Erst schlagen, dann denken? Das darf nicht sein. Eine Forschergruppe hat nun Techniken entwickelt, wie man Feindseligkeit und Hass gegenüber dem politischen Gegner in der Gesellschaft abbauen kann.
(KNA). Die Studie „Bridging the Divide“ (Brücken schlagen) zeigt Wege auf, um Gewalt in der Gesellschaft zu reduzieren: Das berichtet der Wissenschaftler Steffen Moritz im Interview der „Süddeutschen Zeitung“.
Moritz leitet am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf den Forschungsbereich Neuropsychologie und Psychotherapie. „Bei den meisten unserer Probanden konnten wir in der Studie Feindseligkeiten und Hass reduzieren.“
Der Wissenschaftler hat nach eigenen Angaben eine Methode entwickelt, die ursprünglich zur Behandlung schwerer psychischer Störungen gedacht war – das Metakognitive Training (MKT). Mit dieser Methode könne man Zweifel säen und verdeutlichen, dass man nicht vorschnell urteilen sollte, sondern erst weitere Informationen sammeln muss.
Aus der ersten Anwendung dieser Fragetechnik sei eine Studie geworden, während der die Wissenschaftler gegenseitige Vorurteile von religiösen Gruppen reduzieren konnten. „Es ist uns gelungen, Vorbehalte von Muslimen gegenüber dem Christentum und vor allem dem Judentum zu reduzieren und andersherum.“
Bei der aktuellen Studie ging es nach Moritz’ Worten nun um Vorurteile, die Anhänger der Grünen und der AfD gegeneinander hegten. Ihnen seien Fragen gestellt worden zu verbreiteten politischen Stereotypen, deren Antwort ein Aha-Erlebnis auslöste.
„Vermeintliche Gewissheiten über den ideologischen Gegner entpuppten sich als falsch“, so Moritz. Wem derart die Augen geöffnet würden, der sei bereit, die eigene Einstellung zu überdenken – und vor allem mögliche Konsequenzen wie Gewalt in Schach zu halten.
Foto: momius, Adobe Stock
Der Experte rät davon ab, den politischen Gegner stellen zu wollen: Dies rufe sofort Abwehr hervor. Sinnvoller sei, einander zuzuhören und ein Gespür dafür zu bekommen, wie der andere ticke.
Moritz: „Dann kann man Argumente entkräften und versuchen, dem anderen zu neuen Einsichten zu verhelfen, ohne dass der gleich die Seiten wechseln muss.“
„Mein Wunsch ist, dass die Fragetechnik Eingang findet zum Beispiel in den Schulunterricht, Kinder sollen lernen zu diskutieren und sich nicht niederzuschreien“, betont der Wissenschaftler.
„Wir als Gesellschaft müssen weiter auch mit Menschen reden, die weit links oder rechts stehen.“ – Die Studie wurde von Forschenden der Universitäten Hamburg und Augsburg durchgeführt.
Themenausgabe über soziale Medien und ihre Folgen: Die KI stellt eine Herausforderung für die islamische Bildung dar.
(iz). Im 20. Jahrhundert war es der Einfluss von Ideologien, die die Präsenz der Muslime in der Welt veränderte. In dieser Epoche fordern technologische Innovationen das Selbstverständnis der islamischen Lehre grundsätzlich heraus.
Die Aufgabe der Politik und der Religionen wird es sein, möglichst zeitnah überzeugende Positionen im Angesicht einer technischen Revolution zu entwickeln.
Orientierungen im Dickicht der Herausforderung
Der Historiker Yuval Noah Harari bietet mit seinem neuen Bestseller „Nexus“ eine Orientierungshilfe an. In einer kurzen Geschichte der Informationsnetzwerke zeigt er die fundamentale Bedeutung von Narrativen auf, die in Büchern verfasst wurden und heute durch das Internet im Umlauf sind und aktualisiert werden.
Die künstliche Intelligenz ist die erste Technologie, die in der Lage ist, unser Geschichtsverständnis zu ändern, selbständig Entscheidungen zu treffen und autonom Ideen zu entwickeln. Welche dramatischen Konstellationen sich in diesem Zeitalter am Horizont zeigen, ist das Thema seines Buches.
