San Diego: Was haben mediale und politische Diskurse mit den Schüssen auf das Islamische Zentrum zu tun?
(The Conversation). Viele muslimische US-Bürger waren verängstigt nach einer Schießerei im islamischen Zentrum von San Diego, bei der drei Gläubige ums Leben kamen. Von Anisah Bagasara
Ermittler fanden Berichten zufolge hasserfüllte Äußerungen und antimuslimische Schriftzüge im Fahrzeug der mutmaßlichen Schützen, die sich kurz nach dem Anschlag das Leben nahmen.
Der Direktor des Islamischen Zentrums, Taha Hassane, verurteilte den Angriff und rief gleichzeitig dazu auf, mit positiven Eigenschaften zu reagieren. „Wir alle sind dafür verantwortlich, die Kultur der Toleranz, die Kultur der Liebe zu verbreiten“, sagte er und beklagte die Umstände, die zu solcher Gewalt geführt hatten.
Der Anschlag ereignete sich nur eine Woche vor dem Fest des Eid al-Adha. Es ist das jährliche Fest, das die Bereitschaft des Propheten Ibrahim feiert, seinen Sohn im Gehorsam gegenüber Gott zu opfern, sowie vor dem Abschluss der Hajj – der Pilgerfahrt nach Mekka, einer der fünf Säulen des Islam.
Dies geschah zudem vor dem Hintergrund anhaltender Spannungen im Nahen Osten und einer zunehmend schrillen politischen Rhetorik in den Vereinigten Staaten. Republikaner im Kongress hielten in der Woche vom 13. Mai 2026 Anhörungen unter dem Titel „Sharia-Free America“ ab.
Dies spiegelt ein seit langem bestehendes antimuslimisches Klischee wider, das sie als Eindringlinge darstellt, die allen anderen US-Bürger die Scharia aufzwingen wollen. Viele von ihnen sind besorgt, da der Anstieg antimuslimischer Vorurteile unter Politikern größtenteils auf Schweigen gestoßen ist.
Sie warnen seit langem, dass die zunehmende Rhetorik gegen den Islam und Muslime ihre Gemeinschaft gefährdet. Als Wissenschaftlerin, die sich mit Islamophobie und deren Auswirkungen auf diese Amerikaner befasst, habe ich beobachtet, wie der Krieg mit dem Iran die muslimische Stimmung im Internet verschärft hat.
Eine Studie des Center for the Study of Organized Hate ergab, dass in den ersten sechs Tagen des Konflikts die durchschnittliche Anzahl islamfeindlicher Postings auf X von rund 2.000 Beiträgen pro Tag auf 6.000 stieg.
Untersuchungen zeigen immer wieder, dass negative Darstellungen von Muslimen die öffentliche Haltung ihnen gegenüber prägen und zu verstärkter Diskriminierung, psychischen Schäden und Hassverbrechen wie dem Amoklauf in San Diego führen können.
Beiträge und Kommentare in den sozialen Medien zeigten eine zunehmende Verwendung entmenschlichender Sprache gegenüber Muslimen. In einer von mir im Jahr 2020 durchgeführten Studie gab eine Mehrheit der 830 Befragten, die meisten antimuslimischen Inhalte auf Facebook anzutreffen, gefolgt von Twitter und Instagram.
Foto: The White House | Lizenz: gemeinfrei
Diese Verschiebung spiegelte sich in der Wortwahl und Berichterstattung über den Islam in rechtsgerichteten Medienunternehmen wider, die sie oft als „Eindringlinge“ darstellten, die die Scharia durchsetzen wollten, und als Belastung für die Sozialsysteme.
Auch die Mainstreammedien können ihre negative Beschreibung verstärken, indem sie den Islam oft im Zusammenhang mit Terrorismus thematisieren. Sie präsentieren Muslime negativer als andere ethnische oder religiöse Minderheiten.
Ideologische Verbrechen nehmen tendenziell parallel zu antimuslimischer Rhetorik zu. Im Jahr 2016, einer Zeit mit hoher antiislamischen Wortwahl, wurden 307 Vorfälle berichtet – die höchste Quantität seit der Phase unmittelbar nach dem 11. September.
Die Zahlen gingen 2017 zurück, stiegen jedoch 2024 mit Beginn des Krieges zwischen Israel und der Hamas wieder an. Hier wurden 288 antimuslimische Hassverbrechen gemeldet.
Eine Umfrage von 2025 ergab, dass 63 % der US-Muslime angaben, religiöse Diskriminierung erlebt zu haben, wobei viele seit 2016 mindestens einen solchen Vorfall jährlich meldeten.
Die kumulativen Auswirkungen der Islamfeindlichkeit wirken sich auf ihre psychische Gesundheit und ihren Zugang zu medizinischer Versorgung aus.
Zahlreiche Studien seit dem 11. September 2001 bringen die hohe Diskriminierungsrate, der die hiesigen Communitys ausgesetzt sind, mit einer höheren Depressionsrate in Verbindung. Diskriminierungserfahrungen führen zudem dazu, dass manche US-Muslime glauben, nicht als Amerikaner angesehen zu werden.
31 % der Teilnehmer meiner Studie von 2020 beschrieben die Auswirkungen von Onlinemedien auf ihre psychische Gesundheit. Viele gaben an, dass sie es vermieden, ihre Identität in Social-Media-Beiträgen zu zeigen, einen muslimischen politischen Kandidaten in sozialen Medien zu unterstützen bzw. gar religiöse Inhalte sowie Videos zu teilen. Einige zogen sich einfach zurück – 27 % deaktivierten oder löschten ihre Social-Media-Konten.
Darüber hinaus gaben viele Muslime an, sich davon abgehalten zu fühlen, sowohl physische als auch psychologische Behandlung bei nichtmuslimischen Anbietern in Anspruch zu nehmen.
Foto: State Dept. / D.A. Peterson
Dies führt dazu, dass US-Muslime die verfügbaren Dienste im Vergleich zu anderen ethnischen und religiösen Minderheitengruppen deutlich weniger nutzen.
Eine Studie aus dem Jahr 2015 ergab, dass fast ein Drittel der muslimischen Amerikaner angab, in Einrichtungen des Gesundheitswesens Diskriminierung erlebt zu haben, was sich auf ihr Vertrauen in die Anbieter auswirkt. Die Mehrheit berichtete von unhöflicher Behandlung durch das Personal, mangelnder Rücksichtnahme auf Sitten und Gebräuche oder der Missachtung ihrer Schmerzen.
Ein Teilnehmer dieser Studie sagte: „Als ich zu einer Operation ging, erkannten die medizinischen Fachkräfte nicht, wie wichtig es für mich war, meinen Hijab zu behalten und den Großteil meines Körpers bedeckt zu haben.“
Als Reaktion darauf sind auf lokaler und nationaler Ebene eine Reihe von Initiativen entstanden. Ein Ansatz besteht darin, Wissen über Psycho-Gesundheit in Communitys zu fördern und Netzwerke von Experten für psychisches Wohlbefinden aufzubauen, die mit diesen Klienten arbeiten.
