Auslöser der Kritik ist der aktuelle NaDiRa-Monitor des DeZIM-Instituts, der zeigt, dass muslimische und andere „rassisch markierte“ Bewerberinnen deutlich schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben als nicht-markierte Personen.
Nach Darstellung der IGMG werden Menschen mit muslimischem Hintergrund selbst bei gleicher Bonität seltener zu Besichtigungen eingeladen, erhalten weniger Rückmeldungen und leben häufiger teurer, weniger geräumig und in stärker belasteten Wohngegenden.
Die IGMG spricht von einem „strukturellen Ausschluss“ und betont, dass Merkmale wie Name, Herkunft oder sichtbare Religiosität in Deutschland oft darüber entscheiden, ob Menschen überhaupt eine Chance auf ein Zuhause bekommen.
Ein Beispiel aus dem DeZIM-Bericht, das sie hervorhebt, vergleicht zwei Frauen mit gleicher Qualifikation und identischer finanzieller Lage: Die muslimische Bewerberin hat demnach eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, keine Einladung zur Besichtigung zu erhalten, als die nicht rassistisch markierte Frau.
Der Rassismusmonitor des DeZIM-Instituts zeigt laut Mediendienst Integration, dass Betroffene ihre Möglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt schlechter einschätzen als andere. So bewerten etwa 50 % der Befragten Muslime und 49 % Schwarze ihre Chancen, eine Wohnung zu finden, als sehr gering – gegenüber 25 % unter nicht rassistisch markierten Personen.
Experimente mit Wohnungsbewerbungen machen diese Ungleichbehandlung messbar: BewerberInnen mit deutsch klingenden Nachnamen haben demnach mit 22 % die höchste Wahrscheinlichkeit, zu einer Besichtigung zu kommen, während solche mit Namen aus der MENA-Region oder afrikanischen Ländern deutlich seltener eingeladen werden.
Eine Testing-Studie der Beratungsstelle gegen Alltagsrassismus zeigte zudem, dass die Hälfte der Anbieterinnen ausschließlich auf Anfragen mit deutschen Namen reagierte.
Foto: Jirapong, Adobe Stock
Neben der Zugangshürde verweisen die Daten auch auf ungleiche Wohnbedingungen und -kosten. Laut Statistischem Bundesamt zahlen Ausländerinnen im Durchschnitt rund 9,5 % höhere Quadratmetermieten als deutsche Mieterinnen; auch nach mehr als 20 Jahren Wohndauer liegt die Durchschnittsmiete für sie noch um gut 9 % höher.
Gleichzeitig lebt ein Viertel ohne deutschen Pass in Wohnungen mit weniger als 60 Quadratmetern, während dies nur auf 12 % der Menschen mit deutschem Pass zutrifft.
Die IGMG verweist darauf, dass Wohnraum mehr sei als vier Wände, sondern ein Ort der Sicherheit, des Ankommens und der Würde – ein Anspruch, der in der islamischen Tradition eng mit Gerechtigkeit verknüpft sei. Ein geschütztes Zuhause gelte demnach als Teil der von Gott gegebenen Würde, die allen Menschen zustehe.
Formell soll das AGG vor Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt schützen, Verbände und Fachstellen kritisieren jedoch laut Mediendienst Integration erhebliche Lücken. Betroffene könnten ihre Rechte häufig nicht wirksam durchsetzen; zudem unterliegen Vermieterinnen mit weniger als 50 Wohnungen weniger strengen Vorgaben, obwohl zwei Drittel aller Mietwohnungen von privaten Kleinvermietern vermietet werden.
Vor diesem Hintergrund forderte die IGMG seine Reform, damit Betroffene rassistischer Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt ihre Rechte effektiver durchsetzen können.
Die Verantwortung ende nicht bei Appellen, so die Organisation. Wenn Menschen allein wegen ihres Namens oder ihrer Religion systematisch benachteiligt würden, untergrabe dies nicht nur das Vertrauen der Betroffenen, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Demokratie.
Kennen Muslime ein Theodizeeproblem? Dr. Cemil Şahinöz formuliert islamische Antworten auf eine Frage, die nicht trivial ist. Vorweg eine kurze, bekannte Erzählung, welches die Thematik gut wiedergibt: Ein Friseur schnitt […]
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Dokumentation: Vortrag von Yavuz Kudret Gürsoy beim Fastenbrechen der Jusos Hamburg.
Meine verehrten Damen und Herren, liebe Funktionäre, liebe Freunde, der Friede sei mit Ihnen allen!
Ich möchte mich für die Einladung sehr herzlich bedanken – im Namen des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland und im Namen meines Vorstands, des Netzwerks muslimischer Akademiker.
Liebe Freunde, lassen Sie mich meine Ausführungen mit einem Gleichnis des gesegneten Propheten beginnen, das mit dem literarischen Symbol des Schiffes an unsere Hansestadt anknüpft.
„Das Gleichnis dessen, der Grenzen beachtet, und dessen, der diese überschreitet, ist wie Reisende auf einem Schiff, die per Los zugeordnet werden, wer auf das Oberdeck soll und wer unter das Deck. Jene unter Deck mussten immer über das Oberdeck gehen, um (ihr Bedürfnis zu stillen:) Wasser zu holen. So kamen sie nach einer Weile auf einen Gedanken und schlugen den Leuten vom Oberdeck vor, ein Loch in den Schiffsboden zu bohren, um so Wasser zu schöpfen, […]“
Der gesegnete Prophet führt aus: „Wenn die Bewohner des Oberdecks die anderen ihren Plan durchführen ließen, würden sie alle gemeinsam untergehen; aber wenn sie diese bei der Hand nähmen und sie davon abhielten, würden sie alle gerettet werden.“ (Al-Bukhari)
Es geht mir heute nicht um eine theologische Darstellung, vielmehr um die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich hier ableiten lassen. Gelehrte deuten die Reisenden auf dem Oberdeck u.a. als Führungspersonen, Institutionen, ja vielleicht die Exekutive; die Menschen unter Deck als die Bevölkerung, die Basis.
