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Die Weisheit des Fastens

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Das Fasten im Ramadan ist eine der fünf Säulen und eines der hervorragendsten Kennzeichen des Islams. Es zeugt von Weisheit hinsichtlich der Herrschaft Gottes.

„Im Monat Ramadan wurde der Koran herabgesandt – als Rechtleitung für die Menschen, als Beweis der Rechtleitung und als Kriterium.“ (Al-Baqara, Sure 2, 185)

Text von Said Nursi – übersetzt von Serdar Aslan

Das Fasten im Ramadan ist eine der fünf Säulen und eines der hervorragendsten Kennzeichen des Islams. Es zeugt von Weisheit hinsichtlich der Herrschaft Gottes, des individuellen wie auch des gesellschaftlichen Lebens der Menschen, von Selbstdisziplinierung und Danke gegenüber den göttlichen Gaben.

Erster Punkt: Das Fasten als Dienerschaft

Eine Weisheit des Fastens bezieht sich auf die Herrschaft Gottes: Die Vollkommenheit seiner Herrschaft, Barmherzigkeit und seines Erbarmens bringt Gott zum Ausdruck, indem er die Erdoberfläche in Form einer Tafel erschaffen hat und diese mit vielfältigsten Gnadengaben „aus unerwarteten Quellen“ deckt.

Diese hierdurch zum Ausdruck kommende Wahrheit erkennen die Menschen im Rahmen der Kausalität nicht angemessen an oder vergessen diese oft unter dem Schleier der Unachtsamkeit.

Indem sie eine dienerische Haltung einnehmen, wenn sie gegen Abend auf die Anweisung „Das Buffet ist eröffnet!“ warten, gleichen die Gläubigen im herrlichen Ramadan einem organisierten Heer.

Als wären sie zum Festessen des urewigen Herrschers eingeladen, begegnen sie der sich zuneigenden, majestätischen und umfangreichen Barmherzigkeit mit einer umfassenden, erhabenen und organisierten Dienerschaft (ubudiyya). Gebührt Menschen, die bei solch einer himmlischen Dienerschaft und ehrenvollen Gnadenfülle nicht teilnehmen, überhaupt noch der Titel ‚Mensch‘?

Zweiter Punkt: Das Fasten als Ausdruck der Dankbarkeit

Eine Weisheit des Fastens im segensreichen Ramadan im Hinblick auf die Dankbarkeit gegenüber den Gaben Gottes ist folgende: Die Speisen, die ein Kellner aus der Küche eines Königs bringt, erfordern ihren Preis. Es wäre eine grenzenlose Dummheit dem Kellner Trinkgeld zu geben und dabei den Geber zu missachten, der doch für die beachtlich wertvollen Gaben verantwortlich ist.

Gott erwartet für seine mannigfachen Gaben, die er für die Menschheit auf der Erdoberfläche ausgebreitet hat, Dankbarkeit als Gegenleistung und Preis. Die scheinbaren Ursachen und Besitzer dieser Gaben gleichen dem Kellner. Wir bezahlen diesen „Kellnern“ einen Preis; ihnen gegenüber fühlen wir uns zu Dank verpflichtet. Zuweilen erweisen wir ihnen sogar mehr Respekt und Dank als sie verdienen.

Doch dem wahren Geber gebührt für die Gaben unendlich mehr Dank als den Ursachen. Dank heißt zu wissen, dass jene Gaben unmittelbar von ihm kommen, diese wertzuschätzen und dem eigenen Bedürfnis nach ihnen bewusst zu werden.

Das Fasten im Ramadan ist der Schlüssel zu einer wahren, aufrichtigen, großartigen und umfassenden Dankbarkeit. Die meisten Menschen begreifen in anderen Zeiten die Bedeutung vieler Gaben nicht, weil sie nicht notgedrungen einen wirklichen Hunger verspüren. Eine satte und zudem noch reiche Person weiß nicht den Grad der Gabe eines trockenen Brotes zu schätzen.

Zur Stunde des Fastenbrechens (iftar) bezeugt der Geschmackssinn eines Gläubigen, was für eine wertvolle Gottesgabe doch jenes Stück trockenes Brot ist. Vom Reichsten bis zum Ärmsten erweist ein jeder im ehrwürdigen Ramadan dadurch, dass er den Stellenwert dieser Gaben begreift, eine spirituelle Dankbarkeit.

Da tagsüber das Essen verboten ist, bringt der Mensch – die Gabe als Gabe wahrnehmend – durch seine Haltung eine geistige Dankbarkeit zum Ausdruck: „Jene Gaben sind nicht mein Eigentum. Ich bin nicht frei im Speisen und Trinken, d. h. sie sind Eigentum Gottes und seine Gaben – ich warte auf seinen Befehl.“

So wird das Fasten in vielerlei Hinsicht zu einem Schlüssel der Dankbarkeit – der wahren Aufgabe der Menschlichkeit!

