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Ibn ‘Arabi, Fahreddin Razi und Said Nursi im Gespräch

Razi Ibn Arabi Nursi

Diese Frage nach der Gotteeserkenntnis verbindet drei bedeutende Denker unterschiedlicher Epochen: den Theologen Fakhraddin Razi, den Sufi Ibn ‘Arabi und den modernen Gelehrten Said Nursi.

(iz). Ausgangspunkt der Diskussion ist ein Brief Ibn ‘Arabis an Fakhraddin Razi. Darin formuliert er den bemerkenswerten Satz: „Allah zu kennen, ist etwas anderes, als seine Existenz zu kennen“ (Işık, 2002, S. 52).

Jahrhunderte später greift Said Nursi diese Aussage in seinem 26. Brief (Nursi, k.A., S. 610) auf und entwickelt daraus eine eigenständige Synthese zwischen Kalam, Sufismus und koranischer Weltsicht.

Fakhraddin Razi und die Tradition des Kalam

Fakhraddin Razi zählt zu den bedeutendsten Vertretern der islamischen Theologie. Seine Werke zur Philosophie, Logik und Qur’anauslegung prägten Generationen muslimischer Gelehrter. Wie viele Kalam-Theologen versuchte er, die Existenz Gottes durch rationale Beweise zu begründen.

Der klassische Kalam geht dabei von der Endlichkeit und Kontingenz der Welt aus. Da jedes geschaffene Ding eine Ursache benötigt, kann die Kette der Ursachen nicht unendlich fortgesetzt werden. Ebenso ist ein Zirkelschluss ausgeschlossen. Folglich muss es ein notwendiges Sein geben, das selbst keiner Ursache bedarf: Gott.

Für die Theologen ist dieser Weg legitim und notwendig. Er schützt den Glauben vor Skepsis und bietet intellektuelle Sicherheit. Dennoch sahen manche Mystiker darin eine Grenze. Gerade an dieser Stelle setzt Ibn Arabis Kritik an.

Foto: Wikimedia Commons

Ibn ‘Arabis Einwand

Im Zentrum des Briefes steht die Unterscheidung zwischen dem Wissen um die Existenz Gottes und der spirituell erfahrenen Gotteserkenntnis.

Nach Ibn ‘Arabi kann der Verstand durchaus zur Überzeugung gelangen, dass Gott existiert. Doch der Intellekt bleibt an Begriffe, Definitionen und logische Strukturen gebunden. Er erkennt Gott nur durch Verneinung und Bejahung, nicht jedoch in seiner eigentlichen Wirklichkeit.

Der Verstand kann über Gott sprechen, ihn beschreiben und seine Existenz beweisen. Er vermag aber nicht, Gott selbst zu erfahren. Daher schreibt Ibn ‘Arabi an Razi, dass ein Mensch mit hohen geistigen Zielen seine Lebenszeit nicht ausschließlich mit theoretischen Spekulationen verbringen dürfe.

Die höchste Erkenntnis könne nicht allein aus Büchern und Diskussionen entstehen, sondern müsse durch innere Läuterung, Gottesgedenken und spirituelle Erfahrung gewonnen werden.

Die Grenzen des Intellekts

Ibn ‘Arabi lehnt die Vernunft nicht grundsätzlich ab. Er erkennt ihren Wert ausdrücklich an. Der Intellekt besitzt jedoch eine natürliche Grenze. Die Vernunft arbeitet mit Unterscheidungen, Kategorien und Begriffen. Sie analysiert, trennt und definiert. Gerade darin liegt ihre Stärke.

Gott entzieht sich jedoch jeder vollständigen Begriffsbildung. Das Unendliche kann nicht vollständig vom Endlichen erfasst werden.

Aus diesem Grund spricht Ibn ‘Arabi von der Notwendigkeit des „Kaschf“ (Işık, 2002, S. 52), der Enthüllung oder inneren Schau. Gemeint ist damit keine Abschaffung des Denkens, sondern eine zusätzliche Erkenntnisweise, die über die rein rationale Reflexion hinausgeht. Der Mensch soll Gott nicht nur denken, sondern ihm begegnen.

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Foto: Pxhere.com

Die Grenzen rationaler Gewissheit

Bemerkenswert ist, dass der Andalusier seine Kritik nicht abstrakt formuliert. Er verweist vielmehr auf eine innere Krise Fakhraddin Razis selbst. Dieser hatte durch seine außergewöhnliche intellektuelle Begabung gelernt, nahezu jede Position zu verteidigen und zugleich zu widerlegen. 

