Kongress „Horizonte der Islamischen Theologie“: Islamische Theologen ziehen positive Bilanz

FRANKFURT. Am 10. September ist der bislang größte Kongress für islamisch-theologische Studien in Deutschland zu Ende gegangen. Mehr als 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben mit der interessierten Öffentlichkeit in mehr als 30 Panels fünf Tage lang diskutiert. Am letzten Tag haben Vertreter der verschiedenen universitären Standorte für Islamische Theologie eine positive Bilanz gezogen: Die Veranstaltung sei in dieser Form einmalig gewesen.

Der Montag stand nach der Begrüßung ganz im Zeichen der Verortung der Islamischen Theologie in der Wissenschaftslandschaft. Der Vizepräsident der Goethe-Universität, Matthias Lutz-Bachmann, und der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze erörterten in ihren Fachvorträgen ein Verständnis von Theologie als Wissenschaft, in welcher der Islam nicht länger als das Fremde verstanden wird. Ein hochkarätig besetztes Podium beleuchtete am Abend die deutsche Situation aus internationalen Perspektiven.

Vom 7. September bis 9. September fanden viele Panels statt, deren Bandbreite von Themen wie „Neue Wege in der Koranauslegung“ und „Bioethik“ über „Feministische Theologie“ bis hin zu „Neue Erkenntnisse zur arabischen Syntax“ reichte. Bei einem Empfang im Kaisersaal des Frankfurter Römers würdigte Oberbürgermeister Peter Feldmann die Islamische Theologie als besondere Fortführung der Gründungstradition der Frankfurter Universität. Auch die renommierte Arabistin Angelika Neuwirth hob die Bedeutung des neuen Fachs an deutschen Universitäten hervor. Am letzten Tag diskutierten Mitarbeiter der verschiedenen Standorte für Islamische Theologie unter sich.

//1//Die Veranstalter zeigen sich sehr zufrieden mit dem Kongress: „Die Ausrichtung eines Kongresses dieser Größe ist Ausweis für das hohe Niveau der islamisch-theologischen Studien in Deutschland“, resümierte Bekim Agai, Direktor des Frankfurter Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islam. Andere Fachvertreter freuen sich besonders über den gleichberechtigten interdisziplinären Austausch zwischen Theologen und Wissenschaftlern anderer Disziplinen, dessen Fruchtbarkeit spürbar gewesen sei. Besonders viele Islamwissenschaftler waren vertreten.

Es kamen muslimische und nichtmuslimische Wissenschaftler auf Augenhöhe ins Gespräch, dabei lobten internationale Gäste die rege Beteiligung von Frauen als besonders bemerkenswertes Merkmal. Auch zeichnete sich der Kongress durch eine bisher unerreichte Beteiligung aller deutschen Standorte für Islamische Theologie aus. Ömer Özsoy, Frankfurter Professor für Koranexegese, stellte fest, dass auf dem Kongress Islamwissenschaftler ganz unterschiedlicher Ausrichtung erstmals zusammengefunden hätten. „Da wird eine Art unerwartete Brückenfunktion der Islamischen Theologie sichtbar“, sagte Özsoy.

Interessierte Beachtung fand die „Frankfurter Erklärung“, in welcher die Leiter der islamisch-theologischen Zentren und viele weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die unmenschliche Gewalt der Miliz „Islamischer Staat“ scharf verurteilten und dazu aufriefen, die Deutungshoheit über den Islam nicht militanten Extremisten zu überlassen (Hier im Volltext). Mit der Erklärung wurde auch das Interesse der Islamischen Theologie deutlich, sich zukünftig hörbarer in gesellschaftliche Debatten einzumischen.

Auch die Kooperationspartner des Kongresses, unter anderem das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das durch die Stiftung Mercator geförderte Graduiertenkolleg „Islamische Theologie“, das DFG-Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft“ und der Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“, drückten ihre Zufriedenheit mit dem gelungenen Kongress aus.

Stellungnahme Islamischen TheologInnen zu den aktuellen politischen Entwicklungen im Nahen Osten

(iz). Anlässlich des, am 1. September begonnenen Kongresses „Horizonte der Islamischen Theologie“ an der Goethe-Universität, haben sich Vertreter der derzeit bestehenden Standorte zu den aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten zu Wort gemeldet.

