Frieden: Trotz tausender zumeist ziviler Opfer in Israel und Gaza wird der Krieg fortgesetzt. Im drängendsten Moment versagt die Diplomatie. (IZ/KNA/GFP.com). Im andauernden Krieg zwischen Israel und der Hamas zeichnete […]
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Frieden: Trotz tausender zumeist ziviler Opfer in Israel und Gaza wird der Krieg fortgesetzt. Im drängendsten Moment versagt die Diplomatie. (IZ/KNA/GFP.com). Im andauernden Krieg zwischen Israel und der Hamas zeichnete […]
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Berlin (dpa, KNA, iz). Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama hat gemahnt, Muslime nicht pauschal als gewaltbereit abzustempeln. Viele Bilder und Filme in den Tagen seit dem Angriff der Hamas auf Israel seien sehr verstörend, sagte er dem „Tagesspiegel“ (Samstag). Gewaltbereitschaft betreffe nicht pauschal alle Muslime, sondern eine bestimmte Szene.
„Wir müssen versuchen, mit diesen Menschen in einen Dialog zu treten. Dazu sind wir verpflichtet, denn wir leben gemeinsam in dieser Stadt“, sagte der Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender und ehemalige Direktor des Erinnerungsorts Topographie des Terrors.
So schwer das für beide Seiten sein möge, es sei zum Wohle des Ganzen. „Ich habe in der muslimischen Community viele Freunde und appelliere an alle, einen Weg zur Geschwisterlichkeit und Partnerschaft zu finden.“

Foto: Schalom Alaikum
„Der rechtsradikale, hier verankerte Antisemitismus und der nahöstliche geben sich auf unheilvolle Weise die Hand“, sagte Nachama, der auch Mitgründer des House of One ist, einem auf Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen ausgerichteten Projekt in Berlin-Mitte. Die Bedrohungslage sei ernst.
„Gleichzeitig sollten wir bei gewaltverherrlichenden Personen nicht den Eindruck erwecken, sie hätten damit Erfolg“, sagte Nachama. Letztlich sei die jüdische Gemeinschaft gewöhnt, mit Drohungen von außen umzugehen. „Ich erinnere an den Anschlag auf die Synagoge in Halle, zugleich aber auch an die rechtsextremen Morde von Hanau, die Muslimen galten“, sagte der Rabbiner.
„Ich halte es für extrem wichtig, eine Erkenntnis zu vermitteln: Muslime und Juden sitzen im gleichen Boot. Wir werden von Rechtsextremen gleichermaßen antisemitisch oder antirassistisch bedroht. Wir sollten miteinander für eine tolerante Gesellschaft eintreten.“

Foto: , via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-2.0
Vertreter von Juden und Muslimen rufen mit Blick auf den Krieg im Gazastreifen zu Besonnenheit auf. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte am Freitagabend in den ARD-Tagesthemen, er mache sich große Sorgen über die Lage in Deutschland.
Auf den Straßen seien derzeit Hass, Gewalt und Antisemitismus zu sehen. Das verurteile er ganz klar und deutlich. Das Vorgehen der Hamas bezeichnete er als einen „schlimmen Terroranschlag“.
Mazyek betonte, er verhehle nicht, dass es auch Muslime gebe, die antisemitisch seien – und das müsse man bekämpfen. Rassismus sei im Islam eine Sünde. Gerade die deutschen Muslime hätten eine besondere Verantwortung – auch gegenüber Juden und Israel.
Muslime und Juden in Deutschland dürften sich nicht auseinanderdividieren lassen. Gerade die Religion biete Möglichkeiten und Formen, Verbindendes und Anteilnahme zu bekunden, beispielsweise durch gemeinsame Friedensgebete. Deshalb habe er am Freitag eine Synagoge besucht.