Gerade diese Fähigkeit führte jedoch zu einer tiefen Skepsis. Wer jede Argumentation hinterfragen kann, gerät irgendwann auch hinsichtlich der eigenen Überzeugungen ins Wanken.

Einige Berichte und Teile seines späteren Werkes lassen ein zunehmendes Interesse an spirituellen Fragestellungen erkennen. Ob er tatsächlich den mystischen Weg vollständig beschritt, bleibt historisch umstritten (Rustom, 2014). Sicher ist jedoch, dass spirituelle Fragestellungen in seinen späteren Werken einen größeren Raum einnehmen.

Vermittlungsversuch

Said Nursi stimmt Ibn ‘Arabi in einem entscheidenden Punkt zu: Die bloße rationale Theologie führt nicht zur vollkommenen Gottesgegenwart. Er schreibt, dass die mit Hilfe des Kalam erworbene Gotteserkenntnis weder vollkommene Erkenntnis noch vollständige innere Gegenwart hervorbringe (Nursi, k.A., S. 611). Zugleich hält er jedoch Abstand zu bestimmten Formen der Mystik.

Nursi kritisiert, dass manche Sufis zur Verwirklichung der ständigen Gottesgegenwart Formeln wie „Es gibt nichts Existierendes außer Ihm“ oder „Es gibt nichts Wahrnehmbares außer Ihm“ verwendeten.

Er verbindet insbesondere bestimmte Strömungen des Sufismus, darunter auch die Schule Ibn ‘Arabis, mit solchen Formeln, ohne dass diese Formulierungen im Brief an Fakhraddin Razi ausdrücklich vorkommen.

Nach Nursis Auffassung besteht die Gefahr, dass dadurch die Welt entweder geleugnet oder in Vergessenheit gerät (Nursi, k.A., S. 612). Der Qur’an weist nach ihm einen anderen Weg.

Welt als Spiegel Gottes

Für Nursi muss die Schöpfung weder aufgehoben noch verdrängt werden. Vielmehr offenbart sie ihren eigentlichen Sinn erst, wenn sie als Zeichen Gottes verstanden wird. Er veranschaulicht diesen Unterschied mit einem eindrucksvollen Bild (Nursi, k.A., S. 612).

Die Theologen gleichen Menschen, die Wasser durch lange Leitungen aus fernen Bergen heranführen. Ihr Weg ist mühsam und kompliziert. Der qur’anische Weg gleicht dagegen Menschen, die überall Brunnen graben und unmittelbar auf Wasser stoßen.

Während also die klassische Theologie Gott am Ende langer Gedankengänge beweist, erkennt die qur’anische Perspektive in jedem Ding einen Hinweis auf den Schöpfer. In allem gibt es ein Zeichen, das darauf hinweist, dass der Schöpfer der Eine ist. Jeder Baum, jeder Stern, jede Blume und jede Erfahrung wird damit zu einem Fenster der Gotteserkenntnis.

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Foto: Yuri A./Shutterstock

Glaube als Erfahrung des ganzen Menschen

Ein weiterer zentraler Gedanke Nursis betrifft die Natur des Glaubens selbst. Der Glaube besteht nicht allein aus intellektueller Zustimmung. Der Mensch besitzt neben dem Verstand zahlreiche weitere Dimensionen: Herz, Seele, Gewissen, innere Wahrnehmung und spirituelle Empfindungen (Nursi, k.A., S. 613).

Nursi vergleicht dies mit der Aufnahme von Nahrung. So wie ein Lebensmittel im Körper auf verschiedene Organe verteilt wird, müssen auch die Wahrheiten des Glaubens sämtliche Ebenen des Menschen erreichen.

Ein bloß verstandesmäßiger Glaube bleibt daher unvollständig. Erst wenn Herz und Seele Anteil an der Erkenntnis erhalten, entsteht jene innere Ruhe, die der Qur’an mit den Worten beschreibt: „Wahrlich, im Gedenken Gottes finden die Herzen Ruhe.“ (Ar-Ra’d, Sure 13,28)

Schlussbemerkung: Zwischen Theologie und Mystik

Die Debatte zwischen Ibn ‘Arabi und Ar-Razi zeigt einen Konflikt der islamischen Geistesgeschichte: das Verhältnis zwischen Vernunft und spiritueller Erfahrung (vgl. Şahinöz, 2014). Ibn ‘Arabi betont die Grenzen des Denkens und ruft zur spirituell erfahrenen Gotteserkenntnis auf.

