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Spielräume oder die Bilder aus Ceuta

ceuta spielräume bilder

Kommentar: Die Illusion der reinen Lehre: Was uns die Bilder aus Ceuta über die Zukunft des Rechtsstaats verraten.

(iz). Eine Szene aus Berlin, die mir kürzlich begegnete, war auf den ersten Blick unspektakulär: In einem Park nahe dem Bahnhof Gesundbrunnen hatte ein kleines Polizeiaufgebot einige Personen umstellt.

Die Betroffenen saßen ruhig auf einer Bank, Ausweise wurden kontrolliert, eine Kamera hielt das Geschehen fest. Ich hätte die Beobachtung wohl bald vergessen, wäre mir nicht am nächsten Tag dieselbe Gruppe wieder aufgefallen — am selben Ort, diesmal beim offenen Drogenhandel.

Solche Szenen entfalten ihre Wirkung nicht allein durch das, was sie zeigen, sondern durch das, was sie auslösen. Viele Passanten sehen darin die Ohnmacht des Staates, andere beklagen die fehlenden Befugnisse der Polizei und wieder andere verlangen den schnellen Zugriff.

verfassungsschutz

Foto: Lukassek, Adobe Stock

Doch rechtlich ist die Lage komplizierter, als es der öffentliche Reflex erlaubt: Wer ist deutscher Staatsbürger, wer besitzt einen Aufenthaltsstatus, wer handelt selbst, wer ist bloßer Zuschauer, was lässt sich überhaupt beweisen? Und vor allem: Hat eine solche Situation wirklich nur mit Migration zu tun?

Gerade hier beginnt das eigentliche Problem. Der Rechtsstaat lebt von Verfahren, Differenzierung und Begrenzung. Er ist nicht schwach, weil er sich bindet, sondern stark, weil er sich bindet. Doch je lauter die Forderung nach einfachen Lösungen wird, desto ungeduldiger erscheint jede Form rechtsstaatlicher Zurückhaltung.

In der Innenpolitik setzt sich zunehmend durch, wer schnelle Antworten verspricht und auf Komplexität verzichtet. Dazu kommt die Macht der Bilder: Was auf Bildschirmen erscheint, wirkt unmittelbarer als jedes juristische Argument.

Straftaten

Foto: photocosmos1, Shutterstock

Die dramatischen Ereignisse in der spanischen Exklave Ceuta führen diese Spannung in einer anderen, härteren Form vor Augen. Dort prallen die beiden großen Fantasien der Migrationsdebatte aufeinander: die Vorstellung einer vollständig offenen, rein humanitären Ordnung auf der einen Seite und die Vision einer lückenlosen Abschottung auf der anderen.

Ceuta zeigt, dass beide Maximen an der Wirklichkeit zerbrechen. Die Lage an den Grenzen macht sichtbar, dass weder reine Öffnung noch totale Blockade als politische Reinlösungen taugen. Die Berichte über massive Ankünfte, militärische Verstärkung und überlastete Aufnahmestrukturen sprechen eine deutliche Sprache.

Der entscheidende Punkt ist jedoch nicht nur Ceuta selbst, sondern das, was sich in solchen Bildern verdichtet. Was in Berlin als diffuse Wahrnehmung staatlicher Ohnmacht erscheint, zeigt sich an den Außengrenzen Europas in zugespitzter Form.

Beides gehört zusammen: die alltägliche Irritation in der Stadt und die dramatische Ausnahme an der Grenze.

In beiden Fällen stellt sich dieselbe Frage, nur in unterschiedlicher Intensität: Wie viel Flexibilität darf ein normativer Rechtsstaat entwickeln, ohne seine eigene Form zu verlieren? Hartmut Rosas Analyse der schwindenden Spielräume bietet dafür einen treffenden Deutungsrahmen.

Bildung Abstammung

Foto: Christin Klose/Shutterstock

Der normative Staat ist an Gesetze, Verträge und Verfahren gebunden. Das sichert Ordnung, Vorhersehbarkeit und Schutz vor Willkür. Doch diese Bindung hat ihren Preis: Wo Krisen sich beschleunigen und Lagen instabil werden, wächst der Druck, aus der Norm in die Improvisation zu wechseln.

Genau hier entsteht die Spannung zwischen rechtsstaatlicher Selbstbindung und politischem Handlungsdrang. Der Wunsch nach „Spielräumen“ ist deshalb nicht bloß ein Ruf nach Pragmatismus, sondern oft Ausdruck einer tieferen Ungeduld gegenüber dem Recht selbst.

