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Junge und Muslime: was heißt das nun für die Linke im Bundestag?

parteien linke

Die Linke feiert ein überraschendes Comeback. Besonders bei jungen und muslimischen Wählern konnte sie punkten. Doch was heißt das jetzt für die Arbeit im Bundestag? Und wie geht es mit der „Mission Silberlocke“ weiter?

Berlin (KNA). Die Linken waren mit 8,8 % der Überraschungssieger bei der Bundestagswahl. Die Partei punktete besonders bei jungen Menschen: Jeder vierte Wähler zwischen 18 und 24 Jahren gab den Linken seine Stimme, 27 % der Erstwähler.

Unter den muslimischen Wählerinnen und Wähler votierten mit 29 % die meisten für die Linken. Was bedeutet das für die Politik der Linken im Bundestag?

muslimischen partei

Foto: annastills, Freepik.com

Die Linke konnte bei Jugend und Muslimen punkten

Luke Hoß zieht für die Linken mit 23 Jahren als Jüngster unter den 630 Bundestagsabgeordneten ins neue Parlament ein, parallel studiert er Jura in Passau. Als Vorbild versteht er sich weniger: „Ich glaube, es braucht nicht unbedingt Vorbilder, sondern eine Politik, die junge Menschen ernst nimmt“, sagt er auf Anfrage.

Beim Sondierungspapier von Union und SPD könne er das nicht erkennen. Seine Social-Media-Kanäle will er auch dafür nutzen, politische Entscheidungen und Abläufe transparenter zu machen. Dazu gehöre auch, den Einfluss von Reichen und Konzernen zu begrenzen: Der Mann mit dem für seine Generation typischen Oberlippenbart gibt sich kämpferisch.

Ähnlich wie andere Parteikollegen kündigte er an, seine Abgeordneten-Diät auf 2.500 Euro im Monat zu begrenzen: „Weil ich finde, dass auch oder vielleicht sogar vor allem Politiker und Politikerinnen spüren sollten, ob die Preise für Butter oder die Miete schon wieder erhöht wurden.“

Der Rest soll an soziale Initiativen, seine Partei oder an Menschen in Not gehen, die in der Hilfesprechstunde der Linken in seinem Wahlkreis um einen Zuschuss bitten – beispielsweise für die Reparatur der Waschmaschine.

Pinkel: witzige Kampagne und Kante gegen AfD

Für den Leipziger Demokratieforscher Gert Pickel haben verschiedene Faktoren zum überraschend hohen Wahlergebnis der Linken geführt. Einerseits die mit Witz und Selbstironie geführte Kampagne in den Sozialen Medien, vor allem auf Tiktok, wo bislang nur die AfD dominant gewesen sei.

Außerdem habe die Linke mit ihren migrationsoffenen Positionen in klarem Kontrast zu den anderen Parteien gestanden, erläutert der Soziologe.

„Dadurch konnte man tatsächlich gerade unter jüngeren Leuten durchaus punkten.“ Die Linke habe zudem als einzige Partei im Wahlkampf Themen statt Köpfe plakatiert: hohe Mieten und Lebenshaltungskosten, niedrige Renten. „Es sind die Themen, die uns an den Haustüren der Menschen genannt wurden“, erklärt Hoß. Sie beträfen Junge wie Alte.

„Das ist eine wichtige linke Politik, die man tatsächlich bei der SPD nur mit Mühe finden konnte und die auch bei den Grünen ein wenig untergegangen ist“, sagt Pickel.

Das deckt sich mit einer Umfrage von Infratest dimap, wonach 95 % der Linke-Wählenden angaben, dass die Partei eine gute Alternative für alle ist, die sich bei SPD und Grünen nicht mehr aufgehoben fühlen. Etwa genauso viele stimmten der Aussage zu: „Bemüht sich am stärksten um sozialen Ausgleich.“

politik muslime entfremdet

Grafik: IZ (Foto: Adobe Stock)

Ramelow: Linke hat Repräsentationslücke unter Muslimen erkannt

Und wie erklärt sich der Zuspruch von den Muslimen? Bodo Ramelow, der voraussichtlich künftige religionspolitische Sprecher der Linken-Bundestagsfraktion, sagt auf Anfrage: „Muslime wie auch Migranten fühlen sie sich in der Gesellschaft und Politik häufig nicht vertreten. Ich sehe uns da in der Pflicht, aus deren Brille auf unser Land zu gucken.“ Es gehe um Förderung von Toleranz.

