(iz). Eine wichtiger Aspekt der gestalterischen Rolle der Muslime in Europa sind ohne Frage die Aktivitäten der Moscheegemeinde und deren Beziehungen zu ihrem Umfeld. Betrachten wir die Bedeutung der Moschee, […]
Nachrichten & Lebensart
(iz). Eine wichtiger Aspekt der gestalterischen Rolle der Muslime in Europa sind ohne Frage die Aktivitäten der Moscheegemeinde und deren Beziehungen zu ihrem Umfeld. Betrachten wir die Bedeutung der Moschee, […]
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(iz). Eigentlich ist es eine genial einfache Idee. Zehntausende Franzosen öffnen ihre Kofferräume, nehmen ihre gelben Warnwesten und marschieren ohne jede politische Führung in den Innenstädten Frankreichs auf. Das Symbol der Westen schafft so in Windeseile ein soziales Band. Leider ist die Revolution auf der Straße nicht immer gewaltfrei und führt zu einigen chaotischen Situationen. Das so fatale wie faszinierende Zeichen ist dabei die Reaktion des Präsidenten: Der Protest wirkt. Was nicht einmal den aktiven französischen Gewerkschaften gelungen ist, schafft der ungeordnete Protest.
Emmanuel Macron will nun die Demonstranten unter anderem mit einem höheren Mindestlohn, Steuererleichterungen für Rentner und einer geringeren Steuer auf Überstunden besänftigen. Zudem wurde die Ökosteuer gekippt. Millionen einfacher Franzosen waren zuvor von Erhöhungen der Treibstoffpreise betroffen. Ob das 10-Milliarden-Euro-Geschenk an die Unterschicht wirkt, ist nicht sicher, denn, die Demonstranten könnten auf den Geschmack gekommen sein. Die Forderungsliste an die Staatsführung wird schon jetzt immer länger und gipfelt mit der Forderung nach mehr Volksbefragungen.
Macrons eigener revolutionärer Anspruch mit dem bekannten Nebeneffekt der fulminanten Demontage des französischen Parteiensystems wirkt nun in dieser Lage erschlafft. Seiner politischen Bewegung fehlt es, wie jetzt deutlich wird, am gesellschaftlichen Unterbau und – so zumindest die Kritiker – an jeder Empathie gegenüber den Armen des Landes. Macrons Präsidentschaft sieht sich nun in einer echten Krise. Aber die Protestwelle könnte auch schnell die Grenzen Frankreichs überwinden. Das Beispiel, berechtigte soziale Forderungen mit Krawall, statt in einem demokratischen Prozess durchzusetzen, könnte Schule machen.
„Sind die Gelbwesten nun eine Gefahr für ganz Europa?“ fragen sich die europäischen Medien und streiten weiter, ob die Gelbwesten von links oder rechts unterwandert seien. Bei einer Bewegung, die ohne jede Führung auskommt, ist die ideologische Kernsubstanz allerdings schwer freizulegen. Fakt ist, die Bewegung kommt von ganz unten und zeigt auf wie gefährlich es ist das soziale Gefälle in ganz Europa weiter zu negieren. Es muss deswegen nicht gleich zu einer “echten“ Revolution kommen, denn bisher werden die Eigentumsverhältnisse nicht ernsthaft berührt. Bisher zwingt der Protest den französischen Staat nur zu einer neuen, noch größeren Kreditaufnahme. Auf die Einführung einer hohen Vermögenssteuer, so stellte Macron klar, werde er weiterhin verzichten.
(iz). Ali Kızılkaya gehört zu den Menschen der ersten Stunde, wenn es um die Institutionalisierung der Muslime in Deutschland und den Dialog mit der Politik geht. Er ist schon seit fast vierzig Jahren mit dabei und hat Einiges erlebt: Er hat die Gründungen von etlichen Moscheen und muslimischen Organisationen begleitet, in den 1980er Jahren die Fundamente der ersten muslimischen Jugendarbeitsstrukturen in Bremen gelegt, war zur selben Zeit Zeitgenosse der in Deutschland geführten Diskussionen um die iranische Revolution, stand in regem Austausch mit der Politik, insbesondere nach den Anschlägen vom 11. September. Wer ihn kennt, weiß, dass er ein gutes Erinnerungsvermögen hat und auch gerne seine Erfahrungen mit seinen Mitmenschen teilt.
Kızılkaya war über zehn Jahre Vorsitzender des Islamrates. Als solcher war er auch Zeuge der Entstehung der Deutschen Islam Konferenz (DIK) 2006. Im Zuge der „Blutwurst-Debatte“ nach der DIK IV wurde er gefragt, was es bei der ersten DIK zu essen gab. Ali Kızılkaya sagte, dass er das nicht weiß. Das soll jedoch nicht heißen, dass er sich nicht mehr an die erste DIK-Runde erinnern kann. Im Gegenteil: „Ich weiß nicht, was es bei der ersten Deutschen Islam Konferenz zu essen gab. In der Mittagspause damals wurden wir zum gemeinsamen Mittagessen eingeladen. Wir haben aber nicht daran teilgenommen, weil wir uns im Monat Ramadan befanden und deshalb fasteten“, so Kızılkaya.
Es wäre unfair und vermessen, die Leistungen des Bundesinnenministeriums (BMI) im Rahmen der DIK der vergangenen zwölf Jahre allein an seinen Gastgeber-Fauxpas zu bewerten. Denn sie hat neben gravierenden Fehlentwicklungen auch Ergebnisse hervorgebracht und Entwicklungen angestoßen, die die Bedürfnisse der Muslime in Deutschland bis heute betreffen, so die Thematisierung und die ersten Schritte in der Etablierung der muslimisch-konfessionellen Wohlfahrtspflege oder nach langem Hin und Her die statistische Erfassung islamfeindlicher Straftaten als gesonderte Kategorie politisch motivierter Kriminalität. Eben durch diese Entwicklungen wurden die Belange und Sorgen der Muslime konkret aufgegriffen und eröffneten Möglichkeiten, Problemlagen anzugehen. Die DIK war es, die den entscheidenden Impuls für die Errichtung islamisch-theologischer Hochschulstandorte gab und sich für die Einführung eines bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterrichts stark machte.
Jedoch war das Gremium in der Vergangenheit auch immer getragen von einer Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität, die die „Blutwurst-Debatte“ oder die Anekdote von Ali Kızılkaya sehr gut veranschaulicht: Dem Anspruch auf einen Dialog auf Augenhöhe stand in der Realität die tendenziöse Auswahl der Gesprächspartner durch das Bundesinnenministerium gegenüber. Gleichzeitig waren die für staatliche Vertreter „angenehmeren“ Diskutanten überrepräsentiert. Der Wahrnehmung der Muslime, selber von Extremisten bedroht zu werden, widersprach die Befürchtung staatlicher Vertreter, dem Islam wohne per se ein Bedrohungspotenzial inne. Diese Liste könnte ohne große Mühen erweitert werden.
Ambivalent war auch die Auftaktveranstaltung der DIK am 28. und 29. November. Angefangen bei der Grundsatzrede des Gastgebers, Bundesinnenminister Horst Seehofer. Er hat in seiner Rede ungewohnt moderate Töne angeschlagen. Auf Themen wie „Islamismus, islamistischer Terrorismus“, die mittlerweile zu Standard-Textbausteinen eines jeden politischen Redenschreibers gehören, wurden in dieser Rede überraschenderweise beinahe ganz verzichtet. Auch mahnte der Innenminister, für die Taten einzelner „straffälliger Zugewanderter“ nicht alle Muslime in Verantwortung zu ziehen. Ob das auch als Selbstkritik an sich oder seine Partei gemeint war, war in seinen Äußerungen nicht zu erkennen. Überfällig war sie nach seinen zum Teil martialischen Äußerungen in der Vergangenheit oder seiner ParteikollegInnen alle Male.
Für eine weitere Überraschung hat er auch gesorgt, als er die mitgliedsstärksten Teilnehmenden beim Namen genannt hat: Er sprach nämlich von „muslimischen Religionsgemeinschaften“. Das ist fast schon ein Novum. Denn zuvor war immer wieder die Rede von „muslimischen Dachverbänden“. Ihre Selbstdefinition beziehungsweise ihr Selbstbild als Religionsgemeinschaften wurde ihnen bis dahin abgesprochen, ignoriert, nicht anerkannt. In einem direkten Kontrast dazu steht seine Kernthese, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, von dem er auch auf der Auftaktveranstaltung nicht explizit abgerückt ist. Zwar hat er in seiner Rede betont, dass er nach wie vor daran festhält, Muslime gehörten zu Deutschland. Über den Islam konnte er das auch diesmal nicht sagen.