Razi verkörpert die Macht des Intellekts und die Suche nach rationaler Gewissheit. Said Nursi versucht schließlich, beide Ansätze unter der Führung des Qur’ans zu vereinen.

Weder die Vernunft noch die Mystik werden verworfen. Vielmehr erhalten beide ihren Platz innerhalb einer umfassenderen Sichtweise, in der die gesamte Schöpfung zu einem Spiegel göttlicher Wirklichkeit wird.

Der Satz Ibn ‘Arabis, „Allah zu kennen ist etwas anderes, als seine Existenz zu kennen“ berührt eine Frage, die bis heute aktuell geblieben ist. Menschen können philosophische Argumente studieren, theologische Systeme errichten und wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln.

Doch all dies beantwortet noch nicht die Frage, ob sie Gott wirklich kennen.

Die islamische Tradition gibt darauf unterschiedliche Antworten. Während Kalam die Vernunft stärkt und der Sufismus die innere Erfahrung betont, versucht Said Nursi, beide Wege im Licht des Korans zusammenzuführen. Damit bleibt die eigentliche Herausforderung bestehen: Gott nicht nur zu beweisen, sondern ihn in der Welt, im eigenen Herzen und im gesamten Dasein zu erkennen.

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Dialog heute oder die Müdigkeit des Gesprächs

Dialog denken

Warum wir das Denken im Dialog verlernen – und gerade jetzt neu lernen müssten.

(iz). Bis heute sind die platonischen Dialoge mehr als philosophische Texte; sie sind ein kultureller Mythos. In ihnen entfaltet sich Denken als Bewegung, als tastendes Fragen, das sich um Schönheit und Gerechtigkeit kreist, ohne je in endgültigen Antworten zu erstarren. Platon selbst misstraute der Schrift, weil sie das Gespräch erstarren lässt.

Wahrheit, so legt sein Werk nahe, ereignet sich nicht im fixierten Satz, sondern im lebendigen Austausch, im Widerstand sowie im gemeinsamen Ringen um Begriffe.

Dialog: Für Platon liegt Wahrheit im Austausch

Gerade darin liegt ihre unerwartete Aktualität. Denn die großen Ideen Platons erscheinen heute zugleich als Orientierung und als Provokation. Sind diese Begriffe – das Gute, das Schöne, das Gerechte – Relikte einer metaphysischen Vergangenheit, die es zu dekonstruieren gilt? Oder sind sie notwendige Bezugspunkte, ohne die unser Denken ins Beliebige zerfällt?

Die eigentliche Frage verschiebt sich damit: Nicht, ob wir diese Ideen bewahren, sondern wie wir sie unter den Bedingungen der Gegenwart neu zum Sprechen bringen.

Für die Griechen war klar, dass diese Aufgabe an eine Fähigkeit gebunden ist, die selbst geübt werden muss: die Kunst des Gesprächs.

Rhetorik war mehr als Kunst der Überredung

Rhetorik war kein bloßes Instrument der Überredung, sondern eine Praxis der gemeinsamen Welterschließung. Der Mensch erschien als ein Wesen, das sich im Dialog bildet – nicht in der Vereinzelung, sondern im Gegenüber.

Heute hingegen scheint genau diese Voraussetzung brüchig geworden zu sein. Die Gesellschaft ringt sichtbar um Orientierung, doch sie verfügt immer weniger über gemeinsame Formen, in denen dieses Ringen produktiv werden könnte.

Im Privaten begegnen wir einander oft als „volle Gläser“, gesättigt von Informationen, Meinungen und vorgefertigten Urteilen, kaum noch aufnahmefähig für das Fremde.

Im Öffentlichen verschärft sich diese Situation: Debatten drehen sich nicht nur um Inhalte, sondern zunehmend um ihre eigenen Bedingungen. Wer darf sprechen? Wer wird ausgeschlossen? Und nach welchen Regeln soll überhaupt gestritten werden?

Wo findet unser Gespräch statt?