Im Wahlprogramm sprach sich die Partei gegen ein Verbot religiös motivierter Bekleidung aus, Stichwort Kopftuchverbot. Ramelow betont, Frauen sollten selbst darüber entscheiden – und nicht der Ehemann. „Wir haben sehr unterschiedliche Ausprägungen in den muslimischen Communities und wenn da die Frage der Gleichberechtigung von Frauen unter die Räder kommt – dann muss man darüber reden.“

Außerdem fordern die Linken einen Beauftragten für muslimisches Leben und gegen antimuslimischen Rassismus; das muslimische Zuckerfest soll gesetzlicher Feiertag in Deutschland werden.

„Ich bin sicher, dass wir da auch mit den religionspolitischen Sprechern der anderen Parteien ins Gespräch kommen – es geht schließlich um Respekt und Toleranz gegenüber anderen Religionen.“

Zusammen mit Gregor Gysi und Dietmar Bartsch hatte Ramelow im Wahlkampf die „Mission Silberlocke“ ins Leben gerufen. „Wir Silberlocken werden zusammen auch weiter digital aktiv sein“, kündigte Ramelow an. Daneben verstünden sich die drei als Brückenbauer zwischen den Generationen: „Wir müssen zwischen Alt und Jung auch einen Lernprozess organisieren. Wir müssen voneinander lernen und einander zuhören.“

Junge Linke, die etwa aus der Gewerkschafts- oder Streikbewegung kämen, hätten mitunter eine Erwartungshaltung, dass bestimmte Sachen sehr schnell eigentlich umgesetzt werden müssten. „Aber im Politikbetrieb braucht es auch Geduld und manchmal einen zweiten oder dritten Anlauf – das wollen wir vermitteln und miteinander lernen.“a

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Nur 4 Vertreter: Forderung nach besserer Repräsentation in den Rundfunkräten

Rundfunkräte

Die Rundfunkräte haben eine wichtige Kontrollfunktion für die öffentlichen Sender. Bisher sind Muslime dort unterrepräsentiert.

(iz). Die öffentlich-rechtlichen Sender wecken seit Jahren Begehrlichkeiten bei der Politik und Ablehnung bis hin zu offenem Hass bei populistischen und rechten Bevölkerungsschichten. Wie sinnvoll dieses Modell ist, zeigen Gesellschaften, in denen sie auf politischen Druck hin abgeschafft und durch regelrechte Staatsmedien ersetzt wurden.

Rundfunkräte sind die obersten Aufsichtsgremien

Im deutschen Rundfunk sind die Rundfunkräte die obersten Aufsichtsgremien. Sie haben verschiedene Hauptaufgaben und Eigenschaften: Vertretung der Interessen der Allgemeinheit bei der Programmgestaltung, Überwachung der Einhaltung des gesetzlichen Rundfunkauftrags, Wahl und Beratung des Intendanten und der Mitglieder des Verwaltungsrats, Genehmigung des Haushaltsplans und des Jahresberichts sowie Sicherung der Vielfalt und des Zugangs verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zu den Programmen.

Foto: Ralf, Adobe Stock

Die Mitglieder dieser Gremien sollen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Organisationen kommen. Mit ihnen soll ein Querschnitt der Bundesbürger in dieser Kontrollfunktion an der Gestaltung unserer Medien beteiligt werden. Die Anzahl der Mitglieder variiert je nach Sender, Bundesland und Größe.

Die Rundfunkräte sollen die demokratische Kontrolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch die Gesellschaft sicherstellen und einen „Staatsrundfunk“ verhindern. Trotz ihrer wichtigen Funktion stehen sie gelegentlich in der Kritik, u.a. wegen mangelnder Repräsentativität und fehlender direkter Mitsprache der Beitragszahler.

Öffentlich-Rechtliche: Auch hier sind Muslime unterrepräsentiert

Obwohl in der Bundesrepublik ca. 5 bis 5,5 Millionen Muslime leben (ca. 6,5 % der Gesamtbevölkerung), sind sie in den Rundfunkräten bislang massiv unterrepräsentiert. Von den zwölf öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben nur vier muslimische Vertreter in ihren Aufsichtsgremien.

Der Südwestrundfunk (SWR) hat 2014 als erste Rundfunkanstalt einen Sitz für einen Vertreter der „muslimischen Verbände in Baden-Württemberg“ geschaffen. Beim Hessischen Rundfunk wurde 2017 ein muslimischer Vertreter in den Rundfunkrat gelost, was zu Kontroversen führte. Die mangelnde Repräsentanz von Muslimen in den Rundfunkräten ist Ausdruck einer allgemeineren Problematik der Unterrepräsentanz verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in diesen Gremien.

