Berlin (MuTeS). Am 01. Mai 2009 startete ein außergewöhnliches Projekt interreligiöser Zusammenarbeit in Deutschland: das Muslimische SeelsorgeTelefon (MuTeS). Dabei kooperiert der Träger Islamic Relief Deutschland mit Caritas Berlin und dem DWBO (Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg), sowie auf Arbeitsebene MuTeS mit der Kirchlichen TelefonSeelsorge Berlin-Brandenburg und der russischsprachigen Telefonseelsorge Doweria (in der auch zahlreiche Menschen jüdischen Glaubens arbeiten). „Diese Kooperation über die Religionsgrenzen hinweg war über den gesamten Zeitraum das Fundament für die sehr solide Entwicklung des muslimischen SeelsorgeTelefons. Aufbauend auf den Erfahrungen und Qualitätsstandards aus über 50 Jahren christlicher TelefonSeelsorge und finanziell unterstützt durch Spenderinnen und Spendern von Islamic Relief“, so Tarek Abdelalem, Geschäftsführer von Islamic Relief Deutschland e.V.. Die Erfolge von MuTeS zeigen sich nicht nur in der schieren Zahl von 10 Jahren, sondern in über 50.000 Stunden qualifizierter ehrenamtlicher TelefonSeelsorge- Arbeit, in der über 45.000 Mal die Nummer 030/ 44 35 09 821 angerufen wurde. Hunderte von Anrufenden schweigen nur, weil sie den Mut (noch) nicht aufbringen, das bisher in ihrem Innersten Verborgene auszusprechen. Aber mit über 32.000 Anrufenden wurde seelsorgerisch über ihre seelischen Probleme gesprochen: über Ängste, Isolation, Partnerschaft/ Trennung, Sterben, Suizid, Sucht, Schmerz, Arbeitslosigkeit, Schulden, Sinn, Glaube, … Über 90 % der Gespräche werden auf Deutsch geführt, die anderen Telefonate auf Türkisch, Arabisch und einigen anderen Sprachen, die von Seelsorgerinnen und Seelsorgern als Muttersprache bzw. Fremdsprachen beherrscht werden. Die meisten Anrufenden sind muslimischen Glaubens, aber da das keine Voraussetzung ist, rufen auch andere Hilfesuchende an. Die große Mehrzahl sind Frauen, zwischen 20 und 50 Jahre alt und rufen zwischen 12 und 23 Uhr für ca. 15 bis 45 Minuten pro Anruf an. Die gute seelsorgerische Arbeit von MuTeS wurde inzwischen nicht nur mehrfach ausgezeichnet (u.a. mit der Berliner Tulpe, dem Aspirin-Sozialpreis und dem Sonderpreis Berlin gegen Gewalt), sondern ist auch regional, national und international auf Interesse gestoßen. So ist MuTeS in Berlin organisatorisch bzw. personell in der Notfall-Seelsorge, der Gefängnis-Seelsorge und im Krankenhaus-Besuchsdienst eingebunden, hält Vorträge und führt bundesweit und international Fortbildungsveranstaltungen zu unterschiedlichen Themen rund um muslimische Seelsorgearbeit und interreligiöse Zusammenarbeit durch. Für den 11. September 2019 ist aus Anlass des 10-jährigen Jubiläums der MuTeS- Kooperation eine Fachtagung der drei Kooperationspartner zur interreligiösen Zusammenarbeit in der Sozialen Arbeit in Planung. „MuTeS ist stolz auf 10 Jahre erfolgreiche Arbeit für Menschen in einer seelischen Notlage und sehr dankbar für die Unterstützung des Trägers Islamic Relief, der Förderer, zu denen seit 2016 hauptsächlich die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung im Land Berlin gehört, der Kooperationspartner, der Mitarbeitenden und vor allem den 86 ehrenamtlichen TelefonSeelsorgerinnen und TelefonSeelsorgern!“, sagt M. Imran Sagir, der Gründungsgeschäftsführer des Muslimischen SeelsorgeTelefons.
Colombo (KNA). Trauer, Wut, Entsetzen, Fassungslosigkeit – das sind die Reaktion der Menschen in Sri Lanka nach den verheerenden Bombenanschlägen auf Kirchen und Luxushotels am Ostersonntag. In einem vom „Colombo Telegraph“ veröffentlichten Handyvideo aus dem Inneren der St. Anthony-Kirche in Colombo sind schreiende Menschen zu hören, andere bergen Verletzte aus den Trümmern des Gotteshauses, dessen Dach nur noch ein Gerippe ist, durch das der Himmel zu sehen ist. Die Polizei nahm inzwischen sieben Verdächtige fest – nähere Informationen über die Hintergründe fehlen bis zur Stunde.
Spekulationen gibt es dafür reichlich. Polizeichef Pujuth Jayasundara hatte bereits vor zehn Tagen nach Hinweisen ausländischer Geheimdienste vor Anschlägen auf Kirchen gewarnt. Als potenzielle Täter nannte der höchste Polizist Sri Lankas die „National Thowheed Jama’ath“ (NTJ). Die Organisation muslimischer Tamilen hatte 2018 mit der Zerstörung von Buddha-Statuen für Schlagzeilen gesorgt.
