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Thomas Mann – vom Künstler zum Aktivisten

thomas mann

Der deutsche Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann stand in der Auseinandersetzung mit den Ideologien seiner Zeit.

(iz). Der „Zauberberg“ gehört zu den faszinierendsten Büchern des deutschen Nobelpreisträger Thomas Mann. Der Inhalt hat Züge eines Bildungsromanes: Aus einem harmlosen Dreiwochenbesuch im Davoser Lungensanatorium wird für den jungen Hamburger Ingenieur Hans Castorp ein siebenjähriger Aufenthalt. Was als Pause vom Leben beginnt, wird zu einer Meditation über das Leben, die Krankheit, den Tod – und zu einer Reise in die geistigen Verwerfungen Europas am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Das abgeschiedene Sanatorium hoch über dem Tal steht nicht nur geographisch, sondern auch symbolisch für einen Ort der Zwischenzeit: Hier, wo Krankheit Alltag ist und die Welt draußen scheinbar stillsteht, entwickelt sich ein geistiges Drama. Castorp, zunächst ein unbedarfter junger Mann, gerät in den ideologischen Zweikampf seiner Mentoren, die sein Denken formen und in vielem das geistige Klima seiner Zeit widerspiegelt.

Auf der einen Seite steht Lodovico Settembrini, ein wortgewaltiger Humanist, Vertreter der Aufklärung, des Fortschritts und der Vernunft. Für ihn ist Bildung das höchste Gut und die Krankheit ein Zustand, den es zu überwinden gilt. Auf der anderen Seite erhebt sich Leo Naphta – eine düstere Gestalt, intellektuell nicht weniger scharf als sein Gegenspieler, doch ideologisch radikal anders. In ihm vermengen sich religiöser Fanatismus und marxistische Revolutionsrhetorik zu einer gefährlichen Mischung. Für ihn ist die Freiheit des Individuums zweitrangig – entscheidend ist allein das Heilige, das Absolute, notfalls durch Gewalt durchzusetzen.

Thomas Mann – Autor in einem Zeitalter der Extreme

Zwischen diesen beiden Polen schwankt Castorp. Er hört zu, denkt mit, lässt sich beeindrucken – doch er übernimmt keine der Positionen vollständig. Er tastet sich, oft im Zweifel, durch die ideologischen Nebel seiner Zeit. Ein Schlüsselmoment dieser inneren Wandlung ereignet sich im berühmten Schnee-Kapitel. Der Hauptdarsteller ist alleine auf Skiern unterwegs, gerät in einen Schneesturm. „Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts, worin er blickte, wenn er sich zwang zu sehen“, so beschreibt Mann den Moment existenzieller Leere.

Castorp kann sich nicht mehr an den Halt des Rationalen klammern. Er verirrt sich, findet notdürftig Schutz im Windschatten eines Heuschobers, trinkt Portwein und beginnt zu träumen. In einem tranceartigen Zustand sieht er zunächst eine Vision voll Licht und Harmonie: ein mediterranes Tal, erfüllt von Schönheit und Liebe. Dann steigt er in die Abgründe der menschlichen Natur. Gewalt, Opfer, archaische Grausamkeit treten ins Bild. Er erkennt: Die Welt ist nicht nur Licht, sondern auch Schatten.

Und es entsteht eine Einsicht: „Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie.“ Aus der ambivalenten Erfahrung formt sich sein stiller Entschluss: „Ich will dem Tode keine Herrschaft einräumen über meine Gedanken!“ Und weiter: „Ich will dem Tod Treue halten in meinem Herzen, doch mich hell erinnern, dass Treue zum Tode und Gewesenen nur Bosheit und finstere Menschenfeindschaft ist, bestimmt sie unser Denken und Regieren.“

Mann entwirft in diesem Kapitel – unter dem Eindruck der Verheerungen des 1. Weltkrieges – eine Ethik der Balance, die sich den Ideologien entgegenstellt und eine Haltung ist, die sich letztlich der Kraft der Liebe verpflichtet fühlt. Castorp erkennt: „Die Liebe steht dem Tode entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker als er.“

Das Kapitel steht somit symbolisch für eine innere Reifung, für die Selbsterkenntnis und die Suche nach einem eigenständigen Weg zwischen den Extremen. Das Thema ist aktuell: Die Debatten über den Sinn der Kriege oder den selbstmörderischen Zynismus des Terrorismus unserer Tage zeigen das.

