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„Islamisierung“ – das instrumentalisierte Schreckgespenst

afd Islamisierung

Ob „Islamisierung“ oder „Unterwanderung“: Rechte und bürgerliche Stimmen erzeugen Narrative, die keinen empirischen Standards entsprechen.

(iz). Nicht Klimawandel, hybride Kriegführung Russlands, Rechtsruck oder Wirtschaftskrise scheinen Teile der Deutschen so zu fürchten wie die Schreckwörter „Umvolkung“ und „Islamisierung“. Während das erste Phänomen eine extrem vage Verbindung zur Wirklichkeit hat – den realen demografischen Wandel –, entbehrt das Letztere jeder Grundlage.

„Islamisierung“ – Verschwörungstheorie mit anderen Mitteln

Nicht nur Muslime hier wenden sich seit Jahren gegen das Zerrbild einer „Islamisierung“ und den damit verbundenen Generalverdacht. Ihre große Mehrheit lebt gesetzestreu und zeigt so, dass es keinerlei reale Bestrebungen gibt, ein solches Projekt zu verfolgen.

Renommierte Experten wie der Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe, Direktor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa, argumentieren seit Langem gegen diese weitverbreitete Verschwörungstheorie.

Der Begriff „Islamisierung“ ist ein zentraler Kampfbegriff in der Debatte, insbesondere im rechtskonservativen und -populistischen Spektrum. Der frühere AfD-Politiker Alexander Gauland etwa nutzte diese Terminologie regelmäßig, um eine vermeintliche Bedrohung der deutschen Kultur und Gesellschaft durch „den Islam“ zu beschwören.

So sagte er beispielsweise 2018 auf dem Bundesparteitag: „Wir wollen keine Islamisierung Deutschlands. Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Auch seine Parteikollegin Von Storch sprach 2017 auf Facebook von einer „schleichenden Islamisierung“ und „Unterwanderung“ der deutschen Werte: „Wir erleben eine schleichende Islamisierung unseres Landes, die von der politischen Elite nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert wird.“

Foto: Nicolaus Fest, via flickr | Lizenz: CC BY-ND 2.0

Der einflussreiche Psychologe und Publizist Ahmad Mansour nutzt diese pauschalisierte Markierung nicht. Er kritisierte seine Nutzung 2018 in einem Interview: „Der Begriff ‚Islamisierung‘ wird von Rechtspopulisten benutzt, um Angst zu schüren. Es gibt Herausforderungen durch den politischen Islam, aber eine pauschale Islamisierung findet nicht statt.“

Frei von verschwörungstheoretischen Sprachbildern ist er hingegen nicht. Differenzierter und in Abgrenzung zu plumpen Rechtsextremen warnte er wiederholt vor „Unterwanderung“ in der Bundesrepublik durch den „politischen Islam“.

Dieses Vokabular taucht in seinen Texten wie bei öffentlichen Auftritten auf. „Unterwanderung bedeutet nicht, dass wir in zehn Jahren ein Kalifat in Deutschland haben. Ich meine damit, dass der Einfluss von Jahr zu Jahr größer wird. (…) Wir sehen es in den letzten Monaten, beispielsweise daran, wie DITIB-Moscheen genehmigt werden; zuletzt in Wuppertal, ohne dass Politiker eine Ahnung haben, was die Imame dort predigen“, sagte er im Gespräch mit der „Augsburger Allgemeinen“. 

Dass muslimische Gemeinschaften von der rechtlich einwandfreien Möglichkeit Gebrauch machen, Gebäude zu errichten, scheint schon problematisch.

Mit einer solchen Rhetorik lässt sich nahezu jede Alltagspraxis als potenziell gefährlich interpretieren, ohne sich allzu offen im rechten Spektrum zu positionieren. Mansour sagte etwa 2022 dem Magazin „Cicero“:

„Die Islamisten sind nicht kurz davor, unsere Gesellschaft zu übernehmen, sie haben aber Macht. Vor allem auf lokaler Ebene haben sie schon einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Und in manchen Parteien sind die dritten bis vierten Reihen bereits besetzt durch Islamistenunterstützer oder Verharmloser.“

Während sich die Rhetorik am rechten Rand häufig verschwörungstheoretischer Sprachbilder bedient, greifen solche bürgerlichen Stimmen auf Techniken wie Assoziation, Generalverdacht oder den Verweis auf Extremfälle zurück.

