Fadumo Dayib wird vielleicht Somalias erste Präsidentin

(iz). Sie wurde in Kenia geboren, weil ihre Familie aus Somalia floh. Doch dorthin wurden sie kurze Zeit später zurückgeschickt. Im Zuge der Kriege und der schlechten medizinischen Versorgung in dem ostafrikanischen Land ist Fadumo heute von elf Kindern das einzig Lebende.
Mit 14 Jahren gelangte sie als Flüchtling mit ihrer Familie nach Finnland. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte das Mädchen weder lesen noch schreiben. Bildung war in Somalia zu teuer. Zum ersten Mal konnte sie eine Schule besuchen und diese Möglichkeit nutzte sie. „Sie haben mich nicht aufgegeben“, reflektiert sie die Bemühungen, ihr zu helfen, im Interview mit NPR.
Das Mädchen aus Somalia wurde zur Musterschülerin. Zunächst machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Es sei ihr wichtig gewesen, die Art von erste Hilfe leisten zu können, die ihre Geschwister damals gebraucht hätten. Später schloss sie Masterabschlüsse in Naturwissenschaften und Gesundheitswesen ab.
Sie heiratete und wurde Mutter. Ihren vier Kindern standen die Möglichkeiten der Bildung offen. Das reichte der Somaliarin nicht. Zu sehr hänge ihr Herz an der schlechten Situation in ihrem Ursprungsland. Fadumo Dayib entschloss sich, nach Somalia zurückzukehren. Dort begann sie mit der UNO an er Errichtung von Geburtskliniken zu arbeiten.
„Ironisch“, wie sie finde. In Finnland habe sie Rechten oft erklären müssen, dass sie nicht zurück könne „wo sie herkommt“, und nun, wo es möglich ist, mache sie es von sich aus.
Das Land leidet bis heute an dem Terror der wahhabitischen Miliz „Al-Shabab“. Wegen ihrer Kooperation mit der UNO wurde ihr bereits mit dem Tod gedroht. Fadumo Dayib ist nicht der Typ Frau, der sich unterkriegen lässt. Den Gegenwind nahm sie zum Anlass zu verkünden, für die Präsidentschaft in Somalia zu kandidieren.
Den Kampf für Gerechtigkeit versteht sie als ihre „islamische Pflicht“. Gerade der Glauben habe ihr Vertrauen in ihre Arbeit gegeben. „Unser Land kann blühen, wenn wir nur mehr über unsere islamischen Rechte wüssten“, erklärt sie der Harvard Gazette
Auf diese Weise möchte sie Korruption, medizinische Unterversorgung, hohe Arbeitslostigkeit, sexuelle Gewalt, fehlende Bildung und mangelnde Gleichberechtigung bekämpfen. Mit der EU und UNO geht sie hart ins Gericht. Die Entwicklungspolitik sei bislang „überhaupt nicht effektiv“ und verhindere, dass Somalia überhaupt wachse. Lösungen möchte sie aus dem Dialog mit ihren eigenen Landsleuten finden.
Dafür sei sie auch bereit, „Al-Shabab“ an den Tisch zu holen. „Sie zu bekämpfen, hat uns bislang nichts gebracht. Wir haben dem Chaos nur seinen Lauf gelassen“, kritisiert sie die bisherige Strategie. „Al-Shabab spricht ökonomische und soziale Missstände an, wozu Somalier eigentlich die Regierung Stellung beziehen sehen möchte“, sagt sie vor Pressevertretern. „Solange sich Somalier durch diese Gruppe vertreten fühlen, sollte man auch mit ihnen sprechen. Ich denke, wir haben aus unserer islamischen Tradition heraus gute Argumente, warum ihr Extremismus nicht die Antwort ist.“
Den Vorwurf, sie dürfe als Frau keine Regierungschefin sein, wehrt sie lächelnd ab. „Ich lege viel Wert auf die Meinung unserer Gelehrten. Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen die klassische Gelehrtsamkeit ablehnen und auf nihilistische Weise einzelne Verse oder Hadtihe zitieren um Rechtsurteile abzuleiten. Unsere Gelehrten können aber aus ihrem Wissen heraus beweisen, dass mein Anliegen legitim ist.“
„Islam ist Frieden und mit Islam möchte ich Frieden in mein Land bringen“, fasst sie ihre Vision zusammen. Die Wahlen finden im Herbst statt.

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„Sei ein Sohn Deiner Zeit“

(iz). Enes Karic ist Professor für Qur’anforschung und die Geschichte der Interpretation des Qur’an an der Fakultät für Islamstudien der Universität von Sarajevo. Im Zuge seiner Forschungsarbeiten hielt er sich […]

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Denkpause nach dem Putschversuch

(iz). Wenn es einen Putschversuch im Lande gibt, wissen die Menschen nie, worum es wirklich geht und was gerade wirklich passiert und ob das nicht alles nur ein Albtraum ist. […]

