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Historische Zäsur: AfD und BSW verzeichnen hohe Erfolge

afd rechts

Bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen fahren die AfD und das BSW große Erfolge ein. In Erfurt werden die Rechten stärkste Partei.

„Die Ergebnisse der Parlamentswahlen in Sachsen und Thüringen am Sonntag (…) sorgen für weitere Bestürzung auf einem Kontinent, der bereits durch den Niedergang der traditionellen Parteien und den Aufstieg der Aufständischen verunsichert ist. (…) Das größere Problem ist, was der gemeinsame Aufstieg der AfD und der BSW über den Kollaps der Regierungsparteien in Deutschland aussagt.“ Wall Street Journal

Dresden/Erfurt (dpa, KNA, iz). Die AfD wird in Sachsen und Thüringen als rechtsextremistisch eingestuft – dennoch räumte sie bei der Stimmabgabe ab. Ihre Beteiligung an einer Regierung dürfte sich allerdings schwierig gestalten, weil potenzielle Partner vor den Wahlen keine Koalition mit ihr eingehen wollten. Unklar ist, ob sie eine Minderheitsregierung stellen kann.

Die AfD-Vorsitzenden Weidel und Chrupalla beanspruchen nach den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen eine Regierungsbeteiligung. „Natürlich haben wir Regierungsanspruch“, sagte Weidel im ZDF-„Morgenmagazin“ Die Wähler hätten sich in beiden Bundesländern klar für eine Mitte-Rechts-Koalition und eine Beteiligung der AfD entschieden.

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Foto: Wikiwand | Lizenz: CC BY-SA 4.0

AfD – ein Novum der Nachkriegsgeschichte

Erstmals in der Nachkriegsgeschichte ist mit der AfD eine als rechtsextremistisch eingestufte Partei bei einer Landtagswahl stärkste Kraft geworden. In Thüringen liegt sie nach den vorläufigen Ergebnissen auf Platz eins. Bei der Landtagswahl in Sachsen legt sie ebenfalls zu, landet aber knapp hinter der CDU von Regierungschef Michael Kretschmer. Auf der AfD-Wahlparty in Thüringen waren neben Parteikadern führende Mitglieder der identitären Bewegung aus Deutschland vertreten.

Aus dem Stand zweistellig wird in beiden Ländern das neue Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Für die Parteien der Ampel-Koalition im Bund, die an Stimmen verlieren, ist es ein bitterer Abend.

Erschütterung von Seiten der Zivilgesellschaft

Erschütterung und große Sorge prägen die ersten Reaktionen aus der jüdischen Welt und aus den Kirchen auf die AfD-Erfolge bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen.

„Unsere freie Gesellschaft darf nicht fallen, gerade im Angesicht des islamistischen Terrors“, forderte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster: „Ungeschminkte Wahrheiten – Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit – sind gefragt, keine populistischen Scheinantworten radikaler Parteien“, schrieb er in einem Gastkommentar für Bild.de.

Immer mehr Menschen wählten die AfD aus politischer Überzeugung, aus „durch Protest manifestierter rechtsextremer Ideologie“, fügte er hinzu. Und ein populistisches BSW lasse noch vieles unbekannt, „aber das, was wir von dieser neuen Partei und ihrem Spitzenpersonal wissen, lässt nichts Gutes erahnen“.

Foto: Thomas Lohnes | Zentralrat der Juden in Deutschland

Eine Abkehr von der bisherigen politischen Kultur der Bundesrepublik sieht die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch. Deutschland drohe ein anderes Land zu werden.

Niemand solle jetzt noch von Protestwählern sprechen „oder andere Ausflüchte suchen“, mahnte die frühere Präsidentin des Zentralrats: „Die zahlreichen Wähler haben ihre Entscheidung bewusst getroffen, viele wollten die Extremisten an den Rändern in Verantwortung bringen.“ Nicht nur Minderheiten müssten sich jetzt fragen, was diese Entwicklung für jede und jeden Einzelnen bedeute.

Als „zutiefst deprimierend“ bewerteten Holocaust-Überlebende die voraussichtlichen Ergebnisse. Die Entwicklung erschwere das Vertrauen, „das sie Deutschland mittlerweile wieder entgegenbringen“, sagte der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner.

Bislang sei es unvorstellbar gewesen, dass gerade hierzulande „so viele Menschen einer Partei vertrauen, die mehr als braun gesprenkelt ist und sogar von anderen rechtsextremen Parteien in Europa als zu vergangenheitsbelastet ausgegrenzt wird“. Heubner rief die Mehrheit auf, die Demokratie zu verteidigen.

