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Zentralrat widerspricht der DITIB-Erklärung

Köln/Berlin (iz). In einem kurzen Text auf seiner Webseite hat der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) inhaltlich auf das Abschlussdokument einer Konferenz zu europäischen Muslimen reagiert. Diese wurde vom 2.-4. Januar von der türkischen Diyanet-Zentral in der Kölner Zentralmoschee (DITIB) abgehalten.
In dem Dokument sieht der ZMD eine „Nichtanerkennung regionaler Eigenheiten islamzivilgesellschaftlicher Entwicklungen“. Hierzu hieß es in der Abschlusserklärung unter anderem: „(…) Daneben steht die Einschränkung des Islams, der durch adjektivische Bestimmung einer bestimmten Region oder einer Nation zugeschrieben wird – wie ‘deutscher Islam’, ‘französischer Islam’, ‘belgischer Islam’ oder ‘europäischer Islam’ usw. – im Widerspruch zur Universalität des Islams, der alle Epochen und Orte zugleich erleuchte.“
Als Reaktion auf die Erklärung sagte Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates, gegenüber dem in Bonn erscheinenden „Generalanzeiger“, er würde es „sehr bedauern, wenn die Ditib nicht die Zeichen der Zeit erkennt und endlich alles dransetzt, sich hin zu einer deutschen Religionsgemeinschaft zu entwickeln“.
Im Gegensatz zur Diktion, wonach es keine regionalen Unterschiede gebe oder geben dürfe, besteht für seinen Verband „selbstverständlich ein Islam deutscher oder europäischer Prägung“. Das sei eine dauerhafte Eigenschaft der 1400-jährigen Geschichte des Islam gewesen, dass dieser kulturell und gelegentlich aus theologisch unterschiedliche Auslegungen in Hinblick auf regionale Identitäten zugelassen habe.
Bereits seit Mitte letzten Jahres wird die Debatte um das muslimische Selbstverständnis und ihrer Selbstverortung anhaltend wie offen in der Community diskutiert. Dabei wurden teils erhebliche Unterschiede im Verständnis deutlich.

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Verfassungsschutz erklärt AfD zum Prüffall

Berlin (dpa/KNA). Der Verfassungsschutz nimmt die AfD stärker als bisher unter die Lupe. Er erklärte die Partei als Ganzes zum Prüffall, ihren rechtsnationalen „Flügel“ und die Nachwuchsorganisation JA sogar zum Verdachtsfall, wie die Deutsche Presse-Agentur am Dienstag erfuhr. Eine Partei kann zum Prüffall werden, wenn die Behörden erste Anzeichen für extremistische Bestrebungen erkennen. Bei einem Prüffall ist eine Beobachtung mit V-Leuten oder anderen nachrichtendienstlichen Mitteln aber grundsätzlich nicht erlaubt.
Wird eine Organisation dagegen zum Verdachtsfall erklärt – wie jetzt der „Flügel“ um den Thüringer Partei- und Fraktionschef Björn Höcke –, so ist der Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel möglich, wenngleich auch nur sehr eingeschränkt. Beispielsweise ist dann eine Observation gestattet, ebenso das Einholen bestimmter Informationen von Behörden. Sogenannte V-Leute und die Überwachung von Telekommunikation kommen aber auch hier nicht zum Einsatz. Das ist nur erlaubt, wenn eine Organisation als Beobachtungsobjekt eingestuft wird.
Über die Entscheidung hatte zuerst der „Tagesspiegel“ berichtet. Der neue Leiter des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV), Thomas Haldenwang, wollte sie am Nachmittag vor Journalisten erläutern.
Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Eva Högl sagte: „Das ist ein erster Schritt, um verfassungsfeindlichen Tendenzen in der AfD ein Stoppschild zu setzen.“ Der FDP-Innenpolitiker Benjamin Strasser erklärte: „Die rechtsextreme Identitäre Bewegung ist mittlerweile an vielen Stellen stark mit der Partei verflochten. Bei Demonstrationen und Veranstaltungen wie auch als Mitarbeiter in den Fraktionen in Landtagen und Bundestag sind diese Kader eine willkommene Unterstützung für die AfD.“
Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Mathias Middelberg (CDU) sagte, die Entscheidung über den Umgang mit der AfD sei keine politische Frage. Es sei „Ausdruck einer wehrhaften Demokratie und eines Rechtsstaats, von dem vorhandenen und durchaus differenzierten Instrumentarium Gebrauch zu machen und zwischen der Partei, ihren Teilorganisationen und einzelnen Mitgliedern zu unterscheiden“. Außerdem gelte, „dass eine solche Entscheidung bei einer sich weiter radikalisierenden Partei auch geändert und erweitert werden kann“.
AfD-Fraktionschefin Alice Weidel stellte einen Zusammenhang mit dem Abgang des früheren BfV-Präsidenten Hans-Georg Maaßen her. Sie sagte: „Es wird nun offensichtlich, warum Verfassungsschutz-Präsident Maaßen den Hut nehmen musste. Er musste aus dem Weg, um einen „Prüffall AfD“ konstruieren zu können“. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte Maaßen im November in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Hintergrund waren mehrdeutige Äußerungen Maaßens zu Protesten in Chemnitz.
AfD-Bundessprecher Alexander Gauland bewertete die Begründung des BfV-Chefs als „nicht tragfähig2. Er machte „politischen Druck“ für die Entscheidung verantwortlich. Der JA-Vorsitzender Damian Lohr nannte das Vorgehen gegen die JA „reine Willkür“.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster sprach hingegen von einem „Schritt in die richtige Richtung“. Sollte sich der Verdacht auf Verfassungsfeindlichkeit erhärten, müsse der Verfassungsschutz die Partei unter Beobachtung stellen. Das Internationale Auschwitz Komitee zeigte sich erleichtert. „Überlebende des Holocaust begrüßen diese Entscheidung des deutschen Verfassungsschutzes, der AfD die Gelbe Karte zu zeigen, mit Erleichterung“, erklärte Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner.
Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, warf der AfD eine offenen Verachtung für die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Relativierung der Verbrechen der NS-Zeit vor. Sie gefährde das demokratische Zusammenleben.
Das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz hatte Höckes Landesverband 2018 zum Prüffall erklärt. Die Thüringer AfD hatte dagegen im Dezember Klage eingereicht.
Nachdem radikale Äußerungen einiger Mitglieder der Jungen Alternative (JA) an die Öffentlichkeit gekommen waren, hatte die AfD-Spitze Ende 2018 in Erwägung gezogen, der JA die Anerkennung als Nachwuchsorganisation der Partei zu entziehen. Eine Entscheidung darüber wurde bisher aber noch nicht getroffen.
„Wie hoch die Hürden für eine Beobachtung sind, sieht man in Thüringen, wo es einen linken Ministerpräsidenten und einen außerordentlich radikalen AfD-Landesverband gibt – selbst da ist die AfD noch kein Beobachtungsfall“, sagte der Extremismusforscher Thomas Grumke der dpa. Für die Frage ob eine Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ist entscheidend, ob extremistische Mitglieder oder Strömungen prägend sind für das Gesamtbild der Partei.

