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Wie unterscheiden sich Imam, Mufti und Qadi?

imam mufti qadi

Wer heute in Deutschland über eine Fatwa, einen Mufti, einen Imam oder einen Qadi spricht, verwendet Begriffe, die selten unbefangen gehört werden.

(iz). In Medien und politischen Debatten erscheinen sie häufig als Chiffren für Fremdheit, Autorität oder sogar Bedrohung. Dabei wird oft nicht nur über den Islam gesprochen, sondern auch über Vorstellungen, die mit den tatsächlichen Bedeutungen dieser Begriffe wenig zu tun haben.

Das hat Folgen für muslimische Gemeinden und für die öffentliche Wahrnehmung ihrer religiösen Vertreter. Der Imam einer Moschee, ein islamischer Rechtsgelehrter und ein Qadi werden nicht selten in einen Topf geworfen, als bezeichneten ihre Titel dieselbe Stellung oder dieselbe Art von Autorität.

Doch ihre Aufgaben, Voraussetzungen und Grenzen sind verschieden – und gerade diese Unterschiede geraten in der gegenwärtigen Debatte schnell aus dem Blick.

Besonders die Fatwa ist zu einem Wort geworden, das außerhalb muslimischer Zusammenhänge beinahe automatisch mit Verbot, Drohung oder Gewalt verbunden wird. Dabei ist sie zunächst eine Rechtsmeinung zu einer konkreten Frage.

Ihr Gewicht hängt davon ab, wer sie formuliert, auf welcher Grundlage sie beruht und ob sie die Lebenswirklichkeit der Fragenden überhaupt kennt. Ähnlich verhält es sich mit dem Imam und dem Qadi: Ihre Aufgaben überschneiden sich im allgemeinen Sprachgebrauch oft, sind aber keineswegs dieselben.

„Traurige Beispiele sind politische oder militärische Bewegungen, die an die Macht kommen, und Muftis ernennen, die Fatawa erlassen, um ihre Handlungen zu rechtfertigen. Dazu gehören auch Muftis, die nicht die nötigen Voraussetzungen erfüllen oder Meinungen veröffentlichen, die Muslime zum Gespött von Nichtmuslimen machen“, meint Malik del Pozo, Lehrer für Qur’an, islamisches Recht und Arabisch.

Die Liste zeitgenössischer Meinungen, die in den Augen von Nichtmuslimen sehr skurril erscheinen müssen, ist sehr lang und reicht von erhängten VHS-Kassetten, geht über absurde Rechtsmeinungen, die gelegentlich aus Kairo in unseren Breiten ankommen und endet nicht mit dem Verbot von Mickey Mouse oder dem Fahrverbot für saudische Frauen.

Foto: Krysja/Shutterstock | Lizenz: Shutterstock

Eine Fatwa bezieht sich im Allgemeinen auf ein neues Urteil, das von einer geeigneten Person durch eine Entscheidung gefunden wird – oder auch nicht. Es sollte, so der Gelehrte Dr. Asadullah Yate, „von einem anerkannten Mufti innerhalb einer existierenden Gemeinschaft kommen“ und durch eine akzeptierte Autorität bestätigt werden.

Unabhängig davon, ob sich ein Richter (arab. Qadi) danach richtet oder nicht, könne es von Leuten als Richtlinie für ihr Verhalten genutzt werden.

Das grundlegende Verständnis einer Fatwa erläutert Malik del Pozo: „Die Notwendigkeit für eine Fatwa ergibt sich aus der Existenz einer Frage, die beantwortet werden muss.“

Der Fakt, dass sich diese Antwort nicht im Qur’an, in den Hadithen oder in den anderen Rechtsquellen finde, impliziere einen Mufti oder mehrere. Diese träfen in Folge eine Entscheidung, „die falsch oder richtig sein kann“.

Es handle sich hier um eine Frage großer Verantwortung. Es sei nicht selten gewesen, Imam Malik „ich weiß es nicht“ sagen zu hören. Selbst, wenn eine Entscheidung durch einen Mufti notwendig werde, müsse sie immer auf „Qur’an, Hadith und den Rechtsschulen basieren“.

Daher brauche ein Mufti ein vertieftes Wissen auf diesen Gebieten. „Eine Fatwa kann sich niemals gegen die Scharia selbst richten.“ Im Falle von Muslimen, die in einem nichtmuslimischen Land leben, könne eine solche Rechtsmeinung auch nicht den dortigen Gesetzen zuwiderlaufen.

„In der Scharia gibt es zwei große Oberkategorien für Fatawa: Die erste betrifft die gesamte Umma und ihre Antwort beruht auf Qur’an und Hadith.

Die zweite richtet sich nach den Regeln einer bestimmten Rechtsschule (Madhhab), die dieser eigen sind. Auch wenn dies früher nicht der Fall war, sollten allgemeine Fatawa heute von mehreren Muftis oder Gelehrten geschrieben werden.“

„Was heute gerne in der Internet-Realität unter dem rechtlichen Begriff des ‘Muftis’ verstanden wird, unterscheidet sich von der historischen Realität des Dar Al-Islam“, meint Dr. Yate.

