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AfD verdoppelt Ergebnis

afd Rechtsextrem Bundestag widerstand Bundestagswahlen

Berlin (dpa/IZ). Die AfD demonstriert nach ihrem starken Stimmenzuwachs bei der Bundestagswahl Selbstbewusstsein und unterstreicht einen Machtanspruch. Der Wahlkampf sei extrem gut gelaufen. Ihr Ziel sei es, nach der nächsten Bundestagswahl auf Platz eins zu landen, sagte Parteichefin Alice Weidel bei einer Pressekonferenz am Tag nach der Wahl in Berlin. „Wir werden die CDU in den nächsten Jahren überholen und das wird sehr, sehr schnell gehen.“ 

Die wichtigsten AfD-Daten nach dem vorläufigen Endergebnis: 

Die Partei verdoppelt ihr Ergebnis von 2021 auf 20,8 Prozent. In den ostdeutschen Bundesländern – außer Berlin – wird sie überall stärkste Kraft mit bis zu 38,6 Prozent in Thüringen. Sie gewinnt Gelsenkirchen im Herzen des Ruhrgebiets, einst SPD-Hochburg.

Jeder fünfte Wähler unter 25 wählte die vom Verfassungsschutz beobachtete Partei, nur die Linke bekam in der jungen Wählergruppe mehr Zuspruch. Die Zahl der AfD-Abgeordneten schwillt von 77 auf 152 an, in einem Bundestag, der gleichzeitig nach einer Wahlrechtsreform von 733 auf 630 Sitze schrumpft. 

Weidel und Chrupalla wollen Fraktionschefs bleiben 

Weidel und ihr Co-Chef Tino Chrupalla wollen künftig auch weiterhin die AfD-Bundestagsfraktion anführen, wie beide deutlich machten. Die neue Fraktion kommt am Dienstag erstmals zusammen und wird darüber abstimmen. Chrupalla kündigte Oppositionsarbeit mit „Akribie und Diszipliniertheit“ an. 

Eine Regierungsbeteiligung ist ausgeschlossen. Eine Zusammenarbeit mit der AfD, die der Verfassungsschutz als rechtsextremistischen Verdachtsfall beobachtet, lehnen alle anderen Parteien ab. Weidel kritisierte dies in Richtung Union erneut und sprach von einer Blockadehaltung. „Der Wähler wünscht sich eine Mitte-Rechts-Regierung.“ 

Ton und Auftreten der AfD im Bundestag dürften schon aufgrund ihrer Fraktionsgröße noch einmal deutlich selbstbewusster werden, als bisher schon. Weidel hatte direkt nach der Wahl in Anspielung auf eine frühere Äußerung von Ex-Parteichef Alexander Gauland angekündigt: „Wir werden die anderen jagen, dass sie vernünftige Politik für unser Land machen.“ 

Sperrminorität und Untersuchungsausschüsse 

Sehr knapp verfehlt hat die Partei ihr Ziel, ein Viertel der Bundestagssitze zu erobern. Bei 158 Sitzen wäre dies rechnerisch erreicht. Dann hätte sie ihren Plan umsetzen können, aus eigener Kraft Untersuchungsausschüsse einzusetzen, zum Beispiel zu Corona und zur Sprengung der Nord-Stream-Gasleitungen. 

Zusammen mit der Linken kommt die AfD auf 216 der 630 Sitze und damit auf knapp mehr als ein Drittel – eine sogenannte Sperrminorität. Union, SPD und Grüne kommen zusammen auf nicht genug Mandate, um mit nötiger Zwei-Drittel-Mehrheit Grundgesetzänderungen durchzusetzen, etwa um die Schuldenbremse zu reformieren oder ein erneutes sogenanntes Sondervermögen für die Bundeswehr aufzulegen. 

Nicht umsonst hat Merz ins Spiel gebracht, noch vor der Eröffnungssitzung des neuen Bundestages die Verfassung zu ändern, um sich Geld zur Finanzierung der Bundeswehr zu sichern. Denn mit den neuen Mehrheitsverhältnissen dürfte das enorm schwer werden. Die AfD lehnt Änderungen an der Schuldenbremse ab.

