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Medien: Nicht noch eine Studie…

medien Freiheit

Medien: Für bessere Islamberichterstattung braucht es konkrete Veränderungen und aktives Handeln (iz). Die Diskussion um Islamfeindlichkeit und das Bild des Islams in den Medien ist längst kein neues Phänomen. Seit […]

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Medien: 10 Schritte zu einer besseren Islamberichterstattung

Islamberichterstattung

Die Neuen deutschen Medienmacher*innen legen konkrete Vorschläge für eine bessere Islamberichterstattung vor.

(iz). Die Gewalt in Nahost in eine Zäsur: auch für viele Muslime und Musliminnen in Deutschland. Sie erleben aktuell ein bisher ungekanntes Ausmaß an Verdächtigungen und Anfeindungen. Mit am Zündeln: viele Medienschaffende. Wie es besser geht, hat kürzlich ein Unabhängiger Expertenkreis im Auftrag des Bundesinnenministeriums analysiert. Wir haben ihren 400-seitigen Bericht gründlich gelesen und auf dessen Basis zehn Vorschläge für eine bessere Islam-Berichterstattung formuliert.

Mehr thematische Vielfalt 

Kriege, Terror und Kriminalität. Das sind nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 die Themen, um die sich deutsche Islam-Berichterstattung dreht. Im Auftrag des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit (UEM) werteten Forscher der FU-Berlin über 20.000 Medienbeiträge mit Islam-Bezug aus: Das Ergebnis der repräsentativen Untersuchung: 57 Prozent der Print- und sogar 89 Prozent der TV-Beiträge handeln von Negativthemen.

In der BILD beschäftigen sich zwei von drei Beiträgen mit Islam-Bezug mit Themen wie Terrorismus, Krieg und innerer Sicherheit. Im Programm der ARD sind es sogar knapp 86 Prozent. Beiträge, die sich dem Islam als Religion widmeten, gab es im Programm des öffentlich-rechtlichen Senders keinen einzigen. Das Fazit der Studienmacher*innen: „Es fehlt eine Diversifizierung der Themenpalette, die konstruktive Aspekte der Lebensrealität stärker einbezieht.“

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Foto: LightField Studios, Shutterstock

Mehr personelle Vielfalt

Für eine vielfältige und professionelle Berichterstattung, die sich am realen Leben realer Muslime statt an Klischees über sie orientiert, braucht es vor allem eines: mehr Vielfalt auf den Bildschirmen, den Zeitungsseiten und in den Redaktionen selbst. Nach wie vor werde in Medien „weit mehr über als mit Muslim*innen gesprochen“, schreiben die Macher des Berichts. 

Muslime würden „kaum als Sprecher*innen in Erscheinung (treten)“ und „in hohem Maße objektifiziert.“ So würden Muslime beispielsweise häufiger als Miliz-Anhänger*innen oder Terroristen in Erscheinung treten denn als Mitglieder der Zivilgesellschaft. Der Anteil migrantischer Journalist*innen steige zwar langsam, „liegt aber weit hinter dem Bevölkerungsdurchschnitt zurück.“

Bessere Bilder 

Nicht nur die tendenziöse Auswahl von Themen und Stimmen begünstigt die Schieflage der Islamberichterstattung. Auch in der Bildberichterstattung – so schreibt der UEM – hätten sich stereotype Darstellungen „seit Jahrzehnten kaum geändert“. Muslime würden weiterhin vor allem „als ‚Sicherheitsrisiko‘, ‚kulturelle Herausforderung‘ oder als ‚primitiv‘ dargestellt“.

Zudem würden Musliminnen häufiger visuell markiert als andere Gruppen – insbesondere durch das Kopftuch. Der Expertenkreis fordert deshalb „eine vollständige Neubestimmung des Bildjournalismus zur Überwindung visueller Stereotype.“

Vorsicht bei pauschalisierenden Debatten

Journalisten sind Herdentiere. Das zeigt sich auch in der Islamberichterstattung. Der UEM hat mehrere mediale Debatten untersucht: vom Karikaturenstreit, über die Kölner Silvesternacht bis zur Berichterstattung über „Clankriminalität“. Das Ergebnis: Medienschaffende verfallen immer wieder denselben ausgrenzenden und pauschalisierenden Dynamiken. So habe die Debatte um den „Politischen Islam“, „in erheblichen Teilen der medialen und politischen Diskussion jede problemorientierte Kontur verloren“ und stigmatisiere „weite Teile der muslimischen Bevölkerung und ihrer Organisationen.“