Die AutorInnen sind Prof. Dr. Bekim Agai (Direktor am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam, Frankfurt), Prof. Dr. Maha El-Kaisy Friemuth (geschäftsführende Direktorin Islamisch-Religiöse Studien, Universität Erlangen-Nürnberg), Prof. Dr. Mouhanad Khorchide (Direktor Zentrum für Islamische Theologie, Universität Münster), Prof. Dr. Yasar Sarikaya (Professur Islamische Theologie, Universität Gießen), Prof. Dr. Erdal Toprakyaran (geschäftsführender Direktor Zentrum für Islamische Theologie,Universität Tübingen) sowie Prof. Dr. Bülent Ucar (geschäftsführender Direktor Institut für Islamische Theologie, Universität Osnabrück). Zu den UnterzeichnerInnen gehörten Mitarbeiter sowie Doktoranden und Studierende an den Lehrstühlen für Islamische Theologie.

Die TheologInnen zeigten sich „zutiefst bestürzt über die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten und über den Terror, den der so genannte Islamische Staat (IS) gegenüber Zivilisten und Gefangenen jeglichen Glaubens“ walten lasse. Die ungeheuerliche Gewalt, die von den Anhängern des IS ausgehe, negiere alle Regeln der Menschlichkeit und zivilisatorischen Normen, für deren Herausbildung auch der Islam eine wichtige Rolle gespielt hat und an denen er teilhat. „Solche Deutungen des Islam, die ihn zu einer archaischen Ideologie des Hasses und der Gewalt pervertieren, lehnen wir strikt ab und verurteilen diese aufs Schärfste.“

Angesichts der steigenden Zahl junger Menschen in Europa, die sich dem Gedankengut des IS und anderer extremistischer Formationen verschrieben haben, „sind wir uns als VertreterInnen von islamisch-theologischen Fächern der Notwendigkeit und Verantwortung bewusst, sich solchen Deutungen des Islam gerade mit Bezug auf die islamischen Traditionen entgegenzustellen“. Die AutorInnen betonten, dass verhindert werden müsse, dass „Extremisten und Gewalttäter“ die Deutungshoheit über den Islam erlangten. „Die aktuellen Konflikte im Nahen Osten und auch in anderen Teilen der Welt zeigen, wie rasant sich unter desolaten soziopolitischen Umständen ein gewaltzentriertes Religionsverständnis herausbilden kann.“

Nur durch eine reflektierte Auseinandersetzung mit der islamischen Lehre und Praxis unter freiheitlichen Bedingungen lasse sich die islamische Wissens- und Normenproduktion von krisenhaften Verhältnissen und Kontexten der politischen Repressionen entkoppeln. „Und nur so können produktive Antworten des Islam auf die Herausforderungen des globalen Zusammenlebens gefunden werden.“ Hierfür sei die freie akademische Wissensproduktion an deutschen Universitäten eine wichtige Voraussetzung. (mö)

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Exklusiv aus der neuen Ausgabe – Schwerpunkt "Wissen": Gesucht werden freie Orte echter Wissensvermittlung. Von Khalil Breuer

(iz). Bekanntlich sollten Glauben und Handeln eins sein und Theorie und Praxis kein Gegensatz. Um so wichtiger ist es, heute die islamische Lehre und damit die Lebenspraxis selbst, nicht in eine Art der Weltfremdheit abgleiten zu lassen. Es geht uns als ­Muslime um das Hier und Jetzt, das Innen und Außen, das Materielle und Spirituelle.

Diese Einheit der Glaubensüberzeugungen symbolisiert von jeher der Zusammenhang von Moschee und Markt. Die erste Gemeinschaft ist um diesen Zusammenhang gebaut und ohne Kennt­nisse hierüber grundsätzlich missverstan­den. Über Jahrhunderte waren ­diese beiden religiösen Bezugspunkte – wie man in jeder historischen Stadtanlage der ­islamischen Welt unschwer erkennt – ­untrennbar miteinander verbunden. ­Jeder Muslim, unabhängig vom Bildungsgrad, kannte den Ritus und vollzog die ­wichtigsten inneren und ­äußeren Glaubenspraktiken.