Nicht selten muss dabei das Beispiel Berlin stellvertretend für alles Muslimische herhalten. Abgesehen von fragwürdig zitierten Umfragen mangelt es beiden an der empirischen Grundlage, die für eine seriöse Debatte unerlässlich wäre.

Empirisch sind diese Vorstellungen unhaltbar

In vielen deutschen Landesregierungen und in der Bundesregierung sitzen eine Handvoll von Ministern und Staatssekretären mit Zuwanderungsgeschichte. Keiner von diesen wie Staatsministerin Güler ist dafür bekannt, praktizierende Muslimin oder gar „Islamistin“ zu sein.

Nach Jetztstand gibt es im Bund und den Landtagen zwar Abgeordnete mit muslimischem Hintergrund. Unter ihnen – darunter den 19 MandatsträgerInnen des Bundestags mit „muslimischem Migrationshintergrund“ – gibt es kaum, bis gar keine Parlamentarier, die praktizieren würden.

Schauen wir auf die Bereiche Staat, Bürokratie und Ämter, zeigt sich ein ähnliches Bild: Selbstverständlich arbeiten im öffentlichen Dienst, in der Verwaltung und bei der Polizei praktizierende Muslime.

Gleiches gilt für die Bundeswehr, in der Schätzungen zufolge zwischen 1.600 und 6.000 Menschen islamischen Glaubens ihrem Land dienen. Einzelne Angehörige der Streitkräfte sind dafür bekannt geworden, wie sie ihren Militärdienst mit ihrer Religionspraxis in Einklang bringen.

Foto: Bundeswehr/Rolf Klatt

Bei Parteien und deren Organen zeigt sich ein ähnliches Bild: Es gibt zwar prominente Mitglieder mit Migrationshintergrund, doch es mangelt an sichtbaren Vertretern, die offen für die Belange religiös praktizierender Personen eintreten oder entsprechende Gesetzesinitiativen anstoßen.

Dieses Defizit wird von Beobachtern und Teilen der Community kritisiert, da sich viele dadurch politisch nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Auch bei den Parteistiftungen ist die Lage vergleichbar: Sichtbare und bekennende Muslime in Führungspositionen sind nur selten zu finden.

Ein Grund dafür ist, dass Parteien ihre Repräsentanten in erster Linie wegen der Wählbarkeit und weniger nach identitätspolitischen Kriterien auswählen.

Bei der Wissensproduktion und -vermittlung – an Universitäten, in Forschungseinrichtungen, Stiftungen und Massenmedien – sind bekennende und praktizierende Muslime vertreten. Abgesehen von einer kleinen Gruppe, die überwiegend in den Fachgebieten Islamwissenschaft, Theologie oder Migration tätig ist, bleibt ihre Zahl begrenzt.

Ähnliches gilt für andere öffentliche Institutionen: Zwar gibt es dort Mitarbeiter und Stipendiaten mit einem solchen Hintergrund, doch kaum jemanden, der eine einflussreiche Führungsposition innehat.

Das Bild in Qualitäts- und Massenmedien ist vergleichbar. Die Zahl muslimischer Journalistinnen und Journalisten – festangestellt bzw. freiberuflich – ist in den letzten Jahren gestiegen. Doch in Spitzenpositionen wie Ressortleitungen oder Chefredaktionen sind bislang keine Angehörigen der Community bekannt.

Stellungnahmen, etwa vom Zentralrat, kritisieren diese mangelnde Sichtbarkeit und Repräsentanz islamischen Lebens in zentralen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere in der Medienlandschaft.

In der freien Wirtschaft – allen voran in den obersten Führungsebenen wie Aufsichtsräten, Geschäftsführungen oder dem Top-Management großer Konzerne – sind in Deutschland bislang keine praktizierenden Muslime öffentlich bekannt.

Weder die verfügbaren Quellen noch Berichte nennen Beispiele für Personen, die in DAX-Unternehmen, bedeutenden Mittelständlern oder in Aufsichtsgremien der deutschen Wirtschaft eine herausgehobene Rolle einnehmen. Aktuelle Analysen zur Diversität in Unternehmensführungen heben die geringe Repräsentanz von Menschen mit einem solchen Hintergrund – und insbesondere von offen praktizierenden Muslimen – hervor.

Zwar arbeiten Millionen als Arbeiter und Angestellte, doch in den höchsten Leitungsfunktionen sind sie bislang weder sichtbar noch öffentlich präsent.