Alles in allem hat Horst Seehofer mit seiner Rede überrascht. Es war nicht die Person auf dem Podium, der die Bundesrepublik monatelang in Atem hielt, sondern ein zumindest dem Anschein nach auch für Muslime mehr oder weniger fürsorglicher Politiker. Jedoch stehen Muslime vor großen Problemen und Herausforderungen, die ein konkretes auch politisches Anpacken erfordern. Und um diese Probleme anzugehen, muss das Bild des fürsorglichen Politikers auch Substanz haben, müssten Ambivalenzen durch Stringenz und Entschlossenheit ersetzt werden.
Da wäre zum Beispiel das Thema Religionsfreiheit. Die individuelle Religionsfreiheit hat in Deutschland ein großes Gewicht. Dies zeigen auch jüngste Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG). Beispielsweise wurde aufgrund seines Urteils aus dem Jahre 2015 das Tragen von religiös motivierten Kleidungsstücken durch muslimische Lehrerinnen in der Mehrheit der Bundesländer in der Regel wieder erlaubt. Leider wurde die ungerechtfertigt restriktive Auslegung des Neutralitätsgebots noch nicht in allen Bundesländern korrigiert.
Generell gewinnt die Restriktion religiös motivierter Kleidungsstücke aufgrund einer falsch verstandenen Neutralität wieder Aufwind. Sowohl in öffentlichen Einrichtungen als auch in Betrieben wird versucht, Musliminnen mit Kopftüchern schon im Vorfeld vermeintlich „legal“ aus dem Arbeitsverhältnis auszuschließen.
Auch in anderen Lebensbereichen lässt sich feststellen, dass die alltägliche Religionspraxis von Muslimen problematisiert und erschwert wird. Das sind Probleme, die in den Vorbereitungsberatungen für die vierte DIK-Runde nicht nur von uns eingebracht wurden. Leider wurden sie in der Grundsatzrede des Innenministers und darüber hinaus nicht weiter verfolgt. Das muss sich zukünftig ändern. Die Korrektur dieser rechtlichen Schieflage wird zu einer stärkeren Beheimatung von Musliminnen beitragen und muss daher nachdrücklich auf ihre Tagesordnung.
Das war leider nicht das Einzige, was unerwähnt blieb. Gleich mehrere jüngere Studien zeigen, dass die allgemeine Ablehnung des Islams und der Muslime in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen und die Mehrheit unserer Gesellschaft ein negatives Bild vom Islam hat. Fast jeder Dritte ist laut einer Umfrage der evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) der Auffassung, Muslime gehörten nicht zum hiesigen Alltagsleben. Nach den Ergebnissen der Leipziger Autoritarismus-Studie 2018 ist die Abwertung von Muslimen „erschreckend hoch“. Verglichen mit vergangenen Studien ist zu konstatieren, dass die Stimmung gegenüber Muslimen und dem Islam noch nie so negativ war wie heute.
Natürlich bleibt es nicht nur bei Zahlen und Statistiken. Diese weit verbreitete negative Einstellung gegenüber Muslimen schlägt sich entsprechend auf das tägliche Leben in Deutschland nieder: Muslime erfahren Diskriminierungen in der Arbeitswelt, in der Schule und im Alltagsleben. Es ist erwiesen, dass muslimische Bewerber es um ein Vielfaches schwieriger haben, eine Arbeit entsprechend ihrer Qualifikation zu finden als Nichtmuslime. Hinzu kommt die stetig hohe Zahl an Angriffen auf Muslime und Moscheen. Muslimisches Leben in seinen verschiedenen Erscheinungsformen wird häufiger als Anlass für Konflikte wahrgenommen.
Dieses negative Bild steht in einem diametralen Verhältnis zur aktuellen Situation von Muslimen und ihrem Engagement. Muslime haben bessere schulische Leistungen als zuvor, deutlich höhere Abschlüsse und sind bestrebt, sich in die Gesellschaft einzubringen. Weiter ist die Identifikation von Muslimen mit Deutschland stark ausgeprägt. Schließlich wird konstatiert, dass Muslime in Europa weitestgehend integriert sind, jedoch weiterhin nicht genügend akzeptiert werden. Auch diesem Problem muslimischen Lebensalltags wurde trotz mehrfacher Erwähnung in den vorbereitenden Sitzungen für die DIK IV kaum Beachtung in der Auftaktveranstaltung geschenkt.
Daher muss das vorrangige Ziel der DIK sein, unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus den oben genannten Studien entsprechende konkrete Maßnahmen für die DIK ableiten. Zum Beispiel, dass hierzu eine Arbeitsgruppe in der DIK gebildet wird, u. a. die Schul- und Justizministerien der Länder, in denen die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichtes noch nicht umgesetzt wurden, dazu eingeladen werden. Das Thema sollte an einem runden Tisch angesprochen werden und nicht immer nur in Gerichtssälen. Das Gleiche könnte auch mit Arbeitgeberverbänden durchgeführt werden, was aber nur dann sinnvoll wäre, wenn sie als breit angelegte Kampagne zur Stärkung der Anerkennungskultur für Vielfalt flankiert werden könnte. Eine solche Kampagne müsste aber breiter aufgestellt werden.
Der Rahmen der DIK wäre kaum ausreichend dafür. Denn die Anerkennung von Vielfalt ist ein gesamtgesellschaftliches Thema und müsste daher ganzheitlich angegangen werden und dürfte nicht nur den Islam oder die Muslime im Blickpunkt haben. Quebec hat es vor ca. einem Jahrzehnt vorgemacht und die damaligen Rassismus und Diskriminierungsprobleme weitestgehend überwunden. Vor allem sollte den Impulsen aus den Podiumsdiskussionen der Auftaktveranstaltungen ein größerer Raum geschaffen werden, die sich gegen ein weit verbreitetes defizitäres Integrationsverständnis gerichtet haben und sich stattdessen für die Stärkung und Ausweitung der Teilhabemöglichkeiten für Muslime ausgesprochen haben.
Die Vielfalt der Muslime sollte anerkannt und geschätzt werden. Fremdzuschreibungen wie „zivile Muslime“, „Kulturmuslime“, „konservative Muslime“ oder „Verbandsmuslime“, wie zuletzt von Staatssekretär Markus Kerber vorgetragen, reduzieren sie auf vermeintlich religiöse Auslegungsformen und verkennen die Vielschichtigkeit menschlicher Selbstbestimmung und -wahrnehmung. Gleiches gilt auch bezüglich der Favorisierung von Zuschreibungen wie „deutsche Muslime“ u. a. durch das BMI. Muslime nach (nationalpolitischen) „Identitätskategorien“ zu behandeln, schafft Ausgrenzungskriterien, die sie in ihrer eigenen Identitätsbestimmung entmündigen.
Jeder Mensch sollte sich so bezeichnen und wahrnehmen können, wie es seiner Vorstellung entspricht. Wenn sie sich über bestimmte Identitätsmerkmale besonders definieren wollen oder diese favorisieren, dann ist es ihr Recht, dies zu tun. Es dürfen jedoch keine Identitätskategorien von außen an sie herangetragen werden, nach denen sie in bestimmte gesellschaftliche Schubladen einsortiert werden können. Auch muss man im Gegenzug von diesen Menschen erwarten können, dass sie das Recht anderer, sich wie auch immer zu identifizieren, respektieren.
Daher war es zutreffend, dass viele Podiumsteilnehmenden der Auftaktveranstaltung auf die Vielschichtigkeit muslimischer Selbstwahrnehmungen aufmerksam gemacht und auf Probleme der Eindimensionalität der Identitätsvorstellung u. a. des BMI hingewiesen haben. Ein Beharren auf einer wie auch immer gearteten Identitätsfavorisierung von staatlicher Seite stünde zudem im Widerspruch zum eigenen Umgang mit deutschstämmigen Minderheiten im Ausland.
Oder wie würde das BMI den Umstand widerspruchsfrei erklären, dass fast zeitgleich zur DIK-Podiumsdiskussion unter der Überschrift „Muslime in Deutschland – deutsche Muslime“ nur wenige Kilometer weiter im Gebäude des BMI sich die deutsch-usbekische Regierungskommission zum 10. Mal traf, um unter anderem über Fördermöglichkeiten zur Wahrung der deutschen „ethnokulturellen Identität“ in Usbekistan zu beraten?
Das BMI hatte andere Schwerpunkte für die Auftaktveranstaltung. Im Vordergrund stand die Imamausbildung; sowohl in der Grundsatzrede des Innenministers, wie auch auf den darauf folgenden Podiumsdiskussionen. An diesem Thema zeigt das BMI ein besonderes Interesse. Der Wunsch dahinter sei, dass die Religionsgemeinschaften ihre Imame in Deutschland ausbilden.
Die etablierten islamischen Religionsgemeinschaften mit ihren weit über 2000 Moscheegemeinden stehen seit Jahrzehnten Muslimen mit Rat und Tat zur Seite, sei es in der Verrichtung der Gebete, bei der Vermittlung religiösen Wissens an Jung und Alt, in der Organisation und Durchführung der Pilgerfahrten, in der Wohlfahrtspflege, durch seelsorgerische Tätigkeiten, bei Bestattungen usw. Sie sehen die DIK in erster Linie eine Dialogplattform mit staatlichen Vertretern, auf der Probleme der Muslime angesprochen werden können, deren Lösung der mittelbaren und unmittelbaren Unterstützung durch den Staat bedarf bzw. bei denen eine Kooperation mit staatlichen Stellen sinnvoll erscheint.