In Thüringen

In Thüringen steigert sich die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD von Spitzenkandidat Björn Höcke nach dem vorläufigen Ergebnis auf 32,8 Prozent (2019: 23,4 Prozent). Die CDU landet bei 23,6 Prozent (21,7). Aus dem Stand schafft das BSW 15,8 Prozent – und lässt damit die Linke von Ministerpräsident Bodo Ramelow weit hinter sich, die dramatisch auf 13,1 abstürzt (31,0).

Starke Verluste verbuchen die Parteien der Berliner Ampel-Regierung: Die SPD verzeichnet mit 6,1 Prozent (8,2) ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl seit Gründung der Bundesrepublik. Die Grünen scheiden mit 3,2 (5,2) aus dem Parlament aus, ebenso die FDP mit 1,1 Prozent (5,0).

Die AfD bleibt bei der neuen Regierung bisher außen vor, denn die übrigen Parteien schließen eine Koalition aus. Trotzdem sieht Thüringens AfD-Chef Höcke den Regierungsauftrag bei seiner Partei. Er wolle mit den anderen Parteien über Koalitionen ins Gespräch kommen, sagte der 52-Jährige. Er verpasste ein Direktmandat in seinem Wahlkreis in Ostthüringen. Per Landesliste kommt er aber ins Parlament.

Mit mehr als einem Drittel der Mandate verfügt die AfD über eine sogenannte Sperrminorität im Landtag: Entscheidungen und Wahlen, die eine Zweidrittelmehrheit erfordern, müssten ihre Zustimmung finden. So werden etwa die Verfassungsrichter vom Parlament damit gewählt.

In Sachsen

In Sachsen steht die CDU nach dem vorläufigen Ergebnis bei 31,9 Prozent (2019: 32,1 Prozent). Die AfD liegt nur wenig dahinter mit 30,6 Prozent (27,5). Das BSW, eine Abspaltung von der Linken, erreicht aus dem Stand 11,8 Prozent. Die SPD liegt bei 7,3 Prozent (7,7).

Die Linke erreicht 4,5 Prozent – und kommt damit auf weniger als die Hälfte des Stimmenanteils von vor fünf Jahren (10,4). Sie erringt zwei Direktmandate in Leipzig und ist deswegen im Landtag vertreten, obwohl sie unter der Fünf-Prozent-Hürde liegt.

Die Grünen schaffen es mit 5,1 Prozent (8,6) knapp ins Parlament. Auch die Freien Wähler, die 2,3 Prozent erzielten, sind mit einem Abgeordneten im Parlament, der ein Direktmandat errang. Die FDP verpasst den Einzug – wie schon bei den vergangenen zwei Landtagswahlen.

Foto: DesignRage, Shutterstock

Die Ampel verliert

Für die Ampel-Koalition in Berlin sind die Zahlen ein Desaster: Für die SPD sind es die beiden schlechtesten Landtagswahlergebnisse in der Nachkriegsgeschichte. Die FDP ist in keinem der beiden Landtage vertreten. Die Grünen erleiden in beiden Ländern deutliche Verluste.

SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert kündigte eine stärkere Profilierung der Sozialdemokraten an. Es gehe darum, „sich stärker zu emanzipieren“. Man wolle sich „nicht mehr auf der Nase herumtanzen lassen von anderen, die krachend aus den Landtagen jetzt rausgewählt worden sind»“ sagte er mit Blick auf Auseinandersetzungen mit FDP und Grünen in der Ampel-Koalition im Bund.

Aus Sicht von Grünen-Chef Omid Nouripour ist der Streit ein Grund für das schlechte Abschneiden der Ampel-Parteien. Man müsse sich «an die eigene Nase fassen».

FDP-Chef Christian Lindner schrieb auf der Plattform X: „Die Ergebnisse in Sachsen und Thüringen schmerzen. Aber niemand soll sich täuschen, denn wir geben unseren Kampf für liberale Werte nicht auf.“

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Foto: Deutscher Bundestag / Thomas Köhler / photothek

Auch die Union ist in Erklärungsnot

CDU-Landeschef Mario Voigt wollte sich noch nicht festlegen, ob eine von ihm geführte Regierung sich von der Linken tolerieren lassen würde. Er kündigte zunächst an, auf die SPD zugehen zu wollen und auch zum BSW «gesprächsoffen» zu sein.