Es ist zweifellos lebenswichtig, dass das Oberdeck die Belange des Unterdecks versteht, sie im Auge behält und in einer gesunden Beziehung zu ihnen Regeln setzt. Es ist wichtig, dass das Oberdeck die Menschen im Unterdeck nicht gegeneinander ausspielt, dass es Frieden und Harmonie stiftet, dass es ihre Interessen im Auge behält. Das Oberdeck darf nicht in Wortgefechten ausufern, die das Schiff ins Wanken bringen oder Gefährden könnten. Wenn das Schiff sinkt, sinken alle, ohne Ausnahme.
Sitzen nicht wir alle in so einem Schiff? Wenn es Deutschland gut geht, geht es uns allen gut. Geht es der Bevölkerung gut, geht es dem ganzen Schiff gut, den Passagieren auf dem Oberdeck auch. Dafür stehen wir hinter unserer Demokratie, die als Staatsform die Gleichheit aller vor dem Gesetz garantiert.
Die Bürger unserer schönen Stadt sind Mütter, Kinder, Juden, Atheistinnen, Bauarbeiter, Rechtsanwältinnen, Gärtner usw. und gehören vor allem dem unteren Deck an. Sie bilden die Basis. Doch in den letzten Monaten wurde die Basis kräftig durchgeschüttelt. Heftige Stürme setzten dem Schiff zu.
Chauvinistische Rassisten trafen sich in Potsdam und beanspruchten das Schiff für sich, um andere von Bord zu werfen. Das Unterdeck gab sich tapfer, animierte das ganze Schiff zu großen Demonstrationen. Das Oberdeck freute sich und verlor doch den ganzheitlichen Blick: Der Bericht des Innenministeriums zur Muslimfeindlichkeit wurde nach minimaler Wirkung zurückgezogen. Erst kürzlich gab es wieder einen Brandanschlag in Solingen, bei dem Menschen muslimischen Glaubens starben. Die Gemüter sind beunruhigt. 134 islamfeindliche Straftaten allein im zweiten Quartal des vergangenen Jahres. Zu meinem Bedauern musste ich nach all dem feststellen, dass die Genossinnen und Genossen die Muslimfeindlichkeit in ihrem aktuellen Europawahlprogramm ausgeklammert haben.
Gleichzeitig führte die monoperspektivische Berichterstattung in Deutschland zu einer Gemütsunterdrückung im Unterdeck. Ein Teil des Unterdecks wandte sich gegen die Gewaltspirale im Nahen Osten und wollte ihrer Verzweiflung durch legale Meinungskundgebung Ausdruck verleihen. Die politischen Verhältnisse wurden jedoch entschlossen gegen die Menschenwürde aufgewogen. Regierungsmitglieder äußerten sich paternalistisch gegenüber der muslimischen Gemeinschaft. Der Geist war verwirrt, der Mund verschlossen, der Körper erstarrt, aber die Augen sahen weiter das Grauen in Gaza.
„Wer viel einst zu verkünden hat Schweigt viel in sich hinein. Wer einst den Blitz zu zünden hat, Muss lange – Wolke sein.“, wie Nietzsche weise dichtet.
Und siehe da, das Narrativ ändert sich… Es öffnen sich Fenster der Hoffnung: Politische und religiöse Größen wie Vizepräsidentin des Bundestages Aydan Özoguz, Bischöfin Kirsten Vehrs, der jüdische Vorsitzende Sammy Jossifoff und der BIG-Vorsitzende Mehmet Karaoglu konstatierten vor wenigen Tagen im Chor, dass jedes Opfer eines zu viel sei und Leid nicht gegen anderes Leid aufgewogen werden dürfe.
Das Schiff fährt also weiter, so viel ist sicher. Die Muslime in Deutschland werden die vergangenen Monate sicher nicht vergessen. Sie stellen eine Zäsur dar.
Muslimen ist es nicht gestattet, die Hoffnung aufzugeben… Sie wissen nämlich, dass Gott die Instanz ist, die unermüdlich hilft. Den Zustand in seiner Gänze anzunehmen (riza) und dennoch nach dem Guten zu streben (emr-i bilmaruf) ist das muhammedische Lebensverständnis. Es werden neue Allianzen geschmiedet, neue Wege gesucht und noch mehr soziales Engagement gezeigt, damit es uns allen Hamburgern in der Zukunft besser geht.
Gerne möchte ich noch einen weiteren Hoffnungsträger vorstellen: Das Netzwerk muslimischer Akademiker. Das Netzwerk fährt zweigleisig. Zum einen setzen wir auf die ideelle Förderung von Akademikerinnen und Akademikern, mit dem Ziel, das kritische und nachhaltige Denken in muslimischen Kreisen zu stärken und die muslimische Sicht auf gesellschaftliche Fragen in muslimische wie nichtmuslimische Denkkreise und Institutionen hineinzutragen.
Zum anderen bündeln wir die Kräfte in Berufsgruppen. Im letzten Jahr sind sechs Stammtische entstanden. Hier fördern wir die Vernetzung von Akademikerinnen und Akademikern sowie Unternehmerinnen und Unternehmern muslimischen Glaubens und ermutigen sie, die Gesellschaft mitzugestalten. Zuletzt trafen sie sich zu „Meet und Muhabbet“ und entwickelten Projekte zur Gestaltung der Gemeindearbeit. Die Stammtische bieten intern wie extern Fortbildungen und Gesprächskreise an.
So ermutigen sich unsere Mitglieder gegenseitig, Stadt und Gesellschaft stärker im Blick zu behalten. Wir erreichen derzeit über 500 Hochschulabsolventinnen und -absolventen in und um Hamburg.
Ich möchte meine Ausführungen mit dem ehrenwerten Dichter und Denker des Organischen, des Ganzheitlichen abschließen. Johann Wolfgang von Goethe beschreibt in einem Gespräch mit Eckermann, einem engen Vertrauten, wie ein gewaltsames Eingreifen des Unterdecks seinen Sinn verliert, wenn das Oberdeck wachsam und aufmerksam ist.
„Auch ich war vollkommen überzeugt, dass irgendeine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung. Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, sodass sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Notwendige von unten her erzwungen wird.“
Liebe Freunde, lassen wir uns von niemandem ein Loch in den Schiffsboden bohren.
