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Unklarheit über Opferzahlen in El Faschir: Mahnmal der Grausamkeit

El Faschir

Nach dem Fall von El Faschir ist die sudanesische Provinzhauptstadt zu einem Synonym für das geworden, was Menschenrechtsjuristen als „Massentötung im Schutz der Dunkelheit“ bezeichnen. (iz). Seit die Rapid Support […]

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El Faschir: Zehntausende Menschen sind weiterhin vermisst

el Faschir sudan

Massaker in El Faschir: Zehntausende vermisst, systematische Gewalt gegen Zivilisten und humanitäre Katastrophe in Darfur. Internationale Organisationen fordern Aufklärung und Rettung inmitten der Machtübernahme durch die RSF-Miliz.

(iz). Ein aktuelles Feature des Nachrichtensenders Sky News dokumentiert die dramatischen Ereignisse rund um die sudanesische Stadt El Faschir, die am 26. Oktober nach monatelanger Belagerung durch die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) fiel.

Nach Schätzungen von Hilfsorganisationen sind über 60.000 Menschen verschwunden, während etwa 200.000 Bewohner offenbar als Geiseln von RSF-Kämpfern in der Stadt festgehalten werden.

Die Reportage rekonstruiert mittels Videoanalysen und Zeugenaussagen das Schicksal vieler Geflüchteter, die bei ihrem Fluchtversuch systematisch aufgegriffen, getrennt und teils hingerichtet wurden.

Besonders verstörend ist die Berichterstattung über Massaker in provisorischen Gefangenenlagern: Einige Überlebende berichten davon, dass RSF-Militante willkürlich Menschen auswählten und vor den Augen ihrer Familien exekutierten, während die Hinterbliebenen die Toten anschließend selbst beerdigen mussten.​

Berichte von Aktivisten und Überlebenden, die teils durch Plattformen wie Avaaz und lokale Widerstandskomitees nach außen gelangen, schildern Massenexekutionen, Vergewaltigungen und Plünderungen.

Frauen und Kinder flohen oft zu Fuß in das 80 Kilometer entfernte Tawila, wo Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen die Ankommenden versorgen – viele schwer traumatisiert, mehrfach misshandelt und vom Hungertod bedroht.

Foto: vantortech/X

El Faschir: Satellitenbilder lassen das Schlimmste erahnen

Satellitenaufnahmen bestätigen, dass in der Umgebung von Geurnei und in der Nähe von Schulgebäuden neue Gräber entstanden sind. Hochrangige Offiziere der sudanesischen Armee sicherten sich vor der Einnahme den eigenen Rückzug – mehr als 100 Fahrzeuge brachten Militärs und Politiker außer Gefahr, während eventuell zurückgebliebene Soldaten und Zivilisten ihrem Schicksal überlassen wurden.

Der kommandierende General der SAF, Abdel Fattah Al Burhan, rechtfertigt den Abzug mit der Absicht, noch größere Zerstörung durch die anhaltenden Angriffe zu verhindern. Dennoch berichten Soldaten und Flüchtlinge von Chaos und fehlender Koordination während der Räumung, was zu weiteren Opfern und zur völligen Übermacht der RSF in der Stadt führte.​

Die Dokumentation von Sky News verwertet mehrere Augenzeugenberichte und Bildmaterial, um das ganze Ausmaß der Gewalt und der Strategie der RSF zu zeigen.

Der Bericht liefert eine minutiöse Rekonstruktion von Fluchtwegen, Geiselnahmen und Strafaktionen gegen die Zivilbevölkerung, unterstreicht aber auch die Überforderung und fehlende Abstimmung der regulären sudanesischen Streitkräfte. 

Parallel zu den lokalen Machtkämpfen thematisiert Sky News zudem die internationalen Dimensionen des Konflikts – etwa die mutmaßliche militärische Unterstützung der RSF durch die Vereinigten Arabischen Emirate und die Genozid-Vorwürfe der US-Regierung gegen die RSF.​

Foto: Henry Wilkins/VOA | Lizenz: gemeinfrei

Scharfe Kritik von humanitären Organisationen

Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, sudanesische Aktivisten und internationale Institutionen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) haben die Entwicklungen in der Stadt und die daraus resultierende humanitäre Katastrophe scharf verurteilt und dokumentiert.