Foto: © Raimond Spekking, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0
Die Grünen-Parteivorsitzende Ricarda Lang warnt davor, Muslime pauschal zu verdächtigen. „Wir sollten uns davor hüten, alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Viele Muslime in Deutschland verurteilen den Hamas-Terror ebenfalls“, sagte sie der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Samstag).
Es gebe viele Stimmen aus der muslimischen Community, die sich eindeutig gegen die Hamas positioniert hätten, fügte sie hinzu. Sie hätte sich aber ein „klareres Statement vonseiten der Islamverbände gewünscht“. Diese hätten eine Verantwortung, Antisemitismus entgegenzutreten.
Am Donnerstag hatte sich die Dachorganisation muslimischer Verbände, der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland, vom „terroristischen Anschlag gegen die Zivilbevölkerung in Israel durch die Hamas“ distanziert. Dieser Angriff sei nicht zu rechtfertigen.
Lang wies Forderungen nach aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen für Antisemiten zurück. „Der Rechtsstaat ist handlungsfähig, er hat die Instrumente, die er braucht, in der Hand. Jetzt geht es darum, sie konsequent anzuwenden. Unsere Sicherheitsbehörden machen hier gerade einen tollen Job“, sagte Lang. Wenn eine Person straffällig werde, die keinen dauerhaften Aufenthaltstitel hat, gebe es bereits die Möglichkeit der Ausweisung.
(dpa, KNA, iz). Nach den Evakuierungsaufrufen an die Zivilbevölkerung im nördlichen Gazastreifen sind nach israelischen Militärangaben rund 700.000 Palästinenser in den Süden geflohen. Armeesprecher Daniel Hagari sagte am Samstag, man rufe die in der Stadt Gaza und im Norden des Palästinensergebiets verbliebenen Zivilisten dazu auf, sich ebenfalls in das Gebiet südlich von Wadi Gaza zu bewegen.
Bei den Angriffen starben nach jüngsten Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums 4.137 Menschen. Davon sind 70 Prozent Kinder und Frauen. Mehr als 1.000 Personen würden vermisst. Sie befänden sich vermutlich unter den Trümmern.
Nach UN-Angaben sind angesichts der heftigen Luftangriffe Israels bereits etwa 1,4 Millionen Menschen im Gazastreifen aus ihren Häusern vertrieben. Mehr als 544.000 von ihnen hätten in Einrichtungen des Palästinenserhilfswerks UNRWA Schutz gesucht. Andere kamen demnach bei Familie oder Freunden unter.
20 LKW war von Anfang an eine symbol. Geste #Israel|s, nicht eine Rückkehr zur regelbasierten Kriegsführung. Keine Maßnahme, um in #Gaza Leben zu retten. Nicht mal diese Geste wurde erfüllt. Als handele es sich um ein Zugeständnis u. nicht die Fortsetzung eines Kriegsverbrechens. https://t.co/NiKKaQGMxu
— Riad Othman (@othman_riad) October 20, 2023
Erste Lieferungen von dringend benötigten Hilfsgütern in den Gazastreifen sind angelaufen. Einige LKWs fuhren am Samstag von Ägypten in den palästinensischen Bereich des Grenzübergangs Rafah, wie auf Bildern im ägyptischen Fernsehen zu sehen war.
Dem Roten Halbmond von Ägypten zufolge sollen die 20 Lastwagen vor allem mit Nahrungs- und Arzneimitteln beladen sein. Es sind die ersten Lieferungen über Rafah seit Beginn des Kriegs zwischen Israel und der Hamas am 7. Oktober.
„Ich komme gerade vom Tor zum Gazastreifen (Rafah Crossing) mit einem tiefen Gefühl und einem gebrochenen Herzen.
Einerseits habe ich die Großzügigkeit der Fahrer von mehr als 100 Lastwagen gesehen.
Einige stehen dort schon seit Tagen und warten darauf, den Übergang passieren zu können, und sie sind eine Lebensader für die Menschen in Gaza.
Der Unterschied zwischen Tod und Leben, mit Wasser, mit Lebensmitteln, mit Medikamenten, mit allem, was die Menschen in Gaza brauchen.“
Antonio Guterres, 21.10.2023
Der Grenzübergang ist derzeit der einzige Weg, Unterstützung für die notleidende Zivilbevölkerung in den Gazastreifen zu bringen. Wie lange die Grenze offen bleiben sollte, blieb zunächst unklar. UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths erklärte, den Hilfslieferungen seien tagelange intensive Verhandlungen vorausgegangen. Letztlich hatten sich alle Seiten auf den Konvoi mit 20 Lastwagen verständigt.
Die Güter sollen über das UN-Palästinenserhilfswerks UNRWA an die Bevölkerung verteilt werden. Mediziner-Teams würden ebenfalls am Samstag in den Gazastreifen fahren, sagte Chalid Sajid, Leiter des ÄRH im Nord-Sinai. „Wir warten auf die Erlaubnis, dass ägyptische Krankenwagen passieren, um verletzte Palästinenser zu ägyptischen Krankenhäusern zu bringen.“
Die Berichte über erste Hilfslieferungen nach #Gaza sind ein Zeichen der Hoffnung in diesen schwierigen Stunden. Wir danken allen, die dazu beigetragen haben und arbeiten weiter mit Hochdruck an der Ausweitung der Lieferungen. Denn der Zivilbevölkerung in Gaza fehlt es an allem.
— Außenministerin Annalena Baerbock (@ABaerbock) October 21, 2023
Griffiths geht davon aus, dass dem ersten humanitären Konvoi mit 20 LKWs für zügig weitere folgen. „Ich bin zuversichtlich, dass diese Lieferung der Beginn einer nachhaltigen Anstrengung sein wird, die Menschen im Gazastreifen sicher, zuverlässig, bedingungslos und ungehindert mit lebensnotwendigen Gütern wie Nahrungsmitteln, Wasser, Medikamenten und Treibstoff zu versorgen“, teilte er in Kairo mit. „Die Menschen im Gazastreifen leiden seit Jahrzehnten. Die internationale Gemeinschaft kann sie nicht weiter im Stich lassen.“
Vier Lieferwagen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren ebenfalls auf dem Weg in den Gazastreifen, wie die Organisation berichtete. Sie haben Medikamente und Versorgungsmaterial für Verwundete, für chronisch Kranke, sowie lebenswichtige Arznei und Material für die Versorgung von 300.000 Menschen für drei Monate geladen.
Ein Flugzeug mit weiterem Material unter anderem für Operationen, Infusionen, und Desinfektionsmittel wurde gestern im nahegelegenen Al-Arisch eingetroffen, ein weiteres Flugzeug wurde am Samstag erwartet, berichtete die WHO. An Bord waren ebenfalls Zelte und Wassertanks.