Der Ort des Gesprächs hat sich dabei verschoben. Was einst auf dem Marktplatz oder in der Akademie geschah, findet heute in Talkshows und Podcasts statt. Doch diese Formate folgen eigenen Logiken.

Talkshows leben häufig von der Zuspitzung, vom kalkulierten Konflikt, der Aufmerksamkeit erzeugt, aber selten zur Klärung beiträgt. Podcasts dagegen versprechen Tiefe, doch auch sie bewegen sich zwischen ernsthafter Auseinandersetzung und inszenierter Kontroverse. Dass hier tatsächlich Erkenntnis entsteht, bleibt eine offene, vielleicht die entscheidende Frage.

Mit dem Aufkommen künstlicher Intelligenz tritt nun eine neue Form des Gesprächs hinzu. Wie jede Technik ist auch sie zunächst neutral; entscheidend ist ihre Anwendung. Auffällig ist, dass sie eine Struktur bereitstellen kann, die dem klassischen Dialog überraschend nahekommt.

Wer eine Frage präzise stellt, erhält differenzierte Antworten, oft entlang von Argumenten und Gegenargumenten. In dieser Hinsicht bestätigt sich eine alte Einsicht in neuer Form: Die Qualität des Denkens hängt an der Qualität der Frage.

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Foto: wohislimos, Unsplash

Abhilfe bei Vereinzelung?

Für manche wird diese neue Gesprächsform sogar zu einem Ersatz. Gerade in der Vereinzelung moderner Lebenswelten kann der Dialog mit einer KI eine eigentümliche Faszination entfalten. Sie hört zu, bleibt beim Thema, erinnert sich an den bisherigen Verlauf und entwickelt Gedanken weiter.

Mitunter entsteht der Eindruck eines Gegenübers, das geduldiger und strukturierter reagiert als viele reale Gesprächspartner. Doch gerade diese Erfahrung wirft eine beunruhigende Frage auf: Was sagt es über unsere Gesprächskultur, wenn Maschinen diese Rolle übernehmen können?

Dabei wäre es zu einfach, die Störung allein der Technologie zuzuschreiben. Auch menschliche Kommunikation ist nie frei von Verzerrungen. Missverständnisse, Übertreibungen, ja selbst Formen von „Halluzination“ gehören zum Alltag des Sprechens.

Wir bewegen uns stets in Modellen der Welt, nicht in der Welt selbst. Der Unterschied liegt weniger in der Fehlerhaftigkeit als in der Art, wie wir mit ihr umgehen – ob wir sie reflektieren oder verstärken.

Vielleicht zeigt sich darin auch ein leiser Zug unserer Zeit: dass das reale Gespräch als anstrengend empfunden wird. Es verlangt Aufmerksamkeit, Geduld, die Bereitschaft, sich irritieren zu lassen.

Der Rückzug ins Vereinfachte, ins Kontrollierbare, ist daher nicht nur eine Folge wachsender Einsamkeit, sondern auch Ausdruck wachsender Bequemlichkeit. Gerade darin liegt jedoch eine Gefahr.

Denn wo das Gespräch vermieden wird, verkümmert nicht nur die Form, sondern auch die Fähigkeit zur gemeinsamen Wirklichkeit. Dies hinzunehmen hieße, einen stillen Verlust zu akzeptieren, der sich erst bemerkbar macht, wenn er kaum noch rückgängig zu machen ist.

Foto: Freepik.com

Die entscheidende Frage ist eine menschliche

Am Ende führt all dies zurück zu einer älteren, vielleicht grundlegenderen Einsicht: Die entscheidende Frage ist nicht technologischer, sondern anthropologischer Natur. Es geht um die Vertiefung des Menschen selbst.

Nur, wenn wir unsere Fähigkeit zum Zuhören, zum Fragen und zum gemeinsamen Denken erneuern, können wir den Herausforderungen neuer Technologien begegnen, ohne uns in ihnen zu verlieren.

Der eigentliche Ort des Gesprächs bleibt dabei offen: Er ist weder rein privat noch vollständig digital, sondern entsteht dort, wo echte Begegnung möglich wird.

Dass diese Begegnung auch eine öffentliche Dimension hat, wussten bereits die Griechen. Gespräch war für sie kein Rückzug, sondern eine Form des Erscheinens vor anderen. Diese Dimension preiszugeben hieße, einen wesentlichen Teil unserer kulturellen Praxis aufzugeben.