Ihre Motivation zur Teilnahme setzt voraus, dass der Staat geleitet vom Neutralitätsgebot, vom Gleichbehandlungsprinzip und unter Wahrung und Achtung der Religionsfreiheit und des Selbstbestimmungsrechts sich seiner Verantwortung für seine Bürger, also auch von Muslimen, bewusst ist. Aus dieser Perspektive sind die Aussagen des Innenministers und seines Staatssekretärs auf der Auftaktveranstaltung, man möchte sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften – so auch in die Imamausbildung – einmischen, zu begrüßen. Das scheint derzeit nämlich besonders wichtig zu sein, denn diese grundlegenden Prinzipien wurden in der jüngeren Vergangenheit oft durch einige Vertreter u. a. staatlicher Stellen in Frage gestellt, ja fast schon abgestritten.
Gerade im Hinblick auf die Themenbelegung „Imamausbildung“ ist die Betonung dieser Grundsätze sehr bedeutsam, weil sie zu den Kernaufgaben der Religionsgemeinschaften gehört. Auch der Islamrat befürwortet es grundsätzlich, dass unsere Gemeinden von Imamen betreut werden, die in Deutschland sozialisiert und ausgebildet worden sind. Wir brauchen auch in Zukunft Imame, die ihre Gemeinde kennen und von dieser gekannt und akzeptiert werden, Imame, die wissen, dass sie in unseren Gemeinden Menschen vorfinden aus der ersten bis zur fünften Generation, mit ganz unterschiedlichen Besonderheiten.
Viele Gemeindemitglieder möchten zum Beispiel die Predigten weiterhin in ihrer Herkunftssprache hören, andere wiederum meinen, dass es wichtiger sei, diese (auch) auf deutsch anzubieten. Hier benötigen die Imame das nötige Gespür dafür, dass für viele Gemeindemitglieder die Herkunftskultur mehr bedeutet als nur Folklore und oft und gerne mit der Religion verknüpft wird. Das gilt beispielsweise für die traditionellen Mawlîd- beziehungsweise Kaside-Gesänge zu bestimmten religiösen Anlässen. Genauso sollten Imame aber auch wissen, dass sich neben dieser Kultur mittlerweile eine weitere muslimische Kultur entwickelt, mit ihren multiethnischen, multi-innermuslimischen und auch europäischen Einflüssen.
Wir wissen, dass die Gemeinden weiter an ihren älteren Imamen festhalten, weil die Beziehungen zum aktuellen Imam nach 3, 5 oder 10 Jahren so tief verwurzelt sind, dass man sich mehr als eine Familie betrachtet. Daher wissen wir auch, dass ein „Auswechseln“ der Imame, wie ihn sich der eine oder andere Politiker gerne wünscht, neben religionsverfassungsrechtlichen auch aus diesen Gründen nicht machbar ist. Wir sind der Überzeugung, dass es eine Entwicklung sein muss und sein wird, die sich ohne politischen Druck oder anderweitiger Zwänge natürlich und vor allem menschlich vollzieht.
Das alles berücksichtigt der Islamrat bereits bei seiner Imamausbildung, die er seit Jahren durchführt. Leider erkennen die Wenigsten, welches Fingerspitzengefühl hierfür notwendig ist. Deutlich wurde das unter anderem während der Ankündigung des BMI, dass man in der vierten Runde der DIK auch eine Bestandsaufnahme über Imame und Imamausbildung machen möchte.
Die Wissenschaftler, mit denen man diese Bestandsaufnahme durchzuführen gedenkt, scheinen auch mehr oder weniger festzustehen. Für die Religionsgemeinschaften, bei denen die Imame eingestellt sind beziehungswesie die die Imame ausbilden, kam diese Ankündigung hingegen mehr oder weniger überraschend, weil dieses Vorhaben erst zum Schluss mit ihnen kommuniziert wurde und nicht schon bei der Entstehung einer solchen Projektidee. Eine solche Herangehensweise setzt Vertrauen aufs Spiel, relativiert Beteuerungen der Politik, man wolle sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften einmischen und bringt am Ende niemandem was. Stattdessen hätte man sich bei einem solchen Thema seit Beginn an den Bedürfnissen der Religionsgemeinschaften orientieren können und diese mit ihnen besprechen müssen.
Eine weitere Ankündigung der Auftaktveranstaltung war, dass das BMI Moscheegemeinden in ihren sozialen und integrativen Projekten fördern und sie bei ihrer lokalen Vernetzung finanziell unterstützen möchte. Vor dem Hintergrund, dass Moscheegemeinden bis jetzt hauptsächlich bei der Umsetzung von Präventionsprojekten finanziell unterstützt wurden und sonst kaum, scheint es sich bei diesem Vorhaben um eine paradigmatische Neuausrichtung zu handeln: Moscheen nicht nur aus der Sicherheitsperspektive zu betrachten, sondern als ein wesentlicher gleichwertiger gesellschaftlicher Akteur, der sich vielfältig in die Gesellschaft einbringen kann.
In der Tat bieten Moscheegemeinden viele soziale und integrative Projekte zum Beispiel für Flüchtlinge an. Auch wenn in der dritten Runde der DIK das Thema islamische Wohlfahrtspflege behandelt wurde, ist die Anzahl an Projekten, die in diesem Kontext gefördert wurden, überschaubar. Der neue Ansatz des Ministeriums würde in erster Linie eine Wertschätzung der Leistungen der Moscheegemeinden im sozialen Bereich bedeuten. Gerade vor dem Hintergrund eines Anstiegs von nicht nur Islamophobie, sondern damit einhergehend eine „Moscheephobie“ und einer „Verbändephobie“ wäre das ein solches Vorhaben ein wichtiges Signal.
Eine solche Wertschätzung ist aber nur dann sinnvoll, wenn sie die Religionsgemeinschaften in ihrer Gesamtheit berücksichtigt. Von Staatssekretär Kerber in der Vergangenheit mehrfach getroffene Aussagen darüber, dass man mehr mit den Moscheen zusammenarbeiten wolle und weniger mit den „Verbänden“, setzt neue Dichotomien auf: Die Moscheen auf der einen und die „Verbände“ beziehungsweise die „Dachverbände“ auf der anderen Seite. Eine solche Perspektive verkennt unabhängig von Projektfördervorhaben die gewachsenen inneren Willensbildungsstrukturen und -prozesse der islamischen Religionsgemeinschaften.
Deutlich wurde das am zweiten Tage der Auftaktveranstaltung zur DIK. Herr Kerber behauptete sinngemäß, dass es zur Normalität in Deutschland gehöre, dass, wenn politische Vertreter vom Bund in der Umgehung der jeweiligen Landesregierungen mit ihren Kommunen in eine Kooperation treten wollen, oder ein ähnliches Ansinnen in der Umgehung der für sie zuständigen jeweiligen kirchlichen Instanzen für eine Kooperation mit einzelnen Mitgliedkirchen vor Ort verfolgen, es zu Konflikten mit den jeweiligen übergeordneten Instanzen – also mit den Landesregierungen und beispielsweise mit der EKD – komme. Ausgehend hiervon kündigte er an, dass ähnliche Konfliktsituationen zukünftig auch mit den islamischen Religionsgemeinschaften möglich sein würden.
Dieser Vergleich hinkt jedoch gleich in mehrfacher Hinsicht: Zum einen gibt es ein tradiertes und reglementiertes Beziehungs- beziehungsweise Kooperationsverhältnis zwischen dem Bund und den jeweiligen staatlichen und kirchlichen Ansprechpartnern im föderalen System, die bezüglich der Muslime leider noch nicht existiert. Zweitens ist der Islam in Deutschland eine Minderheitenreligion. Ihre internen gewachsenen Willensbildungsstrukturen und -prozesse bedürfen daher einer besonderen Berücksichtigung. Auch wäre – drittens – ein solches Ansinnen vor dem Hintergrund der Selbstbestimmungs- und Selbstverwaltungsrechts zu hinterfragen.
Die Auftaktveranstaltung der DIK IV war insgesamt ambivalent. Vieles wurde angesprochen, vieles ausgeblendet. Bundesinnenminister Horst Seehofer hat zur Überraschung aller moderate Töne angeschlagen und den einen oder anderen positiven Ansatz durchklingen lassen. Über den Erfolg oder Misserfolg der DIK wird auch entscheiden, welche Themen in Zukunft wie angegangen werden. Hier gibt es allerdings noch Nachholbedarf. Ein erster Schritt hin zu einer Kurskorrektur wäre ein Perspektivwechsel des BMI, die DIK nicht als ein Instrument religionspolitischer Regulierung zu betrachten, sondern als eine Plattform, auf der die sich anhäufenden Probleme der Muslime diskutiert werden und auf der gemeinsam nach Lösungen gesucht wird. Ein zweiter Schritt würde in der Überwindung der oben genannten Widersprüche liegen, die die Blutwurst-Debatte zum Teil auch versinnbildlicht.