In den immer wiederkehrenden Kopftuchdebatten würden Hijab tragendende Frauen einerseits als fremd und gefährlich markiert, „andererseits zu Opfern von per se patriarchalischen und unterdrückenden Verhältnissen stilisiert.“ Auch bei Medienberichten über Moscheebauten würden „Muslim*innen als Problem benannt, in Gegensatz zur deutschen Gesellschaft gesetzt und damit in den Kontext einer vielfach negativen Berichterstattung über ‚den Islam‘ eingeordnet. Zu „Ehrenmorden“ merkt der UEM an, dass diese in „keiner Relation zur medialen Darstellung“ stünden. Öffentliche Debatten hierzu würden „zur Kriminalisierung der muslimischen Bevölkerung führen.“

Foto: Neuköllner Begegnungsstätte e.V. – Dar Assalam

Schluss mit Kontaktschuldvorwürfen

Ein missverständlicher Like, der Besuch in einer „falschen“ Moschee, eine problematische Bekanntschaft – und schwupps gilt man öffentlich als Islamist. Und mit einem selbst gleich der nächste Kreis weiterer Kontakte. Der Problematik von Kontaktschuldvorwürfen hat der UEM ein eigenes Kapitel gewidmet. Diese kritisiert er als „Sippenhaftkonstruktionen“, „Pseudoargumente“ und „Pauschalurteile“, als deren Folgen, „Karrieren oder auch Existenzen zu Bruch gehen können“. 

An mehreren konkreten Beispielen zeigt der UEM, wie neben Politiker*innen, dubiosen Blogs und selbsternannten „Islamexperten“ auch viele eigentlich seriöse Medien solche Vorwürfe unkritisch verbreiten und zu einem Generalverdacht gegenüber Muslimen beitragen.

Mehr Distanz zu Staat und Behörden

Schon in der Ausbildung lernen Journalisten, Sicherheitsbehörden als „privilegierte Quellen“ zu behandeln. Manch einer hält selbst das Abtippen von Polizeimeldungen für Journalismus. Nach der Lektüre des UEM-Berichts sollten Medienschaffende dieses Urvertrauen zumindest überdenken:

Etwa, weil der Verfassungsschutz mit „unbelegten Annahmen und Verunglimpfungen“ zu einer „regelrechten Misstrauens- und Verdachtskultur gegenüber Muslim*innen“ beigetragen habe. Weil – wie eine aktuelle Studie von Forschern der Uni Duisburg-Essen zeigt – rassistische Einstellungen unter Polizisten eher die Regel als die Ausnahme sind. Und weil Straftaten, in denen Muslime nicht Täter, sondern Opfer sind (z.B. Moscheeübergriffe) sehr viel weniger Aufmerksamkeit durch Sicherheitsbehörden erlangen.

USA

Foto: momius, Adobe Stock

Mehr Vorsicht gegenüber sozialen Medien

Nicht erst seit Elon Musks Twitter-Übernahme stehen Soziale Medien in der Kritik. Wie toxisch das Klima dort aber tatsächlich ist, zeigt eine Studie von Forschern der Uni Mainz. Im Auftrag des UEM haben sie auf Twitter, 4Chan, Telegram, Facebook, YouTube und Instagram über eine halbe Million Tweets und Kommentare mit Islam-Bezug untersucht.

Die allergrößte Mehrzahl der Posts, charakterisierte Muslime und ihre Religion pauschal als gewalttätig, terroristisch, intolerant, frauenfeindlich und antisemitisch. Hinzu kommen Verschwörungstheorien und „rassistische Sprechakte“, die „pogromartige Gewalt wie in Hanau befördern können.“ Insbesondere, da Medien immer häufiger bei der Auswahl von Themen und Stimmen auf Soziale Medien setzen, sollten sie hier vorsichtig sein.

Mehr Offenheit gegenüber sozialen Medien

Soziale Medien sind ein Problem, sie können aber auch Lösungen bieten. Auch das zeigt der Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit. In seinem Auftrag analysierten Forscher der Uni-Erfurt, wie Soziale Medien Kommunikationsräume für gesellschaftliche Gruppen schaffen, die in traditionellen Medien häufig zu kurz kommen.

Am Beispiel muslimischer Influencer auf Instagram zeigten sie: Soziale Medien können einen wichtigen Raum für Sichtbarmachung, Aufklärung, Solidarisierung und Empowerment einer muslimischen Gegenöffentlichkeit bieten. Berücksichtigt man, dass schon einzelne solcher Accounts teils weit mehr Reichweite erzielen als beispielsweise große Tageszeitungen, sollten klassische Medien aufpassen, hier nicht den Anschluss zu verlieren.