Dritter Punkt: Funktion des Fastens im gesellschaftlichen Leben

Eine von vielen Weisheiten des Fastens in Hinsicht auf das gesellschaftliche Leben der Menschen ist jene: Den Menschen wurde unterschiedlicher Lebensunterhalt zugeordnet. Gott lädt die Reichen aufgrund dieser Unterschiede ein, den Armen zu helfen. Die Reichen können sich nur durch das Hungern beim Fasten in den zu bemitleidenden Zustand der Armen einfühlen.

Gäbe es das Fasten nicht, hätten viele selbstsüchtige Reiche womöglich nicht nachvollziehen können, wie schmerzhaft Hunger und Armut sind und wie sehr diese Armen des Mitgefühls bedürfen. Aus dieser Perspektive heraus ist das Mitleid gegenüber Mitmenschen die Grundlage wahrer Dankbarkeit. Jeder Mensch kann – in welcher Form auch immer – einen noch bedürftigeren Menschen als sich selbst finden und ist ihm gegenüber zur Fürsorge verpflichtet.

Gäbe es nicht die Verpflichtung sich des Essens zu enthalten, so könnte man die Hilfe und Güte aus Mitleid und Verantwortung nicht erbringen; und wenn, dann doch nicht im gewünschten Maße. Denn dieser Zustand wäre ja nicht selbst erlebt.

Vierter Punkt: Das Fasten als Selbstdisziplinierung

Eine Weisheit des Fastens im Ramadan in Bezug auf die Selbstdisziplinierung lautet wie folgt: Das Ego will frei und ungebunden sein und zugleich glaubt es, dass dem auch so sei. Aufgrund seiner Veranlagung verlangt es sogar nach einer illusorischen Autorität und zügellosen Aktivität.

Es will nicht daran denken, dass es mit zahllosen Gnadengaben erzogen wird. Insbesondere wenn es auch Vermögen und Macht besitzt und dazu noch die Achtlosigkeit Beihilfe leistet, raubt es die Gottesgaben wie ein Dieb und verschlingt diese gleich einem Raubtier.

Im Ramadan versteht eine jede Seele – die des Reichsten als auch die des Ärmsten -, dass sie nicht Eigentümerin, sondern selbst Eigentum, nicht Herr seiner selbst, sondern eine Dienerin ist. Ohne Anordnung vermag sie nicht einmal einfachste und banalste Handlungen, wie das Strecken der Hand nach Wasser, auszuführen; ihre trügerische Autorität bricht zusammen. Die Seele nimmt somit die Rolle der Dienerschaft an und gelangt zur Dankbarkeit – ihrer wahren Bestimmung.

Fünfter Punkt: Das Fasten als Selbsterziehung

Eine Weisheit unter vielen Weisheiten des Fastens im Ramadan betrifft die Charaktererziehung des Selbst und die Eindämmung seiner aufbegehrenden Aktivität: Das Selbst des Menschen vergisst sich selbst in Achtlosigkeit. Es erkennt nicht die grenzenlose Schwäche, unendliche Bedürftigkeit und unermessliche Fehlbarkeit in seinem Wesen und will sie erst gar nicht sehen.

Es realisiert nicht, mit welcher Schwäche es Verfall und Unglück ausgesetzt ist und dass es lediglich aus Fleisch und Knochen besteht, welche sich auflösen und verwesen. Es rafft die Welt an sich und fühlt sich ewig und unsterblich, als besäße es einen Körper aus Stahl. Mit grenzenloser Gier, Habsucht, heftiger Begehrlichkeit und Leidenschaft klammert es sich an die Welt; es bindet sich an alle Lust und jeden Gewinn.

Es vergisst seinen Schöpfer, der es mit vollendeter Fürsorge erzieht, und macht sich keine Gedanken über die Konsequenzen im diesseitigen und jenseitigen Leben; mit verwerflichem Charakter wälzt es sich hin und her.

Das Fasten im Ramadan lässt jedoch selbst den gedankenlosesten und unverbesserlichsten Menschen seine Schwäche, Ohnmacht und Bedürftigkeit wahrnehmen. Durch den Hunger denkt er an seinen Magen und wird sich seiner Bedürftigkeit bewusst. Sein schwacher Körper erinnert ihn daran, wie anfällig er ist. Er begreift, wie sehr er der Güte und des Mitgefühls bedarf.

Er gibt seinen Pharaonismus auf und bekommt so – seiner Schwäche und Armut vollkommen bewusst – ein Gefühl dafür, was es bedeutet am göttlichen Hofe Zuflucht zu nehmen und bereitet sich darauf vor mit der Hand der innigsten Dankbarkeit an die Tür der Gnade zu klopfen – insofern die Achtlosigkeit/Apathie sein Herz noch nicht verdorben hat.