Hararis Ausgangspunkt ist zunächst die Bestimmung des naiven Informationsverständnisses, das im Sammeln von Informationen einen direkten Weg zur Wahrheit, Weisheit und Macht sieht. Hierher gehörte das alte Versprechen des Internets, uns einen Zugang zu unbegrenztem Wissen zu gewähren.
Ein populistisches Informationsverständnis begreift in dem Potenzial, Fakten zu verbreiten in erster Linie eine Umsetzung von Machtoptionen. Der Informationsfluss der Spätmoderne ermöglichte dabei die Massendemokratie und den Massentotalitarismus.
Foto: Drew Ditty Graham, Unsplash
Begreifen wir Information?
Das komplexe Informationsverständnis versteht den notwendigen Zusammenhang von Wahrheit und Ordnung, die die Macht jeder Weisheit relativiert. Der Historiker erinnert daran, dass „weil ihnen Ordnung wichtiger ist als Wahrheit, die menschlichen Informationsnetzwerke oft viel Macht, aber wenig Weisheit hervorgebracht haben“. Die Information informiert nicht unbedingt über die Dinge. Sie formiert sie.
Es sind vor allem die Algorithmen der sozialen Netzwerke, die unsere politische Landschaft fundamental verändert hat. Ein Beispiel für die destruktive Wirkung der Steuerung von Aufmerksamkeit ist für Harari die Vorkommnisse in Birma im Umgang mit der muslimischen Minderheit der Rohingya.
Negativität ist einflussreich
Eine UN-Untersuchungskommission kam 2018 zu dem Ergebnis, dass Facebook durch die Verbreitung von hasserfüllten Inhalten eine entscheidende Rolle bei der ethnischen Säuberungskampagne gespielt habe.
Mit dem Ziel der Steigerung der Nutzerbindung hat das Netzwerk vor allem negative Meldungen bevorzugt. Die Algorithmen fanden mittels Versuche an Millionen von Nutzern heraus, dass Empörung eben diese Bindung erzeugt. Die politischen Folgen dieser Firmenphilosophie sind und waren fatal.
Sie trägt dazu bei, ein neues Gesellschaftssystem zu schaffen, das die niedersten Instinkte fördert und uns davon abhält, das gesamte Spektrum unseres Potenzials auszuschöpfen. Und – will man hinzufügen – das Prinzip dieser abgründigen Effizienz der Negativität hat schon längst zahlreiche Nachahmer in den konkurrierenden Print- und Onlinemedien gefunden.
Auf der Ebene dieser Gefahr ist es immerhin noch der Mensch selbst, der Programme schreibt und steuert, aber auch beendet. Das Verbot von automatisierten Nutzern, die massenhaft fragwürdige Informationen streuen, ist dabei eine logische und umsetzbare politische Forderung.
Warum ist es nicht möglich, zu verlangen, dass nur reale Personen, mit entsprechender Verantwortlichkeit, ihre Meinungen in den Informationsstrom einfließen lassen?
Die Lösung der Probleme, die aus der Anwendung von künstlicher Intelligenz entstehen, ist deutlich komplexer und besteht darin, dass alle Möglichkeiten der Selbstkorrektur dieser Systeme schwieriger werden. „Ein Informationsnetzwerk, das von anorganischen Computern beherrscht wird,“ schreibt Harari, „wäre auf eine Weise anders, wie wir uns das kaum vorstellen können.
Es sind weniger die autonom handelnden Roboter der Science-Fiction-Literatur, die uns hier Sorge machen sollten, sondern eher die subtile Verdrängung jeder menschlichen Eingriffsmöglichkeiten“.
Die künstliche Intelligenz eröffnet zum Beispiel völlig neue Dimensionen der Überwachung. In der Quantenmechanik verändert der Akt der Beobachtung subatomarer Teilchen deren Verhalten, das Gleiche gilt für den Akt der Observation von Menschen. Je leistungsfähiger die Beobachtungsinstrumente sind, desto größer ist ihre potenzielle Wirkung auf unsere Aktionen in einer – angeblich – freien Gesellschaft.