Das Kapitel hat für den Schriftsteller eine persönliche Note. Der Verfasser des „Zauberbergs“ überwindet seine eigene Todessehnsucht zugunsten einer lebensbejahenden Haltung: „Es gibt zweierlei Lebensfreundlichkeiten: eine, die vom Tod nichts weiß; die ist recht einfältig und robust, und eine andere, die von ihm weiß, und nur diese, meine ich, hat vollen geistigen Wert. Sie ist die Lebensfreundlichkeit der Künstler, Dichter und Schriftsteller.“

Foto: Adobe Stock

Metamorphosen eines Mannes

Thomas Mann ist mehr als nur der Schöpfer von „Der Zauberberg“ und anderen großen literarischen Werken. Er ist ein Beispiel für die Verwandlung eines Mannes, der sich nicht nur mit den künstlerischen, sondern auch mit den politischen Realitäten seiner Zeit auseinandersetzte. Mann, der zunächst als unpolitischer Künstler und Dichter gefeiert wurde, fand sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in einer völlig neuen, eigentlich ungewollten Rolle wieder: als entschiedener politischer Aktivist und Widerstandskämpfer.

Diese Transformation war nicht abrupt, sondern entwickelte sich schrittweise, und sie begann lange vor seiner Flucht aus Deutschland im Jahr 1933. In den Jahren der Weimarer Republik stand er noch zwischen den Stühlen. Er hatte sich bis dahin als politisch unentschlossen und liberal angesehen, doch er war nicht blind für die politischen Strömungen, die das Land ergriffen.

Zwar gab er sich als kritischer Beobachter, doch zu jener Zeit hatte er vor allem die Rolle des künstlerischen Intellektuellen im Auge – jemand, der sich in seiner Kunst verwirklicht, der sich erhaben über den politischen Gegensätzen positioniert, ohne sich vollends auf das politische Parkett zu begeben.

Diese Haltung änderte sich jedoch fundamental, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Das Verbot vieler demokratischer Institutionen in Deutschland konnte Mann nicht ignorieren. Der Künstler, der zunächst nur durch seine Werke die Welt beeinflusste, fühlte sich nun gezwungen, politische Verantwortung zu übernehmen. Die Diktatur, die der Nationalsozialismus errichtete, stellte eine existenzielle Bedrohung für alles dar, wofür Mann stand – für Freiheit, Individualität, Kunst und die europäische Kulturtradition.

Bereits 1933, nach der Machtübernahme Hitlers, ging Thomas Mann ins Exil. Zunächst hielt er sich in der Schweiz auf, zog dann aber nach Frankreich und schließlich in die USA.  Im Jahr 1936 gab er seine Zurückhaltung in einem Beitrag für die „Neue Zürcher Zeitung“ endgültig auf und wurde ein scharfsinniger Kritiker des Nationalsozialismus.

Reden gegen den Nationalsozialismus

Sein politisches Engagement gipfelte in seinen Reden gegen den Nationalsozialismus, die er im amerikanischen Exil hielt. Er stellte die Kunst und Kultur als Gegengewicht zu den zerstörerischen Kräften des Nazismus in den Vordergrund und rief zur Bewahrung der humanistischen Werte auf. Manns zentrale Botschaft war klar: „Der Kampf gegen den Nationalsozialismus ist auch der Kampf für die Zukunft der Menschheit.“

Foto: RIA Novosti archive, image #602161 / Zelma / CC-BY-SA 3.0

Neben der Ablehnung der modernen Ideologien ist sein Engagement für den Humanismus untrennbar mit dem Schicksal der Juden in Deutschland verbunden. Diesem Thema widmet sich das 2024 erschienene, lesenswerte Buch „Thomas Mann als politischer Aktivist“ von Kai Sina. Zu Beginn seiner Karriere hatte Mann eine ambivalente Haltung gegenüber der jüdischen Frage und insbesondere zum Zionismus. 