Mahamood Lebbe Alim Mohamed Hizbullah, Minister für Umsiedlungen und Wiedereingliederung, warnte jedoch in einem Interview mit dem malaysischen Nachrichtenportal „The Leaders Online“ vor voreiligen Schuldzuweisungen. „Die Ermittlungen laufen. Aber es gibt keine Beweise gegen eine spezielle Partei, Gemeinschaft oder Gruppe“, betonte der muslimische Politiker.
Sri Lanka hat eine lange Geschichte blutiger Gewalt gegen und zwischen Religionsgemeinschaften und ethnische Gruppen. Radikale buddhistische Mönche heizen seit Jahren Hass und Gewalt vor allem gegen die muslimische, aber auch christliche Minderheit an. Immer wieder kommt es zu antimuslimischen Gewaltexzessen wie im Mai 2018, als radikale Buddhisten in Kandy Moscheen verwüsteten, muslimische Geschäfte brandschatzten und mindestens drei Menschen umbrachten.
Der Krieg zwischen der Minderheit der Tamilen im Norden Sri Lankas und der Armee ging vor zehn Jahren mit einem Gemetzel an der militärischen Führung der Rebellenmiliz Tamilische Tiger zu Ende. Sri Lanka ist aber immer noch gespalten zwischen der Politik, Wirtschaft und Militär dominierenden buddhistischen Mehrheit im Süden des Landes und den armen Tamilen, von denen 80 Prozent Hindus, die anderen 20 Prozent Christen und Muslime sind. Weil die katholische Kirche immer wieder die Menschenrechtsverletzungen an den Tamilen angeprangert hat, gelten vor allem die Bischöfe im Norden bei Armee und Geheimdienst als Verräter und Terrorunterstützer.
Unter dem Titel „Geopolitische Rahmenbedingungen: Über das Aufkommen offensichtlicher religiöser Gewalt in Sri Lanka“ beschäftigt sich ein erster Kommentar im „Colombo Telegraph“ mit möglichen internationalen Hintergründen des Anschlags. Es sei eine seit dem Kalten Krieg in Asien bewährte Strategie von internationalen Kräften, Religion als Waffe zur Spaltung von Gesellschaften zu nutzen. Die Anschläge auf die Kirchen und Hotels seien Teil dieser Strategie, Sri Lanka religiös, gesellschaftlich und wirtschaftlich zu destabilisieren. Wegen seiner wichtigen geostrategischen Lage im Indischen Ozean sei Sri Lanka „im Fadenkreuz zwischen den USA und ihres Verbündeten Indien sowie China“.
Im Internet widmen sich unterdessen Srilanker allerlei innenpolitischen Verschwörungstheorien. Ein Rasha schreibt in einem Kommentar zur Berichterstattung im „Colombo Telegraph“: „Es ist unmöglich, ein koordinierte Attacke dieser Art und diesen Ausmaßes ohne das Wissen von sehr mächtigen Personen in der Armee oder der Regierung durchzuführen.“ Ein Champa meint: „Das wurde von der Regierung in Auftrag gegeben.“
Ganz abwegig sind solche Spekulation nicht in einem Land, das reich an oft gewaltsam ausgetragenen politischen Konflikten und Intrigen ist. Die Mahnung von Papst Franziskus zu Versöhnung und interreligiösem Dialog bei seinem Besuch in Sri Lanka im Januar 2015 sind bei den Mächtigen leider verhallt.