Mit anderen Worten, in jeder funktionierenden, realen muslimischen Gesellschaft, die selbstständig war und sich an Richtlinien des Mittleren Weges orientierte, habe der Mufti bestimmten Bedingungen unterlegen: „Der Mufti ist ein Mudschtahid. Das heißt, er hat den Rang eines Rechtsgelehrten (arab. Faqih) inne, der in der Lage ist, in einer Sache zu einem Urteil zu kommen, die bisher noch nicht entschieden wurde.“

Seine absolute Mindestanforderung bestehe darin, dass er sein Wissen von Angesicht zu Angesicht von anerkannten ‘Ulama genommen habe und, dass er „die ‘Bidaja’ von Ibn Ruschd Al-Hadidh gemeistert hat“.

Ein Mufti gehöre zu einer spezifischen Gemeinschaft und stehe im Verbund mit ihrer Führung; „mit dem Ergebnis, dass seine Entscheidung einen gemeinschaftlichen und sozialen Kontext hat. Auch wenn er unabhängig in seiner Entscheidungsfindung ist, sollte er natürlich zu einem Urteil kommen, dass zum Nutzen der Gemeinschaft ist“.

Malik del Pozo beschreibt die Eigenschaften, die jemand haben muss, der eine Fatwa gibt: „Er oder sie braucht tiefes Wissen vom Qur’an, der Hadithwissenschaft, der arabischen Sprache und den Rechtsschulen.

Charakterlich muss er gerecht sein, verantwortungsbewusst handeln, vertrauenswürdig sein, intelligent und sich um eine Antwort bemühen.

Der entsprechende Mufti muss die Lebensbedingungen des oder der Fragenden kennen, die in der Suche nach Antwort zu ihm kommen. Das beinhaltet ihre Zeit, ihren Ort und die Frage, ob sie in der Lage sein wird, die Fatwa auch umzusetzen.“ Vielleicht etwas überraschend für Nichtkenner der Materie ist, dass laut Del Pozo auch Frauen Fatwas erstellen können.

Im Gegensatz zu anderen, westlichen Rechtssystemen bereitet eine Fatwa nicht den Boden für ähnliche zukünftige oder verwandte Fragen. Fragen zur gleichen Sache von unterschiedlichen Leuten können zu vollkommenen anderen Fatawa führen. Das heißt, diese Kategorie der Urteile betrifft nicht alle, sondern ist „persönlich oder optional“.

Foto: DITIB Zentralmoschee Köln

Die Unterscheidung ist gerade dort wichtig, wo die Begriffe im Alltag ineinanderlaufen. Im klassischen sunnitischen Verständnis bezeichnet Imam zunächst denjenigen, der das gemeinschaftliche Gebet leitet. In einer Moschee ist er deshalb häufig auch derjenige, der die Freitagspredigt hält, Unterricht erteilt und für Fragen aus der Gemeinde ansprechbar ist.

Gerade in muslimischen Minderheitensituationen kommen zu dieser Aufgabe oft Erwartungen hinzu, die weit über das Vorbeten hinausgehen. Der Imam wird dann als religiöser Ansprechpartner und als Vertreter der Gemeinde wahrgenommen.

Das macht ihn jedoch nicht ohne Weiteres zum Mufti. Ein Imam kann über die nötige Ausbildung verfügen und auch Fatwas erteilen; sein Amt allein verleiht ihm diese Befugnis aber nicht. Ebenso wenig ist er ein Qadi. Wo Muslime keine eigene Gerichtsbarkeit haben, kann ein Imam keine verbindliche Qada ausüben.

Die Aufgaben können sich in einer Person verbinden, die Begriffe bezeichnen aber unterschiedliche Funktionen: Der Imam leitet die Gemeinde im Gebet und häufig in ihrem religiösen Alltag, der Mufti gibt Rechtsmeinungen ab, der Qadi fällt verbindliche Urteile.

Qarawiyyin

Foto: Mitzo, Shutterstock | Lizenz: Shutterstock

Dem Qadi und seinem Urteil (arab. qada oder hukm) kommt ein klar verbindlicher Rang zu. Der Qadi sei, so Dr. Asadullah Yate, in seiner Entscheidung nicht an die Meinung eines Muftis gebunden.

Die Entscheidung eines Qadi, Hukm, bezieht sich im Allgemeinen auf die klaren rechtlichen Vorschriften, die im Qur’an enthalten sind, oder die durch den Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, ausgedrückt wurden.

„Es gibt weitere Rechtsquellen für das Urteil eines Qadi“, so der Gelehrte: Vorschriften, die nicht unmittelbar klar werden, solche, die durch erweiterte Bedeutungen unterstützt werden und die durch das Mittel des Analogieschlusses (arab. qijas) aus Passagen im Qur’an oder vom Propheten abgeleitet werden können, der Gesamtkörper aller Regelungen, die von den ersten vier Kalifen und den frühen Generationen des Islam stammen, Vorschriften aus der Zeit nach den ersten drei Generationen, über die Einigkeit besteht, anerkannte Bräuche sowie neue Fatawa, die im Laufe der Zeit zu einem festen und anerkannten Bestandteil des islamischen Rechts wurden.

Laut Malik del Pozo stellt das Urteil eines Qadis – ebenso wie eine Fatwa – eine gemeinschaftliche Verpflichtung (arab. fard kifaya) für die gesamte muslimische Gemeinschaft dar. Kommt ihr ein Teil der Muslime nach, dann ist das nicht länger die Verantwortung des Restes. Wird diese Pflicht von niemandem erfüllt, dann hat die gesamte Gemeinschaft einen schwerwiegenden Fehler begangen.

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