Urnengang verschoben: Nigeria nimmt neuen Anlauf für Wahlen

Abuja (KNA). Die Schlagzeilen der nigerianischen Zeitungen, die Aniekan Abasi E. James an seinem Stand in Wuse 2, einem Viertel in Nigerias Hauptstadt Abuja, am Samstagmorgen auslegte, lauteten alle gleich. INEC, die Unabhängige Nationale Wahlkommission, verschiebt den Urnengang um eine Woche. „Es ist ärgerlich. Ich bin verbittert. Um 4.30 Uhr habe ich mich heute Morgen auf den Weg zu meinem Wahllokal gemacht. Und dann höre ich im Radio, dass die Wahl nicht stattfindet“, sagt er.
Am Freitag kursierten zwar bereits entsprechende Gerüchte. Sie stammten jedoch aus dem Lager von Oppositionskandidat Atiku Abubakar von der People’s Democratic Party (PDP). Das werteten Beobachter als Spitze gegen die amtierende Regierung von Muhammadu Buhari, der für den All Progressives Congress (APC) antritt.
Umso überraschender kam dann die nächtlich einberufene Pressekonferenz. INEC-Chef Mahmood Yakubu ließ mitteilen, dass es logistische Probleme gebe. Freie, faire und glaubwürdige Wahlen seien derzeit nicht möglich. Dabei hatten Sprecher in den vergangenen Wochen gebetsmühlenartig betont, wie gut die Vorbereitungen diesmal liefen. Das sollte ein wichtiges Signal für die gut 84 Millionen registrierten Wähler sein. Schließlich waren schon die Präsidentschaftswahlen 2011 und 2015 wegen logistischer Probleme verschoben worden.
In Yola, der Provinzhauptstadt von Adamawa an der Grenze Kameruns, zeigt sich auch der katholische Bischof Stephen Dami Mamza enttäuscht. „Ich bin heute Morgen aufgewacht und war bereit zu wählen“, sagt er. Besonders kritisiert er, dass die Verschiebung gerade einmal sechs Stunden vor Öffnung der Wahllokale bekannt gegeben wurde. „Es wäre etwas anderes gewesen, wenn man zwei oder drei Tage früher entschieden hätte.“
Zahlreiche Nigerianer sind nicht an ihren Wohnorten, sondern in den Heimatdörfern registriert. Um zu wählen, nehmen sie lange Reisen und hohe Kosten auf sich. Eine einfache Fahrt von Abuja in die nordnigerianische Wirtschaftsmetropole Kano kostet aktuell beispielsweise mindestens 3.000 Naira (Tageskurs: 7,34 Euro), etwa ein Zehntel des gerade neu festgesetzten Mindestlohns. Eine erneute Reise in einer Woche werden sich viele Menschen nicht leisten können.
Dabei wurde schon in den vergangenen Monaten im ganzen Land viel Unmut laut. Kritiker werfen Buhari vor, seine Wahlversprechen von 2015 – die Bekämpfung der islamistischen Terrormiliz Boko Haram, von Korruption sowie die Stärkung der Wirtschaft – nicht eingelöst zu haben. Seine Wiederwahl galt deswegen keinesfalls als sicher. Stattdessen wurde ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihm und Atiku mit knappem Ausgang erwartet.
Nach derzeitigem Stand sollen die Präsidentschafts-, Parlaments- und Senatswahlen nun am 23. Februar statt. Für die Landesparlamente und Gouverneure ist der 9. März als Termin ausgegeben.
Das bevölkerungsreichste Land Afrikas nimmt nun einen neuen Anlauf für den Urnengang. Geplant ist, zwischen Montag und Donnerstag die erforderlichen Unterlagen in die 774 Landkreise zu bringen. In diesem Zeitraum sollen auch die Lesegeräte für die Wählerkarten neu konfiguriert werden. Anfangs haben man überlegt, die Wahlen auf den kommenden Sonntag anstatt den Samstag zu verschieben, um noch etwas Zeit zu gewinnen, sagte INEC-Chef Yakubu. Davon sei man allerdings rasch abgekommen. Viele Landsleute gingen sonntags eher in die Kirche anstatt in ein Wahllokal.

,

Wie gründet man eine ­Stiftung?