Forscher und Fachkräfte haben begonnen, Therapien und Ressourcen zu entwickeln, die islamische Glaubensvorstellungen und spirituelle Ansätze in die Behandlung einbeziehen. Dazu gehören Psychotherapien, die vom Qur’an, den Lehren des Propheten und sufischen Praktiken wie Selbstreflexion, Gebet und Achtsamkeit inspiriert sind.
* Übersetzt und veröffentlicht im Rahmen einer CC-Lizenz.
Vor einem Jahr hat das Yaqeen Institute in den USA eine solche Anthologie erstellt, in der es gezielt um wichtige Fragen wie Gesundheit, Wohlbefinden und Prävention geht. (iz). Seit Beginn […]
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Achtsamkeit ist nicht nur ein Trend: Der Arzt und angehende Therapeut Hansjakob Richter berichtet im Gespräch.
(iz). Dr. med. Hansjakob Richter ist Betriebsarzt, Facharzt für Arbeitsmedizin sowie Kursleiter für Achtsamkeitskurse. Er ist in der ehrenamtlichen, muslimischen Seelsorge tätig und befindet sich zudem in der Weiterbildung zum ärztlichen Psychotherapeuten.
Mit ihm sprachen wir über das wichtige Thema Achtsamkeit, was sie auszeichnet und warum sie für Männer eine gute Idee ist. Darüber hinaus erläutert er, für welche Fälle sie sich nicht eignet, und inwiefern sie Menschen mit Depressionen helfen kann.
Islamische Zeitung: Lieber Hansjakob Richter, Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Achtsamkeit. Das ist ein Begriff, der in den letzten Jahren teils sehr häufig benutzt wurde. Was ist mit ihm und seiner Praxis gemeint?
Hansjakob Richter: Ja, sie ist in aller Munde. Achtsam sein heißt, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Das heißt, ich fasse die Absicht, mich einer Sache, einem Objekt oder einer Wahrnehmung zuzuwenden.
Und ich bemühe mich, das, was mir hierdurch begegnet, offen und mit einer freundlichen sowie akzeptierenden Grundhaltung anzunehmen. Das betrifft nicht nur schöne Aspekte, sondern ebenfalls solche, die ich als neutral bzw. negative empfinde. Darum sollte gar nicht bzw. möglichst wenig be- oder geurteilt werden sowie sollte man versuchen, diese Dinge nicht mit einem Etikett zu versehen.
Der Bereich deckt ein Riesenspektrum ab. Ich beziehe mich in meinen Seminaren auf Kabat-Zinn und seine Mitstreiter. Hier gibt es formale Übungen und die Kurse sind angeleitet. Sie fokussieren sich auf die Wahrnehmung des Körpers, der Gefühle, Gedanken, der Stimmung und des Atems.
Das vollzieht sich in Ruhe – sitzend oder liegend. Kann aber ebenso in Bewegung bei Yoga bzw. einer Übung wie der Geh-Meditation gemacht werden. Wie gesagt, das Spektrum ist groß – vom Sitzen, über der anhaltenden Beobachtung des Atems bis zum sogenannten Bodyscan – mit und ohne Anleitung.
Islamische Zeitung:Sind die Übungen anlassbezogen oder finden sie im Rahmen einer regelmäßigen Routine statt?
Hansjakob Richter: Achtsamkeit ist etwas, was jeder machen kann. Schon Babys schauen achtsam in die Welt, hören und fühlen in ihr. Durch Erziehung, Sozialisierung und unser Erleben geht das in Folge ein bisschen verloren – im Zuge von Bildung, Schule usw.
Wenn ich das Thema neu entdecke bzw. Achtsamkeit in mir wiederbeleben möchte, ist es sinnvoll, einen Kursleiter zu haben – am Stück oder über mehrere Wochen verteilt. Und dort unter Anleitung möglichst täglich zu üben.
Es ist ebenso sinnhaft, feste Tageszeiten dafür zu finden, sodass eine Routine entsteht. Einerseits habe ich das formale Üben, wenn ich auf einem Kissen sitze oder mich hinlege. Andererseits gibt es den Alltag. Nach einigen Wochen bzw. Monaten oder vielleicht Jahren merkt man, dass sich beide annähern.
Dann steht man an der Kasse, wartet auf den Bus oder sitzt in einer Besprechung und kommt für einen Augenblick zu einer bewussten Wahrnehmung. Dabei stellen sich Fragen wie „Wo bin ich gerade?“, „Wie geht es mir jetzt?“, „Wie ist meine Atmung?“ etc.
Beide gehen ineinander über und man kann Achtsamkeit für sich nutzen. Solche Momente stehen dann für die Möglichkeit der Wahrnehmung im Moment, im Augenblick. Man steigt bspw. eine Treppe herab, fühlt die Bewegungen oder das Anfassen des Handlaufs.
Islamische Zeitung:In einem kurzen Video erklärte eine US-amerikanische Neurologin, dass eine kurze Kette von Bewegungen mit der Gesichtsmuskulatur helfen können, akute Zustände von Stress und Angst zu beheben, weil diese zu einem „Reset“ im Gehirn führen. Haben Achtsamkeitsübungen ebenfalls solche physiologischen Komponenten?
Hansjakob Richter: Ich bin kein Neurologe, ich habe knapp vier Jahre in der Psychiatrie gearbeitet. Ich kann die Studienergebnisse der Neurologin also nur bedingt einordnen oder gar beurteilen.
Der Unterschied bei den Achtsamkeitsübungen ist, dass ich hier nichts aktiv anspanne. Ich nehme zwar eine aufrechte Haltung ein – mit einer gewissen Muskelspannung –, aber das Gesicht ist eher entspannt. Hier gibt es keine spezifischen Übungen oder Kontraktionen für Muskelgruppen.
Was durch Forschungen gut belegt ist, ist, dass sich Hirnareale, die mit Stress, Emotionen und mit Emotionsverarbeitung zu tun haben, durch eine mehrwöchige oder auch mehrjährige Achtsamkeitspraxis verändern.
Es gibt gute Studien mit MRT-Scans, die ausgesuchte Hirnbereiche untersuchen. Diese nehmen durch Achtsamkeitsübungen ab oder zu bzw. werden dichter. Das ist gut belegt.
Islamische Zeitung:Vielleicht auch eine Frage zu einem anderen Themenbereich, könnte aber zum Thema führen. Ein wichtiger Aspekt wie beschrieben ist die Wahrnehmung der eigenen Gefühle – auch der körperlichen Emotionen unterhalb unseres Bewusstseins. In mehreren Kulturen – nicht nur der westlichen – hadern Männer schon länger mit dem tradierten Umgang in Sachen Emotionen. Könnten sie von der Achtsamkeitspraxis profitieren?
Hansjakob Richter: Ich denke, es ist für beide Geschlechter gleichermaßen wichtig. Sie können hier Nutzen ziehen. Ich erlebe viele Frauen in meinen Kursen, die durch Stress sowie jahrelange Verhaltensmuster gar nicht so dicht an ihren Emotionen und Stimmungen sind, wie man meinen könnte.