Selbstkritik fördern

Der UEM analysiert nicht nur Probleme der aktuellen Medienarbeit. Der Bericht zeigt auch, wo jetzt schon das Potenzial für Verbesserungen existiert: In den Redaktionen selbst. Im Bericht kommen zahlreiche Medienschaffende zu Wort, denen die Missstände in ihrer Branche durchaus bewusst sind und sich mit (Selbst)kritik nicht zurückhalten. Diese reicht vom Fokus auf Negativthemen und mangelnden Fachkenntnissen, über unzureichenden Bezug zu migrantischen Zielgruppen und einseitiger Expertenauswahl, bis zur Angst vor rechten Shitstorms und wirtschaftlichen Zwängen.

Auch Ideen, wie eine bessere Islamberichterstattung gelingen kann, finden sich zahlreich in den Redaktionen. Nur scheitern sie damit häufig an den Beharrungskräften in der eigenen Chef-Etage. Der UEM fordert deshalb „eine grundlegende Reform der Produktionsstrukturen im Journalismus, auf Leitungsebene der Medien und in der professionellen Selbstkontrolle (inkl. Mediengewerkschaften und -verbänden), um Medienschaffende und -organisationen nachhaltig zu sensibilisieren.“

Verantwortung übernehmen

Medienschaffende bewegen sich mit ihrer Arbeit nicht im luftleeren Raum. Sie prägen die Stimmung im Land mit und tragen Verantwortung für die Folgen ihres Handelns. Diese Folgen reichen von Sinken medialer Glaubwürdigkeit und zunehmender Demokratieverdrossenheit, über die Zunahme rechter und menschenfeindlicher Positionen in der Bevölkerung bis hin zu konkreten Gewalttaten gegen Muslim*innen, Geflüchtete und andere marginalisierte Gruppen.

„Eine Mitverantwortung der Medien für Antimuslimischen Rassismus ist folglich nicht von der Hand zu weisen“, schreibt der UEM und belegt dies mit zahlreichen Studien. Verantwortungsvolle Medienschaffende sollten sich dieser Verantwortung stellen und sich mit den Folgen ihres Handelns auseinandersetzen.

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Interview über Islamberichterstattung: „Konstruktivität ist uns sehr wichtig“

Islamberichterstattung medien schulen Pressefreiheit presse

„IZ-Begegnung“ mit Ella Schindler von den Neuen deutschen Medienmacher*innen über Chancen einer besseren Islamberichterstattung. (iz). In der Ukraine aufgewachsen, kam Ella Schindler mit ihrer Familie 1992 nach Deutschland. Sie studierte […]

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Der Gewinner ist die AfD

„Schreibmaschinenlettern – Islamische Zeitung"