(iz). Die Stiftungen im Islam (Waqf, Plural Auqaf; auch Habous) sind ein bedeutsames Element des sozialen Lebens und haben in der ­islamischen Geschichte eine große Rolle gespielt. Am stärksten ausgeprägt, […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

,

Innovative Moschee in Norddeutschland geplant

Norderstedt (KNA). „Friede“, „Reue“ und „Glaube“ – die Worte prangen in deutscher, englischer und arabischer Sprache an der Außenwand. Die gläserne Fassade erlaubt jedermann einen Blick in den Gebetsraum. So ist der Plan. Auf dem Grundstück ihres jetzigen Gebetshauses in einer ehemaligen Gaststätte plant die zur Ditib gehörige Eyüp-Sultan-Gemeinde im schlewig-holsteinischen Norderstedt einen futuristischen Moschee-Neubau.
Der Hamburger Architekt Selcuk Ünyilmaz, der am Sonntag seine Pläne erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorstellte, spricht von einem „weltweit einzigartigen Projekt“. Auf seinen Grafiken wirkt das Gebäude gigantisch; gemessen an seiner Größe liegt es mit 1.800 Quadratmetern Nutzfläche und einem Gebetsraum für rund 300 Menschen im Vergleich zu anderen Moscheen jedoch im Mittelfeld.
Neben der Fassade besteht auch die Kuppel des quaderförmigen Hauptgebäudes komplett aus Glas. Ihr Ausläufer zieht sich bis zum Boden. Auf den Balkonen der beiden Minarette, wo in traditionellen Moscheen der Muezzin ruft, drehen sich vertikale Windräder für die Stromerzeugung. Weiter sollen ein Eisspeicher im Erdreich und eine intelligente Fassade den Energiehaushalt optimieren.
Die Planungen für das rund vier Millionen Euro teure Bauvorhaben laufen bereits seit 2010. Im Juni solle es nun endlich losgehen, verkündete die Gemeinde am Sonntag im Rahmen einer Feierstunde. Warum sie einen Neubau will, wird bei einem Besuch in der derzeitigen Moschee schnell klar. Das Haus ist baufällig und von außen kaum als Gotteshaus erkennbar. Außerdem ist das Gebäude viel zu klein für die wachsende Gemeinde: Beim Freitagsgebet finden viele Gläubige keinen Platz und müssen draußen stehen.
Doch nicht nur diese praktischen Erwägungen spielen eine Rolle: „Wir türkischstämmigen Muslime leben mittlerweile in der dritten oder vierten Generation in Norderstedt. Mit einem repräsentativen Gebäude wollen wir zeigen, dass wir hier angekommen sind“, sagt Gemeinde-Sprecher Tahsin Cem. „Wir wollen ein Gebäude für die Zukunft schaffen.“ Dafür stehe beispielsweise auch der Einsatz erneuerbarer Energien.
Außerdem solle die neue Moschee zugleich Begegnungsstätte sein und einladend wirken – auch auf Nicht-Muslime, beispielsweise die Beschäftigten der umliegenden Betriebe. Sie soll daher auch ein Cafe, einen Supermarkt sowie Schulungs- und Projekträume etwa für Frauen- und Jugendarbeit enthalten.
Die Stadt Norderstedt stand dem Projekt von Anfang an aufgeschlossen gegenüber, wie ein Sprecher auf Nachfrage bestätigt. „Auch seitens der Stadtpolitik gab es einhellige Zustimmung.“ Für die Minarette, die mit 21 Metern über der maximal erlaubten Bauhöhe von 15 Metern liegen, gab es eine Ausnahmegenehmigung, die für einen Kirchturm auch erteilt worden wäre, wie der Sprecher betont. Das dreigeschossige Hauptgebäude liegt mit 12,50 Metern innerhalb der Vorgaben. Im Februar vergangenen Jahres wurde die Baugenehmigung erteilt.
Architekt Ünyilmaz ist von der Unterstützung durch die Kommune begeistert: „Es gibt Städte in Deutschland, da hätte ich Schwierigkeiten, solche Pläne umzusetzen.“ Widerstand kommt lediglich von der örtlichen AfD-Fraktion und einem einzelnen CDU-Politiker aus dem benachbarten Hamburg, die beide unter anderem die Verbindung der Gemeinde zum deutsch-türkischen Moscheeverband Ditib kritisieren. Die bestreiten die Norderstedter Muslime nicht. Tahsin Cem betont aber auch: „Für die Finanzierung der Moschee erhalten wir keinen einzigen Cent aus der Türkei.“ Die Gemeinde müsse das Geld komplett selbst aufbringen.
Doch die Finanzierung ist längst nicht gesichert: Bislang hat der Moscheeverein erst rund eine Million Euro Spenden gesammelt. Er will in Kürze bundesweit für das Projekt werben. Wenn der erste Spatenstich erstmal erfolgt sei und die Leute sähen, dass es vorangehe, würden sich auch Unterstützer finden, ist Cem überzeugt: „Wer Gottes Wege geht, der muss auch ein bisschen Mut haben.“

, , ,

Nur jeder 25. Mensch lebt in einem offenen Land

Berlin (KNA). Die Zahl der Demokratien rückläufig, illiberale Kräfte auch in der EU auf dem Vormarsch, autoritäre Tendenzen in vielen Teilen der Welt: Der aktuelle „Atlas der Zivilgesellschaft“ des evangelischen […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