In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts, als er noch in Deutschland lebte, vertrat Mann die Auffassung, dass die Juden geistig und kulturell untrennbar mit Deutschland verbunden seien. Er betonte immer wieder, dass die deutsche Kultur ohne die jüdische Mitwirkung – sowohl in der Philosophie, Literatur als auch in der Musik – nicht vorstellbar sei. Mann sah die jüdische Identität als Teil der deutschen kulturellen und intellektuellen Landschaft, und er hob hervor, dass viele bedeutende deutsche Denker und Künstler, wie etwa Heinrich Heine oder Felix Mendelssohn, jüdische Wurzeln hatten.

Mann und der Zionismus

Angesichts dieser kulturellen Verbindung war Mann skeptisch gegenüber dem Zionismus, der zu dieser Zeit einen stärkeren politischen Ausdruck fand. Der Zionismus setzte auf die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina, was Mann als eine künstliche Trennung zwischen Juden und ihrer bisherigen kulturellen Heimat, Europa, empfand. Den Verlust des „Kultur-Stimulus“ hielt er für „Ungefähr das größte Unglück (…), das unserem Europa zustoßen könnte“. Er glaubte, dass die jüdische Identität nicht territorial fixiert werden sollte, sondern vielmehr in einer gelebten kulturellen und intellektuellen Verbindung zu Europa fortbestehen müsse. 

In diesem Zusammenhang zeigte Mann bis in die 1920er-Jahre hinein eine gewisse Skepsis gegenüber den zionistischen Bestrebungen und dem Konzept eines jüdischen Nationalstaates. Auf einer Palästinareise 1930 erinnerte der Schriftsteller zudem ausdrücklich an das Recht der Araber in dieser Region zu leben. Im Jahr 1939 forderte der Komponist Arnold Schönberg die „skrupellose“ und „unerlässliche“ Rückeroberung Palästinas und forderte Mann auf, diesen Plan aktiv zu unterstützen.

Der Schriftsteller blieb auf Distanz, da ihm die „gewalttätige Allüre“ des Programms und die geistige Gesamthaltung dahinter „ein wenig ins faschistische falle“. Kai Sina hinterfragt insoweit den Anti-Antisemitismus, für den der Schriftsteller bekannt ist, da er eine Paradoxie enthalte, die Möglichkeit, dass es „jüdische Faschisten“ gebe. Zudem warnt der Literaturwissenschaftler – nach der Gesamtschau des Werkes – vor Pauschalurteilen: „Juden sind anders, das bleibt eine Konstante in Manns Denken.“

Foto: Adobe Stock

Wie wir heute wissen, änderte Mann seine Haltung in Sachen Israel nach den Erfahrungen der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus. Nachdem die systematische Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung begann, durchlebte er eine fundamentale Wandlung in seiner Sichtweise auf das jüdische Schicksal. Die brutale Realität des Holocausts und die Zerstörung der jüdischen Gemeinden in Europa führten dazu, dass Mann seine Zweifel am Zionismus relativierte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung des Staates Israel 1948 zeigte er sich zunehmend als Befürworter eines jüdischen Nationalstaates. In seinen späteren Essays und Reden erklärte er, dass die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina nun die notwendige Antwort auf die jahrhundertelange Diskriminierung, Verfolgung und die unvorstellbaren Gräueltaten des Holocausts sei. Er akzeptierte und unterstützte nun die Idee, die jüdische Bevölkerung aus der Diaspora zu befreien und ihr ein sicheres Zuhause zu bieten. 

Mann erkannte die Notwendigkeit einer Reaktion auf die tiefe Verletzung der jüdischen Identität und die völlige Zerstörung der jüdischen Kultur in Europa durch die Nazis. Kai Sina bemängelt in diesem Kontext, dass es sich Mann – bei allem Verständnis für die Lage der Juden – mit dem künftigen Zusammenleben von Juden und Palästinensern zu leicht gemacht habe: „Ein nicht anders als kolonial zu bezeichnendes Denk- und Begriffsmuster übernimmt die Regie (…)“.