Heute ist der 28. Ramadan. Wir Muslime verabschieden uns vom Monat der Läuterung der Herzen, der Gebete und der weit geöffneten Pforten Gottes. Sie als Jusos haben uns hier in diesen schönen Räumlichkeiten des Bucerius Law Schools zu einem IftarMahl versammelt. Für uns Muslime steht der Iftar für die Verbindung von Tüchtigkeit und Spiritualität. Es ist die höchste Form der Dankbarkeit. Und Sie teilen unsere Dankbarkeit, das ist eine besondere Geste…
In diesem Sinne bedanke ich mich nochmals für die Einladung und freue mich auf die Gespräche mit Ihnen…
Unter den Opfern befand sich auch der 22-jährige Hamza Kurtović, dessen Familie seitdem unermüdlich für Gerechtigkeit kämpft. Der Fall von Hamza und den anderen Leidtragenden steht emblematisch für die tiefgreifenden Probleme von Rassismus und Islamophobie in der deutschen Gesellschaft und wirft ein scharfes Licht auf die Notwendigkeit, für Gerechtigkeit und gegen das Vergessen anzutreten.
Der verschlossene Notausgang in Hanau: Ein Symbol verweigerter Gerechtigkeit
Eine der zentralen Kontroversen im Nachgang des Anschlags betrifft den verschlossenen Notausgang der Arena-Bar, einem der Tatorte. Dieser versperrte Ausgang könnte entscheidende Fluchtchancen blockiert haben. Die Staatsanwaltschaft lehnte jedoch eine Wiederaufnahme der Ermittlungen ab, trotz zahlreicher Hinweise und Beschwerden der Opferfamilien, darunter die der Kurtovićs.
Armin Kurtović, der Vater von Hamza, hat seine Enttäuschung und seinen Zorn über die mangelnde Verantwortungsübernahme und die ausbleibenden Konsequenzen deutlich gemacht:
„Nichts ist nach dem rassistischen Terror von Hanau, bei dem wir unseren Sohn Hamza verloren haben, wirklich passiert. Keine Konsequenzen. Weder für uns, noch für die anderen Betroffenen von rassistischer Gewalt. Keiner der Verantwortlichen musste seinen Posten räumen. Die Staatsanwaltschaft nahm bis jetzt keinen Verdacht gegen die Behörden ernst. Wir werden nun klagen. Und wir werden, wenn es nötig ist, bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen.“
Armin Kurtović – Januar 2024
Juristischer Kampf und Crowdfunding für Gerechtigkeit – für die Familie Kurtovic
Vor diesem Hintergrund hat die Familie Kurtović beschlossen, juristisch gegen die Untätigkeit der Behörden vorzugehen. Ihr Ziel ist es, bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen, um Gerechtigkeit für Hamza und die anderen Opfer zu erwirken.
Um die anfallenden Kosten für Gerichtsverfahren, Anwälte, Gutachten und notwendige Reisen zu decken, hat die Familie ein Crowdfunding-Projekt auf Commonsplace.de ins Leben gerufen.
Die Kampagne richtet sich an alle, die den Kampf gegen Rassismus und für eine gerechtere Gesellschaft unterstützen wollen. „Wir werden nun klagen. Und wir werden, wenn es nötig ist, bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen“, bekräftigt Armin Kurtović.
Die Familie betont die Wichtigkeit ihres Kampfes, der weit über ihren persönlichen Verlust hinausgeht und ein Zeichen gegen die allgegenwärtige Bedrohung durch rassistische Gewalt setzen soll. Die Gelder, die über die muslimische Crowdfundingplattform gesammelt werden, sind für eine Vielzahl kritischer Bedürfnisse bestimmt:
Gerichtskosten für mehrere Instanzen: Angefangen beim Klageerzwingungsverfahren bis hin zu möglichen Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, erfordert jeder Schritt finanzielle Ressourcen.
Anwaltskosten: Die Vertretung durch spezialisierte Anwältinnen und Anwälte ist essentiell, um die komplexe juristische Materie effektiv zu navigieren und die bestmöglichen Chancen auf Erfolg zu haben.
Kosten für Gutachten: Um die Argumentation zu stärken, sind oft detaillierte Gutachten von Experten erforderlich, die zusätzliche Kosten verursachen.
Reise- und Treffenkosten: Die Organisation von Treffen mit Zeugen, das Reisen zu Gerichtsterminen und die Koordination mit den Anwältinnen und Anwälten erfordern ebenfalls finanzielle Mittel.
Foto: Pradeep Thomas Thundiyil, Shutterstock
Die Botschaft der Familie Kurtović
Die Tragödie von Hanau hat eine Welle der Solidarität innerhalb der muslimischen Gemeinschaft und darüber hinaus ausgelöst, die sich eindrucksvoll hinter die Familie Kurtović stellt. Dieser Zusammenhalt demonstriert, wie wichtig gemeinschaftlicher Beistand und kollektives Handeln sind, um eine Bewegung für Gerechtigkeit und gegen Rassismus und Islamophobie voranzutreiben.
Ein Weckruf zum Handeln
Die Ereignisse um die Familie Kurtović sind ein klarer Aufruf, sich gegen Ungerechtigkeit zu erheben und für eine inklusive Gesellschaft einzusetzen. Jeder Beitrag zum Crowdfunding, jede geteilte Nachricht trägt dazu bei, ein starkes Zeichen gegen Rassismus zu setzen und das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Gerechtigkeit zu schärfen.
* Die Kampagne zur Unterstützung der Bemühungen finden sich auf der Webseite Commonsplace.de, auf der dieser Text zuerst veröffentlicht wurde.
„Zakat bietet sich als Heilmittel der radikalen Art an. Die Einkommensteuer scheiterte, den Graben zwischen Reichen und Armen zu verkleinern.“
(iz). Ich möchte über die Möglichkeit sprechen, wie die Zakat im seltsamen Kontext des heutigen Finanzsystems kreativ und erfolgreich funktionieren könnte. Die Frage ist eine bemerkenswert aktuelle. Eine der bekanntesten Eigenschaften des Islam ist seine resolute Stabilität.
Welche andere Weltreligion konnte nicht nur ihre Schlüssellehren bewahren, sondern die Einzelheiten ihrer Praxis? Wie das Gebet, Ramadan und Hadsch scheint die Zakat zeitlos zu sein. Es sind Regeln, die nicht zum Vergehen geschaffen wurden – niemals.