Vom In-der-Welt-sein

(MFAS). Das Thema des menschlichen In-der-Welt-seins ist enorm. Hier kreuzen sich Religion, Philosophie und Psychologie. Ich kann nicht umhin, grobe Verallgemeinerungen zu machen. Sie sollten als poetisch und weniger als […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, , , ,

Richtiges Zuhören will gelernt sein

Die Lehre betrachtet den ­Menschen als einen speziellen Teil der Schöpfung. Geehrt von Allah, sind sie Seine Sachwalter auf der Erde und streben auf ein erhabenes Schicksal zu. Ihr Urahne […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, , ,

„Wir dürfen uns nicht auf ein Modell versteifen“

(iz). Deutschlands Muslime haben in ihrer Lebenswirklichkeit längst das Stadium der Improvisation und der nur kurzzeitigen Präsenz hinter sich gelassen. Fraglich bleibt, ob das bisher dominante Vereinsrecht geeignet ist, den Aufbau einer dynamischen, muslimischen Gemeinschaft und Zivilgesellschaft zu befördern. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die Frage nach der Ausbildung von Imamen in Deutschland, die bisher nur in Relation zum Staat diskutiert wird.
Hierzu sprachen wir mit dem Juristen, Consultant und Medienberater Engin Karahan. Karahan betreibt eine spezialisierte Agentur in Köln, in der er unter anderem muslimische Gemeinden bei Strukturfragen berät. Er sieht im Stiftungswesen  Ansätze, die zukunftsweisend für die Muslime in Deutschland sein können.
Islamische Zeitung: Lieber Engin Karahan, sind die jetzigen Strukturen der Selbstorganisation von Muslimen im Rahmen des Vereinsrechts eigentlich den Herausforderungen von Muslimen und den Zeitbedingungen angemessen?
Engin Karahan: Ausreichend sind sie meiner Meinung nach nicht. Hierbei muss man bedenken, dass diese Organisationsformen nie auf Dauer angelegt waren. Die aktuellen Strukturen und Organisationen sind nicht zielgerichtet entstanden. In der Gründungszeit der ersten Moscheegemeinden hat sich niemand Gedanken darüber gemacht, welche Strukturen das Ganze haben sollte, damit man Religionsgemeinschaft sein kann.
Diese Aspekte sind zu Beginn nicht bedacht worden. Hier handelte es sich um die Frage von Kapazitäten. Man hat eine Struktur gebraucht, um ein Mindestmaß an Dienstleistungen wie den Aufbau einer Moscheegemeinde anbieten zu können. Anfänglich ging es um den Fakt, dass Vermieter möglicher Gebetsräumlichkeiten keine Verträge mit Personenverbänden mehreren Personen abschließen wollten. Muslime der ersten Generation sind oft über die Vermieter darauf aufmerksam gemacht worden, dass man für die Anmietung einer Immobilie einen Verein gründen kann.
Was wir aktuell haben, ist nie geplant und – meiner Meinung nach – nie richtig durchdacht worden. Wir haben es hier mit der Folge von Notwendigkeiten zu tun. Mittlerweile sind wir im fünften Jahrzehnt nach der Gründung erster Moscheegemeinden. Da müssten wir uns Gedanken über die Art und Weise machen, wie wir strukturell als muslimische Community organisiert sind, und wie das zukunftsfähig sein kann. In dem einen oder anderen Kontext brauchen wir ein prinzipielles Nachdenken, ob diese Strukturen nicht komplett überarbeitet werden müssen.
Die Strukturen bestehender Moscheegemeinden dürften meiner Meinung nach nicht zur Disposition stehen. Hier wird eine gewisse Konsolidierung eintreten. Es könnte sein, dass sich kleinere Gemeinde aufgrund wachsender Herausforderungen zusammenschließen. Mit Ausnahme von Ostdeutschland dürften auch nicht mehr viele, neue hinzukommen. Es zeigt sich in steigendem Maße, dass für viele neue Notwendigkeiten der letzten 10-20 Jahre die bestehenden Strukturen nicht ausreichen.
