Zu viel Zeit vorm Schirm

Alle Menschen haben die Auswirkungen des Coronavirus am eigenen Leib gespürt. ArbeitenehmerInnen wurden zum Teil in kürzere  Arbeitszeiten gezwungen oder ihre Arbeit fiel komplett weg. Kinder hat es jedoch härter getroffen. Sie durften eine Zeit lang keine pädagogischen Einrichtungen besuchen. Spielplätze, Vereinssport oder Freizeitangebote blieben ihnen ebenso verwehrt. Aktuell sind Maßnahmen erlassen worden, die Heranwachsende zu einer Teilhabe in unterschiedlichen Einrichtungen ermöglichen. Doch welche Auswirkung hat die Coronakrise insgesamt bei Kindern geschaffen? Von Gül Altin

(iz). Womit beschäftigen sie sich, wenn Schule/KiTa/Vereine/Spielplätze und all jene Flächen, worauf und womit sich Heranwachsende beschäftigen können, ausfallen? Für die Antwort muss nicht lange gesucht werden. Nämlich: Sie beschäftigen sich mit der digitalen Welt!

Die Coronakrise hat verstärkt dazu beigetragen, die Kinder länger mit Fernsehen, dem Internet oder digitalen Spielen zu beschäftigen.

Die KIM-Studie 2020 untersuchte 1200 Kinder zwischen 6 und 13 Jahren, und ihre Haupterziehungsberechtigten am Ende des letzten Jahres über ihre Mediennutzung. Das Fernsehen ist die häufigste mediale Freizeitbeschäftigung von Kindern. Auch ein Anstieg an Streaming-Diensten konnte anhand der Studie erkannt werden. Fast 3/4 der befragten Kinder nutzen das Internet täglich. Die wichtigsten digitalen Bereiche, die ihrerseits angewendet werden, sind WhatsApp, Suchmaschinen, Filme/Videos oder YouTube. 6- bis 13-Jährige Kinder beschäftigen sich mit dem Internet demnach durchschnittlich 46 Minuten.

In der DAK-Studie „Mediensucht 2020“ wurde das Medienverhalten sowie die Medienerziehung innerhalb des ersten coronabedingten Lockdowns erforscht. Sie kommt zum Ergebnis, dass während der Coronazeit die Beschäftigung mit den Sozialen Medien bei Jugendlichen unter der Woche um mehr als eine Stunde auf fast dreieinhalb Stunden pro Tag gestiegen ist. Am Wochenende beschäftigten sie sich sogar länger und bis zu durchschnittlich 4 Stunden. Zu den überwiegenden Gründen zählen, dass sie soziale Kontakte, die aufgrund der gesamten Maßnahmen beschränkt waren, aufrechtzuerhalten suchten, andere beschäftigen sich mit den Netzwerken aufgrund von Langeweile oder der Bewältigung von eigenen Emotionen. Über 35 Prozent der befragten Jugendlichen verdrängen mit der Nutzung digitaler Medien ihre Sorgen und Ängste und möchten damit aus der Realität entfliehen.

In der Bitkom-Studie aus dem Jahr 2019 wurde festgestellt, dass junge Erwachsene ihre Smartphones eher zum Konsum der digitalen Medienwelt und weniger zum Telefonieren nutzen. Demnach streamen 88 Prozent der 10- bis 18-Jährigen Musik und 87 Prozent schauen auf dem Smartphone Videos an. 

Digitalisierung ist ein weiter Begriff, der Vor- und Nachteile mit sich bringt. Doch benötigt ein kleines Kind, die Aufmerksamkeit der digitalen Welt?