Der Autor ist Generalsekretär des Islamrates und stellvertretender Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş.
Straßburg (dpa). Nach dem schweren Terroranschlag von Straßburg ist der Attentäter Chérif C. offenbar im Viertel Meinau in der Nähe von Neudorf von der französischen Polizei getötet worden. Mit einem Großaufgebot von über 600 Beamten in und um die elsässische Metropole und an der nahe gelegenen Grenze zu Deutschland versuchte die Polizei in den letzten Tagen den bei einem Schusswechsel verletzten Angreifer zu fassen. C. saß bereits mehrfach in Haft – und soll sich dort radikalisiert haben.
Der polizeibekannte Gefährder Chérif C. hatte am Dienstagabend mitten in der Weihnachtssaison das Feuer in der Straßenburger Innenstadt eröffnet. Zwei Menschen wurden getötet, ein Opfer sei hirntot, zwölf Menschen wurden verletzt, sagte der Pariser Antiterror-Staatsanwalt Rémi Heitz am Mittwoch in Straßburg.
Der mehrfach vorbestrafte Angreifer soll sich im Gefängnis radikalisiert haben. Der gebürtige Straßburger mit nordafrikanischen Wurzeln saß wegen schweren Diebstahls auch in Deutschland in Haft.
„Der Terrorismus hat erneut unser Gebiet getroffen“, sagte Heitz. Zeugen hätten den Angreifer „Allahu Akbar“ rufen hören. Angesichts des Zielorts, seiner Vorgehensweise und der Zeugenaussagen habe die Antiterrorabteilung der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen.
Der Mann schoss am Dienstagabend mitten in der weihnachtlich geschmückten Innenstadt um sich. Er habe eine Handfeuerwaffe und ein Messer dabeigehabt. „Auf seinem Weg hat er mehrfach das Feuer mit einer Handfeuerwaffe eröffnet und ein Messer benutzt, mit dem er getötet und schwer verletzt hat“, sagte Heitz.
Unter den Todesopfern ist ein 45 Jahre alter Tourist aus Thailand, wie das Außenministerium in Bangkok bestätigte. Nach Medienberichten starb er durch einen Schuss in den Kopf. Sechs Menschen erlitten sehr schwere Verletzungen. Deutsche seien nach derzeitigem Kenntnisstand nicht unter den Opfern, teilte das Auswärtige Amt mit.
Nach der Tat flüchtete der Angreifer, lieferte sich aber noch zwei Schusswechsel mit Sicherheitskräften. Nach dem Anschlag haben Ermittler vier Menschen aus dem Umfeld des 29 Jahre alten Tatverdächtigen Chérif C. in Gewahrsam genommen. Deutsche Sicherheitsbehörden suchen mit nach dem Täter und fahnden auch nach dessen Bruder Sami C.. Das Innenministerium in Paris schloss nicht aus, dass der Täter nach Deutschland geflüchtet sein könnte.
Die beiden französischen Staatsbürger mit nordafrikanischen Wurzeln wohnten nach Informationen aus Sicherheitskreisen zuletzt in Straßburg. Sie würden in Frankreich als radikalisiert eingestuft und dem Straßburger Islamistenmilieu zugerechnet, sagte ein hochrangiger Sicherheitsexperte dem Berliner „Tagesspiegel“.
In Deutschland tauchen die beiden Namen allerdings nach dpa-Informationen nicht in der Datei für islamistische Gefährder auf. Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Registrierungsschwelle in Frankreichs „fiche-S-Datei“ sei deutlich niedriger als für die Aufnahme in die deutsche Gefährderdatei. Der Straßburger Angreifer wurde in dieser Datei gelistet.
Der Täter wurde nach Angaben des Staatsanwalts vor seiner Flucht von Soldaten verletzt. Er entkam mit einem Taxi. Über 600 Einsatzkräfte und mehrere Hubschrauber seien an der Fahndung beteiligt, hieß es. Die Bundespolizei kontrollierte mehrere Grenzübergänge von Deutschland nach Frankreich.
Der mutmaßliche Attentäter hatte wegen schweren Diebstahls von Anfang 2016 bis Februar 2017 in Deutschland eine Haftstrafe verbüßt – zuerst in Konstanz. Nach Informationen des „Tagesspiegels“ wurde er später in die Justizvollzugsanstalt Freiburg verlegt. Im Februar 2017 wurde er nach Frankreich abgeschoben. Er wurde nach Medienberichten schon vor dem Attentat auch wegen eines versuchten Tötungsdeliktes gesucht.
Bereits am Dienstagmorgen wollten ihn Einsatzkräfte deswegen verhaften – trafen ihn zu Hause jedoch nicht an, wie der Staatssekretär im Innenministerium, Laurent Nuñez, erklärte. Bei dieser Aktion seien fünf Menschen festgenommen worden, die aber nichts mit dem anschließenden Anschlag zu tun gehabt hätten.
Frankreichs Regierung ließ nach dem Anschlag die höchste nationale Sicherheitswarnstufe ausrufen. Frankreich ist in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von islamistisch motivierten Terroranschlägen geworden, die fast 250 Menschen das Leben kosteten.
In Straßburg blieb der Weihnachtsmarkt am Mittwoch geschlossen. Der Unterricht an Grundschulen und Vorschulen wurde ausgesetzt. Die Elsass-Metrople unweit der Grenze zu Deutschland ist bei Touristen gerade in der Weihnachtszeit sehr beliebt – Zehntausende kommen pro Tag. Zusammen mit dem Weihnachtsmarkt in Dresden zählt der Straßburger Weihnachtsmarkt zu den ältesten Europas.
Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hatte in der Nacht zu Mittwoch in Paris eine Krisensitzung einberufen. „Solidarität der gesamten Nation für Straßburg, unsere Opfer und ihre Familien“, schrieb Macron auf Twitter.
Das Europaparlament in Straßburg begann seine Sitzung am Mittwoch im Gedenken an die Opfer. „Das war ein krimineller Anschlag auf den Frieden“, sagte Parlamentspräsident Antonio Tajani zum Auftakt der Sitzung. „Wir stehen auf der Seite der Familien der Opfer.“
Das Parlament war Dienstagabend zwischenzeitlich abgeriegelt worden. Über Stunden hinweg durfte niemand das Gebäude verlassen, Mitarbeiter wurden per Handy-Kurznachricht und Mail gewarnt. Erst am frühen Mittwochmorgen durften sich Abgeordnete und Mitarbeiter auf den Heimweg machen.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier drückte Macron sein Mitgefühl aus. „Ich möchte Ihnen, auch im Namen meiner Landsleute, meine tief empfundene Anteilnahme aussprechen“, schrieb Steinmeier in einem Brief. Außenminster Heiko Maas (SPD) twitterte am Morgen: „Wir sind tief erschüttert vom Anschlag in #Straßburg und verurteilen diese feige Tat.“ Regierungssprecher Steffen Seibert hatte sich auf Twitter „erschüttert über die schreckliche Nachricht“ aus Straßburg gezeigt.
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schrieb auf Twitter: „Meine Gedanken sind bei den Opfern der Schießerei in Straßburg, die ich mit großer Entschiedenheit verurteile.“ Straßburg sei eine symbolische Stadt für den Frieden und die europäische Demokratie. „Werte, die wir immer verteidigen werden.“
(iz). Eigentlich braucht es keine Enthüllungsbücher über Donald Trump. Diese Verkörperung des betreuten Regierens muss gar nicht erst öffentlich gemacht werden. Täglich manifestiert sie sich auf allen möglichen Medienkanälen, in […]
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Berlin (KNA). Die Menschenrechte sind nach Ansicht des ehemaligen UN-Sonderberichterstatters für Religionsfreiheit, Heiner Bielefeld, in einer dramatischen Krise. „Derzeit erleben wir sogar, dass die Menschenrechte für tot erklärt werden“, beklagte Bielefeld am 5. Dezember in Berlin. Jene internationalen Institutionen, die für die Durchsetzung der Menschenrechte wesentlich seien, drohten zu „zerbröseln“. Bielefeld äußerte sich bei einer Veranstaltung des Beauftragten für Religionsfreiheit der Bundesregierung, Markus Grübel (CDU), zum 70. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der am 10. Dezember begangen wird.