Sechster Punkt: Ramadan – der Monat des Qur‘ans

Das Fasten im ehrwürdigen Ramadan beinhaltet, hinsichtlich der Offenbarung des weisen Korans und vor allem was diesen Monat als die wichtigste Zeit seiner Herabsendung anbelangt, viele Weisheiten. Eine von diesen soll nun angeführt werden:

Da der weise Koran im Monat Ramadan herabgesandt wurde, sollte man, um sich auf diese Phase zu konzentrieren und diese ‚himmlische Predigt‘ gebührend aufzunehmen, sich der triebhaften Bedürfnisse enthalten, sinnlose Beschäftigungen sein lassen und so – durch den Verzicht auf Speis und Trank – in einer engelsgleichen Art, den Koran rezitieren und ihm zuhören, als ob er hier und jetzt herabgesandt worden wäre, und sogar so, als lauschte man dieser göttlichen Predigt in seiner tatsächlichen Herabsendungszeit und man sollte ihm horchen, als hörte man diese Predigt vom ehrenvollen Gesandten (sas), von Gabriel oder gar vom urewigen Sprecher, um sich dadurch in einen spirituellen Zustand zu versetzen. Damit wird man zu einem „Übersetzer“ des Korans und kann auf diese Weise die Weisheit seiner Herabsendung demonstrieren.

Im Ramadan verwandelt sich die islamische Welt in ein gewaltiges Gebetshaus, in dem Millionen Rezitatoren den Koran – diese himmlische Predigt – den Bewohnern und Bewohnerinnen der Erde vorlesen.

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Foto: Mehmet Subasi, Unsplash

Jeder Ramadan präsentiert den Vers „Der Monat Ramadan, in dem der Koran herabgesandt wurde“ auf eine einleuchtende Weise. So beweist er, dass der Ramadan der Monat des Korans ist. Einige in dieser großen Gemeinde lauschen voller Hochachtung den Rezitatoren und einige andere lesen ihn für sich.

In einem derartig heiligen Gebetshaus achtlos seinen irdischen Trieben zu folgen, zu essen und zu trinken und infolgedessen diesen geweihten Zustand zu verlassen, ist unerträglich und ruft den geistigen Unwillen der Gemeinde hervor. Genauso ziehen diejenigen, welche sich im Ramadan von den Fastenden zuwiderhandelnd abgrenzen, die innere Missbilligung und Verachtung der gesamten islamischen Welt auf sich.

Siebter Punkt: Das Fasten als jenseitiger Handel

Eine Weisheit des Fastens im Ramadan hängt mit dem Verdienst des Menschen zusammen, der in diese Welt gekommen ist, die ihm als Acker und Handel dient: Im segensreichen Ramadan ist der Lohn für eine gute Tat 1:1000. Die Rezitation eines Buchstaben aus dem weisen Koran wird gewöhnlich mit zehn Wohltaten angerechnet, als zehn gute Taten und bergen zehn Paradiesfrüchte in sich.

Im Ramadan jedoch ist der Verdienst nicht zehn, sondern 1000. Buchstaben der Verse wie des Thronverses (âyat al-kursi) bringen sogar Tausende ‚Pluspunkte‘. An Freitagen des Ramadans ist der Lohn noch höher. In der Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) wird zudem ein Buchstabe als eine 30.000-fache Wohltat gezählt.

Ja, der weise Koran, dessen jeder Buchstabe 30.000 ewige Früchte schenkt, gleicht einem lichtvollen Paradiesbaum, der im Ramadan den Gläubigen Millionen ewige Früchte gewinnen lässt. So siehe denn, was für ein großer Verlierer jemand ist, der jene Buchstaben bei solch einem heiligen, ewigen und gewinnbringenden Handel nicht wertschätzt.

Der Ramadan ist also für den ‚jenseitigen Handel‘ eine bemerkenswert profitable Messe und ein sehr ertragreicher ‚Markt‘. Er ist ein fruchtbares Land für die jenseitige Ernte. Für die Entfaltung unseres Potenzials ist er wie der Frühlingsregen im April. Er ist ein glanzvolles und heiliges Parade-Festival der Dienerschaft des Menschen gegenüber der Souveränität der göttlichen Autorität.

Weil dem so ist, wurde das Fasten angeordnet, damit der Mensch nicht durch Essen und Trinken der Unbedachtsamkeit des Egos verfällt und den tierischen Gelüsten, der sinnlosen und wollüstigen Laune, hinterher läuft.

So ist es, als ob er für eine bestimmte Zeit, sich von dem Zustand eines Lebewesens lösend, eine engelsgleiche Form annimmt oder, sich mit jenseitigem Handel beschäftigend und so, diesseitige Bedürfnisse beiseitelassend, sich in eine jenseitige Person verwandelt oder wie ein reiner Geist wird, der als ein Körper in Erscheinung tritt. Mit alldem wird er durch das Fasten zu einer Art Spiegel der Absolutheit (samadaniyya) Gottes.

Das Fasten im segensreichen Ramadan trägt in dieser Welt, in diesem vergänglichen und allzu kurzen Leben, ein ewiges und unsterbliches Leben in sich und lässt es gewinnen. Ja, ein einziger Ramadan kann den Ertrag eines 80-jährigen Lebens erbringen. Dass die Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) – basierend auf dem Korantext – wertvoller als Tausend Monate ist, belegt dieses Geheimnis mit definitiver Beweiskraft.