(iz). Im Gegensatz zur Antike oder zur Geistes- und Kulturgeschichte des heutigen Europas gibt es kaum eine ausformulierte und allgemeingültige ästhetische Lehre für Muslime. Der Begriff der „Ästhetik“ existierte nicht […]
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(iz). In der Serie „4 Blocks“ gibt es eine bezeichnende Szene: Die Hauptfigur, der fiktive Berliner Clanboss Tony Hamady, sitzt in der Grundschule seines Töchterchens beim Elternabend. Eine Klassenfahrt wird […]
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(Mediendienst Integration). Wem Kontakte zu mutmaßlichen Islamisten nachgesagt werden, der gerät schnell in Verdacht, selbst einer zu sein. Dieser Logik der „Kontaktschuld“ folgt auch der Verfassungsschutz in seinen Berichten. Das […]
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(madanitimbukti.wordpress.com). Was von Anfang an bei der Behandlung des Themas Madhhab verstanden werden muss, ist, dass sich das Konzept dieses Begriffs in Hinblick auf Imam Malik und der Leute Medinas […]
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„Der Rassismus auf dem Vormarsch? Ganz sicher. Ist das das Ventil für die Frustration Amerikas? Ist die Frustration berechtigt? Wer ist Schuld an dem Chaos? An einem Punkt, an dem die Welt erlebt, dass der Kommunismus als ein unvollkommenes System der Organisation von Menschen strauchelt, scheint auch die Demokratie denselben Weg zu gehen. Niemand sieht das große Bild.“ (iz). Die Zeilen stammen nicht aus der Feder eines Sozialwissenschaftlers, verfasst in der idyllischen Abgeschiedenheit einer US-Elite-Universität, an der Ost- oder Westküste der Supermacht. Diese Zeilen wurden auch nicht nach dem Wahlsieg Donald Trumps verfasst. Diese Zeilen sind Auszug aus einem Artikel, der vor einem Vierteljahrhundert, im Jahr 1992, in einer amerikanischen Kleinstadt, irgendwo im Nirgendwo, in den so genannten „Fly over States“, wie die Ost- und Westküsten-Eliten den Mittleren Westen ihrer von kontinentalen Ausmaßen geprägten Heimat, allgemein bezeichnen, erschienen. Diese Zeilen wurden von einem jungen Veteranen des ersten Irakkrieges verfasst, der drei Jahre später weltweit eine schaurige Berühmtheit erlangten sollte, nachdem er am 19. April 1995 in Oklahoma City 168 seiner Landsleute ermordete, die Rede ist von Timothy McVeigh. Explosive Mischung aus Wut, Verschwörungstheorien und Paranoia Die leichte Zugänglichkeit zu Schusswaffen in den Vereinigten Staaten trug dort schon immer zu einer Privatisierung von der Gewalt bei, wie das Massaker von Las Vegas wieder einmal demonstriert. Die explosive Mischung aus politischer Wut, Verschwörungstheorien und Paranoia, welche mit berechtigter Kritik an politischen Zuständen begann, die McVeigh im Laufe der folgenden Jahre zur Schau stellte, erscheint heute wie eine frühe Warnung angesichts der politischen Verwerfungen, denen sich die westliche Welt ausgesetzt sieht. McVeigh entfaltete vor seiner Tat, nach der Rückkehr von den Schlachtfeldern des Persischen Golfes, eine rege publizistische Aktivität in Form von kleinen Artikeln und Leserbriefen, das Internet war damals noch kein Massenmedium. Seine Zeit als Soldat während des Golfkrieges, einer Epoche in der die USA als große Sieger auf der Bühne der Weltgeschichte stolzierten, in der der US-Politologe Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ schwärmte, in der nur noch Demokratie und Marktwirtschaft den Lauf der Welt bestimmen würden, führte bei ihm zu einen Denkprozess, in der einige seiner Analysen – das ist das Erstaunliche hierbei – klüger klingen, als viele der gefeierten Experten, die sich heute längst als Fehlprognose erwiesen haben. Aufstieg des Turbokapitalismus McVeigh analysierte das Schicksal einer Mittelschicht, deren Einkommen stagniert und die sukzessive auf der falschen Seite einer neuen, in den USA ebenso wie Europa, sozialen Kluft rutschen, die Kluft zwischen den wohlhabenden Eliten und der breiten Masse. 1992 schrieb der spätere Massenmörder „Der amerikanische Traum der Mittelklasse ist vollständig verschwunden, an seine Stelle sind Menschen getreten, die nur darum kämpfen, die Lebensmittel für die nächste Woche kaufen zu können. Und der Himmel möge verhindern, dass der Wagen kaputtgeht. Politiker untergraben den ‘amerikanischen Traum’ noch weiter, indem sie Gesetzte verabschieden, die eine rasche Reparatur bringen, in Wirklichkeit aber nur die Wiederwahl sichern.“ McVeigh fehlten die analytischen Mittel, um diese Phänomene mit dem Aufstieg des Turbokapitalismus in Verbindung zu bringen, der nach dem Untergang der Sowjetunion versuchte, die Welt nach seiner Nützlichkeit zu formen, eine Entwicklung, die die Bevölkerung von ihren Eliten entfremdete und in der Wahl Donald Trumps, der sich als Anti-Establishment-Kandidat inszenierte ohne es zu sein, ihren bisherigen Höhepunkt fand. Er glitt schließlich ab, in die Fieberwelt der rechtsextremen Gruppierungen Amerikas, angereichert mit Phantasien von einem Leben in den amerikanischen Wäldern, wo das Leben einen endlosen Kampf darstellt, mit wilden Tieren und wilden Menschen, bis er sein Massaker begann. Über dieses schrieb er: „Die Zahl der Opfer müsse so hoch sein, dass die Bundesregierung sie niemals vergessen würde. Es war dieselbe Taktik, die auch die amerikanische Regierung in bewaffneten internationalen Konflikten einsetzte, wenn sie eine Botschaft an Tyrannen und Despoten schicken wollte.