Ich habe gute Erfahrungen gemacht mit reinen Männerkursen. Männern, wenn sie unter sich sind, fällt es leichter, an ihre Gefühle zu kommen und sie zu benennen – Sorgen, was sie denken oder als ihre Schwächen betrachten.
Das verändert sich schlagartig, sobald eine Frau den Raum betritt. Dann spielen spezifische Rollenerwartungen über das Mannsein eine Rolle, ohne dass es bewusst wahrgenommen wird.
Von daher kann ich Männern raten, die das Bedürfnis haben, diesen Aspekt zu entwickeln, reine Männerkurse zu besuchen. Dabei geht es nicht um die Ausgrenzung von Frauen, sondern um die Schaffung geschützter Räume. Später mit mehr Erfahrung lässt sich auch in gemischten Zirkeln von Gefühlen sprechen. Man kann das leicht mit der Fahrschule vergleichen, wo man erst im Theorieunterricht und am Simulator Sicherheit gewinnt, bevor es auf die Straße geht.
Islamische Zeitung: Sehen Sie Muslime als Zielgruppe für Achtsamkeitsübungen?
Hansjakob Richter: Ich kann wiedergeben, was mir erfahrene Imame erzählten. Sie berichten davon, wie viele Muslime ihre Glaubenspraxis als Routine „durchziehen“ und beim Gebet eher an den Hausbau oder das Kochen denken.
Hier bestünde, ihnen zufolge, Verbesserungsbedarf. Es gibt im Qur’an und in den Hadithen sehr gute Hinweise, was Qualität der Anwesenheit in der Anbetung betrifft. Beispielsweise, wenn es um ein Fasten oder ein Gottesgedenken im Zustand der geistigen Präsenz geht.
In einer Sitzung lernen wir, im Moment präsent und da zu sein, ihn zu erleben und wahrzunehmen. Das bringt mehr Nutzen auch im Ganzen. Die Kombination aus der Handlung plus das nötige Bewusstsein für sie bringt die Änderung.
Es gibt den Dhikr und das Nachdenken über die Schöpfung im Islam. Dazu zählt die Betrachtung des eigenen Selbst. Und dass man für sich in einem spezifischen Zeitabstand – eine Stunde, einen Tag – Bilanz zieht.
Was habe ich heute getan, was waren meine Handlungen, meine Gedanken und meine Worte? Das empfinde ich wohltuend für mich, andere und die Umwelt. Auch die Praxis von Dankbarkeit findet sich in der Achtsamkeitspraxis – im Islam wie in weiteren Weltreligionen.
Meine Kurse sind säkular in dem Sinne, dass sie weltanschauungsneutral stattfinden. Die Gründungsväter dieser Bewegung haben Wurzeln im Buddhismus. Aber dieses Angebot ist „befreit“ von religiösen Einflüssen.
Man findet an vielen Stellen Parallelen zu den Praktiken und Theorien im Islam, aber auch im Juden- bzw. dem Christentum. Ich habe einiges auf meiner Website achtsamkeitsrichter.de zusammengestellt. Das eine ist das theoretische Wissen, das andere die tatsächliche Anwendung.
Foto: Aleksandr Ledogorov/Unsplash
Islamische Zeitung: In der Recherche bin ich auf drei Aspekte gestoßen, in denen es seriöse Kritik an der Achtsamkeitsbewegung gibt. Zum einen soll es Patientengruppen geben, bei denen Übungen bestimmte Effekte verstärken oder auslösen können. Zweitens sehen diese Stimmen in der Bewegung die Gefahr, dass Menschen unter Selbstoptimierungsdruck gesetzt werden. Und drittens steht der Vorwurf im Raum, dass sämtliche sozialen bzw. sozioökonomischen Ursachen von fehlender Achtsamkeit ausgeblendet werden. Können Sie etwas mit dieser Kritik anfangen oder ist diese haltlos?
Hansjakob Richter: Ja, das sind relevante Kritikpunkte. Sie werden von außerhalb und innerhalb der Achtsamkeitscommunity diskutiert sowie bei Konferenzen angesprochen. Ebenso wurde dazu publiziert. Es kann bei diesen Kursen zu Risiken und Nebenwirkungen kommen. Daher halte ich 1:1-Vorgespräche für wichtig, ob es überhaupt das Richtige für jemanden ist.
Die Teilnahme an einem Achtsamkeitskurs macht keinen Sinn für jemanden in einer akuten Psychose oder Drogenabhängigkeit – stoffgebunden oder nicht-stoffgebunden. Das betrifft ebenfalls Menschen mit einer floriden Trauma-Folgestörung oder Personen, die in akuter Trauer sind, oder wenn Trauer unzureichend verarbeitet wurde.
Manchmal kann das funktionieren, man muss aber genau hinschauen. In solchen Fällen können Achtsamkeitsübungen negative Effekte bewirken bzw. auslösen sowie eine Person destabilisieren. Es besteht auch die Gefahr, dass Menschen dissoziieren und den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren.
Was den Punkt der Selbstoptimierung betrifft, gibt es im Islam das Wissen, dass jede Handlung nach ihrer Absicht beurteilt wird, weil diese entscheidend ist. Hier es genauso. Achtsamkeit an sich ist absichtslos. D.h., sie hat kein Ziel. Ich mache die Übung nicht, um etwas zu erreichen bzw. besser zu werden.
Sollte ich das so sehen, habe ich das Konzept nicht verstanden. Mag sein, dass das im Beruf weiterhilft, aber gestärkt wird Achtsamkeit so nicht. Unabhängig davon, ob säkular oder religiös, passt das nicht zusammen. Zumal dazu ethische Vorstellungen gehören. Das sind bspw. Selbstfürsorge sowie anderen keinen Schaden zufügen zu wollen.
Wenn ich die Idee habe, etwas zu erreichen, dann gehe ich am Konzept vorbei. Man muss aufpassen: Es gibt Bestrebungen, auch in Wirtschaft und Firmen, Achtsamkeitslehrer zu engagieren und Kurse anzubieten, damit die eigenen Leute leistungsfähiger werden, weniger erkranken, sich mehr entspannen etc.
Diese Tendenzen gibt es durchaus. Ähnlich Angebote bestehen bei einigen Armeen, damit bspw. Scharfschützen noch besser töten können. Das ist natürlich ein schwieriger Punkt.
Allerdings kann es im Laufe eines unternehmerischen Achtsamkeitskurses passieren, dass er das unternehmerische Ziel der Arbeitgebenden verfehlt. Und die Leute merken, was der Schichtbetrieb mit ihnen macht oder wie grausig das Kommunikationsklima ist.
Das kann aus Sicht der Auftraggeber nach hinten losgehen, wenn das Personal erkennt, wie diese Art zu wirtschaften, menschlich gesehen nicht akzeptabel. Gegebenenfalls entscheiden Mitarbeiter, dass sie sich ihren Job nicht mehr antun möchten.