Alleine schon dieser oberflächliche Blick auf die deutschen Verhältnisse zeigt, dass die Angst- und Schlagworte „Islamisierung“ bzw. „Unterwanderung“ nicht begründet sind, wenn es um relevante Schlüsselstellungen in Staat, Gesellschaft oder Wirtschaft geht. Die damit verbundenen Narrative mögen beim Zielpublikum ankommen, die Wirklichkeit bilden sie nicht ab.

Foto: FAU/Boris Mijat

Jurist und Islamwissenschaftler Rohe ordnet die Debatte in den richtigen Kontext ein

Der Begriff „Islamisierung“ werde laut dem oben erwähnten Mathias Rohe häufig zur Beschreibung „islamistisch-extremistischer Entwicklungen“ genutzt, sei aber irreführend. Tatsächlich handele es sich dabei um eine politische Ideologie, die eine islamische Gesellschaftsordnung über den säkularen Staat stellen wolle.

Nur ein kleiner Teil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland unterstütze solche Positionen. Das zeigten zahlreiche Studien. Die Mehrheit lebe religiös im privaten Rahmen. Er warnte vor pauschalen Unterstellungen: Spirituelle Praktiken wie das Tragen eines Kopftuchs oder ein Verzicht auf den Handschlag sollten nicht vorschnell als Zeichen von Extremismus gewertet werden.

Wer Normalität mit „Islamismus“ verwechsle, betreibe eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr. Feindliche Pauschalurteile förderten nicht Sicherheit, sondern Radikalisierung.

Er wies darauf hin, dass zahlreiche seriöse Erhebungen (darunter die BAMF-Studien zum muslimischen Leben 2020 sowie die spätere Untersuchung zur Zusammengehörigkeit) entsprechende Erkenntnisse lieferten. Verschiedene Untersuchungen des Bertelsmann-Religionsmonitors kämen zu ähnlichen Ergebnissen.

Der Wissenschaftler betonte, dass manche Studien mit problematischen Fragestellungen im deutlichen Gegensatz zu seriösen stünden. So werde beispielsweise kritisiert, dass Befragte gefragt würden, ob ihnen die Regeln ihrer Religion – wie etwa „die Scharia“ – wichtiger seien als das deutsche Recht.

Durch eine solche Methodik werde ein fundamentaler Widerspruch suggeriert, der in Wirklichkeit nicht existiere. Dies bestehe zum größten Teil aus religiös-ethischen Vorschriften, die grundsätzlich durch die Religionsfreiheit geschützt seien.

Hinsichtlich rechtlicher Normen lehre diese, dass gläubige Muslime die Gesetze des Landes, in dem sie leben, respektieren müssten, was für die Mehrheit ohnehin selbstverständlich sei. „Wer tatsächlich vorhandene problematische Einstellungen z.B. zum Verhältnis der Geschlechter oder zu Körperstrafen erforschen möchte, muss dies mit konkreten Fragestellungen tun, die wissenschaftlichen Standards entsprechen. Dafür ist freilich Fachkenntnis erforderlich, und die Ergebnisse sind deutlich weniger spektakulär.“

Bei diesem Thema plädierte er für Minderheitenschutz. „Religionsfreiheit im säkularen Staat äußert sich in der Neutralität des Staates gegenüber Religionen sowie deren Gleichbehandlung, auch im Alltag.“ Wer diese zwar abstrakt begrüße, aber ihre Einschränkung im Falle von Muslimen und Musliminnen in Deutschland gutheiße, „stellt sich gegen rechtsstaatliche Grundsätze“.

Für ihn bewähre sich ein auf Rechtsgrundlagen agierender Staat im Schutz von Minderheiten. „Religionsfreiheit ist zudem dynamisch. Sie erstreckt sich nicht nur auf historisch etablierte Religionen. Deshalb ist die Errichtung einer religiösen Infrastruktur für die muslimische Bevölkerung eine schiere Normalität und hat nichts mit ‘Islamisierung’ zu tun.“

Rohe wies darauf hin, dass das Übernehmen von AfD-Parolen aus Angst durch die Mitteparteien letztlich „Islamismus“ und Rechtsextremismus begünstigen könne. Staatspolitische Verantwortung bedeute aus seiner Sicht, einerseits effektive Maßnahmen gegen tatsächliche Probleme radikaler Ideologien zu ergreifen und andererseits der destruktiven Agenda extremistischer Gruppen wie der AfD entgegenzutreten.