Pressebild: IGMG

Am 3. März forderte die IGMG in einer Pressemitteilung „faire Repräsentation in Rundfunkräten“. Nach Ansicht von Generalsekretär Ali Mete seien muslimische BürgerInnen, die Rundfunkbeiträge zahlen, in den meisten Räten nicht vertreten. „Ihre Perspektiven dürfen nicht weiter ignoriert werden.“

In Bezugnahme auf eine Studie der Otto Brenner Stiftung, laut der ca. 6,5 % der Bevölkerung Muslime seien, erklärte der Moscheeverband, sie seien mit 0,9 % deutlich unterrepräsentiert. „Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland tragen eine besondere Verantwortung: Sie sollen die gesellschaftliche Vielfalt repräsentieren und die Interessen aller Menschen in diesem Land ausgewogen berücksichtigen.“

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Muslime und Community: Wer spricht eigentlich für uns?

Muslime

Schwerpunkt Muslime und Gemeinschaft. Bisher kann niemand voll beanspruchen, für die deutschen Muslimen zu sprechen.

(iz). Am 20. März veröffentlicht die CLAIM Allianz eine gute Pressemitteilung zum Umgang mit „antimuslimischen Rassismus“. Darin formulierte das aus 50 muslimischen und nichtmuslimischen Mitgliedern bestehende Netzwerk einen klugen Maßnahmenkatalog. Dieser richtete sich an Politik und Exekutive, um dieses anhaltende Problem lösen zu können.

Dem Katalog wurde folgende Formulierung vorangestellt: „Im Namen von mehr als 5,6 Millionen Muslim*innen und als solche gelesenen Menschen fordert CLAIM (…).“ Das klingt erstmal gut, aktiv und energetisch an die Adressaten gerichtet. Beim erneuten Lesen setzte Kopfschütteln ein.

bischöfe krm

Foto: KRM | X

Keine Instanz – weder Über-Baskan, noch Schaikh Al-Islam

Es gibt derzeit in der Bundesrepublik nirgends eine Instanz – ob Über-Baskan oder Schaikh Al-Islam –, die für die deutschen Muslime sprechen könnte. Wäre es da ein Problem, wenn sich ein NGO das Recht nimmt, „in unserem Namen“ zu agieren? Es bleibt der simple Fakt: Nicht ein Muslim und keine Gemeinschaft haben sie dazu autorisiert. Sie hat schlicht bisher null Mandat, andere zu repräsentieren.

Das schmälert nichts an der jahrelangen, unermüdlichen Arbeit im Kampf gegen Muslimfeindlichkeit und Diskriminierung. Nur: Eine aktivistische verfasste Einrichtung hat keine repräsentativen Fähigkeiten. Das sind unterschiedliche Aufgaben. Damit würde sie ihren Zweck verfehlen.

Um Muslime – gerade die praktizierenden – vertreten zu können, müsste das Netzwerk selbst Religionsgemeinschaft werden. Denn die Verortung in Allahs Din und der religiöse Kernbestand sind – jenseits aller gesellschaftlich richtigen Vorstellungen – weiterhin das Kernelement islamischer Existenz.

Eine grundsätzliche Frage

Die Frage nach Vertretung und dem Recht, Muslime vertreten zu können, geht hingegen weit über die Begrenztheit dieser konkreten NGO hinaus. Es ist zwar kein originär islamischer Satz, aber „wer herrschen will, muss dienen können“ beschreibt eine Grundvoraussetzung für echte Repräsentanz.

Wer Muslime vertreten will, muss ihnen dienen, ihre Interessen wahrnehmen, und zugleich in der Lage sein, einen Mindestkonsens bei relevanten Fragen formulieren zu können.

Ich will niemandem auf die Füße treten, aber an dem Punkt sind wir in Deutschland noch nicht. Weder sind wir auf Bundesebene ein politisches Subjekt, noch haben wir eine Führung etabliert, die dieses Vorrecht für sich beanspruchen könnte. Ja, es gibt einen halbjährlich wechselnden Sprecher des KRM.

Foto: Drazen Zigic, Shutterstock

Dieses Gremium macht seine Arbeit im Rahmen der vorgegebenen Parameter. Einen Mindestaustausch größerer muslimischer Dachverbände zu koordinieren und nach Möglichkeit geschlossen gegenüber der Politik zu agieren. Das ist in diesen unruhigen Tagen schon Herausforderung genug. Das merkt man insbesondere, wenn man mit den Menschen spricht, die in seinem Rahmen ehrenamtlich aktiv sind.

