(IRD). Im November 2013 bin ich für Islamic Relief nach Jordanien geflogen. Dort habe ich Mitarbeiter von Islamic Relief Jordanien getroffen und mit palästinensischen und syrischen Waisenkindern gesprochen, um mehr über ihr Leben zu erfahren. Hier möchte ich von den beiden Waisen Hind und Mohannad aus Syrien erzählen. Mit dem Auto fahren wir am Morgen von Amman nach Irbid. Wir – das sind Hadeel und Olivia von Islamic Relief Jordanien. Und ich. Erst einmal besuchen wir das Feldbüro, das für die vielen syrischen Flüchtlinge errichtet wurde. Die meisten von ihnen sind glücklicherweise in Wohnungen untergekommen und werden dort von Sozialarbeitern von Islamic Relief betreut.
Eine von ihnen ist Hala Al-Thalji, die uns auf unserem weiteren Weg begleitet. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie mit ihrer lustigen und quirligen Art die Waisenkinder zum Lachen bringt.
Erst einmal besuchen wir zwei syrische Familien, die uns die bewegenden und auch traurigen Geschichten ihrer Flucht erzählen. Ein paar kurze Augenblicke dürfen wir ihr Schicksal mit ihnen teilen, Anteil nehmen, unser Mitgefühl ausdrücken, ihre Hände halten, ihre Tränen wegwischen.
Wir begeben uns auf den Weg zu den syrischen Waisenkindern, die wir nun besuchen möchten. Da kommt uns ein kleiner Junge entgegen, ruft uns etwas zu, wirft sich uns stürmisch und unerschrocken in die Arme, freut sich. Wir sind entzückt, drücken ihn feste. Er nimmt eifrig meine Hand und führt uns zu seinem Haus, das sein neues Zuhause ist. Mohannad heißt der Kleine, dreijährige Junge, erfahren wir von seiner Oma. Und da ist Hind, seine große und ebenso herzliche Schwester. Sie ist fünf Jahre alt. Hind wurde nach ihrer Oma benannt, die mit ihren beiden Enkelkindern und ihrem behinderten Sohn nach Jordanien geflohen ist. Die 52-Jährige ist nun für diesen kleinen Rest der Familie, der noch übrig ist, verantwortlich. Schwer schluckt sie, als sie davon erzählt, wie erst ihr Mann unter Folter und dann ihr Sohn, der Vater von Hind und Mohannad, gestorben ist. „Er war einfach nur ein normaler Taxifahrer. Aber sie haben ihn entführt, und als wir das Lösegeld nicht bezahlen konnten, haben sie ihn getötet. Mit 26 Jahren.“ Nur drei Monate später starb die junge Mutter der Kinder. „Ich bin mit Hind und Mohannad zur Impfung gegangen. Als wir zurückkehrten war das Haus zerstört. Meine Schwiegertochter wurde unter den Trümmern begraben.“ Da packten sie ein paar Sachen und flohen so schnell sie konnten von Homs über Daraa nach Irbid. „Mein behinderter Sohn war in unserem Haus, als es zerstört wurde. Er hat ein Trauma erlitten und hat nun panische Angst vor Donner oder dem Zerplatzen eines Luftballons.“
Während die Kinder gerade noch ausgelassen spielten, sitzen sie im nächsten Moment auf dem Schoß ihrer Oma und fragen nach Mama und Papa. Fotos von ihren Eltern liegen vor ihnen, Erinnerungen kommen hoch. „Ihr werdet sie im Paradies treffen“, lächelt sie ihnen hoffnungsvoll zu, während ihr Herz schwer wird. Dann spielen die Kinder weiter, voller Freude stürzen sie sich auf die Geschenke, die wir ihnen mitgebracht haben, begeben sich für eine Zeit ganz und gar in ihre sorgenfreie Welt. Eine beim Anblick von Oma Hind übers ganze Gesicht strahlende Frau betritt den Raum. Es ist Najah, die Vermieterin. Täglich sehen sich die beiden Frauen, haben innige Freundschaft geschlossen. Dass Einheimische und syrische Flüchtlinge sich mögen ist nicht selbstverständlich; es herrscht viel Neid, viel Missgunst. Umso schöner zu sehen, wie sich die beiden Frauen drücken. „Ich bin so froh, dass sie da ist! Durch sie habe ich eine neue Familie gewonnen, als ich meine alte zurücklassen musste.“
Ich bewundere die Mütter und Großmütter, die wir bei unseren Besuchen getroffen haben, für ihre innere Stärke, ihre Geduld, ihre Ausdauer, mit der sie ihrem harten Los trotzen und versuchen einen Alltag zu leben, der seit ihrer Flucht fast unmöglich ist. Ich bewundere sie für jedes Lächeln, das ihr Gesicht erhellt, und den Dank, den sie an Allah richten, voller Bescheidenheit und Demut. Und ich bewundere sie für ihre Hoffnung, die sie auch jetzt nicht verloren haben. Ich weiß, dass ich mich noch lange an sie und das, was sie uns erzählt haben, erinnern werde, für sie beten werde. Aber auch, dass unser Besuch nur ein kurzer Einblick in das war, was diese Familien tagtäglich an Prüfungen erleben. Ich bin froh, dass wir von Islamic Relief ihnen durch die Mietbeihilfe, die Lebensmittelmarken und den seelischen Beistand ihre Last zumindest ein wenig erleichtern und ihre Not lindern können. (IRD).