Es hat sich eingebrannt, das Holzkreuz, angemalt in Schwarz-Rot-Gold. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass die Mehrheit der Pegida-Demonstranten nicht nur konfessionslos ist, sondern den Kirchen sogar misstraut.
Bonn (KNA) Von falscher Symbolik sprach vor kurzem der evangelische Bischof Gerhard Ulrich. Der katholische Erzbischof Ludwig Schick mahnte wiederholt, Christen sollten dort nicht mitmachen: bei Pegida, der Protestbewegung, die seit Herbst 2014 wöchentlich in Dresden demonstriert. Wer einem Kreuz in Nationalfarben folge, „hat nicht verstanden, aus welcher Geschichte und Kultur er selber kommt“, sagte Ulrich der „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“.
Nun zeigt sich, dass Geschichte und Kultur den Pegida-Anhängern ohnehin eher Mittel zum Zweck sind. Eine Mehrheit bringt den Kirchen nämlich kaum Vertrauen entgegen. Das geht aus einer am Sonntag vorgestellten Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung hervor. Knapp zwei Drittel der Befragten (65,2 Prozent) gaben demnach an, wenig oder gar kein Vertrauen in die Kirchen zu haben; nur 6,6 Prozent sprachen von vollstem oder viel Vertrauen.
Die Forscher um den Politologen Franz Walter hatten nach eigenen Angaben im November Print-Fragebögen mit frankierten Rückumschlägen auf einer Demonstration verteilt. Von 1.800 Bögen erhielten sie 610 zurück. Die Studie sei also nicht im strengen Sinne repräsentativ, sondern Baustein eines Forschungsprojektes, schreibt das Team in einem Blogeintrag auf der Homepage des Instituts.
Die Zahl der Konfessionslosen unter den Umfrage-Teilnehmern überwiege indes „deutlich“, wie das Forscherteam auf Spiegel Online erläutert. Und: Die Islamfeindlichkeit hat sich konkretisiert. „Der“ Islam stehe „nicht mehr nur als Chiffre für einen amorphen kulturellen und gesellschaftlichen Verfall und die Bedrohung durch ein vermeintlich ‚Fremdes’“, betonen die Forscher in ihrem Blog.
Es gehe den Demonstranten um die tatsächliche Religionsgemeinschaft, „die praktizierenden Moslems bzw. deren ’nordafrikanisch-arabischen Kulturkreis’“. Dies bezeugten handschriftliche Anmerkungen auf den zurückgesandten Fragebögen – die vor den Gewalttaten der Silvesternacht ausgefüllt wurden.
Auch an der Positionierung zur Flüchtlingsdebatte werde die Haltung gegenüber dem Islam deutlich: „Grundsätzlich äußern viele Befragte eine gewisse Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen – ausgenommen denjenigen aus islamischen Regionen.“ 45 Prozent forderten hier „eine klare Differenzierung“.
Die parteipolitische Gewinnerin dieser Entwicklung ist die AfD. Ein Drittel der Pegida-Anhänger wählte die Partei bereits bei der letzten Bundestagswahl; aktuelle Umfragen sehen sie bei 12 Prozent. Für Aufsehen sorgte am Wochenende die Äußerung von Parteichefin Frauke Petry, die Polizei müsse an der Grenze „notfalls“ Schusswaffen gegen Flüchtlinge einsetzen.
Vertreter der anderen Parteien äußerten sich entrüstet, doch bei den Pegida-Anhängern trifft Petry womöglich auf offene Ohren. Deren Ton habe sich im Vergleich zu Vorjahresbeginn verschärft, konstatieren die Göttinger Wissenschaftler. 41 Prozent der Befragten sprachen allen Menschen das Recht auf Asyl in Deutschland ab. 94 Prozent der Demonstranten plädierten für autoritäre Krisenlösungen, 82 Prozent forderten die „Befestigung und Verteidigung“ der deutschen Grenzen.
Die Studie hebt noch einen weiteren Aspekt hervor, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht – fordern Politiker doch immer wieder Verständnis für die besorgten Bürger, die um ihre Jobs oder die hart erarbeiteten Ersparnisse fürchten. Dabei, so die Studie, hat rund ein Viertel der Pegida-Anhänger einen Universitäts- oder Hochschulabschluss, ein Drittel einen Berufsschulabschluss. Die Mehrheit ist zudem berufstätig (52 Prozent) oder in Rente (34 Prozent).
Von den sozial ausgegrenzten Schichten finde sich, so die Forscher, „kaum eine Spur“: 45 Prozent der Befragten schätzen ihre individuelle Lage als gut bis sehr gut ein, nur etwa 12 Prozent als schlecht bis sehr schlecht. Es sei also gut möglich, dass sich der Rechtspopulismus auch in Deutschland sozialstrukturell erweitert habe, schreiben die Forscher auf Spiegel Online: „Die Zivilgesellschaft hat Zuwachs im Engagementbereich erhalten – aber anders, als die Theoretiker und Festredner der Bürgergesellschaft und der Selbstinitiative sich das stets gewünscht und naiverweise erhofft hatten.“
Photo by opposition24.de

Mythen der medialen „Islamkritik“

(iz). Frank A. Meyer schien es genau zu wissen: „Nirgends in der islamisch beherrschten Welt“, schreibt der einflussreiche Publizist auf der Plattform blick.ch, „konnten sich die freiheitlichen Grundwerte durchsetzen. Wir […]

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„IZ-Begegnung“ mit der Journalistin Charlotte Wiedemann über die heutige Auslands- und Islamberichterstattung und die Realität moderner Medien

(iz). Was sind Massenmedien heute? Handelt es sich dabei um Instrumente der Informationsvermitt­lung, um ideologische Machtvehikel oder am Ende nur um Mittel zur Gewinnmaximierung der Besitzer? Die Antwort dürfte wohl nicht eindeutig ausfallen. Natürlich beschäftigt dies Medienwissenschaftler, aber insbesondere bei neuralgischen Themen wie Islam oder dem Nahen Osten hat sie ganz konkrete Auswirkungen auf das Bild von der kollektiven Wirklichkeit.