Weltweit hätten Menschenrechtsverletzungen „massiv zugenommen“, sagte Bielefeld. Das gelte auch für das Recht auf Religionsfreiheit. Er warnte vor einer „Fragmentierung der Menschenrechte“. Es müsse unbedingt ein ganzheitlicher Ansatz propagiert werden, nach dem Grundsatz: „Gleiche Würde, gleiche Freiheit für alle.“ Grübel betonte, dass die Menschenrechtspolitik in den Außenbeziehungen eine Querschnittsaufgabe darstelle. Wesentlich sei neben der Dokumentation, entsprechende Verstöße bei Gesprächen mit betroffenen Ländern anzusprechen.
Der ehemalige Vorsitzende der Unionsbundestagsfraktion, Volker Kauder (CDU), machte einen zunehmenden Nationalismus für die Krise verantwortlich. Große Länder wie China oder Indien versuchten, die Menschenrechte der nationalen Identität unterzuordnen. Um so mehr gelte es, ihre universale Gültigkeit zu verteidigen. Kauder forderte ein gemeinsames Handeln. Wesentlich sei dabei, Öffentlichkeit herzustellen: „Selbst den diktatorischen Ländern ist es nicht recht, wenn sie als Verfolgerländer dargestellt werden.“
Die Vizevorsitzende des Zentralrats der Muslime, Nurhan Soykan, beklagte, dass die Religionsfreiheit in vielen Ländern immer weniger geachtet werde. Sie verwies auf die „brutalen Kriege“ zwischen muslimisch geprägten Ländern, die Verfolgung der Uiguren in China sowie auf ein „Erstarken des Nationalismus in wesentlichen Ländern“. Der Nationalismus schüre Ängste vor anderen Überzeugungen.
(iz). Als Menschen bedienen wir uns der Sprache, um zu kommunizieren. Dies zeichnet uns Menschen aus und hebt uns von anderen Wesen ab. Sprache ist aber mehr als nur ein Mittel oder gar ein Instrument. Sie ist konstituierend und spiegelt mehr als nur unsere Gefühle, Ideen und Eindrücke wider, ein Ausdruck unseres Seins. Mit den Worten von Hans-Georg Gadamer ausgedrückt: „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“ Dieser prägnante Satz vermittelt uns auch – so meine Interpretation –, dass wir uns immer wieder verständigen müssen, was Sprache ausmacht, genauer, was sie ist. Denn durch Sprache konstituieren und konstruieren wir unsere Welt. Dies hat wieder Auswirkung auf uns und die anderen.
Als muslimische Minderheit kommunizieren wir nicht nur in unseren Muttersprachen, sondern bedienen uns auch der deutschen Sprache. Nicht nur, weil einige, insbesondere junge Menschen, die Sprache ihrer Eltern nicht mehr beherrschen, sondern wir auch Inhalte, Ideen, Thesen und Eindrücke in die deutsche Sprachwelt übertragen möchten. Manchmal übersetzen wir, oder generieren hierbei neue Inhalte.
Die Grundannahme dabei ist, dass dies Teil eines offenen Diskurses ist beziehungsweise sein sollte – der offen ist für Rede und Gegenrede. Folglich prägt dieser Diskurs auch eine Sprachkultur mit, die wir nach außen, aber auch nach innen vermitteln. Hierdurch prägen wir als Pioniere eines deutschsprachigen Islam einen Habitus, welchen wir anderen mitgeben und der eine Vorbildfunktion hat – ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind. Wie steht es nun um Kommunikation nach innen? Es gibt nur wenige mediale Plattformen, über die Muslime miteinander oder mit der Außenwelt in Eigenregie kommunizieren. Der Hauptteil der Kommunikation, wenn nicht hinter verschlossenen Türen, erfolgt über soziale Medien. Und erfolgt dabei insbesondere über Beiträge auf Facebook. Der Ertrag dieser Diskussionen scheint mir persönlich – so mein Eindruck – bescheiden, gar enttäuschend zu sein.
Es irritiert nicht nur, es ist mittlerweile bedauerlich zu sehen, dass Protagonisten des Islam in Deutschland sich verbale Schlachtkämpfe liefern und sich über Social Media selbst zerfleischen. Es liegt mit Sicherheit auch am Medium. Es erlaubt, teilweise durch die Ermöglichung von Fakeaccounts, Fakenews usw. Eindrücke zu vermitteln, Ideen zu transportieren, die nichts mit der Realität zu tun haben. Des Weiteren ermöglicht es Einzelpersonen, eine viel größere Gemeinschaft von Menschen zu erreichen, als dies physisch möglich wäre.
Dies gibt aber auch Akteuren die Möglichkeit Stimmung zu machen, zu manipulieren und Profit zu machen, wie bei „Influencern“. Soziale Netzwerke geben Raum für Selbstdarsteller und Exzentriker, ermöglichen einen „optimierten Exhibitionismus“ wie der Social-Media-Experte Alex Wunschel es ausdrückt. Vor allem aber ermöglicht und kreiert dies eine Diskussionskultur, in der zwangsweise komplexe Inhalte auf wenige Sätze reduziert werden müssen und dabei Missverständnisse vorprogrammiert sind.
Hinzu kommt, dass es trotz (oder wegen?) Smilies kaum möglich ist, die emotionale Betroffenheit des Gegenübers zu erkennen und ein vermeintliches Argument nur dadurch als wahr angenommen wird, weil es viele Likes bekommt – und es kaum noch möglich ist, eine Gegenrede zu imitieren ohne eine Welle von Gegenkommentaren mit weiteren Missverständnissen oder gar Hassrede zu riskieren.
Den Akteuren scheint es dabei zu entgehen, dass sie damit oftmals nicht nur ihrer Sache/Mission schaden, sondern genau denen in die Hände spielen, die kritisieren, dass Muslime nicht die intellektuelle Tiefe und Reife hätten, ein offenes und kritisches Gespräch über den Islam zu führen.
Damit schaden sie nicht nur sich selbst sondern auch der Jugend in Deutschland, die Hinweise erwarten, wie ein Leben als Muslim in Deutschland auszugestalten ist. Längst haben sich viele aufgeweckte junge Menschen von den Verbänden abgewendet, weil sie nicht erkennen können, dass diese ihre Interessen vertreten geschweige denn ihnen Halt und Inhalt für ihr Leben in einem nicht-muslimischen Kontext geben können. Sie schütteln aber auch oftmals den Kopf, wenn sie einzelne Akteure aus dem muslimischen Milieu beobachten, die von Medienmachern gefördert werden, aber an der Lebenswirklichkeit der Muslime vorbeireden und folglich in ein Selbstgespräch verfallen und den Bezug zur Basis schon längst verloren haben. Ihnen eilt der Ruf der Bigotterie nach.
Wir sollten uns auf unsere ureigenen islamischen Prinzipien besinnen, denn der Qur’an schreibt uns folgendes Verhalten vor: „Ihr Gläubigen! Laßt euch nicht so viel auf Mutmaßungen ein! Mutmaßungen anstellen ist manchmal Sünde. Und spioniert nicht und sprecht nicht hintenherum schlecht voneinander Möchte (wohl) einer von euch (wie ein Aasgeier) das Fleisch seines toten Bruders verzehren? Das wäre euch doch zuwider Fürchtet Allah! Er ist gnädig und barmherzig.“ (Al-Hudschurat, Sure 49, 12).
Daraus lassen sich folgende Prinzipien für das Miteinander ableiten:
Sich vor Mutmaßungen hüten (zum Beispiel keine Mutmaßungen darüber anzustellen, mit welchen Absichten ein Mensch etwas sagt oder wie er/sie handelt).
Ausspionieren ist verboten.
Das Lästern über jemanden ist eine Sünde (dies wird als eine abscheuliche Tat bezeichnet, welche mit dem Essen des Fleisches eines toten Bruders verglichen wird). Ghibah (Nachrede) ist aber nicht nur üble Nachrede. Es ist schlichtweg das Reden über den anderen, auch wenn es der Wahrheit entspricht, eben aber diesem Menschen nicht gefällt. Dies wir durch eine Überlieferung vom Propheten verdeutlicht: „Wisst ihr, was üble Nachrede (Ghibah) ist?“ Die Leute sagten: „Allah und sein Gesandter wissen es am besten!“ Er sagte: „Es ist, wenn du von deinem Bruder etwas sagst, was er nicht mag.“ Jemand fragte: „Und wenn mein Bruder (so) ist, wie ich sage?“ Der Prophet sagte: „Wenn er (so) ist, wie du sagst, dann ist es üble Nachrede, und wenn er nicht so ist, wie du sagst, dann ist es Verleumdung.“ (Muslim)
Diese Überlieferung suggeriert nicht, dass man gänzlich schweigt, denn Gelehrte haben zum Beispiel einschränkend festgehalten, dass man sehr wohl über Übeltäter sprechen kann, wenn man die Öffentlichkeit über ihre Übeltaten informieren möchte. Als Prinzip gilt hier Verhältnismäßigkeit und Sachlichkeit. Nur das ist Gegenstand eines Urteils, was sachlich begründet werden kann.