Obwohl solche Gremien einen höheren Anspruch auf die Repräsentanz von Muslimen erheben können als gesellschaftlich aktive NGOs, sind sie derzeit ebenfalls nicht in der Position, uns im tatsächlichen Sinne vertreten zu können. Dafür fehlt es alleine schon an der Möglichkeit, unseren Vertretern ein Mandat erteilen und wieder entziehen zu können.

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Parlamente: Es gibt Lücken in der Repräsentation

Kurzmeldungen

In den Parlamenten von Bund und Ländern sind Abgeordnete mit Migrationshintergrund immer noch unterrepräsentiert. (MEDIENDIENST INTEGRATION). Es gibt immer mehr Abgeordnete mit Einwanderungsgeschichte. Doch gerade in einigen westdeutschen Bundesländern gibt […]

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Muslimische Frauen oder die trügerische Kunst der Darstellung

Frauen Darstellung

Darstellung: Muslimische Frauen werden weiterhin auf bildlich in stereotype Schablonen gepresst. (Amaliah.com). Vor allem Musliminnen haben von der trügerischen Kunst, in den Medien „dargestellt“ zu werden, nur wenig profitiert. In […]

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Brauchen wir mehr Quoten in der Politik?

Politik Muslime

(iz). Am 26. September haben die Wähler den neuen Bundestag bestimmt und bisherige Gewissheiten der Parteienlandschaft (beispielsweise „Volksparteien“) in Unordnung gebracht. Zwei weitere Entwicklungen waren bemerkenswert: Zum einen wich das […]

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Für Muslim:innen findet sich wenig in den Wahlprogrammen

Berlin (iz). Am 26. September sind die Wahlberechtigten in Deutschland zur Stimmabgabe bei den Wahlen zum neuen Bundestag aufgerufen. Mehr als die Hälfte der rund 4 bis 5,5 Millionen Muslim:innen im Lande sind stimmberechtigt (bei den unter 25-Jährigen sind es mehr).

Mangelnde Repräsentation

Allerdings sind sie in der Parteienlandschaft nicht zahlenmäßig repräsentiert. Das spiegelt sich in der minimalen Zahl muslimischer Mandatsträger auf Landes- und Bundesebene wider. Nach Angaben von Fabian Goldmann in einem aktuellen Beitrag für das Online-Medium „Eule“ (in unserer neuen Printausgabe erschienen) machen sie selbst unter Einbeziehung alevitischer Hintergründe nicht einmal ein Prozent der Abgeordneten im letzten Bundestag aus. Der muslimische Bevölkerungsanteil in Deutschland liegt derzeit bei rund 6,5 Prozent.

Diese vergleichsweise geringere Repräsentation korreliert mit einer ebenso niedrigeren Teilnahme bei Wahlen. Nach Angaben des Sachverständigenrates Integration und Migration war ihre Beteiligung um 21 Prozent geringer. Am niedrigsten ist sie mit 56 Prozent bei türkischstämmigen Wähler:innen.

Auf ein Problem im gegenwärtigen Verhältnis zwischen Muslim:innen – insbesondere praktizierenden – zu den Bundestagsparteien weist Goldmann ebenfalls hin. Der Journalist bezieht sich dabei auf eine Beobachtung des Hamburger Politikberaters Bülent Güven, wonach Muslim:innen „bestenfalls“ nur dann politisch Karriere machen könnten, wenn sie sich von ihrer Religion distanzierten. Dieser Haltung gegenüber erkennbar religiösen Menschen entsprechen verschiedene Vorgänge, bei denen solche Kandidat:innen auf lokaler und landespolitischer Ebene in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen durch öffentliche Anfeindungen machen mussten. Darüber hinaus berichteten parteipolitisch aktive Muslim:innen häufiger von internen Streitigkeiten.

Dabei sind die Voraussetzungen in Sachen Einstellung zur Demokratie so gut wie nie: 81 Prozent der muslimischen Bürger halten die Demokratie für die beste Staatsform, die Gesamtbevölkerung für nur 70 Prozent. Sie bewerten die Demokratie und das Funktionieren des politischen Systems in Deutschland positiver als der Durchschnitt des Landes. Das ging aus einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hervor.

Vor allem ein Objekt

Angesichts der mangelnden muslimischen Repräsentation in der politischen Landschaft des Landes sowie relevanter Aspekte der Wahlprogramme (siehe unten) fällt auf, dass Muslim:innen in diesem Land und ihre Religion für einen Großteil der Parteien hauptsächlich einen Objektcharakter hat. Sehr häufig wird über sie gesprochen, und nicht mit ihnen.