In ihrem neuen Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt“ beschäftigt sich die erfahrene Aus­landsjournalistin und Autorin Charlotte Wiedemann anhand ihrer professionellen Erfahrungen mit dieser Frage.

Charlotte Wiedemann, Jahrgang 1954, ist seit 30 Jahren ­politische Journalistin. Sie lebte einige Jahre als freie Autorin in Südostasien (Malaysia) und bereiste danach zahlreiche islamische Länder Asiens und Afrikas. Von diesen Recherchen berichtet ihr Buch „Ihr wisst nichts über uns! Meine Reisen durch einen unbekannten Islam“ (Herder Verlag 2008 und 2012). Die Journalistin ­publiziert gegenwärtig unter anderem in „DIE ZEIT“, „Le Monde Diplomatie“ und auf qantara.de.

Sie unterrichtet journalistischen Nachwuchs, hatte Lehraufträge an zwei Uni­versitäten und gründete eine kleine ­interkulturelle Agentur (sawasya.de). ­Zuletzt schrieb sie über Muslime in New York und in Bosnien. Webseite: www.charlottewiedemann.de

Islamische Zeitung: Liebe Frau Wiedemann, Sie haben als Journalistin mit umfangreicher Auslandserfahrung ein Buch zum Thema Journalismus und Medien geschrieben. Der Schriftsteller Wiglaf Droste formulierte 1998 in der taz: „Der Journalist ist der natürliche Feind der Sprache.“ Ist das Ihrer Meinung nach überzogen oder können Sie etwas mit diesem Zitat anfangen?

Charlotte Wiedemann: Ich möchte Sie an diesem Punkt korrigieren: Ich habe kein Buch über Medien geschrieben, sondern über meine Arbeit. Das ist ein Unterschied in der Herangehensweise.

Aber mir liegt sehr viel an Sprache und ich denke, dass ich mich in meiner Arbeit um eine gute und klare Sprache bemühe. Ich würde dieses Zitat gerne anders wenden: Oft ist die typische Journalistensprache ein Feind des Denkens. Sie ist häufig voller Pseudo-­Plausibilitäten und auch ideologischer Begriffe, obwohl sie als bloßes Transportmittel von Sachverhalten daherkommt. Das macht es gerade für die Konsumenten solcher Beiträge schwer, Dinge zu durchschauen.

Islamische Zeitung: Sie führen als Beispiel den Begriff der „internationalen Gemeinschaft“ an, der heute inflationär gebraucht wird…

Charlotte Wiedemann: Das ist ein Begriff, der von vielen Journalisten ­verblüffend unkritisch und unhinterfragt benutzt wird. Wenn man einmal darauf achtet, wer oder was mit dieser „internationalen Gemeinschaft“ überhaupt ­gemeint ist, dann sieht man zwar je nach Fall eine wechselnde Zusammensetzung, aber in der Regel sind es die wirtschaftlich und politisch dominierenden ­Mächte des Westens. Der globale Süden kommt in diesem Begriff nicht vor. Wenn er doch erscheint, dann als Gegenstand, über den sich die „internationale Gemeinschaft“ Sorgen macht. Diese Länder gehören per se nicht zur „internationalen Gemeinschaft“, obwohl sie UNO-Mitglieder sind. Ich wundere mich immer wieder, wie ansonsten kritische Journalisten diesen Begriff bedenkenlos übernehmen.

Islamische Zeitung: Ihr neues Buch heißt, „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“. Was macht dieses „weiß“ aus?

Charlotte Wiedemann: „Weiß“ ist europäisch, oft eurozentrisch. Es ist in der Regel auch sehr säkular und mit ­wenig Verständnis für andere Kulturen und oft auch für religiöse Zusammenhänge. Mein Buch ist das Buch einer Praktikerin. Ich habe in 26 außereuropäischen Ländern recherchiert und erzähle entlang meiner Erfahrungen, wie leicht Journalisten Fehlurteilen erliegen, wenn sie über andere Kulturen berichten und urteilen.

Islamische Zeitung: Es gab vor Längerem eine kleine Studie über die ­Beziehung von Ressortchefs beziehungsweise Chefredakteuren zur Religion insgesamt und Islam im Besonderen. Die Autoren kamen zum Schluss, dass ihre Mehrheit ein distanziertes Verhältnis zur Religion allgemein hat, aber noch stärker zum Thema „Islam“. Können Sie das im Rahmen ihrer eigenen beruflichen Erfahrung nachvollziehen?