Nach der Empfehlung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sollten Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren täglich nicht länger als 30  Minuten vor einem digitalen Medium verbringen. Für Kinder unter drei Jahren empfiehlt die Regierung komplett auf die Nutzung digitaler Medien zu verzichten. Nach dem Schuleintritt wird die tägliche Bildschirmzeit der Wissenschaftler aus der Hirnforschung auf einen täglichen Gebrauch von höchstens 15 Minuten und nach der Grundschule eine Erweiterung auf 30 Minuten täglich begrenzt.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass der übermäßige Gebrauch digitaler Medien bei Kindern eine negative Auswirkung auf ihre soziale Entwicklung hat. Studien verdeutlichen, dass frühkindliches Fernsehen keinen Nutzen hat, sondern eher, dass der exzessive Fernsehkonsum (insbesondere bei Kleinkindern) zu einer späteren Entwicklungsstörung führen und ebenso einen Einfluss auf ihre soziale Entwicklung haben kann. Weitere gesundheitliche Folgen übermäßigen Medienkonsums ist die schlechte Körperhaltung, Übergewicht, Konzentrationsschwäche, Einfluss der Werbung auf das Essverhalten der Kinder.

Für gestresste Erziehungsberechtigte kann der Augenblick der Ruheposition, die Kinder vor dem Bildschirm einnehmen, entspannend wirken. Die daraus entstehenden Folgen sollten aber nicht unterschätzt werden.

In den Alternativen, wie Brettspiele, Rätsel, Basteln, Spielplatz, Wandern, Fangen, Tanzen oder jegliche Art körperlicher oder psychischer Bewegung sollten Kinder gefordert und gefördert werden. Es muss kein Verein sein, um die Aktivität der Kinder zu befriedigen. Es benötigt lediglich die unterschiedliche, motivierende Herangehensweise der Kinder, sie  durch gegebene Reize zu motivieren und den Spaß daran zu fördern.

Jede Bezugsperson eines Kindes wünscht sich nur das Beste für ihn/sie. In Anbetracht der Vor- und Nachteile digitaler Medien ist ein Konsum damit nur in einer begrenzten Form angemessen. Daher müssen die Bezugspersonen die eigene Motivation aktivieren um ihre Nahestehenden und Liebsten bestmöglich zu beschäftigen.

Quelle der Studien: www.schau-hin.info/studien/studien-zur-mediennutzung

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Alltag der Muslime: Wie gehen wir mit ethnischen Identitäten um?

„O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ (Al-Hudscharat, 13) […]

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Neuer Roman von Christian Kracht. "Der Einzelne und seine Ideale". Buchvorstellung von Abu Bakr Rieger

Berlin (iz). Sprache hat ihre Faszination. So könnte ich stundenlang Interviews mit Klaus Maria Brandauer zuhören; allein, weil er den wärmsten und schönsten Dialekt der Welt zu sprechen vermag. Das Studium der sprachlichen Meisterschaft eines Roger Willemsen, die – lässt man sich darauf ein – spürbar mit einer enormen Verfeinerung des Blicks auf die Dinge einhergeht, wurde hier auch schon vorgestellt. In der gleichen Liga der Meister der deutschen Sprache muss man wohl auch Christian Kracht einordnen. Man hat da eigentlich gar keine Wahl. Nur ist das schon Grund genug „Imperium“, sein neues Buch, in einer islamischen Zeitung vorzustellen? Es bedarf dazu guter Gründe. Das Werk dreht sich nämlich um einen deutschen Sonderling, der – das ist natürlich lange her – in der Südsee einem merkwürdigen Idealismus anheim fällt. Lassen wir uns kurz auf die Zumu­tung ein: Wir befinden uns im Jahre 1900. Engelhaft, der Romanheld, will auf einer Südseeinsel nicht nur nackt (keine Bilder!) leben, sondern glaubt auch noch, dass ihm der ausschließliche Verzehr von „Kokosnüssen“ Transzendenz, Gesundheit und Zukunft bescheren könnte.