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Keine Gewöhnung

„Unser politischer Einsatz dagegen bleibt die Aufklärung über den Islam und unsere erklärte Feindschaft gegenüber den Tätern und Hintermännern, die das Verbreiten von Unheil religiös verklären wollen.“
(iz). Menschen versammeln sich in Nizza zu einem Feiertag. Man genießt den Abend, plaudert, lacht und nimmt eine verdiente Auszeit vom Arbeitsalltag. Frauen schieben ihre Kinderwagen vor sich her. Plötzlich ein Aufschrei … Panik … ein Attentäter steuert rührungslos seinen Lastwagen durch die Menge. Er will töten, will Unheil. Es ist grauenvoll. Wir wären selbst der Vollzug eines trostlosen Nihilismus, wenn wir hier etwa kein Mitgefühl mehr zu empfinden vermögen.
Nizza ist nicht nur eine schöne Stadt. Sie war immer wieder auch Zufluchtsort für Dichter und Denker; die dort – inmitten dieser großartigen Landschaft am Mittelmeer – eine versöhnliche Bühne fanden. Die Welt, so fragten wohl auch viele einfache Touristen, die diesen Ort gestern aufsuchten, ist sie nicht doch wunderbar im Ganzen?
Jetzt wird Nizza ein trauriges Symbol der Unversöhnlichkeit von Lebensfreude und Ideologie.
Was treibt diese Täter an? Was bedeuten sie? Woher kommt der Hass?
Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche war immer wieder Gast in Nizza. Es ist der Mann, der einst schrieb „Gott ist tot“ und zugleich vor dieser Einsicht zutiefst erschauderte. „Man glaubt mit einem Moralismus ohne religiösen Hintergrund auszukommen: Aber damit ist der Weg zum Nihilismus notwendig“, schrieb er ahnungsvoll. Ist das, was die Terroristen ausformt, eine Hypermoral; übergehend in einen Geist der Rache. Dieser glaubt, richten zu können, morden zu dürfen, ohne die eindeutigen Grenzen, die ja der Islam setzt, noch beachten zu müssen?
„Die Wüste wächst, weh dem der Wüsten birgt“, ist ein weiteres Rätselwort des Denkers. Man kann es als Rat verstehen; zum Beispiel, indem man die eigene Verwüstung bekämpft. Das Gebot ist, nicht zuzulassen, dass man sich an diesen Wahnsinn gewöhnt. Es gilt auch vorsichtig zu werden, wenn Mathematiker der Moral Opferzahlen vergleichen, Kausalitäten ziehen und so indirekt den tristen Boden bereiten für das weitere Anwachsen dunklen Gedankenguts.
Jeder Tag ist neu. Jede Tat ist neu. Der abscheuliche Terror von Nizza steht für keine Politik. Vielmehr repräsentiert er das Ende von Politik. Unser politischer Einsatz dagegen bleibt die Aufklärung über den Islam und unsere erklärte Feindschaft gegenüber den Tätern und Hintermännern, die das Verbreiten von Unheil religiös verklären wollen.