Ein König lässt im Verlauf seiner Regierungszeit – vielleicht jährlich – anlässlich seiner Thronbesteigung oder an einigen besonderen Tagen, als Andenken an ein grandioses Werk seiner Herrschaft, ein Fest ausrufen. Zu diesen Zeiten behandelt er seine Untertanen nicht nach regulärem Protokoll, sondern kommt ihnen besonders entgegen, zeigt öffentliche Präsenz sowie besondere Geneigtheit, lässt seine loyalen Bürger wohlverdient bei seinem ungewöhnlichen Schaffen zugegen sein und gewährt ihnen Privataudienz.

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Foto: imago

In vergleichbarer Weise hat der König aller Zeiten in seiner Majestät seinen hoheitsvollen Erlass – den weisen Koran – als eine Gunst an 18.000 Welten im Ramadan herabgesandt. Folgerichtig wird dieser Ramadan ein besonderes himmlisches Fest, eine göttliche Messe und eine Versammlung der Seligen. Da der Ramadan dieses Fest ist, wird logischerweise – um den Menschen von animalischer und tierischer Tätigkeit zu befreien – das Fasten vorgeschrieben.

Das ideale Fasten bedeutet, neben dem Magen, auch alle Sinne, wie das Auge, das Ohr, das Herz, die Phantasie und den Intellekt, einer Art Fasten zu unterziehen, d. h. diese dem unstatthaften und nutzlosen Handeln zu entziehen und jeden Sinn in seinem speziellen Dienst zu motivieren. Ein Beispiel dafür ist folgendes: Seine Zunge vor der Lüge, übler Nachrede und Schimpfwörtern zu bewahren heißt, sie fasten zu lassen. Stattdessen soll die Zunge mit der Rezitation des Korans (tilâwat al-qurʼân), dem Gedenken (dhikr), Lobpreisen (tasbîh), Segenswunsch (salawât) und mit der Bitte um Vergebung (istighfâr) beschäftigt werden.

Das Auge vom Betrachten des Illegitimen und das Ohr vom Lauschen des Schändlichen abzuhalten und dafür das Auge dem Lehrreichen hinzuwenden und das Ohr auf wahre Worte und die Rezitation des Korans zu richten, ist beispielsweise auch eine Form des Fastens. Da ja der Magen die größte Fabrik in uns ist, können kleinere Anlagen ihr leichter folgen, wenn einmal bei ihr der Betrieb durch das Fasten eingestellt wird.

Achter Punkt: Fasten als materielle und geistige Diät

Eine von vielen Weisheiten des Fastens im heiligen Ramadan bezüglich des individuellen Lebens des Menschen ist jene: Das Fasten ist für den Menschen eine Medizin in Form einer materiellen und geistigen Diät. Medizinisch betrachtet ist es eine Kur.

Solange der Mensch sich in Bezug auf Essen und Trinken zügellos verhält, erleidet er gesundheitliche Schäden und vergiftet auch sein geistiges Leben, da er, ohne auf die Speisevorschriften zu achten, alles zu sich nimmt, was er in die Hand bekommt.

In diesem Zustand macht es sich das Ego schwer dem Herzen und dem Geist zu folgen. Es nimmt wie ein Rebell die Zügel in die Hand. Der Mensch verliert die Macht über sein Selbst; es erlangt die Macht über ihn.

Im Ramadan gewöhnt sich das Selbst mit Hilfe des Fastens an eine Art Diät, bemüht sich um Askese und lernt Gehorsam. Der Magen wird von Krankheiten verschont, da ein Überessen vor dem Verdauen vermieden wird. Weil es durch die Anordnung des Fastens sich selbst des Erlaubten enthält, erhält es die Befähigung vernünftigen und rechtlichen Weisungen Folge zu leisten und so auch das Verbotene zu unterlassen. Es versucht das spirituelle Leben nicht zu ruinieren.

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Foto: Adobe Stock

Das Fasten trainiert Geduld und Ausdauer

Ein Großteil der Menschheit erleidet oft Hunger. Um Geduld und Aushaltevermögen für eine Hungerperiode zu trainieren, benötigt der Mensch eine Phase der Askese. Das Fasten im Ramadan ist als eine 15-stündige (ohne das Frühmahl (sahur) sogar 24-stündige) Hungerphase und somit als eine Geduldprobe zu sehen. Sie kommt einer Askese und einem Training gleich. Das heißt, das Fasten ist auch eine Lösung für die Ungeduld und Unrast des Menschen, die sein Unglück verdoppeln.

Das Fasten als „spiritueller Urlaub“ des Magens

Die Bauchfabrik, die viele Beschäftigte hat, steht mit vielen Organen des Menschen in Beziehung. Wenn das Selbst nicht im Verlauf eines Monats tagsüber den Betrieb einstellt, vergessen die Arbeiter/-innen und Organe ihren speziellen Gottesdienst. Es hält sie auf und bringt sie somit unter seine Zwangsherrschaft.