In einer Art ewiger Wiederkehr des Gleichen beschäftigt sich Kracht so mit dem menschlichen Idealismus, der – in Zeiten des sich anbahnenden technologischen Großprojektes – immer wieder, beinahe verzweifelt aufbegehrt. Der „Held“ des Romans entfernt sich in kleinen Schritten von der Außenwelt. In seine ideale, geistige Welt, während die große Welt draußen Wellen schlägt und ihre ­unheilvollen Kräfte für verheerende Kriege sammelt. Engelhardts Projekt ist natürlich eine Grotes­ke und schlägt bald in sein Gegenteil um. Der Abenteurer endet vereinzelt, isoliert, krank, jenseits der Sittengesetze und wird schlussendlich nach dem 2. Weltkrieg in erbärmlichen Zustand aufgegriffen und von amerika­nischen Soldaten als eine Art Museumsstück begafft. Aber, was geht uns das an?

Folgende Antworten bieten sich an: Eine Zeitung, die sich für das Erlernen der deutschen Sprache (und damit sind auch Deutsche gemeint!) einsetzt, kann ihre Meister nicht ignorieren. Auf vielen Seiten zeigt Kracht, was man mit dieser Meisterschaft vollbringen kann. Der Leser wird nicht nur, beinahe unfreiwillig, in die Nähe der sonderbaren Existenz Engelhardts und seiner Weggenossen ­geführt, sondern auch mit immer neuen Sprüngen, Abgründen und gedanklichen Absonder­lichkeiten unterhalten. Das ist wohl auch ­gemeint, wenn Elfriede Jelenik das Buch dem heutigen Leser als „Abenteuerroman“ vorstellt.

Kraft zeigt aber auch eindrücklich, wie das Scheitern des Ideals mit der inneren Isolierung Engelhardts verknüpft ist. Das ist – nebenbei erwähnt – eine allgemeingültige Beobachtung, die man auch bereits bei einigen „Idealisten“ der muslimischen Bewegung (die leider nicht mit Kokosnüssen werfen) beobachten kann. Engelhaft wird irre, weil seine Ideale nur noch für ihn alleine ideal sein ­können. Als eine Gruppe junger Deutscher einem Aufruf Engelhardts tatsächlich in die Südsee folgt, um die „Kokosnuss-Community“ zu gründen, beginnt sein endgültiger Abstieg. Er hat natürlich kein nachvollziehbares Programm anzubieten und muss sich zudem hoffnungs­los verschulden, um die Paradiesvögel aus Berlin wieder in die Zivilisation zurück zu verschiffen. Sein Untergang ist damit besiegelt.

Wer ist dieser Kracht? Man weiß es nicht. Nicht ungeschickt entzieht sich der Erfolgsautor der schnellen Verwertbarkeit und Einordnung. Er ist eigentlich Schweizer, lebt in Buenos Airos und weiß – wie er sagt – noch nicht, warum er gerade dort ist. Das ist für eine endgültige Einordnung in Schwarz und Weiß ziemlich dürftig. Damit bleiben uns nur seine Bücher.

„Imperium“ hat eine hitzige Debatte um den vermeintlichen Charakter des Schweizer Schriftsteller ausgelöst. Da Engelhardt – sozu­sagen zur Krönung seines dürftigen Daseins und zur Rechtfertigung seines kolossalen Scheiterns – auch noch dem Antisemitismus verfällt, wird spekuliert, ob Kracht selbst diesem Gedankengut zugeneigt ist. Das ist schräg und war als Spekulation zunächst nur geeignet, Kracht auf Platz 7 der Bestsellerliste des „SPIEGEL“ zu befördern.

„Könnte Kracht die neue Rechte mobilisieren und unsere Verfassung gefährden?“, fragten sich unsere Köpfe tatsächlich besorgt im deutschen Feuilleton. Der „Skandal“ will zeigen, dass man geistige Brandstiftung in Deutschland schon im Versuchsstadium sehr ernst nimmt. Eigentlich skandalös, wenn man schaut, wie es in der Welt da Draußen wirklich zugeht. Kracht wird es ironisch nehmen.

Informationen zum Buch:
Christian Kracht. Imperium
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2012
ISBN: 978-3462041316
Preis: 18,99 Euro