Laut Berichten von Human Rights Watch und Amnesty International zeigen Augenzeugenberichte und Videomaterial systematische Muster extremer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung – darunter Massenerschießungen, sexualisierte Verbrechen, gezielte Angriffe auf medizinische Einrichtungen, Märkte und Fluchtkorridore sowie ethnisch motivierte Gewalt durch RSF-Kämpfer.​

Warnungen von UNICEF

UN-Organisationen, darunter das UN-Menschenrechtsbüro und UNICEF, sprechen von einer massiv verschärften Notlage. Die Vereinten Nationen fordern eine unabhängige Untersuchung aller mutmaßlichen Kriegsverbrechen und betonen Berichte über Massenexekutionen, Vergewaltigungen und Entführungen, deren Gesamtausmaß wegen der Kommunikationsblockade schwer zu erfassen ist.

Das UN-Kinderhilfswerk warnte, dass Zehntausende Kinder in Al Faschir schwerwiegenden Rechtsverletzungen und Hunger ausgesetzt sind; viele seien entführt, verstümmelt oder sogar getötet worden.

Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen berichten, dass Überlebende aus der Region medizinisch behandelt und schwere Traumata registriert wurden. Viele Geflüchtete seien auf der Flucht weiter Gewalt und Ausbeutung durch Bewaffnete ausgesetzt.

Foto: Islamic Relief Deutschland

IKRK: Parallele zu früherer Gewalt in Darfur

Das IKRK hob jüngst die erschütternde Parallele zur Massengewalt vor 20 Jahren in Darfur hervor und schildert die Lage als „erschreckend“. Zehntausende Menschen seien aus Al Fashir geflohen, doch noch wesentlich mehr wären in der Stadt gefangen und hätten keinen Zugang zu Wasser, Nahrung oder medizinischer Versorgung.

Angesichts dieser Situation forderten viele Akteure – darunter der Weltrat der Kirchen und zahlreiche Stimmen aus dem Sudan – dringend Zugang für humanitäre Helfer, Evakuierungskorridore und ein sofortiges Ende der Gewalt gegen die schutzlose Bevölkerung.​

Ebenfalls alarmierende Schilderungen kommen von sudanesischen Aktivisten und Lokaljournalisten, die von bewussten ethnischen Säuberungen berichten. RSF-Kämpfer würden gezielt Männer von Frauen und Kindern trennen; zahlreiche Zeugen beschreiben regelrechte Hausdurchsuchungen, massive Plünderungen und Strafmaßnahmen gegen bestimmte Volksgruppen.

Aktivisten schildern, dass Versuche, Überlebende zu retten, teils mit Waffengewalt beantwortet wurden. Die Position der sudanesischen Exilregierung ist deutlich: Ministerpräsident Kamil Idris forderte nachdrücklich, sämtliche von der RSF begangenen Gräueltaten international zu verfolgen und die Miliz als Terrororganisation einzustufen.​

Insgesamt bestätigt das breite Material der weltweiten Zivilgesellschaft, dass in und um El Faschir systematische, schwerste Menschenrechtsverbrechen verübt wurden und weiterhin werden. Alle angesprochenen Quellen rufen die Weltgemeinschaft zum Handeln und zur Rettung der eingeschlossenen Bevölkerung auf.

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„Die Zeit läuft ab!“: Islamic Relief berichtet über die Lage in El Faschir

Islamic Relief

NGOs wie Islamic Relief Deutschland sowie Menschenrechtsorganisationen verweisen auf die katastrophale Lage im sudanesischen Kriegsgebiet.