Gefahren für die Demokratie
Paradoxerweise ist für das Überleben der Demokratie eine gewisse Ineffizienz der Überwachung ein Vor- und kein Nachteil. Um die Freiheit des Einzelnen und die Privatsphäre zu schützen, ist es am besten, wenn weder die Politik noch mein Arbeitgeber alles über mich weiß. Unter den Bedingungen der Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz wird diese Realität für BürgerInnen in weite Ferne rücken.
Eine der größten Neuerungen, die sich aus der Anwendung der KI ergibt, ist zweifellos ihre Fähigkeit der Mustererkennung in der Analyse gigantischer Datenmengen. Viele Technologien und Systeme, die gesellschaftlichen Verhältnisse an sich, werden so komplex, dass sie von einem Einzelnen nicht mehr verstanden werden.
Schon heute entscheiden Computerprogramme über die Kreditwürdigkeit von Bankkunden, erfinden neue Finanzprodukte, bestimmen in den USA das Strafmaß von Verbrechern oder ermöglichen die Massenüberwachung des Verhaltens von Passanten mit Videokameras. Die Pointe ist dabei, dass die Anwender dieser Intelligenz selbst nicht mehr erklären können, wie ihr Computer, der die verbindlichen Ergebnisse produziert, zu seinen Resultaten kommt.
Was bedeuten KI und soziale Medien für den Glauben?
Im Feld des Glaubens deuten sich ebenso atemberaubende Visionen an. Es könnten attraktive und mächtige Religionen entstehen, deren Schriften von KI verfasst werden. Die neuen Gläubigen – im Sinne einer vollkommenen Leib-Seele Trennung – genießen so die unbegrenzten Möglichkeiten einer digitalen Welt, ein Reich Gottes, dass potenziell von den Gesetzen der Biologie und sogar der Physik befreit ist. Aber auch die Wirklichkeit der etablierten Religionen wird unter den Bedingungen der Computerwelt nicht stillstehen.
Schon heute wirkt eine Heerschar religiöser, „allwissender“ Influencer, die in den sozialen Netzwerken tausende Fragen der Nutzer beantworten und den Einfluss der Imame in den Moscheegemeinden bereits weit übertreffen. Die selbsternannten ReligionslehrerInnen verkörpern nicht selten ein hypermoralisches Wertesystem und fördern ein populistisches Informationsverständnis.
Werden Muslime künftig die künstliche Intelligenz nutzen, um ihre eigene Religion besser zu verstehen? Wie die Religionsgemeinschaften ihren Bildungsanspruch, herausgefordert von der virtuellen Welt, bewahren, ist eine offene Frage. Ein Ziel wird sein, in dieser Hinsicht ist der allgemeine Ansatz Hararis fragwürdig, philosophische Erkenntnis und religiöse Offenbarung nicht zu einer bloßen Information zu degradieren.
Im Kontext der Praxis ist die Publikation des Sozialpsychologen Jonathan Haidt „Generation Angst“ eine Pflichtlektüre für Eltern, Erzieher und Religionslehrer. Die Verlagerung der Energie und Aufmerksamkeit junger Menschen von der physischen Welt in die virtuelle hat aus seiner Sicht katastrophale Folgen. Die zwischen 1997 und 2012 geborene Generation Z kennt eine Wirklichkeit ohne Internet und Smartphones nicht.
Foto: marino, Adobe Stock
Eine Generation im Netz
„Der hohe Anteil der Kinder und Jugendlichen, die soziale Medien, digitale Spiele und Streaming-Dienste in einem die Gesundheit gefährdenden Ausmaß nutzen, ist besorgniserregend. In jeder vierten Familie äußern Eltern Unsicherheiten und Unterstützungsbedarf bei der Anleitung ihrer Kinder“, erklärt Prof. Dr. Rainer Thomasius vom Universitätsklinikum Hamburg.