Vor allem CDU-Politiker stören sich allerdings daran, dass Wagenknecht Mitglied der DDR-Staatspartei SED war und später eine führende Figur der kommunistischen Plattform in der Linken. Eine Koalition wäre jedoch möglich, denn nach einem Unvereinbarkeitsbeschluss darf die CDU weder mit der AfD noch mit der Linken koalieren – das BSW ist aber nicht davon erfasst.

In der CDU muss die schwierige Frage beantwortet werden, ob und wie es eine Zusammenarbeit mit BSW und Linken geben kann. Parteichef Friedrich Merz hatte eine Kooperation mit dem BSW zunächst strikt abgelehnt. Nach Protest der Wahlkämpfer im Osten rückte Merz davon ab und erklärte die Frage zur Sache der Landespolitiker.

Der blaue Schrecken: AfD ist Teil von Europas Rechtsextremisten

AfD demos

AfD-Erfolge in Thüringen und bei Umfragen stellen Politik und Öffentlichkeit vor schwerwiegende Herausforderungen.

(iz). Die deutsche Öffentlichkeit ist alarmiert: die in Teilen offen rechtsextrem agierende Alternative für Deutschland erlebt ihr Sommermärchen: steigende Umfragezahlen und die Wahl eines Landrates in einer ostdeutschen Kleinstadt.

Die mediale Aufmerksamkeit dürfte den Parteigrößen gefallen, gehört sie doch längst zur Parteistrategie; inklusive der empörten Zurückweisung, beim Land Thüringen handle es sich um einen „Probelauf der Diktatur“ (Der Spiegel).

AfD-Erfolg: Deutschland reagiert alarmiert

Viele Medien überschlagen sich mit ihren Warnungen und düsteren Prognosen nicht fern von den Schlagzeilen vergangener Tage, die mit gleicher Intensität vor der Islamisierung des Abendlandes gewarnt hatten.

Ob es gefällt oder nicht, die AfD nutzt effektiv die Erschütterung, die das konservative Weltbild angesichts permanenten Veränderungsdrucks erfährt. Eine Nebenfolge der alarmistischen Berichterstattung über die Krisen unserer Zeit ist das Gefühl vieler Menschen, ihre Existenz sei auf Sand gebaut.

Hier setzt das Kalkül der rechtskonservativen Vordenker ein: Warum nicht einfach den Eindruck vermitteln, eine Welt im Stillstand sei möglich, und mit entsprechender Grenzziehung das idyllische Leben in Deutschland leicht zu schützen?

Auf „telepolis“ fasst Claudia Wangerin diese Strategie der AfD wie folgt zusammen: „Sie spricht eine Zielgruppe an, die mehr Angst vor ‘Überfremdung’ hat als vor einer ungebremsten Klimakatastrophe. Geschäfte mit arabischen Schriftzügen im Stadtbild scheinen diese Gruppe mehr zu stören als die Aussicht, dass vertraute deutsche Landschaften immer wüstenähnlicher werden könnten.“

Foto: US-Generalkonsulat München, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Zwischen Empörung und Geschichtsvergessenheit

Im Umgang mit der AfD steigt die Empörung über die Geschichtsvergessenheit der Partei im gleichen Maß wie die Ratlosigkeit, wie das Zurückdrängen rechten Gedankengutes organisiert werden kann.

An erster Stelle zeigt sich das Dilemma in der CDU, der liberalen Verwandtschaft der Partei. Von dem Versprechen des Vorsitzenden Merz, „die AfD Zustimmung zu halbieren“, ist wenig übrig geblieben. Stattdessen formieren sich Gruppen, die ablehnend oder zustimmend dem Erbe der ehemaligen Bundeskanzlerin gegenüberstehen.

Der Pragmatismus der Kanzlerin und ihr Bonmot „Wir schaffen das“ in der Flüchtlingskrise spaltet die Christkonservativen bis heute. Für die AfD hat die Ablehnung Merkels Kultstatus.

Im Kern klingt eine Stellungnahme der Kanzlerin aus dem Jahr 2015 nach: „Wenn wir die Grenzen schließen würden, Deutschland hat 3.000 km Landesgrenze, dann müssten wir um diese 3.000 Kilometer einen Zaun bauen.“

Ein Satz, den die AfD erfolgreich in die Form umgedichtet hat, dass die Kanzlerin die Grenzen überhaupt nicht mehr schützen wollte. Bis heute müht sich die CDU im Spagat, einerseits nicht noch mehr weitere WählerInnen an die Extremen zu verlieren und andererseits die Merkelianer in der Partei nicht zu verärgern.