„Undifferenziert und rufschädigend“

(iz). Im genannten Artikel („Bundesmittel für Islamisten?“ vom 07.07.2016 auf tagesschau.de) zweifelte Volker Siefert die Berechtigung des Deutsch-Islamischen Vereinsverbandes Rhein-Main e.V. (DIV) an, Radikalisierungsprävention zu betreiben und hierfür Bundesmittel zu erhalten. Begründet wurde die geäußerte Kritik am Bundesprogramm „Demokratie leben“ unter anderem damit, dass unter den 47 Mitgliedern des DIV mit dem EIHW ein Mitglied sei, das angesichts ideologischer Nähe zu den Muslimbrüdern vom Verfassungsschutz erwähnt werde.
Dieses Argument ist nicht stichhaltig und für das betreffende Projekt „Aktionen kontra Radikalisierung muslimischer Jugendlicher“ irrelevant. Das betreffende Projekt wird nämlich nicht von den einzelnen Mitgliedern des DIV geführt, sondern ausschließlich vom Dachverband. Diese Tatsache musste Herrn Siefert bekannt sein, da sie auf der Internetseite des Förderprogramms „Demokratie leben!“, wo Herr Siefert sich nach eigenen Abgaben zuvor informiert habe, vermerkt ist. Er hat sie hier offensichtlich bewusst verschwiegen.
Weiterhin ließ sich Siefert über das EIHW und seine vermeintliche Nähe zur Muslimbruderschaft aus und merkt dabei an, dort würden auch Imame ausgebildet. Dies im gleichen Atemzug zu nennen mit der Tatsache, dass im oben genannten, mit Bundesmitteln geförderten Projekt Imame und muslimische Gelehrte Jugendliche von demokratischen Werten und Gesellschaftsmodellen überzeugen sollen, erzeugt beim sachunkundigen Leser gezielt die Vorstellung, die vom DIV durchgeführte Radikalisierungsprävention sei in Wahrheit eine Förderung von Radikalisierung.
Diese Assoziation kann jedoch nur entstehen, wenn verschwiegen wird, dass auch die im genannten Projekt involvierten Imame eben nicht von einzelnen Verbandsmitgliedern wie dem EIHW ausgebildet werden und in der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft ebenso wie von staatlichen Autoritäten der höchsten Ebene als integer sowie Vertreter eines demokratiekonformen Islamverständnisses anerkannt sind.
Einer der engagiertesten Unterstützer des Projekts ist beispielsweise Imam Cheikh Abdelhak El Kouani, zugleich Vorsitzender des Fiqhrats, des Islamgelehrtengremiums des DIV, der am 13.01.2015 vor dem Brandenburger Tor in Berlin bei der Solidaritätsveranstaltung für die Terroropfer radikaler Islamisten in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ und in einem jüdischen Pariser Supermarkt in Anwesenheit von Bundeskanzlerin, Bundespräsidenten, Vertretern aller Bundestagsfraktionen und verschiedener Weltreligionen, medienwirksam aufgetreten ist. Ebenfalls in das Projekt involviert ist der Imam der Frankfurter Tarikmoschee, Cheikh Mbarek Kouta, der die anderen Imame des DIV-Fiqhrates zu einer gemeinsamen Trauerkundgebung für die Opfer nämlicher Anschläge vor dem französischen Konsulat in Frankfurt motiviert hat, um nur die profiliertesten Beispiele zu nennen.
Zusätzlich verschwieg Volker Siefert, dass im genannten DIV-Projekt die Radikalisierungsprävention eben nicht nur durch Imame und Islamgelehrte erfolgt, sondern auch über sozialpädagogische Intervention, eine Kombination, die die Einzigartigkeit dieses Projektes anzeigt und letztlich auch das Bundesfamilienministerium davon überzeugen konnte, in die begrenzte Zahl durch „Demokratie leben“ geförderter Projekte aufgenommen zu werden. Im Gegensatz zu den Imamen sind die hauptamtlichen Projektmitarbeiter (die Projektleitung wie auch die Sozialpädagogin) im Übrigen vollständig von außerhalb des Verbandes und ausschließlich aufgrund ihrer fachlichen Qualifikation ausgewählt worden.
Die Information, dass außer dem EIHW mit dem IIS noch ein zweites Verbandsmitglied verfassungsschutzrechtlich erwähnt werde, ist somit vollkommen irrelevant. Die genannte Zugehörigkeit des IIS zur IGD ist zudem nachweislich unwahr, da die IGD ein eigener muslimischer Dachverband mit eigener Mitgliederliste ist und außerhalb des DIV-Verbandes steht.
Letztlich berief sich der Journalist auf auch, bei einzelnen Abgeordneten im Bundestag bestehende Zweifel an der Förderberechtigung bestimmter Projektträger, da unter der gegenwärtigen Amtsführung von Manuela Schwesig eine zuvor bestehende „Demokratieerklärung“ abgeschafft worden sei. Hiermit wurde implizit der Vorwurf erhoben, der DIV habe sich bisher nicht zur Demokratie bekannt. Familienministerin Schwesig wie auch andere bundesweite, landesweite und regionale Verantwortungsträger haben sich doch, was Herr Siefert verschwieg, seit langem vom Gegenteil überzeugen können.
Schließlich führt der Verband seit Jahren demokratische politische Bildungsarbeit durch, die in gewisser Weise – wenn auch nicht derartig deklariert – Prävention gegen Radikalisierung beinhaltet. Dabei arbeitet DIV mit den verschiedensten Akteuren – muslimischen wie nichtmuslimischen – aus der deutschen Zivilgesellschaft zusammen. Darüber hinaus ist der Verband am 23. Mai diesen Jahres für ein derartiges Projekt sogar mit dem Preis „Aktiv werden für Demokratie und Toleranz“ des Bündnisses für Demokratie und Toleranz (BfDT), das der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) untersteht, ausgezeichnet worden – ein Faktum, das öffentlich bekannt ist, von Siefert im betreffenden Artikel gänzlich ausgespart blieb.
Im Übrigen sitzen in der Auswahlkommission für die Preisträger nicht nur Vertreter aus der Fachpolitik, sondern auch anerkannte Wissenschaftler wie der ehemalige Vorsitzende des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz.
Indem Volker Siefert derart zentrale Informationen zum DIV und dem von ihm durchgeführten Präventionsprojekt verschwieg und seine von allen gesellschaftlich relevanten Akteuren anerkannte Präventionsarbeit im Zusammenhang mit Informationen über einzelne Verbandsmitglieder, die weder in die Projektarbeit involviert sind, noch die allgemeine Verbandsarbeit bestimmen, aufführte, erzeugte er bewusst ein verzerrtes, rufschädigendes Bild vom DIV und täuschte die Öffentlichkeit. Sein Beitrag bleibt undifferenziert und verstärkt das allgemein gesunkene Vertrauen in eine faire und ausgewogene Medienberichterstattung.
* Der Autor ist stellvertretender DIV-Vorsitzender sowie Pressesprecher des Verbands.