Ebenfalls ist auf die Art und Gewichtung zu achten. Diese Aufforderungen dürfen natürlich nicht dahingehend missverstanden werden, dass man blauäugig in eine Kommunikation gehen soll. Eine gewisse Skepsis ist legitim und auch wünschenswert, zum Selbstschutz. Wichtig ist aber hier genau zu hinterfragen, ob diese Skepsis aus sachlichen Erwägungen getroffen wird oder dem Gutdünken folgt. Folglich wappnen wir uns gegen Enttäuschungen, aber lassen nicht ab vom Prinzip, dass wir grundsätzlich Menschen (im speziellen den Gläubigen) vertrauen sollten. Als gläubige Menschen leben wir im Bewusstsein, dass wir uns für unsere Taten, auch in Wort und Schrift bei Gott verantworten werden.
Damit ist der theologische Rahmen abgesteckt. Nun stellt sich aber die Frage, wie Kommunikation (doch noch) gelingen kann. Folgt man den Ausführungen von Jürgen Habermas, müssen folgende Regeln eingehalten werden, wenn idealerweise Kommunikation gelingen soll: “Typisch sind Zustände in der Grauzone zwischen Unverständnis und Mißverständnis, beabsichtigter und unfreiwilliger Unwahrhaftigkeit, verschleierter und offener Nicht-Übereinstimmung einerseits, Vorverständigtsein und Verständigung andererseits; in dieser Zone muß Einverständnis aktiv herbeigeführt werden. Verständigung ist also ein Prozeß, der Unverständnis und Mißverständnis, Unwahrhaftigkeit sich und anderen gegenüber, schließlich Nicht-Übereinstimmungen auf der gemeinsamen Basis von Geltungsansprüchen zu überwinden sucht“
Die Überwindung, von der Habermas spricht, kann nur gelingen, wenn wir dem anderen zugestehen, dass jeder am Diskurs teilnehmen kann, alle müssen die Chance haben ihre Ideen, Behauptungen, Meinungen etc. einzubringen – ohne dass wir ihm/ihr die guten Absichten bei der Rede in Frage stellen (Verbot der Mutmaßungen, s.o). Diese wiederum müssen bereit sein, ihre Ideen im offenen Diskurs zur Diskussion zu stellen und damit (unvoreingenommen) auf Rede und Gegenrede zu antworten. Dementsprechend hat jeder das Recht, ob in einem Verband Mitglied oder nicht, sich in den Diskurs einzubringen – unter der Bedingung, „dass keine Vormeinung auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt“. Und ohne irgendwelche unsachlichen Mutmaßungen über seine/ihre Absicht aufzustellen. Dies ist selbstredend verbunden mit der Annahme der „Wahrhaftigkeit“, nämlich, dass jeder sich selber gegenüber wahrhaftig ist und die eigene Natur den anderen widerspiegelt.
Dabei finde ich einen psychologischen Aspekt sehr wichtig: Wir sollten uns immer wieder fragen lassen, quasi als Selbstgespräch, warum wir kommunizieren, genauer: Mit welcher Absicht sprechen wir? Denn Allah wird uns nach unseren Absichten belohnen. Folglich heißt dies für uns: Wenn wir sprechen und wenn wir schreiben, folgen wir der Absicht, uns ehrlich in einen Diskurs einzubringen oder folgen wir unserem Ego?
Als Menschen können wir uns dabei nicht ganz von unseren Absichten, Trieben usw. befreien, aber es sollte zumindest möglich sein, bei uns selbst darüber Rechenschaft abzulegen. Wir erleben, dass wenn wir dies nicht tun und nicht auf eine sachliche Ebene zurückkehren, wir Kritik als persönlichen Angriff wahrnehmen und damit in einen sprichwörtlichen Teufelskreis geraten. Vielleicht werden wir diesen nie überwinden. Ein Versuch ist es aber immer wert.
Die Redlichkeit wiederum, im Sinne von Habermas, erfordert, dass jeder die gleichen Chancen haben sollte, am Diskurs teilzunehmen. Wir erleben aber bei Foren, auf Facebook, Onlinemagazinen usw., dass Beiträge gelöscht, redigiert oder erst gar nicht veröffentlicht werden – weil sie eben nicht der eigenen Meinung entsprechen. Dies widerspricht aber eben dem Prinzip der Redlichkeit. Obwohl: Als Muslime sollten wir doch dem anderen das Gleiche wünschen, wie uns auch?
Schließlich denke ich, dass wir in einer offenen, selbstkritischen Kommunikation, die bestimmte Spielregeln einhält und auf einer sachlichen, relativ emotionsfreien Ebene bleibt, weiterkommen können. Ich bin mir bewusst, dass wir nie einen Idealzustand erreichen werden. Das Bewusstwerden für die Problemhaftigkeit und die fehlgeleitete Kommunikation innerhalb der muslimischen Community würde mir für den Anfang reichen.
Mein persönlicher Eindruck ist aber, dass wir uns oftmals von unseren Gefühlen leiten lassen, Ermahnungen zur Nachrede und Mutmaßungen im Qur’an vergessen, uns der Kritik verschließen und damit nur einen Monolog von Gleichgesinnten führen. Wollen wir dies überwinden, um ein Einverständnis über die Rahmenbedingungen zu erreichen und uns für unsere Anliegen als Muslime Gehör zu verschaffen, bedarf es einer eingehenden Selbstreflexion.
Aber auch um das Gespräch mit den anderen voranzubringen, um vielleicht eine Horizontenverschmelzung (Gadamer) zu erreichen, ist es unabdingbar, die Andersartigkeit des Anderen im Gespräch anzuerkennen. Die Toleranz, die wir von Nicht-Muslimen für den Islam und die Muslime berechtigterweise verlangen, sollten wir zuerst unseren eigenen muslimischen Geschwistern gewähren.
Folglich mein Aufruf: Lasst uns sachlich auf Augenhöhe und von Angesicht zu Angesicht kommunizieren, wenn möglich nicht über Social Media. Dabei werden wir manchmal über unseren Schatten springen müssen: Aber es lohnt sich, bestimmt!
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(HRW). Nach Angaben eines führenden chinesischen UN-Diplomaten, der vor dem UN-Menschenrechtsausschuss am 6. November über China sprach, sei Xinjiang (Ostturkestan) „sehr schön, sicher und stabil“ – und „ein schöner Ort“. Wäre das doch nur wahr!
Die Anhörung zur chinesischen Menschenrechtspolitik und -praxis führte die enorm verlogenen Behauptungen Chinas vor Augen. Es liegt über sein Scheitern zur Unterzeichnung entscheidender Menschenrechtsverträge sowie die breite Palette an Verbrechen, die es mit dem Tode bestraft, die Verhaftung von Menschenrechtsaktivisten sowie seine Vorgeschichte an der Behinderung internationaler Menschenrechtsinstitutionen.
Aber die Flutwelle der Dokumentation von Akademikern, Journalisten und Menschenrechtsorganisationen bezüglich der zügellosen Menschenrechtsverletzungen in Chinas nordwestlicher Region Xinjiang zeigt nur, wie unehrlich die Behauptungen der chinesischen UN-Delegation über die Region waren. Es gibt wenig „Stabilität“ oder „Sicherheit“ für die rund eine Million türkischen Muslime, die willkürlich in „Umerziehungslagern“ eingesperrt sind. Dort verbringen sie ihre Tage damit, zwangsweise durch die Gedankenwelt von Xi Jinping indoktriniert zu werden.
Jene außerhalb der Lage haben keine Wahl, als Regierungs- und Parteivertreter in ihre Häuser“willkommen“ zu heißen. Dabei wird das Verhalten von Familienmitgliedern dicht überwacht. Nachforschungen von Human Rights Watch dokumentieren die alldurchdringlichen Beschränkungen der islamischen Praxis in der Region. Sie reichen von der Konfiszierung von Qur’ankopien bis zum Verbot der täglichen Gebete.
Vor dem UN-Menschenrechtsausschuss riefen 13 Länder China zur Schließung der Lager auf. Einige wiederholten den Aufruf vom UN-Hochkommissar für Menschenrechte für freien Zugang nach Xinjiang, um das Ausmaß der Missbräuche zu untersuchen. Mehr noch zeigten sich besorgt über Beschränkungen der Religionsfreiheit sowie von ethnischen Minderheiten.
Aber keine einzige Regierung von einem Mitgliedsland der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) hat China namentlich für dessen erschreckenden Missbrauch an den Muslimen kritisiert. Das macht es China umso leichter, Kritik als eine weitere „westliche“ Verschwörung zu bezeichnen. Nur die Türkei erkannte das Problem an und sprach über „die grundlose Inhaftierung von Individuen ohne Rechtsgrundlage“. Allerdings bezog sie sich nicht spezifisch auf Xinjiang.