Foto: UN Geneva, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0
Guterres forderte bei einem Nahost-Gipfeltreffen eine humanitäre Feuerpause im Gazastreifen. Er nannte drei unmittelbare Ziele: die ungehinderte humanitäre Hilfe für die Zivilisten im Gazastreifen, die sofortige und bedingungslose Freilassung aller aus Israel entführten Geiseln und engagierte Bemühungen, die Gewalt einzudämmen, um eine Ausweitung des Konflikts zu verhindern.
Er blickte zusätzlich weiter in die Zukunft: Der Krieg könne nur mit einer Zweistaatenlösung befriedet werden, einen für Israelis und einen für Palästinenser. „Die Zeit zum Handeln ist gekommen, handeln, um diesen schrecklichen Alptraum zu beenden“, sagte er.
Seit Beginn des Kriegs zwischen der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen und Israel am 7. Oktober sind mindestens 17 Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks für die Palästinenser (UNRWA) getötet worden. „Leider ist die tatsächliche Zahl wahrscheinlich noch höher“, erklärte Generalsekretär Philippe Lazzarini am Samstag.
Zudem seien mindestens 35 Institutionen des Hilfswerks in Mitleidenschaft gezogen und einige von ihnen bei israelischen Luftangriffen direkt getroffen worden. Insgesamt hätten 500.000 Menschen in verschiedenen UNRWA-Einrichtungen in ganz Gaza Zuflucht gefunden, darunter in Gebäuden, „die nicht als Unterkünfte gedacht waren und in denen die Lebensbedingungen einfach unhaltbar sind“.

Foto: Wafa, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0
Die Umstände in Gazas Notunterkünften seien katastrophal, so das Hilfswerk. Überbelegung, fehlende Privatsphäre und eingeschränkte Verfügbarkeit von Wasser verstärkten den Leidensdruck der Betroffenen. Aufgrund der wachsenden Spannungen komme es bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Bewohnern.
Lazzarini forderte einen bedingungslosen Schutz für Zivilisten. Dies sei eine nicht verhandelbare rechtliche Verpflichtung aller Konfliktparteien. Ferner seien Angriffe auf zivile Einrichtungen, einschließlich Schulen, Krankenhäuser, Gotteshäuser und Wohnungen von Zivilisten zu unterlassen.
„Lassen Sie es mich deutlich sagen: Der Schutz von Zivilisten in Konfliktzeiten ist kein Wunsch oder Ideal, sondern eine Verpflichtung und ein Bekenntnis zu unserer gemeinsamen Menschlichkeit“, so Lazzarini, und forderte einen sofortigen Waffenstillstand.
Gaza (dpa, UN Media, KNA, iz). Bei einem Raketenangriff auf das christliche Al Ahli Arab-Hospital in Gaza sind am Dienstagabend Hunderte Menschen getötet und verletzt worden. Die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde machte die israelische Armee dafür verantwortlich.
Diese wiederum beschuldigte die Organisation „Islamischer Dschihad“ im Gazastreifen. Es habe sich um eine fehlgeleitete Rakete gehandelt. Eine unabhängige Untersuchung des Angriffs steht aus. Die Ereignisse lösten in vielen Ländern der Welt spontane Proteste aus.
Die Weltgesundheitsorganisation verurteilte den Angriff und forderte den sofortigen Schutz der Zivilbevölkerung und der medizinischen Versorgung in der palästinensischen Enklave. „Die WHO verurteilt den Angriff auf das Al Ahli Arab Hospital aufs Schärfste“, sagte der Generaldirektor der UN-Gesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, auf der Social-Media-Plattform X.
Das Hospital war bereits am Samstag bei einem Luftangriff beschädigt worden. Dabei wurden nach Angaben der anglikanischen Kirche vier Menschen verletzt. In einem früheren Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärte die Krankenhausdirektorin Suhaila Tarazi, das Haus „basiert auf unserem christlichen Glauben und der Nächstenliebe“. Die Mehrheit des Personals und der Patienten sind Muslime, nicht zu diskriminieren sei Teil der Mission und Vision.