Islamische Zeitung: Was wären denn konkrete Negativwirkungen, die vom Vereinsrecht ausgehen? Hat die Entscheidung, die ja eher eine improvisierte war, für dieses Modell die heutigen Gegebenheiten die heutige Lage mitgeprägt?
Engin Karahan: Ich würde lieber mit dem Positiven anfangen. Diese Organisationsform hat die Möglichkeit zur Einbindung einer breiteren Schicht von Akteuren vergrößert – durch die Vereinsstruktur, Mitgliedschaften usw. Der Zugang zur Mitarbeit war grundsätzlich gewährleistet. Es sei dahingestellt, dass die eine oder andere Gemeinde das besser beziehungsweise schlechter genutzt hat. Im Unterschied zu den Herkunftsländern ist die Struktur der muslimischen Selbstorganisation viel zivilgesellschaftlicher. Mit Ausnahme der DITIB – seit Beginn der 1980er Jahre – gibt es hier keine staatliche Behörde, die Religion „von oben herab“ organisiert. Letztendlich musste vieles von der Basis her organisiert werden.
Dies brachte auch Probleme mit sich. Das Geschenk der islamischen Ehrenamtlichkeit, das Handeln um Allahs willen (arab. fisabilillah), ist nicht zu unterschätzen. Problematisch wurde es, dass es dann dabei geblieben ist. Die personelle Fluktuation war sehr erheblich und es stellt sich die Frage, ob und wie sich geeignetes Personal halten lässt. Hinzukommt die Schwierigkeit, dass viele Aufgaben rein ehrenamtlich nicht mehr lösbar sind. Das gilt insbesondere dann, wenn man den Anspruch hat, Religionsgemeinschaft zu sein, und gesellschaftlich eine Rolle spielen will. Hier kommen Herausforderungen und Verpflichtungen auf die Gemeinschaften zu, die sich in diesem Modell nicht mehr lösen lassen. Das Erarbeiten und Umsetzen von Konzepten und Projekten lässt sich nicht „nebenher“ nach einer Arbeitsschicht bewältigen. Dafür ist qualifiziertes Personal nötig, das sich auf solche Aspekte fokussieren kann.
Des Weiteren konnte im bisherigen Modell nicht immer gewährleistet werden, dass an den entscheidenden Stellen fähige Personen aktiv sind. Wie in jeder Struktur geht es immer auch um Machtfragen und Interessengruppen. Letztendlich ist der Anspruch, die Fähigsten und die Besten an die Schlüsselstellen zu setzen, von der Beachtung Rücksichtnahme auf dasder eigenen Klientel überdeckt worden.
Islamische Zeitung: In dem vereinsrechtlichen Modell sind die Gelehrten und Imame, schon durch den Fakt ihrer finanziellen Anstellung, einer Kontrolle unterlegen. Ist das nicht ein weiteres Problem dieser Organisationsform?
Engin Karahan: Ich würde sagen, dass dieses Abhängigkeitsverhältnis für die meisten Imame nichts Neues gewesen ist. Im türkischen Kontext sind sie viele ja Staatsbeamte. Sie In der Türkei haben sie bisher nichts anderes als diese Situation kennengelernt. Was sie manchmal in gewissen Zusammenhängen verstört, ist, dass ihre Abhängigkeit gegenüber Vorstand aus „Laien“ besteht. Ich habe das immer wieder von Imamen gehört, die hier ihre Zeit verbracht hatten und dann in die Türkei zurückkehrten. Sie verspüren eine gewisse Irritation, dass sie einen „Vorgesetzten“ hätten, der „bei Ford am Band“ stünde, und meine, ihnen Vorgaben machen zu können. Ich habe diese Irritation eher als befremdend wahrgenommen, denn diese geschmähten Leute waren ja am Aufbau der Strukturen beteiligt.
Wer hier zwei oder vier Jahre einer Moschee als Imam zugeteilt wird, hat in der Regel keine Ahnung davon, was um ihn herum stattfindet. Auf der Ebene der Imame hat das nicht unbedingt zu einem gesunden Verhältnis mit der Gemeinschaft geführt. Das ist einer der Bereiche, bei dem Diskussionsbedarf besteht. Eine nötige Aufarbeitung findet derzeit nicht statt. Vielmehr nehmen beide Seiten diese Verhältnisse hin. Das kann natürlich umschlagen, wenn Imame in Führungspositionen kommen, was dazu führen kann, dass mehrheitlich nur dem religiösen Personal getraut wird, Funktionen zu übernehmen und die bisherigen „Laien“ immer weniger Leitungs- und Mitsprachemöglichkeiten bekommen.