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Zwischen emotionaler Distanz und Verantwortung

(iz). Die traditionell guten deutsch-türkischen Beziehungen leiden seit einiger Zeit unter mehreren Debatten. Zuerst war es das Flüchtlingsabkommen, was diese Beziehungen in Mitleidenschaft gezogen hat. Aber auch die mediale Omnipräsenz […]

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Das Jahr der Ängste

Berlin (KNA) Die Attentate der Terror-Miliz „Daesh“ haben die Deutschen offenbar stark verunsichert: Laut einer Umfrage der R+V Versicherung war ihre Angst vor Anschlägen seit Beginn der Studie vor 25 Jahren noch nie so groß wie derzeit. Fast drei Viertel der Befragten fürchten sich vor Terrorismus. Ein bislang nie erreichter Spitzenwert, wie die zuständige Leiterin des Infocenters der R+V Versicherung, Brigitte Römstedt, am Dienstag in Berlin betont.
Die Versicherung befragt seit 1992 jährlich rund 2.400 Deutsche ab 14 Jahren zu ihren Ängsten. Inzwischen liege deshalb eine Langzeitstudie vor, die so in Europa einmalig sei, so Römstedt. Waren es zu Beginn der 1990er Jahre eher die Folgen der Renten- und Gesundheitsreform war, die die Deutschen umtrieben, stieg die Angst vor Terror seit den Anschlägen auf das World Trade Center immer weiter an.
Auch andere Ängste – etwa die Furcht vor politischem Extremismus, vor Spannungen durch den Zuzug von Ausländern oder die Angst vor Überforderung der Behörden bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise – wuchsen durchschnittlich um rund 15 Prozentpunkte auf jeweils weit über 50 Prozent in diesem Jahr. Zugleich bleibe die Furcht vor einer EU-Schuldenkrise groß. Römstedt spricht deshalb von einem „Jahr der Ängste“.
Trotzdem halte er das in der englischen Sprache geflügelte Wort der „German Angst“ für einen Mythos, so der Heidelberger Politologe, Manfred G. Schmidt. Denn die Sorgen der Deutschen seien in der Regel nicht irrational, sondern hätten einen realen Hintergrund. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern falle allerdings das hohe Sicherheitsbedürfnis der Deutschen auf. Zudem hätten sie auch extrem hohe Erwartungen an den Staat und an die Wirtschaft – und weniger an sich selber. Dies werten die Autoren der Studie auch als eine Erklärung für die schlechten Noten, die die Befragten den Politikern in diesem Jahr geben: 44 Prozent erteilen ihnen die Note 5 oder 6, lediglich 6 Prozent benoten sie mit 1 oder 2.
Laut der aktuellen Umfrage wachsen aber auch die persönlichen Sorgen: Rund 57 Prozent der Befragten haben danach Angst davor, im Alter ein Pflegefall zu werden. Dies seien rund 8 Prozent mehr als im Vorjahr. 55 Prozent – ebenfalls 8 Prozent mehr als 2015 – fürchten sich danach vor schweren Erkrankungen. Steigende Lebenshaltungskosten und die Vorstellung von einem Krieg mit deutscher Beteiligung versetzten 54 Prozent der Befragten in Unruhe. Angst vor Naturkatastrophen und einer schlechteren Wirtschaftslage hätten 52 Prozent.
Aus den Analysen der vergangenen vier Jahre haben die Wissenschaftler eine „Landkarte der Angst“ erstellt. Danach ist die Angst in den drei ostdeutschen Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg Vorpommern und Sachsen-Anhalt am größten. Am entspanntesten leben die Menschen in Berlin, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Frauen sind nach der Studie durchschnittlich etwas ängstlicher als Männer.
Einen Unterschied zwischen den Ängsten der Ost- und Westdeutschen gibt es laut den Ergebnissen der Studie kaum noch. Während der „Angstindex“, der sich aus 16 verschiedenen Zukunftsängsten, die unterschiedlich bewertet werden, ableitet, Anfang der 1990-er Jahre noch deutliche Unterschiede aufwies und der Wert bei den Westdeutschen deutlich niedriger ausfiel, ist er in diesem Jahr erstmals bei den Westdeutschen etwas größer.
Einen positiven Ausblick geben die Wissenschaftler allerdings auch noch mit auf den Weg: Trotz hoher Scheidungsraten ist die Furcht vor dem Zerbrechen einer Partnerschaft stets das Schlusslicht im Ranking: Auch in diesem Jahr rangiert diese Furcht mit 21 Prozent auf Platz 20.

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„Herausforderung für europäische Demokratien“