Köln (iz). „Die Zeit läuft ab, um die Zivilbevölkerung in der Stadt El Fasher [auch El Faschir, Anm.d.Red.] in Darfur zu schützen, wo es schreckliche Berichte über Massenmorde und Leid gibt, da die Kämpfe in den letzten Tagen weiter eskaliert sind.“ So beginnt eine Stellungnahme der Hilfsorganisation Islamic Relief zu den erschreckenden Ereignissen der jüngsten Tage.

Rund 18 Monate war die Stadt von Einheiten der Rapid Support Forces (RSF) eingeschlossen. Die Lage war unbeschreiblich. Während sie beschossen wurde, litten ihre Menschen und Flüchtlinge unter massivem Hunger. Hinzukamen tödliche Infektionskrankheiten.

Seit 2023 bekämpft die RSF die regulären Streitkräfte (SAF). Beiden, sowie ihren ausländischen Unterstützern, geht es um die Kontrolle des Sudan. Dieser hat nicht nur Rohstoffe wie Gold zu bieten, sondern ist ein wichtiger Produzent von Lebensmitteln.

El Faschir: Lage in der Stadt ist katastrophal

Die humanitäre Lage im Ort sei nun katastrophal, so Islamic Relief. Zivilisten hätten eine 18-monatige Belagerung überstanden, die jegliche Hilfe abgeschnitten hat.

Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen und Moscheen wurden wiederholt bombardiert. Viele Familien in der Stadt hungern, da die Vorräte an Lebensmitteln und Medikamenten erschöpft sind, während humanitäre Hilfe weiterhin blockiert wird.

„Lokale Gemeinschaftsküchen und gegenseitige Hilfsgruppen sind für viele Familien zur einzigen Lebensader geworden, doch ihnen gehen zunehmend die Mittel aus, und sie setzen sich großen Gefahren aus.

Berichten zufolge ist es Zehntausenden Menschen gelungen, aus der Stadt zu fliehen, doch viele Fluchtwege wurden abgeschnitten, und bis zu 250.000 weitere Menschen sind dort weiterhin eingeschlossen und fürchten um ihr Leben.“

Nach Berichten vor Ort sowie von Beobachtern ist der Verbleib vieler Menschen, die sich bspw. zum Lager Tawila retten wollten, immer noch unklar. Es gibt Befürchtungen, dass ein Teil diese Flucht nicht überleben wird.

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Foto: Official White House Photo

Islamic Relief: Internationale Gemeinschaft muss Druck ausüben

Islamic Relief Worldwide rief „die internationale Gemeinschaft“ dazu auf, den Druck für einen sofortigen Waffenstillstand zu erhöhen, ungehinderten humanitären Zugang zur Stadt zu ermöglichen und allen Zivilisten, die die Stadt verlassen möchten, eine sichere und würdevolle Ausreise zu garantieren.

„Während immer mehr Menschen ihr Leben riskieren, um zu entkommen, bereiten sich Mitarbeiter von Islamic Relief in Zentral-Darfur auf einen erwarteten Zustrom von Familien vor. In den vergangenen Monaten haben die Gesundheits- und Ernährungszentren von Islamic Relief in Zentral-Darfur Hunderte Familien aufgenommen, die dem Hungertod nahe waren, nachdem sie El Fasher und die umliegenden Lager verlassen konnten.“

Viele kämen in einem stark unterernährten Zustand an, da sie tagelang zu Fuß unterwegs waren, um ein gewisses Maß an Sicherheit zu erreichen, und berichteten von entsetzlichen Bombardierungen und Plünderungen entlang des Weges.

Shihab Mohamed Ali, Programmleiter von Islamic Relief im Sudan berichtet Folgendes: „Wir rechnen in den kommenden Tagen mit einer erheblichen Zahl von Vertriebenen, die aus El Fasher in unsere Kliniken kommen werden. El Fasher ist derzeit ein furchterregender Ort für Zivilisten.

Einige unserer Teammitglieder haben dort Verwandte, doch die Kommunikation ist zusammengebrochen, und sie sagten, dass sie seit drei Tagen nichts mehr von ihnen gehört haben.