Die Zakat unterscheidet sich von anderen Säulen
Und doch unterscheidet sich die Pflichtabgabe von den anderen Säulen. Wenn das Gebet Anbetung Allahs ist, das Fasten Selbstverleugnung und Hadsch eine Rückbindung zur heiligen Vergangenheit und dem spirituellen Zentrum, dann betrifft die Zakat unsere Bindung zur Gesellschaft – in ihrer unverzichtbaren, finanziellen Dimension.
Religion leitet sich vom lateinischen Wort für „binden“ ab. Sie verbindet uns nicht nur mit dem Himmel, sondern mit dem Mitmenschen. Und ist eine besonders soziale Sache. Weil sich die uns umgebende Welt auf solch extremen und verwirrenden Wegen wandelt, steht diese Säule des Islam vor größeren Herausforderungen als die anderen.
Anders formuliert könnte man sagen, dass sie eine innere und eine äußere Dimension hat. Innerlich hat sie die Wirkung, uns von Elementen unserer Gier, Habsucht und der Teilnahmslosigkeit gegenüber anderen zu reinigen. Sie ist kathartisch.
Die Schari’a regelt und reinigt unsere Transaktionen. Aber das Fundament unseres sozio-finanziellen Austausches ist die Abgabe auf unseren Besitz. So bedeutsam ist wirtschaftliche Gerechtigkeit für die qur’anische Vision von Gesellschaft, dass dieser soziale Pfeiler sich darauf bezieht, wie Geld aufbewahrt, besteuert und ausgetauscht wird.
Selbstverständlich stellt sie keinen Ausschluss anderer sozialer Transaktionen dar. Zakat ist unser dritter Pfeiler und beispielsweise nicht die Aufrechterhaltung der Familienbande (arab. silat al-rahim). Und so ist die ganzheitliche, soziale Vision einer gläubigen und gerechten muslimischen Gesellschaft bezeichnenderweise auf ökonomische Gerechtigkeit fokussiert.
Einige der ersten Verse der Offenbarung waren düstere Warnungen vor Habgier und der Vernachlässigung des finanziellen Wohlergehens von benachteiligten Segmenten der mekkanischen Gesellschaft.
Foto: Christian Jepsen, NRC
Früher half sie zur Linderung von Armut
In früheren Zeiten trug die Institution der Zakat stark zur Linderung von Armut und anderen Bedürfnissen bei. Sie wurde oft von der enormen Infrastruktur der Stiftungen (arab. auqaf) in der weiten muslimischen Welt unterstützt. Obwohl der mittelalterliche Islam einige komplexe Finanzsysteme schuf – vergessen wir nicht, dass Worte wie Scheck oder Tarif arabischen Ursprungs sind –, bezieht sich die Theorie der klassischen Zakat auf eine weniger differenzierte Gesellschaft.
Heute legen Juristen die Stirn in Falten angesichts der Zunahme komplexer und häufig parasitärer Finanzinstrumente: lang- und kurzfristige Fonds, offene Portfolios (Macro Hedging), Terminhandel, Derivate und Immobilien-Investment-Trusts.
Ich möchte über den Weg nachdenken, auf dem das Prinzip der Zakat selbst – in seiner weiten und hoffentlich zeitlosen Architektur – eine bedeutende neue Kraft einführen kann. Wir müssen einen Augenblick über die Eigenartigkeit der heutigen Weltwirtschaft nachdenken. In ihrer Sprunghaftigkeit und Fremdheit scheint sie Spiegel so vieler anderer moderner Quellen von Sorge und Unsicherheit zu sein.
Dazu gehören Klimawandel, Terrorismus, das Verschwimmen sozialer Formen und Beziehungen, religiöse Verwirrung und die Dominanz einer globalen Kultur durch mächtige Medienkonzerne. In einem gewissen Sinne steht sie in Verbindung zu allen anderen Kopfschmerzen. Es ist aber ihre innewohnende Fremdheit, die sie in einer eigenen Kategorie hervorstechen lässt.
In wenig mehr als einer Generation wurden finanzielle Gesetze und Prozesse, welche der Welt jahrhundertelang zugrunde lagen, abgeschafft. Dank Tausender neuer Kreditformen wuchsen riesige Blasen an. Warum sind wir – in einem Zeitalter der Massenkommunikation – so unwissend, wenn wir mit mühelosen Klicks auf deregulierte Börsen Zugriff haben und sogar selbst mit Aktien handeln können? Das System erscheint beruhigend durchsichtig. Und doch sehen wir wegen der ganzen jungen Bäume das Feuer im Wald nicht.
Der Grund dafür ist, dass die Informationsrevolution mit dem Aufwuchern dessen zusammenfiel, was Benjamin DeMott „Müllpolitik“ nannte. Das ist die Politik der schmissigen, markigen Zitate. Wie moderne Kunst wird Politik weitaus zugänglicher, wenn sie Wahrheit durch Stil ersetzt.
Müllpolitik wird uns nicht dazu anleiten, auf angemessene Weise über soziale Ungerechtigkeit oder über Klimawandel nachzudenken. DeMott spricht davon, dass es in dieser neuen Welt „null Unterbrechung in den Vorgängen und Praktiken gibt, welche die existenten, verschränkten Systeme der sozioökonomischen Vorteilsnahme stärken“.
Das weltweite Finanzsystem fundiert auf der Täuschung, dass es mit Maßstäben von echtem Wert handle. Das ist sicherlich einer der Schlüsselgründe für die Sprunghaftigkeit der Märkte. Die meisten Schwankungen im Aktienkapital und den Warenmärkten werden von irrationalen Herdenimpulsen verursacht, anstatt von realen Dingen. Aber niemand weiß überhaupt irgendwas. Niemand weiß Bescheid.
Es herrscht beinahe universale Zustimmung, dass die Wirtschaft Blasen erzeugt. Billiges Geld, die Vermehrung der Geldmenge und das Regelwerk, dass trotz der Katastrophe von 2008 freizügig blieb, erlaubte ein Aufblühen der Schulden. Die Neo-Keynesianer behaupten, dass die Wirtschaft weiteren Anreiz in der traditionellen Form zusätzlicher Kreditspitzen brauche. Aber auch hier: Die Religion der Ökonomie hat eine großzügige Kirche.