Das Gemüt der Menschen wird durch den Lärm und Rauch der geistigen Fabrikanlage durcheinandergebracht. Es zieht die ganze Zeit die Aufmerksamkeit auf sich und lässt so die Beschäftigten ihre würdevollen Dienste zeitweise vergessen. Aus diesem Grunde haben sich von je her viele Gottesfreunde angewöhnt, auf dem Wege der Vervollkommnung in Askese, also unter anderem mit weniger Essen und Trinken, zu leben.

Im Lichte des Fastens im erhabenen Ramadan begreifen die Arbeiter/-innen jener Fabrik, dass sie nicht nur für die Arbeit dort geschaffen wurden. Auch die übrigen Organe widmen sich anstelle der animalischen Lust dieser Fabrik der engelhaften und seligen Entzückung.

Deshalb erfahren Gläubige im Ramadan, dem Grad ihrer Entwicklungsstufe entsprechend, facettenreiche Erleuchtung, reichlichen Segen und innere Freude. Viele Zentren wie das Herz, der Geist, der Verstand und die Seele werden geläutert und entfalten sich. Während der Magen ‚weint‘, ‚lachen‘ sie unschuldig.

Neunter Punkt: Fasten lehrt die Herrschaft Gottes

Eine Weisheit unter vielen Weisheiten des Fastens im Ramadan ist mit dem unmittelbaren Zusammenbrechen der eingebildeten Herrschaft des Egos und der Belehrung der Dienerschaft durch das Aufzeigen seiner Schwäche verbunden. Diese Weisheit soll im Folgenden dargelegt werden:

Das Ego (nafs) will seinen Herrn nicht anerkennen. Pharaonenhaft strebt es nach der eigenen Herrschaft. Wie viel Pein es auch immer erfährt, dieser Wesenszug bleibt ihm anhaften. Nur durch das Fasten gibt es dieses Gefühl auf. D. h. das Fasten im Ramadan erschüttert die pharaonenhafte Front des Egos, versetzt ihm einen Schlag, deckt so seine Schwäche, Ohnmacht und Bedürftigkeit auf und offenbart, dass es ein Diener ist.

In den Überlieferungen gibt es folgende Erzählung:

Gott fragte das Ego (nafs): „Wer bin ich, wer bist du?“
Das Ego antwortete: „Ich bin ich, du bist du.“
Er peinigte das Ego, warf es in die Hölle und fragte es noch einmal.
Es antwortete wieder: „Ich bin ich und du bist du.“
Welcher Strafe er es auch unterzog, es gab seinen Egoismus nicht auf.
Dann bestrafte er es mit dem Hunger, er ließ es hungern.
Er fragte es noch einmal: „Wer bin ich, wer bist du?“
Das Ego antwortete diesmal: „Du bist mein barmherziger Herr und ich bin dein schwacher Diener.“

„O Gott! Segne unser Vorbild Muhammad, seine Familie und Gefährten mit einem Segen, der deiner Zufriedenheit entspricht! Spende ihm Segen nach dem Verdienst der rezitierten Buchstaben des Korans  im Monat Ramadan! Schenke ihm und den Seinen Frieden!

„Preis deinem Herrn, dem Würdevollen, erhaben über dem, was sie sich ausmalen. Friede allen Gesandten! Das Lob ist Gottes, dem Herrn der Welten.“ (Koran, 37:180-182)

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Die neuen Tech-Götter: Wie der KI mit Weisheit begegnen?

Künstliche Intelligenz KI

Die gegenwärtige Diskussion um die Künstliche Intelligenz (KI) bleibt selten bei der Beschreibung technischer Funktionalität stehen. Vielmehr rücken zunehmend Fragen nach ihrer kulturellen, ethischen und existenziellen Einordnung in den Vordergrund.

(iz). Verschiedene Denkrichtungen markieren hier mögliche Wege im Umgang mit dieser Technologie – ohne gleich in Fortschrittseuphorie oder Kulturpessimismus zu verfallen.

KI – höchste Zeit, dass sich Muslime einbringen

Es ist höchste Zeit, dass wir Muslime, als aktiver Teil der Zivilgesellschaft, unsere Position im Umgang mit dieser Technik formulieren. Die neue Schrift von Byung Chun Han „Sprechen über Gott“ liest sich in diesem Kontext wie eine Art Mahnschrift. Seine These: „Nicht Gott ist tot. Tot ist der Mensch, dem sich Gott offenbarte.“

Die Symbiose von sozialen Medien und künstlicher Intelligenz setzt uns kollektiv dem Geschäftsmodell der Ablenkungsindustrie aus. Schon heute lesen wir in unseren Moscheen dezente Hinweise an die Gläubigen, sie mögen während des Gebets ihre Mobiltelefone ausschalten.

Bald wird es zu den vornehmen Aufgaben unserer Imame gehören, die an der Schnittstelle von Infosphäre und Biosphäre agieren, Grundvoraussetzungen für eine spirituelle Erfahrung zu erklären.