Das Versagen der anderen

Die oldenburgische Nordwest-Zeitung schreibt zum Wahlerfolg der Rechtspopulisten:

„Die AfD ist gekommen, um zu bleiben. Ihr Abschneiden zementiert die deutsche Spaltung. Es offenbart eine Repräsentationslücke und sogar politische Verzweiflung, wenn sich fast 40 Prozent der Wähler im Osten zu einer derart bekämpften Partei bekennen. Die AfD aber hat nicht gesiegt. Ihr Erfolg beruht auf dem Versagen der anderen. In den kommenden vier Jahren muss die Partei wieder einmal gar nichts tun, denn sie wird nicht in Verantwortung und Pflicht genommen. Weidel & Co. können abwarten und beim nächsten Mal ernten, weil versprochene ‚Merz-Wenden‘ absehbar ausbleiben werden.“

Woher die Stimmen kamen 

Die „Alternative für Deutschland“ konnte laut Infratest Dimap 1,8 Millionen Wähler aus dem Lager der Nichtwähler hinzugewinnen, 1 Million Wähler aus dem Lager der Union, 890.000 FDP- und 720.000 SPD-Wähler. 

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban gratulierte nach der Wahl Alice Weidel, nicht aber Unions-Kanzlerkandidat und Wahlsieger Friedrich Merz (CDU). „Das Volk von Deutschland hat in riesiger Zahl für den Wandel gestimmt“, schrieb der ungarische Rechtspopulist auf der Plattform X. „Ich möchte Alice Weidel dazu gratulieren, den Stimmanteil der AfD verdoppelt zu haben.“ Weidel verpasste nach eigenen Angaben in der Wahlnacht einen Glückwunsch-Anruf von US-Milliardär Elon Musk, der im Wahlkampf massiv für die Partei geworben hatte.

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Muslime und Parteien: Es wird Wählern nicht leicht gemacht

parteien linke

Das Verhältnis der Parteien zu Muslimen, die Ampelbilanz und das heutige Klima erschweren Muslimen die Entscheidung. Davon profitieren das BSW und die Linke.

(iz). Am 23. Februar wird der neue Bundestag gewählt. Der vorgezogene Urnengang war notwendig, nachdem die Ampel scheiterte. Bereits bei der Europawahl und den Landtagswahlen vom vergangenen Jahr wurde klar, dass die Dreierkoalition keine Mehrheit mehr besitzt. Beim Termin sind ca. 59,2 Mio. BürgerInnen zur Stimmabgabe aufgerufen.

Viele stehen vor einer schwierigen Entscheidung. Zu komplex sind die Sachfragen, zu aufgeheizt das gegenwärtige Klima für sachliche Debatten. Hiesige, wahlberechtigten MuslimInnen sind davon nicht ausgenommen. Im Gegenteil: Unter ihnen haben sich in den letzten 12 Monate erhebliche Entfremdungsprozesse abgespielt.

Jahresrückblick

Foto: Deutscher Bundestag | Tobias Koch

Parteien sind am Zug: Gibt es eine „muslimische Stimme“?

Beginnen wir mit den Fakten. Die Erkenntnisse zu ihrer Menge sind dünn. Basierend auf bisherigen Zahlen lässt sich ihre Quantität nicht genau bestimmen, sondern höchstens schätzen. Nach BMI-Angaben sollen in Deutschland derzeit 5,5 Mio. Muslime leben. Das entspräche einem Bevölkerungsanteil von ca. 6,6 %. Nur ein Teil hat die Staatsbürgerschaft, die sie zur Wahlteilnahme berechtigt. Es gibt keine offizielle Statistik, aus der sich ihre Rate ableiten lässt. Es bestehen grobe Annahmen zum Anteil. Demnach soll die Summe der Deutschen bei 2-3 Mio. liegen.

Während sich hier kaum belastbare Aussagen treffen lassen, sieht es bei WählerInnen mit Migrationsgeschichte etwas anders aus. Nach Angaben vom Mediendienst Integration haben über 7 Mio. Wahlberechtigte eine Einwanderungsgeschichte. Das seien ca. 12 % aller Stimmberechtigten. 

