Unter dem Schlagwort „Remigration“ entwirft Europas extreme Rechte langfristige Pläne zur ethnischen Neuordnung. Im Fokus stehen u.a. Muslime – selbst mit hiesigem Pass. (iz). Aus Sicht muslimischer Communities in Europa […]
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Unter dem Schlagwort „Remigration“ entwirft Europas extreme Rechte langfristige Pläne zur ethnischen Neuordnung. Im Fokus stehen u.a. Muslime – selbst mit hiesigem Pass. (iz). Aus Sicht muslimischer Communities in Europa […]
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Berlin (dpa, iz). Das Treffen radikal rechter Kreise mit Extremisten und AfD-Funktionären in Potsdam hat unter den anderen Parteien die Besorgnis wegen des wachsenden Einflusses der AfD verstärkt. Führende Politiker sehen ein Alarmsignal und fordern mehr Engagement der Bürger.
Bei dem Treffen in einer Villa stellte der Vordenker der rechtsextremen Identitären Bewegung, der Österreicher Martin Sellner, Konzeptideen zur „Remigration“ vor, wie er der Deutschen Presse-Agentur bestätigte.
Der AfD-Berater von Partei- und Fraktionschefin Alice Weidel, Roland Hartwig, hatte nach Angaben eines Weidel-Sprechers vorab keine Kenntnis von Sellners Auftritt, obwohl dieser in der Einladung angekündigt war. Sachsen-Anhalts AfD-Fraktionschef Ulrich Siegmund war anwesend, wie er Correctiv bestätigte, ebenso – nach eigenen Angaben erst später – der Potsdamer AfD-Kreisvorsitzende Tim Krause.
Foto: photocosmos1, Shutterstock
Der FDP-Fraktionsvorsitzende Christian Dürr sieht Parallelen zum Nationalsozialismus. „Die Pläne zur Vertreibung von Millionen Menschen erinnern an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte“, schrieb er auf der Internet-Plattform X. Die vom Medienhaus Correctiv angeführte Recherche „zeigt, dass die AfD die Demokratie und unsere freiheitliche Grundordnung zutiefst ablehnt“.
SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert und Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann riefen Bürgerinnen und Bürger zum Engagement gegen die AfD auf. „An alle gerichtet, die nicht wollen, dass sich Geschichte wiederholt, appelliere ich: Bekennen Sie Farbe, und überlassen Sie das Feld nicht den Menschenfeinden“, sagte er der Funke-Mediengruppe.
Haßelmann mahnte auf X: „Unsere Demokratie, unsere Freiheit, unser Grundgesetz und die Errungenschaften unserer vielfältigen Gesellschaft müssen wir verteidigen gegen die Feinde der Demokratie. Das ist hoffentlich spätestens jetzt vielen Menschen klar.“
Foto: Gints Ivuskans, Shutterstock
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat auf Berichte über ein Treffen rechter Politiker und Aktivisten in Potsdam mit einem eindringlichen Appell reagiert. „Dass wir aus der Geschichte lernen, das ist kein bloßes Lippenbekenntnis. Demokratinnen und Demokraten müssen zusammenstehen“, schrieb der Kanzler auf X. Wer sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richte, sei ein Fall für Verfassungsschutz und Justiz.
„Wir lassen nicht zu, dass jemand das ‘Wir’ in unserem Land danach unterscheidet, ob jemand eine Einwanderungsgeschichte hat oder nicht“, kommentierte Scholz. Er fügte hinzu: „Wir schützen alle – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder wie unbequem jemand für Fanatiker mit Assimilationsfantasien ist.“
Grafik, Monitor, X
Unter dem Begriff „Remigration“ verstehen Fachleute die Rückkehr von Menschen, die geflohen oder eingewandert sind, in ihre Herkunftsländer. Sellner schrieb der dpa in einer E-Mail, sein Vorschlag umfasse „nicht nur Abschiebungen, sondern auch Hilfe vor Ort, Leitkultur und Assimilationsdruck“. Er habe eine „Musterstadt“ vorgeschlagen, „die als Sonderwirtschaftszone in Nordafrika gepachtet und organisiert werden könnte“.
