Architektur: Gegen die Stadt als Maschine
Der ägyptische Architekt Abdel Wahed El-Wakil verteidigt eine Baukunst, die sich an Ort, Klima, Material und geistiger Ordnung orientiert.
Foto: Bruno M Photographie/Shutterstock
(iz). In einem langen Gespräch mit „The Thinking Muslim Podcast“ kritisiert er die dominierende Präsenz von Beton, Glasfassaden und Hochhäusern. Zugleich plädiert er für Hofhäuser, Handwerk und die Rückgewinnung einer bewohnbaren Stadt.
Die Moschee, berichtet er, dürfe nicht zum Restposten der Architektur werden. Als der junge Architekt in den 1970er Jahren in Dschidda einen Preis für einen Villenbau erhalten hatte, fragte ihn der Stadtverantwortliche, welches Projekt er sich wünsche.
Erwartet wurde offenbar ein Hotel, ein Hochhaus oder ein Flughafen. Er habe damals antwortete: „Ich will die Moscheen bauen.“ Die Reaktion fiel spöttisch aus: Diese Bauten gebe man den Architekten, die keine Arbeit hätten.
Für ihn sei das der Grund gewesen, darauf zu bestehen. Sie müsse in der besten Phase eines Baumeisters entstehen, nicht als Routineauftrag behandelt werden.
In ihr verdichten sich Fragen, die weit über Bauformen hinausreichen: Wie wird ein Raum heilig? Welche Materialien gehören an einen Ort? Was lernt eine Stadt aus ihren wichtigsten Gebäuden? Und wie formt die gebaute Umwelt das Leben ihrer Bewohner?
Der ägyptische Architekt, ein Schüler und langjähriger Weggefährte von Hassan Fathy, spricht ihn dem Hintergrundgespräch kritisch. Er setzt Moscheen, Höfe, Ziegel und Handwerk gegen die Logik des Megaturms.
Nicht alles daran muss man teilen. Seine Fragen treffen einen Nerv: Was geschieht, wenn Städte zwar immer mehr bauen und doch weniger bewohnbar werden?
Screenshot: YouTube
Das Haus als Zuflucht
Sein Begriff für das Zentrum der Baukunst lautet „Sakina“ (Ruhe, Geborgenheit, innere Sammlung). Eine solche Bauweise erschöpft sich für ihn nicht in Kuppeln, Spitzbögen oder einem Ornament auf der Fassade. „Islamische Architektur ist nicht eine Frage von Bögen und Gittern.“ Ihr Kern sei diese interne Ruhe.
Für ihn hat sie eine räumliche Gestalt. El-Wakil beschreibt das traditionelle Haus als Gegenwelt zur Straße: ein umschlossener Hof, Schatten, Pflanzen, Wasser, ein Brunnen, der Blick in den Himmel.
Er spricht lieber von einem „Skyscape“ als von einer Landschaft. Der Hof öffnet sich nicht zur Schau nach außen, vielmehr schafft er im Inneren einen geschützten Ort. Wer ihn betritt, soll nicht konsumieren, sondern ankommen.
Ein Garten außerhalb des Hauses sei etwas anderes als ein Hof. Dieser erzeuge eine Grenze und damit eine eigene Sphäre. El-Wakil erzählt von einem Bauherrn mit großen Anlagen und Palmen, der den Sinn eines Hofes zunächst nicht verstand. Nach dessen Fertigstellung habe er ihn allabendlich genutzt. Der begrenzte Raum wurde zum eigentlichen Mittelpunkt des Hauses.
Darin liegt eine Idee, die für gegenwärtige Debatten bemerkenswert bleibt. Wohnen ist nicht nur die Bereitstellung von Quadratmetern. Architektur organisiert Nähe und Distanz, Licht und Stille sowie Öffentlichkeit und Rückzug.
Sie entscheidet mit darüber, ob Familien gern zu Hause bleiben, ob Nachbarn einander begegnen können und ob die Straße als gemeinsamer Raum erfahrbar ist. El-Wakil erinnerte an Winston Churchills Satz: „Wir formen unsere Gebäude; danach formen unsere Gebäude uns.“

Foto: UN Photo/Marco Dormino
Das Material ist keine Nebensache
Seine Kritik an der Gegenwartsarchitektur beginnt beim Material. Beton hält der ägyptische Baumeister für das Zeichen einer Bauweise, die ihre Folgen zu selten mitdenkt.