Moschee und Markt sind dabei die gro­ßen Freiräume, die der Politik entzo­gen sind. Die großen, auch kontroversen, oft auch feinsinnigen Debatten der Theolo­gen fanden zu jeder Zeit statt, allerdings auf der Grundlage, dass die einfachsten Gesetzlichkeiten, zwischen Gebet und Zakat, nicht etwa zur Disposition standen. Als Muslime müssen wir immer wieder neu lernen: die einfachen Positionen der Glaubensüberzeugungen und die Richtlinien des gerechten Handelns.

Wer sich berufen fühlt, über den ­Islam zu lehren, den kann es nicht kalt lassen, wenn ganze Pfeiler des Islam wegzubrechen drohen. Die erste Frage an die Authentizität des Gelehrten, dem es um das Wohl der Muslime geht, muss heute daher die Frage nach der Zakat sein. Natür­lich erfordert jede Zeit zudem die Betonung und Vertiefung einer bestimmten Seite der Offenbarung und der Lehre.

Es ist logisch, dass eine Lebensform wie der Kapitalismus, die quasi religiöse Züge bekommt und massiv die Schöpfung herausfordert, von jeder Lehre kritisch hinterfragt werden muss. Hier, wenn es um den Kern unserer Zeit geht, müssen wir unsere Quellen – innerhalb einer freien Lehre – entsprechend genau studieren.

Die Authentizität dieser Lehre zeigt sich auch hier im Mittelweg: Der Islam bejaht Eigentum, fordert die freie Marktwirtschaft und tritt für den Handel auf fairer Gegenseitigkeit ein.

Die Debatte um die islamische ­Lehre, die nicht nur dem Leben entfernte Theologie sein will, muss sich ihres eigenen Standpunktes bewusst werden. Das islamische Leben findet nicht in den Türmen der Wissenschaft statt, es kreist noch immer um das alltägliche Wissen über den Gottesdienst in Moscheen und auf Marktplätzen.

Exklusiv aus der neuen Ausgabe – Schwerpunkt "Wissen": Über das entstehende Studienfach lassen sich noch keine endgültigen Urteile fällen. Von Fauzia Lewandowski & M. Özkan

(iz). Wie kaum ein anderes Vorhaben stand die Erteilung des Islamischen Religionsunterrichts (IRU) an deutschen Schulen und die einhergehende Einrichtung von Lehrstühlen der – noch im Aufbau befindlichen – „Islamischen Theologie“ im Fokus von Gesprächen zwischen Vertre­tern deutscher Muslime und staatlicher Einrichtungen. Zweifelsohne wurden darauf viel Aufmerksamkeit und Energie verwandt. Beide Elemente – der Religionsunterricht und die Universitäten zur Ausbildung der Lehrer – sind verbunden. Nachdem die Politik sich mit dem Gedanken eines islamischen Bekenntnis­unterrichts durch muslimische Religionsgemeinschaften (ein alter Wunsch deutscher Muslime) angefreundet hatte – die Islamkonferenz sprach sich 2008 dafür aus – ergaben sich Folgefragen. Woher sollten die für den IRU notwendi­gen Lehrer kommen? Nach einer Schätzung des Bundesbildungsministerium würden mindestens 2.000 Lehrer für die 320.000 muslimischen Schüler benötigt.

Neues Studienfach
Offenkundig ist die Fortführung des Imports ausländischer Imame und Reli­gionslehrer – die seit Jahrzehnten mehrheitlich gewählte Lösung für die muslimi­schen Gemeinden – nicht im langfristigen Interesse der muslimischen Gemein­schaft in Deutschland. Verfassungsrecht­liche Grundfragen außer Acht lassend, ob bisherige muslimische ­Organisationen den Anforderungen einer Religionsgemeinschaft entsprechen (im Zusammen­hang mit Religionsunterricht nach Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz), setzte sich der Vorschlag des Deutschen Wissenschafts­rates zur Einrichtungen von Zentren für eine „Islamische Theologie“ durch. Bis zum heutigen Tage ungeklärt ist die Frage und die konkrete Umsetzung der Beteiligung muslimischer Organisationen beziehungsweise Religionsgemeinschaften. In Folge – und in vergleichsweise hohem Tempo – entstanden fünf Lehreinrichtungen, an denen zukünftige Reli­gionslehrer, Imame und TheologInnen ausgebildet werden sollen.