Eine aktuelle Studie der DAK zeigt, dass inzwischen mehr als sechs Prozent der Minderjährigen abhängig von Computerspielen und sozialen Medien sind. Als mediensüchtig gilt nach Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wer in einem Zeitraum von einem Jahr die Kontrolle über sein Nutzungsverhalten verloren hat, sich aus anderen Lebensbereichen zurückzieht.
Jonathan Haidt zeigt in seiner Untersuchung die ganze Palette der psychologischen Probleme, von Depressionen bis zu Konzentrationsstörungen, die das Leben junger Menschen erfasst hat. Das Erziehungsmodell der Moderne sieht er in einer grundsätzlichen Krise.
Auf der einen Seite werden Kinder und Jugendliche behütet, mit dem Ziel sie von allen realen Gefahren und Risiken des Alltags zu schützen. Andererseits kümmern wir uns zu wenig um die Abgründe der virtuellen Welt, auf die sie mit Hilfe ihrer Smartphones treffen.
Diese „paranoide Erziehung“ ist eine Folge des Zusammenbruches der Solidarität unter Erwachsenen. Die Bildung unserer Kinder wird zunehmend eine Privatsache oder zur Staatsaufgabe. „Wenn aber Erwachsene sich heraushalten und einander nicht mehr bei der Kindeserziehung unterstützen“, schreibt Haidt „sind alle Eltern auf sich allein gestellt“.
Das Erziehungsproblem ist für den Wissenschaftler eine solidarische Aufgabe mit dem Ziel, den Einfluss der virtuellen Welt, insbesondere auf junge Menschen, zurückzudrängen. Die langfristigen Gefahren der Transformation von Jugendlichen zu Nutzern und Konsumenten sind offensichtlich: „Social-Media Plattformen sind die effizientesten Konformitätsmaschinen, die jemals erfunden wurden“ urteilt der Autor.
Neben konkreten Forderungen zum Schutz der Nutzer gegenüber den Netzwerkangeboten sieht er in der Einübung von Spiritualität ein echtes Gegengewicht. Entsprechende Lehren fördern eine Gegenwelt zu dem Erfahrungsraum sozialer Medien.
Im Mittelpunkt dieser existentiellen Erfahrungen stehen weder die Angst oder ein permanenter Informationsfluss, sondern das Vertrauen. Die Dimension der Ehrfurcht bewirkt neurophysiologische Veränderungen, einen geringeren Fokus auf das Selbst und ein gesteigertes Empfinden von Sinnhaftigkeit.
Die Frage ist klar: Vermitteln die realen, muslimischen Gemeinschaften weiterhin derartige Erfahrungshorizonte? Die Lage ist ernst. Arno Kleinebeckel beschreibt sie auf Telepolis: „In den internetbasierten Parallelwelten wandelt sich die Conditio humana unserer Jugend auf beängstigende Weise. Die schillernde Utopie einer gigantischen Leere, das ist ihr neues Zuhause. Ein verpixeltes, de-realisiertes Zuhause, eines, das den Anschein von Sein erzeugt, aber in Wahrheit unsere Kinder zu Phantomen macht.“
Neue Formen von Kommunikation und Technologie nehmen uns häufig die Fähigkeit zur sinnvollen Nutzung unserer Zeit. (The Conversation). Die Technik soll uns das Leben erleichtern. Smartphones sind ein handtellergroßes Fenster […]
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(iz). Die hohe Frequenz der Meinungen, Eindrücke und Informationen in sozialen Netzwerken setzt Medien und Politik immer stärker unter Druck. Internetnutzer erfüllen immer häufiger die Funktion von Stichwortgebern. Während die […]
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(iz). Die deutschen Medien lieben den Islam. Eine Auswahl von Talkshow-Titeln: „Mord im Namen Allahs“ (Illner), „Gewalt im Namen Allahs – Wie denken unsere Muslime?“ (Jauch), „Auf Streife für Allah?“ (Hart aber Fair) oder „Allahs Krieger im Westen“ (Will). Auch große Magazine ticken ähnlich. Der SPIEGEL brachte Cover wie „Mekka Deutschland“, mit dem Brandenburger Tor vor pechschwarzem Hintergrund, und das lange, bevor Pegida überhaupt existierte. Alles schön dramatisch, alles schön alarmierend. Auch ich als muslimischer Journalist bekomme das zu spüren. Immer wieder fragen mich muslimische Freunde und Bekannte: „Warum berichten die Medien immer negativ über uns Muslime?“
Kai Hafez, der in Erfurt Kommunikationswissenschaft lehrt, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Islambild deutscher Medien. Seine Ergebnisse veröffentlicht er unter anderem im Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung. Dabei wurden in 13 Ländern insgesamt 14.000 Menschen zu ihren persönlichen religiösen Einstellungen und zum Verhältnis von Religion und Gesellschaft befragt. Er hat festgestellt, dass die Konflikte in der muslimischen Welt die Berichterstattung dominieren, und Bereiche wie Kultur oder Wirtschaft keine oder nur eine sehr geringe Rolle spielen.