11 Jahre 9/11: „IZ-Begegnung“ mit Paul Schreyer über Hintergründe und Erkenntnismethoden

(iz). Jüngst jährte sich zum elften Mal der Jahrestag des 11. September 2001. Zu sehr wurde das offizi­elle Bild und seine Deutung im Bewusstsein der Menschen verankert, als dass eine Akzeptanz von alternativen Sichtweisen noch als möglich erscheint. Jenseits abstrak­ter historischer Rückbetrachtungen wirft das Desinteresse so genannter „Qualitätsmedien“ an einer ernstzunehmen­den Aufklärung der Hintergründe dieser Angriffe nicht nur ein fragwürdiges Licht auf den medialen Betrieb. Ereignisse in Folge von 9/11 und die globalen Folgen machen eine lückenlose Aufklärung nötig, um nicht weiteren Hypothesen Nahrung zu geben.

Über Kritikpunkte an der offiziellen Hypothese zu 9/11, Unstimmigkeiten, mutmaßliche Insidergeschäfte und dem Unterschied zwischen Paranoia und realen Machenschaften sprachen wir mit dem Publizisten Paul Schreyer. Paul Schreyer, geboren 1977, ist freier Journalist für die Magazine „telepolis“, „Hintergrund“ und „Ossietzky“ sowie Autor des Buches „Insider 9/11 – Neue Fakten und Hintergründe zehn Jahre danach“. Er betreibt die Webseite www.911-facts.info.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Schreyer, jüngst jährte sich der 11. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA. Sie kritisier­ten in einem Artikel für das online-Magazin „telepolis“ eine „Denkblockade“ bei Journalisten und Autoren. Könnten Sie Ihre Erfahrungen einmal kurz nachzeichnen?

Paul Schreyer: Es ist immer noch vergleichsweise wenig bekannt, dass in den Tagen kurz vor 9/11 an den Börsen mutmaßliche Insidergeschäfte zu beobachten waren. Damals wurde massiv auf ­fallende Kurse von Unternehmen ­ge­wettet, die von den Anschlägen später betroffen waren – ein Indiz für Vorwissen. Kurz nach dem 11. September war das auch für einige Tage ein Thema, das sehr ernsthaft international diskutiert wurde, zum Beispiel auch vom damaligen Chef der Deutschen Bundesbank. Dann verschwand die Story wieder aus den Medien.

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC untersuchte die Vorwürfe, veröffentlichte aber nie ihre Ergebnisse. Und die offizielle 9/11-Untersuchungskommission erklärte den mutmaßlichen Insiderhandel später schlicht für Zufall. 2011 nun haben Finanzwissenschaftler der Univer­sität Zürich eine Studie vorgelegt, die anhand der Auswertung der realen Banktransaktionsdaten ganz im Gegenteil einen Insiderhandel nahelegt. Doch bis auf eine französische Finanzzeitung berichtete kein Mainstream-Journalist darüber. Das hat mich stutzig gemacht und ich habe einige meiner Kollegen, etwa vom ZDF und vom SPIEGEL, darauf angesprochen. Doch niemand wollte sich äußern, oder gar Stellung beziehen. Ein ehemaliger Ressortchef einer großen deutschen Tageszeitung sagte mir schlicht, er glaube das nicht. Dieses Verhalten habe ich als „9/11-Denkblockade“ bezeichnet.

Islamische Zeitung: Um einmal polemisch zu fragen, ist es – soweit es die historischen Folgen und die Tiefenwirkung der Anschläge betrifft – von Relevanz, ob die offizielle Hypothese zutrifft oder eine alternative? Die geopolitischen Veränderungen sind eingetroffen und die militärischen Konflikte sind geführt worden…

Paul Schreyer: Das ist richtig. Aber es gibt einen tiefer liegenden Aspekt. Die Nichtaufklärung eines so gravierenden Ereignisses wie 9/11 führt zu einer anhal­tenden Verunsicherung und einem allge­meinen Vertrauensverlust in die Politik.

In den USA konnte man das schon einmal nach dem Kennedy-Mord 1963 beobachten. Mit jedem Jahr das verging, ohne dass der Mord am Präsidenten aufgeklärt wurde, verloren mehr Bürger ihr grundlegendes Vertrauen in die Regierung und das Funktionieren des Staates. Darin liegt meiner Überzeugung nach die tiefere Relevanz. Die Alternativen zum Bemühen um Aufklärung sind Resignation und Zynismus.

