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Die Frömmigkeit des Fragens im Zeitalter der KI

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Frömmigkeit des Fragens: Von Platon über Heidegger – wie wir mit denkenden Maschinen zusammenleben wollen.

(iz). Wer heute über Künstliche Intelligenz spricht, stößt schnell auf eine zweite Debatte: die, über einen tiefgreifenden Umbau der Machtverhältnisse. Der griechische Ökonom Yanis Varoufakis deutet ihn als Übergang in ein neues Regime, das er „Technofeudalismus“ nennt – eine Ordnung, in der Plattformen und Datenrenten klassische Märkte und Gewinne überlagern und wenige „cloud lords“ über viele digitale Untertanen verfügen.

Die Metapher ist drastisch, aber sie markiert eine reale Verschiebung: Souveränität wandert zu denjenigen, die nicht nur Fabriken, sondern Datenströme, Rechenzentren und die Anschlussstellen zum Staat kontrollieren.

Sichtbar wird dies dort, wo Technologieunternehmen und staatliche Gewalt ineinandergreifen. Datenanalyse-Firmen, Betreiber großer Modelle und Rüstungskonzerne liefern nicht mehr nur Werkzeuge, sondern gleich ganze Entscheidungshorizonte.

Ihre Systeme sortieren Informationen, gewichten Risiken, strukturieren militärische und sicherheitspolitische Optionen. Wo früher Behörden allein die Lagebilder entwarfen, bestimmen heute auch jene mit, die die entsprechenden Algorithmen bereitstellen. Die Figur des „neutralen Dienstleisters“ verliert an Plausibilität.

So verschiebt sich auch die alte Parole des Neoliberalismus. Das Vertrauen, man könne den „Markt machen lassen“, steht einer neuen Trias aus Industriepolitik, nationaler Sicherheitslogik und algorithmischer Steuerung gegenüber. Varoufakis trifft den Nerv der Veränderung, wenn er diese Konstellation scharf benennt.

 Doch seine Rede vom vollständigen Bruch mit dem Kapitalismus und von einer Rückkehr feudaler Hörigkeit überzeichnet die Lage. Präziser lässt sich von einer neuen Konzentration politischer, technologischer und ökonomischer Ressourcen sprechen – mit Chancen auf Effizienz und Innovationskraft, aber auch mit Risiken wachsender Überwachung, privater Machtblöcke und einer schleichenden Entwertung von Privatheit.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich, warum die Reaktionen auf Künstliche Intelligenz so weit auseinandergehen. Für die einen ist sie ein Werkzeug, das menschliche Ideen beflügelt; für die anderen ein Verstärker ohnehin problematischer Tendenzen, der die vertraute Lebenswelt aus den Angeln heben könnte. Und zwischen beiden Seiten steht die Frage, wie diese Technik überhaupt angemessen zu beurteilen ist.

Der Mensch als eigenes Sprachmodell

Ein erster Blick könnte nahelegen, die Lager entlang einer klaren Grenze zu ordnen: hier das „eigentliche“, menschliche Denken, dort die „bloß simulierte“ Intelligenz der Maschine. Doch schon der Alltag irritiert diesen Gegensatz. Unsere alltäglichen Gespräche bestehen aus Vereinfachungen, Halbwissen, Missverständnissen, aus Ergänzungen, die mehr deuten als wissen. Menschen erfinden, übertreiben, fabulieren Sachverhalte, sie konstruieren Zusammenhänge, die erst im Nachhinein Bestand gewinnen oder zerfallen.

In diesem Licht erscheint der Mensch selbst als eine Art lebendiges Sprachmodell, als Wesen, das Lücken füllt, Muster sucht, Sinn stiftet, wo die Daten noch unvollständig sind. Und doch ist der Unterschied zur Maschine entscheidend.

Wenn große Modelle „halluzinieren“, produzieren sie statistische Plausibilitäten ohne Erfahrung; wenn Menschen irren, sind Fantasie, Biografie und Verantwortung im Spiel. Aus einem maschinellen Fehler folgt nichts als eine Korrektur im Code. Aus einem menschlichen Irrtum kann Schuld erwachsen, Reue, Lernfähigkeit – oder Verirrung.