Beide Themen zählen für Fabian Goldmann „zu den Dauerbrennern deutscher Parteipolitik“. Allerdings nicht aus Interesse an ihnen als potenzielle Wähler- oder Mitglieder:innen. Vielmehr dienen sie den meisten Parteien im Bundestag als Projektionsfläche. Entweder, weil sie nach Goldmann „in den Programmen von CDU/CSU, FDP und AfD vor allem als Bedrohung“ fungieren, oder (zumindest meine Deutung), weil Muslim:innen als Objekt gesellschaftspolitischer Ansichten wie „Vielfalt“ oder „Integration“ gelten.

Trotz diverser Bekundungen zu „unseren Werten“ dürfte das auch demografische Gründe haben: Derzeit ist die Zahl der Muslim:innen mit deutscher Staatsbürgerschaft zu klein, um Wahlen auf Bundesebene relevant zu beeinflussen. Laut der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland 2020“, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz herausgegeben hat, leben derzeit etwa 5,5 Millionen Muslim:innen in Deutschland. Das entspricht 6,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. 47 Prozent besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft und machen damit 3,5 Prozent der 72 Millionen Staatsbürger aus.

Allgemeines zur Religionspolitik der Parteien

Im Juli 2018 veröffentlichte die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) einen langen Grundsatzartikel des Münsteraner Politikwissenschaftlers Ulrich Willems über die bundesdeutsche Religionspolitik. Er trägt den berechtigten Titel „Stiefkind Religionspolitik“. Spätestens seit der Wiedervereinigung sei Religionspolitik in der Bundesrepublik infolge der Pluralisierung der religiösen Landschaft mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. „Denn die Pluralisierung hat zu Forderungen nach gleichberechtigter Integration von religiösen Minderheiten in die religionspolitische Ordnung, vor allem von Muslimen, sowie nach stärkerer Berücksichtigung der Belange von Konfessionslosen geführt“, so Willems.

Dabei komme es zu „erheblichen Herausforderungen“, weil die Realisierung der Ansprüche neuer Minderheiten „und Konfessiosloser“ Änderungen von Vorschriften und Verwaltungspraktiken nötig mache. „So erfordern religiöse Bestattungsrituale wie etwa die im Islam übliche sarglose Bestattung Änderungen der Bestattungsgesetze der Bundesländer beziehungsweise von kommunalen Friedhofssatzungen.“

Grundsätzlich bekennen sich alle Parteien im Bundestag auf die eine oder andere Weise zur Religionsfreiheit. Große Unterschiede bestehen wenn es um Ausgestaltung und Verteidigung geht. Allerdings muss konstatiert werden, dass sie in Anbetracht der Länge der Programme kaum eine Rolle spielen. Von Unterschieden abgesehen gibt es wenige Visionen oder konkrete Vorschläge. Die einzige Ausnahme stellt die AfD (die hier ausgespart bleibt) dar. Bei ihr gibt es eine Reihe an Punkten; allerdings sind diese alle in Form von Dingen und Praktiken gehalten, welche die Blaubraunen Muslim:innen verbieten wollen. Positive Angebote kann sie nicht formulieren.

Um auf Willems zurückzukommen: Er bestätigt das Desinteresse der Parteien an Religionspolitik. „Es wird deutlich, dass die beiden großen Parteien, die die Regierungen sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene dominieren, keine grundlegenden religionspolitischen Herausforderungen sehen. Die SPD zeigt freundliches Desinteresse an diesem Politikfeld, die Union plädiert für ein beherztes ‘Weiter so’.“

[Hinweis: In der vorliegenden Darstellung haben wir uns auf die Schlagworte Religion, Islam und Muslime beschränkt. Weitergehende integrations- und sozialpolitische Aspekte, die eine Reihe muslimischer Wähler:innen betreffen, haben wir aus Gründen von Klarheit und Platz weggelassen.]

SPD

Wie oben angedeutet fällt gerade bei den Sozialdemokraten auf, dass religionspolitische Aspekte in ihrem Wahlprogramm eigentlich nur auf der Ebene von Floskeln bleiben. Das verwundert in Hinblick auf Deutschlands Muslim:innen und ihre Religion insofern, als dass sich türkischstämmige Wähler:innen aus Gründen vergangener Loyalitäten überproportional häufig der SPD verbunden fühlten.