Die bereits jetzt eingeschriebenen StudentInnen, Graduierten sowie das beteiligte akademi­sche Personal sind so Teil einer sich noch erschaffenden Wissenschaft. Anzumerken sei, dass es in der muslimischen Gemeinschaft bisher wenig Grundsatzde­bat­ten darüber gab, was diese „Theologie“ sein wird, noch in welchem Verhältnis sie zum bisherigen Wissenschafts­kanon des Islam stehen wird oder kann. Die neuen Zentren der „Islamischen Theolo­gie“ geben hierauf keine einheitliche Antwort.

Differenzierung
Es wird aber bereits jetzt klar, dass an den fünf Lehranstalten unterschiedliche Schwerpunkte und Perspektiven prägend sein werden. Ein Stichwort hierfür seien neue ­Konzep­te wie ­“Theologie der Barmherzigkeit“ oder „Theologie der Mitte“. Zusammen mit der jeweils anders gearteten Einbindung muslimischer Organisationen und Repräsentanten dürfte dies zur ihrer weiteren Differenzie­rung beitragen. Errichtet wurden sie an den Universitäten Tübingen, Erlangen-Nürn­berg, Frankfurt am Main (in Kooperation mit Gießen) sowie Münster und Osnabrück (Beide werden im Verwaltungsrahmen als ein „Standort“ geführt. Es gibt eine Kooperation in Form einer ­gemeinsamen ­Jahrestagung und einer gegenseitigen ­Anrechnung von Studienleistungen). Unge­achtet der akademischen Schwerpunktsetzung dienen sie der Lehre der Islamischen Religionslehre und – mit momentaner Ausnahme von Frankfurt und Tübingen – der „Islamischen Religionspädagogik“. Auf Nachfrage ­erklärte ein Dozent in einem der Standorte, dass bei ihnen ca. 2/3 aller eingeschriebenen StudentInnen sich für die Theologie eingeschrieben hätten. In Frankfurt gab es eine Stellenausschreibung für eine Profes­sur der „Islamischen Religionspädagogik“. Tübingen will laut Webseite ab Winter­semester 2013/14 einen Lehramtsstudiengang „Islamische Religionslehre“ anbieten. Beide Fächer sind – im Gegensatz zu bisherigen Studiengängen der Islam- oder Religionswissenschaft – bekenntnisorientiert.

Auch wenn alle fünf universitären Standorte unter der Kategorie „Islamische Theologie“ firmieren, entwickeln sie sich bisher doch mit ­unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Unterschiede beste­hen unter anderem bei der Möglichkeit des Studiums zur Religionspädagogik sowie der darin angebotenen Schulformen.

Des Weiteren hängt das Angebot von Lehr­veranstaltungen auch von der perso­nellen Besetzung beziehungsweise der Menge der eingeschrieben Studenten im jeweiligen Standort ab. So berichtete „Die WELT“ am 16.10.2012, dass sich nur eine Handvoll StudentInnen am Interdisziplinären Zentrum für Islamische Religionslehre (IZIR) in Erlangen-Nürnberg eingeschrieben hätte. Zu diesem Zeitpunkt waren dort nach Angaben des Blattes auch nur zwei von vier Lehrstühlen besetzt. Zentrumsleiter Harun Behr beispielsweise zielt allerdings auch nicht auf die Masse ab: „Wer die Islamisch-Religiösen Studien absolviert hat, ist ohnehin überqualifiziert für den Imamberuf.“