Die Versuchung, Mensch und Maschine nach oberflächlicher Ähnlichkeit gleichzusetzen, ist darum ebenso irreführend wie die Idee einer unüberbrückbaren Distanz. Interessant wird der Vergleich dort, wo er die Struktur des eigenen Denkens sichtbar macht. Vielleicht ist das die erste Zumutung der KI: Sie zwingt dazu, das menschliche Bedürfnis nach stimmigen Geschichten ernst zu nehmen – und zugleich misstrauisch gegenüber den eigenen Gewissheiten zu bleiben.

Künstliches Denken vor der digitalen Ära

Die Frage, ob eine Maschine denken kann, ist älter als Computer und Rechenzentren. Goethe hat sie in seiner Faust-Dichtung ins Bild gesetzt, lange bevor von Algorithmen die Rede war.

In der Homunculus-Szene entsteht ein künstliches Wesen im Labor, ein Geist in der Glasampulle, hervorgebracht durch menschliche Kunstfertigkeit. Die Szene ist grotesk und ernst zugleich: Sie spielt mit der Vorstellung, dass sich Geist technisch erzeugen lässt, und tastet doch zugleich an der Grenze dessen, was als menschlich gilt.

Die Figur des Homunculus ist keine primitive Vorform des Roboters, sondern ein Spiegel. Die künstliche Kreatur fragt zurück, was den Menschen ausmacht, wenn das, was er für seinen geistigen Vorzug hielt, plötzlich als Produkt eines Verfahrens erscheint. Schon hier geht es weniger um die Machbarkeit als um eine Verstörung des Selbstbildes.

Die Moderne experimentiert mit der Idee des künstlichen Denkens – und legt damit auch die Fragilität des eigenen Begriffs von Geist frei. So führt die Frage nach der Denkfähigkeit der Maschine unweigerlich zur Gegenfrage: Was heißt es, ein denkendes Wesen zu sein?

Die Technik ist der Anlass, nicht der eigentliche Gegenstand dieser Überlegung. Wer über KI spricht, spricht immer zugleich über den Menschen.

Foto: Kosths, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Platons alte Fragen im neuen Licht

An diesem Punkt treten Gedanken in den Vordergrund, die mehr als zwei Jahrtausende alt sind. Platon stellte nicht Maschinen, sondern Grundbegriffe ins Zentrum seines Nachdenkens: Wahrheit, Schönheit, Gerechtigkeit.

Die britische Philosophin Angie Hobbs hat in ihrer jüngeren Studie „Why Plato Matters Now“ gezeigt, wie sehr diese Fragen in eine Gegenwart hineinragen, die von Desinformation, Erosionsprozessen der Demokratie und globaler Vernetzung geprägt ist. Platons Dialoge, so ihre These, sind keine musealen Texte, sondern Übungsräume für eine Form des Denkens, die auf Antworten nicht vorschnell festlegt.

Auffällig ist die Differenz zur heutigen Praxis des Fragens. Der digitale Dialog mit einem Chatbot, mit einer Suchmaschine, mit einem Empfehlungssystem zielt auf die rasche, gut formatierte Antwort. Ein Prompt, eine Liste, ein Absatz – und das Gefühl, zunächst einmal „versorgt“ zu sein. Platons Dialoge zielen auf das Gegenteil.

Sie führen in Aporien, in Sackgassen und in Schleifen. Am Ende steht oft weniger Gewissheit als zuvor, dafür ein geschärftes Gefühl für die eigenen Voraussetzungen. Gerade darum gewinnt Platon im KI-Zeitalter an Kontur.

Wo Technik den Eindruck entstehen lässt, für jede Frage eine Antwort parat zu haben, erinnert der Dialog daran, dass die Form der Frage ebenso entscheidend ist wie die Information, die auf sie folgt. Künstliche Intelligenz wird so zum Anlass, die Kunst des Fragens neu zu lernen.

Gelassenheit gegenüber mächtiger Technik

Die Frage nach der richtigen Haltung zur Technik hat der späte Heidegger unter einen Begriff gestellt, der heute fast altmodisch wirkt: Gelassenheit. Gemeint ist nicht Resignation, auch nicht ein romantischer Rückzug, sondern eine Form wacher Distanz. Technik soll genutzt werden, ohne dass sie das letzte Wort erhält. Man lässt sie wirken, lässt sich aber von ihr nicht bestimmen. Diese Gelassenheit hält die Extreme in Schach.