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Zwischen Reizüberflutung und Beharren

„Der moderne Mensch ist von einer permanenten Identitätskrise betroffen, die zu erheblicher Nervosität führt.“ (Berger, Berger & Kellner) Die Natur unserer Zeit, in der wir heute leben, macht die Entwicklung […]

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Das Ende der ­Republik

„Bis zur Vollführung einer furchtbar’n Tat. Vom ersten Antrieb, ist die Zwischenzeit. Wie ein Phantom, ein grauenvoller Traum.“ (Brutus, „Julius Cäsar“) (iz). Wir hören Brutus, wie er persönlich den bevorstehenden […]

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Tasawwuf als Weg zur Einheit

(iz). An einem Donnerstagabend vor vielen Jahren nahm ich an ­einer wöchentlichen Versammlung teil, die in der Zawija von Sidi Ali Al-Jamal in Fes stattfand. Nachdem das Treffen sich auslöste, ging ich mit ­einem der alten Schüler von Sidi Muhammad ibn Al-Habib fort. Wir standen auf einer Brücke, welche den Fluss nahe der Zawija überspannte. Er sagte mir zwei Dinge, die sich unauslöschbar in mein Gedächtnis einbrannten.

Das erste war der Satz: „Eintausend Worte von einem Herzen voller Unreinheiten erreichen nichts, aber ein Wort aus einem gereinigten Herzen erreicht tausend Dinge.“ Das zweite war die ­bekannte Aussage: „Wer ausschließlich für Allah handelt, dauert an und bleibt einheitlich. Wer für jemand anderen ­handelt als Allah, wird abgeschnitten und aufgespalten.“

Allah, der Erhabene, spricht in Seinem Edlen Buch über Seinen Gesandten: „Wahrlich, Du hast einen gewaltigen Charakter.“ (Al-Qalam, Sure 68, 4) Und der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte über sich: „Ich wurde nur entsandt, um guten Charakter zu vervollständigen.“

Kehren wir zum Buch Allahs zurück, finden wir in der Sura Al-i-’Imran, dass Allah Seinen Propheten anweist, folgendes zu sagen: „Sprich: ‘Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir. So liebt euch Allah und vergibt euch eure Sünden. Allah ist Allvergebend und Barmherzig.’“ (Al-i-’Imran, Sure 3, 31)

Diese drei Aussagen geben uns zusammengenommen einen Einblick in die spirituelle und politische Auswirkung des menschlichen Verhaltens auf die Gesellschaft als Ganzes – positiv wie negativ. Übersetzt in die heutige Sprache sagen sie uns, dass das menschliche Wesen dasjenige ist, was es tut. Mit anderen Worten, die Art und Weise, wie Menschen sich verhalten, bestimmt, was sie grundlegend sind, und bestimmt die Lebensform und das Schicksal sowohl auf individueller als auch auf sozialer Ebene.

Allah sagt uns in der Sure Al-Anfal: „Dies, weil Allah niemals eine Gunst, die Er einem Volk erwiesen hat, ändert, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist, und weil Allah Allhörend und Allwissend ist.“ (Al-Anfal, Sure 8, 54)

Die Art und Weise der Veränderung bei den Menschen zeigt sich in ihrem Verhalten. Es ist klar, dass, wenn wir die Erzählungen über vergangene Völker in Allahs Buch finden, ihr Niedergang in jedem Fall an einem Fehlverhalten auf ihrer Seite lag. Das nahm verschiedene Formen an: arrogantes Bestehen auf Götzendienst, offenkundiger Ungehorsam gegenüber göttlichen Befehlen, grausame Ungerechtigkeit, sexuelle Abweichung und augenfällige finanzielle Ausbeutung.