Andere, darunter auch Köpfe der Österreichischen Schule, haben eine Reihe an Papieren veröffentlicht, um das Offensichtliche zu bekräftigen: Dass ein Anstieg an billigem Geld Finanzkrisen verursacht, anstatt sie zu beheben. Die Achterbahnfahrt von Auf- und Abschwung des neuen imperialen Kapitalismus führt uns zu einem unbekannten Ziel. Wir können nicht sagen, an welchem Punkt wir aussteigen. Niemand kann es uns sagen. Die Theoretiker sind sich uneins; und die Lage ohne bekannte Vorläufer.
Während in der Vormoderne – und sicherlich im politischen Modell des Islam – Funktionen der Zentralregierung im Wesentlichen auf Sicherheitsfragen und Kontrolle der Münzprägung beschränkt blieben, wurde der moderne Staat zu einem Monster. Seine Fangarme erstrecken sich auf jeden Aspekt des Lebens. Bildung, Justiz, Gesundheit und andere Schlüsseldimensionen unserer Existenz unterliegen einer peinlich genauen Regelung und Kontrolle des Staates.
Und das Geld selbst, der Schlüsselindikator für Wert, wird durch die staatliche Zentralbank bewertet und geschaffen. Es kommt nicht aus den Minen von Allahs fester Erde. Vielmehr besteht es aus Papierschnippseln, deren Wert durch zentrale Politik festgelegt wird.
Foto: Dubai Shopping Festival
Islamische Werte und persönliche Freiheit
Auch hier bestehen unsere Werte auf persönlicher Freiheit: Eine Privatwährung, deren Wert außerhalb der Macht der Zentralbanken liegt, ist der wesentliche Maßstab des Austausches. Anders als Bitcoins, deren behaupteter libertärer Vorteil das Problem ihrer Sprunghaftigkeit nicht überzeugend überwiegt, erlauben Gold und Silber (die Naqdain) Privatpersonen beträchtliche Freiheit von Manipulation durch Staaten und Konzerninteressen.
Sie bieten Schutz vor unerwarteten Schuldenschnitten, Steuern und anderen, staatlich erzwungenen Eingriffen in den persönlichen Besitz. Und wenn die Geldautomaten einmal kein Geld mehr ausgeben, wird der Wert der beiden klar.
Wie zuvor angemerkt dreht sich die dritte Säule des Islam überhaupt nicht ums Banking, sondern um Gerechtigkeit. Zakat ist eine verpflichtende Reinigung unseres finanziellen Blutkreislaufes.
London ist die Heimat vieler Ultrareicher; mehr als jede andere Stadt in der Welt. Eine erhebliche Menge von ihnen sind Muslime, darunter einige russische Oligarchen. Die Folgen ihres goldenen Lebensstils sind allgegenwärtig. Luxusgeschäfte bieten kultursensible Termine für Damen aus dem Golf. Die schicksten Hotels wie das Dorchester und das Savoy haben weibliche Butler, Gebetsräume und Halal-Köche.
Unglücklicherweise scheinen sich viele nahöstliche Auswanderer gegen die Idee zu wehren, dass sie, wenn sie im Ramadan fasten oder in der Moschee des Dorchester beten, gleichfalls zakatpflichtig werden. Das Gebet (arab. salat) reimt sich auf Zakat. Ein solcher Islam ist unausgeglichen. Es ist ein Islam, der sich nicht reimt. Und die Wirkung für die Seele ist oft an ihren Gesichtern abzulesen.
Reichtum verhärtet oft das Herz
Reichtum verhärtet oft das Herz. Eine Studie der Princeton Universität legt den Schluss nahe, dass das Gehirn von wohlhabenden Studenten anders auf Bilder von Armut und Leiden reagiert als jenes von Studenten, die arbeiten oder Darlehen aufnehmen mussten. Es scheint so, dass Wohlstand und Privilegien nicht nur das Herz verhärten, sondern auch das Gehirn neu verkabeln.
Daher bietet sich Zakat als Heilmittel der radikalen Art an. Die Einkommensteuer scheiterte, den Graben zwischen Reichen und Armen zu verkleinern. Sozialleistungen und Gesundheitsvorsorge werden weiter beschnitten. Hier bietet die Offenbarung eine andere Lösung. Im Wesentlichen ist Zakat eine Netto-Vermögenssteuer. Es gibt Ausnahmen: das eigene Haus beispielsweise. Aber die ein-Euro-für-jeweils-40-Euro-Abgabe bleibt vielversprechend.
Wir müssen uns nur ausmalen, welche Summen hier von muslimischen Millionären in Großbritannien anfielen. Nach Angaben des Muslim Council of Britain gibt es mehr als 10.000. Zusammen besitzen sie beinahe vier Milliarden Pfund. Das wären auf einmal hundert Millionen Pfund jährlich als Zakat.
Und was ist mit den rund 14.000 Londoner Firmen in muslimischem Besitz? Über ein Drittel der kleinen bis mittleren Unternehmen in London gehört heute ihnen. Wie sieht es dort mit Zakatpflicht aus? Bereits jetzt sind sie nach Angaben der Spendenkommissionen pro Kopf die großzügigsten Spender des Vereinigten Königreichs.
Aber bei der Zakat geht es nicht um Spenden. Dafür gibt es Sadaqa, die etwas anderes ist. Zakat hat nicht nur ein wohltätiges Ziel, sondern eine höhere Funktion der Umverteilung. Sie ist Teil einer breiteren Philosophie, die untrennbar zur sozialen Vision gehört. Während wirtschaftliches Handeln ermutigt wird, wird die langfristige Kapitalanhäufung durch verschiedene Prinzipien der Schari’a eingeschränkt.
Eines davon ist ein System der Erbschaftssteuerung. Bei Muslimen wird der Nachlass mehrfach aufgeteilt: Alle Kinder erben sowie weitere Verwandte. Und ein Drittel muss außerhalb des Familienkreises abgegeben werden. Oft wird es sich dabei um eine Stiftung handeln. Noch bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts gehörte ein Drittel der Fläche Istanbuls solchen Auqaf. Deren Einkünfte konnten nur für wohltätige Ziele benutzt werden.
Im Qur’an ist von einer Art von Wohltätigkeit die Rede, deren Empfänger „Verwandte, Waisen, Arme und Reisende“ sein sollen. „Damit dieser Besitz nicht nur unter den Wohlhabenden von euch zirkuliert.“ Reichtum muss wieder untergepflügt werden; in die niedrigeren und benachteiligten Segmente der Gesellschaft. Das sind Obdachlose, Alleinstehende, der Flüchtling und der Asylsuchende. Dies sind alles zeitlose Kategorien des menschlichen Bedürfnisses. Sie haben ein Recht auf die Mittel der Glücklichen.