“ McVeigh wurde 2001 hingerichtet, just in jenem Jahr, in dem die Weltgeschichte in neues Fahrwasser gespült wurde, jenes Jahr, in dem der „War on Terror“ begann, nach den Anschlägen von Manhattan. Die damals begonnene Entwicklung hat die globale Strahlkraft des „westlichen Modells“ eingetrübt und in den Ländern des Westens selbst zu einer Revolte an den Wahlurnen geführt, die von Washington bis Prag die traditionellen politischen Systeme zertrümmert und neue Akteure in die Zentren der Macht spült. Das Phänomen „Islamfeindlichkeit“ Das Phänomen der Islamfeindlichkeit, eine Symbiose von ordinärer Fremdenfeindlichkeit und Ideologie, flankiert von programmatischen Versatzstücken der neuen(alten) Rechten, hat sich innerhalb der westlichen Welt bis weit in die Mitte der Gesellschaft etabliert. Es wird von führenden Politikern, Medienvertretern und Intellektuellen bedient. Der Aufstieg dieses Phänomens erlangte nachdem 11. September 2001 seinen Durchbruch, wurde angeheizt durch dhihadistische Anschläge, größtenteils salafistisch-wahhabitischer Provenienz, als Ergebnis der westlichen Beziehungen zu Saudi-Arabien, begangen von jungen Muslimen die sich ebenso radikalisierten wie einst McVeigh . Die Theorie von der „fünften Kolonne“ Der Massenmörder von Christchurch bediente sich dieser Rhetorik, um seine Tat zu rechtfertigen. Als seinen wichtigsten ideologischen Stichwortgeber nannte er mehrfach den früheren britischen Faschistenführer Oswald Mosley, während er seine Opfer – betende Muslime – Invasoren zu schmähen pflegte. Weißer Rassismus wurde und wird hier auf Muslime übertragen, die ja bekanntlich nicht eine Ethnie sondern eine Religionsgemeinschaft bilden, was bedeutet, dass hier eine Grenze überschritten wurde, die Grenze vom kulturalistischen Rassismus der Neuen Rechten, hin zum traditionellem biologistischen Hass. Dieses Faktum wird noch dadurch verstärkt, dass sich die Bluttat von Christchurch – zu ihrer Rechtfertigung – einer Argumentationskette bedient, die in den letzten 2 Jahrzehnten in den westlichen Diskurs aufgetaucht ist und an Einfluss gewinnt. Das Argument von der „fünften Kolonne“. Die Einwandernden werden dabei als „fünfte Kolonne“ identifiziert, die auf dem Territorium ihres erklärten Feindes einen Krieg gegen diesen führen. Daher-gemäß dieser ideologischen Verirrung mutiert ein Anschlag auf wehrlose Menschen wie in Neuseeland zum notwendigen Akt der legitimen Kriegsführung. 2017 erschien in Frankreich das Buch von Damien Le Guay „Der kommende Bürgerkrieg ist bereits da“ und unmittelbar vor dem Terrorakt von Christchurch erschien das Buch „Der Rassenbürgerkrieg“. Sicherlich handelt es sich bei Brenton Tarrant, so der Name des Mörders von Christchurch, um einen „Lone wolf“ wie bei Timothy Mc Veight 1995 auch. Die Tatsache aber, dass der Australier sich in einem Manifest rechtfertigte, vor allem wie, macht deutlich, wie verankert seine Handlung in den aktuellen und immer radikaler werdenden Diskurs der extremen Rechten des Westens ist, als deren Vollstrecker er sich sieht. Rückzug in Populismus und verbitterte Brutalität Ihre Anziehungskraft verdanken diese Dogmen einer tief empfunden Widersprüchlichkeit von Konzepten wie „Demokratie“ und „Meinungsfreiheit“, ein Gefühl das sich in den letzten Jahren wahrlich globalisiert hat. Die Widersprüche und die Kosten eines entfesselten Turbokapitalismus, der die Dominanz des Geldes in allen gesellschaftlichen Bereichen diktiert, flankiert von der Kluft zwischen einer Elite, die von den Entwicklungen profitiert und Massen, die sich von den Versprechungen des Systems ausgeschlossen sehen, zeigen sich in Populismus und dem Rückzug in verbitterte Brutalität. Unter den vielen jungen Menschen auf unserem Planeten, deren Schicksal es sein wird als „überflüssig“ zu gelten, verbreitet sich das Gefühl, dass die gegenwärtige Weltordnung, ob sie nun diktatorisch oder demokratisch verfasst ist, auf Betrug basiert. Dadurch entsteht eine Stimmung, die gefährlicher sein kann, flankiert von den ultramodernen Kommunikationsmitteln, als wir dies jemals erlebt haben. Foto: Ramon Schack Ramon Schack (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die Neue Zürcher Zeitung, Zeit Online, Deutschland-Radio-Kultur, Telepolis, Die Welt und viele andere namhafte Publikationen. 2013 erschien sein Buch „Neukölln ist Nirgendwo“, welches schon im Vorfeld der Veröffentlichung medial stark diskutiert wurde. Ende 2015 wurde sein Buch “Begegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack”veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer. 2017 erschien Schacks eBook „Zeitalter des Zerfalls“, welches sich seit Monaten in den Amazon-Bestsellerlisten bewegt. Schack berichtete aus Iran, Irak, Äthiopien,El Salvador und Ecuador ,USA, Russland, der Ukraine, Georgien, Aserbaidschan und vielen anderen Schauplätzen. Seit 2018 moderiert Schack die Internetsendung „Impulsiv TV“ in der er prominente Gäste aus Politik, Kultur und Wirtschaft interviewt.