Das Risiko liegt auf der Hand. Wenn geschriebene Norm und gefühlte Handlungsunfähigkeit auseinanderdriften, verliert der Staat an Autorität.

Nicht, weil er zu viel Recht hätte, sondern weil er zu wenig durchsetzen und zu wenig erklären kann. Der Vertrauensverlust beginnt nicht erst mit dem offenen Bruch, sondern mit der wachsenden Wahrnehmung, dass das Recht zwar gilt, aber nicht mehr trägt.

Ceuta ist deshalb kein bloßes Grenzthema und keine bloße Migrationsmeldung. Die Exklave steht für eine Grundfrage politischer Gegenwart: Wie viel Beweglichkeit braucht ein Rechtsstaat, um handlungsfähig zu bleiben — und wie viel Festigkeit, um nicht sich selbst zu verlieren?

Diese Frage betrifft nicht nur die Außengrenzen Europas, sondern auch das innere politische Klima in Deutschland.

Denn dort, wo der Staat nur noch zwischen Ohnmacht und Härte wahrgenommen wird, wird die Mitte des Rechtsstaats politisch immer schwerer zu verteidigen.

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Religion als wichtiger Faktor. Rachel: Außenpolitik muss ihre Perspektive ernstnehmen

Thomas Rachel Religion Außenpolitik

Der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel, dringt auf eine deutlich stärkere Berücksichtigung religiöser Faktoren in der Außenpolitik. (iz). Der CDU-Politiker betont, dass sie für schätzungsweise vier […]

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Politische Abseitsfalle: Muslimische Sportler bei der Fifa-WM 2026

FIFA WM Sport politik

Vor der Fifa-WM in den USA machen Menschenrechtler auf selektive Einreiseverbote und doppelte Standards aufmerksam – während Verbände weiter vom unpolitischen Fußball sprechen.

(iz/KNA). Die anstehende Fußballweltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko bestätigt, was ein Blick in die WM-Geschichte zeigt: Das Spiel war nie apolitisch – und wird es auch dieses Mal nicht sein.

Während Verbände und Sponsoren ein globales Fest des Sports ausrufen, prägen Einreiseverbote, Sicherheitsdiskurse und geopolitische Bündnisse das Turnier von Beginn an. Vor allem muslimische Sportler und Offizielle erfahren, dass ihre Teilnahme nicht an sportlichen Kriterien scheitert, sondern an politischen Entscheidungen.

Der Mythos vom unpolitischen Sport

Das Gerücht apolitischen Sport hält sich gleichwohl hartnäckig. Dabei waren Weltmeisterschaften immer wieder Bühne für autoritäre Regime, Kriege und nationale Selbstinszenierungen. Mussolinis Italien nutzte die WM in den 1930er Jahren als Propagandashow, Militärdiktaturen wie in Argentinien präsentierten sich als ordnende Kräfte, während Repression und Folter im Hintergrund standen.

Turniere in Russland, Katar oder Brasilien verbanden Hochglanzbilder mit Diskussionen über Kriegsrecht, Korruption, Sicherheitsapparate und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Die Vorstellung, politische Konflikte begännen erst bei Boykottdebatten oder Protestbinden, ignoriert diese Kontinuitäten.

1978 fand die WM inmitten einer brutalen Militärdiktatur statt, die nach einigen Angaben über 30.000 Tote forderte. Das hat den „unpolitischen Sport“ nicht berührt. Foto: El Gráfico no. 3061/Wikimedia Commons/gemeinfrei

Einreiseverbote als Signalpolitik

In dieses Bild fügen sich die Einreisesperren der US-Regierung gegenüber Sportlern und Schiedsrichtern aus mehrheitlich muslimischen Ländern ein. Die Gesellschaft für bedrohte Völker spricht mit Blick auf die US-Administration von „Heuchelei und rassistischem Verhalten“.

Während enge Verbündete wie Katar und die Türkei weiter unterstützt werden, obwohl sie nach Angaben der Menschenrechtler für Bewaffnung und Finanzierung radikaler Milizen mitverantwortlich sind, werden einzelne Muslime von der Teilnahme an der WM ausgeschlossen.