Screenshot: X (Twitter)
Tareq Abu Azzoum von Al Jazeera berichtete aus Gaza, dass das Areal, in dem der Luftangriff stattfand, „voller Vertriebener“ war. „Dieses Gebiet (in dem die Bombardierung stattfand) ist dicht bevölkert, voller Geschäfte, Wohnhäuser und sogar voller Vertriebener, die ihre Häuser evakuiert haben, nachdem sie von der IOF den Befehl zur Evakuierung erhalten hatten“, so Azzoum.
„Mir fehlen die Worte“, erklärte der UN-Menschenrechtsbeauftragte Volker Türk in der Nacht. Bei dem massiven Angriff auf die Einrichtung seien Patienten, medizinisches Personal und Familien, die dort Zuflucht gesucht hatten, „auf schreckliche Weise“ getötet worden.
„Wieder einmal die Schwächsten. Das ist völlig inakzeptabel.“ Krankenhäuser seien unantastbar und müssten um jeden Preis geschützt werden. „Wir kennen das volle Ausmaß dieses Massakers noch nicht, aber es ist klar, dass die Gewalt und das Morden sofort aufhören müssen“, unterstrich Türk.
Zivilisten müssten geschützt werden, humanitäre Hilfe müsse die Bedürftigen dringend erreichen können, die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden, betonte der UN-Beauftragte. Das Gesundheitsministerium im Gazastreifen teilte mit, in der Klinik seien tausende Flüchtlinge aus dem Norden der Küstenenklave untergebracht gewesen.

Foto: ICRC
Das Al Ahli Arab Krankenhaus war betriebsbereit, und Patienten, Gesundheits- und Pflegepersonal sowie Binnenvertriebene seien dort untergebracht gewesen, so die WHO in einer Erklärung. Es war eines von 20 Hospitälern im Norden des Gazastreifens, das von Evakuierungsforderungen des israelischen Militärs betroffen war.
„Der Evakuierungsbefehl konnte angesichts der gegenwärtigen Unsicherheit, des kritischen Zustands vieler Patienten und des Mangels an Krankenwagen, Personal, Bettenkapazität des Gesundheitssystems und alternativen Unterkünften für die Vertriebenen nicht ausgeführt werden“, so die WHO.
Die UN-Organisation appellierte an den sofortigen aktiven Schutz der Zivilbevölkerung und der Gesundheitsversorgung. „Die Evakuierungsbefehle müssen rückgängig gemacht werden. Das humanitäre Völkerrecht muss eingehalten werden, was bedeutet, dass die Gesundheitsversorgung aktiv geschützt werden muss und niemals ins Visier genommen werden darf.“
I call for an immediate humanitarian ceasefire in the Middle East to ease the epic human suffering.
— António Guterres (@antonioguterres) October 18, 2023
Too many lives – and the fate of the entire region – hang in the balance.
UN-Generalsekretär António Guterres hat zu einer Waffenruhe aufgerufen. „Ich rufe zu einer sofortigen Feuerpause auf, um genug Zeit und Platz bereitzustellen, damit meine beiden Aufrufe realisiert und das epische menschliche Leid gelindert werden kann“, sagte er am Mittwoch in Peking. Damit bezog er sich auf seine Aufrufe an die Hamas, Geiseln freizulassen, und an Israel, humanitäre Hilfe nach Gaza zu lassen.
Guterres reist angesichts der Eskalation der Gewalt nach Kairo. Dort will er nach UN-Angaben ab Donnerstag unter anderem den ägyptischen Staatschef Abdel Fattah al-Sisi treffen, um eine Öffnung des Grenzübergangs Rafah von der Sinai-Halbinsel nach Gaza zu erreichen.
Jordanien hat nach dem Anschlag ein für Mittwoch geplantes Treffen zwischen König Abdullah II. und US-Präsident Joe Biden abgesagt. Das Treffen, an dem auch Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi teilnehmen sollte, werde erst stattfinden, wenn es eine Vereinbarung gebe, den Krieg zu beenden und „diese Massaker“ zu stoppen, sagte Außenminister Aiman al-Safadi dem jordanischen Fernsehsender Al-Mamlaka. Militante Palästinenser und die israelische Armee hatten sich gegenseitig für den Raketenbeschuss verantwortlich gemacht.
Saudi-Arabien verurteilte das „abscheuliche Verbrechen“ aufs Schärfste – und machte Israel dafür verantwortlich, wie es in einer Erklärung des saudischen Außenministeriums hieß. Riad verurteilte die „anhaltenden Angriffe der israelischen Besatzung“ auf Zivilisten. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) gaben Israel die Schuld.
Marokko verurteilte die „Bombardierung“ der Klinik «durch israelische Streitkräfte» ebenso «aufs Schärfste». Zivilisten müssten „von allen Seiten geschützt werden“. Bahrain schloss sich der Kritik am „israelischen Bombenanschlag“ an.