Auch im aktuellen Programm „Aus Respekt vor Deiner Zukunft“ sind Bezüge auf Religion und religiöse Wähler:innen echte Mangelware. Die Partei betont in ihrem „Zukunftspapier“ vor allem – und beinahe ausschließlich – Freiheit von Diskriminierung. So möchte man „nachdrücklich“ gegen jede Form von Hass vorgehen, worunter dann eben auch „Islamfeindlichkeit“ fällt. Darüber hinaus begrüßt die SPD „das Engagement von Religionsgemeinschaften und Kirchen“. Sie möchte weiterhin den interreligiösen Dialog fördern. Das einzige Mal, dass Muslim:innen namentlich erwähnt werden, sind gravierende Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Uiguren.

CDU/CSU

Als nominell christliches Parteienbündnis kann sich die Union ein Desinteresse an Religionspolitik wie das der SPD noch nicht leisten. Allerdings müssen interessierte Muslim:innen relevante Bezüge hier mit der Lupe suchen. Entsprechende Aspekte lassen sich in dem Unionspapier in drei Kategorien unterteilen: Sicherheitspolitik, grundsätzliche Bejahung von Religion als gesellschaftlichem Bestandteil sowie Ablehnung von Muslimfeindlichkeit. Man werde „Islamfeindlichkeit“ nicht in diesem Lande dulden, heißt es.

Ganz allgemein formuliert begrüßt das Unionspapier die Trennung von Staat und Religion bei gleichzeitiger Möglichkeit, dass Letztere „unsere Gesellschaft bereichert“. Konkret nennt es den Beitrag von Religionsgemeinschaften in der Corona-Pandemie. Die Union bestätigt das „bewährte Konzept des Religionsverfassungsrecht“. Nur auf dem Boden des Grundgesetzes könne es Religionsfreiheit geben.

Positiv bekennt sich das CDU/CSU-Wahlprogramm zum „essenziellen“ Religionsunterricht an Schulen. Und ebenso verstehe sie Religionsfreiheit „in einem positiven Sinne“. Als einzig wirklich handfesten Punkten will die Union, dass Imame in Deutschland auf Deutsch ausgebildet würden. „Das erleichtert die Integration.“

Soweit Muslim:innen und ihre Religion betroffen sind, spricht die Union viel konkreter, wenn es um das Thema „Islamismus“ geht. Dieser werde „mit der ganzen Härte des Rechtsstaates“ bekämpft. Hierzu heißt es: „Dieser Kampf gilt denen, die Hass und Gewalt schü- ren und eine islamistische Ordnung anstreben, in der es keine Gleichberechtigung von Mann und Frau, keine Meinungs- und Religionsfreiheit und auch keine Trennung von Re- ligion und Staat gibt. Er gilt denen, die unsere demokratische Grundordnung bekämpfen, das Existenzrecht Israels ablehnen, den inneren Frieden gefährden oder gegen Recht und Gesetz verstoßen.“

Man werde „dafür sorgen“, dass die ideologischen Grundlagen dieser Strömung detaillierter betrachtet würden. Hier wird die Union konkret: Sie will weder „Rückzugsräume“, noch Undurchsichtigkeit gegenüber ausländischen Spendern für einen Moscheebau in Deutschland. Ungeachtet der vergangenen Leistungen des Unionskandidaten Laschet setzt das Wahlprogramm der Christdemokraten ein bestehendes Positionspapier der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. In seiner ersten Version wurde die Einführung eines „Moschee-Registers“ gefordert, die nach verfassungsrechtlichen Bedenken wieder fallengelassen wurden.

Die CDU/CSU-Innenpolitiker beriefen sich in ihrem Vorstoß auf die umstrittene These, wonach mutmaßliche Anhänger:innen eines „legalistischen Islamismus“ versuchen würden, „eine islamische Ordnung“ (dpa) anzustreben. Dafür wolle der Arbeitskreis „mehr Grundlagenforschung“ sowie einen „Expertenkreis ‘Politischer Islamismus’“ im Bundesinnenministerium (BMI).

Die Grünen

Anders als bei den Noch-Volksparteien findet sich im grünen Bundestagswahlprogramm 2021 ein positives Bekenntnis zur muslimischen Existenz in Deutschland. „Muslimisches Leben in seiner ganzen Vielfalt gehört in Deutschland zu unserer gesellschaftlichen Realität.“ Gleichzeitig seien Muslim:innen besonders von struktureller Diskriminierung sowie von gewalttätigenden Übergriffen betroffen.