(iz). In den Augen der UNO gehören sie zu den am meisten verfolgten Minderheiten: die Rohingya. Ihr Leid erregte – mit Ausnahme der massiven Übergriffe vom Sommer des Jahres, bei der bis zu mehrere tausend Muslime ermordet wurden – bisher kaum oder gar kein Interesse. Auch nicht in der muslimischen Welt. Diese hat seit Jahrzehnten wie gebannt auf den Nahen Osten geblickt, während die Entrechtung dieser burmesischen Volksgruppe ein Maß erreichte, dass ihr auch in der offiziellen Verfassung nicht viel mehr Rechte als von klassischen Sklaven zugestanden wurde.
Die vermeintliche Demokratiebewegung Burmas, allen voran die in Sachen Arakan erschreckend passive „Demokratie-Ikone“ und Nobelpreisträgerin Aung San Kyi, schweigt entweder zum langsamen Genozid oder nimmt aktiv teil an der kompletten Vertreibung. Sämtliche Strukturen des Staates – bis zum amtierenden Präsidenten Thein Sein – schauen dem brutalen Rassismus nicht nur zu, sondern sind aktiv daran beteiligt. Einer der handfesten Gründe für die versuchte Auslöschung der Rohingya sind die erheblichen natürlichen Ressourcen ihrer Heimatprovinz; allen voran Erdöl und -gas.
Über das Thema dieser verfolgten Minderheit sprachen wir mit Tun Khin Zia ul-Gaffar. Er lebt in England und ist Vorsitzender der Burma Rohingya Organisation in the UK (BROUK), die sich für die Belange der Rohingya einsetzt. Tun Khin selbst trat mehrfach vor dem britischen Unterhaus, im US-Kongress und in Brüssel auf, um über die Lage der Rohingya zu informieren.
Islamische Zeitung: Lieber Tun Khin, wie sieht die Lage der Muslime in Ihrer Heimat, der burmesischen Provinz Arakan momentan aus?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Im Augenblick müssen 140.000 Menschen ohne Hilfe und Unterkunft überleben. Sie haben keinen ausreichenden Zugang zu Hilfsmitteln, Zelten, Lebensmitteln und medizinischer Hilfe. Dieser wird ihnen von gewalttätigen Banden, aber auch genauso von staatlichen Strukturen wie der Polizei verweigert.
Islamische Zeitung: Wie ist die Sicherheit der muslimischen Gemeinschaften? Ist sie besser – im Vergleich zu den Gewaltausbrüchen Mitte des Jahres?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Offenkundig haben diese heftigen Übergriffe nach einigen Tagen nachgelassen. Aber lassen Sie sich von dem vermeintlichen Bild der Ruhe nicht täuschen: Es gibt in Arakan keine Sicherheit für die Rohingya, weil die Regierung, gemeinsam mit Sicherheitskräften, hinter der Gewalt steht. In dem Fall kann es für uns keine Sicherheit geben. Die Gewalt kann jederzeit – ohne irgendwelche Beschränkungen – wieder aufflammen.
Insgesamt sitzen in Burma 200-300.000 Rohingya in einer Art Falle. Sie können nicht auf die Märkte gehen, um Lebensmittel einzukaufen, sie können sich nicht frei bewegen und nicht in die Schule gehen. Es kann passieren, dass jemand aus dem Haus geht, um etwas zu kaufen, und danach verprügelt oder getötet wird.