Islamische Zeitung: In anderen westlichen Ländern, mit ähnlichem Aufbau muslimischer Gemeinschaften durch Einwanderung, gibt es eine deutlich stärkere Suche nach neuen Organisationsformen wie dem Stiftungsmodell. Im Vergleich gibt es in Deutschland nur ganz wenige muslimische Stiftungen. Woher kommt das?
Engin Karahan: Das liegt einerseits an der mangelnden Vertrautheit mit diesem Modell, obwohl es in der muslimischen Geschichte ein starkes Fundament hat. Die hier lebenden Muslime haben kaum einen Bezug dazu und Erfahrung mit ihm. Andererseits bedeutet das Stiftungswesen eine andere Art von Arbeit und Vereinigung.
Im Verein werden Menschen zusammengebracht. Hier kommen die Mitglieder zusammen, die im Kontext eines Ideals eine gemeinsame, institutionelle Struktur der Arbeit finden. In einer Stiftung ist es das Stiftungskapital, um das herum sich alles organisiert und strukturiert. Hier unterscheiden sich Arbeitsweisen, die Rechenschaftspflichten sowie die Verantwortung. Es stellt sich auch die Frage der Legitimation.
Islamische Zeitung: Es gibt doch im deutschen Stiftungsrecht Mechanismen, die eine unabhängige Kontrolle gewährleisten .
Engin Karahan: Diese ergibt sich aus der Gestaltung der Stiftung. Was ich meinte, ist der Wesensunterschied zwischen dem Aufbau beider Institutionen – die finanzielle Basis bei den Stiftungen und die personelle bei Vereinen. Ich denke, die Unkenntnis beziehungsweise die fehlenden Erfahrungen bezüglich der Stiftungen ergeben sich auch aus Befürchtungen vor einem Kontrollverlust. Das gestiftete Vermögen steht einer Institution dann nicht mehr direkt zur Verfügung, sondern muss es in den Dienst des Siftungszweckes stellen. Das Binden von Finanzmitteln für einen Zweck dürfte den meisten Akteuren ein bisschen fremd vorkommen. Bei einem Verein hingegen kann ein Vorstand weitgehend frei über den Einsatz des vorliegenden Vermögens bestimmen. Das kann ein Stiftungsvorstand nicht nur im Rahmen des Stiftungswillen.
Prinzipiell bin ich bei der Frage zur weiteren Institutionalisierung der Muslime in Deutschland überzeugt, dass wir uns nicht auf ein Modell versteifen können. Wir müssen eher schauen, ob sich nicht gewisse Mischformen entwickeln lassen. Für manche Zwecke und Absichten sind Stiftungen das probate Mittel. Ein konkretes Beispiel dafür ist die Imamausbildung. Wenn es darum geht, für spezifische Aufgaben feste Strukturen zu schaffen und zu gewährleisten, die von der Willkür eines Vorstandswechsels befreit sind, sind sie die richtige Struktur. Es gibt spezifische Aufgaben, die vor einem Personal- und Richtungswechsel geschützt werden sollten.
Islamische Zeitung: Ist das Stiftungswesen nicht ebenso ein Modell für etablierte Moscheegemeinden, die heute längst Einkünfte durch eigene Immobilien generieren?
Engin Karahan: Auf der Gemeindeebene ist es meiner Meinung Abwägungssache. Der Unterschied zwischen dem Vereinsleben und dem Stiftungsleben besteht in der Motivation von Menschen, sich in dieses einzubringen. Gerade bei der Stiftung muss man dies nicht unbedingt tun, weil es eine finanzielle Ausstattung gibt, oder geben sollte, die unabhängig davon den Stiftungszweck gewährleistet, ob jemand diese Institution unterstützt. Es scheint mir schwierig zu sein, über diesen Weg das Gemeindeleben aktiv und rege zu halten. Trotz aller Nachteile ist das Vereinswesen eine geeignete Möglichkeit, Menschen in die Arbeit aufzunehmen und Verantwortung zu übertragen.
Islamische Zeitung: Sind hier keine Mischformen ein gangbarer Weg, bei denen die Infrastruktur als Stiftung vorliegt, aber das Gemeindeleben in Vereinsform stattfindet?