Was den dritten Kritikpunkt betrifft, so kann Achtsamkeitspraxis dazu führen, dass ich nicht bei dem mitgehen will, was in der Gesellschaft passiert und propagiert wird. Dass das nichts mit dem gemein hat, wie ich mir Leben und Miteinander vorstelle.
Islamische Zeitung: Im Titel Ihres Instagram-Accounts steht „zufrieden und freier leben trotz Depression“. Die Erkrankung ist durch nicht selten. Und viele Betroffene haben oft die Erfahrung mit Mitmenschen gemacht, die meinen, ihnen sagen zu müssen, sie müssten mal an die frische Luft oder auch intensiver beten. Wie verstehen Sie Ihre Aussage?
Hansjakob Richter: Solche Sätze (wie im genannten Account) haben die Funktion, eine gewisse Aufmerksamkeit zu erzielen. Es gibt zu Achtsamkeit und Depression gute Forschungen und Studienergebnisse sowie Metaanalysen, die insgesamt schon mehrere Jahre alt sind. Natürlich ist hier noch nicht das Ende erreicht und die Wissenschaft muss weitergehen.
Sie konnten gut belegen, dass sogenannte MBCT-Kurse (mindfulness-based cognitive therapy) gut wirken als Rückfall-Prophylaxe. Sie sind für Menschen, die bereits mehrere depressive Phasen erlebt haben. Ich kann durch diesen Kurs mit einer gewissen und steigenden Wahrscheinlichkeit verhindern, wieder in eine solche Episode hineinzugleiten.
Man erkennt, an welcher Stelle es wieder losgeht mit einer Abwärtsspirale bzw. man erneut gefühlt in den Treibsand aus Emotionen, Verhalten und Bewertungen gerät. Der Treibsand ist für viele Betroffene ein passendes Bild, denn in solchen einem Fall führt hektisches Handeln dazu, dass man noch tiefer abrutscht.
Es geht also nicht darum, das Vorhandene zu bekämpfen, sondern um einen anderen Umgang. D.h., ein Zulassen, ohne sich dabei überwältigen zu lassen. Diese Kurse können – das ist natürlich kein Heilsversprechen – genauso gut wirken wie eine Standardmedikation. Auch lassen sich beide Therapieformen gut miteinander kombinieren.
Eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis kann – über einen anfänglichen Intensivkurs hinaus – wirklich neuronale Veränderungen bewirken. Es ist natürlich ein bisschen so wie bei der Medikation. Wenn ich das Medikament weglasse, geht der Blutdruck wieder hoch oder die Stoffwechsellage verschlechtert sich.
Das ist bei den Übungen genauso. Deswegen auch die Empfehlung nach dem Kurs, sich eine Gruppe zu suchen, in der man regelmäßig im Kreis mit Gleichgesinnten formale Achtsamkeitsübungen praktiziert und so für die bewusste oder unbewusste Anwendung im Alltag lebendig und verfügbar hält.
Islamische Zeitung: Lieber Jakob Richter, wir bedanken uns.
Wie praktizieren Muslime im Westen die Zakat? Ihre Gemeinschaften dürfen die vorgeschriebenen Kategorien nicht zu sehr ausweiten.
„Du wärest der Imam der Sozialisten, wären nicht ihre Exzesse und Ansprüche… Wenn ein Mann sich eine Religion aussuchen müsste, würden die Armen nur Deine Religion wählen.“ Abdul Hakim Murad
(Traversing Tradition). Der Prophet hatte nicht nur Mitgefühl mit den Armen, er „liebte die Armen und saß bei ihnen“ und lehrte uns das Gebet: „Herr Gott, gib uns Liebe für die Armen (arab. hubb al-masakin).“ Auch wenn wir uns heute fragen, ob die Umma genug für die Unterdrückten tut, ist es lobenswert, dass unsere Bereitschaft, die Armen zu unterstützen, anhält. Von Mohammed Adam
Zakat – Muslime im Westen sind großzügig
Ein 2021, von der Muslim Philanthropy Initiative veröffentlichter Bericht ergab, dass muslimische Amerikaner zwar nur 1,1 % der Bevölkerung ausmachen, aber 1,4 % (beinahe 4,3 Mrd. Dollar) der Spenden für wohltätige Zwecke leisten.
Trotz weit verbreiteter Vorurteile darüber, wofür Muslime ihr Geld ausgeben, stellt derselbe Bericht fest, dass ein beträchtlicher Teil der Spenden für wohltätige Zwecke inländische, nicht religiöse Zwecke unterstützt, darunter auch die Bekämpfung von Folgen der Covid-19-Pandemie.
In seinem Buch „Travelling Home“, einer Abhandlung über die Integration von Muslimen in Europa, endet Schaikh Abdal Hakim Murad mit einem Kapitel, in dem er die Macht der Wohltätigkeit bei der Wiederbelebung des muslimischen Bewusstseins erörtert.
Während er das Potenzial derjenigen, die in der Lage sind, Spenden zu geben, wunderbar detailliert beschreibt – von den vermögenden Muslimen in London bis hin zu den Milliardären aus den Emiraten, die von Petrodollars leben –, bleiben die Empfänger auffallend unerwähnt, insbesondere im Fall von Zakat.
Es besteht kein Zweifel daran, dass wir in einem räuberischen Finanzsystem leben, in dem die Banken und Institutionen von der Aussicht begeistert sind, diejenigen auszubeuten, die am unteren Ende der Gesellschaft stehen, um das Ungleichgewicht des gesellschaftlichen Reichtums aufrechtzuerhalten.
Riba (wir beziehen uns hier lose auf Zinsen und Wucherpraktiken) ist im Islam wegen seines ausbeuterischen Charakters und seines Endergebnisses, der ungerechten Aneignung der finanziell Verzweifelten, um die Taschen der immer Reicheren zu füllen, ausdrücklich verboten.
Allah warnt uns davor, dass die Praxis von Riba ein verlustreiches Unternehmen auf einer kosmischen Ebene ist. Dies ist im Qur’an festgehalten: „Und was ihr an Ausgaben aufwendet, damit sie sich aus dem Besitz der Menschen vermehren [d.h. Riba], sie vermehren sich nicht bei Allah. Was ihr aber an Abgaben entrichtet im Begehren nach Allahs Angesicht … – das sind diejenigen, die das Vielfache erzielen.“ (Ar-Rum, Sure 30, 39)
Dieser Vers stellt einen wunderbaren Kontrast zwischen der parasitären Natur der Riba und der schönen Gerechtigkeit der Zakat dar. Ihre Institution ist das Gegenteil dieser verbotenen Praxis, da sie als umverteilende wirtschaftliche Fairness dient und Harmonie innerhalb des sozioökonomischen Systems schafft.
Allah sagt uns, dass es sich um eine Transaktion mit positiver Summe handelt: Wir reinigen den Reichtum, die Armen werden gestärkt und auf kosmischer Ebene vervielfacht sich unsere Belohnung bei Allah exponentiell.
Dieser Vers hat eine tiefere Bedeutung, die die Gerechtigkeit Allahs weiter offenbart. Obwohl Zakat Sein Eigentum ist und uns im Prinzip nicht gehört, belohnt Er uns auf eine vervielfachende Weise, im direkten Gegensatz zur Funktionsweise von Riba: positive Summen statt eines Nullsummenspiels.