Die Zahlen ergeben sich aus einer Hochrechnung des aktuellsten Mikrozensus. Ihre Herkunftsgeschichte ist divers: 2 Mio. kommen aus EU-Staaten, ca. 1 Mio. aus der Türkei, rund 2,2 Mio. aus Gebieten der Ex-Sowjetunion, ca. 2,09 Mio. aus Asien inkl. Ländern wie Kasachstan sowie 308.000 Mio aus Afrika inklusive Marokko. Hinzukommen kleinere Gruppen aus Syrien, dem Iran und Lateinamerika.

Anhand eines Beispiels aus Westdeutschland sieht man die bisherige Parteibindung bei Migranten. In der ehemaligen Industriestadt Duisburg erreichten SPD und Grüne 2021 die ersten beiden Plätze unter MigrantInnen; eine Ausnahme waren Türkischstämmige. Sie gaben der CDU die zweitmeisten Stimmen. Allerdings zeigt eine Studie des DIW vom gleichen Jahr, dass bei SPD, Union und FDP die Parteibindung migrantischer WählerInnen kontinuierlich abnimmt.

Das dpa berichtete jüngst von einer Befragung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) über Berlin-Neukölln. Demnach würde die Mehrheit der Stimmberechtigten mit Migrationshintergrund eher Mitte-Links wählen. Insbesondere das BSW und Die Linke hätten ein höheres Potenzial bei Menschen mit Migrationsgeschichte als unter anderen.

Foto: DesignRage, Shutterstock

Die Ampel hat es nicht geschafft

Die vorzeitig gescheiterte Koalition begann vollmundig (siehe IZ Nr. 355). Angekündigt waren verstärkte Maßnahmen gegen Diskriminierung – namentlich Muslimfeindlichkeit. Anstatt diese Ziele anzusteuern – so die nüchtern-kritische Bewertung –, wurde vieles nicht erreicht. Darüber hinaus hat das Dreierbündnis im Rückblick bei muslimischen Wählern signifikant „Porzellan“ zerschlagen: Angriff auf Grundrechte, Abschiebe-Debatten, gesellschaftlicher Generalverdacht und eine parteiliche Haltung im Nahostkrieg.

IZ-Autor Fabian Goldmann fasste die Ergebnisse der Ampel zusammen: „Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit, Migrations- und Asylpolitik, Schutz vor Gewalt und Diskriminierung: In all diesen Fragen stehen Geflüchtete, Muslime, arabischstämmige Menschen und viele weitere Menschen in Deutschland heute schlechter da als vor der Ampel. Der ‘zunehmenden Bedrohung von Musliminnen und Muslimen und ihren Einrichtungen’ wolle man mit ‘umfassendem Schutz, Prävention und besserer Unterstützung der Betroffenen’ begegnen. Das war eines von vielen Versprechen, das SPD, Grüne und FDP den rund sechs Millionen muslimischen Menschen in Deutschland (…) gegeben hatten. Getan haben sie das Gegenteil.“

Die Geschichte einer Entfremdung

Die Frage von Parteibindung geht über die Ampel hinaus: Die parteipolitische Mitte im Land hat, mit teilweiser Ausnahme der Linken, die Aufbruchsstimmung vieler jüngerer und engagierter BürgerInnen vor 10-15 Jahren passiv verstreichen lassen.

Damals begann eine ganze Reihe deutscher MuslimInnen, sich politisch in den etablierten Parteien zu engagieren, trat in Kreisverbänden bei Wahlen an und schaffte den Einzug in Lokalparlamente und Vertretungen der Stadtstaaten. Von dieser Aufbruchstimmung ist derzeit wenig zu sehen. In den letzten Monaten häuften sich Austritte aus Protest gegen die gegenwärtige Außenpolitik sowie die Übernahme AfD-naher Positionen beim Thema Migration. Ahmed Beiersdorf-El Schallah dokumentiert (siehe S. 2) die Geschichte eines Entfremdungsprozesses.