Im Moment gibt es für Zivilisten keine sicheren Wege, die Stadt zu verlassen, aber die Lage ist so alarmierend, dass viele Menschen auf jede erdenkliche Weise versuchen zu fliehen – sei es mitten in der Nacht oder durch Bestechungsgelder, die sie sich nicht leisten können. Wir fordern, dass die Zivilbevölkerung geschützt wird und humanitäre Hilfe die Menschen erreichen darf.“

Gesundheitszentrum Nertite, das Islamic Relief im Sudan betreibt. (Foto: Islamic Relief Worldwide)

Die Grausamkeit der Kriegführung ist Programm im Sudan

Bereits am 10. Juni dieses Jahres veröffentlichte Islamic Relief Worldwide den Bericht einer geflohenen Frau. Die Mutter brachte ihren 19 Monate alten, unterernährten Sohn in eine Klinik der Organisation, nachdem sie aus dem Lager Zamzam fliehen musste.

In ihrer Beschreibung wird deutlich, dass Mord und Grausamkeit in der sudanesischen Kriegführung nicht bedauerliche Begleiterscheinungen sind. Vielmehr ist Brutalität gegenüber der Zivilbevölkerung integraler Bestandteil des Vorgehens von RSF und anderen.

„Sie griffen mit Drohnen und Soldaten an, die schossen, und mit bewaffneten Militärfahrzeugen. Ich habe meinen Onkel bei einem Drohnenangriff verloren. Wir gruben ein Loch, um uns zu verstecken, nahe an der Hauswand.

Während des Angriffs wurde ein Tor geöffnet, damit Frauen und Kinder das Lager verlassen konnten, aber junge Frauen im Alter von etwa 20 Jahren oder älter wurden von ihren Familien getrennt und vergewaltigt. Viele Mädchen sind noch immer vermisst. Ich entschied, dass wir weggehen mussten, um meine Schwester vor Missbrauch zu schützen.

Auf der Reise von Zamzam waren die Bedingungen hart – es gab kaum Nahrung oder Wasser. Ich sah zehn tote Kinder entlang der Straße nach Tawila und Menschen, die an Kontrollpunkten auf der Straße entführt wurden.

In Tawila mietete ich ein Fahrzeug, um nach Nertiti zu gelangen, wo uns die Einheimischen herzlich aufnahmen.

Eines meiner Kinder wurde in das Ernährungszentrum von Islamic Relief überwiesen, wo die Mitarbeitenden und die Nahrungsmittelhilfe das Leben meines Sohnes retteten. Er war sehr dünn und nahm jeden Tag weiter ab, aber seit der Ernährungsbehandlung hat er wieder zugenommen.“

Foto: Shutterstock

Verschiedene Quellen bestätigen den Ernst der Lage

Stellungnahmen wie die von Islamic Relief wurden in den letzten Tagen durch Stimmen aus dem Sudan sowie von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International unterfüttert.

Bereits in der Vergangenheit habe die RSF in Darfur sowie im ganzen Land „massive Menschenrechtsverletzungen“ begangen. Hierzu zählten laut dem Amnesty-Landesdirektor Tigere Chagutah „ethnisch motivierte Angriffe auf nicht-arabische Gemeinschaften, vorsätzliche Tötungen von Zivilist*innen, sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie Massaker.“

„Die RSF muss dazu gebracht werden, ihre Angriffe sofort einzustellen. Die Menschen brauchen dringend Fluchtkorridore. (…) Die UN muss endlich ein Waffenembargo gegen alle Konfliktparteien durchsetzen!“, veröffentlichte die Organisation am gestrigen Abend.

Mahnwache in Berlin angekündigt

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und die Salam Sudan Campaign riefen gemeinsam zu einer Mahnwache vor dem Auswärtigen Amt in Berlin auf. Unter dem Motto „Stand with Sudan – Stoppt die Massaker in El Fasher!“ soll am Freitag, 31. Oktober 2025, von 15 bis 17 Uhr gegen die anhaltenden Gräueltaten im Sudan protestiert werden.