Foto: UN Photo, Evan Schneider
Der Weltsicherheitsrat soll sich am Mittwoch mit dem Raketenangriff befassen. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Russland beantragten am Dienstag eine Dringlichkeitssitzung des UN-Gremiums für Mittwochmorgen New Yorker Zeit, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Diplomatenkreisen erfuhr.
Brasilien, das dem Gremium derzeit vorsitzt, bestätigte zudem, dass der Rat in der Sitzung ab 10 Uhr New Yorker Zeit (16 Uhr MESZ) über einen vorliegenden Entwurf für eine Nahost-Resolution abstimmen soll.
Der Text, der auf eine Initiative Brasiliens zurückgeht, fordert neben dem Zugang für humanitäre Hilfe in den Gazastreifen unter anderem, dass Israel – ohne das Land direkt zu nennen – seine Aufforderung zur Evakuierung der Zivilbevölkerung aus dem nördlichen Teil der Küstenregion zurücknimmt. Zudem müssten sich alle Konfliktparteien an das Völkerrecht halten.
(dpa, kann, iz). UN-Generalsekretär António Guterres hat einen sofortigen Zugang für Hilfslieferungen in den Gazastreifen gefordert. „Auch Kriege haben Regeln“, sagte Guterres am Freitag vor Journalisten in New York. „Wir brauchen sofortigen humanitären Zugang zu ganz Gaza, damit wir den Bedürftigen Treibstoff, Nahrung und Wasser zukommen lassen können.“
Mehr als eine Woche nach den verheerenden Angriffen der Hamas und den darauf folgenden israelischen Angriffen ist die Situation der leidenden Zivilbevölkerung in dem hermetisch abgeriegelten Gebiet immer verzweifelter.
Eine Woche nach Beginn des Krieges zwischen der Hamas und Israel ist die Zahl der Toten im Gazastreifen auf 2.329 gestiegen. Das teilte das von der Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium in Gaza am Sonntag mit. Mehr als 9.000 Menschen seien verletzt worden.

Fot: Anas-Mohammed, Shutterstock
Angesichts der massiven Luftangriffe der israelischen Armee steht das Gesundheitssystem in Gaza nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „am Rande des Zusammenbruchs“. Die Zeit werde knapp, um eine „humanitäre Katastrophe zu verhindern“, wenn angesichts der vollständigen Blockade des Gebietes kein Treibstoff und keine lebensrettenden medizinischen und humanitären Güter schnell gebracht werden können.
William Schomburg, Leiter der Unterdelegation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Gaza, berichtete aus einem provisorischen Lager für vertriebene Palästinenser in Rafah nahe der ägyptischen Grenze über die humanitären Bedingungen vor Ort:
„Nach mehreren Tagen schweren Bombardements wurden Tausende von Familien aus dem nördlichen Teil des Gazastreifens ohne Vorwarnung angewiesen, aus dem Norden nach Süden zu ziehen“, so Schomburg. „Heute fehlt es der Zivilbevölkerung im gesamten Gazastreifen an Nahrungsmitteln, Strom und Wasser, damit die Familien ihre Grundbedürfnisse befriedigen können.“
Das IKRK hat mehr als 100 Mitarbeiter in Gaza, aber es werden dringend Hilfsgüter benötigt. Das IKRK lagert lebensrettende Hilfsgüter aus Amman in Ägypten, damit die Hilfslieferungen bereit sind, sobald der Zugang nach Gaza gewährt wird.
Dieser erste Konvoi enthält Medikamente und 6.000 Haushaltspakete für Familien, die Hygieneartikel und Chlortabletten für Trinkwasser enthalten. Zusätzliches Personal, darunter ein mobiles Chirurgenteam und weiteres Gesundheitspersonal, ein Experte für Waffenkontamination sowie Hilfskoordinatoren für Wasser, Nahrungsmittel, Unterkünfte und Infrastruktur werden ebenfalls nach Gaza entsandt, sobald der Zugang gewährt wird.
„Die Abschaltung der Strom- und Wasserversorgung für die 2,3 Millionen im Gazastreifen lebenden Menschen, von denen die Hälfte Kinder sind, muss sofort aufgehoben werden. Vor Ort vorhandene Hilfsgüter werden sehr schnell aufgebraucht sein, Wasser geht bereits jetzt zur Neige. Davon sind auch Krankenhäuser, deren Dienste aktuell dringend benötigt werden, betroffen“, schrieb die Hilfsorganisation CARE Deutschland e.V. am Freitag.
„Die Krankenhäuser sind überlastet. Es gibt keine Schmerzmittel mehr. Unsere Mitarbeiter erzählen uns von den Verwundeten, die vor Schmerzen schreien, von den Verletzten, den Kranken, die nicht ins Krankenhaus kommen können, und von der Angst, in wenigen Stunden bombardiert zu werden.
Andere Menschen berichten uns, dass es ihnen unmöglich ist, auch nur für eine Stunde hinauszugehen, um Vorräte zu holen. Im Süden des Gazastreifens, wohin die Menschen von den israelischen Behörden gerufen wurden, ist die Lage extrem schwierig“, heißt es in einer Erklärung von Ärzte ohne Grenzen vom Sonntag.

Foto: andlun1, via flickr | Lizenz: CC BY-NC 2.0
Die Organisation SOS-Kinderdörfer ruft zum Schutz von Kindern und Familien in Israel und im Gazastreifen auf. „Wir sind tief erschüttert über die aktuell furchtbare Situation. Wir sind schockiert von all dem Leid, das Kinder und Familien in den letzten Tagen in Israel und Gaza erfahren mussten“, erklärte Vorständin Lanna Idriss (Samstag) in München.
Es gebe keine Rechtfertigung für das Töten, für Angriffe und Gewalt gegen Kinder. „Wir verurteilen die terroristischen Anschläge und Gewalttaten zutiefst und verfolgen mit großer Sorge die Berichte von Kinderrechtsverletzungen im Zuge des Konflikts“, so Idriss.
„Wir rufen die Parteien auf, humanitäre Korridore zu schaffen, sodass Kinder und vulnerable Gruppen aller Nationen in Sicherheit gebracht werden können“, so SOS-Kinderdörfer.