Die rechtsextreme Identitäre Bewegung ist aus Sicht des Potsdamer Politikwissenschaftlers Gideon Botsch weitgehend in der AfD aufgegangen. Seit dem Einzug der AfD in die Parlamente 2018/19 spiele die Identitäre Bewegung in Deutschland keine Rolle mehr, sagte Botsch am Donnerstag im Inforadio des RBB.
Das Label sei vielmehr in das Umfeld der AfD gewandert. Der Politikwissenschaftler leitet das Zentrum für Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung am Moses Mendelssohn Zentrum der Universität Potsdam.
„Wenn wir gucken, was identitäre Aktivisten heute tun und wo das identitäre Gedankengut sich heute findet, dann müssen wir in die Flure der Parlamente gucken, in die Flure der AfD-Fraktion“, sagte Botsch. Dort säßen die Anhänger dieser Bewegung in den Mitarbeiterbüros der AfD-Abgeordneten. Auch bei der Parteijugend Junge Alternative seien Sprache und Aktionsformen der Identitären sehr präsent.
Berlin (iz, dpa). Seit Monaten radikalisiert sich der politische Mainstream beim Thema Zuwanderung. Nicht nur, dass selbst der Kanzler im Oktober Abschiebungen „in großem Stil“ forderte. Die Verschiebung des sogenannten Overton-Fensters im öffentlichen Diskurs hat die aufstrebende AfD nicht geschwächt, sondern weiter gestärkt.
Ein Beispiel dafür ist ein Treffen am 25. November vergangenen Jahres, das heute in einem Artikel des Recherchenetzwerks Correctiv (zu dem auch Greenpeace recherchierte) bekannt wurde. Demnach hätten sich Vertreter aus rechtsextremen und völkischen Zirkeln im Geheimen in einem Hotel nahe Potsdam getroffen, um einen „Masterplan“ zu massenhaften „Remigration“ unliebsamer Menschen aus Deutschland zu formulieren.
Von AfD-Seite sei unter anderen Roland Hartwig dabei gewesen, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und heute Berater von Partei- und Fraktionschefin Alice Weidel, meldete Correctiv am Mittwoch. Ein Sprecher Weidels bestätigte Hartwigs Teilnahme an dem Treffen, betonte jedoch gleichzeitig, von einem Auftritt Sellners dort überrascht worden zu sein. Er teilte auf Anfrage mit: Frau Weidel „hatte aber keinerlei Kenntnis von den Teilnehmern. Auch Hartwig wusste vorab nichts von Sellner“»”.
Foto: Ewa Studio, Shutterstock
Ein Sprecher der Partei teilte mit: „Die AfD wird ihre Haltung zur Einwanderungspolitik, die im Parteiprogramm nachzulesen ist, nicht wegen einer Einzelmeinung eines Vortragenden auf einem Treffen, das kein AfD-Termin war, abändern.“ Hartwig habe dort lediglich auf Einladung ein Social-Media-Projekt vorgestellt, welches er im Aufbau mitbegleite.
Nach Informationen von Correctiv sollen zwei Männer zu dem Treffen eingeladen haben: ein älterer Zahnarzt, der der rechten Szene angehören soll, und ein bekannter Gastronomie-Unternehmer. Eine Bedingung für die Teilnahme soll eine Spende von 5.000 Euro gewesen sein.
Unter den Teilnehmern sollen laut Recherchenetzwerk AfD-Mitglieder, ein führender österreichischer Identitärer (der auch in Deutschland populär ist) sowie zwei nordrhein-westfälische Mitglieder der Werteunion gewesen sein.