Engin Karahan: Prinzipiell sehe ich hier Möglichkeiten von Mischformen. Am Ende muss man sehen, ob sich eine Stiftung finanziell rechnet, sodass genug Kapital vorhanden ist, dass aus den Früchten ihres Kapitals der Stiftungszweck erfüllt werden kann. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Kauf einer Immobilie, mit deren Mieteinnahme ihr Stiftungszweck unterhalten wird. Mit der Gründung einer Stiftung verschwindet der Zugriff beliebige Zugriff auf die Immobilie. Sie gewährleistet selbstverständlich, dass bei der Widmung von Mitteln ein neuer Vereinsvorstand nicht auf den Gedanken kommt, diese anderweitig einzusetzen. Das sind Entscheidungen, bei denen Laien eine gründliche Beratung brauchen, die ihnen die Situation sowie deren Vor- und Nachteile darlegen kann. Selbst wenn man als Vereinsvorstand einen Stiftungsvorstand kontrolliert, hat dieser eine eigene Verantwortung und Rechtsrahmen, der zu beachten ist.
Islamische Zeitung: Seit einigen Monaten wird die Frage nach der Selbstverortung und zukünftigen Struktur von Muslimen in Deutschland diskutiert. Leider Gottes ist das ein recht binäres Gespräch geworden. Könnten Modelle wie das Stiftungswesen hier nicht eine vermittelnde Position beschreiben und Ängste zu Einflussnahmen abbauen?
Engin Karahan: Eines muss man mit Bezug auf das Stiftungswesen wissen. Hier ist die staatliche Kontrolle intensiver als beim Vereinswesen. Gerade auch die Frage nach der Mittelnutzung sowie der Schutz des Stiftungskapitals bezieht staatliche Aufsichtsbehörden mit ein. Sie sind mehr involviert, als es beim Vereinsgericht beziehungsweise dem Finanzamt der Fall ist. Das schlägt sich nicht auf die inhaltlichen Aspekte nieder, die nicht der staatlichen Kontrolle unterliegen.
Es gibt einen Punkt, den ich in diesem Kontext sehen würde. Ich bin der Meinung, dass es Bereiche gibt, die innerhalb der Community stärker institutionalisiert werden müssen, als es heute der Fall ist. Diese Institutionalisierung darf nicht der Willkür von Vorstandswechseln oder aktuellen Moden unterworfen werdensein. Da gibt es Aspekte, die nicht mehr auf dem Vereinsweg gebildet werden können. Hier bietet sich tatsächlich das Stiftungswesen an; um die Fokussierung auf spezifische Tätigkeitsfelder aufrechtzuerhalten.
Beim Thema Imamausbildung würde eine Stiftung die Möglichkeit bieten, dass unterschiedliche Gemeinschaften sich dort auch gemeinsam finanziell einbringen können. Wenn diese eine Akademie finanziert oder zu ihrer Aufrechterhaltung beiträgt, würde das bedeuten, dass die Imamausbildung weiterhin in der muslimischen Zivilgesellschaft verbleibt, aber gleichzeitig nicht plötzlich verschwindet, wenn es keinen politischen Druck mehr bei diesem Thema gibt.
Das wäre eine Gelegenheit für die muslimische Community, jenseits vom tagespolitischen Druck, Nägel mit Köpfen zu machen und endlich den bestehenden Mangel zu beheben. Und das Problem lässt sich nicht einfach dadurch lösen, dass es theologische Studiengänge an den Universitäten gibt. Diese bilden in ihrem eigenen Selbstverständnis keine Imame aus, sondern Theologen. Auf der anderen Seite wollen wir auch nicht, dass ein staatlicher Akteur entscheidet, wie das Curriculum der Ausbildung von Imamen auszusehen hat. Aktuell fehlt es mir an tatsächlichen Lösungsansätzen von Seiten der Gemeinschaften. Hier mangelt es an Aufrichtigkeit innerhalb der muslimischen Verbandslandschaft, dass wo dieses Thema oftmals nur halbherzig angegangen wird, um zu sagen, man habe eine solche Ausbildung.
Bei solch einem Thema lohnt es sich, dass wir größere Mittel zur Verfügung stellen. Und auch bereit sind, diese in Form von Stiftungsvermögen zu widmen.
Islamische Zeitung: Lieber Engin Karahan, wir bedanken uns für das Gespräch!