Sarajevo. Nur eine Woche bevor die Slowakei, die muslimischen Flüchtlingen den Einlass verwehren möchte, die EU-Ratspräsidentschaft übernahm, vereinigte der erste Europäische Islamophobie-Gipfel internationale Entscheidungsträger, einschließlich des früheren spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero und des früheren britischen Außenministers Jack Straw, für die Suche nach politischen Lösungen für den Anstieg antimuslimischer Intoleranz und durch Rassenhass motivierte Verbrechen in Europa.
Andere Teilnehmer des Gipfels, welcher in Sarajevo, Bosnien, vom 24-26 Juni stattfand, waren unter anderem Bernard Kouchner, der Gründer von „Ärzte ohne Grenzen“ (Médecins Sans Frontières, MSF), der internationale Journalist Mehdi Hassan und Naz Shah, Parlamentsmitglied des Vereinigten Königreichs, sowie Repräsentanten von 18 Anti-Diskriminierungs-NROs, 17 europäischen Nationen und Glaubensgemeinschaften.
Die Abschlusserklärung, auf die sich die 19 teilnehmenden NROs als Repräsentanten des Europäischen Islamophobie-Gipfels geeinigt hatten, lautet: „Wir sind besonders in Sorge, dass die derzeitige politische und wirtschaftliche Unsicherheit innerhalb Europas, insbesondere im Hinblick auf die Entscheidung des britischen Referendums für den Ausstieg aus der EU und den Aufstieg des Rechtsextremismus in Europa, das Klima aus Entzweiung, Angst und Intoleranz noch weiter verschärfen wird.“
Die Abschlusserklärung enthielt außerdem die folgenden politischen Empfehlungen, die sich an politische Entscheidungsträger und Politiker richten:
• Verbesserung der Dokumentation von Islamophobie als Kategorie von aus Rassenhass motivierten Verbrechen in ganz Europa und insbesondere in der EU. Zusätzlich sollten aus antimuslimischem Hass motivierte Verbrechen in den Ländern, in denen dies noch nicht der Fall ist, als eigene Kategorie dokumentiert werden.
• Aktive Stellung gegen Politik, die auf Basis religiöser Identität diskriminiert (so wie die Vorschläge von Donald Trump und dem slowakischen Ministerpräsidenten, muslimischen Migranten den Zutritt zu ihren Ländern zu verwehren).
• Beginn von und Unterstützung für öffentliche Sensibilisierungskampagnen, welche dabei helfen, große Teile der Gesellschaft darüber zu informieren, wie viel Schaden durch Islamophobie entsteht.
• Erhöhen Sie die öffentliche Finanzierung von Projekten und Initiativen, die sich gegen Islamophobie stellen, besonders als Antwort auf den großen Anstieg von durch Islamophobie motivierte Verbrechen in ganz Europa.
• Erhöhung – im Falle eines erhöhten Sicherheitsrisikos – die Sicherheitsmaßnahmen in muslimisch geprägten Stadtteilen, religiösen Bauwerken und Gebäuden von offensichtlich muslimischer Natur.
• Die EU ist dazu angehalten, die vorgeschlagenen Gleichbehandlungsrichtlinien zu übernehmen, um besser gegen Diskriminierung, besonders auf Basis der religiösen Identität im Arbeitskontext, schützen zu können.
• Grundrechtsverletzungen gegen Frauen mit Kopftuch sollten von Gesetzgebern und Politikern thematisiert werden.
• Die Diskriminierung von Muslimen, und besonders von verschleierten Musliminnen, auf dem Arbeitsmarkt sollte erkannt und ernsthaft durch die Schaffung von besseren gesetzlichen Richtlinien und einem entsprechenden Bewusstsein angegangen werden.
• Regierungen müssen für Richtlinien sorgen, die die Rechte religiöser Minderheiten schützen, so dass diese ihren Glauben ausüben können und sowohl in der Schule oder Universität als auch am Arbeitsplatz respektiert werden; dies darf nicht der Präferenz individueller Vorstände oder Schulleiter überlassen werden.

European Islamophobia Summit
European Islamophobia Summit

In der Erklärung steht weiterhin, der Islamophobie-Gipfel stehe „Seite an Seite mit allen Opfern von Intoleranz und Diskriminierung. Alle Formen von Hass und Vorurteilen gemein ist die schädliche Struktur und ideologische Toxizität. Daher treten wir für konfessionsübergreifende Einigkeit gegen alle Formen von Diskriminierung und Vorurteilen ein – etwas, das für jede verständliche Reaktion auf das Problem der Islamophobie und anderen Formen von Diskriminierung eine zentrale Rolle spielt.“
Muddassar Ahmed, der offizielle Sprecher des Gipfels und Schirmherr des Faiths Forum for London sagte: „Der Europäische Islamophobie-Gipfel war ein voller Erfolg. Er führte frühere Staatschefs, frühere europäische Regierungsminister, Parlamentsmitglieder und prominente Mitglieder der europäischen und amerikanischen Medien, Zivilgesellschaft und Akademie in dem geteilten Wunsch zusammen, den gefährlichen Aufschwung von islamophobisch motivierten Verbrechen und Intoleranz in ganz Europa zu bekämpfen.”
Der akademische Berater des Gipfels, Dr. Farid Hafez der Salzburger Universität, sagte: „Islamophobie stellt eine große Herausforderung für die europäische Demokratie, für die Freiheit und für die Werte Toleranz und Pluralismus dar.“
Außerdem sagte er: „Wir haben uns für Sarajevo als Veranstaltungsort aus zwei Hauptgründen entschieden: Erstens hat Sarajevo eine jahrhundertelange Tradition der Toleranz zwischen verschiedenen religiösen Gemeinschaften. Zweitens sollte Sarajevo auch als Warnung verstanden werden, da der schlimmste Genozid seit dem Zweiten Weltkrieg in Bosnien, Srebrenica stattfand.““
Der Europäische Islamophobie-Gipfel fand in verschiedenen Wahrzeichen von Sarajevo einschließlich der Nationalbibliothek (im Rathaus von Sarajevo), im Nationaltheater und im alten Bazaar statt. Der Gipfel wurde in Partnerschaft mit der städtischen Regierung von Sarajevo abgehalten.