Foto: Evan Schneider, UN Photo
Antisemitische und antimuslimische Hetze nimmt nach Angaben des UN-Menschenrechtsbüros weltweit zu. „Wir fordern Politiker und andere Führungspersönlichkeiten dazu auf, diese Art von Hassrede unmissverständlich zu verurteilen“, sagte Sprecherin Ravina Shamdasani am Freitag in Genf. Konkrete Maßnahmen seien nötig, um Aufrufe zu Feindseligkeit und Gewalt zu verhindern.
„Die internationale Gemeinschaft sollte sich jetzt solidarisch für den Schutz aller Zivilisten einsetzen – egal wo, und egal was passiert“, sagte sie.
Im Namen von UN-Hochkommissar Volker Türk forderte Shamdasani die Hamas erneut auf, die israelischen Geiseln freizulassen. Israel solle die Abriegelung des Gazastreifens beenden und die Aufforderung zur Evakuierung des nördlichen Teils des Palästinensergebietes zurücknehmen.

Foto: Fars Media Corporation, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 4.0
Der schottische Regierungschef Humza Yousaf, dessen Schwiegereltern im Gazastreifen festsitzen, hat die israelische Aufforderung zur Evakuierung des Gebiets scharf kritisiert. „Die internationale Gemeinschaft muss einschreiten und ein Ende der Kollektivstrafen fordern“, schrieb Yousaf am Freitag im Kurznachrichtendienst X.
Yousaf lud einen Clip seiner Schwiegermutter aus dem Ort Deir Al-Balah hoch. „Jeder in Gaza bewegt sich dorthin, wo wir sind“, sagte Elizabeth El-Nakla in dem Video. „Eine Million Menschen, kein Essen, kein Wasser – und trotzdem werden sie beim Verlassen bombardiert.“ El-Nakla betonte: „Wo ist die Menschlichkeit? Wo sind die Herzen der Menschen auf der Welt, die dies heutzutage zulassen? Möge Gott uns helfen, auf Wiedersehen“.
Hilfsorganisationen warnten vor katastrophalen Zuständen im Gazastreifen. Medico und Misereor forderten am Sonntag die Einhaltung des Völkerrechts und die sofortige Einrichtung humanitärer Korridore zur Versorgung der 2,2 Millionen Menschen in der Küstenenklave.
Die „völkerrechtswidrigen Angriffe“ auf die Zivilbevölkerung, zivile Infrastruktur und medizinische Einrichtungen müssten aufhören, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. Beide Gruppen arbeiten mit Gesundheitsdiensten und Menschenrechtsorganisationen im Gazastreifen zusammen.
Aus Sicht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), das weltweit die Einhaltung des Kriegsrechts überwacht, besteht ein „bewaffneter Konflikt“ zwischen Israel und einer nichtstaatlichen bewaffneten Gruppe – dem militärischen Arm der Hamas. Auch in diesem Fall gilt laut Rotem Kreuz das humanitäre Völkerrecht.
Wer Zivilisten zum Schutz militärischer Ziele einsetzt, begeht laut Anna Petrig, Völkerrechtsexpertin an der Universität Basel, eindeutig ein Kriegsverbrechen. „Das ist nie erlaubt.“ Problematisch erscheint in diesem Zusammenhang auch der Aufruf der Hamas an die Bevölkerung des Gazastreifens, trotz israelischer Warnungen die Nordhälfte nicht zu verlassen.
Die Anweisung Israels, den Norden des Gazastreifens zu räumen, verstoße zusammen mit der Belagerung gegen das Völkerrecht, stellte das IKRK fest. In dem dicht besiedelten Küstenstreifen habe die Bevölkerung keine Chance, sich anderswo in Sicherheit zu bringen, argumentierte das Rote Kreuz.
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Der Krieg in der Ukraine wird durch soziale Medien nur noch unverständlicher. Bücher helfen beim Verständnis. (iz). Der aktuelle Krieg Russlands in und gegen die Ukraine ist ein passendes Beispiel […]
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(iz). „Es ist die Ökonomie, Dummkopf!“, mit diesem Wahlkampfslogan gewann der Bill Clinton die US-Präsidentschaftswahlen in den 90er Jahren. Nach dem Fall des Kommunismus schien die Geschichte nur noch aus einem globalen Wettbewerb zwischen kapitalistischen Systemen zu bestehen.
Wie wir heute wissen, ist das Ende der Historie nicht eingetreten. Die Krisen unserer Tage bezeugen die Rückkehr des Politischen. Die Probleme rund um die Phänomene Flüchtlinge, Umwelt und der Ukrainekrieg zwingen die westlichen Regierungen, schmerzliche Entscheidungen zu treffen, die gerade nicht im Interesse ihrer ökonomischen Macht stehen.
Parallel kehren die alten Fragen nach den ethischen Grundlagen staatlichen Handelns zurück. Erleben wir eine Renaissance des universellen Rechts oder der Beginn eines neuen Nationalismus? Zahlreiche Debatten drehen sich heute um moralische Herausforderungen, dem Widerspruch zwischen Wertepolitik und nationalen Interessen.