In diesem Zusammenhang wird der Zusammenhang zwischen verschiedenen Arten bösartigen Verhaltens und den daraus resultierenden nachteiligen sozialen und politischen Folgen klar in einem Hadith von Ibn ‘Abbas zum Ausdruck gebracht: „Das Stehlen von der Beute taucht nicht bei einem Volk auf, außer dass ihre Herzen von Schrecken erfasst werden. Unzucht breitet sich nicht unter ihnen aus, außer dass es viele Tode unter ihnen gibt. Ein Volk verringert nicht das Maß und Gewicht, außer dass ihre Versorgung abgeschnitten wird. Ein Volk urteilt nicht ohne Recht, außer dass Blut sich unter ihnen ausbreitet. Ein Volk verrät das Versprechen nicht, ohne dass Allah seinen Feinden Macht über sie gibt.“

Der entscheidende Punkt dabei ist, dass unser Verhalten eine direkte Auswirkung hat – ob negativ oder positiv – auf unsere Leben. Allah sagt in einem anderen Vers der Sura Ar-Ra’d etwas, was den Sinn des bisher Gesagten wiedergibt: „Allah ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist.“ (Ar-Ra’d, Sure 13, 11)

Das macht deutlich, dass der Wandel entweder zum Besseren oder Schlechteren sein kann. Und der Vers gibt uns einen Einblick in die wahre Natur menschlichen Verhaltens. Entweder ist es harmonisch mit den zugrunde liegenden Gesetzen der Existenz, dann gefällt es dem Schöpfer des Universums. In dem Fall ist das Ergebnis positiv und nützlich für die menschliche Gesellschaft. Auf der anderen Seite mag es im Widerspruch zu den fundamentalen Gesetzen bestehen und ruft daher Allahs Missfallen hervor. In dem Fall werden die Folgen negativ und schädlich für die Menschen sein, die sie begehen.

Aus diesem Grund ist es notwendig, genau zu verstehen, was eine gute Handlung ausmacht. Wenn wir dies nicht tun, besteht die Gefahr, dass wir uns selbst und die Welt, in der wir leben, zerstören. Im bekannten Lichtvers gibt Allah uns das Gleichnis einer Lampe, in dem Sein Licht durch ein kristallklares Glas scheint, welche das Licht schützt und ihm gleichzeitig das Strahlen nach außen erlaubt. Viele der großen Qur’ankommentatoren haben gesagt, die Lampe sei eine Beschreibung des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Das Licht bezieht sich auf die Rechtleitung, die er von seinem Herren gebracht hat. Das Licht manifestiert sich in seinen Worten und Handlungen, in der Art und Weise, wie er die unzähligen Gegebenheiten handhabte, die seine tägliche Existenz ausmachten.

Schaikh Muhammad ibn Al-Habib erklärt das in einer Qasida (Muhammadun manscha’u): „Denn er ist die höchste Manifestation von Allahs Namen und das perfekte, fehlerfreie Geheimnis der Eigenschaften.“ Mit anderen Worten, das alltägliche Verhalten des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, war nichts als eine perfekte Reflexion von Allahs Attributen – soweit deren Reproduktion im Kontext menschlicher Existenz möglich ist. Das ist der gewaltige Charakter, den Allah Seinem Gesandten im Qur’an zuschreibt. Gleichzeitig ist dies genau die Rechtleitung, die er von seinem Herrn für den Rest der Menschheit aufgetragen bekam.

Die Kernelemente seines Verhaltens sind eindeutig die Säulen, welche das Gebäude des Islam tragen – namentlich die fünf Gebete, Zakat, das Fasten und die Hadsch. Aber es ist auch klar, dass die äußerlichen Handlungen in sich noch nicht ausreichend sind. Wir wissen das aus vielen Qur’anversen und Hadithen des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben.

Aus diesem Grund machten die Juristen die Absicht zum ersten Pflichtelement jeder Handlung. Und viele Hadithgelehrte (arab. muhaddithin) fangen ihre Sammlungen mit dem bekannten Hadith an: „Handlungen sind nur durch die Absicht.“ Mit anderen Worten, die Gültigkeit einer jeden Handlung hängt davon ab, ob sie zum Willen Allahs und Seines Gesandten geschieht, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Ohne sie ist jede Handlung im Wesentlichen wertlos. Und ab diesem Punkt wird Tasawwuf absolut explizit.

Die Leute des Wissens sind sich einig, dass der Ort, an dem die Absicht gemacht werden muss, das Herz ist. Wie der Hadith deutlich macht, hängt das Ergebnis dessen, was Sie tun, von dem ab, was in Ihren Herzen ist. Damit seine Handlung wahrhaft um Allahs und Seines Gesandten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sein kann, muss das Herz frei sein von allen widersprüchlichen Gefühlen und Sehnsüchten, die es die meiste Zeit über beschäftigen. Mit anderen Worten, die Reinigung des Herzens ist nötig, damit eine reine Absicht formuliert werden kann. Dieser absolut entscheidende Reinigungsprozess wurde als Tasawwuf bekannt.