Islamische Zeitung: Eine der am häufigsten gestellten Fragen in Sachen Konspiration ist „Wem nützt es?“. Wem die Ereignisse „genutzt“ haben, liegt ja eigentlich offen zu Tage. Oder ist das zu simpel gedacht?

Paul Schreyer: Derjenige, dem ein Verbrechen nutzt, muss ­logischerweise nicht automatisch der Täter sein. Aber es wäre auch absurd, ihn aus dem Kreis der Verdächtigen von vornherein ­auszuschließen.

Islamische Zeitung: Jemand meinte einmal, dass Bücher und Untersuchungen, die sich mit den Ursachen von 9/11 befassen – und die zu ­anderen Deutungen als der üblichen gelangen – Jahre zu spät kommen, weil die dominante Erklärung und die sie beglei­tende Bildersprache – Bin Laden und Al Qaida als „Ikonen“ des Bösen ­sowie die Notwendigkeit des „Krieges gegen den Terror“ – längst im kollektiven Unterbewusstsein verankert sind. Wie würden Sie dem als investigativer Autor, der hierzu recherchiert hat, begegnen wollen? 

Paul Schreyer: Mit den Fakten. So einfach und auch so schwer. Denn es ist in der Tat schwer, Menschen zu erreichen, die überzeugt sind, bereits alles über 9/11 zu wissen. Trotzdem geht Aufklärung natürlich nur mit Fakten. Fakten, über deren Richtigkeit in einer öffentlichen Debatte der Konsens gesucht werden sollte.

Islamische Zeitung: Was sind die wichtigsten Entgegnungen des media­len und akademischen Mainstreams auf alternative Erklärungen zu den Anschlägen vom 11. September 2001 und wie würden Sie ihnen antworten?

Paul Schreyer: Sofern ein Mainstream-Journalist sich mit alternativen Theorien zu 9/11 überhaupt auseinandersetzt, was selten genug geschieht, dann meist nicht von einem offenen Standpunkt aus, sondern in der Regel von der Position, dass ein Inside-Job – also die Verwicklung der eigenen Regierung – von vornherein als unvorstellbar und damit unmöglich betrachtet wird.

Darauf antworten kann man mit den leider zahlreichen historischen ­Beispielen für geplanten oder auch ausgeführten Staatsterrorismus – die „Strategie der Spannung“, „Gladio“, „Operation North­woods“ usw. Die Debatte wird oft in den Bereich des Glaubens verlagert. „Das glaube ich nicht“ oder „das kann ich mir einfach nicht vorstellen“ hört man dann. Dabei sollte es bei der Aufklärung eines Verbrechens selbstverständlich nie um persönliche Überzeugungen gehen, denn die sind so beschränkt wie die eigenen Erfahrungen und das eigene Wissen. Es sollte immer nur um überprüfbare ­Fakten gehen.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Schreyer, welche Elemente der offiziel­len Hypothese sind für Sie am ehesten angreifbar und in Frage zu stellen?