Die Lieferketten für Kleidung, Lebensmittel und Dienstleistungen, die weltweit konsumiert werden, werden mit Zwangsarbeit gebildet, wobei Wanderarbeiter und indigene Völker besonders anfällig für Ausbeutung sind. (IPS). Nach einer früheren, umfangreichen […]
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(iz). Als Historiker setze ich mich gezwungenermaßen mit dem „Dritten Reich“ und der Judenvernichtung auseinander. Ein Wort, das mich in zahllosen Dokumenten immer wieder anspringt, ist das Wort „orientalisch“. Viele SS-Täter verwenden es, wenn sie ihre Opfer beschreiben. So ist die Rede von „sehr schönen orientalischen“ Mädchen unter den Jüdinnen irgendeiner weißrussischen oder ukrainischen Stadt, die bei irgendeiner „Aktion“ einer Einsatzgruppe vorher vergewaltigt wurden, um dann doch wie alle anderen ermordet zu werden. Der Antisemitismus ist auch Antiorientalismus Der europäische Antisemitismus war bis 1945 ein dezidierter Antiorientalismus. Juden galten als „Orientalen“, und diese passten dreifach nicht ins weiße, nordische Europa. Erstens, sie sahen anders aus – eben „orientalisch“. Zweitens, sie passten nicht in die Ständegesellschaft, denn etwas Vergleichbares wie die Einteilung der Menschheit in vererbten Adel und Nichtadel, die den Westen tausend Jahre lang geprägt hatte, gab und gibt es im Orient nicht. Drittens, sie hatten eine andere Religion. Die Religion beziehungsweise der Glaube war dabei das am wenigsten Relevante. Die Juden wurden gehasst, weil sie, durchaus ähnlich wie die so genannten Parias in Indien, nicht einmal Dritter Stand, nicht einmal Bauern oder später Proletariat waren. Sie ließen sich keinem Stand zuordnen, was in einem Zeitalter, das jeden Menschen über seinen Stand definierte, so sicher zu Problemen führt wie nur irgendetwas. Und sie wurden gehasst, weil sie einen Einschlag in Haut- und Haarfarbe hatten, den man in einer Zeit, in der es keinen Massentourismus gab, nicht kannte. Dass sie zu JHWH und nicht zum „lieben Gott“ beteten: Das war das Geringste der Probleme. Für Alfred Rosenberg war das Christentum „syrisch“ Alfred Rosenberg, sogenannter Chefideologe der NSDAP, bezeichnete das Christentum konsequent als „syrisch“. Für einen Nazi war der Mann ziemlich klug: Er erkannte, dass der eigentliche Gegensatz nicht etwa der zwischen christlich und jüdisch war, sondern der zwischen „nordisch“ und „orientalisch“. Rosenberg und die deutschen Nationalsozialisten kämpften für das Nordische, für das Heidentum, für die weiße Haut; gegen das „Syrische“, das Orientalische, die dunkle Haut. Dazu gehörte für ihn konsequenterweise das Christentum. Spätere Versuche der NS-Führung, Muslime in der Sowjetunion, auf dem Balkan und in Nordafrika zum Dschihad aufzuwiegeln, auch die Aufstellung muslimischer SS-Einheiten waren taktisch motiviert und richteten sich vor allem gegen die jeweiligen Protektoratsnationen; hier die Russen als Führer der slawischen Welt, dort die Briten als Kolonialmacht im Nahen Osten; ins rassistische Weltbild des Nationalsozialismus im Ganzen passten keine Orientalen. Der brutale Umgang der Deutschen mit den Griechen und, nach dem Seitenwechsel 1943, mit den Italienern, beides christliche und beides indoeuropäische, „arische“ Völker, deren Angehörige aber „wie Juden aussahen“, zeigt das deutlich. An dieser Stelle möchte ich eine persönliche Anekdote einfügen. Etwa im Jahr 1990 kam mein Vater eines Abends von der Arbeit nach Hause und erzählte uns Kindern, jemand habe zu ihm auf dem Weg zur Arbeit in der U 9 gesagt: „Morgen wirst Du vergast, Jude.“ Nun ist mein Vater gar kein Jude, sondern orthodoxer Christ. Aber mein Vater ist Grieche. Er hat eine dunklere Haut- und damals auch noch Haarfarbe als der durchschnittliche „nordische“ Europäer, und er hat eindeutig griechisch-orientalische Gesichtszüge. Und das genügte im Westberlin der ausgehenden Achtziger, in dem Neonazis noch allgegenwärtig im Stadtbild waren, um ihn als Juden „verdächtig“ zu machen. Ich habe diese Geschichte, die ich am nächsten Tag meinen verständnislosen Mitschülern (übrigens auf einer katholischen Privatschule) erzählte, bis heute nicht vergessen: weil sie mir das schwere Assimilationsschicksal meines Vaters (und damit ein Stück weit auch mein eigenes) verdeutlicht; weil sie eine Grundsolidarität zwischen mir und „den Juden“ hergestellt hat, die ich mir bis heute bewahrt habe; und schließlich, weil sie deutlich macht, was Orientalität