Der Blick auf die Region werde stark durch den Faktor Islam beeinflusst. „Der Islam wird sozusagen immer mehr als Schlüssel zur Interpretation der Region benutzt“, so Hafez. „Islamismus ist ein zentraler Faktor, aber bei weitem nicht genug, um die Entwicklung dieser Länder zu verstehen, die man eher sozio-ökonomisch deuten, also mit anderen, ganz anderen Instrumentarien anfassen sollte.“
Auch das Schweizer Institut „Media Tenor“ befasst sich mit Medienanalyse. Christian Kolmer untersucht dort das Image von Religionen und Kirchen, und stellt fest, dass die Islam-Berichterstattung immer wichtiger wurde, aber eben auch immer negativer – gerade im Jahr 2014. „Die Hauptursache dafür ist, dass Terroristen und militante Gruppen, die sich auf den Islam berufen, den größten Anteil der Berichterstattung einnehmen, während der Alltag der Muslime im Nahen Osten aber auch im Westens praktisch keine Rolle spielt.“ Kolmer stellt auch fest, dass nicht nur das Islambild in den Medien durch Negativschlagzeilen geprägt ist.
Religion an sich habe kein positives mediales Image. Ein Grund dafür: die vielen Skandale in der Kirche. Im Gegensatz zu Muslimen hätten Kirchen die Möglichkeit, mit ihren Positionen wahrgenommen zu werden. Geistliche Führer oder Imame kämen in der Berichterstattung selten zu Wort – es sei denn, sie vertreten extreme Positionen. Statt repräsentative Imame, bekommen eher salafistische Prediger eine Bühne.
Vor einigen Monaten etwa war die so genannte Scharia-Polizei von Wuppertal Thema in deutschen Medien. Die Medienaufmerksamkeit war enorm. Salafisten um Sven Lau in Wuppertal haben sich über diese gratis PR-Arbeit gefreut. Ihre Kalkulation ging auf. Die Talkshow „Hart aber fair“ griff das Thema auf und titelte: „Auf Streife für Allah – vor welchem Islam müssen wir Angst haben?“ Gast war unter anderem der Leipziger Prediger Hassan Dabbagh. Warum betitelt „Hart aber Fair“ die Sendung so hysterisch? Und warum einem dubiosen Prediger eine Bühne geben, der für eine verschwindend kleine Minderheit spricht?
Georg Diedenhofen, Redaktionsleiter bei „Hart aber fair“, sieht in solchen Schlagzeilen kein Problem. Die Titel einer Talkshow würde die Menschen nicht beeinflussen. „Ich glaube eher, es bringt sie dazu, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen“, meint er. Schließlich müsse man es als Redaktion hinbekommen, Zuschauer einem 75-minütigen Gespräch im Fernsehen zu folgen. Provokative Titel sollen die Lust beim Zuschauer wecken, und ein schriller Gast hebt die Quote. Das muss nicht primär schlecht sein. Aber die Verwendung von Titeln, die eher aggressiv und zugespitzt sind, prägen langfristig die Sicht der Menschen auf den Islam und die hier lebenden Muslime.