Daher fordern die Bündnisgrünen angesichts „fortdauernder Bedrohungen muslimischer Einrichtungen“ Präventionsprogramme sowie umfassende Schutzkonzepte. „Opfer müssen geschützt, beraten und gestärkt, die Ursachen verstärkt in den Blick genommen werden“. Der Staat dürfe keine Religion diskriminieren oder ungerechtfertigt bevorzugen.

Aus diesem Punkt formuliert die Partei eine aktive Forderung: Tatsächliche Gleichstellung setze eine rechtliche voraus. Daher unterstützen die Grünen Staatsverträge mit Religionsgemeinschaften. Allerdings unter bestimmten Bedingungen: Diese muslimischen Strukturen dürften „in keinerlei struktureller Abhängigkeit“ zu einem Staat, einer Partei oder politischen Bewegung stehen. Diese Einschränkung ist relevant, korreliert sie doch mit einer gewandelten grünen Haltung gegenüber bestehenden Strukturen der muslimischen Selbstorganisation wie den größten Moscheverband DITIB.

Wie die SPD halten die Grünen eine innerdeutsche Imamausbildung für „dringend notwendig“. Diese sei wichtig für „die eigenständige und selbstbewusste Religionsausübung von Muslim*innen“. Konkret fordern sie „islamisch-theologisch“ und „praxisorientierte Aus- und Weiterbildungsprogramme für Imam*innen und islamische Religionsbedienstete“. Bewerkstelligt werden soll das durch eine Zusammenarbeit mit bestehenden Einrichtungen für islamische Theologie.

Anzumerken am grünen Wahlprogramm ist, dass eine Erwähnung von Muslim:innen und ihrer Religion nicht unter einem Stichwort wie „Religionspolitk“ zu finden wäre, sondern in Hinblick auf Diskriminierung.

Die Linke

Im linken Wahlprogramm wird noch stärker als bei den Grünen auf Diskriminierung und Ausgrenzung unter anderem von Muslim:innen in Deutschland verwiesen. Als einzige der großen Parteien spricht das linke Bündnis von einem rechten Terror gegen „Menschen muslimischen Glaubens“ in Deutschland. Namentlich erwähnen sie die Anschläge von Hanau oder des NSU zu Beginn der 2000er Jahre.

Ausdrücklich spricht es sich für „flächendeckende Antidiskriminierungsstrategien“ aus. Benachteiligungen unter anderem aufgrund von Religion müssten abgebaut werden.

Die Linke will das „Recht auf Religionsfreiheit“ verteidigen, tritt dabei „für die institutionelle Trennung von Staat und Religion“ ein. Dieses Recht sei insbesondere ein Schutz für Minderheiten. Deswegen werde die Linke auch Muslim:innen verteidigen, wenn sie „wegen ihrer Religion diskriminiert werden“. Wie jede andere Form von Rassismus dürfe auch der antimuslimische „keinen Platz in der Gesellschaft“ haben. „Wir treten für die Gleichbehandlung aller Religionen und Weltanschauungen mit den christlichen Kirchen ein.“

Insofern sich das linke Wahlprogramm mit Muslim:innen und ihrer Religion beschäftigt, tut es mehrheitlich in einem „negativen“ Sinne. Das heißt, die Linke spricht sich an vielen Aspekten gegen Diskriminierung und Ausgrenzung aus.

In Sachen positiver Aussagen hat die Linke etwas mehr als die Konkurrenz anzubieten. Sie spricht sich für eine Freiheit zu religiös motivierter Bekleidung und für entsprechende Rechte muslimischer Arbeitnehmerinnen aus. Darüber hinaus votiert sie für einen bekenntnisorientierten Unterricht, an dem sie sich „alle Religionsgemeinschaften“ beteiligen können. Die Partei ist gegen ein Verbot von Sakralbauten, fordert die „Einführung staatlich geschützter Feiertage für jüdische und muslimische Religionsgemeinschaften“ und tritt „für die rechtliche Gleichstellung“ aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ein.

FDP

„Nie gab es mehr zu tun.“ Damit werben die Freien Demokraten für sich. Allerdings dürfte sich mancher sich in diesem Wahlkampf die Frage stellen, was es neben den vielen Gesichtern des Christian Lindners weiterhin an Inhalten gibt.

So dünn wie die programmatische FDP-Plattform in ihrem Gesamtumfang ist, so dünn ist sie auch in der Religionspolitik. Sucht man in den insgesamt 68 Seiten nach den Stichworten „Religion“, „Muslime“ und „Islam“ findet sich nur auf zwei Seiten etwas.