Die Bedeutsamkeit der Zakat im Islam und als Institution sollte nicht unterschätzt werden. Es handelt sich um eine gemeinschaftsorientierte Praxis, die dazu befähigte Muslime dazu zwingt, sich in die Notlage ihrer weniger wohlhabenden Geschwister hineinzuversetzen.
Ein Grundpfeiler der Anbetung
Sie ist ein Grundpfeiler des Dins und wird als integraler Bestandteil des Fundaments von islamischer Zivilisation betrachtet. Es ist ein großer Fehler, Zakat nur als eine andere Form der Wohltätigkeit zu betrachten. Sie ist eine Institution und eine geregelte Praxis – im Gegensatz zur Sadaqa, eine Weise der spontanen Wohltätigkeit.
Sie ist für einen Muslim so grundlegend, dass Allah sie und das Gebet (arab. Salat) im Qur’an 28 Mal im Zusammenhang erwähnt. Wie der große hanafitische Gelehrte Badr Ad-Din Al-Ayni schrieb: „Zakat ist der Partner von Salah“. Mulla Ali Al-Qari erklärt: „Salah und Zakat sind die Grundlagen aller Gottesdienste.“
Zu diesem Zweck hat der Gelehrte Schaikh Yousef Wahb einen Aufsatz über die Verwendung und den Missbrauch von Geldern durch religiöse Institutionen in Nordamerika verfasst. Darin wird erörtert, inwiefern dortige Praktiken bezüglich ihrer Verteilung von den Rechtsvorschriften abweichen.
Eine juristische Analyse seines Aufsatzes würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Kurz gesagt hebt er hervor, wie zeitgenössische Urteile und Gepflogenheiten ihre Berechtigung auf ein beispielloses und fast zweifelhaftes Niveau erweitern.
Neben der detaillierten Beschreibung der gerechten Distribution auf die acht festgelegten Empfängerkategorien in der schafi’itischen Schule nimmt sich der Autor Zeit, drei spezifische Kategorien aufzuschlüsseln, bei denen die heutige Verteilung inkonsistent ist: „auf dem Weg Allahs“, diejenigen, die sie einsammeln, und „Annäherung der Herzen“.
Ahmed Shaikh, Anwalt für islamische Nachlassplanung, veröffentlicht den Newsletter „Working Towards Ehsan“, der regelmäßig einen Überblick über solche Institute gibt wie Emgage, Islamic Relief USA und Launchgood. In einem Beitrag stellt er fest: „Die praktische Auswirkung von viel Zakat in den Vereinigten Staaten ist, dass die Wohlhabenden ihren Reichtum untereinander zirkulieren lassen.“
Wem kommt die Zakat zugute?
Ohne sich in ihre rechtlichen Feinheiten zu vertiefen, liefert er praktische Beispiele, bei denen Muslime paradoxerweise direkt von der Zakat profitieren, die sie geben – wie z.B. Zahlungen an lokale Moscheen, politische Interessenvertretungen und bestimmte Da’wa-Gruppen.
Er hebt ein beunruhigendes Beispiel hervor, bei dem ein Gelehrter auf der Website einer gemeinnützigen Organisation prominent dargestellt wird, ohne dass seine Rolle (über das Branding hinaus) entsprechend erklärt wird und ohne dass er tatsächlich die Richtlinien der Organisation überprüft.
Abgesehen von der offensichtlichen, spirituellen Bedeutung von Zakat ist es vernünftig, ein hohes Maß an Transparenz zu erwarten, das für jede moderne Organisation zum Standard gehört. Man braucht nur im Netz zu schauen, um das Gehalt eines Professors oder Fußballtrainers an einer öffentlichen Universität zu erfahren, die Dollarbeträge und die Häufigkeit politischer Spenden (und den Empfänger der Spende) von gewöhnlichen Bürgern, den genauen Wert der Verpflegungs- und Reisekosten, die Pharmaunternehmen seit 2016 allen Ärzten gezahlt haben, und sogar die ausgehandelten Mindest- und Höchstpreise für Krankenhausleistungen, Labors oder Verfahren auf der Website eines Krankenhauses gemäß einem relativ neuen Gesetz.
Trotz der unvermeidlichen rechtlichen Unterschiede bei der Frage, wer Anspruch auf Zakat hat, sollte der durchschnittliche Muslim Bescheid wissen. Ob seine Zahlung den Business-Class-Flug und das Hotel eines Redners, die Wahlkampffinanzierung eines pro-muslimischen nicht-muslimischen Kandidaten für ein öffentliches Amt, Verwaltungskosten, auffällige Werbeverträge mit Influencern, den Basketballplatz und die Mehrzweckhalle der örtlichen Moschee oder „intellektuelle Bemühungen“ (wie von der Assembly of Muslim Jurists of America legitimiert) finanziert.
In seinem Artikel bemerkt Wahb treffend: „In der Geschichte wurde der klassische Fiqh nie als Hindernis für die Daʿwa angesehen, sondern scheint in der heutigen Gemeindearbeit als eines wahrgenommen zu werden.“ Er führt ein kreatives Beispiel dafür an, wie Zakat potenziell für den Schuldenerlass bei Flüchtlingen eingesetzt werden kann, von denen zwei Drittel aus muslimischen Ländern stammen.
Keine Verwechslung mit Spenden / Sadaqa
Seine Arbeit macht deutlich, dass die Pflichtabgabe nicht mit Wohltätigkeit gleichgesetzt werden darf und dass die Abgabe je nach Struktur, an die sie gezahlt wird, für unterschiedliche Zwecke verwendet werden kann.
Obwohl ihr Umfang in der modernen Welt unklar ist, legitimiert dies kein „Jeder-gegen-jeden“ in der muslimischen Non-Profit-Branche, in der Organisationen pauschal einen Anspruch auf „Zakat-Berechtigung“ geltend machen können, ohne genau zu definieren, was dies beinhaltet (und wer diesen Anspruch genehmigt hat).
Ein Muslim, der seine Zahlung einer Organisation anvertraut, macht diese praktisch zu seinem Vertreter. Während die Pflicht zur Erfüllung letztlich beim Individuum liegt, wird dem Vertreter ein Vertrauensvorschuss gewährt, den er im Namen des Individuums annimmt.
Angesichts ihrer Bedeutung besteht die Pflicht zur Transparenz nicht nur im Interesse der Empfänger und der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, sondern auch im Hinblick auf das Jenseits, wo wir alle zur Rechenschaft gezogen werden. Muslime müssen in der Lage sein, dem Vertreter zu vertrauen, beruhigt durch die Gewissheit, dass ihre Zakat nicht missbraucht, sondern gerecht an die legitimen Kategorien weitergeleitet wird, die Allah für uns bestimmt hat.