Zwischen dem Alarmruf vor dem Untergang der Menschheit und der Verheißung einer durchdigitalisierten Erlösung behauptet sie einen reflektiven Raum: den der Prüfung. Was kann eine Technik, was richtet sie an, wem dient sie, was kostet sie? Gelassenheit heißt hier: sich nicht vom Pathos der Innovation tragen zu lassen, aber auch nicht im Reflex des Kulturpessimismus stehenzubleiben.

Vielleicht lässt sich der Begriff so aktualisieren: „Gelassenheit ist die Kunst, technische Macht ernst zu nehmen, ohne ihr die Deutungshoheit über das Menschliche zu überlassen.“ In dieser Perspektive wird Künstliche Intelligenz nicht verharmlost, aber sie verliert den Nimbus des Unvermeidlichen.

Foto: Jose Aljovin, Unsplash

Wenn Intelligenz nicht reicht: Weisheit

Mit der Frage nach der Haltung ist die Frage nach den Maßstäben eng verbunden, an denen sich der Einsatz von KI messen lassen soll. Der Philosoph Edward H. Spence schlägt vor, hier von Weisheit zu sprechen.

In seinem Buch „Wisdom in the Age of Intelligent Machines“ deutet er Weisheit als Fähigkeit, Wissen mit ethischer Orientierung und Sinn für das gute Leben zu verbinden. Es geht nicht um ein nostalgisches Ideal, sondern um einen Rahmen, innerhalb dessen sich technische Intelligenz verantwortbar einsetzen lässt.

Unter diesem Gesichtspunkt verschiebt sich der Fokus. Die spannende Frage lautet nicht mehr, wie leistungsfähig die Modelle werden, wie viele Parameter sie verarbeiten oder wie schnell sie lernen. Entscheidend wird, in welcher Art von Praxis sie stehen. Eine KI, die Effizienz maximiert, aber Blindheit für soziale Folgen verstärkt, mag „intelligent“ heißen. Weise ist sie nicht.

Weisheit wirkt hier weniger als Eigenschaft herausragender Einzelner, sondern als verteilte Kompetenz von Institutionen, Bildungsprozessen und öffentlichen Debatten. Sie zeigt sich darin, ob eine Gesellschaft Strukturen schafft, in denen maschinelle Vorschläge nicht ungeprüft zu Normen werden.

Man könnte sagen: „Intelligenz berechnet Möglichkeiten; Weisheit legt fest, welche wir ergreifen dürfen.“ Wichtiger denn je wird für den Menschen im KI-Zeitalter, seine Quellen der Weisheit zu reaktivieren.

Ethik durch KI: Ko-Evolution statt Abwehr

Der Bonner Philosoph Markus Gabriel knüpft an diese Überlegungen an, wenn er von „ethischer Intelligenz“ spricht. In seinem Buch gleichen Namens rückt er die Wirkung von KI-Systemen auf Gefühle, Werte und moralische Urteile in den Vordergrund. Moderne Modelle agieren nicht nur als neutrale Rechenmaschinen.

Sie antworten, spiegeln, verstärken, irritieren – sie werden zu Resonanzflächen, auf denen sich gesellschaftliche Konflikte abzeichnen. „Worauf es nun ankommt“, schreibt er, „ist, eine angemessene Beziehung zu dem Umstand zu entwickeln, dass wir im Innenraum unserer Seele nicht mehr allein sind.“

Der Philosoph fordert dazu auf, den technologischen Herausforderungen mit einer Vertiefung unseres Denkens zu begegnen. Aus diesen Beobachtungen zieht Gabriel eine doppelte Konsequenz. Eine Ethik, die sich darauf beschränkt, rote Linien zu ziehen und Verbote zu formulieren, greift zu kurz.

Aber ebenso unzureichend wäre ein naiver Glaube an den moralischen Fortschritt durch Technik. Gabriel schlägt vor, das Verhältnis von Menschen und Maschine als Ko-Evolution zu denken: Beide Seiten verändern sich in der Begegnung, keine bleibt, wie sie war.