Besonders deutlich wird dies im Fall des somalischen Schiedsrichters Omar Artan, dem trotz vollständiger Papiere die Einreise verweigert wurde. Betroffen sind bspw. Sportler aus dem Iran und anderen Staaten.

Stimmen der Menschenrechtler

Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker, sieht darin ein strukturelles Muster. Er kritisiert, Muslime würden insgesamt benachteiligt und diskriminiert, während „politischer Islam“ und „gewaltbereite Islamisten“ von denselben Regierungen als Partner behandelt würden.

Nach Sidos Einschätzung gilt der sicherheitspolitische Fokus nicht strukturellen Gewaltakteuren, sondern einzelnen Personen, die oftmals selbst Opfer von Regimen und Milizen sind. Menschenrechtsorganisationen markieren diesen Widerspruch klarer als viele Verbände: Sie verweisen auf die Diskrepanz zwischen den großen Worten von Menschenrechten und Gleichbehandlung und der Praxis selektiver Einreiseverbote.

Foto: The White House

Gigantismus und doppelte Standards der Fifa

Auch aus sozialethischer Perspektive mehren sich kritische Stimmen. Der Grazer Sozialethiker Thomas Gremsl beschreibt den Weltfußball kurz vor dem Turnier als „auf einer gefährlichen Rutschbahn“.

Die Freude am Spiel trete zurück hinter wirtschaftlichen und politischen Interessen, die Fifa betreibe einen Gigantismus, der sich in immer größeren Turnieren und ambitionierten Vergabeprojekten äußere.

Die WM in Katar 2022 sei aus seiner Sicht nicht aufgearbeitet. Versprechen zu Nachhaltigkeit und langfristiger Nutzung der Stadien seien nicht eingelöst worden, während die nächsten Turniere – 2030 auf drei Kontinenten und 2034 in Saudi-Arabien – bereits ihre Schatten vorauswürfen.

Wenn die Fifa einen eigens geschaffenen Friedenspreis an den US-Präsidenten vergibt und sich gleichzeitig politisch „neutral“ nennt, spricht der Theologe von „gelebter Doppelmoral“.

Foto: marketlan, Freepik.com

Soziale und ökologische Kosten

Gremsl macht zudem auf die sozialen und ökologischen Folgen der aktuellen WM-Vergabe aufmerksam. Er verweist auf unerschwingliche Ticketpreise und große Entfernungen zwischen den Spielorten, die Teile der Bevölkerung vom Stadionbesuch faktisch ausschließen.

In Mexiko seien Probleme der Wasserversorgung dokumentiert, und für den Bau eines Stadions sei eine Wasserleitung von der lokalen Einwohnerschaft abgekoppelt worden – eine Praxis, die er mit dem Hinweis kommentiert, der Zugang zu Wasser sei ein Menschenrecht.

Für ihn zeigt sich an solchen Beispielen, wie weit sich der organisierte Spitzenfußball von den eigenen Leitbegriffen Fairness, Integrität und Respekt entfernt hat. Die WM in Nordamerika steht damit nicht isoliert, sondern in einer Reihe von Turnieren, bei denen Infrastrukturprojekte, Sicherheitsringe und Vermarktungslogik tief in den Alltag der lokalen Bevölkerung eingreifen.

Eine politisierte WM

Die aktuelle WM fügt sich insgesamt in eine Entwicklung ein, in der sportliche Großereignisse eng mit Menschenrechtsfragen, Sicherheitsdoktrinen und ökonomischen Interessen verschränkt sind.

Für muslimische Sportler und Offizielle tritt dieser Zusammenhang besonders deutlich zutage, wenn formale Einreisebestimmungen de facto als Filter entlang religiöser und nationaler Linien wirken. Menschenrechtsorganisationen sehen in der Kombination aus selektiven Einreiseverboten, geopolitischen Allianzen und Vermarktungslogik ein Muster, das über den Einzelfall hinausweist.

Die Weltmeisterschaft bleibt damit nicht nur ein sportliches, sondern ein politisches Ereignis – auch dort, wo Offizielle das Gegenteil behaupten.

* Mit Material von der KNA.

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Wenn Platons Weisheit auf Rhetorik trifft

Platon

Demokratie im Stress oder warum es sich lohnt, wieder Platon zu lesen. Einordnung einer aktuellen Debatte.

