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„Die Erde wartet“

Die muslimische Gemeinde in New York trifft die COVID-19-Pandemie hart. Ein Beerdigungshaus auf Coney Island kommt kaum hinterher, die Toten zu bestatten. Von Thomas Spang

New York (KNA). Viele kamen allein aus Pakistan, Bangladesch oder Indien, um in der Metropole New York den amerikanischen Traum zu leben. Sie verdienten ihr Geld als Taxifahrer, Küchenhilfen oder auf dem Bau, allesamt Branchen, die besonders unter der Pandemie leiden. Einige infizierten sich mit dem tödlichen Virus und starben so allein, wie sie in New York lebten.

Ahmed, der zusammen mit seinem Schwager Zafar das muslimische „Al-Rayaan“-Trauerhaus an Coney Island Avenue gleich neben der Moschee betreibt, führt keine Statistik. Aber er weiß, dass viele Leichen von an COVID-19 verstorbenen Muslimen bei ihm landen, die keine Angehörigen in New York oder in den USA haben.

Einem Reporter der „New York Times“ erzählte der Bestatter, er habe an einem Tag sieben Körper nach Pakistan versandt. Das ist eine besondere Herausforderung, weil nach den muslimischen Traditionen im Umgang mit dem Tod alles sehr schnell gehen muss und eine Einäscherung nicht infrage kommt. „Das ist nicht einfach“, meint Ahmed, der zurzeit am Tag im Schnitt 15 Bestattungen abwickeln muss – die Hälfte von dem, was sonst in einem ganzen Monat ansteht.

Wenn die Angehörigen nicht gefunden werden oder die Überführung nicht bezahlt werden kann, sprechen Mitarbeiter und Mitglieder der Gemeinde das traditionelle Totengebet Janazah. „Im Islam wird das als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden“, sagt Khalid Latif vom „Islamic Center“ an der New York University.

Obwohl sie in einzelnen Berufsgruppen stärker vertreten sind, machen Muslime mit rund drei Prozent nur einen kleinen Teil der Bevölkerung von New York aus. Latif hört aus der versprengten Gemeinde, wie schwer es schon unter normalen Umständen ist, eine Beerdigung nach dem vorgeschriebenen Ritus zu organisieren. Jetzt sei dies noch schwieriger.

Bei ihm hätten sich Betroffene gemeldet, sagt Latif, die von Preiswucher bei den Bestattern berichten. Während eine muslimische Beerdigung gewöhnlich etwa 2.000 Dollar koste, verlangten einzelne Unternehmen in der Pandemie bis zu 10.000 Dollar. Ein Teil der Mehrkosten sei gerechtfertigt, weil COVID-19 den gesamten Prozess erschwert und verlangsamt habe.

Das „Islamic Center“ startete deshalb das „Janazah Project“, das fast 200.000 Dollar an Spenden sammelte, die muslimischen Trauerhäusern helfen sollen, die Kosten für die Angehörigen niedrig zu halten. Mit den Mitteln können unter anderem Kühlwagen angeschafft werden, in denen beispielsweise auch das „Al-Rayaan“-Trauerhaus in Brooklyn die Leichen aufbewahrt.

Und dann gibt es die Gerüchte, die oft schlimmer sind als die finanziellen Sorgen: Raja Abdulhaq, der Direktor des „Majlis Ash-Shura Islamic Leadership Council“ von New York, in dem sich 90 Gemeinden zusammengeschlossen haben, erzählt von Berichten, Muslime ohne Familienangehörige landeten in Massengräbern oder würden verbrannt. Beides stimme nicht, so Abdulhaq, aber es trage zur Verunsicherung bei.

„New York kann in Zeiten wie diesen sehr einsam machen“, meint Latif, der um die Sorgen der Minderheit weiß. „Und wenn die Regierung nicht tut, was sie tun müsste, sind wir ganz besonders gefordert.“ Auch wegen der Beschränkungen, die alle Angehörigen treffen. Etwa, dass zu Beerdigungen nur die absolut erforderliche Zahl an Angehörigen kommen darf.

Die muslimischen Bestatter von „Al-Rayaan“ auf Coney Island versuchen ihr Bestes. Sie arbeiten oft ohne Pause, manchmal fast rund um die Uhr. An den Wänden lehnen die einfachen Holzsärge, die schon mit den Namen der Toten im Kühlwagen versehen sind. Da viele Mitarbeiter Angst vor dem Virus haben, springen nun Familienangehörige, Freunde und Bekannte ein.

„Die Erde wartet“, beschreibt Miteigentümer Zafar den religiösen Zeitdruck. Allah wolle, dass eine Person so schnell wie möglich beerdigt werde. „Du möchtest das Grab niemals auf Dich warten lassen.“

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Zwischen Bomben und Virus

(IKRK/IZ). Hunderttausende Libyer sind in einem eskalierenden Konflikt gefangen, während eine Ausbreitung des Coronavirus droht, der das wacklige Gesundheitssystem des Landes schlussendlich zum Einstürzen bringen könnt­e. Das Internationale Komitee des […]

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Warum lesen wir?

bibliothek

(iz). „Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich.“ Wir mögen diesen Satz Franz Kafkas gerade in Zeiten der Pandemie gut verstehen. Wir sind seit Wochen auf dem Rückzug und die Realität draußen ist seit Wochen nur von einem Thema bestimmt. Aber, ist die Literatur wirklich ein Eskapismus, gar eine Flucht aus der Langweile? Natürlich nicht, zumindest wenn wir hier von ernster, gar großer Literatur sprechen wollen. Fakt ist, ein gutes Buch hilft immer über geistige und sonstige Notlagen hinweg. So passt zu jeder Stimmung auch ein bestimmtes Buch. In diesen Tagen tröstet beispielsweise gute Reiseliteratur über das wachsende Fernweh hinweg. Ein Meister dieses Faches ist der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom.