Die Vorteile einer Steuer auf das Vermögen, anstatt auf das bloße Einkommen, werden nicht nur im Qur’an erklärt. 2014 kam es zu einer Sensation, als der französische Ökonom Thomas Piketty sein Buch „Capital in the Twenty-First Century“ veröffentlichte.
Er behandelt hier Einkommensunterschiede. Wenn Kapitalerträge die Wachstumsraten überstiegen, würden die Reichen noch reicher. Das gefährde schlussendlich das gesamte globale System. Die Lösung sei keine Einkommens- oder Verkaufssteuer, sondern eine Vermögensabgabe. Piketty gibt beinahe das klassische islamische Denken wieder.
Dieses Modell würde auch die Wirtschaft beleben. Hier sei lagerndes Geld einem jährlichen Schnitt unterworfen. Das würde Anteilseigner zwingen, in profitable Geschäfte zu investieren. Diese wiederum würden höhere Einkünfte erzielen, da die Einkommenssteuer anteilig geringer ausfiele.
Parasitische Investitionen würden durch aktivere Strategien ersetzt. Piketty sagt voraus, dass dies unsere Ära der Stagnation beenden und die Rückkehr zu einem gesünderen Wirtschaftsmodell darstellen würde, das auf Steuern als negativer Bestärkung basiere. Passive Einlagen würden leiden, während wirtschaftliche Aktivität belohnt werde.
Foto: Secl, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 3.0
Wir müssen uns außerdem an einen weiteren interessanten, aber bedauerlicherweise vergessenen Fakt erinnern. Wir denken beim Zakatniveau an eine Flatrate von 2,5 Prozent. Jedoch erhöht das Recht diese bei bestimmten Kapitalgruppen. Namentlich wäre hier jene Kategorie zu nennen, die als Rikaz bekannt ist. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Bodenschätze ohne vorherige Eigentümer.
Obwohl die Rechtsschulen hier differieren, stellen wir fest, dass mineralischer Reichtum – nach seiner Förderung – eine 10- oder 20-prozentige Zakat bedeutet. 2008 veröffentlichte das Institut für Islamische Forschung der Al-Azhar darüber eine Fatwa. Erdölvorkommen hätten demnach – wie andere mineralische Bergbauprodukte – als Rikaz zu gelten.
Daher rief der Mufti die erdölreichen Golfstaaten auf, eine 20-prozentige Rate auf alle Energieträger zu bezahlen, sobald sie aus dem Boden kämen. Die Einkünfte sollten benutzt werden, um die Wirtschaft der ärmeren muslimischen Länder zu verbessern und um die Leiden der Armen und Flüchtlinge zu lindern.
Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass dieser Gedanke ekstatische Aufnahme am Golf fand. Jedoch finden sich die höheren Prozentraten der Zakat in den juristischen Handbüchern. Die zeitlose Relevanz dieser Texte wird ganz deutlich, betrachten wir, wie enorm groß die Wirkung einer solchen jährlichen Abgabe wäre; wenn sie korrekt angewandt würde. Sie könnte in Ländern wie Bangladesch oder Mali, wo ein Dirham vieles kaufen kann, Erleichterung bringen.
Das Horden von Kapital in Londoner Immobilien, der spekulative Aufkauf von moderner Kunst, Fußballvereinen sowie Anteilen von Apple oder Fox News wäre so eingeschränkt. Und es würde die Anlagenpreise auf eine mehr erkennbare Normalität zurückstutzen. Die Weltwirtschaft zöge Nutzen daraus. Denn es käme zu neuer Importnachfrage in den Ländern, welche durch die Rikaz-Zakat entwickelt würde. Es könnte eine grundlegende Industrie finanzieren und Handel anregen – insbesondere in den OIC-Staaten.
Betrachten wir eine weitere vernachlässigte Konsequenz: Sie zielt spezifisch auf Bodenschätze inklusive fossiler Brennstoffe ab. Ein realer Anstieg von 20 Prozent bei der Öl-, Kohle- und Gasförderung stellt eine reale und gleichwertige Subvention von erneuerbaren Energieträgern dar. Es gibt keine Zakat Ar-Rikaz auf Wasserkraft, Windkraftanlagen und Solarzellen. Wenn es sich bei ihnen um Privatinvestitionen handelt, unterliegen sie der üblichen 2,5-prozentigen Zakatpflicht.
* Dieser Text ist die gekürzte Version eines Vortrages, der am 19. Mai 2016 auf einer Veranstaltung zum Thema in London gehalten wurde.
(iz). In diesem Zeitalter müssen wir feststellen, dass es ein Vakuum bei genuin weiblicher Macht gibt. Im Folgenden stellt die Autorin das islamische Stiftungswesen als eine Option für das Handeln […]
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(iz). Im Qur’an finden wir, dass wir das Vermögen anderer nicht falsch, ungerecht oder eitel verbrauchen dürfen. Der dabei verwandte Begriff „Batil“ (für „falsch“) beschreibt alles, das leer oder nicht […]
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(iz). Der zeitgenössische muslimische Diskurs konnte oder wollte die Relevanz der ökonomischen Lehre des Islam bisher nicht verstehen. Was diese heute sein kann, wenn eine grenzenlose Wirtschaft und ihre Strukturen die Politik in die Defensive drängen, wurde von den muslimischen Eliten weder formuliert, noch debattiert.
Es ist festzuhalten, dass es sich bei meinen Überlegungen nicht um eine individuelle „Meinung“ handelt. Vielmehr sind dies nachvollziehbare Positionen, die sich im Laufe unserer redaktionellen Arbeit kristallisierten – auch durch den direkten Austausch mit qualifizierten Gelehrten.
Was macht der akademische Betrieb? Der akademische Ansatz geriert sich als Avantgarde des islamischen Denkens – so wird er zumindest von außen beschrieben -, kann relevante Zeitfragen aber nicht beantworten. Zwischen akademischer Profession, die sich von der klassischen Lehre abhebt, und dem Expertentum des „Diskurses“, existiert Islam meist nur als esoterische Morallehre oder als soziales Problem. Vergleichen wir diesen mit allgemeinen anerkannten Quellen der traditionellen islamischen Lehre, könnte man meinen, dass es sich hier um verschiedene Welten handelt.