Nach dem Ramadan ist vor dem Ramadan

Herz

(IZ). Kaum hat man die erste Nacht des gesegneten Fastenmonats erlebt, naht auch schon das Ende. Man könnte sagen, Ramadan ist das Fallbeispiel für die Relativität der Zeit. In Deutschland, Österreich und der Schweiz fastet man im Mai durchschnittlich 18 Stunden. Eine lange Zeit, und doch irgendwie nicht. Wenn man bedenkt, dass man dann nach 18 Minuten gänzlich satt sein kann.
Ähnlich verhält es sich mit dem Gefühl des Monats, der sprunghaft sein letztes Drittel einleitet. Jenes letzte Drittel, aus dessen Nächten man das Beste rausholen möchte. Und plötzlich sind die Stunden wieder lang. Oder sagen wir, sie sind genug. Das Nachtgebet, das sonst etwa zehn Minuten dauert, zieht sich hier über eine Stunde hin und doch wirkt die Nacht noch jung. So jung, wie sich jeder Fastende fühlt, wenn er merkt, wozu er imstande ist.
Über 300 Tage im Jahr mag man an der Selbstbeherrschung scheitern, aber nur ein Zehntel dieser Zeit ist nötig, um Disziplin zu einer erstrebten Alltäglichkeit zu machen. Das Potenzial des Wandels wird in der Konzentration der Gottesdienste gebündelt und entfaltet sich in einem eigentlich so kurzen Zyklus. Im Grunde genommen ist das, was im Ramadan an Gebeten hinzukommt, relativ gering. Und doch ist die Wirkkraft enorm. Manch einer, der seine Sinne nur selten mit dem Qur’an in Verbindung bringt, rezitiert ihn in seiner Gesamtheit in dieser kurzen Zeit. In Taten wie diesen manifestiert sich der Geist jenes segensreichen Monats.
Allah gibt uns erleichterte Rahmenbedingungen, unsere Fähigkeiten zu schulen und die bestmöglichen Leistungen abzurufen. In keiner anderen Zeit überraschen wir uns selbst so sehr. Sei es ein Fastentag unter glühender Sonne oder ein Arbeitstag mit enormen Aufgaben, sei es eine Prüfung in der Schule oder Universität oder ein längerer Weg, den wir auf uns nehmen müssen – die Grenzen des Machbaren werden meistens um einiges verschoben. Aus dieser eigentlich so kurzen Zeit lässt sich so vieles mitnehmen.
Wir verabschieden Ramadan mit einer vorauseilenden Sehnsucht. Besonders, weil wir wissen, dass es dem restlichen Jahr an diesem gewissen Zauber fehlt. Nur ist die Lehre dessen doch, dass wir das, was wir im Ramadan erfahren, erleben und erlernen konnten, unserem Herzen auch für das restliche Jahr mitgeben. Gerade, weil wir befreit sind und Platz für Neues in uns haben. Denn Allah verspricht, dass denjenigen, die den Ramadan aufrichtig fasten, alle vorangegangenen Sünden vergeben werden.
Uns wird als Abschiedsgeschenk die Bedeutung des Namens Allahs Al-`Afu, der Allvergebende, demonstriert, mit Einfluss auf das restliche Jahr, ja das restliche Leben. Wenn mit der Lailat ul-Qadr, der Nacht der Bestimmung, selbst eine einzige Nacht innerhalb jenes segensreichen Monats die Wirkkraft hat, unser folgendes Schicksal zu beeinflussen, zeigt sich nur umso mehr, dass die Quintessenz der Erfahrung ist, dass nicht das Maß der Zeit entscheidend ist, sondern was man aus dem, was sie enthält, entnehmen kann. Ramadan gibt uns viel. Mögen wir es mit Allahs Erlaubnis mitnehmen, behüten und im nächsten Ramadan mit mehr ergänzen.

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Sultane waren keine Diktatoren