In dieser Sichtweise wird KI nicht zur moralischen Instanz, aber sie kann zu einem Instrument der Klärung werden. Systeme, die Wertkonflikte sichtbar machen, Entscheidungssituationen transparent strukturieren oder alternative Handlungswege durchspielen, können helfen, Verantwortung konkreter zu fassen. Eine Formel dafür könnte lauten: „Nicht Ethik gegen KI, sondern Ethik mit KI – sofern der Mensch die letzte Instanz des Urteilens bleibt.“ Die Pointe liegt im Nachsatz.

Zugleich markiert dieses Ko-Evolutionsdenken die politischen Bedingungen des Gelingens. Eine „ethische Intelligenz“ setzt voraus, dass die Gestaltung von KI nicht allein in den Händen der Konzerne liegt, sondern demokratisch verhandelt wird: in Bildung und Recht, in Institutionen und Öffentlichkeiten. Sonst droht das Pathos der Ethik zur Begleitmusik einer Technik zu werden, die längst andere Ziele verfolgt.

Kairo: In der Sultan-Hassan-Moschee wird das Werk von An-Nawawi für die Besucher erklärt. (Foto: Waleed Arafa)

Die Frömmigkeit des Fragens

Am Ende sind wir zu einer scheinbar schlichten, in Wahrheit aber anspruchsvollen Verschiebung gezwungen. Im Zentrum der Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz steht weniger die Frage, was die Maschinen können, als die Frage, was der Mensch von ihnen will. Entscheidend ist nicht die Eleganz der Antwort, sondern der Ernst der Frage, die an sie herangetragen wird.

Der späte Heidegger hat diesen Gedanken in eine knappe Formel gebracht, wenn er das Fragen „die Frömmigkeit des Denkens“ nennt. Frömmigkeit meint hier nicht zwingend eine bestimmte Konfessionalität, sondern eine Haltung der Aufmerksamkeit.

Wer fragt, anerkennt, dass er die Wahrheit nicht besitzt, sondern sucht. Übertragen auf die KI-Debatte könnte man sagen: Solange der Mensch in der Lage bleibt, die eigenen Fragen zu prüfen, bleibt er mehr als der Administrator seiner Maschinen.

Die alten Leitfragen Platons nach Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit, die Gelassenheit im Umgang mit Technik, die Idee von Weisheit als Maßstab und die Vision einer ko-evolutionären Ethik mit KI bilden zusammen keinen fertigen Bauplan. Sie zeichnen eher einen Horizont, vor dem sich konkrete Entscheidungen abheben.

In diesem Horizont zeigt sich, was auf dem Spiel steht, wenn Rechenleistung, Bilderzeugung und Urteilsunterstützung an technische Systeme delegiert werden. Vielleicht ist dies die eigentliche Zumutung des KI-Zeitalters: Es verlangt, die großen Fragen nicht an die Maschinen zu delegieren.

Intelligente Systeme können Informationen ordnen, Muster erkennen, Szenarien durchspielen. Aber die Entscheidung, welche Welt wir mit ihnen bauen wollen, bleibt an jene gebunden, die fragen können und bereit sind, sich von ihren eigenen Fragen leiten zu lassen.

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Es gibt keine schlechten Ramadan-Fragen

Ramadan-Fragen

Manche Muslime reagieren hingegen nicht mehr ganz so motiviert, wenn sie die üblichen Ramadan-Fragen zum gefühlt hundertsten Mal hören oder das Gefühl haben, da möchte jemand provozieren.

As-Salaamu ’alaikum,
liebe Muslime,

die BILD titelte (im April 2021) zu Beginn des Fastenmonats: „Diese Fragen können Muslime im Ramadan nicht mehr hören“.  Gemeint sind solche: Ist das Fasten freiwillig und bei der Hitze nicht ungesund? Oder der Klassiker: Ist nicht einmal trinken erlaubt? Die BILD-Schlagzeile ist natürlich pauschal und unzutreffend, denn die meisten Muslime antworten geduldig und freuen sich über das Interesse unserer nicht-muslimischen Mitbürger.

