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Was ist die „Islamische Wirtschaft des Schenkens“?

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Der Entwurf einer „Islamischen Wirtschaft des Schenkens“ (Islamic Gift Economy, ICE) zeichnet ein anderes Bild vom Wirtschaftsleben.

(iz). Anstatt sich in den konventionellen Rahmen einzupassen und sich in kapitalistische Märkte zu integrieren, knüpft er an die klassischen Regeln der Mu’amalat an. Dabei steht das gegenseitige Geben, Teilen und die Verantwortung für das Gemeinwohl im Mittelpunkt.

Adi Setias Ansatz setzt bei einer religiösen Grundlage an, die in der zeitgenössischen Debatte oft übersehen wird. In der Rechtstradition werden die Bestimmungen zu Verträgen, Handel, Eigentum und sozialen Beziehungen (Mu’amalat) nicht als technisches Anhängsel der „eigentlichen“ Religion behandelt, sondern als ein Feld, in dem sich Glaubensüberzeugungen gemeinschaftlich und ökonomisch konkretisieren.

Eigenständiger Raum

Setia erinnert daran, dass es sich hierbei um einen originären Denkrahmen handelt: Verträge sollen auf gegenseitiger Zustimmung beruhen, Gerechtigkeit und Transparenz sollen die Zirkulation von Vermögen sichern und dem Gemeinwohl sowie den Zielen der Scharia entsprechen.

Die ICE versteht sich als Versuch, diesen Rahmen ernst zu nehmen, statt nur einzelne Instrumente, wie zinsfreie Finanzprodukte, in vorhandene kapitalistische Strukturen einzubauen.

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Foto: jcomp, freepik.com

Der malaysische Gelehrte Adi Setia, der lange an Einrichtungen wie dem CASIS in Kuala Lumpur tätig war, verbindet die klassische islamische Lehre mit einer Ausbildung in Wissenschafts- und Philosophiegeschichte.

Parallel dazu engagiert er sich in konkreten Projekten, die von gemeinschaftlich organisierter Landwirtschaft und Permakultur bis zu Beratungsinitiativen zur Stärkung lokaler Ökonomien reichen.

Dass seine Überlegungen zu dieser Wirtschaftsform nicht im luftleeren Raum stehen, zeigt sich daran, dass er Bildungskurse, Pilotprojekte und Kooperationen mit Gelehrten, Aktivisten sowie politischen Entscheidungsträgern anstrebt – also genau dort, wo die Mu’amalat wieder zur gelebten Praxis werden kann.

Kritik an den konventionellen Modellen

Ausgangspunkt seiner Sichtweise ist die Diagnose, dass „Islamic Banking & Finance“ mehrheitlich in eine neoliberale Matrix eingebunden sind. Anstatt ein eigenständiges Modell zu entwickeln, haben viele Akteure wesentliche Begriffe wie „Maqasid“ und „Maslaha“ mit gängigen Entwicklungs- und Wachstumsparadigmen verschmolzen, die von Kapitalakkumulation und Wettbewerb geprägt sind.

Diese Wirtschaftspraxis – von Banken bis zu Investmentfonds – bleibt damit im Rahmen einer „freien Marktwirtschaft“, allerdings mit einigen religiösen Filterregeln: Verbot von Zins, Spekulation und Betrug, Pflicht zu Wohltätigkeit und Betonung sozialer Verantwortung.

Diese Korrekturen sind wichtig, für den Forscher jedoch nicht ausreichend, solange die grundlegende Logik von Knappheit, Konkurrenz und dem Vorrang individueller Gewinnmaximierung bestehen bleibt.

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Foto: jcomp, Freepik

Demgegenüber formulierte er die „Islamic Gift Economy“ als „integratives islamisches Wirtschaftssystem“, das auf eigenen ethischen und ökonomischen Prinzipien basiert und zugleich konstruktiv mit der bestehenden Ordnung interagieren kann.

Er definiert sie als „Bereitstellung und Teilen durch gegenseitiges Geben und Empfangen mittels fairen sozialen und kommerziellen Austauschs natürlicher und kultureller Fülle zur Verwirklichung materiellen und spirituellen Wohlergehens“.