Islamische Zeitung: Es gab Berichte, wonach Muslime in einigen Gebieten von ihrem Land und aus ihren Häusern vertrieben wurden…
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Genau. Dies geschieht gerade in Kyaukphyu. Viele Rohingya müssen ihre Dörfer und Städte verlassen. Die lokalen Behörden wollen uns loswerden und das freiwerdende Land an sich nehmen.
Islamische Zeitung: Lassen sich die Verhältnisse in Ihrer Heimat als „ethnische Säuberungen“ bezeichnen?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Nein, das sind keine „ethnische Säuberungen“. Es ist mehr als das, es ist ein Genozid. Die Absicht dafür ist vorhanden. Der jetzige Präsident von Burma [Thein Sein] erklärte gegenüber dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR vor Zeugen: „Die Rohingya sind keine Bürger von Burma/Myanmar. Sie sind illegal eingewanderte Bengalis, die in unser Land eingesickert sind. Wir müssen sie alle in Lagern konzentrieren und dann aus unserem Land werfen. Das ist die einzige Lösung.“ Das ist es, was sie in Wirklichkeit wolle! Diese Aussagen sind bei einem Treffen mit UN-Vertretern am 11. Juli 2012 gefallen!
Islamische Zeitung: Wie verhält sich die demokratische Opposition?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Unglücklicherweise hat die Ikone dieser Bewegung [die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi] vollkommen und total zu der, an den Rohingya begangenen Gewalt geschwiegen. Und das, obwohl sie die moralische Autorität gehabt hätte, ihre Stimme zu erheben. Aber sie schweigt. Wir sind alle sehr geschockt von ihrem moralischen Versagen.
Islamische Zeitung: Das heißt, es gibt in Ihrem Land eine einheitliche Front gegen die Muslime?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Ja, leider. Momentan wird das ganze Land von einer rassistischen, anti-muslimischen Kampagne gegen die Rohingya dominiert. Trotz einer vorherigen Absichtserklärung blockiert der Präsident die Eröffnung eines Büros der OIC [Organisation für Islamische Zusammenarbeit] in Burma. Die Behörden haben sogar die Öffentlichkeit zu Unmutsbekundungen bezüglich dieses Vorhabens angehalten. Und so gab es öffentliche Demonstrationen gegen die Eröffnung eines Büros der OIC.
Islamische Zeitung: Betrifft die Gewalt gegen die Rohingya auch andere muslimische Volksgruppen in anderen Teilen Burmas?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Ja, es sind auch die andere Muslime betroffen. Stellenweise hat sich die Gewalt auf andere Landesteile ausgebreitet.
Islamische Zeitung: Gelten die, von den diversen Militärregierungen beschlossenen Gesetze, die Ihr Volk zu einer rechtlosen Klasse Menschen erklärt hat, auch noch unter dem demokratischen Regime?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Nach der Befreiung Burmas von der japanischen Besatzung [am Ende des 2. Weltkriegs] und der Unabhängigkeit von den Briten 1948 wurden die Rohingya als gleichberechtigte Volksgruppe des Landes durch die Verfassung anerkannt. 1962 riss das Militär die Macht das erste Mal an sich. Damals begann die anti-muslimische Kampagne gegen die Rohingya in Arakan. Diese Politik wurde fortgeführt. Als es 1988 nach einem Massenaufstand erneut ein Militärregime gab, wurde die Lage der Rohingya noch schlimmer. Die freie Bewegung der Muslime wurde unterbunden. Sie konnten nicht mehr ungehindert heiraten. Bereits diese Militärregierungen forcierten eine Vertreibungspolitik, mit der sie die Rohingya aus ihrer Heimat zwingen wollten. Diese Situation hat sich bis heute fortgesetzt.
Islamische Zeitung: Für Außenstehende aus dem westlichen Ausland besteht der Eindruck, dass Nachbarländer wie Bangladesch Ihr Volk ebenfalls schlecht behandeln und nicht als Flüchtlinge anerkennen. Sind sie auch enttäuscht angesichts der muslimischen Länder in Südostasien?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Ja, das ist frustrierend für uns. Die Regierung von Bangladesch trägt dabei die Hauptschuld. Sie müsste der Behauptung entgegentreten, dass die Rohingya illegale Einwanderer aus ihrem Land sind. Andere Elemente der internationalen Gemeinschaft wie die UN, die EU oder die USA müssen sich ebenfalls für die Rohingya einsetzen und den Burmesen klar machen, dass wir ihre Landsleute sind. Momentan erzeugt Bangladesch den Eindruck, als wären die Rohingya tatsächlich aus diesem Land nach Burma eingewandert.