Wir können nicht einfach sagen, dass wir etwas für Allah tun, wenn die Wahrheit ist, dass unsere Motivation mehrdeutig ist. Und daher verlieh Imam Al-Ghazali dem Tasawwuf einen rechtlichen Status als eine individuelle Pflicht (arab. fard ‘ain); eine individuelle Pflicht für jeden Muslim. Es ist jedoch lebenswichtig zu betonen, dass, während die Handlungen im Islam Tasawwuf brauchen, damit sie annehmbar werden, Tasawwuf gleichermaßen die Handlungen des Islam braucht, um existieren zu können.

Beide sind absolut miteinander ­verknüpft und können nicht getrennt werden. Diese Angelegenheit wurde von dem großen Gelehrten und Sufi Ahmad Zarruq mit diesen Worten ausgedrückt: „Es kann nur einen Tasawwuf durch ein Verständnis der Schari’a geben. Denn die äußeren Urteile Allahs können nur durch sie erkannt werden. Auf die gleiche Weise hat das Recht des Islam keine ­Bedeutung ohne Tasawwuf. Denn die Gültigkeit der Handlungen hängt von der Absicht ab, die sie hervorgebracht hat. Seinerseits macht dies eine aufrichtige Hinwendung zu Allah nötig.

Daher müssen islamisches Recht und Tasawwuf kombiniert werden, denn sie sind untrennbar miteinander verbunden, genau wie die Seelen an die Körper ­gebunden sind. Und auch die Körper werden nur die Existenz der Seelen in ihnen belebt. All das wird zusammengefasst in der bekannten Aussage von Imam ­Malik ibn Anas: ‘Wer Tasawwuf vertritt, ohne das islamische Recht anzuwenden, ist ein Häretiker (arab. zindiq). Wer das islamische Recht anwendet, ohne Tasawwuf zu praktizieren, ist ein Verdorbener (arab. fasiq). Wer beide kombiniert, hat das Ziel erreicht.’“

Und diese Aussage von Imam Malik führt uns zum Kern der Sache: die Schlüsselrolle von Tasawwuf bei der ­Vereinigung der muslimischen Gemeinschaft (arab. umma). Wie wir zuvor sahen, ist menschliches Verhalten in seiner höchsten Form, verkörpert durch den Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, die eigentliche Essenz von Tasawwuf und Vereinigung. Wird menschliches Verhalten erniedrigt und unmoralisch, dann wird es zur Ursache von Zerstörung und Spaltung. Und das lässt sich heute bei Muslimen in jedem Teil der Welt beobachten.

Wir hören täglich von Leuten, die behaupten, die Schari’a umgesetzt zu haben. Sie bringen aber nichts als Streit und Unordnung. Dies sind die Fasiqun, von denen Imam Malik sprach. Es gibt andere, die das Innere fördern, aber viele der äußeren Aspekte der Schari’a vernachlässigen. Auch sie sorgen für Streit und Spaltung unter Muslimen. Das sind die Zanadiq, über die Imam Malik sprach. Solange beide Gruppen dominieren, wird Einheit unter Muslimen ein nicht zu erreichendes Ziel bleiben. Nur wenn das Innere und Äußere im Gleichgewicht sind, wenn die Herzen einer Mehrheit von Muslimen gereinigt sind, wird das zu wahrer Handlung führen. Mit anderen Worten, wenn Tasawwuf wieder den Rang im muslimischen Leben erlangt, der dieser Wissenschaft zukommt.

Das Markenzeichen der frühen Muslime war Taqwa, Mut, Standhaftigkeit, Großzügigkeit, Gastfreundschaft, Nachsicht, Mitgefühl, Bescheidenheit und Freundlichkeit, kurz gesagt, selbstloser und guter Charakter. Man muss verstehen, dass diese Charaktereigenschaften, deren Ausdruck in ihrem täglichen Leben so eloquent in der frühen Literatur dokumentiert ist, sich in keiner Weise von ihrer Umsetzung des Islam unterschieden. Sie waren ihr Islam in der Handlung. Ihr edler Charakter war unverzichtbarer Bestand ihrer Lebenspraxis des Dins. Für sie waren Gebet, Fasten und Zakat untrennbar verbunden mit und Teil einer erleuchteten sozialen Realität, in der sie lebten. In dieser waren jene Charaktereigenschaften die Norm.

Die Fusion des Inneren und Äußeren ist wahrer Tasawwuf in der Praxis. Und sie wird gebraucht, damit die Einheit der muslimischen Umma wieder Wirklichkeit wird.

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DITIB: Neuanfang oder ein bloßes „weiter so“?

