Bauer, die Mitte ­unseres Landes. „Natürlich braucht es eine gewisse geistige Reife, und man kann das tatsächlich nur lernen, wenn man auch Werte hat, an denen man sich ausrichtet. Das Problem ist, heute tendieren die Leute verstärkt zu den Extremen: Gleichgültigkeit und Fundamentalismus. Die Mitte wird immer leerer“, sagte er im Gespräch dem „Tagesspiegel“.
Es ist diese Mitte, die sehr lange den bundesrepublikanischen Konsens trug und repräsentierte. Sie wird aber in der letzten Zeit unter dem Druck einer anschwellenden Lagerbildung zerrieben. Das ist nicht nur eine Frage der Politik, sondern übersetzt sich auf verschiedene relevante Bereiche unserer Gesellschaft. Die Fähigkeit zum Kompromiss und Konsens, die früher gelegentlich von Intellektuellen als erdrückend beschrieben wurde, aber gleichzeitig Alltag war, hat Konkurrenz durch eine irrationale Sehnsucht nach dem Absoluten bekommen.
Die Schwächung unserer Mitte bewirkt auch, dass sie immer weniger in der Lage ist, die Ränder zu binden. Auf der einen Seite haben wir eine ungesonderte Schicht an Menschen, die sich abgehängt fühlen und zu vermeintlich einfachen Lösungen als Rettung greifen. Sie hoffen, diese im nationalistischen Populismus zu finden, der seit geraumer Zeit von Washington bis Wladiwostok im Aufstieg befindlich ist. Auf der anderen Seite gibt es die aufstrebenden Elemente einer Minderheit von Globalisierungsgewinnern sowie einer Elite, die sich in den Augen des Soziologen Michael Hartmann immer mehr von der Mehrheit entfernen. Früher sei die Politik ein ­„Gegenpol“ zur Wirtschaft gewesen. Heute jedoch sähe das anders aus.
Die sich entfaltenden Zentrifugalkräfte sowie die schwindende Bindungsfähigkeit der Eliten im Inneren schaffen Leerräume. Im situierten Milieu wurden sie von AfD-nahen Diskursen besetzt. Auf der Hooligan-Ebene – von Dortmund bis jüngst in Chemnitz – ist es der Mob, der mehr Freiräume bekommt, als er eigentlich dürfte. Hier müssen sich die Dienste fragen lassen, ob ihr Narrativ der Muslime als Bedrohung der Ordnung nicht an den Verhältnissen vorbeiging.
Und wir Muslime sowie unsere Gemeinschaften stehen an einem Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen. Es liegt in unserem gesunden Eigeninteresse, die Mitte zu stärken. Immerhin nennt Allah uns in Seinem Qur’an eine „Gemeinschaft der Mitte“.

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Was hat das iPhone mit unseren Gemeinden zu tun?

Wer ist der Moscheevorsitzende? Wer steht dem Vorstand vor und wie viele Mitglieder hat dieser? Wie staffelt man die Amtszeiten? Gibt es einen Aufsichtsrat? Sollen wir einen Imam anstellen? Das sind einige der Fragen, auf die sich unsere Gemeinden konzentrieren. Während sie wichtig sein mögen, übersehen sie eine viel bedeutendere. Hilft die Struktur der Vision und Mission der Moschee oder schadet sie ihr?

Viele Gemeinschaften wurden mit bestimmten Zielen etabliert. Die physische Struktur wurde als ein Ort geschaffen, um eine Gemeinschaft durch das Freitagsgebet, außerschulischen Unterricht und andere Aktivitäten aufzubauen. Diese Vision wird sogar durch den materiellen Aufbau von speziell für ihren Zweck errichteten Islamischen ­Zentren ausgedrückt.

Die Verbindung dieser wichtigen Aktivitäten und die physische Nähe waren die Zutaten vieler Gemeinschaftsgebäude. Durch sie ­entwickelten die Menschen Zuneigung für ihre „lokale Moschee“. Diese wurde zur Plattform, durch welche alle Gemeinschaftsereignisse stattfanden und Bindungen geschaffen wurden.

Im Zuge dieser Entwicklung wurden Verwaltungsstrukturen eingeführt. Es wurden Satzungen geschrieben, dass keine auswärtigen Parteien die Gemeinden übernehmen oder ihren lokalen Charakter aufheben können. Stattdessen hat das iPhone diese Wirkung übernommen. Es erweist sich als wichtiger Dominostein in einer Reihe von Ereignissen, welche das Zeitalter der sozialen Netzwerke hervorbrachte, wie wir es heute kennen und in dem wir alle leben. Damit verbunden sind all seine positiven und negativen Folgen. Im Laufe der letzten paar Jahre sahen wir die ­dramatische Veränderung bestimmter Dinge. Um es genauer zu sagen, so haben sich unsere Erwartungen dessen geändert, was eine Moschee der Gemeinschaft bieten sollte.