Islamische Zeitung: Wie ist die Lage der Flüchtlinge?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Herzzerreißend; sie leben stellenweise unter den elendigsten Bedingungen und manche haben nur alle zwei Tage eine Mahlzeit. Die individuelle Lage hängt von dem einzelnen Land ab. In Malaysia werden sie deutlich besser behandelt als in Bangladesch. Dort ist die Lage am schlechtesten.
Islamische Zeitung: Wie viele Rohingya sind in die benachbarten Länder geflohen?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Entsprechend unserer Informationen gibt es insgesamt 3,5 Millionen Rohingya. 1,5 sind wegen der anhaltenden Verfolgung geflohen. Wir gehen von zwei Millionen Rohingya aus, die noch in Burma verblieben sind, während die Regierung von höchstens 800.000 spricht.
Sie dürfen nicht vergessen, dass Statistik und Demographie selbst Mittel der Auseinandersetzung sind. So können wir davon ausgehen, dass bei den jüngsten Gewaltausbrüchen mehrere Tausend Menschen ermordet wurden. Diese Zahl beinhaltet auch Vermisste, die bei ihrer Flucht ums Leben kamen. In den Regierungsstatistiken werden immer nur die aufgefundenen Leichname erwähnt, aber es sind sehr viele Menschen verschwunden. Großfamilien wurden auf ein oder zwei Menschen reduziert. Oftmals rannten ganze Dörfer weg, weil der Mob oder Sicherheitskräfte kamen und die Ortschaften niederbrannten. Viele starben bei der Überquerung von Flüssen und wurden später tot aufgefunden.
Islamische Zeitung: Wie stehen Sie zur aktiven Beteiligung an der anti-muslimischen Gewalt durch buddhistische Würdenträger und Mönche?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Das ist leider eine traurige Tatsache. Die Regierung hat die buddhistischen Klöster als ein Mittel für die Gewalt gegen die Rohingya benutzt. Für viele Aktionen bedient sich die Regierung der willigen Elemente in der Öffentlichkeit, um nicht selbst als verantwortlich dazustehen.
Islamische Zeitung: Lässt sich ein strategischer und wirtschaftlicher Zusammenhang zu der Gewalt gegen die Rohingya herstellen? Manche sprechen von großen Erdölvorkommen in Ihrer Heimat…
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Exakt, genau deshalb will man uns von unserem Land vertreiben. Der Hass auf die Rohingya und die Muslime wird durch die natürlichen Ressourcen noch weiter angeheizt. Nachdem China lange Jahre die Militärregierung unterstützt hat, entdecken die USA jetzt – wegen der angeblichen Demokratisierung – Burma als potenziellen Partner. Hinzu kommen Russland und Indien, die ebenfalls Interessen haben. Und Israel bildet Angehörige des Militärs und des Sicherheitsapparates aus.
Islamische Zeitung: Bis vor Kurzem nahm die Mehrheit der muslimischen Welt kaum oder keine Kenntnis von der Lage Ihres Volkes. Haben Sie das Gefühl, dass die Rohingya – im Vergleich zum Nahen Osten – alleine gelassen werden?
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Ja, schon… Wir fühlen schon des Öfteren, dass der Sache der Rohingya nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das macht uns natürlich traurig. In diesen Tagen ist es ein bisschen besser geworden, aber wir vermissen immer noch Aktionen von Seiten der muslimischen Welt und dass diese ihre Stimme für die Rohingya erhebt. Wenn in Gaza etwas mehr als hundert Leute getötet werden, dann wissen alle Medien der Welt darüber Bescheid, aber wenn in Arakan 4-5.000 Menschen ermordet werden, dann wird diese Information nicht verbreitet.
Die internationale Gemeinschaft muss wesentlich mehr tun. Sie legt so viel Wert auf die jetzigen Reformen und den demokratischen Prozess. Aber sie muss verstehen, dass es keine Reformen geben wird, wenn der Mord an den Rohingya andauert. Wenn ein Land Stabilität und Sicherheit will, muss es sich von Hass und Rassismus freimachen. Dazu gehört die komplette Abschaffung des Staatsbürgerschaftsgesetze von 1982. Das ist das schlimmste und diskriminierendste Gesetz der ganzen Welt. Obwohl wir seit Jahrhunderten in Burma leben, werden wir nicht als Bürger anerkannt.