bedeutet. Europa ist auf der Idee des Nordens gebaut Europa, wie wir es kennen, ist gebaut auf der Idee des Nordens als Antithese zu allem Orientalischem. Karl der Große schnappte sich den Kaisertitel vom griechischen, orientalischen Byzanz weg, als dort zufällig für ein paar Jahre eine Frau auf dem Thron saß. Seine fränkischen Hofjuristen hatten ihm geflüstert, dass jetzt eine gute Gelegenheit sei. Und der (wahrscheinlich langobardische, also germanische) Papst in Rom, der tatsächlich nur einer von fünf gleichrangigen christlichen Patriarchen war und unter diesen fünf der macht- und prestigeloseste, sah ebenfalls seine Chance gekommen und verschaffte sich, indem er Karl die Krone aufsetze, Extraprestige, denn einen Kaiser krönen, das konnten die östlichen Patriarchen nicht. Zweihundertfünfzig Jahre nach Karls Kaiserkrönung kam es dann zum endgültigen Bruch der christlichen Einheit, zum Schisma zwischen Abendland und Morgenland, weil der konstantinopolitanische Patriarch, verständlicherweise, die Oberhoheit seines römischen Kollegen nicht akzeptieren wollte. Kurz darauf fing auch der byzantinische Staat selbst an zu wanken. Die Türken waren auf den Weg nach Westen aufgebrochen. So traten an die Stelle der Griechen im Jahr 1453 die Osmanen, die das vierte islamische Kalifat begründeten: der Sultan als Stellvertreter Gottes und Nachfahre Mohammeds auf Erden in Personalunion, eine Art Papst und Kaiser in einem, aber eben auf orientalisch. Politisch blieben Orient und Okzident voneinander getrennt. Hier der Papst und „seine“ christlichen Herrscher, allen voran der ehemals fränkische König als Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches“, also Deutschlands; dort der jeweilige Kalif – vor den Osmanen gab es bereits drei arabische Kalifate – und „seine“ muslimischen Völker. Ein orientalisches Volk freilich lebte sowohl hier als auch dort: die Juden. Den Juden ging es unter dem Islam besser Natürlich ging es den Juden unter islamischer Herrschaft besser als unter christlicher. Zwar gab es schon immer auch einen muslimischen Antijudaismus: Die Juden hatten den Bund mit Allah aufgekündigt, so wie sie im Christentum Jesus, den Sohn Gottes, auf dem Gewissen hatten; aber im Alltag überwog die ethnische und sprachliche Verwandtschaft: Arabisch und Hebräisch sind kaum voneinander zu trennen, beides, Juden und Araber, sind semitische Völker. Die großen Pogrome im Mittelalter sind ganz überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich christliche Phänomene, während Juden unter arabischer und später türkischer Herrschaft relativ bequem leben konnten. Beispielhaft dafür die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki, der zweitgrößten jüdischen Gemeinde überhaupt nach Jerusalem, die zwei Jahrtausende unter römischer, byzantinischer, türkischer und schließlich wieder griechischer Herrschaft überdauerte – bis ihre Mitglieder im Jahr 1943 nach Auschwitz deportiert wurden, wo fast alle ermordet wurden. 50.000 Männer, Frauen und Kinder. Einige wenige überlebten als Mitglieder des so genannten Sonderkommandos. Antisemitismus, der eigentlich Antiorientalismus heißen müsste, gab es bis 1945 fast ausschließlich im Westen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, also vor siebzig Jahren, änderte sich das. Angebahnt hatte sich das im 19. Jahrhundert. Die Revolution hatte die Ständegesellschaft beseitigt – nun waren die Juden im Norden erst recht Außenseiter. Als Orientalen passten sie nicht in die modernen Nationalstaatsgesellschaften – also schlug die Geburtsstunde des Zionismus, dessen Galionsfigur der österreichische Jude Theodor Herzl wurde. Arabischer Antijudaismus ab dem 20. Jahrhundert Weil nun jeder Europäer, der noch 1780 einfach Untertan irgendeines Höheren unabhängig von dessen Nationalität gewesen war (das Ancien Régime war sehr internationalistisch), sich auf der Suche nach seiner Identität auf einmal mit seinem eigenen Nationalstaat identifizierte, glaubten auch die Juden, einen Nationalstaat haben zu müssen – und der nun erwachende europäische Antisemitismus ließ ihnen auch kaum eine andere Wahl. Zugleich löste sich das Osmanische Reich langsam auf, die einstmals so mächtige Türkei galt im 19. Jahrhundert bekanntlich als „der kranke Mann am Bosporus“ – und auch hier begann man plötzlich, in Nationen zu denken. Ägypter, Iraker, Syrer wollten nicht mehr osmanische Untertanen sein, sondern Bürger ihres eigenen Staates. 