Charlotte Wiedemann: Das kann ich aus meiner Erfahrung sehr gut nachvollziehen. Es ist klar, dass solche Aussagen niemals zu 100 Prozent zutreffen, aber ich vermute, sie stimmen für die Mehrheit. Eine gewisse Verachtung für fremde Religiosität – und speziell für den Islam – ist heute die modischste und schickste Weise, die eigene Weltsicht ­absolut zu setzen. Das ist nicht nur im Milieu der Journalisten verbreitet, sondern weit darüber hinaus.

Islamische Zeitung: Findet das ­Ihrer Meinung nach bewusst statt? Die BBC hat vor einigen Jahren angefangen, über unbewusste Vorurteile nachzudenken. So stellten die Personalchefs bevorzugt Mitarbeiter aus ihrer eigenen sozialen oder ökonomischen Schicht ein. Handelt es sich hier um bewusst wahrgenommene Vorurteile oder um Bequemlichkeit?

Charlotte Wiedemann: Ich denke, dass es sich oft um beides handelt. Sie haben Recht: Es gibt einen gewissen Klassen­journalismus, weil sich Jour­nalisten bei uns überwiegend aus dem ­oberen Mittelstand oder der Oberschicht ­rekrutieren und wir nur sehr wenige ­Leute aus der Arbeiterschicht haben, die es in eine journalistische Ausbildung schaffen.

Ich habe viel darüber nachgedacht, ­woher Islamfeindlichkeit in den Medien kommt. Mittlerweile glaube ich, dass es vor allem um ein bestimmtes Menschenbild geht, das in den Köpfen in Bezug auf Muslime fest verankert ist: Ein sehr flaches, simplifizierendes Menschenbild, das schon keinen Platz lässt für Humor und erst recht nicht für all die Brüche und Widersprüchlichkeiten, die wir im Allgemeinen bei unseren ­Zeitgenossen voraussetzen. Dies betrifft sowohl deutsche Muslime als auch das Ausland.

All dies scheint mir eine Mischung aus Bewusstem und Unbewusstem zu sein. Ich stelle allerdings häufig fest, dass man gerade unter Gebildeten in Deutschland fast schon stolz darauf ist, vieles vom ­Islam einfach nicht zu verstehen. Als ob es der Gipfel westlicher Freiheit wäre, auf diesem Nicht-Verstehen zu beharren – und es nicht ändern zu wollen.

Islamische Zeitung: Geht es bei der Islamberichterstattung um ideologische Positionen oder um das Wissen, mit einer bestimmten redaktionellen Linie mehr Auflage zu machen und so mehr Gewinne einzufahren?

Charlotte Wiedemann: Bei sensiblen Themen, wie es der Islam bei uns derzeit ist, haben Medien einen Doppelcha­rakter. Sie sind Resonanzboden für Stimmungen, die in einem größeren Teil der Gesellschaft vorhanden sind und spiegeln diese wider, um Auflage zu machen. Sie sind aber zugleich auch ein Verstärker und sorgen gewissermaßen dafür, dass nichts anderes entsteht, zumindest nicht im Bewusstsein der breiten Masse.

Es gibt ja in Deutschland durchaus differenzierte Veröffentlichungen zu islami­schen Themen: von sachkundigen Journalisten, von publizierenden Islamwissenschaftlern und von jungen Muslimen, die hier und da ein Podium finden. Aber die Stimmung wird immer von den anderen erzeugt.

Ein Beispiel: Die Leser-Kommentare bei „ZEIT“-online zu bestimmten Artikeln verlangen oft mehr Islam-­Bashing. Und die Redakteure, sei es bei der „ZEIT“ oder anderswo, sind von diesem Denken nicht durch eine chinesische Mauer getrennt. Wer differenziert schreibt, der weiß, dass nur eine Minderheit der Leser dies goutiert. Das sind also schwer voneinander zu trennende Aspekte: der wirtschaftliche Zwang zur Auflage und das ideologische Teilen – oder sogar Vorantreiben – von ­Vorurteilen und negativen Wahrnehmungen.