Der 1933 in Den Haag geborene Nooteboom hat wunderbare Reisebücher verfasst. Eines seiner schönsten hat er unter dem Titel „Der Laut seines Namens“ veröffentlicht. Hier berichtet der Dichter einfühlsam und feinsinnig über seine ­Reisen durch die islamische Welt und unter Anderem über einen Besuch in Granada. Unter der Überschrift „der Blinde und die Schrift“ gelingt Nooteboom hier große Weltliteratur. Mit Hilfe der langen, verschachtelten Sätze taucht der Leser in die wunderbare Atmosphäre der Gärten der Alhambra ein und lernt mit den Augen des Autors das Geheimnis des Ortes zu verstehen. Nooteboom beschreibt dort „einen sich selbst nachlaufenden, in sich selbst zurückfließenden Arabeskenstrom“.

Nooteboom entdeckt in diesen Gärten nicht nur das Geheimnis der arabischen Sprache, er lässt die Dinge überhaupt zu uns sprechen. Ich war in meinem Leben einige Mal in Granada, aber doch hat dieser Text des Niederländers die Augen für diese faszinierende Stadt nochmals ganz anders geöffnet. „Ein anderes Leben als das Eigene zu leben, dies ist wohl unter allen Gedanken des Menschen der bezeichnendste“ beschrieb Paul Valery die Motivation des Lesers. Wir können den Satz des französischen Schriftstellers auch sinnvoll umschreiben: „Mit anderen Augen als den Eigenen zu sehen, dies ist wohl unter allen Möglichkeiten des Menschen eine der Wunderbarsten.“

Literatur erweitert also unsere eigenen Erkenntnismöglichkeiten. Tatsächlich sehen wir mit Nooteboom nicht nur mehr, wir sehen auch genauer. Seine wunderbare Einführung in das Phänomen, dass die Dinge im Raum – durch Literatur – zu uns „Blinden“ sprechen können trifft ins Herz und erklärt warum gute Bücher für Lernende unverzichtbar sind. Literatur, wie wir sie bei Schriftsteller wie Cees Nooteboom erleben, ist eine Denk- und Sehschule, die einen bestimmten, eben einen anderen, als den gewohnten Zugang zur Wirklichkeit, zur Realität und Wahrheit des Menschen gewährt.

Dabei verändert sich Literatur nicht nur mit der Zeit, sie reflektiert immer auch die großen theologischen, psychologischen und philosophischen Debatten. Auf der Grundlage des freien Denkens und Schreibens löste die moderne Literatur im 19. Jahrhundert langsam die ­religiösen Narrative des christlichen Weltbildes ab. Es bahnten sich Revolutionen an. Das höchste Seiende, Gott und die sich daraus ableitende Ethik und Moral stand zur Disposition. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschütterte zudem die Freudsche Einsicht, die von einer Dominanz des Unbewussten gegenüber dem Bewussten ausging, nicht nur das religiöse Weltbild Europas. Schlussendlich fragte die Philosophie des 20. Jahrhunderts nach dem Sinn einer Welt ohne Götter und dachte darüber nach, warum in der Welt überhaupt etwas ist und nicht nichts.

Die moderne Literatur ist so Teil einer neuen, stets sich verändernden symbolischen Ordnung, die sie in einer neuen Sprache abbildet. Dem Symbolischen tritt das Imaginäre, in Form einer neuen Kunst- und Bilderwelt, hinzu. Die imaginäre und symbolische Ordnung ist dabei fragil, da sie unter dem Eindruck des Realen steht. Reale Ereignisse, oft ausgelöst durch Katastrophen, verändern nicht nur uns, sondern auch unsere Sprache. Die Literatur registriert und spiegelt diese Erkenntnisse und schafft einen Schatz neuartiger Erfahrungen.

Literatur ist also eingebettet in diverse Zugänge zur Wirklichkeit, sie kann psychologisch angehaucht sein (Surrealismus), in philosophischer Hinsicht realistisch, nihilistisch oder existentialistisch sein (Kafka, Camus, Sartre), sie kann aber auch theologische Anspielungen oder den Hauch des Erhabenen in sich tragen. Die großen Schriftsteller und Dichter sind dabei grundsätzlich frei von den Vorgaben strenger Wissenschaft oder dogmatischer Religion. Goethe bekannte hier offen: „Im Bereich der Kunst bin ich ein Polytheist.“

Warum lesen wir aber westliche, moderne Literatur? Man könnte gar fragen: haben wir das als Muslime überhaupt ­nötig? Genügt uns nicht die Schahada, „es gibt kein Gott außer Allah“ und die Erzählungen über unseren Propheten? Diesem Einwand könnte man wie folgt begegnen: Es stimmt wohl, über Literatur sprechen wir erst seit dem 19. Jahrhundert und seit der Aufklärung, aber die moderne Literatur kann uns auch durchaus helfen, zumindest den ersten Teil unseres Glaubensbekenntnisses und unsere religiöse Verortung besser zu verstehen. Dabei müssen wir bereit sein mit den Provokationen, die uns eine neue Literatur nicht erspart, möglichst unbefangen umzugehen.

Der Dichterphilosoph Nietzsche formulierte einst einen der berühmtesten Sätze der Weltliteratur: „Gott ist tot.“ Seine Werk beschreibt nicht zuletzt das Ende der Wirkungsmacht der Christlichen Metaphysik und die Realität neuer „Götter“, sei es der Staat, die Bank, die Technik oder die Natur, die unser modernes Dasein, unsere Vorstellungen von einem Ich und unsere Subjektivität neu bestimmen sollen. Gerade die moderne Literatur kann uns also schonungslos zeigen was ist, sei es in uns oder außerhalb.