„Die Menschen in El Fasher, Darfur, sind unaussprechlichen Gräueltaten und Kriegsverbrechen ausgesetzt. Ganze Gemeinden werden ausgelöscht, während die Welt schweigt“, appellieren die Organisatoren in ihrem Aufruf. „Bringt Eure Stimmen, Eure Transparente und Eure Solidarität mit!“ Die Mahnwache richte sich an alle, die sich gegen Völkermord, ethnische Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Sudan stellen wollen.

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Sudan: Machtkämpfe mit grausamen Folgen für die Zivilbevölkerung

Sudan Afrika

Die wenigen Informationen, die aus der Stadt El Faschir im Sudan nach außen dringen, sind äußerst besorgniserregend. Dort haben RSF-Einheiten die Macht übernommen. Droht dem Land der Zerfall?

Khartum/Bonn (KNA/iz). Die größte humanitäre Katastrophe der Welt spielt sich im Sudan ab – und sie droht, sich weiter zuzuspitzen. „Es ist katastrophal. Die Menschen werden abgeschlachtet“, sagt Marina Peter, Landesexpertin und Vorsitzende des Sudan- und Südsudan-Forums in Deutschland, im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur. Von Katrin Gänsler (mit zus. IZ-Material)

Sudan – bereits vorher die größte humanitäre Katastrophe der Welt

Schon jetzt sind nach Angaben der UNO rund zwölf Mio. Menschen auf der Flucht. Zehntausende starben seit Kriegsbeginn im April 2023. Über 30 sind auf humanitäre Hilfe angewiesen; vielerorts ist die Gesundheitsversorgung komplett zusammengebrochen; rund 14 Mio. Mädchen und Jungen gehen nicht mehr in die Schule.

Nun haben die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) die Stadt El Faschir, symbolträchtige Hauptstadt von Darfur im Westen des Landes, eingenommen. Am Sonntag wurden kurze Videos gepostet, die jubelnde RSF-Anhänger zeigen sollen. Die Miliz liefert sich seit zweieinhalb Jahren erbitterte Kämpfe mit den sudanesischen Streitkräften (SAF). Keine der beiden Kriegsparteien ist legitimiert.

Unzählige sitzen in El Faschir fest – apokalyptische Nachrichten von sudanesischen Quellen

UN-Angaben zufolge sitzen in El Faschir weiterhin rund 260.000 Zivilisten fest. Laut dem Welternährungsprogramm WFP sind sie seit 16 Monaten von Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung abgeschnitten.

Bereits am Montag warnte das IKRK auf X vor den Folgen der fortgesetzten Schutzlosigkeit von hunderttausenden Menschen, die in der lange umkämpften Stadt festsitzen. Man habe seit Beginn des Krieges, so seine Präsidentin Spoljaric, beobachten können, das bei jeder Eroberung eines Ortes Gewalt gegen die Bevölkerung ausgeübt worden sei.

Sie rufe alle Parteien dazu auf, ihre Verpflichtungen unter dem Völkerrecht einzuhalten. Zivilisten müssten geschützt werden – egal, ob sie bleiben oder fliehen. Sie müssen Zugang zu lebensrettender Hilfe und humanitären Organisationen bekommen.

Am Nachmittag des 28. Oktobers teilte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mit, Fliehende seien Erpressung, Raub, willkürlicher Haft und Schikanen ausgesetzt. Frauen und Mädchen erlitten sexuelle Gewalt durch Milizionäre. Es gebe Nachrichten von Exekutionen in El Faschir. „Wir wissen nicht, was passiert“, sagt auch Peter. Es drohten Verhältnisse wie in Somalia.

Während Vertreter von NGOs und internationalen Hilfsorganisationen noch an die RSF appellieren, scheint ein groß angelegtes Massaker nicht unwahrscheinlicher zu werden. Nach Ansicht von Aktivisten und OSINT-Quellen lasse sich an Satellitenbildern erkennen, dass marodierende Einheiten von Haus zu Haus zögen, und dabei die in der Falle sitzenden Zivilisten massakrierten.