Inzwischen hat die Geschichte ihren Gang genommen. Im 21. Jahrhundert scheint die Vision eines friedlichen Zusammenlebens von Juden und Muslimen in der Region in weite Ferne gerückt. Die beteiligten Konfliktparteien werfen sich gegenseitig Vernichtungsphantasien und Extremismus vor. Die Lage ist aus politischer und menschlicher Sicht trostlos. Die Auseinandersetzung mit dem Werk Thomas Manns verhilft immerhin dazu – gerade den in Deutschland lebenden Muslimen – die geistigen Hintergründe der Entwicklung besser zu verstehen.

Die großen Erzähler – kann Thomas Mann helfen, Orientierung in der Informationsgesellschaft wiederzufinden?

Thomas Mann

Angesichts der Ruinen des zerstörten Deutschlands, betont Thomas Mann ausdrücklich, im politischen Sinne, die Daseinsberechtigung von Religion.

(iz). Die Wahrheit im emphatischen Sinne hat einen narrativen Charakter“, argumentierte der Philosoph Byung Chul Han vor zwei Jahren in einem Essay über die Folgen der Digitalisierung. Das Ende der großen Erzählungen, dass die Postmoderne einleitet, vollendet sich für Han in der Informationsgesellschaft. Im Gegensatz zu Diktaturen wie China oder Russland werden die Fakten nicht zensiert, sondern der Konsument eher mit ihnen überflutet. „Die zu verarbeitende Information ist so umfangreich geworden, dass sie die begrenzte Rationalität von Individuen übersteigt.“

Die Folgen sind dramatisch; es gelingt der Gesellschaft immer weniger, sich auf eine gemeinsame Fakten- und Diskussionsgrundlage zu einigen. Die von Arendt und Habermas als Ideal hochgehaltene Öffentlichkeit kommt, so analysiert Han, erst gar nicht mehr zustande. Im Ergebnis deutet der Philosoph den Verlust an den großen Erzählungen im Sinne einer Krise der Demokratie.

Thomas Mann

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Thomas Mann oder die großen Narrative

Man sollte sich nicht täuschen: Jenseits der Tagespolitik bilden die großen Narrative, sei es über die deutsche Geschichte, die monotheistischen Religionen oder die abendländische Philosophie immer noch den geistigen Rahmen des Zusammenlebens. Die Vermittlung von Einsichten der Geisteswissenschaften an eine junge Generation, deren Erkenntnis vom schnellen Takt kurzer Überschriften in den sozialen Medien geprägt ist, wird dabei zunehmend zur Herausforderung.

Es herrscht im Grunde Konsens darüber, dass eine Integration neuer BürgerInnen nur gelingt, wenn das historische Phänomen Deutschland, zumindest im weitesten Sinne, verstanden wird. Genauso gilt dies für Landsleute, die sich heute wieder den Parolen des Nationalismus zuwenden.

Dieter Borchmeyer schrieb 2017 ein wichtiges Buch mit dem Titel „Was ist Deutsch?“, im letzten Jahr folgte die Werkmonografie „Thomas Mann“. Nimmt man die beiden Bände in die Hand, bleibt nur die Bewunderung für die akribische Arbeit des Literaturwissenschaftlers. Die Leserschaft wird bei der Lektüre gefordert, für eine erste Übersicht der Thematik bewältigt man tausende Seiten.

Nationalsozialismus oder eine Geschichte „des anderen Deutschlands“

Im Kern erzählt er in beiden Büchern eine Geschichte des anderen Deutschlands und klärt über die Möglichkeit auf, dass das konservative Denken nicht automatisch in den Nationalismus und Rassismus führt. 

Zentral behandelt wird von dem Autor die geistesgeschichtliche Auseinandersetzung mit der Ideologie und das Scheitern des Bildungsbürgertums gegenüber dem Rassenwahn der Nationalsozialisten. In einer Zeit, in der wir Antisemitismus und Fanatismus beklagen, erübrigt es sich die Relevanz dieser Themen zu betonen.

Die Absicht, junge Muslime über diese Erfahrungsräume aufzuklären, die sich aus der deutschen Geschichte ergeben, ist lobenswert; nur, man wird kaum erwarten, dass viele der gewünschten Adressaten sich durch tausende Seiten durcharbeiten. Es gehört zu den Dienstleistungen der Gelehrten und Erzähler, die größere Themen durchdringen und die Quintessenz ihrer Erkenntnis präsentieren, den Lesern Zeit und Mühe zu sparen.