(iz). Es sind selten die lautesten Sendungen, in denen man den Puls einer Gesellschaft spürt, sondern die höflich geführten. So wirkte die ARD-Talkshow „Caren Miosga“ vom 17. November 2025 zunächst wie eine dialogische Insel im politischen Dauerfeuer.

Doch hinter dem ruhigen Tonfall zeigte sich eine Diagnose von bemerkenswerter Schärfe: Deutschland befindet sich in einer Vertrauenskrise – nur noch knapp die Hälfte der Bürger hält die Demokratie für funktionsfähig, fast 80 Prozent zweifeln an der Problemlösungsfähigkeit der Politik.

Platon oder wenn Kulturen aufeinandertreffen

In dieser Kulisse trafen der Jurist und Bestsellerautor Ferdinand von Schirach, die Grünen-Politikerin Ricarda Lang und Martin Machowecz, Chefredakteur der „Zeit“, aufeinander.

Was folgte, war ein lehrbuchartiges Zusammentreffen zweier politischer Kulturen: Schirach, der mit der Ruhe eines spätantiken Moralisten sprach, und Lang, die mit moderner, digital geschulter Rhetorik auf die Herausforderungen einer fragmentierten Öffentlichkeit reagierte.

Screenshot: ARD/Carmen Miosga

Der Streit drehte sich um Lügen und falsche Versprechen, Social-Media-Inszenierungen, den Dauerwahlkampf – und die Frage, ob unser System den Kompromiss allmählich verlernt.

Er lobte Langs rhetorisches Talent, stellte allerdings die Wirksamkeit politischer Kommunikation infrage: „Alles toll – aber es funktioniert nicht.“ Sie hielt dagegen, verteidigte die Debatte auf TikTok als Zugang zu jungen Wählern und kritisierte die Union, die „nicht einmal ihre eigenen Leute überzeugen“ könne.

Zugleich prallten zwei Demokratietherapien aufeinander: Lang forderte mehr Streitkultur, Schirach warnte vor der „Infantilisierung der Politik“ durch virale Selbstinszenierungen und plädierte für radikale Strukturreformen.

Schirach schlägt große Reformen vor

Staunend nahm das Publikum drei konkrete Vorschläge des Schriftstellers zur Kenntnis: Große Grundgesetzreform. Eine umfassende Neugestaltung der Verfassung mit teilweiser Entmachtung des Parlaments, um Stillstand zu brechen. „Machen Sie eine große Grundgesetzreform!“ – das sei der Weg aus der Koalitionslähmung.

Direkte Kanzlerwahl: Der Bundeskanzler wird direkt für sieben Jahre gewählt, ohne Möglichkeit einer zweiten Amtszeit. Sein Argument: „So entsteht Unabhängigkeit von Parteizwängen.“

Autonome Gesetzgebung: Der Kanzler darf drei Gesetze pro Legislatur eigenständig verabschieden – sie müssen nur vom Verfassungsgericht geprüft werden, nicht durchs Parlament debattiert. Nur so – fasste Schirach zusammen – können „schnelle, effektive“ Maßnahmen in Bereichen wie Infrastruktur oder Migration umgesetzt werden.

Wahlergebnisse merz

Foto: Ryan Nash Photography, Shutterstock

Keiner will ein „Weiter so!“

Einig waren sich die Diskutanten über die Gefahr des Stillstandes eines „Weiter so“, denn es droht die Stärkung der Extreme. Spätestens beim Thema AfD wurde es hitzig: Lang sah ein Verbot als legitim an, Schirach als „Offenbarungseid“ eines überforderten demokratischen Systems.

Die Sendung markierte damit mehr als eine Diskussion über Tagespolitik: Sie entblößte die tiefe Spannung zwischen Weisheit und Rhetorik in einer Öffentlichkeit, die immer stärker auf Tempo, Empörung und Effekte setzt. Ein Konflikt, den schon Platon vor 2.400 Jahren sezierte – und der angesichts der politischen Gegenwart überraschend aktuell wirkt.

Weisheit trifft Medienrealität: Warum Platon wieder relevant wird

Wir leben in einer Zeit, in der Politiker bewusst Lügen verbreiten, Fakten zu „Meinungen“ umdefiniert werden und Social-Media-Algorithmen Empörung belohnen. Genau deshalb, schreibt die Philosophin Angie Hobbs, wirkt Platon heute erstaunlich zeitgenössisch.