Ohne die Möglichkeit der Konzentration, der Aufmerksamkeit und der inneren Entleerung kann keine spirituelle Erfahrung gelingen, behauptet Han zu Recht. Entsprechende Schulung wird zu den Schlüsselaufgaben muslimischer Gemeinden im 21. Jahrhundert gehören.

Es braucht einen nüchternen Blick auf die Technologie

Zur notwendigen Aufklärung gehört eine nüchterne Sicht auf die Faszination und die Abgründe modernster Technologie zu bieten. Ein häufig vorgebrachtes Argument gegen den Einsatz Künstlicher Intelligenz lautet, sie sei „untauglich“, weil sie „unrichtige Tatsachen behaupte“, „halluziniere“ oder „abstrakte Zusammenhänge erfinde“. Tatsächlich sind Fehler, fehlerhafte Zuordnungen und unplausible Schlussfolgerungen dokumentierte Phänomene in KI-generierten Texten.

Doch diese Beobachtungen greifen zu kurz, wenn sie als Beweis einer grundsätzlichen Unbrauchbarkeit gewertet werden. Denn KI-Sprachmodelle sind keine Wahrheitsmaschinen. Sie sind ihrem Wesen nach Modelle sprachlicher Wahrscheinlichkeit.

Sprache Urteilskraft islam

Foto: Freepik.com

Es ging nie um „Wahrheit“

Ihre Funktionsweise beruht nicht auf dem Erfassen von Wahrheit im philosophischen oder naturwissenschaftlichen Sinne, sondern auf der Erzeugung sprachlich plausibler Antworten – gelernt an unzähligen Mustern menschlicher Sprache. Vergessen wir nicht: In unserer Alltagssprache behaupten wir – ganz ohne Technik und oft unbewusst – fortlaufend unrichtige Tatsachen, wir verschleiern geschickt unsere Wissenslücken und konstruieren gerne falsche.

Die KI sollten wir weniger als ein Wunder verstehen, sondern als ein Werkzeug ansehen, das uns bei der Suche nach Wahrheit und Sinn unterstützen kann. Ja, die neuen Sprachmodelle werden Ideologen weiter ideologisieren; aber, sie werden auch Differenzierung und Ausgewogenheit ermöglichen.

In diesem Kontext gilt für uns Muslime das Bekenntnis zu der überragenden Bedeutung der Absicht, die bereits Imam Nawawi in seiner Hadithsammlung betonte. Es geht nicht darum, ob wir die Technik nutzen, sondern wie und vor allem warum. Die Ansprüche sind immer die Gleichen: Was bringt uns dem Schöpfer näher, wie organisieren wir unsere Belange im Einklang mit unseren Absichten und wie kommen wir einer gerechten Gesellschaft näher?

Nicht unwesentlich zur Skepsis gegenüber Künstlicher Intelligenz tragen die Äußerungen führender Akteure der digitalen Industrie bei. Manager und Gründer großer Technologiekonzerne bedienen in öffentlichen Statements nicht selten eine Rhetorik, die das Bild einer allumfassenden, nahezu gottgleichen Intelligenz heraufbeschwört.

Von Systemen, die „besser verstehen als der Mensch selbst“, bis hin zu Visionen einer „Superintelligenz“, die menschliche Begrenzungen transzendieren könne, wird eine Erzählung gestützt, die KI als eine dem Menschen überlegene Macht inszeniert. In den Zukunftsvisionen von Transhumanisten und sogenannten Posthumanisten erhält Künstliche Intelligenz eine nahezu metaphysische Dimension.

KI Fatwa

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Der nächste Schritt in der Evolution oder pseudo-religiöse Ideologie?

Für Denker wie Ray Kurzweil (ja, wir schaffen einen Gott!) ist die Superintelligenz nicht bloß eine technologische Entwicklung, sondern der nächste Schritt in der kosmischen Evolution. Die Mission dieser Superintelligenz sei es, das gesamte Universum in eine denkende Einheit zu verwandeln – Materie selbst solle Bewusstsein werden.

In dieser Vorstellung kulminiert technischer Fortschritt im pseudo-religiösen Ziel: der Erschaffung eines universalen Geistes, einer maschinellen Gottheit. Bemerkenswert ist, dass diese Visionen Parallelen zu spirituellen und religiösen Denkmodellen aufweisen.

Der Jesuit und Philosoph Pierre Teilhard de Chardin sprach bereits Mitte des 20. Jahrhunderts von einem „Punkt Omega“ – einem Zielpunkt der Evolution, an dem sich biologische, geistige und technologische Entwicklungen vereinen. Wie begegnen wir diesen Ausgestaltungen eines Phantasmas?

Die Verteidigung unserer Erzählung der Schöpfungsgeschichte und die Bewahrung unserer Formen von Weisheit ist von überragender Bedeutung. Hinzu kommt eine Verknüpfung mit dem Studium der europäischen Philosophie, ohne die wir Technik nicht vollständig verstehen können. In der Kombination definieren wir so einen aktualisierten Auftrag an die islamische Bildung in der Moderne.