Man denke nur an die schreckliche Situation des Menschen nach dem 2. Weltkrieg. Die Kunst und dazu gehört ja die Literatur, wollte sich nach den schrecklichen Erfahrungen der Weltkriege verändern, sie konnte und wollte, unter dem Eindruck von Millionen Toten, nicht einfach weiter machen als wäre nichts geschehen. Kunst, Sprache und Politik sollten sich unter dem Eindruck eines neuen Kunstverständnisses radikal verändern. Es entsteht der Dadaismus, der Surrealismus, der Existentialismus und andere Erzählformen eines neuen Nihilismus.

Der Begründer des Surrealismus, Andre Breton, selbst ein großer Schriftsteller rief gar aus: „Ich will kein Dichter mehr sein!“ Breton forderte die Sprache gar nur noch als ein revolutionäres Mittel zu verstehen. Die Surrealisten experimentierten mit neuen Formen der dichterischen ­Artikulation, dem sogenannten „automatischen Sprechen“, das einen unmittelbaren Zugang zum Unterbewussten ermöglichen sollte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand so eine Flut von ungewöhnlichen und teilweise verstörenden Büchern.

Das Angebot an moderner Literatur ist heute so groß, dass wir uns fragen: „was ist gute Literatur?“. Aber wie sollen wir überhaupt darüber entscheiden?

Der Literaturwissenschaftler Hans Dieter Gelfert gibt uns immerhin einige Stichworte zur Orientierung. „Vollkommenheit, Stimmigkeit, Expressivität, Welthaltigkeit, Allgemeingültigkeit, Interessantheit, Originalität, Komplexität, Ambiguität, Authentizität, Widerständigkeit, Grenzüberschreitung, das gewisse Etwas“ sind für ihn Merkmale einer guten Literatur. Wir finden hier also keine objek­tive Regel, nur eine überwältigende Auswahl von Möglichkeiten. „Ich habe mir das Paradies immer wie eine Bibliothek vorgestellt“ schrieb der argentinische Schriftsteller Jorge Borges. Welche Bücher für uns bedeutend werden oder gar ins Paradies führen, ist dabei nichts anderes als eine individuelle Entscheidung.

Aber versuchen wir uns wenigstens an einigen objektiven Zeichen guter Literatur. Man könnte sagen, diese Bücher sind „weltbildend, intensiv, offenbarend und zeitlos.“ Ein gutes Beispiel für weltbildende Literatur sind zum Beispiel die Bücher Thomas Manns. So tauchen wir in den „Buddenbrooks“ in die Welt einer hanseatischen Kaufmannsfamilie ein. Mann, dessen Tagesleistung in 2 beschriebenen Seiten bestand, führt uns dabei, mit unglaublicher sprachlicher Präzision, in das, von Ökonomie bestimmte, Leben von drei Generationen ein. Hans Fallada dagegen, beschreibt mit unglaublicher Intensität die Erfahrungen kleiner Leute in der Weltwirtschaftskrise oder die Bedingungen des Widerstandes unter dem Regime der Nationalsozialisten. Fallada schreibt wie im Rausch und beendet große Bücher manchmal in drei Wochen. In der Dichtung Rilkes wiederum, erleben wir eine Sprachkunst, die einer Offenbarung nahekommt und – in seinen Duineser Elegien – die gewohnten Subjekt-Objekt Beziehungen ganz auflöst.

Alle große Literatur ist dabei zeitlos, da wir ihre Aktualität und Wirkung auch heute noch unmittelbar erfahren können. Lassen wir uns also auf das Abenteuer große Literatur ein, bildet sie eine neue Identität, aber, sie erinnert uns auch gleichzeitig an die Illusion einer fixierbaren Identität. Wir verändern uns mit den Büchern die wir lesen und lieben.

Sprechen wir heute über große deutsche Literatur, kommen wir an dem Beispiel Goethes kaum vorbei. Rüdiger Safranski hat gleich sechs Jahre damit verbracht, die 30000 Seiten des Werkes und die Biographie dahinter zusammenzufassen. Das Werk ist nach wie vor einmalig, da es praktisch alle Formen der Literatur, wissenschaftliche Texte, Dramen, Romane, Briefwechsel, Gedichte, Dichtung und Reiseliteratur umfasst.

Gothes berühmte Bücher sind dabei – wie oben ausgeführt, weltbildend (Wilhelm Meister Lehr- und Wanderjahre), intensiv ( Die Leiden des jungen Werther) oder auch offenbarend (Faust). Die Aktualität seiner Faust-Dichtung zeigt sich gerade wieder in den Krisenzeiten unserer Tage. Das Streben des Faust nach absoluter Wissenschaftlichkeit, ökonomischer und politischer Expansion und sein Pakt mit der negativen Magie des Mephisto, gilt noch immer als das Gleichnis des modernen Menschen. Goethe stellt hier eine Welt vor, deren Problematik sich aus dem Ende der christlichen Metaphysik und der Herrschaft des technologischen Projektes ergibt. Dabei offenbart sich aus Sicht Goethes eine neue, grundlegende Frage nach dem Sinn von Religion überhaupt. Michael Jaeger (Global Player Faust) schreibt über diese Seite Goethes: „Religiös in einem ganz allgemeinen Sinne war Goethe sehr wohl, nämlich im ursprünglichen, wörtlichen Verständnis der religio als spiritueller Ehrfurcht vor jenem dem menschlichen Willen – zur Macht – Unzugänglichen und Unverfügbaren, dem Goethe den dezidiert unorthodoxen Namen des Ewig-Weiblichen geben konnte…“

Die Berührung mit dem uns an sich „Unzugänglichen, Unverfügbaren“, wie immer wir dies benennen wollen, ist ­vielleicht eine treffende Bestimmung des Ereignisses großer Literatur!