Die muslimische Gemeinschaft hat das Recht, von ihren Vertretern Rechenschaft und Transparenz zu verlangen. Schließlich handelt es sich nicht nur um Wohltätigkeit, sondern um eine kollektive Einrichtung, die Vorteile für alle schafft und den Weg zum Erfolg in dieser und der nächsten Welt ebnet.
Dieser Text erschien am 11. März 2024 auf der Webseite „Traversing Tradition“. Übersetzung und Nachdruck mit Erlaubnis der Redaktion.
Naturschutz: Die IGMG bietet Fortbildung und praktische Schulung für ihre Moscheegemeinschaften an.
(IGMG/IZ). „Mülltrennung, Energiesparen, Solarenergie – Klimaschutz beginnt in der Moschee: Die IGMG startet eine Webinar-Reihe für Moscheegemeinden – mit praktischen Lösungen und islamischer Verankerung“, erklärt Ali Mete, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG).
Anlass war der Start der Bewerbungsphase für ein neues IGMG-Klima-Bildungsprogramm für Mitgliedsgemeinschaften des Verbands.
Mit dem Naturschutz-Bildungsprogramm für Moscheen wolle der Verband ein umfassendes Projekt für die Gemeinschaften beginnen, das Theorie in gelebte Praxis übersetzen soll. Wir wolle zeigen, dass Klimaschutz nicht bei Konferenzen beginnt, sondern vor Ort – in Gemeindeküchen, Gebetsräumen und Moscheegärten.
Denn der Islam verpflichte die Muslime zur Bewahrung der Schöpfung. „Diese religiöse Verantwortung nehmen wir ernst – und machen sie zum Ausgangspunkt für konkretes Handeln.“
Das Programm richtet sich an Ehrenamtliche in Moscheegemeinden. Es solle sie dazu befähigen, Umwelt- und Klimaschutz in ihren Gemeinden umzusetzen. In elf Webinaren und zwei Modulen werden Themen wie Energiesparen, Wasser- und Flächenmanagement, Mülltrennung, Biodiversität oder die Organisation umweltfreundlicher Veranstaltungen behandelt. Statt theoretischer Vorträge setzt das Projekt auf interaktive Formate: Workshops, Rollenspiele und Gruppengespräche mit starkem Praxisbezug.
Nach Angaben der IGMG bestehe das Ziel in dem praxisorientierten Programm nicht nur im Wissenserwerb. Die TeilnehmerInnen sollen auch „Multiplikatoren und Umweltverantwortliche“ in ihren lokalen Gemeinschaften werden.
Sie sollen lokale Naturschutzziele formulieren, diese öffentlich kommunizieren und Schritt für Schritt umsetzen – begleitet von der IGMG-Klima- und Naturschutzkommission.
Im Falle eines erfolgreichen Abschlusses wird die Teilnahme zertifiziert. „Damit schaffen wir Bewusstsein und Veränderung zugleich.“ Das Programm soll offen für alle sein – denn Klimaschutz sei „kein Spezialthema, sondern betrifft uns alle“.
Damit wolle man Verantwortung übernehmen, muslimisches Umweltbewusstsein zugunsten sämtlicher Lebewesen stärken und deutlich machen, dass Moscheen Teil der Lösung seien.
Taqwa ist ein Schlüssel zur islamischen Lebenspraxis und eine unverzichtbare Eigenschaft. Heutige Übersetzungen wie „Gottesfurcht“ werden ihr kaum gerecht.
(iz). Jede Woche, bei jeder Freitagspredigt, werden die Leute daran erinnert, Taqwa zu haben. Kein besserer Rat könnte einer Frau oder einem Mann gegeben werden.
Denn diese Anweisung Allahs gilt für alle, die jemals auf der Erde gingen. Er sagt in Seinem Edlen Buch: „Und Wir haben bereits denjenigen, denen vor euch die Schrift gegeben wurde, und euch anbefohlen: Fürchtet Allah!“ (An-Nisa, Sure 4, 131)
Dies ist der erste Befehl, den ein jeder Prophet seinem Volk geben musste. Er edelt den Menschen und erhebt ihn über seine Zeitgenossen. Der Prophet sagte: „Wenn ihr der edelste unter den Menschen sein wollt, habt Taqwa vor Allah.“ Und Allah sagt: „Gewiss, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste.“ (Al-Hujurat, Sure 49, 13)
Was aber ist diese Taqwa, auf die so viel Wert gelegt wird? Um welche Eigenschaft handelt es sich dabei? Zumeist wird sie als „Gottesfurcht“ übersetzt. Diese ist tatsächlich ein zentraler Bestandteil.
Aber Furcht vor Allah ist keine paralysierende Angst, sondern ein aktivierender Antrieb. Sie lässt keinerlei Raum für Faulheit oder Untätigkeit. Denn Allah zu fürchten heißt, Ihn zu kennen. Allah sagt hierzu: „Nur diejenigen unter Seinen Dienern mit Wissen fürchten Allah.“ (Fatir, Sure 35, 28)
Kenntnis von unserem Herrn bedeutet, dass wir Ihn durch Seine Namen und Seine Eigenschaften kennen. Wir wissen, dass Er uns erschaffen hat und uns Rechtleitung und Gesandte schickte.
Wir wissen, dass Er der einzige Richter ist und dass Ihm alle Attribute der Herrschaft gehören sowie die der Gnade und der Schönheit. Bei Ihm ist alle Macht. Er bestimmt, was ist und was sein wird.
Unser Schicksal und unsere letzte Heimstätte liegen in Seinen Händen. Und Er hat keine Verpflichtungen uns gegenüber. Wir können nicht annehmen, dass wir sicher sind und dass uns ein Platz in Seiner Zufriedenheit gewiss ist.
Tatsächlich benötigen wir Furcht (arab. khauf), die durch Hoffnung (arab. raja) balanciert wird. Denn Furcht ohne Hoffnung ist Verzweiflung. Sie lässt uns aufmerksam bleiben, macht uns vorsichtig und achtsam in allem, was wir tun. Menschen, die mit gefährlichen Tieren umgehen, werden bestätigen, dass ein gewisses Maß an permanenter Furcht und Respekt nötig sind. Verliert man sie, wird man rücksichtslos und es kommt zu Unfällen.
Das gilt umso mehr mit einem Herrn, der vollkommene Macht über uns hat. Sobald Nachlässigkeit zuschlägt und wir unsere Furcht verlieren, befinden wir uns in größter Gefahr. Allah sagt in einem Hadith Qudsi:
„Bei Meiner Macht, keiner Meiner Diener wird zwei Befürchtungen oder zwei Gefühle der Sicherheit verbinden. Wenn er Mich in dieser Welt fürchtet, dann lasse Ich ihn sich sicher fühlen am Tag der Auferstehung, aber wenn Er sich vor Mir in dieser Welt sicher fühlt, dann fülle Ich ihn am Tag der Auferstehung mit Furcht an.“
Die einzige Sache, die uns am Erfolg hindert, ist Angst vor der Schöpfung. Sie ist das Gegenteil der Gottesfurcht, denn unser spirituelles Zentrum kann nicht Heimstätte von beidem sein. Und der Mensch kann nicht zwei Herzen in seiner Brust haben.