Was die Relevanz des Islam angesichts einer unaufgeklärten Wirtschafts- und Geldsphäre ist, wurde von diesen Eliten bisher nicht formuliert. Zumindest nicht, wenn wir vom fragwürdigen „islamischen Finanzwesen“ absehen, dass im Umfeld der Muslimbruderschaft entstand, bis es von globalen Bankern geschluckt wurde.
In seinem Buch „Neo-Moslems“ erwähnt Eren Güvercin die Krise des Kapitalismus und die Möglichkeit von Alternativen im Islam: „Typisch für den modernistischen Islam, wie er sich im 19. und 20. Jahrhundert gebildet hat, ist das völlige Fehlen einer kritischen Reflexion über die Mechanismen und Folgen einer kapitalistischen Wirtschaftsweise. Schaut man nach Saudi-Arabien und den dort dominanten Wahabismus (…), wird klar, dass der Islam keine Rolle spielt (…). Es sei denn, man zählt dazu, dass es in der Bank getrennte Schalter für Frauen und Männer gibt.“
Die Bilanz der innermuslimischen Debatte – nach Jahren der Finanz- und Wirtschaftskrise – fällt mager aus. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in letzter Zeit ein Dokument zur Zakat vom „organisierten Islam“ oder der akademischen Elite gegeben hätte. Die einzige Ausnahme sind Verbände oder Hilfsorganisationen, die Spender animieren wollen. Der Gelehrte Abdulhakim Murad rückt das Fehlen der ökonomischen Debatte in den globalen Kontext: Heute gebe es in keiner muslimischen Gesellschaft eine islamische Ökonomie. „Die nationalen Eliten und die Logik der Globalisierung stehen der Wiedergeburt eines ursprünglichen, auf das islamische Recht basierenden Wirtschaftens entgegen.“
Wo bleibt das Leben? Ein Blick auf die Rechtswerke Muwatta’ (von Imam Malik), Mudawwana oder viele andere Bezugspunkte des islamischen Denkens belegt, dass ein ganzheitlicher Din nicht nur aus Anbetung besteht, sondern ebenso aus Verhaltensmustern in den sozio-ökonomischen Transaktionen (Mu’amalat). Kurz nach den „Fünf Säulen“ handelt das Standardwerk von Imam Malik zu zwei Dritteln von Verträgen, Kaufen und Verkaufen, Geschäftsformen, Erbschaften, Geschenken usw.
Es ist eine bittere Ironie, dass man sich manchmal bei Autoren wie Bernard Lewis – sicher kein Freund des Islam – informieren muss, wenn man etwas über Dinge wie Gilden lernen will. Wo ist die Elite, die in Auqaf, Gilden oder Märkten praktische Inspirationen sieht? Was uns fehlt, sind mehr Alexanders, die unsere Gordischen Knoten durchschlagen.
Der Gang zur Quelle Einige zeitgenössische Gelehrte aus dem Westen, die ihre Verwurzelung in der islamischen Tradition nachhaltig auf die Moderne anwenden, leisteten etwas, was der universitären Elite bisher versagt blieb. Mit dem Erfahrungshorizont der Moderne und einer fundierten islamischen Ausbildung bei traditionellen Lehrern befragten sie ihr Wissen vom Din auf seine Relevanz für die heutige Zeit.
Im Gegensatz zum gescheiterten Diskurs der arabischen Welt, bestand ihre Antwort nicht darin, den Kapitalismus zu „islamisieren“. Vielmehr analysierten sie die Ökonomie und das ihr zugrunde liegende Geldsystem vis-à-vis des klassischen islamischen Rechts. Die Konsequenz war zeitgemäß und vorwärtsweisend, hatte aber gleichermaßen eine feste Rückbindung zum prophetischen Vorbild. Ihr Symbol sind der Islamische Golddinar und die freien Märkte.
Ein historisches Beispiel für ökonomische Relevanz ist der Andalusier Ibn Ruschd (Averroes). Er schrieb mit seiner „Bidajat“ nicht nur ein sehr wichtiges theoretisches Werk (mit einem großen Kapitel über Verträge und Verkäufe), sondern befasste sich eingehend mit Wucher (Riba).
Weil der Qur’an und unser Din zu allen Zeiten relevant sind, forschten diese Gelehrten in den Quellen nach ökonomischen Aspekten. Muslime prägten wieder die ersten islamischen Münzen, organisierten Märkte und schufen online-Bezahlsysteme auf Gold- und Silberbasis. Die Dauerkrise und das Scheitern inflationärer Papiergeldwährungen geben ihnen Recht. Apologeten des „Islamic Banking“ hingegen haben nicht viel mehr vorzuweisen, als das wohlige Gefühl, ein moralisch korrekter Teil des Kapitalismus zu sein.
Zakat: Die gefallene Säule Messen wir den Entwicklungsstand der muslimischen Community und ihrer Eliten an der Zakat, könnten wir skeptisch werden. In der akademischen Debatte und in Verlautbarungen des “organisierten Islam“ bleibt sie marginal. Wird sie praktiziert, dann in Form von Spenden an Familienmitglieder, als Ermächtigung für muslimische Verbände sowie als quasi Entwicklungshilfe für die „Dritte Welt“. Ansonsten herrscht Funkstille. Nicht ohne Grund schrieb Schaikh ‘Abdulhaqq Bewley vor mehr als 12 Jahren in der IZ von der Zakat als einer „gefallenen Säule“.
Wir Muslime müssen ihren fundamentalen Charakter erkennen. An mehr als 30 Stellen bringt Allah sie sprachlich mit dem Gebet zusammen, wodurch ihr der gleiche Rang zukommt. Außerdem wird sie, im Gegensatz zur Spende, genommen und nicht gegeben. Dieses „Nehmen“ setzt voraus, dass sich Muslime einer lokalen Gemeinde auf einen Verantwortlichen einigen, den sie ermächtigen, sie zu nehmen – und in kürzester Zeit vor Ort verteilen.