Wie nicht anders zu erwarten strebt die FDP eine „tolerante und weltoffene Gesellschaft“ an. Jeder solle ungeachtet seiner Religion frei leben und sich äußern zu können. Ausdrücklich will sich die Partei gegen „Rassismus, Fremdenhass, Antisemitismus und Homophobie“ stark machen. Islam- oder Muslimfeindlichkeit sehen die Liberalen nicht als nennenswertes Problem.

Ansonsten deckt sich der Großteil des restlichen Contents mit dem der Union. Was auch sinnig erscheint, favorisiert die FDP eine Koalition mit der CDU/CSU. Gefordert wird eine „gemeinsame Präventionsstrategie von Bund und Ländern gegen islamistische Radikalisierung“. So ließe sich „islamistische Radikalisierung verhindern und nachhaltig“ bekämpfen.

Immerhin: Die FDP will das Staatskirchenrecht hin zu einem „Religionsverfassungsrecht“ erweitern. Das solle allen Glaubensrichtungen „einen passenden rechtlichen Status“ bieten, sofern diese „das Gleichheitsgebot und die Glaubensvielfalt, die Grundrechte sowie die Selbstbestimmung ihrer Mitglieder anerkennen“. Namentlich wollen die Freien Demokraten das Gewicht „liberaler und progressiver Muslime“ erhöhen.

Abschließendes zum muslimischen Wähler

So wie es für die meisten anderen Stimmberechtigten gelten mag, so gibt es unter Muslim:innen kaum jemanden, auf den die Programme der im Bundestag vertretenen Parteien zugeschnitten sind. Die Qual der Wahl und die Abwägung aller Aspekte ihnen niemand abnehmen.

In den letzten Jahren gab es in der muslimischen Community zwei vorgetragene Argumente, warum eine Wahlbeteiligung abgelehnt wird. Zum einen sind da extreme Positionen wie die aus salafistischen Kreisen, wonach es Muslim:innen verboten sei, das aktive oder passive Wahlrecht in Deutschland wahrzunehmen. Begründet wurde das mit einem festen System, das sich aus den islamischen Quellen erschließen würde, und dass jede andere Ordnung des Teufels sei. Wie sie dann in einem ebensolchen Gemeinwesen leben können, lassen solche Stimmen unbeantwortet. Gelehrte und relevante Strukturen der muslimischen Selbstorganisation haben solche Meinungen in der Vergangenheit zurückgewiesen bzw. aktiv zur Teilnahme an den Wahlen aufgerufen.

Das zweite Argument ist wesentlich ernsthafter und bezieht sich auf das eingangs beschriebene Verhältnis von Parteien zu muslimischen Wähler:innen. Viele sind von der Politik und den Positionen der großen Parteien in der Bundesrepublik enttäuscht. Sie fühlen sich nicht wahr- und ernstgenommen, sehen viele ihrer Interessen nicht repräsentiert und monieren insbesondere bei der Union und FDP anti-muslimische Diskurse. Hinzukommt, dass speziell für viele türkischstämmige Wähler:innen die Grünen und die Linke wegen deren Haltung zur jetzigen türkischen Regierung und den Aussagen von Parteivertretern in der „Kurdenfrage“ unwählbar sind.

Mit einer Distanz gegenüber den sechs etablierten Parteien in der Republik sind sie nicht allein. Unter Nichtwählern finden sich viele ökonomisch abgehängte Menschen, welche die Hoffnung auf die Abbildung in der Parteienpolitik längst aufgegeben haben. Insofern kann man solch eine Haltung der Nichtteilnahme als politische Meinung wahrnehmen und als Votum für eine andere Politik.

Andere muslimische Aktivist:Innen verweisen darauf, dass auch andere gesellschaftliche Minderheiten jahrzehntelang „dicke Bretter“ bohren mussten, bis ihre Anliegen von der politischen Landschaft wahr- und ernstgenommen wurden.

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Kommentar zu den Chancen, die muslimische Selbstorganisation der politischen Bevormundung zu entziehen

(iz). Die Präsenz des Islam in Deutschland hat in den letzten Jahren auch zu neuen Organisationsformen geführt. Aus dem politischen Islam sind die Verbände hervorgegangen, die sich heute als Interessenvertretung […]

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Wohin entwickelt sich die Community? Überlegungen zu Erwartungen und Hoffnungen der neuen Generation

(iz). Deutsch und muslimisch zu sein, ist eine der großen Herausforderungen unserer Gesellschaft, zumal oft angenommen wird, dies schließe sich gegenseitig aus. Vor allem die Jugendlichen leiden unter einem Dilemma, […]

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