Daher sollten wir Taqwa wählen. Die Furcht, die zu Handlungen führt. Sie veranlasst eine Person, Vorkehrungen zu treffen, und Schritte einzuleiten, die sie und ihre Zukunft schützen.
In einem Gleichnis von ’Umar ibn Al-Khattab heißt es, das Leben sei ein Pfad voller Brombeersträucher und Dornen. Um zu verhindern, dass sie uns kratzen oder die Kleidung aufreißen, sollten wir gewissenhaft gehen und unsere Hosenbeine aufrollen.
Dieser Akt ist die Essenz der Taqwa. Jene Vorsicht ist es, die wir auf dem Weg von Allah praktizieren müssen. Wir müssen meiden, was Ihm missfällt, und tun, was Ihm gefällt. Dieser Pfad ist stellvertretend für das Leben. Und so sollte Taqwa unser permanenter Gefährte sein.
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„Die hohe Stellung des Gelehrten gegenüber einem Nichtgelehrten ist wie die Überlegenheit des Propheten gegenüber seiner Prophetengemeinde.“ (Hatib)
(iz). Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie systematisch aufeinander aufbauend strukturiert ist. Ein Beispiel sei angeführt: In der Grundschule erlernen wir die Elementarmathematik. In der Sekundarstufe 1 folgen darauf aufbauend Algebra, Trigonometrie und Arithmetik. In Sekundarstufe 2 Differential- und Integralmathematik, lineare Algebra und Komplexe Zahlen usw. Und für ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium ist die Höhere Mathematik unumgänglich.
Wenn Lücken in den vorherigen Bereichen vorhanden sind, wird es keinen Fortschritt in den höheren Bereichen geben, weil Abhängigkeiten vorliegen. So ähnlich ist es auch in den islamischen Wissenschaften. Es ist oft zu beobachten, dass Muslime ihre Kenntnisse in der Religion punktuell und unsystematisch erwerben und unachtsam bezüglich der Informationsquellen sind.
Ilm-i hal bedeutet wortwörtlich „Wissen vom Zustand“ und gemeint ist „Wissen für das tägliche, religiöse Leben“. Die Ilmihal sind Werke, in denen umfassende Grundlagen für Glaubenslehren (‘Aqaid), Rechtsnormen (Fiqh) für rituelles Gebet, Fasten, Pilgern und Zakat sowie soziale Themen wie Nachbarschaft, Familienumgang, und Verwandschaftspflege behandelt werden. Schließlich werden moralische Normen und Prinzipien (Akhlaq) dargestellt. Drei Bereiche decken diese wertvollen Handbücher ab. Es sind die Grundlagen von Kalam, Fiqh und Tasawwuf.
Diese Gebiete stellen das Fundament, auf denen das islamische Leben steht. Sie stärken den Iman (aus ‘Aqaid-Werken), entfalten den ‘Amal (das islamische Handeln, aus Fiqh-Werken) und stärken die reine Absicht, den Ikhlas aus dem Tasawwuf und den Akhlaq-Werken. Diese drei Grundfundamente sind komplementär und einander ergänzend. Gibt es hier Lücken, Risse oder fehlen gar große Teile, ist ein Weiterentwickeln ausgeschlossen. Kein Bau ist stabil, wenn das Fundament brüchig oder nur in Teilen vorhanden ist.
Notwendiges Wissen für jeden Muslim Da der Erwerb von Wissen für Muslime fard (religiös verpflichtend) ist, haben die islamischen Gelehrten erläutert, welches Wissen in welchem Umfang fard ‘ain, also für jeden Pflicht ist, und welches Kollektivpflicht (fard kifaja)darstellt, somit also für die Gemeinschaft als Pflicht entfällt, wenn ein Teil der Gemeinschaft dieses Wissen erwirbt.
Die Ilmihal, oder Risala genannten Handbücher umfassen das notwendige Wissen, dessen Erwerb fard ist für jeden Muslim. Wer seinem Erwerb nicht oder nur teilweise nachgeht, und sich stattdessen isolierten Wissenschaften zuwendet, dem wird Allah ta’ala keinen Erfolg geben und er wird keinen Nutzen davon haben. Das ist wie der Versuch, höhere Mathematik betreiben zu wollen, ohne die Grundpfeiler der Mathematik verinnerlicht zu haben. Zweifellos wird es nicht funktionieren. Oder es ist wie, wenn man Zakat nicht gibt, aber stattdessen Geschenke verteilt.
Der grosse islamische Gelehrte Imam Rabbani Ahmad Faruk Sirhindi schreibt in seinem „Maktubat“ zum Thema: „Verglichen zur ‘Ibada (religiöse Taten), die fard sind, haben die nafila ‘Ibadat (nicht verpflichtende, aber verdienstvolle religiöse Taten) keinen Wert. Es ist nicht mal ein Tropfen verglichen zu einem Meer. Der verfluchte Schaitan täuscht die Muslime, indem er die fard als unbedeutend zeigt und stattdessen die Nafila fördert (und so fard verhindert). Obwohl (zum Beispiel) ein Goldstück Zakat einem Armen geben verdienstvoller ist als das Verteilen von Hunderttausend Goldstücken, die Sadaqa (Sadaqa gehört zu den nafila ‘Ibadat) sind.“ (Band 1, Brief 29; Band 3, Brief 17)
Arten und Weisen des Lernens Gewöhnlich lernt man religiöses Wissen von Angesicht zu Angesicht. Der Gelehrte unterrichtet die Schüler in Madrassen (religiöse Hochschulen), oder im Privatunterricht. In der Moschee, aber auch vor allem an Wintertagen, haben die Muslime sich in Wohnungen versammelt und einem Gelehrten oder einem gebildeten Muslim durch Zuhören als auch mit Unterstützung von islamischen Werken durch Vorlesen umfassendes Grundwissen erworben. Die Treffpunkte der Sufis (Zawiya, Tekke, Dergach) waren ebenfalls Orte der Bildung.
Seit dem Kolonialismus und den darauffolgenden Zeiten durch umwälzende Veränderungen in der muslimischen Welt sind vielerorts diese Strukturen und Netzwerke islamischer Bildung zum Erliegen gekommen. Viele Bildungseinrichtungen machen hohe Versprechungen, aber verglichen zu der traditionellen umfassenden Bildung früherer Zeiten sind sie meist ungenügend.
Es gibt einen zweiten Weg, sich systematisch und umfassend Grundwissen über den Islam anzueignen. Gelehrte haben Werke verfasst, in denen die obigen drei Hauptgebiete für jeden Muslim und jede Muslimin didaktisch mit vielen Erläuterungen in einfacher Sprache für das Volk geschrieben haben. Diese Bücher sind die Werke des Ilm-i hal.