Die Herausforderung unserer Zeit besteht daher nicht nur darin, neue Räume des Dialogs zu schaffen, sondern die Bedingungen dafür wiederzuentdecken, dass Gespräch überhaupt mehr sein kann als bloßer Austausch von Meinungen: nämlich ein gemeinsamer Weg zur Erkenntnis.

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Kolumne: „Mama, was ist Sex?“

kolumne sex

Eine Kolumne der Sexualtherapeutin Magdalena Zidi: Warum wir mit Kindern über Pornografie sprechen müssen.

(iz). „Mama, was ist Sex?“ – Wenn diese Frage aus dem Kindermund kommt, zucken viele Eltern innerlich zusammen. Noch unangenehmer wird es, wenn Kinder uns Dinge erzählen, die sie irgendwo aufgeschnappt – oder bereits gesehen – haben: „Ich hab ein Video gesehen, da hat ein Mann einer Frau wehgetan, die waren nackt und sie hat komisch geschrien.“ Das ist nicht Fiktion, sondern Realität in vielen Familien. Und oft ist es dann schon zu spät. Zu spät, um den ersten Eindruck zu korrigieren.

Warum es so wichtig ist, DAVOR zu sprechen

In meiner Praxis als Sexualtherapeutin und Sexualpädagogin begegnen mir immer wieder Jugendliche, deren erstes Wissen über Sexualität nicht durch Gespräche mit vertrauten Erwachsenen geprägt wurde, sondern durch Pornografie. Oft konsumieren Kinder schon mit 9 oder 10 Jahren erste pornografische Inhalte – unfreiwillig oder aus Neugier. Studien zeigen: Der durchschnittliche Erstkontakt mit Pornografie liegt heute bei etwa 11 Jahren – Tendenz sinkend.

Pornos sind heute nicht mehr versteckt in der hintersten Ecke einer Videothek, sondern einen Klick entfernt – auf dem Handy, im Tablet, im WLAN des Schulbusses. Und das Problem ist nicht nur der Zugang, sondern der Inhalt. Egal wieviele Filter oder Kindersicherungen wir installieren – früher oder später werden Kinder mit pornografischen Inhalten konfrontiert. Das, was in den meisten Pornos gezeigt wird, hat mit gesunder, verantwortungsvoller oder liebevoller Sexualität nichts zu tun. Es geht um Macht, Unterwerfung, Schmerz und unrealistische Bilder von Körpern und Beziehungen. Wer seine ersten Eindrücke von Intimität aus solchen Quellen gewinnt, erhält ein zutiefst verzerrtes Bild von Sexualität – und damit auch von sich selbst.

Deshalb ist es unsere Verantwortung als Eltern, Erziehende und muslimische Gemeinschaft, das Gespräch über Sexualität nicht zu tabuisieren, sondern zu gestalten.

Foto: olsima, Freepik.com

Aber ist es islamisch, mit Kindern über Pornografie zu sprechen?

Diese Frage wird mir häufig gestellt – und sie ist absolut berechtigt. Wenn dich dieser Artikel bisher empört, dann frag dich bitte, wie du selbst zum ersten Mal mit solchen Inhalten in Berührung gekommen bist? Gab es damals schon so viele Möglichkeiten im Internet wie heute? Haben deine Bezugspersonen mit dir über Körpergrenzen und Sexualität gesprochen? Hast du als junger Mensch nicht auch Unsicherheit verspürt und dich damit manchmal allein gelassen gefühlt? Im Islam gibt es klare Grenzen und gleichzeitig eine tiefe Weisheit im Umgang mit der menschlichen Sexualität. Allah hat die Sexualität nicht erschaffen, um sie zu verdrängen, sondern um sie zu ehren – innerhalb bestimmter ethischer und spiritueller Rahmen.

Der Prophet Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, war offen in Fragen der Sexualität, wenn es darum ging, seine Umma zu lehren – angepasst an Alter, Geschlecht und Reife seiner Zuhörenden. In der islamischen Geschichte gibt es zahlreiche Werke, die sich mit der Psychologie, Ethik und Spiritualität von Intimität beschäftigen. Was wir heute oft als „Tabuthema“ empfinden, war früher ein Teil der islamischen Bildung, eingebettet in Haya’ (Schamhaftigkeit) und Adab (guter Charakter).