Islamische Zeitung: Sie haben ­lange Zeit als Auslandsjournalistin gearbeitet und – wie ein niederländischer ­Kollege [Joris Luyendijk] vor einigen ­Jahren ebenfalls – lassen in ihrem Buch anklingen, dass die Heimatredaktion oft einen vermeintlich größeren Überblick zu haben glaubt als ihre Korrespondenten vor Ort…

Charlotte Wiedemann: Nehmen wir beispielsweise den aktuellen Konflikt in Mali. Dort gibt es keinen deutschen Korrespondenten. Der nächste sitzt in Nairobi, Kenia. Das ist nicht nur sehr weit entfernt, sondern auch ein anderer Sprachraum. Mali liegt im französischsprachigen Teil Afrikas, Kenia im anglophonen. Der Korrespondent bedient sich also vorrangig erst mal aus ­denselben Nachrichten-Quellen, aus denen seine Zentral schöpft. Im Zweifelsfalle hat er aber weniger Zeit: wegen anderer Aufgaben, seine Internetverbindung ist viel langsamer usw. Das führt dazu, dass ­seine Zentrale ihn vor einem Live-Gespräch im Fernsehen oft erst einmal auf den neuesten Stand bringt. Und dann reichert er die vorhandene Nachrichtenlage nur mit einem gewissen Lokalkolorit an, ohne in der Substanz etwas zur Aufklärung beitragen zu können.

Ich selbst habe vergleichsweise privilegiert gearbeitet, weil ich als freie Journalistin lange Reportagen geschrieben habe und nicht festangestellt für ­aktuelle Medien im Ausland gearbeitet habe. Ich kenne aus der Beobachtung anderer ­Kollegen diese Mechanismen, und sie treffen für die Mehrheit der Auslands-Korrespondenten zu. So wie ich lange Reisen zu unternehmen, deren Kosten vom Auftraggeber erstattet werden, das scheint bald der Vergangenheit anzugehören. Es wird immer weniger Journalisten ­ermöglicht.

Islamische Zeitung: Sie haben an einer anderen Stelle von der Dominanz der Presseagenturen in der Auslandsberichterstattung gesprochen. Was bedeutet sie für unsere Sicht auf entlegene Vorgänge? Haben wir heute weniger Einblick als in Zeiten, in denen es noch richtige ­Korrespondenten­netze gab?

Charlotte Wiedemann: Man kann sich heute auf fantastische Weise mit Hilfe des Internets informieren. Aber das ist nur einer Minderheit möglich: spezialisierte, polyglotte Leute, die an ihrem ­Arbeitsplatz oder als Bürgerjournalisten durch die Welt surfen. Die große Mehrheit der Medienkonsumenten bekommt hingegen zunehmend ein informationelles Fastfood serviert. Dieses Fastfood wird über den ganzen Globus von einigen, wenigen großen Nachrichtenagenturen vertrieben und für unterschiedliche Kundenkreise immer nur neu verpackt. Wenn man abends die globalen Nachrichten überfliegt, in Deutsch, Englisch, Französisch, dann sieht fast überall die gleichen zehn großen ­Geschichten, und sie werden überall auf ähnliche Weise erzählt.

Daneben gibt es eine riesige Fülle von Blogs, Webseiten und Newslettern, die man nutzen kann, um sich – wie etwa im Fall Mali – aus anderen Quellen zu informieren. Man darf sich aber keine ­Illusionen machen: Die meisten Leute – nicht nur in Deutschland – benutzen das Internet, um sich über das Nächstliegende zu informieren, von Öffnungszeiten über lokale bis zu nationalen Nachrichten. Die wenigsten nutzen es, um ihren Horizont zu erweitern.

Islamische Zeitung: Sie schrieben an anderer Stelle vom so genannten „Framing“. Was meinen Sie damit?

Charlotte Wiedemann: Stellen wir uns vor, wir hätten ein großes Bild und legten dann einen kleinen Rahmen auf eine Stelle des Bilds. Auf diesen kleinen Ausschnitt konzentriert sich dann unsere ganze Aufmerksamkeit; wir sollen ihn verstehen, ohne den gesamten Rest zu kennen. So ähnlich funktioniert ein Großteil der Auslandsberichterstattung. Wir bekommen einen ganz kleinen Ausschnitt gezeigt; Kontext, Erklärung, Hintergründe und Atmosphäre fehlen. Sehr oft hat das, was wir in diesem kleinen Ausschnitt vorgelegt bekommen, mit ­Gewalt zu tun. Denn die auf allen Kanälen ähnlichen Nachrichten handeln ihrerseits mehrheitlich von gewaltsamen Zusammenstößen.

Und obwohl ich selbst daran gewöhnt bin, Nachrichten auf professionelle Weise zu durchforsten, empfinde ich das Ausmaß an Gewalt, mit dem wir ständig bombardiert werden, zunehmend als krankmachend.

Islamische Zeitung: Um es positiv zu wenden, wie würde für Sie eine wünschenswerte Berichterstattung aussehen? Wie sieht Ihr Gegenmodell aus?