Zuwanderung Jugendliche

Foto: Daniel M. Ernst, Shutterstock

Junge Muslime brauchen anschauliche Vermittlung

Entsprechende Lerneffekte sind leichter zu erreichen, wenn der Stoff nicht nur theoretisch, sondern ebenso anschaulich vermittelt wird. Die Stadt Weimar bietet nach wie vor eine einmalige Bühne, um junge Menschen in dieses Narrativ zumindest einzuführen. Die Grundlagen für derartige Erkundungen finden sich, um nur zwei Beispiele zu nennen, in der Biografie Rüdiger Safranskis über das Leben Goethes oder Michael Jaegers Essay, das die Aktualität des Global Player Faust aufzeigt. 

Dabei geht es weniger darum, die Identität des Dichterfürsten endgültig zu definieren, sondern vielmehr das „Wie“ einer offenen, ganzheitlichen Lebensform zu erklären. Inwieweit die Ideale der Weimarer Klassik tragen, gehört zu den kontroversen Fragen, die man auf derartigen Veranstaltungen immer wieder hört.

Zu einer Romantisierung der Zeitepoche wird es in keinem Fall kommen, denn ein aufmerksamer Gang durch die Stadt übersieht nicht die Spuren der Verbrechen des 20. Jahrhunderts, man denke nur an das Lager auf dem Ettersberg, ein Mahnmal des Rassenwahns und der Judenverfolgung. Junge Menschen, unabhängig von ihrer Konfession, verstehen auf diesen Stadtführungen recht schnell die Grenzlinie, die den Einsatz für Ideale und die Praxis von Ideologien trennt.

Thomas Mann und die Religion

Goethes Verhältnis zur Religion, Wissenschaft, Politik und Ökonomie ist heute ausführlich beschrieben. Mit seinem neuesten Beitrag eröffnet Borchmeyer den Zugang zu einem anderen, weiteren Kapitel: Thomas Mann. Der Schriftsteller, der vor den Nationalsozialisten ins Exil flüchtete, ist einer der wichtigsten Zeitzeugen der deutschen Erfahrung mit der Ideologie. In seiner Erzählung „Lotte in Weimar“ wandte sich Mann mit sanftem Humor gegen die verbreitete Tendenz, den Dichterfürsten auf das Podest zu heben.

Der Glaube an eine geschichtsmächtige Bildung war längst einem tiefen Pessimismus gewichen. In seiner „Meerfahrt mit Don Quijote“ schreibt er 1934: „Ach die Menschheit! Ihr geistig-moralischer Fortschritt hat mit ihrem technischen nicht Schritt gehalten, er ist weit dahinter zurückgeblieben, man sieht es hin und wieder, und der Unglaube daran, dass ihre Zukunft glücklicher sein könnte als ihre Vergangenheit nährt sich aus dieser Quelle.“

Foto: Steffen Schmitz (Carschten), via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Sein Urteil über das Bildungsbürgertum, das die Ideale der Weimarer Klassik auf seine Fahne heftete und den Wahn des Nationalismus nicht verhinderte, ist eindeutig: „Es sei ein Irrtum deutscher Bürgerlichkeit gewesen (…) zu glauben, man könnte ein unpolitischer Kulturmensch sein“, schrieb er 1939 in seinem Essay „Kultur und Politik“. Seine Lehre aus der Vergangenheit ist klar: Jenseits der Bildung, der Konfession oder der Herkunft sind die BürgerInnen immer der Humanität und Moral verpflichtet.

Borchmeyer beschreibt den „ironischen Konservatismus“ des Nobelpreisträgers: „Wahre Politik ist immer ironischen Wesens, ihrer Natur nach kann sie niemals radikal sein, denn sie ist Klugheit und daher notwendig der Wille zur Vermittlung.“ Schon 1916 hatte Mann an Paul Amann geschrieben: „Wer die Wahrheit zu besitzen glaubt, kann kein Wahrheitsliebender sein.“ Die These ist leicht zu überprüfen: Religiöse und politische Fanatiker mit Humor, oder einer ironischen Selbstdistanz, sind heute wie früher nicht zu finden.