(iz). Throne bersten – Reiche zittern“, dichtete einst Johann Wolfgang von Goethe 1819 in seinem „West-östlichen Diwan“ unter dem Eindruck des Zeitenwandels seiner Epoche. Technologische und politische Innovationen stellten mit hohem Tempo die alten Gesellschaften unter enormen Veränderungsdruck. Politisch blieb der Dichter ein vorsichtiger Mann, der zeitlebens Gewalt hasste, und skeptisch gegenüber der eruptiven Kraft der Revolutionen blieb. Zwar erkannte Goethe durchaus die Notwendigkeit der Veränderung, bevorzugte aber die Idee der Evolution, der langsamen und vorsichtigen Anpassung auf eine sich im Umbruch befindliche Welt.
Wie kaum eine andere Region der Welt stehen der Mittlere Osten und Nordafrika heute für den Untergang alter Ordnungen, für die Hoffnung auf Aufbruch, aber auch für Gewalt und Stagnation. Im Jahr 2010 begann eine Revolte namens „Arabellion“ die Verhältnisse zu erschüttern und Länder wie Tunesien, Libyen und Ägypten zu destabilisieren. Ein Mix aus der Verzweiflung ökonomischer Not und der Unzufriedenheit mit den despotischen Regierungen führten zu dem politischen Willen der Massen, den schnellen Wandel der Verhältnisse herbeizuführen. Heute ist von der Geschwindigkeit revolutionärer Energie kaum etwas zu spüren und Ernüchterung ist eingekehrt.
Inmitten des dramatischen Geschehens ringt auch der „politische Islam“ um die Einordnung der Ereignisse der letzten Jahre und angesichts mancher Desaster, die man mit verursacht hat, um eine neue Eigendefinition. Die Niederlage und Zerschlagung der Muslimbruderschaft in Ägypten, die selbstmörderische Strategie der Hamas in Palästina und die blutige Etablierung des sogenannten „Islamischen Staates“ nähren die Zweifel. In der muslimischen Welt wächst die Skepsis, ob der moderne politische Islam ein Erfolgsmodell ist, oder aber, ob er nicht nur ganz zufällig zu Bürgerkrieg oder Diktatur führt.
Die Frage ist also letztlich, ob der Islam noch politisch sein kann und wenn ja, wie man eine religiös motivierte Politik dosiert oder begrenzt. Es bilden sich bereits neue Facetten des politischen Islam, die eher liberal denken wollen. Die Vertreter dieser Denkrichtung wünschen sich vielleicht eine muslimische Demokratie, aber nicht unbedingt einen islamischen Staat. Viele nachdenkliche Muslime sehen durchaus das Problem, dass eine islamische Partei, die in einem Staat legal die Mehrheit gewinnt, auf Dauer mit einer parlamentarischen Mehrheit ausgestattet, schlussendlich eine Diktatur etablieren könnte. Ein hochgerüsteter Staat, in den Händen von religiösen Ideologen, ist nach den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts wohl für niemanden eine echte Option.
Vielleicht muss man hier kurz innehalten, um das Dilemma des Verhältnisses von Politik und Islam dieser Zeit zu verstehen. Es ist keine Frage, dass die Politisierung der Muslime tatsächlich ein Phänomen der Moderne ist. Der politische Islam, in all seinen Facetten von liberal, konservativ bis hin zu radikalen Strömungen eint dabei im Grunde eine gemeinsame Vorstellung: die Idee des Staates als das Zentrum der Macht. Wie dieser Staat verfasst sein sollte, ob dieser Staat eine Demokratie, eine Diktatur oder gar ein Gottesstaat ist, bleibt dabei eine ganz andere Frage. Jedenfalls steht im Zentrum dieses politischen Denkens der Staat, ganz egal, ob man ihn fürchtet, ihn erobern will oder einfach nur nach Anerkennung sucht.
Um zum Kern des Problems vorzustoßen, müssen wir kurz den Ausgangspunkt der islamischen Welt in Erinnerung rufen. Das Problem ist dabei, die Gründungszeit des Islam mit einer Terminologie des 21. Jahrhunderts zu beschreiben. Der Prophet und seine Gemeinschaft in Medina agierten noch in einem vor-staatlichen Raum, ohne Reisepässe und Grenzen. Die Kernpfeiler der muslimischen Zivilgesellschaft waren das Zusammenspiel von Moscheen, Märkten und Stiftungen und die Etablierung von Gesetzlichkeiten, die man nicht explizit schuf, sondern die der Gemeinschaft durch das Medium des Gesandten offenbart worden waren. Die Herrschaft einer Partei oder einer Ideologie war unter diesen Umständen schlicht unmöglich.
Für den libanesischen Gelehrten Wael B. Hallaq ist deswegen schon die Idee eines „islamischen“ Staates an sich paradox. Moderne Staaten schaffen laufend neues Recht, während vor-staatliche islamische Gesellschaften das maßgebliche Recht bereits als offenbart voraussetzten. In seiner Einführung in das Islamische Recht beschreibt Hallaq die ursprüngliche Kapazität muslimischer Gemeinschaften, ihre eigenen Angelegenheiten ganz ohne Staat zu regeln. Natürlich gab es darüber hinaus auch eine politische Regierung, die aber nur begrenzte und eingeschränkte Befugnisse hatte. Mit der Wirklichkeit des Totalitarismus des „IS“ hatte dieses Gefüge nichts gemein. Auch die Anspielung beziehungsweise der Vergleich, dass ein Führer eines autoritären modernen Staates ein „Sultan“ sei, ist daher abwegig. Sultane waren keine Diktatoren.
Vielleicht lässt sich so erklären, warum liberale Muslime wie der Amerikaner Shadi Hamid insistieren, dass der moderne „Islamismus“ über Jahrhunderte undenkbar und deswegen ein neuartiges Phänomen sei. Für ihn lässt sich der ­Islamismus in einem Satz zusammenfassen, als der Versuch nämlich, „das vor-moderne islamische Recht mit dem modernen Nationalstaat zu versöhnen“. Eine Versöhnung, will man hinzufügen, die angesichts des neuen Machtrepertoires von Staaten, von Sicherheitstechnik, Überwachung, bis hin zur Existenz von Atombomben naturgemäß auf einige Schwierigkeiten stoßen muss. Der allumfassende und allmächtige Staat jedenfalls, verträgt sich kaum mit dem Anspruch des Islam auf zivilgesellschaftliche Freiheit. Ein Beispiel hierfür ist unter anderem das umfassende Stiftungswesen, dass sich gerade der Verfügbarkeit durch die politische Macht entzieht.