Lange setzten SPD und Grünen auf muslimische und migrantische Wähler, ohne viel für Wahlkampf unter ihnen tun zu müssen. Die SPD profitierte von ihrer Vergangenheit als „Arbeiterpartei“ bei den Nachkommen türkischer oder marokkanischer Arbeiter in den entsprechenden Regionen. Die Grünen zählten auf akademische Milieus, die ihre antirassistischen Ansichten schätzten. Bei der Union gab es zarte Versuche, wertkonservative und aufstiegswillige Bürger wie Unternehmer, Selbstständige oder Handwerker einzubinden.

Diese Entwicklung war selten nachhaltig und wurde nicht strategisch betrieben. Während SPD und Bündnisgrüne häufig die muslimische Stimme als gegeben betrachten, kommen der Union immer wieder Ausbrüche von Ressentiments in die Quere.

Das „Superwahljahr“ zeigte die ersten Risse

Die vier großen Wahlen von 2024 (EU-Parlament sowie Landtage) stellten eine Niederlage für die Ampel und ihre Parteien dar. Die Verschiebung der Wählergunst setzte sich auch bei muslimischen WählerInnen fort. Bei einer Befragung am Wahltag im April erhob die Forschungsgruppe Wahlen erstmals die Religionszugehörigkeit.

Ein Wechsel bei Zustimmungswerten war klar: Muslime gaben an, demnach mit 17 % jeweils das BSW und die neue DAVA-Partei, der kaum realistische Chancen auf einen Einzug in den Bundestag zugerechnet werden, zu favorisieren. Danach folgte die Union mit 15 %. SPD und Bündnisgrüne verloren stark. In dieser Befragung schnitten FDP und AfD weit abgeschlagen ab.

gaza weltordnung völkermord

Foto: Anas-Mohammed, Shutterstock

Die politische Mitte im Nahostkrieg: Sichern sich BSW und die Linke die muslimische Stimme?

Während die AfD in anderen Bevölkerungsschichten Erfolge verzeichnet, gibt es keine Zahlen, ob und wie Muslime die Partei goutieren würden. Bisherige Schätzungen gehen nicht davon aus, dass sie signifikanter Zahl die rechtsextreme Partei wählen würden.

Relativ klar ist: Seit Beginn des Nahostkrieges in Folge des Hamas-Terrors vom 7. Oktober 2023 stieg die politische Entfremdung zwischen den Parteien von Bündnisgrünen bis zur Union an. Von den relevanten Mitbewerbern konnten bei Umfragen die Linke und das BSW (trotz seiner, ins populistische abgeglittene Migrationspolitik) profitieren.

Das BSW Sahra Wagenknecht erlebt gerade hohe Zustimmungswerte (55,5 %) bei Menschen mit Wurzeln in der Türkei sowie der arabischen Welt. Das ergeben Zahlen einer repräsentativen Studie des Dezim (s.o.). Gestellt wurde nicht die bekannte „Sonntagsfrage“, sondern die Parteipräferenz wurde abgefragt.

Bei der Bundestagswahl 2013 stimmten ca. 12 % der türkischstämmigen WählerInnen für die Linke. Und bei der Nachwahlbefragung vom April 2024 sagten 8 % der befragten Muslime, dieser Partei ihre Stimme geben zu wollen. In deren Beliebtheit liegt sie allerdings deutlich hinter dem BSW, das in der Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen ca. 17 % auf sich vereinigen konnte.

Als Hauptgrund kann die Haltung beider Parteien zum Nahostkonflikt und den Krieg in Gaza gelten. Diesbezüglich forderte die Wagenknecht-Partei mehr Zurückhaltung Deutschlands. Sie erkennt zwar Israels Recht auf Selbstverteidigung nach dem Hamas-Angriff an, betont aber auch die schwierige Situation im Gazastreifen, den sie als „größtes Freiluftgefängnis der Welt“ bezeichnete.

Im April 2024 beantragte das BSW im Bundestag die Einstellung von Rüstungsexporten nach Israel. Wagenknecht äußerte im März 2024, dass Israels Kriegsführung in Gaza „Züge eines Vernichtungsfeldzugs“ trage.