Es gibt keine Freiheit in Burma, wenn nicht alle ethnischen Gruppen ebenso frei sind. Die internationale Gemeinschaft muss solange Druck auf die Regierung ausüben, sodass die Rohingya wieder volle Rechte erhalten. Wir brauchen humanitäre Hilfe und UN-Friedenstruppen, die die Menschen vor gewalttätigen Übergriffen schützen. Die Verantwortlichen dürfen ihrer gerechten Strafe nicht entgehen. Man müsste auch etwas dazu beitragen, dass es zu einer Versöhnungen beider Gemeinschaften – der buddhistischen und der muslimischen – kommt.
Islamische Zeitung: Es ist bemerkenswert, dass die Rohingya trotz der enormen Verfolgung, der sie ausgesetzt sind, niemals zu terroristischen Mitteln gegriffen haben…
Tun Khin Zia ul-Gaffar: Wir haben über Generationen friedlich mit unseren Nachbarn zusammengelebt. Was wir wollen, ist die volle Rückkehr unserer Staatsbürgerrechte und der Rechte als ethnische Gruppe. Wir sind ein friedliebendes Volk und haben niemals zum Mittel des Terrorismus gegriffen. Unglücklicherweise sind wir diesem Hass und diesem Rassismus ausgesetzt.
Die internationale Gemeinschaft muss so schnell wie möglich handeln. Andernfalls wird das gesamte Volk der Rohingya in Burma ausgelöscht werden. Die ethnischen Säuberungen laufen seit 1962 und sind heute fester Bestandteil der offiziellen Politik, solange die Welt dazu schweigt.
Islamischen Zeitung: Wir bedanken uns für dieses Gespräch!
Berlin (iz). Samstag, den 26.11.2010, 16.30 Uhr: Ich fahre einen neunjährigen Jungen mit seiner Mama zum Notdienst. Es wimmert jammervoll vom Rücksitz: Mittelohrentzündung und hohes Fieber. Ich versuche zu trösten, sage, dass wir gleich da sind.
In der Eifel sind die Wege für alle weit, für die Mutter hinter mir sind sie weiter: Demütige Kurdin aus dem Gebiet zwischen dem Libanon und der Türkei, 4 Kinder, der Mann und Alleinernährer starb vor 10 Jahren, die Wohnsituation erschreckend, Armut, Isolation, geduldet, nicht willkommen. Es ist schon fast dunkel, als wir uns geduldig tröstend der Stadt nähern. Mein Vordermann bremst: 2 Männer mit dicken Plastiktüten kommen aus dem Wald. Scheue Blicke in die grellen Scheinwerfer, erschöpfte Gesten. Da kommt noch ein Mensch: die Tüte zerrissen, schief beladen mit Kartoffelnetz, Mandarinen, Zuckerpackungen, aus einer Mehltüte rieselt es auf seine ärmliche Kleidung. Hände und Hose sind schlammbeschmiert. Offensichtlich ist er gestürzt.
Mein Vordermann gibt wieder Gas. Ich fahre an den Männern vorbei, mein Kopf voller Fragen: Was machen „die“ mitten im Wald? Pralle Tüten, so genannte „Männer mit südländischem Aussehen“ (…) ich beschließe aus den Gedanken auszusteigen, bevor ich bei den Tankstellenüberfällen ankomme. Vorurteile. Das Kind wimmert immer noch und wir müssen zum Krankenhaus.
Donnerstag, den 19.01.2012, 8.30 Uhr: Ich begleite ein anderes Kind zu einer Therapie im Krankenhaus. Im Wartezimmer liegt die gestrige Ausgabe der lokalen Tageszeitung. Wir warten auf die Therapeutin. Das Kind malt, ich lese einen Artikel zum Integrationsgipfel: jetzt sind die Deutschen gefordert, eine Willkommenskultur soll entstehen. Ich lächle ungläubig in die Zeitung: Wie lange wohne ich schon hier? Ich sehe nicht nur deutsch aus, ich bin es auch. Doch die Türen werden hier wenn überhaupt nur langsam geöffnet, aber umso schneller geschlossen, wenn man Anzeichen entwickelt, die nicht ins Schema karnevalistischer Frohnatur passen. Ich höre auf zu lächeln und versuche Anflüge von Selbstmitleid herunterzuschlucken. Die Therapeutin kommt.