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Ein Ramadan der anderen Art

(iz). Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen. Wir mögen online-Predigten anhören, versuchen, im Abstand von zwei Metern voneinander zu beten oder gar einem zugeschalteten Imam via Internet […]

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Ramadan auf Abstand

Der islamische Fastenmonat ist immer beides: Auf den Verzicht am Tag folgt am Abend das Essen Kreis mit Angehörigen und Freunden. Doch in diesem Jahr herrscht Entbehrung auf der ganzen […]

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Muslime zwischen Kontaktsperre und Lockerung

Berlin/Düsseldorf (iz/KNA). Es sei nicht nachvollziehbar, wenn Moscheen, Kirchen oder Synagogen geschlossen blieben, dass „Shoppen in der Stadt“ aber erlaubt sein solle, erklärte Bekir Altas, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). So werde der Eindruck erweckt, als stünden ökonomische Überlegungen „über garantierten Grundrechten“.

Motiviert ist die Erklärung des Verbands durch die jüngst, bekannt gegebenen Lockerungsmaßnahmen. Diese sehen zwar eine Ausweitung des Einkaufs- und Geschäftslebens vor, beinhalten aber momentan eine anhaltende Sperre für religiöses Gemeinschaftsleben. Diese Schieflage sowie die Grundfrage nach dem Rang von Rechten wie der Religions- und Versammlungsfreiheit trieben nicht nur Religionsgemeinschaften um, sondern auch Verfassungsrechtler und Kommentatoren.

Es sei angebracht, so Altas, Moscheen, Kirchen, Synagogen und anderen Gotteshäusern so weit Vertrauen entgegenzubringen, „als dass auch ihnen auch unter gewissen Auflagen die schrittweise Öffnung erlaubt wird“. Denkbar seien etwa Begrenzungen der Personenanzahl abhängig von der Größe des Gebetsraumes sowie ein rotierendes Anmeldeverfahren, damit möglichst viele Gläubige wieder in den Genuss kämen, in einer Moschee und in der Gemeinschaft zu beten. Ein erstes Konzeptpapier zur schrittweisen Öffnung der Moscheen sei bereits erarbeitet worden und solle bei den anstehenden Gesprächen auf Landes- und Bundesebene mit den jeweiligen Innenministerien eingebracht werden.

Anklang fand das Anliegen der Gemeinschaften bei Politikern wie dem NRW-Ministerpräsidenten. Armin Laschet (CDU) dringt in der Corona-Krise auf eine Öffnung von Gottesdiensten für die Allgemeinheit. „Gemeinsam wollen Landesregierung und Glaubensgemeinschaften in Nordrhein-Westfalen einen Weg aufzeigen, unter welchen Bedingungen öffentliche Gottesdienste in Zukunft wieder möglich sein können“, teilte die NRW-Staatskanzlei am Donnerstagabend in Düsseldorf mit. „Dieser Weg könnte Vorbild für ganz Deutschland werden.“

Zuvor hatte Laschet sich mit VertreterInnen von Kirchen und Religionsgemeinschaften zu diesen Aspekten der Krise beraten. In der Staatskanzlei waren neben RepräsentantInnen der beiden großen Kirchen und dem Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln auch Burhan Kesici, derzeitiger Sprecher des Koordinationsrates der Muslime anwesend. Man wolle gemeinsame Wege suchen, hieß es, um die Barrieren für ein gemeinschaftliches Religionsleben so schnell als möglich zu beseitigen. „Wenn nun das soziale und öffentliche Leben wieder mehr geöffnet wird, muss das auch für das gemeinsame religiöse Leben gelten“, heißt es in einer Mitteilung. „Gelebter Glaube spendet den Menschen gerade in Zeiten der Krise Kraft, Hoffnung und Zuversicht.“

Laut einer Umfrage halten 70 Prozent der Deutschen öffentliche Gottesdienste in Zeiten der Corona-Pandemie für nicht notwendig. Lediglich zwölf Prozent gaben an, dass Vor-Ort-Gottesdienste als Teil der Grundversorgung erlaubt sein sollten, wie die katholische Zeitung „Die Tagespost“ meldete. Sie hatte das Meinungsforschungsinstitut INSA Consulere mit der Erhebung beauftragt. Dafür wurden den Angaben zufolge vom 10. bis zum 13. April 2.108 Erwachsene befragt. (sw)

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Die Pandemie und die Mächte

BERLIN/WASHINGTON/PEKING (GFP.com). Die Coronakrise kann den ökonomischen und politischen Abstieg Deutschlands und der westlichen Mächte beschleunigen. Dies geht aus den jüngsten Wirtschaftsprognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und aus Analysen von US-Außenpolitikexperten hervor. Wie es etwa in der US-Fachzeitschrift Foreign Policy heißt, habe das „peinliche Debakel“ der Trump’schen Krisenpolitik den Ruf der Vereinigten Staaten als eines Landes, „das weiß, wie man etwas wirkungsvoll tut“, empfindlich geschädigt.

Andere Länder seien eher bereit, sich an Staaten zu orientieren, „die den Höhepunkt der Infektion hinter sich haben“ – etwa an China, urteilt der Präsident des renommierten Council on Foreign Relations. Auch die EU habe in der Krise versagt. Ökonomisch wird China laut dem IWF weniger unter der Pandemie leiden als die westlichen Länder: Seine Wirtschaftsleistung werde schneller als vermutet diejenige der Eurozone hinter sich lassen und sich derjenigen der Vereinigten Staaten annähern. Die sich abzeichnende Machtverschiebung wird im Westen von aggressiver Stimmungsmache gegen China begleitet.

Vor dem Absturz
Besonders schwer wird der dramatische Absturz der Weltwirtschaft laut der jüngsten Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) die westlichen Industriestaaten und unter diesen vor allem die Länder der Eurozone treffen. Rechnet der IWF für das laufende Jahr mit dem Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung um 3,0 Prozent, so sagt er den Industriestaaten einen Einbruch um 6,1 Prozent voraus – 5,9 Prozent in den Vereinigten Staaten, 7,5 Prozent in der Eurozone. Deutschland steht demnach vor Einbußen beim Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 7,0 Prozent.