Nach dem Krieg besuchte Thomas Mann im Jahr 1949 Weimar und reklamierte das Erbe Goethes für den Geist einer Demokratie, im Sinne, wie Borchmeyer zusammenfasst, „(…) einer Lebensverbundenheit im Gegensatz zum Aristokratismus des Todes und als politischer Ausdruck des Christentums, eines Christentums freilich jenseits aller konfessionellen Schranken und als Erscheinung einer alle nationalen Grenzen überschreitenden Menschheitsreligion“.

Vor den Erfahrungen des Nationalsozialismus hatte Thomas Mann das Religiöse bisher nur mit der naiven Ehrfurcht eines Daseinsmenschen vor dem Unbekannten angesehen, angesichts der Ruinen des zerstörten Deutschlands, betont er ausdrücklich, im politischen Sinne, die Daseinsberechtigung von Religion. Dabei ist ganz in der Tradition von Goethe und Mann hier den Plural anzuwenden und von den Religionen zu sprechen.

Zu den faszinierendsten Passagen in der Werkmonografie gehört die im 8. Kapitel ausgeführte Erinnerung an das – wie namhafte Kommentare meinen – Hauptwerk Thomas Manns: „Joseph und seine Brüder“. „Tief sind die Brunnen der Vergangenheit“, heißt es am Beginn der zwischen den Jahren 1933 und 1945 veröffentlichten Roman-Trilogie. Über die biblische Geschichte las er bei Goethe: „Höchst anmutig ist diese natürliche Erzählung, nur erscheint sie zu kurz, und man fühlt sich berufen, sie ins Einzelne auszumalen.“

Der Schriftsteller folgte diesem Aufruf mit größtmöglichem Aufwand und recherchierte jahrelang über das Thema. Ein Geniestreich: Im amerikanischen Exil kontert Mann die Verfemung der Juden in der nationalsozialistischen Ideologie mit einer großen Erzählung, gewidmet dem, im Qur’an ausführlich erwähnten, Propheten. Das Werk behandelt eine bis heute bestehende Bildungslücke der Deutschen, nicht nur von jungen Muslimen, die das Judentum meist mit dem Palästina-Konflikt in Verbindung bringen.

Für Mann selbst ist die intensive Beschäftigung mit der Religion Teil einer Metamorphose, die er in einem Brief 1934 wie folgt beschreibt: „Tatsächlich ist in meinem Fall das allmählich zunehmende Interesse fürs Mythisch-Religionshistorische eine Alterserscheinung, es entspricht einem mit den Jahren vom Bürgerlich-Individuellen weg, zum Typischen, Generellen und Menschheitlichen sich hinwendenden Geschmack.“

Foto: Dana Ward, Unsplash

Suche nach Maß und Mitte

Die lebenslange Suche des Schriftstellers nach Maß und Mitte, angedeutet durch einen Konservativismus, der für Tradition und Reform offen und stets klar abgegrenzt von jeder Verführung zu einer religiösen oder politischen Ideologie ist, inspiriert aktuelle Debatten. Die Suche nach einer engagierten Lebensform, die liberale und konservative Elemente in Einklang bringt, sich jenseits von Esoterik oder Fanatismus verortet, prägt das Leben junger Muslime. Sie wünschen sich in ihrer Mehrheit gesellschaftliche Akzeptanz und stehen zu ihrem Bekenntnis zum Islam.

Man kann Byung Chun Han entgegenhalten, dass nicht nur eine Flut von Informationen, sondern ebenso die wachsende Zahl von Narrativen die Übersicht erschwert. In beiden Fällen ist es notwendig, Unterscheidung zu üben und vertrauenswürdige Quellen zu bemühen. Fakt ist, zum Bildungsauftrag islamischer Institutionen gehört die Sichtung wichtiger Themen, die Auswahl der prominenten ErzählerInnen und der Auftrag ihnen Gehör zu verschaffen. Nur in diesem Zusammenspiel, im niveauvollen Dialog, entsteht ein Kompass, der deutsche Muslimen eine klare Orientierung verschafft. 

Die Kenntnisse der Geschichte und die Erkundung ihrer historischen Stätten, das Lernen aus der historischen Erfahrung gehören zum Leben in Deutschland. Warum nicht öfters die Moscheegemeinden in derartigen Exkursionen an die angesprochenen Themen heranführen? Für Thomas Mann war der Wanderer die Symbolfigur des „Deutschen“ schlechthin.