Foto: pict rider, Adobe Stock
Im Jahr 1887 veröffentlichte Friedrich Nietzsche eine kleine Auflage eines inzwischen legendären Buches: „Die Genealogie der Moral“. In einer Welt ohne Gott, so der Philosoph, stellen sich die moralischen Fragen, die Entstehung und Entwicklung von ethischen Überzeugungen, insbesondere von Gut und Böse, neu.
Er versucht, die Ursprünge dieser Konzepte aufzudecken und argumentiert, dass sittliche Vorstellungen aus Machtverhältnissen, sozialen Strukturen und historischen Umständen heraus entstanden sind.
Nietzsche behauptete, dass Moralsysteme oft von den Starken und Mächtigen geschaffen wurden, um ihre Macht zu legitimieren und die Schwachen zu unterdrücken. Nach diesem Urteil ist jede Wahrheit subjektiv und die absolute Bindungskraft der alten Glaubenslehren hinfällig.
Der Ethiker Hanno Sauer bringt die neue Lage in seinem aktuellen Sachbuch „Moral – die Erfindung von gut und böse“ auf den Punkt. Seine Überzeugung: Nach Nietzsche kann die Moral kein göttlich inspirierter oder sonst wie a priori bekannter Normenkatalog mehr sein.
Die Begründung ethischer Grundsätze finden sich nicht nur in der Vernunft. Eine fundierte Geschichte, so Sauer, verlässt sich auf die neuesten Erkenntnisse aus Evolutionstheorie, Moralpsychologie und Anthropologie.
Er erklärt die Entstehungsgeschichte moralischer Verantwortung im Westen, von Zeitgenossen die er als „weird“ bezeichnet und die für die bis heute in der westlichen Welt ausgeprägte Tendenz zum Universalismus stehen.
Er schreibt: „Seltsame Menschen sind zwar vergleichsweise weniger loyal gegenüber Familie und Gemeinschaft, verhalten sich aber dafür aber Fremden gegenüber altruistischer und kooperativer als im globalen Durchschnitt.“
Im Grunde hofft Sauer darauf, dass die kulturelle Evolution der Weltbevölkerung auch ohne Rückbezüge auf die Religion auf ein positives Ende zusteuert.

Foto: Bundesarchiv, Bild 151-58-16 / CC-BY-SA 3.0
Dass es nicht so kommen muss, wissen die Deutschen seit den Erfahrungen mit den Nationalsozialisten. In diesem Kontext lohnt die Lektüre eines der wichtigsten Bücher über die moralische Bewertung der NS-Zeit mit dem Titel „Der Doppelstaat“.
Die Urfassung des Textes, die einzige innerhalb Deutschlands während der Diktatur ausgearbeitete umfassende kritische Analyse, schrieb der Jurist Ernst Fraenkel in den Jahren 1933-1938.
Der Mut des deutschen Juden, ein Rechtsanwalt, der bis zu seiner Ausreise zahlreiche Mitbürger gegen das NS-Regime verteidigte, beeindruckt. Das Werk beschreibt die Umkehrung aller Werte, die Rechtsstaaten bis zur Errichtung der Diktatur auszeichneten.
Die staatlichen Strukturen der Nationalsozialisten, zeichnet, aus seiner Sicht, eine Mischung aus Maßnahme- und Normenstaat aus. Ob im Einzelfall Entscheidungen nicht im Sinne des Gesetzes, sondern nach der Lage der Sache erfolgt, entschieden die Träger der Gewalt souverän. Ihre Souveränität bestand darin, dass sie über den dauernden Ausnahmezustand verfügen.
Nur wenn der Maßnahmestaat die Zuständigkeit nicht an sich zieht, herrschen Normen. Der Weiterbestand von Gesetzen war für die Machthaber wichtig, um wirtschaftliche Prozesse berechenbar zu halten.
Obwohl der Maßnahmenstaat den Apparat besitzt und über die Handhabe verfügt, in den Wirtschaftsprozess einzugreifen, wann und wo es ihm beliebt, sind so die rechtlichen Fundamente der kapitalistischen Wirtschaftsordnung erhalten geblieben. In schockierenden Details zeigt Fraenkel die Verfolgung und Ausgrenzung von Minderheiten aus dem zivilen Leben auf.
Die völlige Unterwerfung der Juden unter die Herrschaft des Maßnahmenstaates, so der Jurist abschließend, wurde in dem Augenblick vollzogen, in dem ihre Ausmerzung aus dem Wirtschaftsleben beschlossen wurde.
Der NS-Jurist Alfred Rosenberg stand mit seiner Propaganda stellvertretend für die Auflösung überlieferter Begriffe von Gut und Böse. Im Jahr 1934 behauptet er zynisch: „Recht und Unrecht gehen nicht umher und sagen: das sind wir. Recht ist das, was arische Männer für Recht befinden.“ Fraenkel erklärt eindrucksvoll den Bruch der NS-Juristen mit den Traditionen des Naturrechts, der Religion und der Philosophie Kants.
„Der Nationalsozialismus geht von dem entgegengesetzten Dogma, von der rassisch bedingten und jeder menschlichen Einwirkung entzogenen Ungleichheit aller Menschen aus“, stellt er fest. Judenverfolgung und Holocaust entstehen in einem Gewaltraum, der den Bruch mit der humanistischen Tradition Europas voraussetzt.
Aus philosophischer Sicht besteht eine wichtige Erkenntnis aus der Abrechnung mit dem Nationalsozialismus darin, dass ohne eine abstrakte Idee vom Menschen völlig unklar ist, was am Rassismus oder anderen Ideologien überhaupt verwerflich sein soll. Der dem Regime nahestehende Jurist Carl Schmitt unterstützte die antiuniversalistische Philosophie der Nazis mit dem Satz: „Wer Menschheit sagt, will betrügen“.