Also ja: Es ist islamisch, mit Kindern über Pornografie zu sprechen – wenn wir es auf angemessene, feinfühlige und entwicklungsorientierte Weise tun. Es ist islamisch, unsere Kinder zu begleiten, bevor sie mit falschen Bildern geprägt werden.

Die Gefahr des Schweigens

Viele muslimische Eltern schweigen aus Angst, Unwissenheit oder falschem Schamgefühl. Doch dieses Schweigen hinterlässt einen Raum – und dieser Raum wird gefüllt. Mit Halbwissen. Mit Bildern aus dem Internet. Mit Gesprächen auf dem Schulhof. Mit Serien, Filmen oder TikTok-Trends. Schweigen schützt nicht – es liefert aus.

Ein Kind, das das erste Mal mit Pornografie konfrontiert wird, hat keine Worte, um zu beschreiben, was es gesehen hat. Es hat keine Werkzeuge, um es einzuordnen. Und häufig entwickelt es daraus Scham, Angst, Ekel – oder im Gegenteil: Neugier, die in eine ungesunde Richtung kippt. Kinder brauchen Begriffe, Wissen und Orientierung – nicht erst, wenn der Schaden passiert ist, sondern vorher.

Was macht Pornografie mit Kindern und Jugendlichen?

Aus therapeutischer Sicht wirkt Pornografie auf junge Menschen oft toxisch. Hier ein paar typische Effekte.

Realitätsverzerrung: Kinder und Jugendliche glauben, dass Sexualität genau so „funktioniert“ wie in Pornos. Das kann zu Enttäuschung, Leistungsdruck oder auch Angst vor körperlicher Nähe im Erwachsenenalter führen.

Verlust der natürlichen Schamgrenzen: Wiederholter Pornokonsum kann Haya (gesunde Scham) abbauen und emotionale Abstumpfung fördern.

Suchtentwicklung: Besonders bei Kindern und Jugendlichen mit ungestillten emotionalen Bedürfnissen (z. B. Nähe, Zuwendung, Sicherheit) kann Pornografie eine kompensierende Rolle einnehmen – bis hin zur Abhängigkeit.

Beeinträchtigung des Selbstbilds: Viele Jugendliche vergleichen sich mit den dargestellten Körpern, Rollen oder „Leistungen“. Selbstzweifel, Komplexe und Schamgefühle können die Folge sein.

Störung der Beziehungsfähigkeit: Wer früh lernt, dass Sexualität „funktionieren“ muss wie ein Klick-Video, wird später Schwierigkeiten haben, echte Nähe, Zärtlichkeit und gegenseitige Verantwortung zu leben.

Wie kann eine islamische Begleitung aussehen?

Wir brauchen keine Angst vor Aufklärung haben – wenn sie altersgerecht, islamisch fundiert und beziehungsorientiert gestaltet ist. Hier sind zentrale Prinzipien, die wir muslimischen Eltern und pädagogischen Fachkräften an die Hand geben können:

1. Sprich, bevor das Internet es tut: Der Grundsatz lautet: Erst die Beziehung, dann die Information. Kinder müssen spüren, dass sie mit allen Fragen zu dir kommen dürfen. Je früher das Vertrauensverhältnis aufgebaut wird, desto leichter wird das Gespräch über schwierige Themen. Ebenso ist es hilfreich, wenn Fragen rund um Körperlichkeit von Geburt an einen Raum finden. Dann lernt dein Kind, dass es auch bei solchen Themen zu dir kommen kann, ohne verurteilt zu werden. Dabei gilt: Du musst nicht alles auf einmal erklären – aber du musst da sein, wenn dein Kind fragt. Und manchmal auch, wenn es nicht fragt.

2. Benutze klare Begriffe – ohne Vulgarität: Islamische Pädagogik bedeutet nicht, Dinge zu verschweigen, sondern sie in Würde zu benennen. Statt „eklig“ oder „verboten“ zu sagen, können wir erklären: „Pornografie zeigt eine entstellte Form von Nähe, die Allah nicht für uns möchte.“ Oder: „In solchen Videos wird nicht gezeigt, was wahre Liebe, Verantwortung und gegenseitiger Respekt bedeuten – und das ist im Islam sehr wichtig.“

Verwende Begriffe, die Kinder verstehen, aber auch einen moralischen Rahmen setzen: Respekt, Verantwortung, Würde, Liebe, Ehe, Scham, Grenzen. Auch Genitalien sollten bei ihren medizinisch korrekten Bezeichnungen benannt werden und nicht als „Pipimax“, „Pipifrau“ oder „Muschi“.