, , ,

Junge Berliner Muslime starten mit „Deutscher Islam Akademie“

Berlin (KNA). Einem Vorurteil begegnen Katholiken und Muslime oft in ähnlicher Weise: einer Glaubensgemeinschaft anzugehören, die ihren Mitgliedern nur wenig Vielfalt erlaubt. In der Berliner Katholischen Akademie tauschten sich Vertreter beider Religionen am 24. Januar über diese Erfahrung aus – und begründeten damit zugleich eine neue Kooperation.
Es war die erste gemeinsame Veranstaltung der katholischen Bildungsstätte mit der „Deutschen Islam Akademie“. Die vor gut einem Jahr begründete Initiative mit Vereinsstatus will neue Wege im Dialog von Muslimen mit Angehörigen anderer Religionen und Weltanschauungen einschlagen, wie die Vorsitzende Pinar Cetin erklärte. Nach Angaben der studierten Politikwissenschaftlerin engagieren sich in Berlin rund 60 junge Muslime für das Projekt, das auch bundesweit ausstrahlen soll. Ein weiterer Kooperationspartner ist die Bundeszentrale für politische Bildung.
In konfliktbehafteten Fragen um den Islam hat sich Cetin bereits einen Namen gemacht. So geriet sie im vergangenen September mit dem von der Türkei dominierten Dachverband DITIB aneinander. Dessen Funktionäre verwiesen sie aus der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln, als die 36-Jährige dort Schülern ein Projekt gegen die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher vorstellen wollte.
Die in der neuen Akademie engagierten Muslime wollen aber nicht mit ihren Gemeinden brechen, „in denen sie sich weiter wohlfühlen“, wie Cetin betonte. Manche empfänden im Rahmen der traditionellen Religiosität aber gelegentlich „Atemnot“, räumte die Muslimin ein, die ihren Glauben mit dem Kopftuch bekundet. Sie wollten auch Themen wie Tier- und Umweltschutz und den interreligiösen Dialog nicht nur in ihre Gemeinden, sondern aus muslimischer Perspektive auch in die gesellschaftlichen Debatten tragen.
Der Auftakt in der Katholischen Akademie hatte ein durchaus eigenes Gepräge. Bevor andere zu Wort kamen, hörten die Teilnehmer, unter ihnen viele ebenfalls Kopftuch tragende junge Musliminnen, eine gesungene und programmatisch anmutende Koran-Sure über die Erschaffung der Menschen als Mann und Frau und die Vielfalt unter ihnen.
Aus unterschiedlicher Perspektive wandten sich Vertreter beider Religionen dann gegen den Verdacht, Islam und Katholizismus seien monolithische Blöcke. So betonte der Islamwissenschaftler Bacem Dziri von der Universität Osnabrück, seine Religion biete traditionell viele unterschiedliche Möglichkeiten, sie eher gemeinschaftsbezogen oder eher individuell zu leben. Wie dies dann im Einzelfall sei, hänge von auch von vielen nichtreligiösen Einflüssen ab. Der Berliner Bibelwissenschaftler Rainer Kampling verwies auf die vielen Formen von Frömmigkeit, die es selbst unter Katholiken eines Kulturraumes gebe. Viele traditionelle Formen wie die Fastenregeln oder regelmäßige Gebetszeiten seien heute aber „vergessen“.
Klaudia Höfig bedauerte einen verbreiteten Unwillen, Pluralität in einer Religionsgemeinschaft wertzuschätzen. „Ein lebenszugewandter Christ wird schnell zum Sonderfall deklariert, der nur die Borniertheit der anderen bestätigt“, erlebt die Referentin für Interkulturelle Pastoral im Erzbistum Berlin immer wieder. Ähnlich äußerte sich die Muslimin Furat Abdulle und wandte sich gegen eine verbreitete „Dämonisierung“ des Islam.
Welche Bedeutung der Berliner Senat der neuen Akademie beimisst, belegte beim Auftakt Staatssekretär Gerry Woop von der Kulturverwaltung. Er würdigte die Initiative als „spannenden Ansatz“, der die Stadtgesellschaft und den interreligiösen Dialog bereichern könne. Muslime und Nichtmuslime „reden zu oft übereinander statt miteinander“, räumte der Linken-Politiker ein. Nachdrücklich dankte er der Katholischen Akademie und deren für den Dialog mit dem Islam zuständigen Referenten Thomas Würtz und Katrin Visse für ihre „Beispiel gebende Zusammenarbeit“.

, , , , ,

Wir mythologisieren die Eigenschaften guter Führung

Nach der Zeit unseres Meisters Musa (Moses), Friede sei mit ihm, begann der Stamm der Bani Isra’il vom Gehorsam Allahs abzuweichen und erlitt Verluste durch benachbarte Stämme. Sie kamen zu […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