Operativ basiert sie auf Kooperation (arab. ta’awun), beiderseitiger Zustimmung (arab. muradatin) und Partnerschaft (arab. muscharaka), die von Werten wie Barmherzigkeit, Dankbarkeit, Großzügigkeit, Maßhaltung, Treuhänderschaft und Vertrauenswürdigkeit getragen werden.

Dahinter steht die Annahme, dass die Schöpfung reichlich ausgestattet ist, während legitime menschliche Bedürfnisse begrenzt sind. Dies stellt einen Perspektivwechsel gegenüber Modellen dar, die Knappheit zum essenziellen Prinzip der Ökonomie machen.

Foto: Jacopo Maia, Unsplash

Aus dieser Perspektive wird die Wirtschaftstheorie als „Wissenschaft des Erwerbens und Bereitstellens“ betrachtet, die sich ausdrücklich auf den Lebensunterhalt und das Gemeinwohl bezieht. Zentrale Instrumente der islamischen Tradition wie Zakat, Sadaqa, Auqaf, zinsfreie Darlehen und Beteiligungsfinanzierungen erscheinen hier nicht als isolierte fromme Praktiken oder Spezialprodukte religiöser Finanzinstitute, sondern als Bausteine eines umfassenden „Gift“-Systems, das Wertschöpfung, den Umlauf von Vermögen und soziale Sicherung miteinander verknüpft.

In Studien zur nachhaltigen Entwicklung wird sein Ansatz aufgegriffen und betont, dass dieser Form von Gerechtigkeit (arab. ‘adl), Gleichgewicht (arab. mizan) und Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt. Damit sollen sie eine Alternative in postkapitalistischen Debatten über ökologische und soziale Krisen bieten.

Für eine auf religiösen Grundlagen basierende Ökonomie bedeutet das: Muʿamalat werden wieder als Ort gelebter Verantwortung vor Gott und als Ort der solidarischen Gestaltung von Gemeinwesen ernst genommen – und nicht nur als juristisch-ökonomische Technik, die man nach Bedarf in bestehende Modelle einpasst.

Freund und Feind streiten über den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten

„Hier – im Parteimodus – verschwimmen dann auch für die deutsche Öffentlichkeit rhetorisch und visuell die Linien zwischen Nation, Kultur und Islam.“

(iz). Der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten war zweifellos eine gute Sache. Wer zum Beispiel einmal die sachliche und argumentative Seite Erdogans erleben wollte, konnte dies im Vorlauf des Besuches in einem unaufgeregten Interview im ZDF tun. Die souveräne Persönlichkeit des Politikers, die sich bei seinem Auftritt auf der politischen Bühne zeigte, verträgt sich eben schlecht mit dem Zerrbild, dass manche Medien hierzulande von dem populärsten Politiker der Türkei stricken wollen.

Die Begegnungen Erdogans mit Angela Merkel bargen dagegen keine große Überraschungen, obwohl die Kühle der CDU-Vorsitzenden im Umgang mit der AK-Partei, die weltanschaulich ja eine Art CDU sein will, immer noch eher paradox rüberkommt.

Das Rahmenprogramm des Auftrittes „des großen Meisters“ zeigt dagegen wenig Fingerspitzengefühl gegenüber dem Gastgeberland und war leider allein für die türkische Bevölkerung ausgerichtet.

Hier – im Parteimodus – verschwimmen dann auch für die deutsche Öffentlichkeit rhetorisch und visuell die Linien zwischen Nation, Kultur und Islam. In Wahrheit muss man aber diese Begriffe zu unterscheiden lernen, gerade wenn man sich für den Islam interessiert. Wer zum Beispiel die AKP-Wirtschaftspolitik unter die Lupe nimmt, wird dabei mehr Elemente des Neoliberalismus, als etwa Vorgaben des islamischen Wirtschaftsrechts, entdecken.

Fakt ist: Die Türkei entwickelt sich mit ihren technologischen Großprojekten in die, von der „Moderne“ vorgegebenen Richtung. Erdogan und seine Anhänger träumen von materiellem Wohlstand, guten Löhnen und Ruhm. Ein islamischer „Spirit“ soll fit machen für den Wettbewerb im 21. Jahrhundert. Das ist alles nicht neu und sicher auch legitim. Es rechtfertigt aber auch mäßige Begeisterung und gibt Anlass zu Reflexion.