(iz/ots). Der deutschtürkische Moscheeverband DITIB (Türkisch-Islamische Union), dem seitens der Politik und von Medien seit geraumer Zeit eine politische Fernsteuerung aus Ankara vorgeworfen wird, hat am 4. Januar einen neuen Vorstand gewählt. Damit wolle man, so die Organisation in ihrer Stellungnahme, „die seit nahezu drei Jahren andauernden Debatten entschärfen und einen Neuanfang starten“.
Die seit 2016 abgelaufenen Entwicklungen, die selten von dem Dachverband ausgegangen seien, hätten aufgrund falscher Darstellungen zu missverständlichen Deutungen geführt. Das Ergebnis sei eine Eskalation des Austausches zwischen der DITIB und der Politik gewesen. Das werde „dem gesellschaftlichen Beitrag der DITIB“ nicht gerecht.
Eine Folge des Streites zwischen Berlin und Ankara, in dessen Einzugsbereich deutschtürkische, muslimische Communities geraten sind, war die erkennbare Verschlechterung von „Anerkennungsprozessen der Muslime in vielen Bundesländern“. Dies habe seinerseits bei den Betroffenen ein „starkes Gefühl der Ausgrenzung“ hervorgerufen.
„Die Diskussionsatmosphäre zum Thema Islam und Muslime, die auf ein ‘wir’ und ein ‘ihr’ reduziert wird, wobei die Muslime als Gegner und als ein Problem wahrgenommen werden, schadet nicht nur den deutschen Muslimen, sondern vergiftet zunehmend unsere Debatten- und Gesellschaftskultur“, heißt es. Eine Deeskalation und eine Rückbesinnung auf Sachthemen sei dringend notwendig. Sie müsse den Menschen ins Zentrum der Diskussionen und Planungen stellen, sowie den gegenseitigen Respekt zum Leitgedanken haben.
Hierbei werde, so die Ankündigung des neuen Vorstands, man seine Verantwortung als Religionsgemeinschaft in den Vordergrund der eigenen Tätigkeiten rücken, und die notwendigen Schritte einleiten, „um die Anerkennung als Religionsgemeinschaft und als weiteren Schritt auch die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts wieder aufleben zu lassen und voranzubringen“. Mit solchen Maßnahmen, wie einem Fortschritt auf dem Gebiet der institutionellen Anerkennung von DITIB-Landesverbänden, gehe der Dachverband nach eigenen Worten wichtige Schritte, welche die institutionelle wie soziale Eingliederung von Muslimen voranzubringen. Darüber hinaus wolle man die Kooperationen mit anderen muslimischen Religionsgemeinschaften anstreben und erweitern.
Trotz aller Kritik, der in der Vergangenheit eher verhalten von den Kölnern begegnet wurde, sieht sich der deutschtürkische Dachverband immer noch als „der stärkste und wichtigste Garant für einen quellen- und vernunftsorientierte moderate Auslegung“ des Din – „im Sinne der Gesamtheit der Muslime“. Dafür wolle man zukünftig einen tieferen Austausch „mit Partnern aus Politik, Gesellschaft und Presse“ pflegen.
Volker Beck widerspricht
Der Grünen-Politiker Volker Beck, Lehrbeauftragter am CERES Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Ruhruniversität Bochum, nannte den Erneuerungsanspruch des gerade gewählten Ditib-Vorstands „einen Witz“.
„Von Neuorientierung und Aufarbeitung keine Spur“, sagte Beck dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Er verwies darauf, dass der Vize-Vorsitzende Dilek mindestens zwischen 2014 und 2017 in Köln als Religionsattaché tätig war. Damit fiel die Übermittlung von Dossiers über Kritiker der türkischen Regierung, die von Ditib-Imamen zusammengestellt worden waren, Ankara in Dileks Zuständigkeit.

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Al-Ghazali über den Charakter

Imam Al-Ghazali mag vor über 900 Jahren gelebt haben. Aber im ­wahren Geist des Islam sind sein Werk, seine Analyse und Gedanken heute genauso relevant, wie es war, als der […]

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Richtiges Lesen will gelernt sein