Hilfe beim ­letzten Weg

(iz). Den Zugang zur palliativen Versorgung für Menschen mit Migrationshintergrund erleichtern und herkunftssensible Hospizarbeit und Palliativversorgung fördern. Das ist die Devise, die hinter dem ­kultursensiblen Praktikum im Hospizdienst am Universitätsklinikum Essen (UK Essen) steckt. Bisher gab es nur in Berlin und München eine kultursensible Hospizarbeit.
Der Bedarf an Begleitung und Betreuung von Schwerkranken und sterbenden Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen nimmt im Rahmen der Hospiz- und Palliativarbeit immer größer werdenden Stellenwert ein. Deshalb wurde am 29. November 2017 ein zehnmonatiger, kultursensibler Befähigungskurs für die Hospizarbeit gestartet, der mindestens 80 Theorie- und 20 Praxisstunden umfasst sowie bundesweit anerkannt ist.
„Nach Berlin und München, wird sich nun auch die Hospizarbeit am UK Essen den kulturübergreifenden Fragestellungen einer würdevollen Lebensgestaltung schwerkranker und sterbender Menschen widmen“, sagte Dr. Ferya Banaz-Yaşar von der Hospizarbeit am UK Essen. Gemeinsam mit Diplom-Pflegewirtin Ulrike Ritterbusch und Pastorin Karin Scheer leitet sie das Projekt zum kultursensiblen Befähigungskurs. Gemeinnütziger Träger ist der Förderverein Innere Klinik (Tumorforschung) am Universitätsklinikum Essen.
Das Büro der Hospizarbeit am UK Essen befindet sich auf der Palliativstation im Gebäude des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ 4). Trotz der gleichen Fürsorge und Betreuung auf allen Ebenen der Palliativstationen steckt auf der­ ­vierten Etage die Liebe zum Detail. Der Flurgang mit dunkelbraunem Linoleumboden in Holzoptik ähnelt eher an eine häusliche Wohngemeinschaft als an ein Krankenhaus. Die Wände des Stationsflures sind mit Bildern von der Künstlerin Ayşe Aral geschmückt. Mit einer Vernissage wurde am 24. November 2018 um 15 Uhr die Bildausstellung auf der ­Essener Palliativstation eröffnet. Die Malerin stellt diese Kunstwerke der ­Station leih- und freundlicherweise zur Verfügung.
Vom Flurgang geht es zu den Patientenzimmern. Die Räume sind sehr wohnlich und hell gestaltet. Jeder Patient hat ein eigenes Zimmer mit Balkonblick. Eine große Terrasse, speziell auch für deren Angehörige, gehören eben dazu. Insgesamt verfügt die Einrichtung über zwölf Zimmer. Zusätzlich neben der ambulanten und stationären Betreuung ermöglichen die langjährigen Mitarbeiter des Hospizdienstes zweimal in der Woche im Wohnzimmer des WTZ 4 den Patienten ein gemeinschaftliches Frühstück. „Dies verschafft nochmal eine vertrauensvolle Atmosphäre“, erklärt die Koordinatorin Karin Scheer. Das entspricht ganz dem, was die drei hauptamtlichen Hospizmitarbeiterinnen wollen – nämlich ein geborgenes Haus für die Patienten. Wollen sich die Patienten oder ihre Angehörigen zurückziehen, bietet der Raum der Stille ideale Bedingungen. Dieser Raum ist besonders hervorzuheben, weil es Menschen aus verschiedenen Religionen ermöglicht, ihre Gebete zu verrichten. So sind beispielsweise einige Gebetsteppiche für muslimische Gläubige aufgestellt. Hier wird alles getan, damit sich die Gäste aus allen Religionen und Kulturen wohlfühlen.
Denn ein wesentliches Ziel des kultursensiblen Praktikums für ehrenamtliche Hospizmitarbeitende ist nicht nur das Einüben einer hilfreichen Haltung des Begleitens und der einfühlsamen Ge­sprächsführung, sondern der Schwerpunkt liegt auch auf der Erarbeitung einer eigenen spirituellen Haltung in der Sterbebegleitung sowie im Kennenlernen unterschiedlicher Rituale und Zeichen. „Im Hospizpraktikum am UK Essen musste ich feststellen, dass sich auch etliche Patienten mit Migrationshintergrund wiederfinden und dass ihre Anzahl, aus welchen Gründen auch immer, stetig zunimmt. Ich konnte auch erleben, dass die Betroffenen sich erfreuten und verstandener fühlten, wenn sie von Mitarbeitenden mit demselben kulturellen oder religiösen Hintergrund betreut ­wurden“, reflektiert Leyla Dağlı Arduç ihre Praktikumszeit als Ehrenamtlerin.
Das Projekt endete am 17. Oktober 2018. „Dreizehn neue Ehrenamtliche erweitern nun fertig ausgebildet unseren Kreis und das feierten wir gemeinsam“, berichtet Pastorin Scheer über die Zertifikationsübergabe und den Abschluss, an dem neben den Teilnehmern, Familie und interessierte Freunde ebenfalls der Essener Oberbürgermeister kamen. Auch waren einige Mitarbeiter/innen aus der Klinik und anderen Bereichen, in denen sie die Hospizbegleitungen anbieten, eingeladen.
Der neue Befähigungskurs wird nächstes Jahr gestartet. Jedoch mit einer Besonderheit: Er soll nicht mehr kultursensibel heißen: „Es ist uns sozusagen in den Sinn gekommen, dass Hospizarbeit an sich nur dann Hospizarbeit ist, wenn man dabei auf die kulturellen Bedürfnisse jedes einzelnen Menschen genau schaut und diese achtet und würdigt. Necla, eine Ehrenamtlerin, hat gesagt, eigentlich müsste der Kurs „menschen-sensibel“ heißen, das fand ich gut“, erzählt Ulrike Ritterbusch. Ihre Kollegin Dr. Banaz-Yaşar bestärkt diese Meinung: „Das zu betonen ist und soll überflüssig werden. Wir werden die Inhalte so bestimmen, dass jeder kultursensibel befähigt wird.“ So lautet das Fazit der drei Experten, welches sich aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse aus dem Befähigungskurs zur kultursensiblen ehrenamtlichen Hospizarbeit ziehen lässt.
Ein weiteres Novum ist das Hospizforum am UK Essen. Der erste Kursabend fand bereits am 10. Oktober 2018 mit der Referentin Gülbahar Erdem M. A. statt, die einen Vortrag über die Begleitung muslimischer Menschen am Lebensende hielt. Weitere Kurse sind für die breite Öffentlichkeit konzeptioniert und können nach einer rechtzeitigen Anmeldung bei den Koordinatorinnen des ­Hospizdienstes unter hospizarbeit@uk-essen.de kostenlos besucht werden.