Motivation schwindet bei Ramadan-Fragen

Manche Muslime reagieren hingegen nicht mehr ganz so motiviert, wenn sie die üblichen Fragen zum gefühlt hundertsten Mal hören oder das Gefühl haben, da möchte jemand provozieren. Das ist nachvollziehbar. Ich habe jedoch kein Verständnis für Muslime, die in aller Öffentlichkeit Nichtmuslime kritisieren, weil sie keine Ramadan-Experten sind.

Wer darüber klagt, sollte sich zunächst selbstkritisch die Fragen stellen, ob er über das Fasten der Buddhisten, Christen und Juden bestens informiert ist. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, mich im Detail auszukennen. Und natürlich würde ich anderen Glaubensanhängern meine Fragen stellen, wenn ich welche treffen würde. Von unserem Prophet Mohammed (s.a.a.s) ist überliefert: „Nach Wissen zu streben ist eine Pflicht für jeden Muslim, Mann und Frau. Darum strebt nach Wissen, wo es zu finden ist, und erfragt es von all denen, die es besitzen.“

Foto: Official White House Photo by Lawrence Jackson

Pflicht zur Information

Wir sind also nicht nur in der Pflicht uns zu informieren, sondern in der Verantwortung, Fragen zu beantworten. Es ist anmaßend und arrogant, wenn einige Muslime festlegen, was Nichtmuslime über Ramadan mindestens wissen müssten. Es wäre fatal, wenn Nichtmuslime folglich das Gefühl erhalten, ihre Fragen seien dumm, nur weil sie „es immer noch nicht wissen“. Einer meiner Lehrer pflegte immer zu sagen: „Es gibt keine dummen Fragen, sondern nur schlechte Antworten.“

Foto: igmg.org

Wir kritisieren zurecht, weit verbreitete Vorurteile gegenüber Muslime. Andererseits sind einige Muslime genervt, wenn sie wiederholt mit Fragen zu ihrer Religion konfrontiert werden. Da machen es sich einige zu einfach. Wer als Muslim während des Ramadans Fragen von Nichtmuslimen öffentlich kritisiert, möge sich den Rest des Jahres zurückhalten, bestehende Vorurteile gegenüber Muslime anzuprangern.

Ramadan ist eine Chance

Der Monat Ramadan bietet uns Muslimen die Möglichkeit mit Nichtmuslimen über unsere Religion ins Gespräch zu kommen und mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Aus meiner Sicht sollten wir Muslime dankbar dafür sein, auf Fragen antworten zu dürfen, bevor es andere machen, die schlecht informiert sind oder ideologisch motivierte Unwahrheiten verbreiten.

Wir können uns Kundenberater zum Vorbild nehmen, die jeden Tag aufs Neue über ihre Produkte aufklären und gelegentlich auch scharf kritisiert werden. Wenn der Islam uns mehr wert ist als irgendein Produkt, sollten wir kein Problem damit haben, die Ramadan-Fragen vielleicht ein Leben lang zu beantworten.

Ich wünsche euch noch einen gesegneten Fastenmonat.

Wa Salaam
Said

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Über „Die Kunst des Friedens“ von Daniel Gerlach

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Es gehört zu den stilleren Gesten der politischen Literatur, über Frieden zu schreiben, während ringsum von Krieg geredet wird. 

(iz). Daniel Gerlach wagt genau das. Sein neues Buch „Die Kunst des Friedens“ fragt nicht, wie man Konflikte beendet, sondern wie man ihn erlernt.

Schon der Titel klingt altmodisch in einer Zeit, die häufig Strategen und Sicherheitsberater zu Wort kommen lässt. Der Nahostexperte will das Offensichtliche ins Gedächtnis rufen: Er ist kein Zustand, vielmehr ein Handwerk.

Der Fachmann und zenith-Herausgeber nähert sich diesem mit einer Gelassenheit, die man von ihm kennt – und mit dem Wissen eines Beobachters, der die Zerreißproben der Region aus nächster Nähe verfolgt hat.

Seine Perspektive bleibt nie bloß geopolitisch. Es geht ihm um kulturelle Muster des Zusammenlebens, um die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, statt sie zu tilgen.