In Nordafrika, wo die malikitische Rechtsschule (Madhhab) verbreitet ist, war die „Risala“ von Imam Abi Zaid Al-Qairawani ein beliebtes und verbreitetes Handbuch. Es gibt auch eine französische Übersetzung. Die Schafi’iten haben insbesondere Werke des Imam Ghazali, allen voran das „Ihja ‘Ulum ad-Din, Bidaja ut-Hidaja“ (in Deutsch vorhanden), „Ajjuhal’walad“, „Kimja-i Seadat“ gelesen. Ferner Imam Nawawis „Umdat As-Salik“ (ins Englisch von Nuh Ha Mim Keller übertragen). Von den Hanbaliten sei das „Gunjatut Talibin“ von Sajjid Abdulqadir Gailani genannt. Die Türken haben Jahrhunderte lang das „Mizrakli Ilmihal“ genannte „Miftah un Dschannah“ gelesen (ein auch ins neue Türkisch übertragene und ins Englische übersetzte Werk). Des Weiteren das „Hudschetut Islam“ genannte Werk von Suleiman bin Dscheza (auf Deutsch vorhanden).
Unter den Ilmihals kann man grob zwei Arten trennen. Die einen sind in sehr einfacher Sprache geschrieben und umfassenden das Allernotwendigste. Sie sind für jedermann geeignet – besonders für Jugendliche. Ferner gibt es Ilmihals, die viel umfassender sind und sowohl für Jugendliche als auch für Gebildete geeignet sind. Des Weiteren gibt es jene Ilmihals, die eher als Nachschlagwerke zu benutzen sind, da auf Erläuterungen und Geschichten zum Thema verzichtet wird. Imam Al-Ghazali pflegte, nachdem ein Thema behandelt wurde, mit Geschichten und Zitaten didaktisch Hilfestellungen zu geben, um besser den Inhalt einzuprägen. (auf der Webseite www.ghazali.org sind einige Werke des Imams abrufbar)
Umfassende Ilmihals sind auch das „Nimet-i Islam“ von Muhammad Zihni Efendi. Die Hanafiten auf dem indischen Subkontinent studierten oft das „Rijad An-Nasihin“ von Muhammad Rebhami. Es gibt sicherlich noch weitere Ilmihals, die hier nicht genannt sind. Alle kann man nicht anführen.
Es ist notwendig, in solchen Werken täglich studierend, Stück für Stück lernend und praktizierend, die Grundlagen des islamischen Lebens aufzubauen. Das ist einer der sichersten und stabilsten Wege, den Islam authentisch zu lernen. Der Grund liegt in Folgendem: Es ist meist fatal, wenn nicht von den Gelehrten gelernt wird beziehungsweise aus deren Werken, sondern anderswo. Nicht umsonst gehen so viele Jugendliche Muslime in die Irre, indem sie Sekten verfallen. Es gibt auch viele, die den Islam falsch kennenlernen und sogar ihre Religion verlieren.
Der Konsens hunderter Millionen und Abermillionen Muslime und hunderttausender Gelehrter all die Jahrhunderte hindurch, dass diese oben genannten und ähnliche Werke Grundwerke sind, woraus die Muslime ihre Grundlagen lernten, ist unumstößlich. Ein edler Hadith besagt, dass die Umma, die muslimische Gemeinschaft, sich nicht im Irrweg einigen wird. Wenn die Muslime heute die allgemein anerkannten Werke der muslimischen Gelehrten studieren, werden sie ein Maß bekommen, womit sie die heutigen „messen“ können. Sonst sind sie „blind“. Heutzutage kann und darf ein jeder irgendetwas als „Islam“ darstellen und publizieren. Früher waren die Muslime sehr bedacht. So durften bis 1908 im Osmanischen Reich Bücher über den Islam nicht blindlings publiziert werden, sondern mussten zuvor von einem Gelehrtenteam begutachtet werden.
Fundiertes umfassendes Grundwissen im Islam kann man gewöhnlich nicht in befriedigender Art punktuell und unsystematisch lernen. Ein Gebäude wird auf solidem Fundament errichtet. Hat das Fundament Lücken, Löcher und Risse, so hält es weder Wände noch Decke. Daher ist es nicht nur wichtig, woher man sein Wissen nimmt, sondern auch die Art und Weise des Lernens. Diese Ilmihals sind systematisch aufeinander aufbauend zu lesen und zu studieren. In kleinen Gruppen regelmäßig gemeinsam aus Ilmihal Stück für Stück lesen, lernen und umsetzen hat viele Vorteile. Sich gegenseitig unterstützen und motivieren bringt Erleichterungen.
Innere Dimensionen Das Thema hat auch eine innere Dimension. Das Lehren religiöser Inhalte, als auch das Erlernen, sind Teil der Religion selbst. Und damit das Erfolg (Taufiq) hat, muss das Lehren sowie das Lernen mit reiner Absicht und Aufrichtigkeit (Ikhlas) stattfinden. Scheich Sadi erzählt in seinem Buch „Gulistan“, dass ein Imam Predigten hielt, aber keine oder kaum Zuhörer fand. Ein anderer Imam erzählte inhaltlich dieselben Themen, aber die Menschen, die ihm zuhörten, bereuten ihre Fehltaten und wurden fromme Menschen. Die Lösung des Rätsels ist, dass Allah ta’alas Zufriedenheit maßgeblich ist. Das Schreiben, Übersetzen, Veröffentlichen und das Lehren müssen für Allah sein. Schleichen sich weltliche Interessen ein, wird die Wirkung teilweise oder ganz verhindert.
Von daher gibt es Werke, die keine oder kaum Wirkungen haben, weil weltliche Interessen sich eingeschlichen haben. Der bedeutende Gelehrte Sajjid Abdulhakim Arwasi sagte über das Buch „Miftah un-Dschannah“: „Der Autor war ein Muslim, der salih (rechtschaffen) war. Man kann von seinem Werk Nutzen ziehen.“
Wie wichtig innere Dimensionen sind, sei mit einer Geschichte erläutert: Molla Dschami hatte sich nach seinem Studium islamischer Wissenschaften auf die Berge zurückgezogen und viele Jahre alleine gelebt. Er wollte, dass keines seiner Glieder sich in irgendwelche Sünden einmischt. Er vertiefte sich ins Studium islamischer Werke und Gebete. Und weil er sich innerlich reinigte und wieder ins Volk mischte und predigte, passierte etwas, was zuvor nicht geschah. Seine Worte hatten derart Wirkungen, dass Hunderttausende Menschen zum Islam kamen oder Tauba (Reue) beziehungsweise Umkehr übten. Dem Prophet Isa, Friede sei mit ihm, sagten einige Menschen: „Die Gebete, die Du vorträgst, haben wir auch vorgetragen, aber kein Toter ist auferstanden. Kein Blinder ist sehend geworden. Was ist der Grund?“ Er antwortete: „Die Gebete waren die selben aber nicht der Mund.“ Es ist vergleichbar mit Rohren, aus denen Wasser strömt. Sauberes Wasser kommt aus sauberen Leitungen. Es ist nicht unbedeutend, welche Motive und welche Zustände jemand hat, wenn er oder sie etwas über den Islam sagt, schreibt oder veröffentlicht. Nicht nur der Inhalt muss richtig sein, sondern auch die Art und Weise, wie das Wissen zum Menschen kommt.
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