„Wie schnell doch die Leute Dinge verurteilen, die sie nicht verstehen.“ Die edle ‘Aischa, die Gattin des Propheten
„Wie viele Nörgler es bei Aussagen gibt. Doch der Fehler liegt in einem falschen Verständnis.“ Al-Mutanabbi
Das korrekte Lesen und Schreiben ist so bedeutend wie die Wichtigkeit von spirituellen Manieren (arab. adab), wenn jemand kritisiert oder mit anderen diskutiert. Anlass dafür ist auch die allgemeine Entwertung unseres öffentlichen Diskurses.
Erstens müssen wir verstehen, dass Mehrdeutigkeit ein Aspekt von Sprache ist – selbst in ihrer einfachsten Verwendung. Jeder, der jemals ein Wörterbuch verwendet hat, weiß, dass Wörter oft mehrere Bedeutungen haben (aus diesem Grund gibt es bei Wikipedia eine entsprechende Option). In der Rhetorik bezieht sich Amphibolie auf das Phänomen der mehrdeutigen Syntax.
In der islamischen Tradition gehört die Beherrschung von Grammatik, Rhetorik, Logik sowie ein Abschnitt der Logik, welche die Haltung in der Forschung und Dialektik behandelt, zu den Voraussetzungen einer Debatte. Jene, die hier nur schlecht vorbereitet sind, werden Opfer von häufigen Missverständnissen. In der Vergangenheit haben solche Personen nicht mit Aussagen einer gelehrten Person debattiert oder diese hinterfragt. Denn sie kannten folgenden Vers des Qur’an sehr gut: „Sprich: ‘Sind etwa diejenigen, die wissen, und diejenigen, die nicht wissen, gleich?’“ (Az-Zumar, Sure 39, 9) Diese rhetorische Frage ist offenkundig, denn sie braucht keine Antwort.
Darüber hinaus gibt es in der islamischen Tradition lang anhaltende Konvention von Fußnoten, in denen Gelehrte die unverständliche Sprache ihrer Vorläufer erhellten. Insbesondere malikitische Juristen zogen das Schreiben in schwerverständlichen Formulierungen vor, um unvorbereitete Leser vor Ausflügen in ihre Bücher abzuhalten. Manchmal wurden Kommentare zu früheren Kommentaren geschrieben. Und einige Bücher enthielten Randnotizen. Alle ­erwähnten Formen waren Arten und Weisen, in denen hochfähige Gelehrte Mehrdeutigkeit von früheren Texten entfernten, damit gebildete, aber weniger fähige Gelehrte sie verstehen konnten.
Ich verbringe viel Zeit damit, solche Texte zu lesen, da ich von viel sachkundigeren Gelehrten abhängig bin. Ich suche auch oft in meinen Lesungen nach einem Wort, manchmal zum reinen Vergnügen, Nuancen zu erkunden und andere Male, um sicherzustellen, dass ich das Wort richtig verstehe. Einmal habe ich beim Lesen eines arabischen Gedichts ein ungewöhnliches Wort gefunden und nachgeschaut, bis ich herausfand, dass die in einem arabischen Wörterbuch enthaltenen Bedeutungen im Zusammenhang mit dem Gedicht keinen Sinn ergaben. Das zwang mich dazu, dass ich auf ein anderes größeres Wörterbuch mit entsprechender Bedeutung zurückgriff.
Lesen ist eine Tätigkeit, die größtenteils im Kopf stattfindet. Aber gutes Lesen ist eine ermüdende Anstrengung geistiger Fähigkeiten. Einer meiner Lehrer sagte, dass Lesen vier Ebenen hat: das Verständnis der Gliederung des Textes, die ­Begriffe des Autors zu bewäktigen (was bedeutet, dass man die Begriffe so versteht, wie der Autor sie beabsichtigte), Verständnis der Vorschläge, ihrer Argumente und Beweise, die sie stützen und schließlich auf den Text mit der entsprechenden Höflichkeit zu antworten.
Diese letzte Phase, die Mortimer Adler als „Antwort“ auf den Autor bezeichnete, ist die schwierigste Stufe. Es ist die ­Fähigkeit, mit Verständnis zu kritisieren, ihre Argumente für die Ablehnung zu begründen und sie mit Gegenargumenten zu unterstützen. Aber diese letzte und problematische Phase des Lesens hängt vollständig von der Beherrschung der ersten ab. Auf dieser Ebene bedeutet „Kritik“, dass man den Annahmen, der Logik oder den Schlussfolgerungen eines Autors oder eines Teils davon – basierend auf einer genauen und kontextuellen Lektüre seiner Arbeit – nicht zustimmen kann.
Anbei ein klassisches Beispiel für eine mehrdeutige Aussage in den Usul. Die Hadithgelehrten erwähnen die Aussage des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, dessen Inhalt übersetzt ungefähr so lautet: „Wer nach dem Ramadan mit sechs Tagen vom Schawwal folgt, der ist so, als hätte er konstant gefastet.“ Die originale arabische Phrase „vom (Monat des) Schawwal“ (arab. „min Schawwal“) ist ein Verhältniswort im Arabischen. Ibn Hischams bekanntes Buch „Mughni Al-Labib“ ist ein umfangreiches Verzeichnis solcher arabischen Präpositionen und Partikeln (Funktionswörtern). Er führt 15 mögliche Bedeutungen des Verhältniswortes „min“ auf, wenn es in einem Satz benutzt wird. Imam Malik war überzeugt, das „min“ im Zusammenhang dieses Hadithes stellt den grammatikalischen Fall des Initiativ dar. Also verstand er die Aussage so, dass Schawwal der Monat ist, in dem das Fasten beginnen solle und sich dann über die folgenden erstreckt. Imam Schafi’i jedoch verstand die Präposition „min“ im als grammatikalisches Partitiv. Daher glaubte er, dass diese Fastentage nur im Monat Schawwal sein dürften und sich nicht auf andere Monate erstrecken. In diesem Fall besteht die Mehrdeutigkeit einfach nur den Vorzug einer Deutung vor einer anderen.
Die Tatsache, dass Sprache so viele Bedeutungen und vielfältige Möglichkeiten zulässt, zeigt ihren Reichtum. Leser können die verschiedenen Möglichkeiten von Wörtern isoliert oder in ihrer Reihenfolge bestaunen. Sie können Bedeutungs­möglichkeiten in ihrem Versuch erkunden, sie voll auszuschöpfen, wie es die muslimischen Gelehrten und Interpreten taten. Oder sie können missverstanden werden und in Folge zu Zorn und ­Verwirrung führen.
Einige gehen noch weiter, indem sie mit ausfälligen Schmähungen reagieren, sogar mit unlauteren Worten. Solche Leute werden im Internetjargon liebevoll als „Trolle“ bezeichnet. In Wirklichkeit offenbaren sie aufgrund ihres Unverständnisses – im Vergleich zu ihrer Lesefähigkeit – einfach ihre eigene Unwissenheit. Denn Lesen und Verstehen sind zwei deutlich verschiedene Phänomene. Der Qur’an beschreibt diejenigen, die die Thora auswendig kennen, sie aber nicht verstehen, als „Esel mit Büchern“.
Das Missverstehen in der Annahme des eigenen Verstehens ist üblich bei ­Leuten, die arrogant, unwissend oder einfach zu faul sind, weiter nachzuforschen, um die Feinheiten oder Abstufungen ­einer Sprache zu erkunden. Ihr Selbsttäuschung führt sie zum Glauben, dass sie einfach wissen. „Ich verstehe es. Und ich habe Recht. Daher liegt er falsch.“ Das ist der Weg, den Iblis wählte: „Ich bin besser als Adam. Ich bin ihm überlegen. Mein Wissen übersteigt seines.“
Wenn jedoch eine Person auf der anderen Seite auf Worte stößt, die falsch klingen oder seine eigenen Annahmen herausfordern, dann hält er inne, denkt nach, und fragt sich: „Verstehe ich das richtig? Meinte der Autor, was ich glaube, dass er sagte?“ Kann man den Autor fragen, umso besser. Wenn nicht, dann kann man eine zweite Meinung bei einem klugen Freund einholen oder Rückgriff auf ein gutes Nachschlagewerk nehmen. So lassen sich Bedeutungsschattierungen finden, die vielleicht verpasst wurden.