Wahrscheinlich ist es diese Stelle, die auch heute von den politischen Vorstellungen und dem Streit liberaler und konservativer Positionen bestimmt wird. Inwieweit kann das islamische Recht in einer modernen Welt noch Anspruch auf Gültigkeit erheben? Auf der anderen Seite, sozusagen der Seite jenseits der Tagespolitik, ist allerdings klar, dass eine überwältigende Mehrheit der Muslime an offenbarten Glaubenssätzen und Gesetzlichkeiten festhalten will. Die Praxis der Rechtsschulen erlaubt dabei eine Flexibilität und Anpassung an die neuen Verhältnisse, aber ohne die Grundfesten des Islam selbst in Frage zu stellen. Die Idee einer Reform des Islam, die an diesen Fundamenten rüttelt, stößt weltweit auf klare Ablehnung. Wie aber diese Gegensätze auszubalancieren sind und wie man verhindert, dass der Islam und seine Grundlagen „ideologisch“ gedeutet werden, bleibt eine strittige Frage.
Die Balance zwischen den spirituellen, rechtlichen und ökonomischen Seiten der islamischen Lebenspraxis muss, um eine einseitige Politisierung der Muslime zu verhindern, ebenso gewahrt werden. Es ist in diesem Kontext anzumerken, dass sich der politische Islam kaum mit den ökonomischen Gesetzlichkeiten beschäftigt, die der Islam und sein Recht in den eigentlichen Mittelpunkt seiner Lehre rücken. Ein Grund hierfür könnte darin liegen, dass das Verbot von Riba und das Gebot freier Märkte für den machtorientierten politischen Islam bisher eher als eine Machtbeschränkung angesehen wurden. Stattdessen islamisierten die Gründungsväter des politischen Islam lieber flugs die Idee der Bank und des Nationalstaates.
Die einseitige Ausrichtung auf die Macht, oft ohne die Basis einer unabhängigen Zivilgesellschaft, hatte für den politischen Islam durchaus fatale Konsequenzen. Letztendlich konnte die Muslimbruderschaft, nach der kurzzeitigen Erringung der „Macht“ in Ägypten, auch kein schlüssiges ökonomisches Konzept vorlegen. Überhaupt sind die ökonomischen Strategien islamischer Parteien – von der Türkei bis Algerien – wenn überhaupt vorhanden, kaum von der Einsicht geprägt, dass das islamische Wirtschaftsrecht in einer Zeit der globalen Finanzkrise Sinn machen könnte. Vielleicht liegt es daran, dass die Parteien auch keinerlei vom Islam inspirierte, überzeugende zivilgesellschaftliche Projekte, sieht man einmal vom Bau gigantischer Moscheen ab, vorweisen können. Oft genug sind diese Parteien überhaupt nur noch durch muslimische Wähler auf den Islam bezogen.
Interessant für die offene Debatte über eine Zukunft des politischen Islam sind im Moment wohl zwei Länder: Marokko und Tunesien. Die tunesische Ennahda-Partei hat in diesen Tagen gar offiziell den Abschied vom „Islamismus“ verkündet. Die tunesische Abgeordnete Sayida Ounissi erklärt im amerikanischen „Brookings Institute“ den Gesinnungswandel, der endgültig von der alten Bindung an die ägyptische Muslimbruderschaft wegführt. Für Ounissi zeigt die Erfahrung in Ägypten, dass politischer Frieden nur in einem breiten Konsens mit allen Flügeln der Gesellschaft zu erreichen ist. In der Konsequenz sieht sie nun die Ennahda-Partei auf dem Weg, eine konservative Partei – ähnlich wie die europäischen Christdemokraten – zu werden. Wie aber die Ennahda-Partei gleichzeitig ihre ehemaligen islamischen Grundpositionen im demokratischen Prozess erhalten will, bleibt bisher eher vage.
Auch die islamischen Parteien Marokkos scheinen sich von der ägyptischen Muslimbruderschaft endgültig zu emanzipieren. Die politische Situation in der jahrhundertealten Monarchie Marokko ist aber eine ganz andere als in Tunesien. Grundsätzlich garantiert hier der König die islamische, malikitische Ausrichtung des Landes und entscheidet letztendlich auch über die religiöse Verwaltung. Mit dieser Autorität und der Renaissance einer jahrhundertelang erprobten Lehre hat das Königreich inzwischen den ideologischen Wahhabismus aus dem Land gedrängt. Neben dem alteingesessenen König hat sich in Marokko auch eine islamische Partei etabliert, die seit 2011 sogar den Ministerpräsident stellt. Die Parteiführer der „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ hatten zuvor die ursprünglichen Ziele eines rein islamischen Staates aufgegeben und versprochen, den Wahlkampf künftig von den Moscheen fernzuhalten. Im März 2015 verkündete Ministerpräsident Benkirane, dass „Marokko keine Zukunft habe, wenn es einen Konflikt mit seinem König beginne“.
Immerhin ist es dem Land auf diese Weise zunächst gelungen, eine Strategie zu entwickeln, die eine Brücke baut zwischen den islamischen Traditionen der Vergangenheit und den gesellschaftlichen Herausforderungen dieser Zeit. Wie viele Länder in der Region hat auch Marokko noch keine Antwort auf die Gefährdung des sozialen Friedens durch den ökonomischen Wirbelsturm der Globalisierung gefunden. Aber immerhin scheint die Gefahr von Bürgerkrieg und Terror gebannt. Die Idee, Veränderungen in einer Monarchie auf evolutionärem Weg zu erreichen, ohne Gewalt, hätte wahrscheinlich auch Goethe ganz gut gefallen.