Foto: DesignRage, Shutterstock

Ampelschwierigkeiten mit der rechten Welle

Aber auch die Regierung tut sich schwer mit der rechten Welle. Angesichts der Klimamaßnahmen, den Sanktionen gegenüber dem russischen Regime und der galoppierenden Inflation hat sie unpopuläre Maßnahmen anzukündigen. Damit treibt sie neben dem Bodensatz der Rechtsradikalen und den unzufriedenen ehemaligen CDU-Wählerinnen eine dritte Gruppe nach Rechts: die Protestwähler.

Bisher hat sie auch die sozialen Fragen, die sich aus dem neoliberalen Kurs der letzten Jahre ergeben, nicht überzeugend beantworten können. Man kann sich nur mit Grausen vorstellen, wie es um das politische Deutschland steht, wenn die Wirtschaft nicht mehr wie gewohnt floriert.

Noch mangelt es nicht an Geld. Es ist schon erstaunlich: Die Bundesregierung stellt in den Jahren 2021 bis 2024 insgesamt mehr als eine Milliarde Euro für die Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus bereit. Ergebnis: Die AfD rückt an die 20-Prozent-Grenze.

Die Strategien gegen das Wachstum der rechten Partei reichen von Verbotsforderungen, scharfer Ausgrenzung bis hin zu der Idee, etwaige Regierungsbeteiligungen auf Landesebene zuzulassen, um die Partei auf diese Weise zu „entzaubern“.

Bisher scheint keiner dieser strategischen Ansätze die Erfolge der AfD zu berühren. Ironischerweise dürfte die AfD am ehesten eine ehemalige Marxistin fürchten: Allein eine mögliche Wagenknecht-Partei könnte das rechte Lager kurzfristig spalten.

Foto: wikipedia.org, Von Jasper Goslicki | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Muslimische Gemeinschaften sollten sich engagieren

Auf der zivilgesellschaftlichen Ebene geht es darum, die diversen Akteure für das Thema zu sensibilisieren und zu mobilisieren. Es ist keine Frage, dass die muslimischen Gemeinschaften in Deutschland hier gut beraten sind, sich gesellschaftlich zu engagieren. Dieser Einsatz ist für die ganze Gesellschaft bedeutsam, weil sich die Einheit der europäischen Rechte gerade aus ihrem Feindbild gegenüber dem Islam erklärt.

Der überzeugte Europäer und Anti-Nationalist Friedrich Nietzsche bringt es in seiner Zarathustra-Dichtung auf den Punkt: „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.“

Schon im Jahr 2010 erschienen in Deutschland und Frankreich Publikationen, die weit vor der Flüchtlingskrise im Jahr 2015, den Aufstieg der politischen Rechte und ihren Kampfbegriffen der „Umvolkung und Islamisierung Europas“ das Feld bereiten. „Le Grand remplacement“ (die große Umvolkung des französischen Schriftstellers Renaud Camus, 2011) wird vom rechten Kubitschek Verlag Antaios ins Deutsche übersetzt.

Im Jahr 2010 beginnt die Karriere des Tilo Sarrazin, der vom braven, systemtreuen Finanzpolitiker zum Biopolitiker mutiert. Er schreibt neben vielen anderen Ungeheuerlichkeiten über die Zukunft Europas und die sogenannte Abschaffung Deutschlands.

Er schwadroniert von „einem Land, indem der politische Islam seine Vormachtstellung nicht mehr nur gegenüber der restlichen Gemeinschaft der Muslime behauptet, sondern längst auf breite Schichten der Mehrheitsbevölkerung ausweiten konnte und mit seinem Stimmengewicht Wahlen zu seinen Gunsten entscheidet.“

Foto: Wikiwand | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Patrick Bahners leistet Verständnishilfe

Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Geistesgeschichte der Blauen findet sich im neuen Buch von Patrick Bahners „Die Wiederkehr, die AfD und der neue Deutsche Nationalismus“. Grundsätzlich ruft der Autor zur sachlichen Auseinandersetzung mit den Themen der Rechtsnationalen auf: „Zur Rückbesinnung auf Tatsachen aufzurufen ist in der politischen Rhetorik ein legitimer Zug, der oft Wirkung zeigt und dann gute Gründe für sich hat. Aber wer die gesamte Politik aus Tatsachen herleiten will, über die es angeblich keinen Streit geben kann, schafft die Politik ab.“

Der einflussreiche Journalist erinnert daran, dass der „neue Nationalismus als Republikanismus auftritt.“ Das Feindbild der Islamisten dient der Partei, sich einen antitotalitären Anstrich zu geben, ganz nach dem Motto: Wir sind Demokraten, weil sie es nicht sind!