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Moschee-Steuer – juristisch, politisch und theologisch

Bielefeld (iz). Das Thema Finanzierung von Moscheegemeinden ist kein neues Thema. Es ist ein Thema, dass seit mindestens einem Jahrzehnt diskutiert wird. Volle Fahrt haben die Diskussionen auf Grund der Verhältnisse zwischen Deutschland und der Türkei genommen. Dabei wird auf Seiten der Politik in Deutschland das Ziel verfolgt, Auslandsfinanzierungen und damit indirekt Einflüsse von ausländischen Staaten zu verhindern.
Daher wird nach Lösungen und Optionen gesucht. Der Vorschlag einer Moscheesteuer – analog zur Kirchensteuer – ist aber weder juristisch noch theologisch möglich. Deshalb werden die gegenwärtigen Diskussionen nur in eine Sackgasse führen.
Juristisch ist es nicht möglich, da der Islam keine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist. Dies ist aber eine Voraussetzung, um eine solche Steuer überhaupt erheben zu können. Zunächst müsste also diese Frage geklärt werden. Die muslimischen Religionsgemeinschaften erhalten gegenwärtig die Anerkennung als Körperschaft nicht, da sie Kriterien wie Mitgliedsstrukturen, nicht erfüllen.
Da sind wir dann auch schon bei der theologischen Problemstellung. Eine Moscheesteuer entspricht nicht dem Selbstverständnis des Islams. Denn der Islam kennt keine Institutionen oder Mitgliedsstrukturen wie die Kirchen. Dass heißt zum Beispiel, ein Eintritt zur oder Austritt aus der Religion wie in der Kirche ist nicht an die Institution Moschee gebunden. Man ist nirgends als Muslime registriert. Wie sollte man dann die Muslime, die diese Steuern zahlen sollen, erfassen?
Da kann man sich auch nicht an die Mitgliederlisten in den Moscheegemeinden orientieren. Denn man kann als Muslim in keiner einzigen Moschee Mitglied sein, oder auch in zehn verschiedenen gleichzeitig. Die Mitgliederzahlen sagen also nichts aus. Hier herrschen andere Strukturen als in der Kirche. Es gibt theologisch ein anderes Verständnis.
Was die muslimische Community bei all den Diskussionen kritisiert ist auch der Wunsch nach Augenhöhe und Gleichbehandlung. Denn es ist bekannt, dass z.B. Kirchen und kirchliche Einrichtungen im Ausland von Deutschland aus finanziert werden. Gleichzeitig gibt es in Deutschland einige Religionsgemeinschaft, die, ähnlich wie bei den muslimischen Gemeinden, vom Ausland finanziert werden und auch ihre Geistlichen aus dem Ausland holen. Hier fehlt eine Klarstellung, dass der Verbot von Auslandsfinanzierungen nicht nur die Muslime betreffen darf und es damit keine benachteiligende Sonderregelung für Muslime gibt. Denn grundsätzlich regeln die Religionsgemeinschaften die Ausbildung ihrer Geistlichen und die Finanzierung ihrer Gemeinschaften selbst.
Das Thema, wie sich Moscheegemeinden finanzieren könnten, ist seit vielen Jahren auch innerhalb der muslimischen Community ein Thema. Die Frage geht parallel mit der Fragestellung, ob man Imame, die in Deutschland geboren, hier sozialisiert und hier ausgebildet sind, in Moscheegemeinden einsetzen kann.
Da muss man realistisch sein, selbst wenn man eine Moscheesteuer einführen würde, und auf Imame aus dem Ausland nicht mehr angewiesen wäre, hätte man trotzdem nicht einmal ansatzweise genügend Imame für die Moscheen in Deutschland. Es gibt ca. 2.000 Moscheen in Deutschland, ca. 1.000 beziehen ihre Imame aus dem Ausland. Islamische Theologie kann man seit knapp 10 Jahren in Deutschland studieren. Bis man also so viele Imame hat, die hier Theologie studiert haben und dann auch tatsächlich in den Moscheegemeinden tätig sind, wird es wohl noch lange dauern. Aber das ist ein Ziel, dass viele muslimische Gemeinden verfolgen.
Optionsvorschläge für Finanzierungen, die in der muslimischen Community seit längerem diskutiert werden, sind die Gründung von Stiftungen, die es historisch in muslimischen Gemeinschaften immer wieder gab und die Zakat-Abgabe. Während bei Stiftungen es zumindest keine theologischen Schwierigkeiten geben würde, steht jedoch die Frage im Raum, ob die Ressourcen der muslimischen Community in Deutschland es zu lassen, auf diese Art und Weise hunderte von Moscheen zu finanzieren.
Bei der Zakat-Abgabe (2,5% des Gesamtvermögens spendet ein jeder Muslim jedes Jahr an Bedürftige) gibt es wiederum eine große theologische Diskussion darüber, ob Zakat auch an Einrichtungen und nicht nur an bedürftige Einzelpersonen gespendet werden kann. Man nehme an, Moscheen würden durch die Zakat finanziert werden. Dann müsste man sich soziologisch darauf gefasst machen, dass evtl. in einigen Jahrzehnten Zakat sich inhaltlich wandelt und tatsächlich nur noch Einrichtungen wie Moscheen damit finanziert werden. Bedürftige wären dann sekundär. Man hätte eine andere Qualität von Zakat. Dies ist eine theologische Fragestellung, die noch nicht abschließend geklärt ist.