Die Position der Linken ist wegen ihrer größeren innerparteilichen Meinungsbreite weniger einheitlich als die des BSW. Die Partei verurteilte den Hamas-Angriff, kritisierte aber zeitgleich das militärische Vorgehen der israelischen Regierung.

In ihren Augen agiere die Regierung Netanyahu „völlig überzogen“. Auch die Linke fordert ein Ende der deutschen Waffenlieferungen an Israel. Zudem unterstützt sie eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung in den Grenzen von 1967. Zudem sieht sie die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete als Unrecht an, betont aber, dass dies keine Rechtfertigung für den Terror der Hamas sei.

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Die CDU empört sich über Wahlspot, aber problematisiert politisch aktive Muslime

Tabubruch, schmutzige Wahlkampf, Angriff auf Religionsfreiheit: Nach der Kritik eines katholischen Laschet-Vertrauten in einem SPD-Wahlwerbespot, kennt die konservative Empörungsbubble kein Halten. Dabei gehören Angriffe auf die Religionszugehörigkeit von Menschen bei der CDU zum Alltag.

(iz). Wahlkampfzeiten sind auch immer Festivals der Doppelmoral. Da werden dem politischen Gegner Missstände vorgeworfen, die die eigene Partei selbst verbockt hat. Da wird die konkurrierende Kandidatin mit Schmutz beworfen – im vollen Wissen, dass die Leichen im eigenen Keller nur einen illoyalen Genossen, einen investigativen Journalisten von der nächsten Titelseite entfernt sind.

Soweit, so gewöhnlich. Was allerdings die CDU in diesem Wahlkampf an Bigotterie aufgeboten hat, lässt selbst erfahrene Politik-Frustrierte ungläubig zurück. Grund der geheuchelten Aufregung: In einem Wahlwerbespot hatte die SPD CDU-Politiker gedisst: Laschet, Merz, Maaßen sowie der bisher wenig bekannte Nathanael Liminski. Ein – so erklärte die Stimme aus dem Off – „erzkatholischer Laschet-Vertrauter, für den Sex vor der Ehe ein Tabu ist“.

Nun kann man darüber streiten, wie wichtig die Einstellung eines Düsseldorfer Staatskanzleichefs zum außerehelichen Geschlechtsakt für die Zukunft Deutschlands ist. Zumal es unzählige bessere Möglichkeiten gibt, um Liminski als christlich-reaktionären Hillbilly zu sehen: sein langjähriger Anti-Abtreibungskaktivismus, die Gründung einer Organisation, die Deutschland „rekatholisieren“ will, die Vermittlung eines AfD-nahen Vereins in den WDR-Rundfunkrat und und und.

Worüber sich aber nicht streiten lässt, ist die Verlogenheit, mit der sich das CDU-Establishment anschließend empörte. Von Tabubruch war die Rede. Von Schmutzwahlkampf. Vom einmaligen Angriff auf die Religionsfreiheit. Doch das vermeintliche Tabu „Religion nicht für den Wahlkampf zu missbrauchen“ – wie es CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak formulierte – brechen CDU-Politiker ständig. Zum Beispiel Paul Ziemiak selbst: Der schloss sich im Wahlkampf 2017 der Forderung nach einem Islamgesetz an und stellte damit nicht nur einen Politiker, sondern gleich fünfeinhalb Millionen Menschen allein wegen ihrer Religion unter Verdacht.

Einen „Tabubruch, den ich unter Demokraten nicht für möglich gehalten hätte“, machte auch Günter Krings aus. „Dass höchstpersönliche Themen und religiöse Überzeugungen zum Gegenstand politischer Angriffe gemacht werden, hat es in der Nachkriegszeit so noch nicht gegeben“, erklärte der Vorsitzende der CDU-Landesgruppe NRW im Bundestag gegenüber dem „Kölner Stadtanzeiger“. Sollte Krings nicht den Afghanistankrieg gemeint haben, liegt er mit dieser Einschätzung allerdings ebenfalls daneben.