Und einige dieser Regierungen sind Komplizen in Pekings „Hart Zuschlagen“-Kampagne. Sie weisen türkische Muslime, insbesondere Uiguren, mit Gewalt nach China aus. Eine sichere Ausreise in dritte Staaten wird ihnen verweigert. Außerdem gehen Informationen über ihre Identität an chinesische Behörden. Wenige nur haben Peking für seine Verfolgung türkischer Muslime kritisiert, die die jeweiligen Staaten besucht haben, dort studierten oder deren Angehörigen dort leben.
Es ist nicht klar, warum die Verteidigung der Muslime in China fast ausschließlich an westliche Regierungen fiel. Ein Ende der Krise für diese Gemeinschaft erfordert jedoch das Engagement einer breiten Stimme. Werden die mehrheitlich muslimischen Länder gleichziehen?
(iz). Liebe und Geborgenheit. Zwei Grundbedürfnisse, nach denen sich auch junge Muslime sehnen und dementsprechend für sie nur eine Ehe in Frage kommt. Für viele gestaltet sich die Suche nach dem passenden Partner garnicht mal so einfach. Die Zeiten ändern sich und heutzutage können Eltern oft nicht mehr als Vermittler fungieren oder Ehen für ihre Kinder arrangieren.
Auch ist die Gesellschaft, in der wir leben, übersexualisiert. Besorgte Eltern versuchen, ihre Kinder vor diesen Einflüssen zu bewahren, indem sie ihnen zum Beispiel den Umgang zum anderen Geschlecht verbieten. Sobald die Töchter dann Mitte 20 sind, wird oft seitens der Verwandschaft massiv Druck ausgeübt, damit sie endlich heiraten. Allerdings stellt sich für viele die Frage, wie und wo sie überhaupt einen potientellen Heiratspartner kennenlernen sollen, wenn ihnen jahrelang der Kontakt zu anderen jungen Muslimen verboten wurde.
Es sollte mittlerweile kein Problem mehr sein mehrere Optionen zu wählen, um die richtige Person kennenzulernen. Sei es durch die Vermittlung der Eltern, Freunde, in der Moschee, auf Instagram, Facebook, muslimischen Dating Apps wie Minder, Muzmatch oder auch auf Heiratsevents für muslimische Singles. Ich denke, dass es wichtig ist, auf verschiedene Möglichkeiten bei der Partnersuche zurückgreifen zu können, da nicht jeder Zugang zur muslimischen Gemeinde hat, manche eher zurückhalternd oder extrovertiert sind. Letztere gehen gezielt auf die Person, die ihnen gefällt zu, sowohl Männer als auch Frauen. Es ist nichts Verwerfliches daran, wenn Frauen den ersten Schritt machen. Manche Männer sind auch schüchtern und brauchen Starthilfe und freuen sich, wenn die Person, die ihnen gefällt, ihr Interesse vermittelt.
Ich habe mich mit einigen Ehepaaren unterhalten, die sich über die muslimische Dating App Minder kennengelernt haben.
Bei der Partnersuche sind die Auswahlkriterien bei jedem unterschiedlich, allerdings mischen sich die Eltern sehr gerne ein und oft bleibt leider nicht mehr so viel Raum für die eigenen Bedürfnisse.
Das beste Beispiel hierfür ist der Rassismus, der auch unter Muslimen existiert und leider immer noch für viele bei der Partnersuche ein Dilemma ist. Dabei sollte die Begegnung mit anderen Kulturen kein Problem darstellen. Viele Eltern bestehen darauf, dass ihre Kinder ihnen nur potentielle Schwiergertöchter und Söhne vorstellen, die gemäß Alter und Bildungstand passen und den gleichen Migrationshintergrund haben. Am besten sollen sie zudem noch aus derselben Heimatstadt kommen, damit es ja nicht zu einem Kulturverlust kommt. Ich kenne einen Togolesen, der um die Hand einer Türkin angehalten hat, deren Vater mit ihm aufgrund seiner afrikanschen Herkunft zwar vorgab, einverstanden zu sein, jedoch von ihm 40.000 Euro als Brautgabe verlangte, um ihn abzuschrecken.
Da Beide verständlicherweise mit dem Segen ihrer Eltern ihre Ehe beginnen wollten, ging der togolesische Bruder auf die Forderung seines Schwiegervaters in Spe ein und zahlte mit Unterstützung seiner Freunde den Brautpreis. Beide sind bis heute glücklich verheiratet und Eltern von zwei Kindern.
In diesem Fall ging es positiv aus. Allerdings gibt es immer noch zu viele Vorkommnisse, in denen Eltern ihren Kindern die Heirat mit anderen Muslimen erschweren oder ganz verbieten, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben oder nicht aus dem gleichen Land stammen. Eine marokkanische Frau musste zwei Jahre lang mit ihrer Familie verhandeln, bis sie einen syrischstämmigen Mann heiraten durfte. Ihre Mutter sagte ihr ganz klar, dass es ihr lieber gewesen wäre, hätte sie einen Juden anstelle eines Syrers heiratet. Viele wissen, dass sie garnicht erst mit ihrer Familie darüber diskutieren sollten, weil ihnen von Anfang gesagt wird, dass jemand aus einer anderen Kultur nicht willkommen sei.
Die gleiche Nationalität spielt für viele Eltern immer noch eine weitaus wichtigere Rolle, als die richtige Praktizierung des Dins. Es scheint, als könne man beim Landsmann oder der Landsfrau leichter darüber hinwegsehen, dass er oder sie nicht betet, da man sich wenigstens auf der gleichen Sprache unterhalten kann.
Das sind reale Probleme, mit denen Muslime sich bei der Partnersuche befassen müssen, und es erschwert sie erheblich. Zum einen ist da der Wunsch, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen und zum anderen die hohen Erwartungen der Eltern, die oft rassistisch und nationalistisch sind. Es wird ihnen damit gedroht, ihnen nicht ihren Segen zu erteilen, wenn sie jemanden heiraten wollen, der nicht die gleiche Herkunft hat. Diese Diskussionen sind zeitraubend, kräftezehrend, psyschisch belastend, im Grunde jedoch unnötig und vor allem unislamisch. Diese zähen Verhandlung führen, wenn letztendlich doch keine Ehe zustande kommt, zu Trauer, Wut, Depressionen, Frustration und Verbitterung. Ganz besonders davon betroffen sind Musliminnen, die älter sind, sich dem Willen ihrer Eltern beugen und irgendwann resigniert eine Ehe mit ihren Landsmännern eingehen, nur damit sie verheiratet sind.
Es gibt Muslime, die daher heimlich heiraten oder einfach in ihrer Beziehung bleiben und Zina betreiben. Die Schuld liegt in dem Fall aber nicht bei ihnen, sondern ganz klar bei den Eltern, die ihren Kindern die Ehe verbieten. Ich habe kein Verständnis für Eltern, die nur aus rassistischen Motiven dem Glück ihrer Kinder im Wege stehen. Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist, nicht gleich aufzugeben oder eine uneheliche Beziehung zu führen. Es ist ratsam, in solchen Fällen einen Imam oder eine andere Person, die als religiöse Instanz fungiert, zu Rate zu ziehen, damit diese ihnen klar machen, dass eine Erschwerniss der Anbahnung einer Ehe für ihre Kindern, die sich bewusst für den erlaubten Weg entschieden haben, inakzeptabel ist. Auch Geschwister, Verwandte oder Freunde, die ein gutes Verhältnis zu den Eltern haben, sollten sich in solchen Fällen mit den Betroffenen solidarisieren und sie bei ihrem Vorhaben unterstützen.
Es ist wichtig, die eigenen Eltern zu lieben und respektieren, sie aber auch auf ihren Rassimus und ihre Bigotterie aufmerksam zu machen und in der Hinsicht eines besseren zu belehren.
Ein Hadith unseres geliebten Propheten, Friede und Segen Allahs seien mit ihm, besagt, dass niemand, der Arroganz auch nur in Form eines Atoms in seinem Herzen trägt, das Paradies betreten kann. Wenn wir davon ausgehen, dass eine Kultur einer anderen überlegen ist, begehen unsere Familien eine schwere Sünde, und wir sollten die ersten sein, die dies durch Normalisierung der interkulturellen Interaktionen und Ehen korrigieren.
Islam lehrt uns, dass keine Rasse der anderen überlegen ist und die interkullturelle Ehe eine Normalität ist. Der Prophet selbst heiratete Frauen aus verschiedenen Stämme und Ethnien. Wenn er der perfekte Mensch ist und wir alle darum bemüht sind, seiner Sunna zu folgen, frage ich mich, warum sich so viele Muslime in der Hinsicht schwer damit tun und so sehr von ihrer völkischen Überlegenheit gegenüber anderen Nationen überzeugt sind.
Muslime, die für sich den Begriff Gemeinschaft wählen, ihn aber nur auf eine bestimmte Nationalität oder Sprache beschränken, sind für mich keine Gemeinschaft, sondern eher eine Sekte. In der Zukunft müssen die Themen, Rassismus, Nationalismus und Rechtspopulismus unter Muslimen und in Moscheen diskutiert werden. Denn diese Misstände exestieren und es spätens beim Thema interkulturelle Ehe komischerweise doch nicht mehr heißt „wir sind eine Umma“.