Dabei hebt der IWF ausdrücklich hervor, dass seine Vorhersage nur für den Fall gilt, dass die Covid-19-Pandemie in diesem Quartal ihren Höhepunkt erreicht und anschließend ihre Eindämmung gelingt. Dann könne es möglich sein, in den Industriestaaten im kommenden Jahr ein Wachstum von 4,5 Prozent zu erreichen – jeweils 4,7 Prozent in den USA und in der Eurozone, 5,2 Prozent in Deutschland. Freilich läge auch dann die Wirtschaftsleistung des Jahres 2021 im Westen noch klar unterhalb der Wirtschaftsleistung von 2019.

Laut IWF sind allerdings, sollten die rasche Eindämmung der Pandemie scheitern oder eine zweite, womöglich gar eine dritte Welle um sich greifen, beträchlich schwerere wirtschaftliche Einbußen möglich.

„Überraschend gut erholt“
Mit den voraussichtlichen Einbrüchen im Westen konstrastiert recht deutlich die Entwicklung in China. Die dortige Regierung hat nach anfänglichen Fehlern noch im Januar scharf durchgegriffen und es mit harten Einschränkungen für Gesellschaft und Wirtschaft erreicht, dass die Pandemie eingedämmt werden konnte: Die einheimischen Neuinfektionen liegen nahe bei Null, während die Gesamtzahl der Infizierten und der Todesfälle inzwischen nicht nur von den Vereinigten Staaten, sondern auch von mehreren Ländern Europas übertroffen wird, darunter Deutschland. Zwar ist die chinesische Wirtschaft im ersten Quartal stark kollabiert; jüngste Schätzungen gehen von einem massiven Rückgang um 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (Januar bis März 2019) respektive um 9,9 Prozent gegenüber dem Vorquartal (Oktober bis Dezember 2019) aus.

Doch gewinnt der Neustart längst wieder an Fahrt. Zu Monatsbeginn hieß es, die meisten chinesischen Fabriken arbeiteten bereits mit 80 Prozent ihrer Kapazitäten; einige näherten sich sogar schon 100 Prozent. Der Vorsitzende der EU-Handelskammer in China, Jörg Wuttke, urteilt: „Das verarbeitende Gewerbe erholt sich ziemlich gut, überraschend gut“. Der IWF prognostiziert der Volksrepublik für das laufende Jahr ein Wachstum von 1,2 Prozent. Das wäre zwar so wenig wie noch nie seit 1976, aber immer noch signifikant besser als die dramatischen Einbrüche im Westen. Für 2021 hält der IWF ein Wachstum um 9,2 Prozent in China für erreichbar.

Auf dem Weg zur Spitze
Damit zeichnet sich ab, dass China bereits zum zweiten Mal seit dem Kollaps der Finanzmärkte im Jahr 2008 eine globale Krise besser übersteht als die westlichen Mächte und letztlich gestärkt aus ihr hervorgeht. Treffen die Prognosen des IWF zu, dann wird das chinesische Bruttoinlandsprodukt von 14,2 Billionen US-Dollar im Jahr 2019 auf 15,69 Billionen US-Dollar im Jahr 2021 wachsen und sich schneller als bisher vermutet dem Bruttoinlandsprodukt der USA nähern, das von 21,2 Billionen US-Dollar (2019) auf 20,89 Billionen US-Dollar (2021) schrumpfen wird. Die Eurozone, deren Wirtschaftsleistung 2019 14,0 Billionen US-Dollar erreichte, wird weiter zurückfallen – auf nur noch 13,56 Billionen US-Dollar im Jahr 2021.

Während die westlichen Staaten nicht umhin kämen, harte Ausgabenkürzungen vorzunehmen, könnte Peking weiter in seinen ökonomisch-technologischen Aufschwung investieren. Sein Aufstieg zur weltstärksten Wirtschaftsmacht erhielte durch die Krise einen erneuten Schub. Entsprechend setzen Berlin und Washington alles daran, den Neustart von Industrie und Handel zu beschleunigen, um die krisenbedingten Geschäftsausfälle im Westen zu minimieren. Dabei gehen sie hohe Risiken ein: Ließen sie schon im März mit ihrem – letztlich gescheiterten – Versuch, Einschränkungen des öffentlichen Lebens mit Rücksicht auf kurzfristige Unternehmensinteressen zu vermeiden, die Covid-19-Pandemie viel weiter ausgreifen als China, so droht jetzt eine allzu frühe Aufhebung der Einschränkungen einer zweiten Welle der Pandemie Vorschub zu leisten.

„Ein peinliches Debakel“
Neben dem wirtschaftlichen zeichnet sich immer deutlicher auch ein politischer Einflussverlust der westlichen Mächte ab. Ursache ist nicht zuletzt ihre unzulängliche Vorbereitung auf die seit Mitte Januar erkennbar ausgreifende Pandemie: Während sie schlimmer unter Covid-19 leiden als die Volksrepublik und bis heute nicht einmal über ausreichend Schutzausrüstung verfügen – weder für ihr medizinisches Personal noch für ihre Bevölkerung –, hält China nach seiner erfolgreichen Eindämmung des Virus nicht nur Blaupausen für den Kampf gegen die Pandemie, sondern auch die notwendige medizinische Ausstattung bereit, die per Hilfslieferung oder per Verkauf zur Verfügung gestellt wird.

Bereits im März wiesen Außenpolitikexperten in den USA darauf hin, dass der Umgang der Trump-Administration mit der Krise – ein „peinliches Debakel“ – den Ruf der Vereinigten Staaten als eines Landes, „das weiß, wie man etwas wirkungsvoll tut“, stark geschädigt habe: „Andere Stimmen“, chinesische etwa, erhielten nun „respektvollere Aufmerksamkeit“, erklärt etwa Stephen M. Walt, Professor für internationale Beziehungen an der renommierten Harvard University, in der Fachzeitschrift Foreign Policy.

