, ,

Die Psychologie der falschen Tat

psycho

Psychologische Einblicke: Warum wir das Falsche tun, obwohl wir es besser wissen müssten.

(iz). Wenn der Mensch auf sein Herz und sein Gewissen hört, weiß er oft, was richtig und was falsch ist. So sagte eins der Prophet Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden: „Höre auf dein Herz. Das Gute ist das, was dir unbeschreibliche Erleichterung und Glücksgefühle verschafft, wenn du es tust. Das Böse hingegen ist etwas, das etwas in dir zerstört und ruiniert, auch wenn die Leute hierfür eine Fatwa geben (und sagen, es sei das Richtige).“ (Darimi)

Trotzdem entscheidet sich der Mensch manchmal bewusst für das Falsche. Diese Spannung zwischen Erkenntnis und Handlung ist alt. Sie zieht sich durch alle Religionen, Philosophien und psychologischen Modelle. Besonders im Glaubensleben wiegt sie aber schwer.

Hier stellt sich nämlich die Frage, warum ein Gläubiger bewusst sündigt, obwohl er an eine jenseitige Strafe glaubt und das Paradies ersehnt? Warum entscheidet er sich also für etwas, das ihm langfristig schadet?

Um diese Fragen zu verstehen, müssen wir uns mit der Psychologie des Menschen selbst beschäftigen. Mit seinen Widersprüchen, seiner Schwäche, seinen Trieben und seinem Verstand. Und mit der Tatsache, dass der Mensch nicht immer ein rationales Wesen ist.

Die Trägheit der Seele

Said Nursi, ein islamischer Gelehrter des 20. Jahrhunderts, bringt es auf den Punkt. In einem seiner zentralen Werke beschreibt er das menschliche Innenleben so:

„Da die menschliche Triebseele einen winzigen Augenblick des Vergnügens dem vielfachen Lohn eines zukünftigen Vergnügens vorzieht, so fürchtet sie sich auch vor einem unmittelbar drohenden Schlag mehr als vor einem Jahr einer künftigen Strafe. Und wenn zudem den Menschen seine Gefühle überwältigen, hört er nicht mehr auf die Erwägungen seines Verstandes. Seine Begierden und Illusionen beherrschen ihn und so zieht er das kleinste und bedeutungsloseste gegenwärtige Vergnügen selbst noch einer außerordentlich großen Belohnung in der Zukunft vor. Und er flieht vor einer geringen gegenwärtigen Unbequemlichkeit mehr als vor einer fürchterlichen künftig drohenden Qual. Denn Begierden, Illusionen und Emotionen kennen keine Zukunft, vielmehr leugnen sie diese. Und wenn die Triebseele sie auch noch unterstützt, schweigen das Herz als Sitz des Glaubenslebens und auch der Verstand und erklären sich für besiegt.“ (Nursi, k.A., S. 148)

Er beschreibt hier ein psychologisches Phänomen, das heute als „Belohnungsaufschub“ bekannt ist. Es meint die Fähigkeit, eine sofortige kleine Belohnung aufzuschieben, um später eine größere zu bekommen. Genau diese Fähigkeit fehlt oft in Momenten der Schwäche. Das erklärt, warum Menschen sich für das Falsche entscheiden, auch wenn sie wissen, dass es ihnen langfristig schadet.

Foto: Jochen Tack, imago

Studien belegen die Schwäche der sofortigen Belohnung

Die berühmteste Studie zum Thema ist das „Marshmallow-Experiment“ an der Stanford University aus den 1970er-Jahren. Kinder bekamen die Wahl: einen Marshmallow jetzt oder zwei, wenn sie etwas warten.

Viele konnten nicht warten. Sie aßen sofort. Nur rund 30 % der Kinder schafften es, zu warten (Mischel, Ebbesen, 1970). Spätere Studien zeigten, dass diejenigen, die warten konnten, als Erwachsene erfolgreicher und stabiler waren. (Shoda, Mischel, Peake, 1990)

Auch in der Neuropsychologie ist bekannt, dass das limbische System, zuständig für Emotionen und kurzfristige Reize, sofort aktiviert wird, wenn eine Versuchung auftritt. Der präfrontale Kortex, der für langfristige Planung zuständig ist, braucht länger. In der Zeit, in der das Gehirn noch abwägt, hat der Mensch sich oft schon entschieden.

Daher erscheinen die Bestrafung im Jenseits und die Belohnung im Paradies dem Menschen zu fern. Sie sind wie Zukunftsversprechen, die keine Wirkung mehr entfalten, wenn die Versuchung direkt vor ihm steht. Ein Klick, ein Blick, ein Wort, das reicht, um Vernunft und Glauben zu übertönen.