Damit geht einher, dass unsere religiösen Erfahrungen nicht länger nur mit einer ­physischen Gemeinschaft verbunden sind. Vermeintlich können wir uns mit irgendeiner Gruppe auf der Welt verbinden. Dient die lokale Moschee nicht mehr unseren Bedürfnissen, finden wir funktionierende Alter­nativen im Netz.

Auf einer tieferen Ebene ermächtigte die Technologie die Leute dazu, aktive Teil­nehmer zu sein – damit ihre Stimme gehört wird. Kam es früher zu Spannungen in der lokalen Gemeinde, musste man sie überstehen und kämpfen. Das ist die Haltung, die sich bei den älteren Mitgliedern beobachten lässt. Sie idealisieren die Idee, es auszukämpfen und weiterzukämpfen, egal was passiert. Für sie war das sinnvoll, denn sie hatten keine andere Option.

Heute jedoch haben wir Wahlmöglichkeiten – und neue Erwartungen. Wir haben die ­Freiheit, an Online-Gemeinschaften teilzunehmen, während Leute von ihrer lokalen Gemeinschaft ausgegrenzt werden. Man hat die Möglichkeit, sich im digitalen Austausch mit anderen zu bilden, aktiv zu sein und bei anderen Projekten mitzumachen. Da fragt man sich: Warum gelingt mir das nicht in meiner Moschee vor Ort?

Am Schnittpunkt dieser Aspekte können wir Generationenunterschiede erkennen. Die „unwichtigen Onkel“ gegen die „unerfahrene Jugend“. Die Moschee ist ein ideales und ­einzigartiges Forum für die altersübergreifende Interaktion, die leider für diesen Konflikt ­verschwendet wird. Und wenn es zu Streitigkeiten kommt, ziehen sich die Leute zurück und reagieren defensiv. Für die Jugend kann das bedeuten, dass sie die lokale Gemeinschaft verlässt und sich anderen anschließt (ob ­on- oder offline), wo sie sich eine freie Teilnahme und einen bedeutsamen Beitrag verspricht. Für die Älteren kann es heißen, dass sie ­deshalb defensiv reagiert, um die von ihnen gegründete Einrichtung zu bewahren.

Dieser Zustand der Bewahrung kann das Ende einläuten. Die reine Konservierung ist nicht der Zweck einer Moschee oder des ­Aufbaus einer Gemeinschaft. Er verhindert, dass sich die Organisation anpasst und auf die Veränderungen in der Gesellschaft ­reagiert (und sie wandelt sich schneller als je zuvor).

Die Selbstverpflichtung zu einer lokalen Gemeinschaft wurde teilweise durch die zu einer Sache abgelöst. Diese Prämisse schafft eine Reihe neuer Fragen, auf welche sich die Moschee fokussieren muss. Wie kann die Moschee eine Gemeinschaft hervorbringen, in der verschiedene Standpunkte ohne Angst vor Negativität ausgedrückt werden können? Welche Arbeit unternimmt die Moschee, um die Gesellschaft, die Gemeinschaft und das Leben der einzelnen Mitglieder zu verbessern? Wie gleicht sie ihre Bedürfnisse aus, während sie weiterhin mit lokalen oder nationalen Anliegen verbunden bleibt? Wie können einzelne Mitglieder sinnvoll dazu ermächtigt werden, ernsthafte Beiträge zu leisten?

Wenn der Fokus auf dem Erreichen dieser Ziele liegt, kann die Struktur korrigiert werden. Welche Art von physischem Raum sollte entworfen werden, um diese Ergebnisse zu zeitigen? Was ist die beste Verwaltungsstruktur, um das hervorzubringen? Diese Dinge müssen sich ändern. Wenn sich Freiwillige anbieten, aber in einem Rahmen des Bewahrungsprinzips feststecken, bekommen sie das Gefühl, keine Stimme zu haben. Manche Ältere, auch wenn sie sagen, Wandel und Beteiligung seien willkommen, senden Signale, dass sie die Dinge wie bisher fortsetzen wollen. Wichtige Änderungen werden schnell benötigt. In diesem Stadium die „Dinge, wie sie sind“ zu erhalten, macht die lokale Moschee noch irrelevanter.