In Ermangelung von „US-Führung“ wendeten sich andere Länder auf der Suche nach Hilfe nun denjenigen Staaten zu, „die den Höhepunkt der Infektion hinter sich haben, so wie China“, konstatiert exemplarisch Richard Haas, Präsident des renommierten Council on Foreign Relations (CFR), in der Fachzeitschrift „Foreign Affairs“. Haas weist zudem darauf hin, dass notleidende Länder Europas kaum Hilfe von der EU und ihren Mitgliedstaaten erhalten; Unterstützung bekommen sie hingegen aus Beijing.

„Das chinesische Virus“
Der wohl bevorstehende Einflussverlust der absteigenden westlichen Mächte geht mit massiv zunehmender Aggressivität gegenüber dem weiter aufsteigenden China einher. Hatte US-Präsident Donald Trump im Januar noch erklärt, seine Regierung habe das Virus „unter Kontrolle“ und er sei mit der Informationspolitik der chinesischen Behörden recht zufrieden, so hat er inzwischen begonnen, China die Schuld am Ausbruch der Pandemie in die Schuhe zu schieben sowie vom „chinesischen Virus“ zu reden. Ein vergleichbares Anschwellen aggressiv gegen China gerichteter Äußerungen ist in Deutschland zu konstatieren.

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Wir in der Pandemie

Eine Frau mit Kopftuch und medizinischer Maske gibt Desinfektionsmittel aus einer Flasche auf eine ausgestreckte Hand.

Unser bisheriger Alltag wurde dank der globalen COVID-Pandemie massiven Veränderungen beziehungsweise Einschränkungen unterworfen. Manche sind im Homeoffice. Andere schaffen wie gewohnt weiter. Müssen aber dank „Coronaferien“ veränderte Familien- und Lebensverhältnisse meistern.

Berlin (iz/KNA). Anders als bei Asterix & Obelix gibt es kein kleines gallisches Dorf, das alles ganz anders macht. Kurzum, die Pandemie hat in gewisser Hinsicht globalen, totalen Charakter. Menschen, die sich bisher fremd waren, warten gleichermaßen vorm lokalen Supermarkt, bis ein desinfizierter Einkaufswagen frei wird.

Davon sind wir Muslime nicht ausgenommen. Selbstverständlich gilt für uns: Wie alle BürgerInnen, KollegInnen und Familienangehörigen befinden wir uns im Ausnahmezustand. Und wie diese leisten Muslime im Gesundheitswesen, der Pflege und den vielen systemrelevanten Berufen ihren Beitrag zur Aufrechterhaltung der wichtigsten Lebens- und Wirtschaftsprozesse.

Eingeschränkte Religionsfreiheit
Für Angehörige von Religionsgemeinschaften kommt hinzu, dass alle relevanten Ausdrucksformen gemeinschaftlicher, spiritueller Lebenspraxis aufgrund von Kontaktsperren nicht mehr möglich sind. Wann und in welcher Art sie enden, bleibt offen.

Mittlerweile wurde Kritik von kirchlicher Seite laut, dass die mit den Kontaktsperren einhergehenden Beschränkungen des kirchlichen Lebens die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit gefährlich – und ohne sichere Rechtsgrundlage – beeinträchtigten. Erste Urteile belegen, dass einige Maßnahme mit der heißen Nadel gestrickt sind und einer rechtlichen Prüfung nicht standhalten können.

Damit nähern sich religiöse und religionsferne Menschen in einem gewissen Sinne an. Während die einen an den Osterfeiertagen nicht tanzen durften, konnten die anderen nicht gemeinsam die gewohnten Gottesdienste feiern.

Insbesondere Moscheegemeinschaften betroffen
Obschon alle großen Religionsgemeinschaften in Deutschland betroffen sind, bedeutet die Pandemie eine spezifische Belastung vieler Moscheen. Einige, besser ausgestattete konnten Imame sowie andere Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Andere, kleinere (viele unabhängige, verbandsungebundene) stehen vor der Herausforderung, ihr Personal, das erst einmal nicht arbeiten kann, weiterhin zu finanzieren.

Hinzu kommt, dass ein großer Teil der Moscheegemeinden für ihre Betriebskosten auf wöchentliche Spenden der Betenden und Mitglieder (beispielsweise nach den Freitagsgebeten) angewiesen sind. Zusätzlich wurde eine unbekannte Zahl neuerer Bau- und Renovierungsprojekte durch Kreditaufnahmen bei Banken, verbandseigenen Immobilienholdings wie der EMUG oder privaten Darlehensgebern finanziert. Diese bestehen – in unterschiedlichem Maße – auf eine fortgesetzte Bedienung der anstehenden Kredit- und Darlehensraten.

Wir relevant dieses Problem ist, zeigen aktuelle beispielsweise Spendenaufrufe wie die der SCHURA Hamburg. Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrates und amtierender Sprecher des Koordinationsrates der Muslime, hatte vor Wochen einen Bedarf an Staatshilfen für klamme Moscheegemeinschaften angemeldet. Und Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime meinte am 20. März: „Vor allem nicht türkische Moscheen werden voraussichtlich einen herben finanziellen Verlust erleiden, weil sie von den Kollekten bei den wöchentlichen Freitagsgebeten und vor allem im Ramadan leben.“ Für viele Moscheen bedeute dies das Aus. Schließlich könnten Imame und Gebäude nicht weiter finanziert werden.

