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Auf der Pilgerreise: Glaube in Zeiten technologischer Veränderung

Ausgabe 319

Foto: Leo Morgan, Shutterstock

(iz). Religionen, mit ihren vielfältigen Formen der Glaubensausübung, existieren nicht außerhalb der Zeit. Der rasante Wandel einer von Technik geprägten Welt zwingt alle Glaubensgemeinschaften immer wieder zu Anpassungen ihrer Praktiken. Der Fortschritt des 21. Jahrhunderts zeigt sich in der Möglichkeit der Erhebung und Nutzung von Daten von Millionen Menschen, dem, zumindest aus ökonomischer Sicht, eigentlichen Rohstoff unserer Zeit.

Der Philosoph Byung-Chul Han sieht in dieser Entwicklung die Gefahr, dass die großen Überlieferungen der Menschheitsgeschichte ihre Wirkungsmacht verlieren und sich in belanglose Informationen verwandeln könnten. „Der Übergang vom Mythos zum Dataismus ist der Übergang von der Erzählung zur reinen Zählung“ schreibt er in seinem Buch „Rituale“. Nach wie vor finden aber Millionen von Gläubigen in ihren Praktiken, Traditionen und Ritualen den Kern und Sinn ihrer Existenz. Allerdings können sie sich dem technologischen Wandel nicht entziehen.

In Zeiten der Pandemie greifen viele Gesetze, Verordnungen und Regeln in den Alltag der Religionsausübung ein. In den Moscheen wird mit Abstand und der Achtung neuer Hygieneregeln gebetet, die gewohnten Versammlungen und Lehrveranstaltungen werden durch Zoom-Konferenzen ersetzt. Dabei erleben die Nutzer schmerzlich, dass die digitale Kommunikation keine echten Beziehungen, sondern allenfalls Verbindungen herstellt. Soziale Begegnung und direkter Austausch verhindern, dass die Muslime, in einer nur noch abstrakt erfahrenen Religion, ihren wesentlichen Zusammenhalt verlieren. Die aktuelle Gesundheitskrise hat die Bedeutung der virtuellen und technologischen Welt eher gestärkt als gemindert. Die großen Internet-Konzerne gehören zweifellos zu den Gewinnern dieser Zeit. Die solidarische Gesellschaft steht vor ungeahnten Herausforderungen.

Das Spannungsverhältnis zwischen Technik, Wissenschaft und religiöser Erfahrung im Islam besteht schon länger. Die Zakat, um ein Beispiel zu nennen, wurde über Jahrhunderte von einer Autorität unmittelbar erhoben und verteilt. Heute hat sich die unpersönliche Zahlung per Banküberweisung durchgesetzt. Die Sichtung des Mondes, die Feststellung von Anfang und Ende der Fastenzeit, wurde traditionell durch die Berichte von Augenzeugen ausgelöst. Schon länger scheiden sich die Geister, ob eine Sichtung des Mondes durch Computerprogramme, im Rahmen einer abstrakten Raumvorstellung den existentiellen Sinn der Mondsichtung ersetzen kann. Die Frage, wie sich die Nutzung technischer Instrumente auf unser Erkenntnisverfahren auswirkt, beschäftigte schon Goethe. Teil seiner geistigen Morphologie war, wie Rüdiger Görner schreibt, dass „der Sinn der Natur sich nur auf sinnliche Weise erfassen lasse.“ Der Dichter flüchtete angesichts der Dominanz abstrakter Modelle in der Forschung vor der Sinnentleerung des Daseins.

„Rituale lassen sich als symbolische Techniken der Einhausung definieren. Sie verwandeln das In-der-Welt-Sein in ein Zuhause-Sein“, so beschreibt Han dagegen die Bedeutung alter religiöser oder philosophischer Traditionen. Das Zusammenspiel zwischen Technik und Glaubensausübung lässt sich an der Erfahrung der Pilgerreise, eine der Säulen des Islam, beobachten. Muslime entdecken auf diesem Weg den Zustand der Welt. Wer sich Bilder von den heiligen Stätten aus den letzten Jahrhunderten anschaut, wird den Wandel von Raum und Zeit erkennen. Technologische und ökonomische Projekte lassen den Ritus an sich unverändert, dennoch greifen die neuen Rahmenbedingungen in die Erfahrung der Gläubigen ein.

Die saudische Regierung nutzt heute den Fortschritt, um den großen Zustrom der Pilger aus aller Welt in der Moderne zu organisieren. Nach dem Ende des Ölzeitalters gehört der Tourismus zu den Hoffnungen einer neuen ökonomischen Zukunft. Dabei muss man sich grundsätzlich erinnern, dass Pilger und Touristen zwei verschiedenen Ordnungen angehören. Urlauber durchreisen Nicht-Orte, suchen nicht nach Sinn, sondern konsumieren und erholen sich, während die Pilger von jeher an Orte gebunden sind, die Menschen versammeln und verbinden.