Kai Hafez ist überzeugt, dass Medien die Wahrnehmung von Muslimen und Islam wesentlich prägen. Denn die meisten Menschen haben nach Ergebnis des Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung mit Muslimen und ihren Lebenswelten keinen direkten Kontakt. Sie sind abhängig von Sekundärinformationen. „In der Schule erfahren sie sehr wenig über die islamische Welt, bleiben am Ende die Medien als Stichwortgeber.“. Wenn dort täglich Negativnachrichten laufen, verzerre das die Wahrnehmung und gebe populistischen und fremdenfeindlichen Bewegungen wie Pegida Vorschub. Hafez benutzt dafür das Bild des Zauberlehrlings: „Die Medien haben eine Kreatur geschaffen – die Islamfeindlichkeit – die sie dann, wenn es zu schwierig und krisenhaft wird, durch kritische Berichterstattung gegenüber diesen fremdenfeindlichen Bewegungen wieder versuchen in Schach zu kriegen.“ Hafez spricht daher von einem „virtuellen Islam“, der mehr und mehr das Islambild der Menschen bestimme. Ein künstliches Bedrohungs- und Repressionsbild führe zu einer verbreiteten Angst unter der Bevölkerung, auch wenn es mit der Realität der hier lebenden Muslime nichts zu tun habe.
Wie gehen hier lebende Muslime mit dem Islambild in den Medien um? Von muslimischen Freunden und Bekannten werde ich oft gefragt: „Hast Du, als muslimischer Journalist, überhaupt freie Hand, dass zu schreiben, was Du willst?“ In der Tat gibt es innerhalb und außerhalb der Redaktionen Leute, die bewusst den üblichen so genannten Islamexperten Raum geben und eine Agenda verfolgen. Eine Redaktion bekam vor einiger Zeit einmal einen Brief von einem „Islamexperten“ einer parteinahen Stiftung, in dem diese Person mich als „Islamisten“ bezeichnete, der „Mainstreammedien unterwandere“. Wir waren uns nie begegnet und gesprochen haben wir auch nie miteinander. Aber anscheinend fühlte er sich durch meine journalistische Tätigkeit gestört.
Es gibt solche und ähnliche ideologische Akteure, die nicht wollen, dass Muslime die mediale Bühne betreten und vielleicht ein anderes Bild vermitteln. Da passen Hardliner wie Hassan Dabbagh schon besser ins Bild. Aber auch auf der anderen, der „liberalen“ Seite treten Muslime auf, die den Anspruch haben, für die so genannte schweigende Mehrheit der Muslime zu sprechen. Niemand stellt die Frage, wie man für eine Gruppe, die schweigt, sprechen kann. Die breite Mitte der Muslime bleibt zumindest auf der medialen Plattform erschreckend abwesend.
Vermehrt haben Muslime das Gefühl, dass viele Medien eine Agenda verfolgen. Und hysterische Titelstorys schüren natürlich die Vorstellung einer „Verschwörung“. Wenn man aber einen Einblick in die journalistische Arbeit bekommt, merkt man schnell, dass die wenigsten Journalisten bewusst Dinge unterschlagen oder negativ präsentieren. Es ist eher so, dass viele Redakteure zu einseitig informiert sind und bisher als Quelle oft nur „islamkritische“ Experten hatten. Aber es gibt auch Blätter, die tendenziös berichten und bei bestimmten Themen eine Agenda verfolgen. Im Falle Springer ist dies nicht von der Hand zu weisen. Als muslimischer Journalist steht man auf der anderen Seite immer wieder vor dem Problem, dass man auf ein Thema fixiert wird. Einerseits freue ich mich über Aufträge, aber der Idealfall wäre, dass ich als Muslim nicht nur über Islamthemen etwas schreibe, sondern auch über Themen, die nichts direkt mit Islam oder einem „Migrationshintergrund“ zu tun haben.