Über seine Quellen und sein Vorgehen schreibt das Netzwerk auf seiner Website: „Das Treffen soll geheim bleiben. Die Kommunikation zwischen Organisatoren und Gästen sollte nur über Briefe laufen. Kopien davon wurden aber CORRECTIV zugespielt. Und wir haben Bilder gemacht. Vor und hinter dem Haus. Auch im Haus konnten wir verdeckt filmen. Ein Reporter war mit einer Kamera undercover vor Ort und unter anderem Namen im Hotel eingecheckt. Er verfolgte das Treffen aus direkter Nähe und konnte beobachten, wer anreiste und an dem Treffen teilnahm.
Dazu kam, dass Greenpeace zu dem Treffen recherchierte und CORRECTIV Fotos und Kopien von Dokumenten überließ. Unsere Reporter redeten mit mehreren AfD-Mitgliedern; Quellen belegten gegenüber CORRECTIV die Aussagen der Teilnehmenden.“
„Im Grunde laufen die Gedankenspiele an diesem Tag alle auf eines hinaus: Menschen sollen aus Deutschland verdrängt werden können, wenn sie die vermeintlich falsche Hautfarbe oder Herkunft haben – Selbst dann, wenn sie deutsche Staatsbürger sind.“https://t.co/yZlhFQz6wp pic.twitter.com/51vzGXiTB7
— Ruprecht Polenz @polenz.bsky🇪🇺🇩🇪🇮🇱🇺🇦🪝📯😇 (@polenz_r) January 10, 2024
Wenn die Aussagen von Correctiv stimmen, ging es bei dem konspirativen Treffen um ein „Gesamtkonzept im Sinne eines Masterplans“ (Zitat aus dem Einladungsschreiben). Diesen soll der Österreicher Martin Sellner vorgestellt haben.
Unter dem Begriff verstehen Fachleute die Rückkehr von Menschen, die geflohen oder eingewandert sind, in ihre Herkunftsländer. AfD-Politiker vertreten diese Forderung auch öffentlich. So sagte etwa der AfD-Abgeordnete Gottfried Curio im November im Bundestag: „Was wir jetzt brauchen, ist nicht nur der sofortige Stopp der illegalen Migration. Wir brauchen die wirkliche, tatsächliche Rückführung, die komplette Abschiebung. Wir brauchen, meine Damen und Herren, endlich die wirkliche Remigration.“
Abzielen solle die gezielte „Remigration“ auf drei Bevölkerungsgruppen: „Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht – und ‘nicht assimilierte Staatsbürger’“. Letztere Gruppe sei das „größte Problem“. Damit griff Sellner einen Topos auf, der bis weit ins bürgerliche Lager hinein verbreitet ist: die Unterscheidung zwischen „Geltungsdeutschen“ und „Passdeutschen“.
Es erschreckt ja kaum noch, dass die AfD und einige Mitglieder der CDU Massendeportationen von Muslimen und politischen Gegnern vorbereiten.
— Erik Marquardt (@ErikMarquardt) January 10, 2024
Erschreckend ist vor allem, dass so ein faschistischer Plan inzwischen schon mehrheitlich schulterzuckend hingenommen wird. #correctiv
„Im Grunde laufen die Gedankenspiele an diesem Tag alle auf eines hinaus: Menschen sollen aus Deutschland verdrängt werden können, wenn sie die vermeintlich falsche Hautfarbe oder Herkunft haben – und aus Sicht von Menschen wie Sellner nicht ausreichend ‘assimiliert’ sind. Selbst dann, wenn sie deutsche Staatsbürger sind“, heißt es im Beitrag von Correctiv.
Demnach träumt der Identitäre Sellner von einem künftigen „Musterstaat“ in Nordafrika, in dem dann bis zu zwei Millionen Menschen leben könnten.
Kontakte von AfD-Politikern zu dem Österreicher Sellner sind nicht neu, auch wenn die AfD offiziell auf Distanz zur Identitären Bewegung geht, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch gewertet wird. Der Schweriner AfD-Fraktionsvorsitzende Nikolaus Kramer hatte sich Ende 2023 für seinen persönlichen Podcast mit Sellner unterhalten und dafür Kritik eingesteckt. (dpa. sw)
* Aktualisiert am 10.01.2024 um 13:22.
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