John Maxwells Gesetz des Deckels besagt, dass eine Organisation nie die Kapazität ihrer Führung überholen wird. Hat sie eine Führungspersönlichkeit mit geringer Kapazität, wird man in einer Organisation mit geringer Kapazität steckenbleiben (talentierte Mitglieder werden schließlich gehen). Gibt es Führungskräfte mit großen Fähigkeiten, hat man eine Organisation mit hoher Kapazität (die geeignete Akteure anziehen kann). „Die Fähigkeit einer Führung ist immer der Deckel auf der personellen und organisa­torischen Effektivität“, schreibt Maxwell. Je fähiger die Leitung, desto höher sind die Möglichkeiten einer Organisation. „Aber wenn nicht, dann ist die Organisation begrenzt.“

Es ist üblich, dass Gemeinden eine Gründungsphase mit dem Aufbau von Infrastruktur und Institutionen durchlaufen. Sobald sie gebaut sind, kämpfen viele darum, neue Gemeindeglieder zu gewinnen. Maxwell sagt, „ein stagnierender Kirchenführer hemmt das Wachstum der Kirche“. Außerdem würden sich die Erwartungen während bestimmter Stadien im Lebenszyklus einer Organisation verändern.

Die Führungsherausforderung für die Moschee ist, herauszufinden, wie man eine Vision für die Zukunft artikuliert und gleichzeitig neue Mitglieder der Gemeinde mit ­dieser Vision vertraut macht. Auf der Grundebene beginnt das mit dem offenen Gespräch. Es braucht einen Austausch, um zu verstehen, was die Leute von der Institution der Moschee wünschen. Und doch wird sich der höchste Zweck, die Bereitsstellung eines Raums zum Gebet, niemals wandeln. Wenn Gelder für den Gemeinschaftsaufbau verwendet werden, ergeben sich jedoch andere Erwartungen. Wie gestaltet sich der Aufbau einer Gemeinschaft? Was in der Vergangenheit funktionierte, muss nicht notwendigerweise in die Zukunft passen.

Ohne offenes Gespräch und eine solche Verbindung werden Strukturen zunehmend isoliert und verlieren ihre Lebenskraft. Die Überwindung der Kluft zwischen den Generationen bedeutet, dass die Herangehensweise geändert wird. Letztendlich läuft alles auf Anpassungsfähigkeit hinaus. Wenn die Dinge lange Zeit auf eine bestimmte Art und Weise erledigt wurden oder die gleiche Gruppe in der Führung war, entwickelt sich eine bestimmte Kultur. Das Aufrechterhalten des Status quo hat oft Vorrang vor Neuankömmlingen. Es wird so für die Leute schwieriger, sich zu engagieren und so Beziehungen zu Gemeindemitgliedern aufzubauen.

Führung wird immer ihren Willen zum Wachstum bekunden. Aber Handlungen ­deuten an, dass sie die Dinge so beibehalten will, wie sie sind. Dies ist natürlich, da manchmal ein Verlust von Intimität in Gemeinschaftsbeziehungen entsteht. Menschen werden nostalgisch ob der „guten, alten Zeiten“; beispielsweise als es eine kleine Gruppe von Familien gab, die in einer Wohnung betete. Das ist natürlich. Um eine Organisation am Leben zu halten, bedarf es eines Umdenkens, um Verantwortung für die Zukunft über­nehmen zu können.

Wachstum erfordert die Anerkennung einer neuen Phase im gemeinschaftlichen Leben. Die Vision einer Moschee muss sich von einer kleinen Gruppe von Leitern zu einer größeren Gruppe der Mitglieder entwickeln. Das bindet neue Leute ein, erhöht die Vielfalt und treibt neue Talente in die Organisation. Diese Erhöhung von Führungskapazitäten wiederum bewirkt, dass die Einrichtung ihre Ziele erreichen kann. In einigen Fällen bedeutet Veränderung, dass eine Führung möglicherweise akzeptieren muss, dass sie geholfen hat, die Moschee gut zu machen, aber jemand anderes nun gebraucht wird, um sie großartig zu machen.

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Gemeinsam mehr bewegen können

(iz). Einkauf, Zubereitung und schließlich der Verzehr unserer Nahrung gehören zu unseren wesentlichsten Handlungen. Das gilt auch, obwohl dieses Tun wegen seiner absoluten Alltäglichkeit oft nicht in unser Bewusstsein eindringt. […]

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