Es gibt auch muslimische Medien, die aber erstaunlicherweise von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Seit 1995 gibt es etwa die „Islamische Zeitung“. Sie leistet Pionierarbeit, denn sie hat es geschafft, als einziges von Muslimen produziertes Medium jetzt mittlerweile 20 Jahre auf dem Medienmarkt zu bestehen. Trotz einer kleinen Redaktion, vielen ehrenamtlichen Autoren und minimalen Ressourcen leistet sie einen wichtigen Beitrag für den Islam in Deutschland. Lange vor dem 11. September hatte man sich klar zu Selbstmordattentaten und Extremismus positioniert, und zwar aus dem Islam heraus; also das, was jetzt überall lautstark gefordert wird, nämlich sich zu diesen extremistischen Ideologien klar und theologisch zu positionieren. Die Hauptmotivation für die IZ, so Chefredakteur Sulaiman Wilms, sei es gewesen, ein Medium an der Hand zu haben, um mit mehr Leuten über den Islam ins Gespräch zu kommen.
Von der Medienlandschaft unisono zu sagen, die Art und Weise wie der Islam dargestellt wird, sei eine Verschwörung oder münde in eine solche, findet Wilms absurd. „Warum? Weil Medien in Deutschland nicht so funktionieren. Nichtsdestotrotz hat die Islamberichterstattung im Augenblick negative Effekte für Muslime und für den gesellschaftlichen Frieden. Das hat aber andere Ursachen “, so Wilms.
Einerseits gäbe es in der Tat ideologische Netzwerke und Seilschaften wie die „Achse des Guten“. Ein anderer Aspekt spiele allerdings für die Islam-Berichterstattung eine viel wichtigere Rolle. „Was wir bei der Islamberichterstattung erleben, ist das serielle Darbringen der gleichen Fakten, die dadurch eine Vielfalt erzeugen, weil sie immer wieder rezipiert und wiedergegeben werden, und dann quasi eine Vielfalt an Vorgängen und so ein Bild erzeugen“, das der Realität nicht mehr wirklich entspreche. Das habe auch mit Produktionsbedingungen zu tun, unten denen heute Medien entstehen: Rückgang der Abonnentenzahl, Abschaffung von Rechercheuren und die damit verbundenen Begrenzungen. Es gibt ideologisch motivierte Aktivisten, welche sich der Medien bedienen.
Bei diesen Aktivisten handelt es sich anders als bei der „Achse des Guten“ nicht um hauptberufliche Journalisten, sondern um Akteure aus dem akademischen Bereich. Die Autoren Markus Mohr und Hartmut Rübner sprechen in ihrem gleichnamigen Buch von der „Sozialwissenschaft im Dienste der inneren Sicherheit“. Die beiden Politikwissenschaftler behandeln in ihrem Buch von 2010 diese fragwürdige Facette der akademischen Welt. Einrichtungen der politischen Bildung würden verstärkt wie eine Art Vorfeldorganisation des Verfassungsschutzes agieren. Als ein Beispiel nennen die beiden Autoren etwa das in Berlin aktive Zentrum für demokratische Kultur. Ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit ist der „Islamismus“. Solchen Akteuren ginge es nicht um Vermittlung von Informationen, sondern um einen „privaten Verfassungsschutz“, so Wilms.
Der „private Verfassungsschutz“ unterscheide sich vom regulären, legitimen und auch verfassungsgemäßen Verfassungsschutz, denn dieser sei an Gesetze gebunden. Beim „privaten Verfassungsschutz“ werde nach geheimdienstlichen Methoden agiert, aber ohne irgendeinen Kontrollmechanismus. Das habe für die Betroffenen massive Folgen, denn diese privaten Verfassungsschützer seien in einer quasi idealistischen, quasi akademischen Position und würden als Autorität wahrgenommen. „Die Rezipienten dieser Informationen sowohl Journalisten, Institutionen sowie die Leser wissen gar nicht, wer diese Person eigentlich genau ist.“
Mit Muslimen wird operiert; unter anderem, weil sie die Definitionshoheit über die Grundbegriffe des Islamdiskurses verloren haben. Eine Eigendeutung eigener Kontexte ist fast unmöglich geworden. Klassisches Beispiel ist der „Islamismus“-Begriff, dessen Unbestimmtheit fatale Folgen hat. Im Islamdiskurs wird als „Islamist“der Moscheegänger bezeichnet, der Mitglied in einem Verband ist, der als „islamistisch“ eingestuft wird. Wird jeder Muslim, der sich veranlasst sieht, sich dank seiner Religion sozial zu engagieren oder Lösungsansätze für Probleme zu formulieren, damit zum „Islamisten“? Es ist genau diese Unschärfe, die den „Islamismus“ so erfolgreich hat werden lassen. Maßgeblich verantwortlich sind Verfassungsschutzberichte und die unkritische Übernahme des Begriffes durch Medien. Je unbestimmter, desto mehr sind Muslime davon betroffen und desto weniger können sie sich zur Wehr setzen.