Sein Befund aus dem „Staat“ und dem „Phaidros“ ist eindeutig: Eine Gesellschaft bleibt nur dann gerecht und stabil, wenn ihre Führenden und ihre Bürger nach Wahrheit streben – nicht nach Macht, Aufmerksamkeit oder dem nächsten Wahlsieg.

Wer absichtlich Falsches sagt, der „Sophist“, beschädigt nicht nur das geistige Klima, sondern auch die Gemeinschaft selbst. Für Hobbs ist der moderne „post-truth politician“ schlicht der alte Sophist – nur mit besserer PR-Abteilung.

Platon versteht politische Kommunikation nicht als Schlagabtausch, sondern als Dialektik: ein hartnäckiges, gemeinsames Ringen um Erkenntnis. Die heutige Medienrealität könnte davon kaum weiter entfernt sein.

Foto: Adobe Stock, lven

Talkshows, Twitter-Dramen, Parlamentsbühnen – oft gewinnt nicht, wer recht hat, sondern wer lauter, schlagfertiger, emotionaler auftritt. Hobbs fasst es scharf zusammen: „We have become addicted to eristic (Streit um des Sieges willen) instead of dialectic (Streit um der Wahrheit willen).“

Im „Gorgias“ liefert Platon dafür ein bis heute treffendes Bild. Der echte Staatsmann ist der Arzt: einer, der bittere, aber heilende Medizin verschreibt. Der Populist ist der Koch: jemand, der serviert, was sofort schmeckt – Steuersenkungen, Feindbilder, einfache Lösungen. Gute Politik, so Platon, muss manchmal unbequem sein. Sie soll Menschen aus ihrer Höhle führen, nicht noch attraktivere Schatten an die Wand werfen.

Schon vor 2.400 Jahren warnte Platon vor dem geschriebenen Wort: Es könne nicht antworten, sich nicht verteidigen und sei anfällig für Missverständnisse. Hobbs zieht die Parallele zu Tweets und Memes – scheinbare Mini-Dialoge, die meist monologisch und hochgradig emotionalisierend wirken.

Wer heute Politik macht oder sie kommentiert, sollte Platon nicht als antiken Staubfänger lesen, sondern als hellsichtigen Beobachter unserer Gegenwart. Der Essay von Angie Hobbs ist dafür einer der stärksten Einstiege der letzten Jahre.

Literatur: Angie Hobbs, „Why Plato Matters Now“, The Philosopher 2023; Platon: Staat VII–X, Gorgias, Phaidros.

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Debatte: Was kommt nach dem „Islamismus“?

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Debatte: Der demografische Wandel, der den Aufstieg der „islamistischen“ Politik vorangetrieben hat, kommt zum Erliegen. Eine neue Generation verlangt anderes. [Anmerkung: Der Autor verwendet in seinem Text den Begriff „Islamismus“. […]

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Hassrede in Indien verunglimpft vor allem Muslime

indien

Muslime in Indien leben zunehmend in Angst. Politiker beschimpfen sie als „Eindringlinge“. Aufrufe zur Zerstörung muslimischer Gebetsstätten werden laut.

Washington (KNA). In Indien ist die Zahl der Hassreden gegen religiöse Minderheiten im vergangenen Jahr stark angestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der US-amerikanischen Denkfabrik India Hate Lab.

Demnach gab es eine Zunahme um 74,4 Prozent im Vergleich zum Jahr 2023, berichtete der asiatische katholische Pressedienst Ucanews.

Foto: Manoej Pateel, Shutterstock

Vor allem Muslime von Hass betroffen

Vor allem von Hassrede betroffen sind demnach Muslime. Sie seien in 98,5 Prozent der dokumentierten Fälle Ziel solcher Äußerungen gewesen. Das steht laut Untersuchung in Zusammenhang mit dem Wahlkampf der hindunationalistischen Partei von Premierminister Narendra Modi, der Bhartatiya Janata Party (BJP). Deren Ziel sei es gewesen, die hinduistische Mehrheit zu mobilisieren.

So verschärfte sich während des Wahlkampfs zur Parlamentswahl 2024, der größten der Welt mit rund 969 Millionen Wahlberechtigten, laut Analyse der Denkfabrik die Rhetorik gegenüber Muslimen. Modi nannte diese bei Auftritten etwa „Eindringlinge“. 