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Foto: Orso, Shutterstock

Dass Gerlach dafür auf Beispiele aus Libanon, Syrien, Israel oder dem Nachkriegseuropa zurückgreift, ist kein Zufall. Die Bruchstellen dieser Gesellschaften werden zu Spiegeln unserer weltweiten Unfähigkeit, Frieden als soziale Praxis zu denken.

Sein Buch ist weniger Abhandlung als Bewegung zwischen Geschichte, Philosophie und Erfahrungsbericht. Gerlach schreibt in ruhigen, geschliffenen Sätzen, ohne den Anspruch des Wissenschaftlers oder die Überwältigungsrhetorik des Moralisten. Er argumentiert leise – aber entschieden.

Besonders eindringlich sind jene Passagen, in denen er zeigt, wie Vertrauensbildung scheitert, sollte sie institutionell verordnet statt menschlich gewachsen sein. Frieden, so deutet er an, beginnt dort, wo man dem anderen wieder zuhört, selbst wenn man kein Verständnis mehr aufbringen kann.

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Foto: Royalty-Free | Corbis Library

Formal erinnert „Die Kunst des Friedens“ an die klassische politische Essayistik: inhaltlich klar, ethisch verankert und frei von Zynismus. Das Buch besitzt etwas zutiefst Gegenwärtiges. 

Es spricht von einer Gesellschaft, die den Konflikt liebt, weil er Aufmerksamkeit verspricht, und die das Einvernehmen für Schwäche erachtet. Gerlach hält dagegen – nicht mit Appellen, sondern einer Art literarischer Gelassenheit.

Am Ende bleibt das Buch weniger ein Manifest als ein Kompass: ein Plädoyer, Frieden nicht wie eine Leerstelle zwischen Kriegen, vielmehr als kreative, manchmal mühsame Aufgabe zu begreifen.

„Die Kunst des Friedens“ ist nicht Ratgeber und politische Programmschrift, sondern ein Versuch, die Grammatik des Zusammenlebens neu zu denken. (A.Ö. Kartal)

* Daniel Gerlach, Die Kunst des Friedens: Eine andere Geschichte des Nahen Ostens – Deals, Friedensverhandlungen & Geheimdiplomatie, C. Bertelsmann 2025, 352 Seiten, gebunden, ISBN 3570105857, Preis: EUR 25,- (auch als eBook erhältlich)

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Was ist eine Fatwa?

(iz). Wir leben in einem historischen Augenblick, in dem viele Begriffe, die uns vertraut erscheinen, schleichend aber stetig an Substanz verlieren. Das wirkt sich im Denken wie in der zwischenmenschlichen Kommunikation aus, gilt aber besonders, wenn es um kritische Themen wie „Islam“ geht. Was für Muslime – oder für sachlich gebil­dete Menschen – jahrhundertelang Alltäglichkeit war, ist längst Streitpunkt beziehungsweise zum Augenblick des Schreckens geworden.

Dafür lassen sich viele Beispiele finden, aber eine Sache – prägnant, weil die stetige „Um­wertung aller Werte“ Nichtmuslime und Muslime betrifft – ist die berühmt-berüchtigte „Fatwa (plural Fatawa)“. Angefangen mit der längst ikonisch gewordenen „Fatwa“ des persischen Revolutionsführer Ayatollah Khomenei in der Causa Rushdie, über die virtuell verbreiteten Urteile von Terrorführern in den Bergen Afghanistans oder Jemens bis zu Hobby-Predigern in westlichen Gesellschaften: Sie alle haben den Muslimen mit ihren „Meinungen“ einen Bärendienst erwiesen.

„Traurige Beispiele sind politische oder militärische Bewegungen, die an die Macht kommen, und Muftis ernennen, die Fatawa erlassen, um ihre Handlungen zu rechtfertigen. Dazu gehören auch Muftis, die nicht die nötigen Voraussetzungen erfüllen oder Meinungen veröffentlichen, die Muslime zum Gespött von Nichtmuslimen machen“, meint Malik del Pozo, Lehrer für Qur’an, islamisches Recht und Arabisch. Die Liste zeitgenössischer Meinungen, die in den Augen von Nichtmuslimen sehr skurril erscheinen müssen, ist sehr lang und reicht von erhängten VHS-Kassetten, geht über absurde Rechtsmeinungen, die gelegentlich aus Kairo in unseren Breiten ankommen und endet nicht mit dem Verbot von Mickey Mouse oder dem Fahrverbot für saudische ­Frauen.