1926 schrieb er an Gerhart Hauptmann: „Der Deutsche gelangt zu Gott auf dem Weg über die Zertrümmerung des Dogmas und durch die Wüste des Nichts, er gelangt zur Gemeinschaft durch alle Tiefen der Einsamkeit und des Individualismus; und zur Gesundheit gelangt er durch letztes Wissen von Krankheit und Tod.“

Muslime während des 2. Weltkriegs: Gelegentlich wird der propagandistische Eindruck erzeugt, Muslime hätten Menschheitsverbrechen mit zu verantworten

(iz). In unserer Januar-Ausgabe erinnerte Sulaiman Wilms in einem Essay an den mutwilligen Umgang mit Geschichte („Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom“), insbesondere soweit es Muslime und den Islam betrifft. Der schwerwiegendste – und sicherlich fatalste – Vorwurf dieser nachträglichen Deutung von Geschichte ist, Muslime in verschiedenen Teilen der Welt hätten sich in ihrer Allgemeinheit zu Mittätern am Völkermord der Nazis während des 2. Weltkriegs gemacht. Vereinzelte (säkulare) politische Bewegungen des Nahen Ostens, der unrühmliche „Mufti“ von Jerusalem sowie muslimische SS-Einheiten von „Hilfswilligen“ ­werden mit einer Weltreligion und ihren Gläubigen gleichgesetzt. So entsteht der propagandistische wie falsche Eindruck, Muslime hätten dieses Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts mit zu verantworten. ­Laila Massoudi ordnet den ungerechten Anwurf ein.

„Das schließt Araber, um die es hier geht, und andere Angehörige afrikanischer und asiatischer Völker ein, die sich zwischen 1933 und 1945 im Herrschafts- und Einflussbereich des Nationalsozialismus befanden. Ihre Begegnungen mit ihm haben (…) im kollektiven Gedächtnis der Völker – auch der eigenen – keinen festen Platz gefunden; ihr Leiden unter ihm und auch ihr Kampf gegen ihn befinden sich gewissermaßen im ‘Schatten des Mondes’.“ (Prof. Dr. Gerhard Höpp, Im Schatten des Mondes)

Die Ereignisse vom 11.09.2001 waren eine Zeitenwende für die internationale Politik sowie die Einstellung gegenüber Interventionen und massiven Menschen­rechtsver­letzungen wie Folter. Sämtliche relevanten Bezüge zum Thema Islam und Muslime wurden von einer ideologisierten Islamkritik einer Instrumentalisierung unterzogen. Ein Bestandteil dieser Neubetrachtung war eine rückwärtsgewandte Neu-Interpretation von Geschichte – dazu gehört das Konstrukt eines „Islamofaschismus“. Diese beinhaltet Veröffentlichungen weniger Historiker und vieler Journalisten, die anhand von Einzelpersonen und individuellen Bewegungen beziehungsweise Ländern die haarsträubende These aufstellten, Muslime in ihrer Allgemeinheit hätten sich an den nazistischen Untaten beteiligt.

Wahn und Wirklichkeit
Eine solche These ist so stichhaltig wie die Behauptung, Länder wie Norwegen oder Dänemark hätten sich wegen der Aktivitäten einiger Kollaborateure in ihrer Gänze dem deutschen Vernichtungs­willen verschrieben. Die Absicht war klar: Die ideologische Auseinandersetzung mit dem Islam sollte durch Assoziationen mit dem dunkelsten Segment der deutschen und europäischen Geschichte eskaliert werden. Ideologisch begleitet wurde das Projekt durch Pamphlete, die einen theoretischen Zusammenhang zwischen ­Islam und dem Ungeist Hitlers herzustellen versuchten.

Vor wenigen Wochen jährte sich zum 68. Mal das Ende des 2. Weltkriegs (Japan folgte Monate später). Es lohnt sich ein Hinweis auf Max Hastings. Der britische Journalist (Augenzeuge des Falklandkrieges) und Autor platziert in ­seiner wegweisenden Abhandlung über den Zweiten Weltkrieg „Inferno: The World at War, 1939-1945“ den tödlichsten Konflikt der Menschheitsgeschichte in einem globalen Rahmen.