Suche nach neuen (Ausnahme-)Formen
Während des Monats März und seiner sukzessiven Steigerung von Maßnahmen hat sich die muslimische Community zuerst mit Aufklärung und Warnungen und dann mit handfesten Entscheidungen an die Gläubigen gewandt. Sie stand ebenso vor der Frage, wie sich wichtige Anliegen wie seelsorgerische Aufgaben weiterhin aufrecht erhalten lassen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Telefonseelsorge, welche im Falle Berlins mittlerweile erfolgreich von Muslimen für Muslime und andere angeboten wird. Bei ihr steigt in Deutschland unterdessen die Zahl der Anrufe. Derzeit drehten sich etwa acht Prozent der täglichen Anrufe um das Thema Coronavirus, sagte der Leiter der Telefonseelsorge Bochum, Ludger Storch, am 12. März. Wenige Tage zuvor habe der Anteil nur bei etwa vier Prozent gelegen. In Folge meldeten sich Menschen, die an Angststörungen litten und momentan aushäusige Kontakte mieden, sowie Ältere und Gebrechliche.

Ähnlich wie die Kirchen versuchen muslimische Gemeinden, mit Internetvideos und Livestreams Ersatz zu bieten. Die Hamburger Al-Nour Moschee stellt die Freitagspredigt ihres Imams, Samir El-Rajab, in arabischer Sprache ins Internet. Andere Gemeinschaften und Verbände wie die Schura Hamburg bieten Beiträge auf Deutsch oder in der jeweiligen Sprache ihrer Mitglieder an. Das Freitagsgebet aus der Kölner Zentralmoschee verfolgen nach Angaben der DITIB derzeit rund 100.000 Gläubige auf digitalen Kanälen.

Wenn das Ramadanfasten in der letzten Aprilwoche mitten in der Corona-Krise beginnt, stehen die Gemeinschaften vor einer beispiellosen Situation. „Das ist ein totales Novum“, sagte Zekeriya Altug vom Vorstand des größten Moscheeverbands DITIB. „Normalerweise sind die Moscheen im Fastenmonat jeden Abend gut besucht. Viele Gläubige feiern hier gemeinsam das Fastenbrechen und hören die Koranrezitationen – das fällt wohl auf unbestimmte Zeit aus.“

Auch die abendlichen Besuche bei Angehörigen und Freunden werden stark reduziert, erwartet er. Ein Ramadan ohne Gemeinschaft – für Muslime kaum vorstellbar. „Wir brauchen komplett neue Formate“, überlegt Altug.

Die Al-Nour Moschee bereitet in diesem Dilemma das Projekt „Iftar to go“ vor, bei dem Freiwillige sozial Benachteiligten zum Fastenbrechen warme Speisen, Obst und ein Getränk nach Hause liefern. „So können wir wenigstens unserer sozialen Pflicht weiter gerecht werden.“ Von der Diskussion, das Fasten im Ramadan wegen der Pandemie abzusagen, hält Vorsitzender Daniel Abidin nichts. „Wer aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht in der Lage ist, braucht sowieso nicht zu fasten und kann es zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.“

Manifestiert die Krise latente Trends?
Blicken wir auf mögliche Bedeutungen für die muslimische Gemeinschaft beziehungsweise Gemeinschaften. Es lassen sich die jetzt im Äußeren erlebten Phänomene (Isolation, Individualisierung, Reduktion der Lebenspraxis auf private Rituale und die Unmöglichkeit praktischer Spiritualität) als Manifestation latenter Potenziale deuten.

Die seit ca. zwei Jahrzehnten fortschreitende Digitalisierung und damit verbundene Verlagerung muslimischer Identität/en ins Virtuelle (und damit unter die Kontrolle des Subjektiven) hat die jetzige Manifestation schon vorab formuliert: muslimische Existenz ohne manifeste Gemeinschaft. Diese wurde schon sprachlich nachvollzogen. Von einer Verlegung des „Ramadan“ war die Rede, obwohl das Fasten im Ramadan gemeint sein sollte, denn ein Monat kann nicht verlegt werden. Neue Konzepte wie „online-Khutbas“ oder „virtuelle Religiösität“ machen die Runde.

Vollkommen offen bleibt, ob und inwiefern der offiziöse Diskurs (und das mit ihm verbundene Nachdenken) auf die zu erwartende Krise vorbereitet ist. Der evidente Einbruch „des Realen“ (mehr dazu auf Abu Bakr Riegers Corona-Tagebuch) in unsere „symbolische Ordnung“ könnte die jetzige Repräsentanz durch Strukturen und Einzelpersonen vor neue Herausforderungen stellen.

Was ist, wenn das Projekt der „Anerkennung“, staatlich-muslimische Kooperationen oder einfach nur öffentliche Fördermittel ausbleiben, weil sie angesichts neuer Prioritäten nicht mehr relevant sind? Der stete Verweis auf abstrakte „Werte“ stößt an seine Grenzen, wenn die neuen Verhältnisse sie de facto aufheben bzw. irrelevant werden lassen. Hier reicht das „Spektakel“ der Symbolpolitik offenkundig nicht mehr aus, sondern es bedarf angesichts relevanter Grundrechtseinschränkungen auch das kritische Auge des praktizierten Verfassungspatriotismus.

Erste Projekte wie das von der IGMG, dem Islamrat und der Hilfsorganisation fudul angestoßene Nachbarschaftshilfe oder das Nähen von Schutzmasken (von den gleichen Organisatoren) weisen vielleicht einen Weg, um den gegebenen Umständen gerecht zu werden und relevant zu bleiben bzw. zu werden. Meryem Saral, Vorsitzende der IGMG-Frauenjugendorganisation, erklärte: „In einer Ausnahmesituation wie diesen müssen wir uns gegenseitig helfen und unterstützen. So schwer die Corona-Epidemie uns auch trifft, werden wir als Gesamtgesellschaft am Ende hoffentlich gestärkt daraus hervorgehen – eine Gesellschaft die zusammenhält, wenn es darauf ankommt.“

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Khutba online und Iftar to go

In der Corona-Krise sind auch islamische Gebetshäuser bundesweit geschlossen. Mit kreativen Angeboten versuchen Moscheen, ihren Mitgliedern Ersatz zu bieten. Einige stehen jedoch aufgrund fehlender Spenden vor dem Aus. Von Michael […]

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„Politik und Gerichte brauchen moralischen Kompass“

Münster (exc). Die moralischen Fragen der Coronakrise sollten nach Auffassung des Rechtswissenschaftlers Prof. Dr. Nils Jansen von der Universität Münster nicht allein Politik, Gerichten und Wissenschaft überlassen werden. Vielmehr brauche die Gesellschaft – „und das sind wir selbst“ – eine gemeinsame moralische Grundausrichtung, auch wenn das Ringen darum unpopulär geworden sei, so der Sprecher des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der WWU. Weder Regierungen noch Gerichte kämen auf Dauer „ohne den Kompass einer öffentlichen Moral“ aus.