Die zunehmende Feindseligkeit habe bei zahlreichen Muslimen Ängste geschürt. Besonders alarmierend sei die steigende Zahl an Aufrufen zur Zerstörung muslimischer Gebetsstätten. Auch wurde auf dem Gelände einer im Jahr 1992 zerstörten Moschee ein hinduistischer Tempel eröffnet.

Foto: N. Modi, flickr | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Unter den Augen der BJP

Dokumentiert wurden im Jahr 2024 insgesamt 1.165 Hassreden. Über zwei Drittel dieser Vorfälle ereigneten sich in Bundesstaaten, die von der BJP oder ihren Verbündeten regiert werden. Mehr als 450 der Hassreden sollen von BJP-Politikern stammen, darunter 63 von Modi selbst. 

Zur Verbreitung hatten laut Bericht auch Soziale Medien beigetragen. 266 Hassreden führender BJP-Politiker wurden simultan auf offiziellen Social-Media-Kanälen der Partei veröffentlicht. Diese hatte in der Vergangenheit ähnliche Vorwürfe als unbegründet zurückgewiesen. 

In Indien leben rund 1,4 Mrd. Menschen. Knapp 80 Prozent sind Hindus. Zum Islam bekennen sich gut 14 Prozent. Die Anzahl der Christen liegt bei 2,3 Prozent.

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Kommentar: Schlimmer geht immer

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Es kann schlimmer werden: Die Vorstellung, vor einem Dilemma zu stehen, entpuppt sich oft genug als falscher Gegensatz. (iz). In den vergangenen zwölf Monaten wurde in vielen einflussreichen Demokratien der […]

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Ein erkennbarer Trend: Muslime sind politisch zunehmend entfremdet

politik muslime entfremdet

Umfragen ergeben, dass sich Muslime heute politisch entfremdeter fühlen als vor 10 Jahren. Insgesamt beklagen die Deutschen den Trend zur Polarisierung.

(iz). Vier von fünf Bundesbürgern nehmen eine Spaltung der Gesellschaft wahr. Das zeigen die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Evangelischen Kirche und der Diakonie.

Parallel dazu zeigt eine Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) einen deutlichen Vertrauensverlust der muslimischen Community gegenüber der Bundespolitik in den letzten zwei Jahren. Diese Ergebnisse deuten nach Ansicht der Autoren auf eine zunehmende politische Entfremdung hin, die laut Experten nicht primär auf migrationsspezifische Faktoren zurückzuführen ist, sondern tiefere strukturelle Ursachen hat.

Debattenklima gesellschaft Deportationsszenarien solingen

Foto: r.classen, Shutterstock

Trend: Bundesbürger beklagen zunehmende Polarisierung

Laut der Forsa-Erhebung sind 70 % der Deutschen überzeugt, dass Diskussionen von wichtigen Themen in der Öffentlichkeit heute weniger sachlich und respektvoll geführt werden als früher. Jeder Dritte (36 %) hat demnach schon selbst erlebt, dass Debatten über polarisierende Fragen unsachlich oder respektlos ablaufen. Knapp ein Drittel der Bundesbürger hat wegen unterschiedlicher Meinungen zu solchen Themen schon einmal den Kontakt zu Menschen aus dem eigenen Umfeld reduziert oder gar abgebrochen.

Von den 2.000 erwachsenen Bürgern, die von Forsa befragt wurden, äußerten sich 71 % besorgt über aktuelle Entwicklungen im Hinblick auf Rechtsextremismus. Etwa genauso viele Menschen (70 %) sehen Inflation als Sorgenthema. 57 % der Befragten nannten hier Migration, 65 % „Islamismus“ und 46 % Linksextremismus.

Die Meinungsforscher hatten den Teilnehmern die Frage vorgelegt: „Manchmal hört und liest man in den Medien die Aussage, unsere Gesellschaft sei gegenwärtig gespalten. Sehen Sie das auch so oder sind Sie nicht der Meinung, dass unsere Gesellschaft aktuell gespalten ist?“ 82 % der Befragten entgegneten mit „sehe ich auch so“, während 12 % erklärten, sie seien nicht dieser Ansicht. Die restlichen Teilnehmer machten hier keine Angabe oder antworteten mit „weiß nicht“.

Religiosität beziehungsweise Spiritualität spielt aktuell laut Umfrage für knapp ein Drittel der Bundesbürger (32 %) eine Rolle, wenn es um ihr mentales Wohlbefinden geht.