„Ob wir wollen oder nicht, die Vorstellung, wonach KI-Systeme das menschliche Urteilsvermögen – gar das Menschsein selbst – überflügeln könnten, wird längst gesellschaftlich normalisiert.“ Zur Ironie der Geschichte gehört auch, dass wir Europäer neuerdings die Kolonialisierung unserer Gesellschaften durch einen sogenannten Technofeudalismus (Varoufakis) befürchten.

freiheit tech

Grafik: IZ (alle Fotos gemeinfrei oder CC BY-SA 3.0)

Skepsis gegenüber den menschlichen Akteuren

Hinzu kommt unsere Skepsis gegenüber dem Führungsmythos der Tech-Propheten: Die Vorstellung, dass einige wenige – Manager, Ingenieure, Investoren – am Aufbau eines neuen, quasi-göttlichen Ordnungsprinzips arbeiten, ist einigermaßen verstörend. Neben die technologische Faszination tritt der Argwohn: Wird hier eine Macht aufgebaut, die sich jeder demokratischen Kontrolle entzieht?

Zweifellos engagieren wir uns als Muslime – der Idee der Gerechtigkeit verpflichtet – für die Verteidigung von Zivilgesellschaft gegen die Machenschaften der globalen Technikindustrie. Wir teilen die Sorge, dass der technische Fortschritt in eine metaphysische Hybris umzuschlagen droht – und eine neue Form der Macht etabliert, die sich jenseits ethischer Rückbindung entfaltet.

So ist der Ruf nach Regulierung und ethischer Begrenzung auch als Reaktion auf diese Rhetorik der Allmacht zu verstehen: Als Versuch, das Werkzeug KI wieder in den Horizont menschlicher Maßstäbe zurückzuholen. Wichtige Impulse kommen – an der Schnittstelle von Weisheit und Technik – im Moment weniger von der Theologie, sondern vielmehr aus der Welt der Philosophie.

Der sogenannte Neue Stoizismus etwa propagiert eine Haltung der Gelassenheit und Selbstdisziplin im Angesicht technischer Umwälzungen. Das Phänomen der Weisheit wurzelt hier grundsätzlich in der antiken, griechischen Philosophie. Dabei wird KI nicht als Bedrohung, sondern als Teil einer sich wandelnden Welt anerkannt.

Die stoische Grundhaltung mahnt jedoch zu innerer Maßhaltung: Nicht die Technologie soll das Maß des Menschen bestimmen, sondern der Mensch seine geistige Autonomie gegenüber der Technik bewahren. Die Frage nach der Kontrolle – also ob wir die Technik, oder sie uns kontrolliert – ist hier von entscheidender Bedeutung. Modern ist die Geisteshaltung nicht zuletzt, weil sie für die universalen Menschenrechte eintritt.

Auch der Neue Realismus, vertreten etwa durch den Philosophen Markus Gabriel, argumentiert für eine nüchterne Betrachtung der Wirklichkeit. KI wird hier weder als Allheilmittel noch als existentielle Gefahr begriffen, sondern als reale, materielle Technologie, die in ihrem Wirkungsspektrum verstanden und kritisch begleitet werden muss. „Die KI kann nicht philosophieren“, erinnert der Philosoph gerne sein Publikum.

Die Aufforderung zur „Technikoffenheit“ geht für ihn Hand in Hand mit dem Ruf nach epistemischer Bescheidenheit und ethischer Reflexion: Gott gehört zum Weltbild, der Mensch bleibt Subjekt der Wirklichkeit, KI ist ein Werkzeug. Allerdings sind kluge Philosophen wie Gabriel sich nicht ganz sicher, ob die Welt der Maschinen sich nicht eines Tages doch verselbständigen könnte.

hajj hadsch kaaba

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Haben die großen Weltreligionen etwas dazu zu sagen?

Was könnte die Bedeutung der großen Weltreligionen in diesem Diskurs sein? Ihre möglichen Rollen bleiben ambivalent: Einerseits können religiöse Traditionen als geistiges Gegengewicht fungieren, indem sie Fragen nach Sinn, Würde und Verantwortung jenseits technologischer Machbarkeit stellen.

Andererseits stehen auch sie vor der Herausforderung, sich dem digitalen Wandel nicht zu verschließen, sondern ihn kritisch und zugleich konstruktiv zu begleiten. Religiöse Argumentation trifft vor allem auf Vorbehalte, wenn sie mit profanen Machtinteressen paktiert.

Die muslimische Community, die in Europa lebt, ist sich hier der herausragenden Bedeutung der freien Zivilgesellschaft bewusst: Wie lebenswert wäre denn ein „islamischer“ oder „religiöser“ Staat, der beispielsweise die Möglichkeiten der KI anwendet, um die religiösen Gepflogenheiten und Tugenden seiner Bevölkerung zu überwachen? Man muss blind sein, um diese Abgründe nicht zu sehen.