Foto: 15th BRICS SUMMIT, via flickr
Die Idee der globalen Bindung an rechtliche Grundsätze ist trotz der Erfahrungen mit Diktatur und Unrecht des 20. Jahrhunderts nicht unumstritten. Insbesondere die Kolonialpolitik zeigte auf, dass die Berufung auf die westliche Werte durchaus mit einer menschenverachtenden Strategie einhergeht.
Heute wetteifern das linke und das rechte Lager darum, den Maßstab des abstrakten Universalismus durch eine konkrete Identität zu ersetzen. Die Konservativen verteidigen angeblich traditionelle Werte, die Linken kämpft im Namen von Gender und Race.
„Für wahre Universalisten aber sollte das Wir nie der Beginn von Politik sein, es kann lediglich ihr niemals endgültiges Resultat sein.“ Mit diesen Thesen versucht Omri Boehm in seinem Buch „Dadikaler Universalismus“ einen konsequent humanistischen Ansatz in die Zukunft zu retten.
Dabei argumentiert er gegen den Verdacht, dass der Bezug auf universelle Werte nur die Herrschaft des weißen Mannes verschleiert. Der Philosoph fordert die Modernisierung der abstrakten Menschheitsidee und tritt für die Idee eines absoluten Gesetzesbegriffs ein. Dabei betont er, „dass der Kampf gegen systematische Ungerechtigkeit und falschen Universalismus nur im Namen des wahren Universalismus geführt werden kann. Und nicht im Namen der Identität“.
Boehm stellt sich wieder einmal der Frage, wie universelle Rechte begründet werden. Die wichtigste Errungenschaft des biblischen Monotheismus ist für ihn das Bekenntnis zu einer exklusiv, einzigen, wahren Gottheit – um diese, in einem weiteren Schritt, einer höheren Gerechtigkeit zu unterwerfen.
Am Beispiel des Propheten Abraham, der aufgefordert wird, einen seiner Söhne zu opfern, versucht er zu beweisen, dass das Recht sogar über einem möglichen Eingriff Gottes steht. Die Argumentation erinnert an die Bemühungen Kants, seine Fähigkeit, die biblische Idee ins säkulare Denken zu übersetzen, ohne in religiösen Glauben oder eine wissenschaftliche Reduktion zurückzufallen.
Die Aktualität der hier angesprochenen Fragen zeigt sich in der Debatte über das Ende der multipolaren Ordnung. Neue geopolitische Formationen wie das Bündnis „BRICS“ richten sich gegen die angebliche Dominanz der USA und der EU in der globalen Welt.
Viele Muslime scheinen dieser Bewegung etwas abzugewinnen und zu ignorieren, dass in den beteiligten Nationen eine freie Lehre und Religionsausübung ohne Bevormundung kaum denkbar ist.
Der Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Staaten, zum Beispiel bezüglich ihres Umganges mit religiösen Minderheiten, wirft neue Probleme auf. Es stellt sich die Frage, ob das Phänomen des Doppelstaates, das Fraenkel beschrieb, mit der rechtlichen Wirklichkeit von Systemen wie China oder Russland, ohne sie mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen, vergleichbar ist. Die absolute Herrschaft der Politik über das Recht und die unterschiedlichen Folgen daraus, sind in vielen Staaten zu beobachten.
Es ist klar, dass gläubige Muslime ihre rechtlichen Überzeugungen aus der Offenbarung und nicht allein aus der menschlichen Vernunft ableiten. Es wäre ein Thema für sich, das universelle Recht des Islam, zum Beispiel das Wirtschaftsrecht, mit der westlichen Vorstellungswelt abzugleichen.
Aber im Sinne eines überlappenden Konsenses stehen Muslime auf der Seite derjenigen, die ihre Hoffnungen auf eine humane Zukunft nicht etwa aus der Überbetonung der Identität oder eines neuen Nationalismus ableiten. Die Maxime der Gerechtigkeit gilt, wo immer Menschen zusammenleben.
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