Entfremdung: Das Vertrauen in Politik schwindet

Ein Unsicherheitsfaktor für die in Deutschland lebenden Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist das schwindende Vertrauen in Politiker. Das gilt laut einer Erhebung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) insbesondere für Personen, die sich selbst als Muslime identifizieren.

23 % von ihnen hatten bei einer Befragung 2022 angegeben, deutschen Politikerinnen und Politikern „überhaupt nicht“ zu vertrauen. Als ihnen 2024 die gleiche Frage vorgelegt wurde, vertraten 34 % der befragten Muslime diese Auffassung. Zum Vergleich: In der Gruppe der Menschen, die sich selbst als „nicht rassistisch markiert“ bezeichnen, lag der Anteil derjenigen, die Politikern überhaupt nicht vertrauen, zuletzt bei 19 %.

klima muslime

Foto: Deutscher Bundestag 7 Marc-Steffen Unger

Befragte mit bundesdeutscher Staatsangehörigkeit zeigten größere Skepsis (58 %) als jene ohne (33 %). In Deutschland gebürtige Muslime misstrauen der Politik stärker: 47 % vertrauen der Bundespolitik „gar nicht“, verglichen mit 28% der im Ausland geborenen.

Am 13. Februar reagierte die IGMG in einer Pressemitteilung auf die DeZIM-Befragung. Insgesamt gebe es Politikverdrossenheit in Deutschland. „Doch unter Musliminnen und Muslimen ist der Vertrauensverlust besonders groß. Die Islamische Gemeinschaft fordert eine Politik der Einbeziehung statt der Stigmatisierung“, erklärte IGMG-Generalsekretär Ali Mete. Er bezog sich in seinem Text auf die aktuelle NaDiRa-Studie (Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor). Dieser untersucht Ursachen, Ausmaß und Folgen von Rassismus in Deutschland.

Diese Entwicklung falle in eine Zeit, in der migrationsfeindliche Debatten den politischen Diskurs immer weiter nach rechts verschieben würden. Musliminnen und Muslime seien davon besonders betroffen: Stigmatisierung, Misstrauen und ausgrenzende Narrative verstärken das Gefühl, nicht als gleichwertiger Teil dieser Gesellschaft angesehen zu werden.

Die vergangenen Jahre seien geprägt von politischen Entscheidungen, die die muslimische Bevölkerung und andere rassistisch markierte Gruppen marginalisierten, statt sie einzubeziehen. „Verschärfungen im Asyl- und Aufenthaltsrecht, eine immer weiter ausufernde Sicherheitsdebatte, die Muslime wiederholt unter Generalverdacht stellt, sowie eine politische Rhetorik, die Zugehörigkeit an Bedingungen knüpft – all das trägt dazu bei, dass sich muslimische Bürgerinnen und Bürger zunehmend von der Politik entfremden.“ (sw, ak)

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Debatte auf „Aiman’s Mosaik“: Sind Muslime politisch heimatlos?

mazyek parteien

Aiman Mazyek eröffnet auf seinem Youtube-Kanal pünktlich zur Bundestagswahl einen neuen Dialograum. (iz). Mit „Aiman’s Mosaik“ versucht der ehemalige Vorsitzende des ZMD, Aiman Mazyek, dem Diskurs über die Rolle der […]

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Radikalisierung des Wahlkampfs? Muslime warnen vor Hass

muslime wahlkampf

Wahlkampf 2025: Muslime verweisen auf die Relation von radikalisierten Diskursen und Zunahme antimuslimischer Verbrechen.

Köln (iz). Angesichts einer radikalisierten politischen Debatte im Bundestagswahlkampf um das Thema Migration und mit Blick auf den 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz warnten der Zentralrat der Muslime und die IGMG vor den Folgen der aktuellen Rhetorik parteipolitischer Akteure.

Muslime: Auf eine radikalisierte Sprache folgen Übergriffe

„Rassistisch konnotierte Migrationsdebatten haben schon immer einen Anstieg rassistisch motivierter Straftaten zur Folge gehabt. So ist es auch diesmal. Binnen weniger Tage wurden mehrere Moscheen bedroht“ erklärte Ali Mete, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Anlass für die Erklärung waren verschiedene „Schmäh- und Drohbriefe“, sie an Moscheegemeinschaften geschickt wurden.