Gemeinsam ist allen ethisch argumentierenden Positionen die Einsicht, dass KI als Technologie weder per se gut noch böse ist – wohl aber, dass ihr Einsatz weltbildprägend wirken kann. Technikoffenheit allein genügt daher nicht. Ihre Entwicklung und Einsatz verlangen nach einem geistigen Fundament, das sowohl Haltung als auch ethische Konzepte bereitstellt.

Nicht zuletzt wird auch die Frage nach Regulierung unvermeidlich: Als Mittel zur Begrenzung, aber auch als Ausdruck einer verantworteten Freiheit im Umgang mit der Technik.

Künstliche Intelligenz ist längst zu einem global wirkenden, kulturellen Faktor geworden. Sprachmodelle und KI-Systeme erzeugen Inhalte, die massenhaft rezipiert und in alltägliche Kommunikationsprozesse integriert werden. Damit beeinflussen sie oft unbemerkt das kollektive Weltbild.

Sie bestimmen, wie Zusammenhänge erklärt, wie Begriffe gefüllt und wie Probleme benannt werden. Diese Wirkung geht über rein technische Funktionalität hinaus: KI-Systeme schreiben Narrative fort, selektieren Informationen und prägen Interpretationsmuster.

Dieser kulturelle Einfluss wirft eine anthropologische Frage auf: Wie wird KI gesellschaftlich wahrgenommen? Bleibt sie bloßes Werkzeug oder beginnt sie, als eine Art „Anderer“ begriffen zu werden?

Schon heute ist zu beobachten, dass KI-gestützte Systeme als scheinbar autonome Gesprächspartner behandelt werden. Wer hat noch nicht in seinem Bekanntenkreis vernommen, dass man bessere, ausgewogenere Gespräche mit der Maschine führen kann als mit den meisten seiner Freunde?

Ungeklärt sind die Folgen, wenn KI-Plattformen Fragen von Muslimen beantworten und ihre Antworten in den sozialen Medien die Meinungshoheit erringen. Sicher ist nur: Die klassische Rolle der Moscheen als ein Ort der lebendigen, prägenden Wissensvermittlung gerät weiter unter Druck.

Wenn wir Muslime uns klar machen, wie wir uns künftig mit „Weisheit“ gegenüber der Technologie positionieren, können wir uns gleichzeitig den zahlreichen, faszinierenden Anwendungsmöglichkeiten zuwenden. Die Idee, Künstliche Intelligenz nicht nur als technisches Werkzeug, sondern als Träger ethischer Urteilsfähigkeit zu konzipieren, gewinnt zum Beispiel zunehmend an Bedeutung.

Dabei geht es weniger um das Ziel, Maschinen mit eigenem moralischem Bewusstsein auszustatten, sondern um die Programmierung von Systemen, die ethische Prinzipien in ihre Entscheidungsprozesse einbeziehen und berücksichtigen können.

Solche „ethisch denkenden KI-Agenten“ könnten in verschiedenen Anwendungsfeldern zum Einsatz kommen. In der Halal-Ökonomie könnten Agenten bspw. passende Investitionsmöglichkeiten analysieren und vorschlagen. In sensiblen Bereichen wie Asylverfahren oder Sozialleistungen könnten KI-Systeme dazu beitragen, automatisierte Entscheidungen nicht rein formalistisch, sondern unter Berücksichtigung menschlicher Würde und sozialer Gerechtigkeit zu gestalten.

Allgemeiner gefasst, lässt sich fragen: Teilen wir nicht die Hoffnung vieler Fachleute, dass mit bisher unbekannten technologischen Innovationen die Herausforderungen dieser Zeit zu lösen sind? Der Glaube an das gute Schicksal vereint heute Gläubige aller Facetten und eröffnet ganz neue Dialogformen.

Die Theologin Claudia Paganini zeigt in ihrem neuen Buch „Der neue Gott“ die letzten Berührungspunkte der Metaphysik mit dem Meta-Projekt der künstlichen Intelligenz. In ihrem Vergleich auf der Metaebene fehlt, auf der religiösen Seite, der Hinweis auf die Praxis der Weisheit, die Idee von Herzensbildung und die Bedeutung des Verhaltens.

Für sie ist es nicht überzogen „zu behaupten, dass sich die spirituelle Suche des Menschen im säkular-technisierten Zeitalter mehr und mehr in der Erfindung und Verehrung der KI konkretisieren wird“.

Mit der Anbetung einer Maschine wäre sicher kein Gipfel der Menschheitsgeschichte erreicht. Das Phänomen der Technik generell in Frage zu stellen, ist ebenso wenig eine Option.

Um so wichtiger wird es sein, zu zeigen, dass der Islam keine abstrakte Metaphysik ist, mehr als nur kalte Theologie lehrt, definitiv keine Ideologie anstrebt, sondern eine Lebenspraxis der Weisheit verkörpert. Unser Verhältnis zur offenbarten Sprache in Relation zur Systematik moderner Sprachmodelle zu erklären, gehört hier dazu.

Man weint nicht, wenn künstlich verfasste Texte vorgetragen werden. Nur mit Herz und Verstand ist die eigene Balance im Zeitalter der technologischen Revolutionen zu bewahren.