Der Pilger ist eine Figur, die sich im Laufe der Zeit wandelt. Den Gestaltwandel erfährt der Journalist Juan Moreno auf seinem Gang auf dem Jakobsweg. Der alte Pilgerweg im Norden Spaniens hat seine ursprüngliche Einsamkeit verloren und ist heute ein touristisches Großprojekt. „Das Internet hat das Pilgern verändert. Mehr als jeder Souvenirladen!“, beklagt der Reiseschriftsteller. Angesichts der allgegenwärtigen Mobiltelefone, das von allen Reisenden, unabhängig der Konfession, genutzt wird, stellt er fest: „Abtauchen aus der realen Welt verlangt Mut, erstaunlich viele bekommen das hin. Es aber gleichzeitig aus der virtuellen Welt zu tun, das ist zu viel verlangt.“

Eine Reise nach Saudi-Arabien ist ohne ein Smartphone längst undenkbar geworden. Die Pilger informieren sich mit ihren Telefonen über die Details der Rituale, versenden Bilder in alle Welt, buchen ihre Zimmer oder Flüge und navigieren sich so durch ihre Unternehmung. Hinzu kommen die Apps, die den eigenen Impfstatus nachweisen und den Zugang zu den wichtigsten Stationen der Pilgerreise beschränken. Im Alltag muss der Reisende seine Erlaubnis an jedem Ort vorweisen und auch der Besuch von Mekka und Medina folgt der Logik von Algorithmen. Der Vorteil ist, dass man auf diese Weise die Besucherströme steuert und die Infektion von vielen Gläubigen verhindert. Immerhin hat man sich an das ungewohnte Verfahren gewöhnt, kann man ohne großes Gedränge das Ritual vollziehen.

Das Dilemma der Verantwortlichen ist greifbar: Die Reise soll für Millionen von Gläubigen sicher und komfortabel sein, dabei gilt es die negativen Folgen des Massentourismus zu vermeiden. Seit Jahrzehnten ist die Region eine große Baustelle. In Mekka gehörte der alles überragende „Clock Tower“ zu den gigantischsten Bauprojekten im arabischen Raum. Allein die Minutenzeiger sind 22 Meter lang. Die Uhr ist ein Symbol, das auch der Pilger sich der verrechneten Zeit nicht mehr entziehen kann. Genau gilt dies für die ökonomischen Parameter unserer Epoche.

Das Terrain um die heilige Stätte bildet heute den teuersten Immobilienmarkt der Welt. Nächstes Jahr öffnen die „Abraj Kudai Towers“ in Mekka. Dieses Hotel-Projekt mit etwa zehntausend Zimmern wird aus zwölf Türmen bestehen, in denen Unterkünfte, Apartments, ein Einkaufszentrum, Restaurants und Food Courts untergebracht werden. Die Steuerung der Massen wird auch nach dem Ende der Pandemie eine Herausforderung für die Organisatoren bleiben.

Neben der wachsenden Zahl der Reisenden gehört zu den größten Innovationen des modernen Pilgerns die Überwindung von Entfernungen in kürzester Zeit. Die Anreise im Flugzeug erlaubt keine langsame Annäherung an den Höhepunkt des eigenen religiösen Daseins. Die Bahnlinie zwischen Mekka und Medina gehört ebenso zu den Wundern der neuen Verkehrstechnologie. Der Haramain-Express ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der die Städte im Westen des Königreichs Saudi-Arabien verbindet. Die Kosten für dieses Projekt waren enorm, allein der Streckenbau und die 36 Züge kosteten etwa 6,7 Milliarden Euro. Die maximale Kapazität der Strecke liegt bei 160.000 Reisenden pro Tag und 50 Millionen pro Jahr. Der Pilger fliegt mit einer Geschwindigkeit von dreihundert Kilometern über die Wüste hinweg. Ein Blick aus dem Fenster auf die archaische Landschaft, lässt den Gedanken an die Mühen und Entbehrungen der alten Reisenden aufkommen. Es ist nicht leicht, zu entscheiden, ob die Privilegien des modernen Reisens die Pilgerreise nur vereinfachen, oder aber der Komfort unsere existentiellen Erfahrungen mindert.

Noch ist der Sieg der Technik über die Natur nicht garantiert. Die klimatischen Bedingungen, unter denen der Betrieb stattfindet, sind extrem. Temperaturschwankungen zwischen +55 °C und −5 °C sind üblich. Etwa die Hälfte der Linie führt durch die Sandwüste mit der Gefahr, dass Dünen auf die Strecke wandern, der Sand diese zuweht und Züge „sandgestrahlt“ werden. Weiter kommt Starkregen vor, der sonst ausgetrocknete Wadis innerhalb kurzer Zeit zu reißenden Gewässern anschwellen lässt. Aber: Unter normalen Umständen verkürzt sich die Reise um viele Stunden.

Seine Reisegeschichten hat Juan Moreno unter dem Titel „Glück ist kein Ort“ veröffentlicht und damit an die innere Dimension jedes echten Reisens erinnert. Natürlich hat sich die Heilige Stadt, zumindest äußerlich, ähnlich dramatisch verändert wie Mekka. Die neuen Hotelbauten haben hier die alten Marktplätze verdrängt. Man kann diese Veränderungen bedauern, aber es ist wichtiger, sich von den spirituellen Zielen der eigenen Reise nicht ablenken zu lassen.

Im rasanten Wandel der Zeit gibt es eine Kontinuität. Zu den Gebetszeiten strömen tausende Muslime in die Moschee. In Wahrheit erlebt man hier – jenseits der äußerlichen Verwandlungen – den andauernden Segen der großen Narrative, die den Islam unberührt vom Wandel der Zeit ausmachen. Die Liebe zum Propheten und das gemeinsame Gebet schaffen das soziale Band, das die Pilgerreise prägt und letztlich zum Erfolg führt. Bei aller Macht und Faszination der Technik, sie ist nur ein Hilfsmittel, das weder Sinn stiften noch allein unser Leben bestimmen kann.

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