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Mehr Frauen in die Moscheen

(KNA). Für manche überraschend macht sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan derzeit für die Rechte von Frauen in der Moschee stark. Er will, dass sie gemeinsam mit Männern beten, und will sie öfter beim Freitagsgebet sehen. Kürzlich aber legte sich das Staatsoberhaupt hierzu mit konser­vativen Stimmen an.
Anfang Oktober wies Erdogan darauf hin, dass es im Qu’ran keine Stelle gebe, in der das gemeinsame Beten der Geschlechter untersagt sei. Auch bei der Eröffnung der ­DITIB-Moschee in Köln im September sprach Erdogan das Thema an: „Man sagt den Frauen: Du kannst nicht zum Freitagsgebet oder Feiertagsgebet kommen. Sie halten Frauen davon ab, in die Moscheen zu kommen. Aber warum sollen sie nicht kommen? Wenn wir uns starke Moscheen wünschen, müssen wir auch Frauen einbeziehen.“ Manche Muslime sehen in diesen Worten auch eine indirekte Stellungnahme gegen strikt getrennte Gebetsbereiche.
Das Thema beschäftigt türkische Muslime schon länger. Im März kam es zu einem Aufruhr in der Istanbuler Fatih-Moschee, als vier Frauen sich weigerten, den Gebetsbereich der Männer zu verlassen. Unterstützung bekamen sie von der Initiative „Kadinlar Camilerde“, was übersetzt „Frauen in Moscheen“ bedeutet. Die Organisation gibt es seit 2017. Der Zusammenschluss von Musliminnen setzt sich für sauberere und vor allem gemeinsame Gebetsbereiche in türkischen Moscheen ein.
Nach türkischem Gesetz sollte jede Moschee zwei Eingänge haben, einen für Frauen und einen für Männer. In der Praxis aber gibt es oft Probleme. Die abgetrennten Räume für Frauen sind wesentlich kleiner. Steile ­Treppen machen den Aufstieg für ältere Frauen und Kinder oft schwierig. Die Waschräume – notwendig für die rituellen Waschungen vor dem Gebet – sind oft außer Betrieb oder verschmutzt. Die wesentlich größeren Räume für Männer sind dagegen meist sauber und mit bequemen Teppichen ausgelegt.
So entstehe eine Negativ-Spirale: Weniger Frauen gingen in die Moschee, weshalb viele Imame die Instandhaltung der Frauenräume vernachlässigten. Das Problem betrifft gerade Moscheen in kleineren Städten und auf dem Land.
„Kadinlar Camilerde“ fordert deshalb das gemeinsame Gebet von Männern und Frauen in denselben Räumen. Die NGO nutzt dabei soziale Medien wie Instagram und Twitter, bittet aber auch die Diyanet um Unterstützung. Die Religionsbehörde startete immer wieder Kampagnen, in denen Frauen dazu aufgefordert wurden, zu den Freitagsgebeten in die Moscheen zu gehen. Laut der Diyanet hat die Trennung nichts mit den islamischen Vorschriften, wohl aber mit männlichem Macho-Gehabe zu tun.
Auf Widerstand aber stoßen die Vorschläge bei vielen religiösen Orden und konser­vativen Stimmen. Dort sieht man das ­traditionelle Familienbild in Gefahr und fürchtet gar, Männer könnten durch aufreizende Bewegungen der Frauen beim ­Gebet in Versuchung geführt werden. „Wenn Frauen in überfüllten Moscheen mit Männern beten, stören sie damit auch das Gebet der ­Männer“, schrieb der Kolumnist Vehbi Kara Anfang November in der „Yeni Akit“, einer religiösen Tageszeitung. Das gelte besonders für Städte wie Istanbul, wo Platz begrenzt sei.
Unter vielen Türkinnen gilt Erdogan tatsächlich als Frauenförderer. Die Öffnung zahlreicher Bereiche des öffentlichen Lebens für Frauen mit Kopftuch halten viele gläubige Türkinnen für eine der wichtigsten Leistungen der AKP-Regierung. Unter den säkularen Regierungen war es Frauen jahrzehntelang verboten, in öffentlichen Räumen Kopftücher zu tragen.