Es ist leichter zu zerstören, als zu bauen

Eine zweite Komponente bei der Wahl des Falschen ist, dass dies immer leichter ist, als das Gute zu tun. Hierzu schreibt Nursi, „dass der Weg allen Übels und aller Leidenschaften, da er die Zerstörung ist, auch besonders einfach ist. […] (Versuchungen) leiten die Menschen rasch auf diesen Weg.“ (Nursi, k.A., S. 148)

Es ist in der Tat viel einfacher das Falsche zu tun, als das Gute zu tun. Das Böse braucht keine Anstrengung. Es fließt aus dem Menschen, wenn er loslässt. Gutes hingegen verlangt Disziplin, Bewusstsein, Opferbereitschaft. Eine gute Tat braucht Planung, Kraft, Geduld. Eine Sünde passiert beiläufig.

Dazu kommt die zerstörerische Rolle der Gesellschaft, wenn schlechte oder kriminelle Taten verharmlost oder normalisiert werden. Dadurch wird der Mensch ständig in Versuchung geführt. Wenn er nicht wachsam ist, driftet er ab, ohne es zu merken.

Sprache Urteilskraft islam Neuerscheinung

Foto: Freepik.com

Die Niederlage des Verstandes

Wichtig ist hier jedoch auch, dass „Sünden nicht aus einem Mangel an Glauben, sondern infolge einer Niederlage von Herz und Verstand, weil die Gefühle, Begierden und Illusionen die Oberhand gewonnen haben“, entstehen. (Nursi, k.A., S. 148)

Der Glaube ist also da, aber er schweigt. Die Gefühle haben gesiegt. Diese Erkenntnis ist wichtig. Sie zeigt, dass Sünde nicht immer ein Ausdruck von Leugnung ist. Oft ist sie Ausdruck von menschlicher Schwäche, von einem kurzen Moment der Überforderung.

Wer das versteht, kann barmherziger mit sich selbst und anderen sein. Aber auch entschlossener in der Bekämpfung der eigenen Neigungen. Denn die Triebseele will nicht warten. Sie will jetzt.

Fazit

Ein Gläubiger sündigt, obwohl er glaubt. Das liegt nicht an fehlender Überzeugung, sondern an der Natur seiner Psyche. Der Mensch zieht das Jetzt dem Später vor. Er fürchtet sich mehr vor dem Schmerz im Moment als vor der Strafe in ferner Zukunft. Er lässt sich überwältigen von Trieben, die keinen Morgen kennen. Daher zieht er das augenblickliche und vergängliche Vergnügen dem ewigen und unendlichen Vergnügen in der Zukunft vor.

Die Religion zeigt diesen Mechanismus. Sie warnt nicht nur vor der Sünde, sondern erklärt auch, warum wir zu ihr neigen. Wer dies versteht, kann bewusster leben. Und vielleicht beim nächsten Mal standhalten.

, ,

Debatte: Die Prediger und die Straße (1)

Prediger solingen magdeburg

Fauziah Lewandowski fragt nach dem Verhältnis von „Clans“ zu „Predigern“ und der „Community“. (iz). Es gibt in Filmen wie „Athena“ oder „Les Miserables“ immer diese Momente, wo die Stimmung zwischen […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

Nigeria: Überfälle, Entführungen, Landkonflikte

Nigeria Afrika Karte

Eine neue Gewaltwelle hält Nigeria in Atem. Die Ursachen sind vielfältig: Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen, Streit um Land und Ressourcen

Abuja (KNA). Mittlerweile ist die Gewalt selbst in Nigerias Hauptstadt Abuja angekommen. Ignatius Kaigama, Erzbischof von Abuja, findet deutliche Worte.

Ende Januar kritisierte er in einer Predigt, dass selbst die Straßen der Hauptstadt unsicher werden, von anderen Regionen ganz zu schweigen. Täglich würden Dörfer angegriffen, Eigentum zerstört sowie Menschen entführt und ermordet.

Foto: AK Rockefeller, via flickr | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Nigeria erlebt seit Wochen eine neue Welle der Gewalt

An Weihnachten wurden im Bundesstaat Plateau im Zentrum des Landes mehr als 150 Menschen getötet, Dutzende Häuser zerstört. Seitdem kommt die Region nicht zur Ruhe: Vier Wochen später ermordeten Bewaffnete erneut 30 Personen, dieses Mal im Landkreis Mangu.

Seit Jahrzehnten kommt es in dem Bundesstaat mit fruchtbaren Böden und einem angenehmen Klima zu Gewaltausbrüchen. Die Interpretationen sind unterschiedlich.