Seit dem Wiederaufflammen der migrationspolitischen Debatte hätten sich die Angriffe auf Musliminnen und Muslime und ihre Einrichtungen gehäuft. In den letzten Tagen hätten Moscheegemeinden in Düsseldorf, Dortmund und Hessen islamfeindliche Briefe mit massiven Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen erhalten. In einem Fall konnte eine Freitagspredigt aus Sicherheitsgründen nicht gehalten werden.

„Zusätzlich kam es zu rechtsextremen Schmierereien an Moscheen, Schändungen sowie Beleidigungen und Angriffen auf muslimisch gelesene Menschen im öffentlichen Raum. Die muslimische Gemeinschaft in Deutschland ist zutiefst besorgt.“

Für den IGMG-Generalsekretär gebe es einen Zusammenhang zwischen „rechtspopulistischer Rhetorik“ und antimuslimischen Attacken. Das hätten Studien gezeigt. Wenn Werte wie Menschenwürde verletzt würden, entstehe ein Klima, so die Pressemitteilung, welches Ressentiments und Straftaten fördere. „Immer, wenn Menschenrechte und Menschenwürde zur Disposition gestellt werden, fühlen sich willige Vollstrecker ermutigt und verüben Straftaten. Die Geschichte hat gezeigt: Auf Worte folgen Taten.“

Pressebild: IGMG

Man appelliere an die Politik, den vorgegebenen Rahmen des Grundgesetzes nicht zu verlassen. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass sich die Verhältnisse wiederholten, vor denen es schützen solle. „Mit großer Sorge haben wir in den vergangenen Tagen beobachtet, dass politische Parteien zentrale Menschenrechte infrage gestellt und sogar ihre Abschaffung erwogen haben. Das ist eine Zäsur. Dieses Verhalten hat Vertrauen zerstört und es wird lange nachwirken – weit über die Bundestagwahl hinaus.“

Zentralrat: „Nie wieder“ scheint nicht mehr für alle zu gelten

Am gleichen Tag, an welchem der Bundestag des 80. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz gedachte, brachte die Union einen unverbindlichen Antrag zum Thema Migration ein, der mit Stimmen der AfD beschlossen wurde. Neben anderem veranlasste diese Verschiebung der politischen Landschaft den Zentralrat der Muslime, am 2. Februar seine Besorgnis angesichts der „aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen“.

Man befürchte, dass „das einstmals allgemeingültige Versprechen ‘Nie wieder’ in Deutschland“ nicht mehr für alle gelte. Während sich hiesige Vertreter auf Gedenkveranstaltungen zur „historischen Verantwortung Deutschland“ bekannten, würden Muslime hier „ein besorgniserregendes Ausmaß an Hass, Hetze und Gewalt“ erleben. Dieses Ressentiment werde nicht nur ignoriert, sondern „aktiv“ angeheizt.

Muslimfeindlichkeit

Die CLAIM Allianz stellte am 24. Juni 2024 ihr Lagebild „antimuslimischer Rassismus“ in Berlin vor. (Foto: imago | Jürgen Heinrich)

Die Fakten sprächen für sich: 2023 seien in der Bundesrepublik 1464 islamfeindliche Straftaten registriert worden, darunter 70 Angriffe auf Moscheen – ein Anstieg von über 140 % im Vergleich zum Vorjahr. „CLAIM dokumentierte 1926 Fälle von antimuslimischem Rassismus, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Muslimische Frauen mit Kopftuch sind besonders betroffen.“ Der Zentralrat verwies auf die aktuelle Leipziger Autoritarismus-Studie 2024, wonach Vorurteile gegen Muslime längst in der Mitte des Landes angekommen seien.

„Die Folgen sind fatal: Bombendrohungen gegen Moscheen, Angriffe auf Muslime und muslimische Einrichtungen, Anfeindungen im Alltag (nur in den letzten Tagen: Düsseldorf, Essen, Duisburg, Köln, Penzberg). Statt einzuschreiten, lässt eine populistische Politik dies zu oder befeuert diese Entwicklungen sogar. Diese Gewalt ist kein Zufall, sondern das direkte Resultat einer gesellschaftlichen Atmosphäre, in der antimuslimischer Rassismus zunehmend als legitim betrachtet wird.“

Auch der Zentralrat der Muslime forderte von der Politik eine adäquate Antwort: Antimuslimische Straftaten müssten hartnäckig verfolgt, Moscheen besser gesichert und antimuslimische Diskurse in der Berichterstattung zurückgewiesen werden.