Nach der Lektüre von Hastings Buch wird klar, dass die vielen Muslime Asiens und des Nahen Ostens entweder Unbeteiligte oder Opfer des „tödlichsten Konflikts der Menschheitsgeschichte“ (Timo­thy Snyder) ­waren. Die historische Verzerrung war unter anderem auch deshalb möglich, weil alles ausgeblendet wurde, was nicht ins Bild passte. Solange es das unrühmliche Beispiel des „Muftis“ gab und man auf die Handschar-Einheiten (die sich auch deshalb Deutschland anschlossen, weil die bosnischen Muslime ins Kreuzfeuer von Tschetniks, Ustascha-Faschisten und Partisanen gerieten) verweisen konnte, war der Rest egal.

Kampf gegen Nazismus
In Europa gab es muslimische ­Soldaten der Sowjetarmee (die am Kampf gegen Hitlerdeutschland teilnahmen und deren Heimatregionen unter den stalinistischen Gewaltwellen litten). Zu nennen wären auch die muslimischen Kolonialeinheiten Frankreichs und Großbritanniens, die – aus den imperialen Kolonien Nordafrikas, Schwarzafrikas, Asiens und des Nahen Ostens kommend – in Nordafrika und in Europa gegen die nazistischen Armeen kämpften. Elemente der muslimischen Bevölkerung, sofern sie nicht direkt Opfer von Kampfhandlungen oder Zuschauer waren, stellten keine wesentlichen Akteure des Weltkrieges in Europa dar. Im Gegenteil: Es gab beispielsweise muslimische Partisanengruppen wie in Albanien, die sich ­gegen den Faschismus zur Wehr setzten.

Trotz der selektiven Zitatwahl der Islamkritik ging es den Muslimen unter Hitler nicht so, wie es die angeblichen Belege nahelegen. „Ich befürchte, da kommt man zu einem sehr traurigen Schluss. Wir Muslime waren unter dem Nazi-Regime nie vor Belästigungen seitens der Behörden sicher. Aber das hing von der politischen Großwetterlage ab. Wenn es dem Regime ins Konzept ­passte, etwa weil man sich aus politischen Gründen mit den Arabern gut stellen wollte, blieben wir unbehelligt, aber man ließ es uns durchaus immer fühlen, dass man uns als Angehörige einer ‘artfremden’ Religion betrachtete“, berichtete der musli­mische Veteran Muhammad Aman Hobohm vor einigen Jahren im Gespräch von seinen Erfahrungen während der Nazizeit. Und: Der Islam war auch kein Schutz für jene Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland, die jüdische Vorfahren hatten.

Es gab keinen Masterplan
Max Hastings macht deutlich, dass Hitlerdeutschland (anders als das Kaiserreich, das sich stark in der muslimischen Welt engagierte) trotz gegenteiliger, zusammenhangloser Aktionen (auf die sich die retroaktiven Autoren gerne stützen) kein echtes Interesse am Nahen Osten hatte. Plausible Pläne, die Briten aus Ägypten und von Erdölquellen des Nahen Ostens zu vertreiben, ­wischte das Nazi-Regime beiseite. Es gab isolierte Versuche, anti-britische und anti-franzö­sische Kräfte in der Region zu unterstützen, aber diese wurden niemals ernsthaft realisiert.

In Asien sah die Lage noch eindeutiger aus. Hier fanden – in den heutigen Staaten Burma, Malaysia und Indonesien – die Kampfhandlungen auf dem Rücken muslimischer Bevölkerungen statt. Dass einige Führer asiatischer Unabhängigkeitsbewegungen nichts dagegen einzuwenden hatten, ihre alten Kolonialherren loszuwerden (worauf Japan zu Beginn setzte), kann nicht als faschis­toide Geisteshaltung ausgelegt werden. Und nicht nur die Japaner missachteten jede Grundregel zum Schutz der Zivilbevölkerung. So ließen es die Briten zu, dass in Bengalen eine Hungersnot zehntausende, wenn nicht gar hunderttausende Todesopfer forderte. Dies erklärt auch das Scheitern von Briten, Franzosen und Niederländern, nach dem Krieg ihre alte Kolonialherrschaft wieder anzutreten.