Ein anderes Problem, von dem sowohl muslimische Männer als auch Frauen betroffen sind, ist das Gerede der Familien und Leute, wenn manche sich dafür entscheidet, eine geschiedene Frau oder einen geschiedenen Mann zu heiraten, vor allem wenn diese Person schon Kinder hat.
Vor allem geschiedene Musliminnen haben immer noch mit dem Stigma zu kämpfen, dass sie für jemanden der, zum ersten Mal heiratet, nicht in Frage kommen, da sie ja bereits „verbraucht“ und keine Jungfrauen mehr sind. Auch mit Schwestern, die Mitte 30 und älter sind, wird nicht gerade zimperlich umgegangen. Bei ihnen heißt es, dass sie karrieregeil, zu alt zum Kinder kriegen sind und kein „Frischfleisch“ mehr seien. Das klingt alles ziemlich unsinnig, ist aber leider immer noch Realität für viele. Durch das Gerede der Leute, welchem viele Familien immer noch zu viel Aufmerksamkeit schenken, kommen Ehen mit Frauen, die nicht den Idealvorstellungen entsprechen, garnicht erst zustande oder werden erhbelich erschwert.
Dann gibt es noch die nicht enden wollende Frage nach dem Jungfernhäutchen der Frau. Ich würde es begrüßen, wenn diese akribischen Nachforschungen nach der Keuschheit sich auch auf muslimische Männer beziehen würde. Eine Frau abzulehnen, die so ehrlich ist und zugibt, dass sie keine Jungfrau mehr ist, damit sie mit dieser unangenehmen und sehr intimen Frage nicht konfrontiert wird oder einfach transparent sein möchte, im Verlauf der Kennenlernphase deshalb abzulehnen ist ungerecht und unbarmherzig.
Ganz besonders, wenn die Männer selber auch schon vor der Ehe Sex hatten. Diese Doppelmoral ist heuchlerisch. Mann kann keine Vorrausetzungen setzen, wenn man sie nicht selber erfüllt
Wie bereits erwähnt, sind sind die Auswahlkriterien für Mr. und Mrs Right unterschiedlich. Selbstbewusste und unabhängige Musliminnen stehen vor der Herausforderung, einen passenden Partner zu finden, der Selbstbewusstsein und Charakterstärke nicht mit Dominanz gleichsetzt. Auf manche muslimische Männer wirken solche Frauen einschüchternd. Hierzu kann ich nur sagen, dass diese automatische Selektierung gut ist, weil es Männer gibt, die Minderwertigkeitskomplexe haben, es aber nicht zugeben wollen und deswegen lieber Frauen heiraten wollen, die ihr Ego pushen.
Dann gibt es wiederrum welche, die diese Vorzüge bewundern, sich aber nicht trauen, die Frauen anzusprechen, da sie ihnen den Eindruck vermitteln, unerreichbar zu sein. Liebe Männer, traut Euch, auf die Frauen, die euch gefallen, zuzugehen, sie nicht immer nur aus der Ferne anzuhimmeln und fragt sie, ob ihr sie kennenlernen dürft. Mehr als ein Ja oder Nein gibt es als Antwort nicht. Toxische Maskulinität ist nicht anziehend. Ihr braucht euch also keine Mühe machen, extra „männlich“ und bevormundend aufzutreten, um das Bild des starken selbstbewussten Mannes aufrechtzuerhalten. Seid einfach ihr selbst und lasst auch eine emotionale Facette und Momente der Schwäche zu. Das ist nicht unmännlich, sondern einfach menschlich und authentisch.
Ein weiteres Problem ist oft, dass muslimische Männer ratlos vor großen Herausforderung stehen, wenn es darum geht, die Brautgabe zu bezahlen. Einige Eltern übertreiben gerne und machen die Sache zu einem Geschäft, von dem sie auch profitieren wollen und vergessen und oder ignorieren dabei, dass es sich einzig und allein um eine finanzielle Absicherung für die Braut handelt. Ein Uniabsolvent, der erst seit Kurzem eine feste Arbeitstelle hat, wird nicht in der Lage sein 15.000 Euro als Brautgabe aufzutreiben und dafür muss er mit Sicherheit auch keinen Kredit aufnehmen. Der Preis der Brautgabe sollte sich immer nach der finanziellen Situation des Antwärters richten. Wer viel verdient, kann sicherlich auch einen höhehren Brautpreis zahlen. Es gibt nichts Schlimmeres, als verschuldet in eine Ehe zu gehen, weil die Ausgaben für die für die Brautgabe und die Hochzeitsfeier, deren Kosten größtenteils vom Mann übernommen werden, ihn dazu zwingen. Schulden zu Beginn einer Ehe bringen keinen Segen mit sich.
Meist spielt hier der kranke Konkurenzwahn eine große Rolle, weil man unbedingt die schönste, luxuriöseste und teuerste Hochzeit ausrichten möchte, damit die Leute staunen.Es geht immer um „die Leute“. Es wäre viel besser, sich mehr mit den Rechten und der Verantwortung, die man in einer Ehe hat, zu befassen, anstatt monatelang bis ins letze Detail die Hochzeitsfeier, die sowieso nur ein paar Stunden dauert, zu plannen.
Hierbei ist es wichtig, sich Prioritäten zu setzen und dem Gerede und der Kritik von anderen keine Beachtung zu schenken.
Das bezieht sich auch auf die Kritik, mit der Muslime konfrontiert werden, wenn sie ihre Partner in der Moschee, auf Heiratsevents für muslimische Singles, via Minder oder Muzmatch kennenlernen, oder gemeinsam im Café von Moralaposteln gestalked werden. Auch hier gilt es, die Beleidigungen und Verleumdungen zu ignorieren. Wenn zwei Menschen sich verstehen und gemeinsam die Hälfte ihres Dins vervollständigen wollen, ihre Absichten aufrichtig sind und sie bald heiraten wollen, sollte es kein Problem sein, sich draußen zu treffen. Das sind Umstände, die daraus resultieren, dass es für viele Muslime nicht möglich ist, nur auf dem traditonellen Weg den passenden Partner zu finden. Außerdem hat es Außenstehende nicht zu interessieren wie, wo oder wann Leute sich kennenlernen. Es hat keinen Einfluss auf ihr Leben, also brauchen sie sich in diese Angelegenheiten auch nicht einzumischen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die lokale Gemeinschaft, die auch als Instanz für Suchende fungieren sollte. In diesem Fall denke ich ganz besonders an Revertieten, die keine muslimische Familie haben oder Muslime, die nicht in der Gemeinschaft aufgewachsen sind und erst später zugezogen sind. Des Weiteren sollten auch vertrauenswürdige Geschwister, die gut vernetzt sind, muslimischen Singles bei der Partnersuche behilflich sein und sie nicht mit einem „Sorry, aber das ist mir zu viel Verantwortung” abwimmeln. Für die Rolle der Vermittler sind nicht alle geeignet, dennoch denke ich, dass es wichtig ist, Ansprechpersonen mit guter Menschenkenntnis zu haben. Trotzdem gilt auch für die Suchenden, nicht die Vermittler dafür schuldig zu machen, wenn für sie trotz mehrerer unverbindlicher Treffen mit anderen Singles noch nichts Konkretes ergeben hat.
Ich denke, dass eine gemeinsame Basis für eine Ehe einer der wichtigsten Aspekte sein sollte. Um diese als Team zu meistern, ist es sehr wichtig, sich selber zu kennen, seine eigenen Bedürfnisse, Vorstellungen, Wünsche, Fehler, Schwächen und Ängste in der Kennenlernphase klar zu benennen und nicht erst im Verlauf der Ehe zu gestehen. Ändern kann man nur sich selbst, nicht aber seinen Partner. Transparenz, Ehrlichkeit und Kommunikation in jeder Hinsicht werden meiner Meinung nach sicherlich dazu führen, dass weniger Konfliktpotential entsteht.
Wenn ihr jemals Interesse an der Person, die ihr kennenlernt, verliert, respektiert ihre Gefühle und seid so fair es ihr zu sagen. Haltet sie nicht unnötig auf, um ihr Vertrauen und ihre Zuneigung zu gewinnen. Lasst sie gehen, damit sie ihre Zeit, Energie und Liebe in jemanden investieren kann, der sie wertschätzt und respektiert.
Manchen wird die Partnersuche erleichtert, einige haben garnicht das Bedürfniss zu heiraten und andere werden wiederrum jahrelang damit geprüft und müssen viele Enttäsuchungen wegstecken. Liebe Geschwister, bitte bleibt positiv und habt immer die beste Meinung von Allah und macht viel Dua. Bitter ihn um den Partner, den ihr Euch wünscht. Wenn Er es für euch will und Segen darin ist, wird Er euch den Wunsch erfüllen.
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