Vor Jahren bemerkte ein taz-Autor klug und richtig, dass wir in einer „Diktatur der Meinung“ leben. Wie zutreffend das bei den Fatawa ist (nur selten spricht jemand über die Muftis), kann am inflationären Gebrauch der Fatwa erkannt werden. Jede Selbstentäußerung einer öffentlichen Stimme – ob qualifiziert oder nicht – erhält so einen Status, der ihr im Normalfall nicht zukommen sollte.

Ob es sich um vermeintliche „Lehrzentren“ in der „muslimischen Welt“ handelt (die, laut informierten Stimmen hinter vorgehaltener Hand, auch schon einmal genehme Meinungen äußern) oder um interessierte Politikerinnen, die Privatfatawa zum Fasten in Sommermo­naten von sich geben: Es sind vor allem Meinungen. Gleichzeitig werden diese, wenn unbequem, auch schon einmal dadurch relativiert, dass es sich bei ihnen „nur um eine private Meinung“ handle.

Die Fatwa

Eine Fatwa bezieht sich im Allgemeinen auf ein neues Urteil, das von einer geeigneten Person durch eine Entscheidung gefunden wird – oder auch nicht. Es sollte, so der Gelehrte Dr. Asadullah Yate, „von einem anerkannten Mufti innerhalb einer existierenden Gemeinschaft kommen“ und durch eine akzeptierte Autorität bestätigt werden. ­Unabhängig davon, ob sich ein Richter (arab. Qadi) danach richtet oder nicht, könne es von Leuten als Richtlinie für ihr Verhalten genutzt werden.

Das grundlegende Verständnis einer Fatwa erläutert Malik del Pozo: „Die Notwendigkeit für eine Fatwa ergibt sich aus der Existenz einer Frage, die beantwortet werden muss.“ Der Fakt, dass sich diese Antwort nicht im Qur’an, in den Hadithen oder in den anderen Rechtsquellen finde, impliziere einen Mufti oder mehrere. Diese träfen in Folge eine Entscheidung, „die falsch oder richtig sein kann“.

Es handle sich hier um eine Frage ­großer Verantwortung. Es sei nicht ­selten gewesen, Imam Malik „ich weiß es nicht“ sagen zu hören. Selbst, wenn eine Entscheidung durch einen Mufti notwendig werde, müsse sie immer auf „Qur’an, Hadith und den Rechtsschulen basieren“. Daher brauche ein Mufti ein vertieftes Wissen auf diesen Gebieten. „Eine Fatwa kann sich niemals gegen die Scharia selbst richten.“ Im Falle von Muslimen, die in einem nichtmuslimischen Land leben, könne eine solche Rechtsmeinung auch nicht den dortigen Geset­zen zuwiderlaufen. „In der Scharia gibt es zwei große Oberkategorien für Fatawa: Die erste betrifft die gesamte Umma und ihre Antwort beruht auf Qur’an und Hadith. Die zweite richtet sich nach den Regeln einer bestimmten Rechtsschule (Madh­hab), die dieser eigen sind. Auch wenn dies früher nicht der Fall war, sollten ­allgemeine Fatawa heute von mehreren Muftis oder Gelehrten geschrieben ­werden.“


Foto: Der Mufti von Belarus (2019) in der Moschee von Minsk. (Foto: Santos1992, Shutterstock)

Der Mufti

„Was heute gerne in der Internet-Realität unter dem rechtlichen Begriff des ‘Muftis’ verstanden wird, unterscheidet sich von der historischen Realität des Dar Al-Islam“, meint Dr. Yate. Mit anderen Worten, in jeder funktionierenden, realen muslimischen Gesellschaft, die selbstständig war und sich an Richtlinien des Mittleren Weges orientierte, habe der Mufti bestimmten Bedingungen unterlegen: „Der Mufti ist ein Mudschtahid. Das heißt, er hat den Rang eines Rechtsgelehrten (arab. Faqih) inne, der in der Lage ist, in einer Sache zu einem Urteil zu kommen, die bisher noch nicht entschieden wurde.“ Seine absolute Mindestanforderung bestehe darin, dass er sein Wissen von Angesicht zu Angesicht von anerkannten ‘Ulama genommen habe und, dass er „die ‘Bidaya’ von Ibn Ruschd Al-Hadidh gemeistert hat“.