Auf dem Heimweg durch die kältestarren Eifelwälder: Rauch steigt auf aus dem Schornstein des mitten im Wald errichteten Krematoriums. Ich versuche wegzusehen und fahre weiter. Plötzlich sehe ich sie wieder: Männer mit Plastiktüten stehen frierend vor einer rostigen Schranke. Ich bremse. Die kahlen Bäume geben die Sicht auf mehrere ärmliche Häuschen frei. Menschen – hier draußen? Von Deutschland weiter entfernt als die neue Leichenverbrennungsanlage. Zwei Müllautos donnern an mir vorbei zur Kreisdeponie direkt um die Ecke.
Ich beschließe, das Kind erstmal nach Hause zu bringen. Meine Gedanken bleiben bei den Menschen da draußen an der rostigen Schranke. Das Thermometer zeigt 16 °C Minus. Höhnisch grinst das Wort „Willkommenskultur“ aus der alten Tageszeitung. Ich schäme mich plötzlich für meine eigenen Vorurteile, die Blindheit, meine/unsere „Willkommenskultur“. Entsetzlich! Ich ringe um Fassung, rufe einen Freund an. Erzähle. Er reagiert irritiert, kann es nicht glauben, fragt nach dem Standort. Ja, das neue Krematorium, er weiß Bescheid. Dürfen die daneben überhaupt Menschen unterbringen?
Als ich sage, dass das Lager direkt neben dem Bleibach liegt, schweigen wir beide: Bleibach bedeutet Schwermetallverseuchung aus den alten Stollen der Bleibergwerke. Blei, Zink, Nickel, Cadmium und Kobalt in derart hoher Konzentration, dass die Schwermetallfrachten noch Erft und Rhein nachweislich belasten. Bleiwerte von 3955 mg/kg im Gartenboden (der „Prüfwert“ für Blei in der Bundesbodenschutzverordnung beträgt 200 mg/kg, Empfehlungen den das Spielen von Kleinkindern auf dem Boden zu verhindern oder eine unbelastete Bodenschicht aufzubringen). Kurzes Googlen bestätigt unsere Vermutung: das so genannte Übergangsheim steht an der alten Elisabethhütte.
Als ich beschließe, noch einmal hin zu fahren, ist es schon später Nachmittag. Ich parke mein Auto und laufe über die Straße. Kinder spielen zwischen den Unterkünften. Das Gelände wird von einem Wall aus Bauschutt und Abraum gesäumt. Ein Junge im Alter meines Sohnes kommt mit einer dünnen Hose und einer roten Plastiktüte an die Schranke. Ich sage Hallo und frage ihn, ob er Deutsch spricht. Er lächelt vorsichtig. Ja, natürlich, er ist doch hier geboren. Ich zeige auf die Tüte und frage, wohin er will. Einkaufen muss er und er ist einverstanden, dass ich ihn begleite. Wir machen uns auf den Weg und er erzählt, dass seine Eltern aus Tschetschenien kommen, von der Schule, dass er nie Freunde mitbringen darf, dass er gerne Fußball spielt. Es ist inzwischen wieder so kalt, dass mir langsam die Gesichtsmuskulatur einfriert. Ich frage ihn, ob er auch friert. Es kommt ein cooles „Geht schon.“, aus dem blaugefrorenen Kindergesicht. Wir blinzeln gemeinsam in die grellen Scheinwerfer. Es ist dunkel, als wir den Pfad in den Wald erreichen. Ich bleibe stehen, aber er grinst nur verfroren und schüttelt den Kopf: „Nein, das hier ist nichts für Frauen. Die gehen besser an der Straße lang. Das ist zwar weiter, aber sicherer.“ Ich verkneife mir ein Lachen, als er nach einem halben Kilometer zugibt, dass seine Eltern ihm die Abkürzung auch verboten haben.
Wir erreichen den Supermarkt. Wärmen uns. Er kauft ein. Auf dem Rückweg frage ich ihn, ob er sich hier willkommen fühlt. Er sieht mich an, senkt den Blick und schweigt. Es ist spät, wir verabschieden uns an der Schranke.