Innerhalb der Rechtsschulen wird die Versendung der Zakat ins Ausland entweder vollkommen abgelehnt, oder nur als extremste Notlösung geduldet. Die Behauptung, es gebe keine Empfänger in unserer Nähe, da diese ja Hartz-IV beantragen könnten, dokumentiert ein Missverständnis. Zwei Dinge darf man mit der Zakat nicht: Moscheen bauen oder Verbandsstrukturen finanzieren.
Die intellektuellen Eliten der muslimischen Gemeinschaft stehen in der Pflicht, den essenziellen Aspekt der Zakat wieder zu entdecken. Auch dann, wenn dies bisher im universitären oder im verbandspolitischen Betrieb kein Thema war. Ein weiteres Jahrzehnt der Obsession mit „Identität“, „Integration“ und „Repräsentation“ können wir uns nicht leisten.
Schweigen der Lämmer „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“, ist das bekannte Diktum Max Horkheimers. Soweit es die Mu’amalat betrifft, kann man diese Feststellung dahingehend abwandeln: Wer aber zur Ökonomie schweigt, hat auch nichts Relevantes über den Islam zu sagen. Wie kann man Führung beanspruchen, wenn man die Frage nach Geld und Ökonomie so konsequent ausblendet, wie es heute geschieht? Es sei denn, man akzeptiert, dass der Islam eine esoterische Morallehre sein soll.
Nicht nur „Islamkritiker“, auch viele Muslime haben einen vorrangig politischen Zugang zum Islam. Ein Blick in den Qur’an und die rechtlichen Standardwerke zeigt, dass es deutlich mehr ökonomische und wirtschaftliche Regeln als politische gibt: das Wucherverbot, die Pflicht der Zakat sowie die Erwähnung von (Gold-)Dinar und (Silber-)Dirham.
Was ist Geld im Islam? Schaikh Imran Hossein definiert es so: „Geld im Islam sind entweder wertvolle Metalle wie Gold und Silber, oder haltbare Lebensmittel. So kam es, dass auf dem Markt von Medina bei Mangel an Gold- und Silbermünzen haltbare Waren wie Datteln als Zahlungsmittel verwendet wurden.“ Da sich Gold und Silber als praktisch erwiesen, wurden sie von vielen Kulturen anderen Zahlungsmittel vorgezogen.
Es waren die Salaf, die das Verhältnis von Silber zum Gold festlegten. Dabei stützten sie sich, wie Ibn Khaldun in der „Muqadimma“ schrieb, auf die zur Zeit des Propheten benutzten Münzen. Laut Imam Al-Qurtubi gehört die Garantie der Münzen neben der Marktaufsicht zu den grundlegenden Aufgaben der politischen Autorität. Dinar und Dirham sind die (Doppel-)Währung des Islam. Auf ihnen basieren die Transaktionen der Scharia: Zakat, Mahr, Fidja, Kaffara und andere.
Das positive Gebot der Zakat und die Parameter des prophetischen Vorbilds für Verträge, Märkte und korrekte Maße bilden die Grundlage für ein Wirtschaften, das Gerechtigkeit, soziale Mobilität und Wohlstand für die Allgemeinheit ermöglicht. Dem angeschlossen sind Stiftungen und Gilden, die in weiten Teilen der islamischen Geschichte hochkomplexe Lösungen für sozio-ökonomische Probleme ermöglichten.
Apologeten des Bankings Die andere Seite ist das Verbot des Wuchers. Im Qur’an, der Sunna und im Recht wird Riba als extrem gravierend beschrieben. Eine Sache, der Allah und Sein Gesandter „den Krieg erklärt haben“ (Al-Baqara, 279). Diejenigen, die damit beschäftigt sind, sind wie jene, „die Schaitan mit Wahnsinn geschlagen hat“ (Al-Baqara, 275). Die Gelehrten bezeichnen Riba als schwerwiegende Untat, die nicht in dieser Welt gesühnt werden kann.
Riba hat schädlichste Folgen für die Gleichheit des Marktes. Der Wucher eröffnet die Tür für soziale Ungleichheit und Unterdrückung. Das Wort bedeutet im Arabischen „Exzess“ oder „Überschuss“. Der malikitische Gelehrte Qadi Abu Bakr ibn Al-’Arabi definiert ihn in seinem Werk „Ahkam Al-Qur’an“ so: „Jeder Überschuss zwischen dem Wert der gegebenen Güter und ihrem Gegenwert [dem Wert der empfangenen Güter].“
Während das traditionelle Recht auf die Verhinderung von Riba abzielte, gingen die Modernisten ab Ende des 19. Jahrhunderts den gegenteiligen Weg. Sie wollten die Nachahmung des Westens und seiner scheinbar erfolgreichen Machtinstrumente. Daraus erwuchs unter anderem die Idee der „islamischen Bank“ – und Versicherungen, Börsen, Hypotheken etc. Damit dies gelingen konnte, musste das Recht dekonstruiert und etablierte Vertragsformen neu definiert werden. Heute hat sich daraus der Riesenmarkt des „islamischen Finanzwesens“ entwickelt. Kontrolliert wird dies von Großbanken und nutzt vor allem deren, mehrheitlich nichtmuslimischen Anteilseignern. An der ökonomischen Wirklichkeit der muslimischen Welt hat es nichts Greifbares verändert, noch die sozio-ökonomische Lage muslimischer Minderheiten – trotz des Hypes – im Westen verbessert.
Es ist ironisch, dass immer mehr Nichtmuslime die Unmöglichkeit unserer ökonomischen Verhältnisse erkennen und händeringend nach praktikablen Alternativen suchen. Zeitgleich dazu war die einzige ökonomische Handlung des „organisierten Islam“ in der letzten Zeit die Legitimierung der – schwer in Mitleidenschaft gezogenen – WestLB in Form einer „Fatwa“, um einem auf Muslime zugeschnittenen Fonds einen „islamischen“ Anstrich zu verleihen.
Diejenigen, die für den Islam in Deutschland sprechen, denen Wissen gegeben wurde oder die zur wachsenden akademischen Elite gehören, sind gefragt. Verharren sie in ihrer Nische oder tragen nichts Relevantes zu den Problemen unserer Zeit bei, kann es passieren, dass Allah andere hervorbringen wird.
Dieser Artikel ist die gekürzte und überarbeitete Version eines Textes, der in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Horizonte – Zeitschrift für muslimische Debattenkultur“ erschienen ist.
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