Derzeit wird jeder Standort mit bis zu vier Millionen Euro jährlich durch Bundesmittel gefördert. Hinzu kommen Stiftungen, die auf diesem Gebiet aktiv sind. Beim Osnabrücker IIT beispielsweise bereiten sich einige Doktoranden auf ihre Promotion mit Hilfe der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) vor. In diese Kategorie fällt auch die Maturidi-Studienförderung für Islamisches Denken, die der türkischen DITIB nahesteht. Das bekannteste Beispiel, die Mercator-Stiftung, ihrerseits ist seit der Einführung der „Islamischen Theologie“ mit einem standortübergreifenden Programm im Rahmen ihres Graduiertenkollegs vertreten. Ihre Stipendiaten arbeiten und forschen an den jeweiligen Standorten. Außerdem gibt es eine Kooperation bei der Organisation von Tagungen, Veran­staltungen und Studienreisen. Koordiniert wird dieses Programm von Münster aus. Die Auswahl der Nachwuchswissenschaftler nehmen die Professoren der Standorte zusammen mit einigen Professoren der Islamwissenschaft vor. Da die Graduierten auch als wissenschaftliche Mitarbeiter beziehungsweise Dozenten an der jeweiligen Fakultät eingebunden sind, gestalten sie das Profil ihrer lokalen Lehreinrichtung mit. Zum standortübergreifenden Studienprogramm des Kollegs werden regelmäßig internationale Gastwissenschaftler eingeladen.

Ungeklärte Beteiligung
Noch stellenweise unterschiedlich gehandhabt beziehungsweise auch unklar ist die Einbindung muslimischer Gemeinschaften (in ihrer bisherigen Form als Moscheenorganisationen und Dachverbände) in die Gestaltung der Lehrinhalte von „Islamischer Theologie“ und „Islamischer Religionspädagogik“. „Über die Lehrinhalte (und auch Professuren) bestimmen die Verbände aber nur insofern, dass sie ein Veto einlegen dürfen, wenn konkrete Inhalte/Personen gegen religiöse Grundsätze verstoßen. Die Lehrpläne und Einstellung der Professuren obliegen aber ausschließlich den Universitäten“, meinte ein Insider auf Anfrage der IZ. Insbesondere beim Religionsunterricht ist dies nach Meinung muslimischer Vertreter relevant, weil die Vorgaben des Grundgesetzes („Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt.“ Art. 7 Abs. 3) natürlich die Beteiligung einer Religionsgemeinschaft vorsähen. Als Beispiel hierfür mag der nordrhein-westfälische Beirat für den Islamischen Religionsunterricht gelten. „Verfassungsrecht­lich ist jedoch klar, dass die Entscheidungen zu den inhaltli­chen Fragen der Theologien grundsätzlich nur den Religionsgemeinschaften zustehen. Diese gewährleisten durch ihre Mitwirkung, dass das jeweilige Bekenntnis zur Geltung kommt, sind Garant für die Authenzität der Theologie und gewährleisten die Rückkopplung mit der muslimischen Basis in den Moscheegemeinden“, schrieb Engin Karahan vor einigen Wochen. Er ist Referent für Rechtsfragen im Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland.

Karahan und andere verweisen darauf, dass an einigen Standorten diese Mitwir­kung muslimischer Religionsgemeinschaften (die bisher keinen Status im Sinne einer Körperschaft des öffentlichen Rechts inne haben) zwar vorgesehen sei, „jedoch nur in einer abgestuften Version“ gehandhabt werde. Das liege unter anderem daran, da das Modell des Wissenschaftsrates aus dem Jahre 2010 auch „Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“ als Beiratsmitglieder einschließt.

Umgesetzt wird dieses Modell ­(ähnlich zur Zusammensetzung der Deutschen Islamkonferenz) nur stellenweise an den Standorten Münster und Tübingen, da es hier nur eine begrenzte Beteiligung muslimischer Gemeinschaften gibt. In Tübingen gibt es einen Beirat muslimischer Vertreter, aber nur zwei kommen aus dem organisierten Islam – ein Vertreter der DITIB sowie der bosniakischen IGBD. In Fall Münster kommt hinzu, dass man bisher auf die konstituierende Sitzung des Beirates wartet. In Erlangen-Nürnberg habe man, so Karahan, die Zusammenarbeit mit organisierten Mus­limen bisher verweigert. „Das Zentrum rühmt sich sogar öffentlich damit, die muslimischen Religionsgemeinschaften nicht zu berücksichtigen.“ Dort hat man einen Beirat aus 16 Einzelpersonen gebildet, und die Gemeinschaften umgangen.