3. Lehre Haya (Scham) als Schutz – nicht als Mauer: Haya bedeutet nicht Schweigen oder Tabuisieren. Haya bedeutet, das Gute zu kennen – und das Schlechte zu vermeiden. Wer seine Kinder islamisch begleitet, spricht offen, aber in Adab. Wir müssen Kindern beibringen, wie sie sich selbst schützen können, ohne Angst zu machen. Und wie sie über das, was sie sehen, sprechen dürfen – ohne sich schuldig zu fühlen.

Beispiel: „Wenn du mal etwas siehst, was sich komisch anfühlt oder was dich verwirrt – du darfst immer zu mir kommen. Es ist nicht deine Schuld. Aber es ist meine Aufgabe dich zu schützen und dir zu helfen.“

4. Stärke das Herz – nicht nur den Filter: So wichtig technische Schutzmaßnahmen sind (Jugendschutzfilter, Bildschirmzeiten, kein unbegrenzter Internetzugang), so entscheidend ist die innere Stärke. Kinder müssen lernen, warum sie bestimmten Dingen nicht folgen. Und das kommt nur durch spirituelle Bildung und echte Herzensbindung.

Zeige deinem Kind, dass Allah nicht der Strafende ist, der „sieht, wenn du etwas Falsches machst“ – sondern der Liebevolle, der möchte, dass du dich selbst achtest; dass dein Körper ein Geschenk ist. Dass Intimität etwas Kostbares ist, das in einem sicheren, islamischen Rahmen wachsen darf.

Was tun, wenn mein Kind bereits Pornos gesehen hat?

Zunächst: Ruhe bewahren. Nicht schreien, nicht schimpfen. Dein Kind hat ohnehin schon eine emotionale Überforderung erlebt. Jetzt braucht es dich als sicheren Hafen.

1. Fragen statt Vorwürfe: „Was hast du gesehen? Wie hast du dich dabei gefühlt?“ – Das öffnet Räume, statt sie zu schließen.

2. Benennen, ohne zu bewerten: „Du hast etwas gesehen, das sehr viele Menschen schauen, aber was trotzdem nicht gut für uns ist. Ich erkläre dir warum.“

3. Islamische Orientierung geben: „Allah liebt uns so sehr, dass Er uns schützt. Pornos tun unserem Herzen nicht gut. Es ist okay, dass du neugierig warst. Aber ich helfe dir, besser damit umzugehen.“

4. Alternativen anbieten: Bücher, Gespräche, altersgerechte islamische Medien oder kreative Projekte über Körper, Liebe und Schöpfung können die Neugier umlenken.

Muslime

Foto: Aaron Amat, Shutterstock

Fazit: Eine Umma, die schweigt, verliert ihre Kinder

Unsere Kinder wachsen nicht im Vakuum auf. Sie leben in einer digitalen Welt, in der der Zugriff zu sexuellen Inhalten nur ein Klick entfernt ist. Wenn wir als muslimische Familien, Moscheegemeinden und Bildungseinrichtungen nicht die Verantwortung übernehmen, wird das Internet es tun. Und das – gnadenlos.

Lasst uns unsere Kinder nicht mit Scham, Angst oder Verboten überfordern – sondern mit Liebe, Wissen und islamischer Orientierung stärken. Lasst uns Räume schaffen, in denen sie fragen dürfen, staunen dürfen, verstehen dürfen. Und lasst uns nicht vergessen: Die Sexualität ist kein Feind – sie ist ein Geschenk von Allah. Aber nur dann, wenn wir sie als solches vermitteln.

Über die Autorin: Magdalena Zidi ist Sexual- und Traumapädagogin sowie Sexualtherapeutin. Unter dem Namen „sexOlogisch“ begleitet sie Jugendliche, Eltern und Paare in sensiblen Fragen rund um Körper, Intimität und Beziehung einfühlsam und fachlich fundiert – online wie offline.

Mehr zu ihrer Arbeit, ihrem Podcast, Instagram-Kanal und Beratungsangebot unter: www.sexologisch.com

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Kinder und Krieg 2023: Kurze Antworten und Ehrlichkeit

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