Ein Mufti gehöre zu einer spezifischen Gemeinschaft und stehe im Verbund mit ihrer Führung; „mit dem Ergebnis, dass seine Entscheidung einen gemeinschaftlichen und sozialen Kontext hat. Auch wenn er unabhängig in seiner Entscheidungsfindung ist, sollte er natürlich zu einem Urteil kommen, dass zum ­Nutzen der Gemeinschaft ist“.
Malik del Pozo beschreibt die Eigenschaften, die jemand haben muss, der eine Fatwa gibt: „Er oder sie braucht tiefes Wissen vom Qur’an, der Hadithwissenschaft, der arabischen Sprache und den Rechtsschulen. Charakterlich muss er gerecht sein, verantwortungsbewusst handeln, vertrauenswürdig sein, intelligent und sich um eine Antwort bemühen. Der entsprechende Mufti muss die Lebensbedingungen des oder der Fragen­den kennen, die in der Suche nach Antwort zu ihm kommen. Das beinhaltet ihre Zeit, ihren Ort und die Frage, ob sie in der Lage sein wird, die Fatwa auch umzusetzen.“ Vielleicht etwas überraschend für Nichtkenner der Materie ist, dass laut Del Pozo auch Frauen Fatwas erstellen können.

Im Gegensatz zu anderen, westlichen Rechtssystemen bereitet eine Fatwa nicht den Boden für ähnliche zukünftige oder verwandte Fragen. Fragen zur gleichen Sache von unterschiedlichen Leuten können zu vollkommenen anderen Fatawa führen. Das heißt, diese Kategorie der Urteile betrifft nicht alle Muslime, sondern ist „persönlich oder optional“.

Das Urteil des Qadis

Im Gegensatz zur „Fatwa“, die in ­aller Munde ist, kommt dem Qadi, der fester Bestandteil der deutschen Sprache ist, und seinem Urteil (Qada oder Hukm) ein klar verbindlicher Rang zu. Der Qadi sei, so Dr. Asadullah Yate, in seiner Entscheidung nicht an die Meinung eines Muftis gebunden.

Die Entscheidung eines Qadi, Hukm, bezieht sich im Allgemeinen auf die klaren rechtlichen Vorschriften, die im Qur’an enthalten sind, oder die durch den Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, ausgedrückt wurden.

„Es gibt weitere Rechtsquellen für das Urteil eines Qadi“, so der Gelehrte: Vorschriften, die nicht unmit­telbar klar werden, solche, die durch erweiterte Bedeutungen unterstützt ­werden und die durch das Mittel des Analogieschlusses (arab. Qijas) aus Passagen im Qur’an oder vom Propheten abgeleitet werden können, der Gesamtkörper aller Regelungen, die von den ersten vier Khalifen und den frühen Generationen des Islam stammen, Vorschriften aus der Zeit nach den ersten drei Generationen, über die Einigkeit besteht, anerkannte Bräuche sowie neue Fatawa, die im Laufe der Zeit zu einem festen und anerkann­ten Bestandteil des islamischen Rechts wurden.

Laut Malik del Pozo stellt das Urteil eines Qadis – ebenso wie eine Fatwa – eine gemeinschaftliche Verpflichtung (Fard kifaja) für die gesamte muslimische Gemeinschaft dar. Kommt ihr ein Teil der Muslime nach, dann ist das nicht länger die Verantwortung des Restes. Wird diese Pflicht von niemandem erfüllt, dann hat die gesamte Gemeinschaft einen schwerwiegenden Fehler begangen.

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Die IZ-Blogger: über Deutschlands Muslime und ihr Umgang mit der Medienwelt

(iz). „Unwissende werfen Fragen auf, welche von Wissenden vor tausend Jahren schon beantwortet sind“, sagte einst Goethe. An der Stelle könnte ich den Artikel auch beenden, oder kann sich nicht […]

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