Charlotte Wiedemann: Ich will einen Vergleich wählen. Wenn es um’s Essen geht, dann wissen viele Menschen mittlerweile, dass die am schnellsten und am billigsten hergestellten Fließband-Lebensmittel nicht unbedingt gut für sie sind. Genauso müsste sich im Konsum von Informationen ein neues Bewusstsein verbreiten: Auch hier brauchen wir eher Slow Food – also weniger, aber bessere Informationen. Das wäre eine Art von medialem Verbraucherbewusstsein. Für die deutschen Medien wünsche ich mir, dass wir mehr Journalisten mit gemischt-kulturellem Hintergrund einsetzen, wie es in Großbritannien oder den USA schon länger der Fall ist. Ein Deutsch-Inder als Korrespondent in Indien: Das wäre ein Beitrag zu einer Berichterstattung, die weniger eurozentrisch ist und zugleich nicht zu abgehoben vom deutschen Durchschnittsbewusstsein.

Islamische Zeitung: Sie waren in vielen Ländern der muslimischen Welt. Viele Abschnitte aus Ihrem Buch handeln von diesen Erfahrungen. Gab es Begegnungen und Aspekte, die für Sie von bleibender Bedeutung sind?

Charlotte Wiedemann: Nachdem ich aus Malaysia zurückkam, wo ich einige Jahre gelebt habe, kam mir vieles in Deutschland sehr islamophob vor. Das war Ende des Jahres 2003, und dieses Schockiert-Sein war für mich der Ausgangspunkt, wissen zu wollen, was Islam wirklich bedeutet, in allen seinen Facetten. Später faszinierte mich, dass ich in jedem islamisch geprägten Land einerseits etwas Vertrautes fand, aber auf der anderen Seite auch jede Menge Unvertrautes. Es gibt für mich immer Anknüpfungspunkte, gleichzeitig aber handelt es sich jedes Mal um etwas vollkommen Neues. Als Journalistin ist die islamische Welt für mich wie eine ­riesige Schachtel Pralinen: beim Auswickeln immer wieder Überraschungen. Außerdem bin ich als Alleinreisende in muslimischen Ländern immer recht gut gereist. Das widerspricht der landläufigen Meinung, wonach es gefährlich sei oder eine Frau ständig belästigt werde. Ich fühle mich fast immer sicher, die Einschränkung vorausgesetzt, dass ich nicht in Kriegsgebiete reise. Die stärkere soziale Kontrolle des öffentlichen Raumes kommt mir als Ausländerin zu Gute: Leute, die mich überhaupt nicht kennen, fühlen sich für meine Sicherheit und meinen Schutz verantwortlich. Zum Beispiel habe ich schon vergnügt in unzähligen Geschäften und Werkstätten gesessen, weil einer Frau, die nicht auf der Straße stehen will, nie der Stuhl verweigert wird. Wenn man solche Grundregeln kennt, kann man sie als allein reisende Frau sehr gut zum eigenen Vorteil nutzen, auch mit einem Augenzwinkern. Dies sind einige der Gründe, weshalb ich gerne in muslimische Länder fahre.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch.

Charlotte Wiedemanns Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt“ ist jüngst beim Papyrossa Verlag (ISBN 978-3-89438-494-4) erschienen und für 12,90 Euro im Handel erhältlich. In der nächsten IZ-Ausgabe (Nr. 210) folgt eine Besprechung des Titels.

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"IZ-Begegnung" mit Prof. Ulrike Freitag vom Berliner Zentrum Moderner Orient

(iz). Keine Frage, der Islam ist in aller Munde. Spätestens seit dem 11. September 2011 dominiert dieses Thema wie kaum ein anderes unsere individuelle wie öffentliche Wahrnehmung. Trotz ­eines wachsenden […]

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Özlem Nas spricht über ihre Erfahrungen in TV-Talkshows und über die augenblickliche Debatte im Lande

Özlem Nas studierte Turkologie, ­Psychologie und Erziehungswissenschaften. Sie ist Referentin am Lehrer­fortbildungsinstitut der Stadt Hamburg und ist Mitglied im Hamburger Integrationsbeirat. Außerdem ist sie Frauenbeauftragte der SCHURA Hamburg. Islamische Zeitung: […]

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Medien: Aiman Mazyek: „Es wird zu viel pauschalisiert“

(KNA). Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Aiman Mazyek, hat die Darstellung des Islam in der Öffentlichkeit kritisiert. „Wenn ich manche Berichterstattung zum Thema im Fernsehen sehe, […]

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