Wegen seines Ursprunges als Stiftungs­professur der staatlich-türkischen Diyanet hat sich in Frankfurt kein Beirat konstituiert. Nicht nur Engin Karahan ist der Ansicht, dass es bisher einzig der Standort Osnabrück sei, „der für eine verfassungsrechtlich saubere Gestaltung der Mitwirkung der muslimischen Religionsgemeinschaften gesorgt hat. Dem dortigen Beirat gehören nur Vertreter der muslimischen Gemeinschaften an“.

Offene Fragen
Nicht nur, weil es bisher innerhalb der muslimischen Gemeinschaft an einer inhaltlichen und terminologischen Auseinandersetzung mit dieser akademischen Neuschöpfung fehlte, bleiben Fragen offen. Wie Hermann Horstkotte in der „Süddeutschen Zeitung“ berichtete, wurde ein Kandidat für den Münsteraner Beirat von Universitätsleitung und Bundesministerium abgelehnt. Es wurde gar mit Einstellung der Finanzmittel gedroht. Pikant daran ist, dass der abgelehnte Repräsentant problemlos Mitglied des NRW-Beirates für den Islamischen Religionsunterrichtes ist.

Muslime in Deutschland stellen sich nicht nur deswegen die Frage, inwieweit sie uneingeschränkten Zugang zu einer freien Lehre haben, wie sie bei den großen christlichen Konfessionen Usus ist.

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Ein neues Fach entsteht. Vom Spektakel der ­politischen Theologie

(iz). Kritik ist einfach. Kritik ist oft billig. Sie geht auch allzuleicht von der Zunge. Und wie kann man ein Phänomen in Bausch und Bogen ablehnen, wenn man einen Teil des beteiligten Personals kennt, es schätzt und auch eine gute Meinung von seiner Arbeit hat? Dieses ­Dilemma stellt sich mir, wenn die „­Islamische Theologie“, wie das Konstrukt heißt, betroffen ist.

So haben viele frische Talente der deutschen Community in den fünf neu kreierten Standor­ten, an denen die neue Lehre unterrichtet wird, eine universitäre Stelle gefunden. Hier unterrich­ten, forschen und publizieren sie über ­eines der Themen, das seit Jahren die Öffentlichkeit der Republik beschäftigt. Bei einer Aufstellung vieler Mitarbeiter und Dozenten war ich bass überrascht, wie viele von ihnen im Laufe ihrer Karriere das eine oder andere Mal auch hier veröffentlicht haben. Ihr Wille, am Aufbau eines akademischen Diskurses und einer intellektuellen Elite mitzuarbeiten, ist offenkundig und muss als solcher hoch eingeschätzt ­werden.

Es gibt leider auch eine andere Seite: So ­machen öffentliche ­Verlautbarungen, personelle Entschei­dungen und Gespräche mit Insidern deutlich, dass die so genannte „Islamische Theologie“ eben nicht – wie sich das vielleicht viele muslimische Verbände gewünscht hätten – nur begrenzt ein Ort der freien Lehre sein kann. Zu ­offenkundig ist der politische Zugriff. Und wohl auch die Gewilltheit so mancher Professoren, die politische Gestaltung islamischer Lehre ­mitzuformulieren.

Sie halten das für übertrieben? Das Buch des Münsteraner Lehrstuhlinhabers Mouhanad Khorchide „Islam ist Barmzerigkeit“ beispielsweise liest sich an vielen Stellen wie eine „theolo­gische“ Formulierung der Deklarationen so genannter „liberaler Muslime“. Und das ist durchaus bedauernswert, weil die Grundfrage ­Khorchides, die nach der Barmherzigkeit Allahs ­tat­sächlich zu oft unterschlagen wird.

Dass es einen gezielten Willen der Politik gibt, hier zu ideologisch genehmen Neudeutung zu kommen, wird wahrlich nicht unwahrscheinlicher. Jüngst wurde der Fall eines Beiratsmitglie­des bekannt, den der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland bestimmte und in das Gremium entsenden wollte. Obwohl das Land Nordrhein-Westfalen keine ­Einwände hatte, intervenierte die Bundespolitik und der Betroffene wurde wieder ausgeladen.

Die muslimische Community wartet bisher noch auf den Beweis, dass das neue Fach am Ende mehr ist als nur eine politische Theologie.