Das El Fasher Resistance Committee ist eine zivilgesellschaftliche Aktivistengruppe in der Hauptstadt des sudanesischen Bundesstaates Nord-Darfur, die sich aus lokalen Bürgern zusammensetzt und im Kontext des aktuellen Bürgerkriegs eine koordinierende, dokumentierende und humanitäre Rolle übernommen hat.

Gestern verbreiteten sie eine Meldung auf X, wonach Patienten und Verwundete im Saudischen Krankenhaus der Stadt aussortiert und ermordet worden seien. Verletzte hätten keinerlei Chance mehr auf Überleben, da sie keine Hilfe und Versorgung bekommen könnten.

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Foto: Freepik.com

Wer liefert eigentlich die Waffen für den Krieg?

Zu den wichtigsten Fragen im Verständnis eines bewaffneten Konflikts gehört die nach den Quellen von Waffen, Ausrüstungen, Trucks etc. Am Sonntag ließ ein Bericht der kanadischen Tageszeitung „The Globe and The Mail“ aufhorchen. Demnach würden RSF-Einheiten Fahrzeuge eines kanadischen Unternehmens einsetzen.

Die sudanesische Regierungsarmee (SAF) und die Rapid Support Forces (RSF) werden jeweils von unterschiedlichen internationalen Akteuren unterstützt. Die RSF erhält ihre entscheidende militärische Unterstützung aus den VAE, die Waffen, Drohnen und gepanzerte Fahrzeuge ins Land liefern.

Viele dieser Rüstungsgüter stammen ursprünglich von chinesischen Herstellern und gelangen vermutlich über die VAE an die RSF. Auch Schmuggelrouten über Libyen und Tschad spielen für den Waffen- und Nachschubverkehr der RSF eine Rolle. Zur Finanzierung nutzt die RSF ein Netzwerk von Firmen in den Emiraten und profitiert maßgeblich vom sudanesischen Goldexport.​

Die sudanesische Armee (SAF) wird vor allem von Ägypten militärisch unterstützt – durch direkte Waffenlieferungen und logistische Hilfe. Hinzu kommen Russland, Iran, die Türkei und in begrenztem Maße Saudi-Arabien, die Waffen, Drohnen und militärtechnisches Gerät beistellen. 

Russische Waffenlieferungen laufen teils über frühere Wagner-Strukturen; zudem baut Russland gerade einen Stützpunkt am Roten Meer aus.

Deutsche Waffen sind im Sudan vorrangig in Form von Altbeständen präsent, vor allem das Sturmgewehr G3 von Heckler & Koch, das ursprünglich direkt an die sudanesischen Streitkräfte geliefert wurde und dort bis heute im Einsatz ist. Diese Gewehre gelangen inzwischen oft über Drittländer wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate auch in die Hände der Rapid Support Forces (RSF). 

Es gibt darüber hinaus Hinweise, dass sogar moderne G36-Gewehre, einst Standard der Bundeswehr, im Sudan aufgetaucht sind – dokumentiert durch Bildmaterial, das sudanesische Befehlshaber mit diesen Waffen zeigt. Neue offizielle Lieferungen direkt aus Deutschland an das Land sind in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht erfolgt. Doch der deutsche Rüstungssektor beliefert weiterhin Golfstaaten, die eine wichtige Rolle als Waffenweiterleiter im aktuellen Bürgerkrieg spielen.

Die Endverbleibsregelungen, die den Verbleib von Rüstungsgütern eigentlich absichern sollen, werden dadurch faktisch umgangen und machen deutsche Technik in der Region weiterhin sichtbar.

Für Massaker an der Zivilbevölkerung werden erfahrungsgemäß meist keine hochkomplexen Waffensysteme benötigt. Historische und aktuelle Konflikte zeigen, dass einfache Handfeuerwaffen, Macheten oder leicht verfügbare Munition und Fahrzeuge für systematische Gewalt gegen Zivilisten ausreichen.