Denn noch 2015 gehörte Krings selbst zu den Initiatoren eines CDU-Papiers „für einen Islam mitteleuropäischer Prägung“. In völliger Missachtung des grundgesetzlich gesicherten religiösen Selbstbestimmungsrechts bastelten sich Krings und Kollegen in dem Papier ihren Wunschislam. Dass Religion für Krings nur im Falle katholischer CDU-Politiker, nicht aber bei Muslimen ein „höchstpersönliches Thema“ ist, machte schon die Überschrift des Dokuments deutlich: „Religion ist keine Privatsache.“

Während die sehr realen christlich-reaktionären Einflüsse auf die Politik von Laschet-Vertrautem Nathanael Liminski vielen CDU-Politikern als Privatsache und damit nicht zu kritisieren gelten, reicht den Konservativen schon die bloße Vorstellung eines muslimischen Politikers, um auf die Barrikaden zu gehen.

Als der Vorsitzenden der Unionsfraktion im Bundestag Ralph Brinkhaus 2019 in einem Interview eher beiläufig auf eine Frage antwortete, dass er sich auch einen muslimischen Bundeskanzler vorstellen könnte, folgte eine Welle der Empörung: Unter der BILD-Schlagzeile „Aufruhr um Moslem als CDU-Kanzler“ standen CDU-Politiker Schlange, um sich von ihrem Parteikollegen und der Vorstellung eines muslimischen Regierungschefs zu distanzieren.

Ein Union-Kanzlerkandidat müsse „christdemokratische Werte vertreten und sich Deutschland zugehörig fühlen“, erklärte auch CDU-Innenpolitiker Christoph de Vries und stellte umgehend klar, wen er damit nicht meinte: „Dies gilt in gleichem Maße leider nicht für einen größeren Teil der Muslime“. Schließlich würden „die einem religiösen Fundamentalismus nacheifern und sich ausländischen Staatschefs verbunden fühlen.“

Der Hamburger Bundestagsabgeordnete De Vries ist so etwas wie der Beauftragte der CDU für inflationäre Islamismus-Vorwürfe und die Ausgrenzung von Muslimen aus dem öffentlichen Leben. Als Autor des im April dieses Jahres veröffentlichten Positionspapiers zum „Politischen Islam“ ist de Vries hauptverantwortlich dafür, dass die CDU mittlerweile so ziemlich jedes muslimische politische Engagement zum „Politischen Islam“ und damit zum Extremismus verklärt.

Gegenüber christlichen Hardlinern zeigt sich aber auch de Vries tolerant und solidarisch. Von einem „Schmutzwahlkampf der SPD unter der Gürtellinie“ und „AfD-Style“, tweetete der Katholik infolge des SPD-Wahlspots. Auch er erklärte: Liminskis Ablehnung von Sex vor der Ehe, sei dessen „höchstpersönliche Einstellung“.  Von so viel Verständnis gegenüber ihren religiösen Werten und Normen können Muslime nur träumen.  Als Merkmal islamistischer Bedrohungen identifizierte de Vries im erwähnten Positionspapier unter anderem Folgendes: „Die umfassende Reglementierung der Lebensführung von Musliminnen und Muslimen anhand der Kategorien des Erlaubten (halal) und des Verbotenen (haram).“

Wäre Nathanael Liminski Muslim, er hätte von der CDU vielleicht keinen kritischen Wahlwerbespot zu befürchten. Stattdessen würde er wohl gleich auf der Liste islamistischer Gefährder landen.

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Interview mit Karim Moustafa: Über den aktuellen Wahlkompass der Deutschen Muslim Liga e.V.

(iz). Egal, welche politischen Konstellationen sich aus der Stimmenabgabe ergeben, bleibt der von der Deutschen Muslim Liga e.V. (DML), in Kooperation mit der IZ, erstellte Wahlkompass 2013 auch weiterhin relevant. […]

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Hintergrund: Zum Wahlverhalten der Muslime. Von Christoph Schmidt

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Bekenntnisse eines Nichtwählers: Ali Kocaman über die Zumutung des quasi-religiösen Zwangs, am Wahl-Spektakel teilnehmen zu müssen

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