Paul Schreyer: Zunächst der ungeklärte Einsturz der Türme, besonders der von Gebäude 7, dem dritten Turm, der überhaupt nicht von einem Flugzeug getroffen wurde. Dann die Namen der 19 angeblichen Flugzeugentführer. Nach Auskunft der Ermittler war die Liste dieser Namen ganz schnell da, nur wenige Stunden nach den Anschlägen. Aber mit dieser Liste stimmt so einiges nicht. ­Viele der Identitäten sind unklar. Weiterhin die These, dass diese jungen Araber die Jets auch tatsächlich ins World Trade Center und das Pentagon gelenkt haben. Was man auf den Videos oft nicht wahrnimmt: Die Maschinen waren unglaublich schnell. Die Boeing, die in den Südturm crashte, flog direkt vor dem Aufprall zum Beispiel wahnwitzige 900 km/h, dazu in einer präzisen Kurve, die wenige Sekunden vor dem Einschlag nachjustiert wurde. Wäre nur Sekunden­bruchteile früher oder später nachjustiert worden und hätte sich das Flugzeug ­dabei nur um 5 Grad mehr oder weniger geneigt, hätte es sein Ziel verfehlt, wie Analysen des Flugverlaufs zeigen. Das sind Fähigkeiten, die ans Übermenschliche grenzen. Kaum ein Kampfpilot wäre dazu in der Lage; geschweige denn jemand, der gerade Cessna fliegen gelernt hat. Nicht anders ist es bei der Maschine, die ins Pentagon einschlug. Sie ­wendete exakt in einem Radarloch, flog vor Washington eine enge 330-Grad Kurve bei gleichzeitigem steilen Sinkflug, um sodann mit Höchstgeschwindigkeit zwei Meter über dem Boden in das Gebäude einzuschlagen – übrigens genau in die Seite, deren Wände kurz zuvor bei Reno­vierungsarbeiten verstärkt worden ­waren, um besser einem Terroranschlag standzuhalten. Diese Flugmanöver zeigen eine maschinenhafte Präzision, die an eine Fernsteuerung denken lässt – was technisch im Jahr 2001 zumindest möglich gewesen wäre. Dann das Scheitern der Luftabwehr. Kein Kampfjet erreichte auch nur eines der entführten ­Flugzeuge. Diese letzte Frage ist Kernpunkt ­meiner eigenen Recherchen. Und interessanterweise hat ja auch die amtliche „9/11 Commission“ zugegeben, beim Thema Luftabwehr von den Militärs massiv belo­gen worden zu sein.

Islamische Zeitung: Glauben Sie, dass sich im Laufe der Zeit noch andere Hypothesen zu 9/11 werden durchsetzen können, oder ist die ­dominante Erklärung für lange Zeit festgeschrieben?

Paul Schreyer: Ich denke, dass die Vorherrschaft der offiziellen Theorie von der Glaubwürdigkeit ihrer Vertreter abhängt. Je mehr die Glaubwürdigkeit der US-Regierung und der herrschenden Eliten allgemein leidet – Stichworte: Afgha­nistan, Irakkrieg, aber auch die Finanzkrise –, umso mehr Bereitschaft wird es auch geben, kritisches Denken zu 9/11 zuzulassen. Es hat vielleicht auch etwas mit der Souveränität des Landes zu tun, in dem die Debatte geführt wird. Ich meine zu beobachten, dass zum Beispiel in der Schweiz oder in Kanada offener diskutiert wird, als etwa in Deutschland.

Islamische Zeitung: Das Begehren respektabler technischer Experten und unverdächtiger Politiker und Journalisten, die beispielsweise in den USA eine wirklich unabhängige Untersuchung forderten, wurde oft mit dem knappen Verweis auf eine vermeintliche „Verschwörungstheorie“ zurückgewiesen. Dient die Etikettierung als „Verschwörungstheorie“ dazu, ernsthafte Debatten zu unterbinden?

Paul Schreyer: Das ist sicher richtig. Das Wort ist zu einem Kampfbegriff geworden. Verschwörungstheorien sind ja nichts weiter als Vermutungen über Verschwörungen, die wiederum ein Teil unseres Alltags sind. Es ist daher proble­ma­tisch, dass der Begriff „Verschwörungstheorie“ fast ausschließlich synonym mit „paranoider Unsinn“ verwendet wird. Eine solche Definition ist offensichtlich eine sprachliche Verfälschung. Allerdings eine, die gerne und oft dazu benutzt wird, die Untersuchung von Staatsterrorismus pauschal als absurd zu diskreditieren. So wird eine notwendige Debatte von vornherein abgewürgt. Bislang leider sehr erfolgreich, da viele Menschen den Begriff nicht hinterfragen.

Islamische Zeitung: Wie lässt sich für einen Laien eine ernsthafte Hypo­these von einer Verschwörungstheorie unterscheiden?

Paul Schreyer: Verschwörungstheorien und Hypothesen ganz allgemein sind Konstruktionen der Wirklichkeit, die entstehen, wenn es an Transparenz mangelt. Ob sie berechtigt sind oder eher zweifelhaft, ist oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Generell kann man aber sagen, dass zweifelhafte Verschwörungstheorien die Dinge meist einfacher darstellen als sie sind, dass sie Widersprüche ausblenden und Feindbilder befördern. Bedenkenswerte Verschwörungstheorien geben auf der anderen ­Seite oft keine fertigen Lösungen vor. Und sie sind falsifizierbar – durch reale Ermittlungen.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Schreyer, wir danken für das Gespräch.