Durch die Begriffe wird der Islam im Grunde genommen politisiert und gar nicht mehr als Religion wahrgenommen. Für viele Muslime ist das ein Enteignungsprozess: In der Wahrnehmung eines einfachen Muslims wird ihm die Religion weggenommen und politisiert. Auch die selten hinterfragte Forderung nach „Integration“ ist hier von Bedeutung. Die permanente Anwendung der „Integration“ auf den Islamdiskurs und die Vermischung dieser zwei vollkommen getrennten Themen erzeugt die Vorstellung, dass sich Muslime wegen ihrer Religionszugehörigkeit „integrieren“ müssten. Aber sollte dies auf deutsche Muslime wie mich zutreffen, die hier geboren und aufgewachsen sind und hier studiert haben?
(iz). „Ein Wort ist“, so die alten Araber, „wie ein Pfeil. Einmal abgeschossen, kann es nicht mehr zurückgenommen werden“. Wohl auch aus diesem Grunde räumt das islamische Recht der Sprache den Stellenwert einer Handlung ein. Was im normalen, zwischenmenschlichen Alltag sich noch auf der Ebene des guten Umgangs bewegt, wird in vermeintlichen sozialen Medien – die oft einen asozialen Charakter haben – schnell zu einem notwendigen Kriterium für die Aufrechterhaltung einer normalen Kommunikation.
Ein prägnantes, und passendes Beispiel, ist der augenblickliche Marktführer auf dem Markt elektronischer Kommunikation: der bisherige Spitzenreiter Facebook. Während man im Gespräch – und sei es am Telefon – noch auf den bekannten Ablauf von Empfangen, Verarbeiten und Replik auf eine Information vertrauen kann, hebelt das vermeintliche soziale Medium bisherige Kommunikationsformen auf. Der Zwang zum sofortigen Versenden von – aus dem Kontext gerissenen oder subjektiven Meinungen – führt nicht selten zu Irrtümern und Verstimmungen. Bei einer direkten menschlichen Begegnung ist die Mimik des Gegenübers ein Indikator für den Zustand der Diskussion. Und selbst das unbesonnene Wort des Anderen wird relativiert, weil man seinen Gemütszustand einschätzen kann.
Nirgendwo sonst – soweit es die innermuslimische Debatte betrifft – lässt sich dies an der Diskussion um den Organisationsgrad der Community ablesen. Bei Facebook wird – nicht selten unter dem Druck der vermeintlichen Kommunikation in „Echtzeit“ – mit Argumenten und Unterstellungen operiert, die sich mehr aus der Form des Mediums ergeben als aus den Absichten der Diskutanten. Hier greifen – ironischerweise auch auf muslimischer Seite – die gleichen Diskussionsschemata, wie man sie im Internet von einer zumeist radikalen Islamkritik kennt.
Oft wird ohne Kenntnis über Beteiligte, ihre Umstände und die Bedingtheiten ihrer Situation debattiert – von platten Behauptungen über angeblich niederträchtige Absichten einmal ganz zu schweigen. Der ganzheitlichen Problematik des Islam in Deutschland aber kann Facebook – wenn überhaupt – nur bedingt gerecht werden. Weil aber das Wort im islamischen Recht eine Handlung ist, ist es wohl so, dass die meisten Muslime ihr Publizieren in sozialen Medien schon als Ersatz für eine echte Tat betrachten, anstatt wirklich zu handeln.
Köln (KNA). Sie soll ein Symbol für gelungene Integration werden: Die große Zentralmoschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Transparent und einladend wirkt denn auch der imposante Rohbau – die rund 36 […]
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