Bahners formuliert angesichts der Dialektik gegen den Islam eine Befürchtung: „Ist die Vorstellung, dass die Trennung von Staat und Gesellschaft die Freiheit sichert, noch so vielen Bürgern intuitiv plausibel, das die nationalistische Vision der Bürgerschaft als Kampfgemeinschaft auf Widerspruch stoßen muss?“

Inmitten der Freund-Feind Debatten um das Unwesen der AfD erinnert er alle Beteiligten ebenso daran, dass das Grundgesetz bindet und in erster Linie die Staatsgewalt beschränkt: „Verfassungstreue wird von Beamten verlangt – die Ausdehnung dieser Erwartung auf alle Bürger hätte deren Verbeamtung zur Folge.“

Können wir etwa aus der Houellebecq-Debatte lernen?

In Frankreich hat sich in den letzten Jahren die Perspektive um die Verschwörungstheorie einer islamischen Machtergreifung in Europa in der Houellebecq-Debatte manifestiert. Im Jahr 2015 publizierte der französische Schriftsteller seinen Skandalroman „Unterwerfung“.

Darin übernimmt er das Narrativ der rechten Vordenker und beschreibt eine Machtergreifung einer muslimischen Partei. Die liberalen und linken Kräfte Frankreichs koalieren in der Fiktion mit den Muslimen, um mit allen Mitteln die rechtsradikale Front National zu verhindern. Die Verhinderung der Rechten wird auf diese Weise zum einzigen Inhalt der Innenpolitik.

Unter dem Eindruck der Terroranschläge von Paris und Nizza fiel der Autor immer wieder mit begleitenden islamophoben Aussagen auf. Auf den ersten Blick scheint der Franzose in der Tradition von Sarrazin und Camus zu denken. Unter diesem Eindruck übersieht man allerdings leicht die Konstruktion des Buches, die vor allem eine Abrechnung mit dem geistigen Nihilismus Europas darstellt.

Den Supermarkt nennt Houellebecq das „wahre Paradies der Moderne“. In einem Interview beklagt er, dass die Konstruktion von „Unterwerfung“ kaum erkannt wurde: „Ich nehme meinem Protagonisten nach und nach alles weg: Soziales Leben, Liebe, Status.“

Der Schriftsteller beschreibt so das „Untot“-Sein seines Antihelden, für den seine Nicht-Existenz bedeutet, keine Wirkung auf die Welt zu haben. Houellebecq beschreibt das konservative Dilemma wie folgt: „Die Vorstellung eines permanenten Wandels macht das Leben unmöglich.“

Schon 2017 relativierte er in seinem Band „Interventionen“ einige Aussagen, die den Islam betreffen: „Man kann eigentlich nicht wirklich sagen, dass es in ‚Unterwerfung‘ eine Darstellung des Islam gibt: Das ist das Schreckliche im Buch, die meisten Figuren sind in Wahrheit keine Muslime.“

Neuerdings erschreckt der Autor seine islam-kritische Anhängerschaft mit weiteren Relativierungen, die den behaupteten verfassungsfeindlichen Hintergrund der Muslime in Europa betreffen: „Das tut mir sehr leid. Ich habe da so sehr vereinfacht, dass etwas richtig Falsches herausgekommen ist. In Wirklichkeit sind Muslime nicht in besonderem Maße Diebe oder Kriminelle. Aber sie leben oft in benachteiligten Vierteln.“

Überraschenderweise grenzt sich der Intellektuelle hier vom rechten Spektrum ab, das an einer Differenzierung wenig Interesse zeigt. Viel zu wichtig ist die Antihaltung gegenüber den Muslimen als einheitsstiftendes Element der europäischen Rechte.

Das Beispiel Houellebecqs zeigt immerhin, dass mit nicht-ideologischen Denkern eine Art Verständigung über den Islam in Europa denkbar wäre. Man wird sich in derartigen Debatten eine Antwort ausdenken müssen, im Sinne einer kritischen Selbstreflexion, warum eigentlich die Muslime in den letzten Jahrzehnten ausschließlich im politischen, weniger im ökonomischen, sozialen oder spirituellen Kleid erscheinen.

Es geht darum zu zeigen wofür, nicht nur wogegen wir stehen. Die Akzeptanz des Islam in Europa, an denen uns Muslimen gelegen sein muss, die Verteidigung der europäischen Idee und der Aufstieg der Rechten bilden einen schicksalhaften Kontext.

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