Ob es um die drängenden medizinethischen Fragen in den Kliniken, Mieten von Einzelhändlern, die drohende Pleite von Betrieben im Shutdown, den Mangel an Erntehelfern oder um Rückerstattungen von Reisen und Kulturangeboten gehe: Die Rechtslage sei lange nicht so eindeutig, wie viele meinten. In der Pandemie brauche es daher Antworten auf die normative Frage, „welche Rücksicht wir einander schulden, wie weit wir mit Rücksicht auf das Wohl anderer auch schmerzliche Einschränkungen hinnehmen müssen.“

Hier fehle es „an einem Kompass: an einem einigermaßen kohärenten Set gemeinsamer Regeln und Überzeugungen jenseits von Rechtsnormen und medizinischen Handlungsanweisungen. Denn bislang, etwa in der Klimadiskussion, hat man solche Fragen zumeist verdrängt.“

Es helfe auch nicht, die großen Fragen der Krise allein der Wissenschaft zu überlassen, schreibt der Rechtswissenschaftler weiter in seinem Beitrag Corona und die öffentliche Moral auf der Website des Exzellenzclusters. Vielmehr folgten die aktuellen Diskurse etwa in der Medizin, Jura und Ökonomie stark den Binnenrationalitäten des jeweiligen Faches. „Eine Gesellschaft muss sich zwischen diesen Rationalitäten orientieren und zu übergreifenden Maßstäben finden. Um Leben und Tod geht es nicht nur im Krankenhaus.“

Als Beispiel führt Jansen die Frage an, warum in der Coronakrise andere Maßstäbe gelten als mit Blick auf die Luftverschmutzung, die laut Weltgesundheitsorganisation ebenfalls tausende Tote gefordert habe. Während das Sterben eines Coronainfizierten auf das Virus zurückgeführt werde, spreche beim Tod durch umweltbedingte Atemwegs- oder Herzerkrankungen niemand von Feinstaub- oder Ozonvergiftung. „Das ist irrational, die Kausalitäten sind hier wie dort konstruiert. Kann eine aufgeklärte Gesellschaft hinnehmen, dass Kausalitätsbeschreibungen und Gewöhnungseffekte ihr moralisches Werten und Handeln derartig grundlegend steuern?“

Dass die Rechtslage in vielen Fragen, die die Coronakrise aufwirft, unklar sei, legt Nils Jansen am Beispiel bedrohter Einzelhändler dar, die den Staat zur Zahlung ihrer Ladenmiete auffordern. „Verträge, so nimmt man an, gelten ohne Wenn und Aber. Viele reagieren aber empört, als Unternehmen wie Adidas die Mietzahlungen einstellen wollen.“ Doch es sei gar nicht klar, ob Ladenvermieter den Mietpreis ungekürzt verlangen können, wenn die Läden schließen müssen. Bis ins 19. Jahrhundert sei das Gegenteil selbstverständlich gewesen.

Auch heute gebe Paragraf 313 im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) dem Mieter ein Recht auf Vertragsanpassung, wenn „Umstände, die zur Grundlage des Vertrags geworden sind“, sich „schwerwiegend verändert“ haben. Freilich gilt dies, so Jansen, nur soweit es „zumutbar“ sei. „Was zumutbar ist, ist eine Frage gesellschaftlicher Überzeugungen, wer welche Risiken tragen und Rücksicht nehmen soll. Gerichte könnten solche Normen besser anwenden, wenn die Gesellschaft hier über einen Kompass verfügte.“

Gleiche Probleme stellten sich bei Ballettschulen, Operntickets oder angezahlten Urlaubsreisen, führt der Rechtswissenschaftler aus. „Wem ist damit gedient, wenn entfallene Aufführungen und Unterrichtsstunden rückerstattet werden? Wäre es nicht schön, wenn es auch im nächsten Jahr noch Opernhäuser, Ballettschulen und Hotels gäbe? Vielleicht sollten wir einander zumuten, auf Rückerstattungsansprüche zu verzichten.“

„Die Kirchen haben wenig von sich hören lassen“
Die Gesellschaft sollte nach den Worten von Nils Jansen nicht einfach hoffen, „es werde schon vernünftig ausgehen“, wenn sie die moralische Bewältigung solcher Herausforderungen dauerhaft ihrer Regierung und deren Experten überlasse. Ohne eine breite gesellschaftliche Verständigung darüber werde es nicht gehen.

Auch der „säkulare Glaube unserer Religionen“ bietet dem Wissenschaftler zufolge keine Orientierung. „Auch Kirchenväter und -mütter glauben nicht mehr, Messfeiern, Bittprozessionen oder gemeinsame Freitagsgebete könnten helfen. Früher hätte man die Anstrengungen vervielfältigt.“ Überhaupt hätten die Kirchen wenig von sich hören lassen, so Jansen, obwohl doch einiges dazu zu sagen wäre, was Nächstenliebe heißen könne, wenn soziale Distanz das Gebot der Stunde sei. „Demgegenüber hat die Politik rasch gehandelt. Man fürchtet apokalyptische Zustände und folgt deshalb den Empfehlungen von Virologen und Infektionsmedizinern.“ (vvm/maz)