Den nächsten Tag – die Kältewelle hält unvermindert an – treffe ich auf Abdullah aus Afghanistan. Nachdem wir uns begrüßt und uns auf ein Verständigungsgemisch aus Englisch, Arabisch und Deutsch geeinigt haben, erzählt er mir über seine Isolationshaft im deutschen Wald: Die Heizung fällt oft aus, der Hausmeister sei zwar freundlich, aber das Sozialamt bewillige kein Geld für eine Reparatur. Auch das Wasser sei oft kalt. Er zeigt in Richtung Krematorium: „Der Rauch, Schwester, er macht mich krank. Ich kann nicht essen, wenn ich gerade eine Leiche einatme!“ Er dreht sein Gesicht zur Seite: „Ich will weg, aber die lassen mich nicht. Wenn du einen schwarzen Kopf hast, dann hast du es schwer hier!“ Seine Mitbewohner aus dem Iran und dem Irak nicken. Ich frage nach den Kindern. „Natürlich spielen hier alle draußen. Die Hütten sind viel zu klein. Das Wasser im Bach, der Boden, nein, wir wissen nichts Genaues.“
Er bringt mich zu einer tschetschenischen Großfamilie. Familie Sultygov bewohnt mit ihren fünf Kindern die letzte Unterkunft vor dem Wald. Draußen steht ein Spielhäuschen auf der Wiese am (schwermetallverseuchten?) Abraumwall. Die Jüngste ist 11 Monate alt, das älteste Mädchen 10 Jahre. Alle Kinder sind in Deutschlandland geboren. Nach wenigen Sätzen füllt Verzweiflung die engen Zimmer: seit 11 Jahren lebt er hier, erzählt Herr Sultygov. Zuerst wohnten sie noch mit zwei anderen Familien in der Hütte. Seine Frau zeigt mir die Küche. So winzig, ich kann es nicht glauben. Ich frage sie nach Deutschland. „Der Kindergarten ist schlimm“, meint sie: „Ich laufe mit den drei Kleinsten früh eine ganze Stunde. Es ist dunkel. Es ist kalt. Wenn Schnee liegt muss ich auf der Bundestraße laufen, der Weg wird nicht geräumt. Es ist viel Verkehr. Die Autos rutschen. Aber wenn ich den Kindergarten nicht schaffe, dann werden sie dort böse und schimpfen!“ Das Geld für Lebensmittel reicht fast nie, dann ist die „Tafel“ die einzige Rettung. Nein, willkommen fühlt sie sich nicht, im Gegenteil: oft hat sie Angst, wenn Deutsche ihre Bierflaschen nach den Menschen werfen. „Es gibt hier auch Mäuse im Haus, Schlangen, Ratten und Wildschweine draußen. Einmal haben Männer versucht, die Fenster einzuschlagen. Ich habe mich mit den Kindern versteckt und gebetet… Wer soll uns hier draußen helfen?“, schluchzt sie.
Herr Sultygov bietet mir einen Sitzplatz an und sagt leise, fast unhörbar zu mir: „Gut, dass sie gegen die Fenster geschlagen haben. Die Wände sind nur aus dünnem Gipskarton, sie wären sofort drin gewesen!“ Gegen die Mäuse, die über die Kinderbetten und durch die Küche rennen und Schmutz und Abfälle aus dem großen gelben Container mit den Ratten (ver-) teilen, hat er eine Katze angeschafft. Und er hat seiner Frau gesagt, dass die Katze auch die Schlagen vertreibt.
Ich frage wegen dem Boden. Sie wissen nichts. „Aber,“ meint er: „wir wollen sowieso nach Hause. Wenn sie mir nur meine Papiere geben, irgendwann. Tschetschenien ist besser als das hier. Ich kann nicht arbeiten und meine Frau mit den Kindern hier alleine lassen. Das ist viel zu gefährlich. Aber ohne Arbeit finde ich keine andere Wohnung. Wir haben es schon versucht, es geht einfach nicht. Keiner hilft uns!“ Ich frage noch wegen dem Krematorium. „Keiner hat uns gefragt. Es ist so ekelig. Im Sommer stinkt es hier sowieso wegen den Tümpeln oder der Deponie. Das ist genug. Was soll aus uns werden?“
Vor mir sitzt der Vater einer Großfamilie. Sein Rücken ist gebeugt, die Wangen sind eingefallen. Hoffnungslos. Allenfalls geduldet.
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