1918 ging, wie Österreich-Ungarn, auch das Osmanische Reich unter. Diese europäisch-orientalischen Vielvölkerstaaten, die das Nationenproblem über fünf Jahrhunderte hinweg entschärft und neutralisiert hatten, wurden auf den Friedenskonferenzen in Saint Germain en Laye und Sèvres ausgelöscht. Die arabischen Völker hatten sich im Ersten Weltkrieg den Briten unter dem Abenteurer und Schöngeist Thomas Edward Lawrence angeschlossen, um das osmanische Joch abzuschütteln, wie es ihnen Griechen, Slawen und Rumänen in den hundert Jahren zuvor vorgemacht hatten. Bestärkt wurden sie durch die Zusicherungen, die der britische Hochkommissar in Ägypten, Henry McMahon, im Jahr 1916 dem saudi-arabischen Staatsmann Hussein ibn Ali gemacht hatte: die Engländer versprachen den Arabern Unterstützung im Kampf um Unabhängigkeit von der türkischen Herrschaft – logisch, denn die Türkei kämpfte auf Seiten der Mittelmächte gegen die Entente. Arabischer Hass ist nationalistisch motiviert Nur ein Jahr später, 1917, machte allerdings der britische Außenminister Lord Balfour dem Bankier Lord Lionel Rothschild die Zusage, dass Palästina nach dem Ende der türkischen Herrschaft „Heimstatt der Juden“ werden sollte. Das, und der anglofranzösische Aufteilungsplan von 1916, bekannt als Sykes-Picot-Abkommen, gilt in der arabischen Welt seither als Sündenfall des Westens, der die arabische Sache verraten habe. Und zwar an die Juden verraten. Dass die Juden sich in der Diaspora einfach genauso nach einem eigenen Staat gesehnt hatten wie ihre arabischen Nachbarn während der türkischen Fremdherrschaft, unterschlägt die offiziöse arabische Geschichtspolitik dabei geflissentlich. Und vor allem unterschlägt sie, dass die Juden als Orientalen des Westens tausend Jahre lang, seit Karl dem Großen, genauso wie Dreck behandelt wurden, wie die Araber sich seit Napoleons ägyptischer Expedition, dem Auftakt westlicher Intervention im Orient, von den Westmächten wie Dreck behandelt fühlten. Der Hass vieler Araber – in ihrer Eigenschaft als Araber, nicht zwingend als Muslime – auf Juden ist also nicht religiös oder rassistisch motiviert, denn „rassisch“ und religiös bilden beide faktisch eine Einheit, sondern nationalistisch. Und er hat auch nicht so sehr mit der Errichtung des jüdischen Staates Israel zu tun, zu der es bekanntlich erst dreißig Jahre nach der Balfour-Deklaration kam, sondern vielmehr mit dem Scheitern des arabischen Nation Building in den vergangenen hundert Jahren, und mit der Rolle, die die Westmächte dabei spielten. Arabische Länder: Israel als „Kreuzritterstaat“ Schauen wir uns zum Vergleich Europa an: Dass der alte westeuropäische Nationalismus, der dem Kontinent sechshundert Jahre lang den Stempel aufgedrückt hat, seit 1945 de facto verschwunden ist, liegt im Wesentlichen daran, dass im so genannten Kerneuropa seither faktisch identische Lebensbedingungen herrschen. Nach Ostpreußen oder dem Elsass sehnt sich eben nur, wer wirtschaftlich in der unterlegenen Position ist; Hitlers Wahlerfolg ist undenkbar ohne das Narrativ, dass Franzosen und Engländer im Überfluss lebten, während die deutsche Mutter kaum ihre Kinder ernähren könne, weil die Westmächte den Deutschen Danzig, Oberschlesien und die Kolonien weggenommen und 1923 überdies das Rheinland besetzt hatten. In einem Europa, in dem das wirtschaftlich stärkste Land, Deutschland, keine vernünftige Armee hat, dafür aber die anderen, wirtschaftlich schwächeren Länder über den Euro und Brüsseler Beihilfen finanziell aushält, ist Nationalismus überflüssig wie ein Kropf. In den arabischen Staaten dagegen ist Hass auf Israel deshalb Staatsdoktrin, weil sich diese Staaten selbst als failed states wahrnehmen, Israel hingegen als Kuckucksei des Westens, als Kreuzritterstaat, als Geschöpf von Sykes-Picot – und nicht als das, was es eigentlich ist: nämlich ein majoritär von Orientalen bevölkerter orientalischer Staat mit einer semitischen Amtssprache und einem semitischen Glaubensbekenntnis. In Wahrheit ist Feindschaft zwischen einem Palästinenser und einem Israeli historisch-ethnisch in etwa so „sinnvoll“ wie die Feindschaft zwischen einem Schwaben, Badener oder Rheinländer und einem Franzosen. Shoa: Völkermord wegen Orientalität Der arabische Antisemitismus, der in Wahrheit in Antijudaismus ist, macht mich traurig, weil er so überflüssig ist. Ihm fehlt jede rassistische und im Grunde auch religiöse Grundlage. Seine einzige Motivation ist