Nach Einschätzung von Timothy Daluk, lokaler Vorsitzender der Christlichen Vereinigung Nigerias, handelt es sich um einen Angriff auf Christen. Muslime würde gezielt versuchen, Christen, die stets in der Region gelebt hätten, zu vertreiben, sagte er lokalen Medien.

Foto: Sani Ahmad Usman, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Konflikte um fruchtbares Land

Es geht allerdings auch um den Zugang zu wertvollem Land. Vor allem durch den Middle Belt, das Zentrum des Landes, ziehen bis heute Hirten mit ihrem Vieh. Sie gehören der Ethnie der Fulani an und sind fast ausschließlich Muslime. Häufig werden sie für Überfälle verantwortlich gemacht und als Terroristen bezeichnet. Zu einer Untersuchung von Überfällen bis hin zu Gerichtsprozessen kommt es allerdings so gut wie nie.

Auch verstärkt der Klimawandel die Spannungen. Da der Staat oft abwesend ist und weder ausreichend in Infrastruktur investiert, noch für Sicherheit sorgt, identifizieren sich Menschen weitaus mehr über ihre ethnische Zugehörigkeit und Religion und grenzen sich bewusst von anderen ab.

Foto: EC/ECHO/Wim Fransen

Nicht auf eine Region beschränkt

Die Entwicklung in Plateau ist extrem. Gewalt ist aber längst nicht mehr nur auf eine Region beschränkt, betont die nigerianische Denkfabrik, Centre for Democracy and Development, in einer Ende Januar veröffentlichten Untersuchung.

Konflikte haben sich mittlerweile in den bisher als einigermaßen friedlich geltenden Südwesten ausgebreitet. Vor allem ein Risiko gibt es überall: Entführungen. Verschiedene nichtstaatliche Organisationen wie die Sicherheitsfirma SBM Intelligence zählen jährlich mehr als 4.000. Da viele nicht angezeigt werden, wird die Dunkelziffer deutlich höher geschätzt.

Foto: Staff Sgt. Edward Braly, USAF, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

Banden gefährlich wie Terroristen – Wirtschaft schwächet

Damit, so die Lesart verschiedener Beobachter, überschattet die Gewalt durch bewaffnete Banden mittlerweile auch die von terroristischen Gruppierungen wie Boko Haram und vor allem dem „Islamischen Staat in der Westafrikanischen Provinz“. Beide sind weiterhin vor allem im Nordosten aktiv.

Mit der anhaltenden Gewalt geht die desolate wirtschaftliche Entwicklung einher. Die Inflationsrate steigt seit Jahren und liegt mittlerweile bei fast 30 Prozent, während es vor einem Jahr noch knapp 22 Prozent waren.

Nach Informationen der Zentralbank ist auch der Naira schwach wie nie zuvor. Der Wechselkurs lag Ende Januar bei 1 Euro zu 1.475 Naira. Dabei ist das Land stark von Wareneinfuhren abhängig. Neben Autos und Baumaterialien gehören auch Nahrungsmittel dazu.

Als besonderer Einschnitt galt vergangenes Jahr die Abschaffung der Treibstoffsubventionen. Vor der seit Jahren diskutierten Umsetzung Mitte 2023 kostete der Liter offiziell 370 Naira. Nach Angaben des Welternährungsprogramms lag er in den Bundesstaaten Borno und Yobe im Nordosten im Dezember bei 1.300 bis 1.700 Naira, wodurch sich auch Lebensmittelpreise verteuern.

Anfang der Woche warnte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International im Kurznachrichtendienst X: „Millionen Menschen in Nigeria sind immer weniger in der Lage, die Kosten für Bildung, Ernährung und Gesundheitsversorgung zu decken.“ 

Fast zeitgleich gab der Internationale Währungsfonds bekannt, die Wachstumsprognosen für Nigeria für dieses Jahr von 3,1 auf 3 Prozent nach unten zu korrigieren.

Einzeltäter und Muslime – ein Dilemma. Kommentar von Khalil Breuer

(iz). Das Dilemma ist offenkundig: Ein halbgebildeter, jugendlicher „Einzeltäter“ mordet in Deutschland und beruft sich dabei auf „seine“ islamische Lehre. Solche Personen sozialisieren sich und vergewissern sich ihrer wahnsinnigen Überzeugungen […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

Kommentar: Nach dem Mord in Dresden gelten immer noch Denkregeln, meint Khalil Breuer

(iz). Im Grunde ist es eine einfache Denkregel: Individuelle Verrückte oder Einzeltäter und ihre Taten können niemals stellvertretend für eine – angeblich hinter ihnen stehende – Religion oder Kultur gesehen […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.