Insbesondere in Bürgerkriegen und Gewaltsituationen wie im Sudan kommen häufig Sturmgewehre älterer Bauart, leichte Maschinenwaffen, Granaten und improvisierte Sprengsätze zum Einsatz. Die größte Gefahr für zivile Opfer geht zumeist von der gezielten, koordinierten Gewaltanwendung durch bewaffnete Gruppen mit grundlegender Ausrüstung aus, nicht von High-Tech-Waffen.

Foto: Agence France-Presse, via Wikimedia Commons | Lizenz: Universal Public Domain

Die Wurzeln des Krieges

Die Wurzeln des Krieges gehen zurück bis in die Kolonialzeit. Grenzen wurden willkürlich gezogen. Mit Khartum entstand ein starkes Zentrum; bestimmte Eliten wurden gefördert. Doch drumherum: viel Armut und mangelnde Bildung.

Auch komme, so Peter, die Frage nach der Identität hinzu. „Der Sudan wurde als ‘arabisches Land’ angesehen. Dabei gibt es auch schwarz-afrikanische Bevölkerung im Land.“ Bereits 2011 wurde der Südsudan unabhängig; das führte auf keiner Seite der Grenze zu Entspannung, im Gegenteil.

Einen kurzen Hoffnungsschimmer gab es im Jahr 2019, als Langzeitherrscher Omar al-Baschir nach Massenprotesten zum Rücktritt gezwungen wurde. Während der Übergangszeit unter Abdala Hamdok als Ministerpräsident putschte 2021 General Abdel Fattah al-Burhan, damals noch gemeinsam mit dem RSF-Kommandeur Mohamed Hamdan Daglo, „Hemeti“ genannt. Doch interne Machtkämpfe eskalierten und führten in den aktuellen Krieg.

Vieles dreht sich um Rohstoffe

Der rohstoffreiche Sudan (Bevölkerung 50 Millionen) – Gold ist für beide Kriegsparteien entscheidend – ist längst zum Spielball ausländischer Mächte geworden. Söldner aus zahlreichen Staaten sind vor Ort.

Zentral sind die Vereinigten Arabischen Emirate, die als Hauptunterstützer der RSF gelten. Das Land baut seinen Einfluss in der Region strategisch aus und argumentiert, man wolle eine islamistische Regierung verhindern. Tatsächlich sind sie an Rohstoffen und fruchtbarem Ackerland interessiert.

Während die Welt auf El Faschir schaut, war es in den Nuba-Bergen an der Grenze zum Südsudan zwischenzeitlich einigermaßen ruhig. Doch auch dort sind die Auswirkungen des Krieges spürbar.

Zum einen hätten Drohnenangriffe im Oktober zugenommen: „Sie sind lautlos. Das ist für die Zivilbevölkerung besonders gefährlich“, sagt Bernd Göken, Geschäftsführer der Organisation Cap Anamur mit Sitz in Köln. Seit mehr als 25 Jahren betreibt sie ein Krankenhaus in den Nuba-Bergen.

Foto: yiannisscheidt, Shutterstock

Es fliehen noch mehr Sudanesen

Zum anderen beobachtete das Krankenhauspersonal einen starken Zustrom von Binnenflüchtlingen in der Region. Fast eine Million Binnenflüchtlinge sollen es seit Kriegsbeginn sein.

„Die Folgen sind extrem“, sagt Göken – Hunger, unterernährte Kinder, der Ausbruch von Cholera. Schwierig mache es auch die schlechte Informationslage. „Man hört immer nur ein bisschen. Doch das lässt Schlimmes erahnen.“

Marina Peter hat dennoch Hoffnung, dass es Frieden geben kann. Sie setzt auf die Zivilbevölkerung. „Es gibt sehr viele zivilgesellschaftliche Organisationen, die engagiert sind.“

Zuletzt erhielten die Aktivisten der Sudan Emergency Response Rooms den alternativen Nobelpreis. Nach Einschätzung Peters braucht es eine sudanesische Lösung. „Die Menschen wollen diesen Krieg nicht und unterstützen ihn auch nicht.“