nationalistisch, und Nationalismus ist erstens etwas vollkommen Unorientalisches und zweitens im Zeitalter der Globalisierung restlos überholt. Juden und Araber sind Brüder, genauso wie Syrer und Tunesier, Marokkaner und Iraker sich automatisch mit „Akhi“ anreden. Wer jüdische Deutschrapper wie Ben Salomo oder Sun Diego hört, fühlt diese Verwandtschaft sofort. Die Juden in Auschwitz, Riga und Treblinka wurden als Orientalen gedemütigt, gefoltert und ermordet. Sie sind den Blutzeugentod gestorben für ihre Orientalität, dafür, dass sie auch nach zweitausend Jahren der Diaspora ihre Bindung an ihre Heimat an der Levante nicht aufgegeben hatten; dass sie die orientalische Sprache, das Brauchtum, den sehr persönlichen, sehr unnordischen Glauben an Eloah bewahrt hatten, ob nun als „Fetzentandler im Kaftan“ im galizischen Brody oder als bourgeoise Oberschicht im Faubourg Saint Germain, in Charlottenburg oder in Ferrara. Wurzeln einer gemeinsamen Geschichte Die Schergen der SS hatten sie alle wieder gleichgemacht. Nicht so sehr, weil jüdische Oberschicht mit nichtjüdischer Oberschicht unter einer Decke steckte und gemeinsam Geschäfte und Politik machte („Weltjudentum“); sondern weil Juden Orientalen waren und ein Orientale eben niemals zur edlen weißen Rasse gehören konnte. Ein „schmutziger Orientale“ konnte ja nicht einmal mit einem schlichten deutschen SS-Rottenführer-Proleten aus Schlesien oder Westfalen mit Volksschulabschluss gleichziehen; da sollte er sich ja nicht einbilden, auf einer Ebene mit den Balfours oder Guermantes oder Hohenlohes dieser (westlichen) Welt zu stehen. Dieser „Hochmut“ – und um den ging es – sollte Juden ausgetrieben werden, bestialisch, mit sadistischer Brutalität, die weit über ihre physische Vernichtung hinausreichte. Das sollten wir im Westen nie vergessen. Es ist bequem, in Berlin, Paris oder New York von jüdisch-christlicher Tradition zu sprechen, wenn man sich selbst vorgaukelt, Juden sähen typischerweise wie Gwyneth Paltrow oder die Kushner-Brüder aus. Nun sieht Gwyneth Paltrow (deren Urgroßvater freilich weißrussischer Jude war) aber eben wie eine „aryan goddess“ aus, die schon vor hundert Jahren jeder Marlborough oder de la Rochefoucauld oder Henckel-Donnersmarck trotz strengster katholischer oder anglikanischer Familientradition bereitwillig geheiratet hätte. Das „eigentlich“ Jüdische aber ist eben orientalisch – und steht ergo dem Muslimischen, Arabischen tausendmal näher als dem Weiß-Angelsächsisch-Protestantischen. Viel mehr als eine jüdisch-christliche gibt es eine jüdisch-arabische Gemeinschaft. Speerspitze des Orients in der westlichen Welt Wir im Westen täten meiner Meinung nach besser daran, diese jüdisch-arabische Gemeinschaft zu betonen, anstatt auf einer reichlich konstruierten christlich-jüdischen Identität herumzureiten, die es so nie gegeben hat und die eine Erfindung des Philosemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg ist (wir dürfen nicht vergessen: nicht nur wir Deutschen als Tätervolk, auch Engländer und US-Amerikaner fühlten sich nach 1945 schuldig, weil sie viel zu wenig zur Rettung der Juden unternommen hatten). Und auf der anderen Seite sollen und müssen wir die muslimische Welt daran erinnern, dass die Juden nicht ihre Antipoden, sondern ihre Schwestern und Brüder sind. Dazu gehört freilich Mut: der Mut des Westens, sich ins eigene Knie zu schießen und die Front in den Köpfen nachträglich wieder zu begradigen, die im Namen westlicher Erinnerungspolitik künstlich verzogen wurde: Denn diese Front verlief eben nicht zwischen den Arabern und der „christlich-jüdischen Wertegemeinschaft“; sondern zwischen der orientalischen Welt einschließlich der Juden auf der einen und der westlich-nordischen Welt auf der anderen Seite. Der westliche Philosemitismus stellt die Juden und Israel nur zu gerne als Speerspitze des Westens gegen den unzivilisierten, islamischen Orient dar; doch damit vertieft er – unwissentlich und ganz sicher auch wissentlich – die Kluft zwischen dem Westen und dem Orient und vor allem die Kluft zwischen Juden und Muslimen. In Wahrheit aber sind und waren Juden die Speerspitze des Orients in der westlichen Welt. Dieser Gedanke einmal in die Köpfe der Muslime gepflanzt, und der israelisch-arabische Konflikt ist seiner Lösung einen entscheidenden Schritt näher – und der arabische Antijudaismus vielleicht schon bald Geschichte.
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