Er verweist auf Risse, Korrosion und die schwierige Sanierung bewehrter Konstruktionen. Seine zugespitzte Formulierung lautet: „Beton ist ein verfluchtes Material.“
Das ist keine ausgewogene Baustoffkunde, sondern eine Polemik. Sie zielt jedoch auf eine reale Frage: Warum gilt ein industrieller Baustoff automatisch als Fortschritt, selbst dort, wo er Klima, handwerkliche Kenntnisse und Reparaturfähigkeit ignoriert?
Bei der Arbeit an Masjid Quba und Masjid Al-Qiblatayn (beide in Medina) setzte El-Wakil nach eigener Darstellung auf Lehmziegel statt auf Beton. Der Lehm stammte aus angeschwemmtem Material der Umgebung.
Für ihn war das keine Folklore, sondern eine Verbindung von Ort, Klima und Bauweise. Ziegel und massive Wände speichern und regulieren Temperatur anders als dünne, stark aufgeheizte Betonhüllen. Eine Architektur, die den örtlichen Boden und die vorhandenen Fähigkeiten ernst nehme, könne zugleich weniger abhängig von importierten Systemen sein.
Der Baumeister erzählt von Projekten, bei denen nicht nur der Entwurf, sondern selbst Nägel und Baumaterial aus dem Ausland eingeführt werden sollten. Darin sieht er ein Abhängigkeitsverhältnis. Mit dem Produkt werde eine ganze Baukultur importiert.
Seine Alternative lautet, lokale Materialien und regionale Arbeitskräfte einzusetzen. Das geschehe nicht aus romantischer Rückwärtsgewandtheit, sondern weil sich so Know-how, Werkstätten und Verantwortung vor Ort entwickeln.
Das Beispiel des Ziegelgewölbes zeigt, worauf er hinauswill. Als ein Auftragnehmer in England ein Gewölbe für unmöglich erklärte, wandte sich El-Wakil an einen indischen Arbeiter auf der Baustelle. Dieser habe die Technik gekannt und eine günstigere, tragfähige Kuppel ausführen können als die vorgesehene Lösung.
Geometrie statt Kulisse
Für ihn beginne die Verflachung dort, wo unsere Bauweise auf Dekoration reduziert wird. Ein achteckiges Zeichen an der Fassade, ein angeklebter Bogen oder eine ornamentale Blende machten ein Gebäude nicht islamisch.
„Das ist nicht die Denkweise islamischer Architektur“, sagt er. Ein architektonisches Vokabular könne nachgeahmt werden, ohne dass seine innere Ordnung verstanden wird.
Diese Anordnung findet er in der Geometrie. Sie ist für ihn nicht Schmuck, sondern eine Sprache. Quadrat oder Dreiecke blieben sie selbst. Geometrische Verhältnisse entziehen sich der Beliebigkeit modischer Stile.
In der Tradition, so El-Wakil, bringt Raumlehre eine innere Wahrheit an die Oberfläche. Das erklärt seine Faszination für Muqarnas, die vielgliedrigen Stalaktitengewölbe, deren Formen aus präzisen Winkel- und Teilungsverhältnissen entstehen.
Er erzählt, wie sein Lehrer Hassan Fathy ihn auf ein besonders kunstvolles Minarett aufmerksam machte. Erst nach Jahren des Studiums habe er dessen Ordnung entschlüsselt und sie für ein eigenes Projekt nachbilden können.
„Das ist Wissenschaft“, zitiert er die Reaktion von Handwerkern, die sonst klassische Säulen und Formen modellierten. Kopieren sei in diesem Sinn nicht das Gegenteil von Kreativität. Wer etwas Schönes und Schwieriges nachbildet, muss dessen Gesetzmäßigkeiten vorher verstehen.
Daraus ergibt sich ein anderer Begriff von Innovation. Nicht jede Neuerung ist Fortschritt, nicht alle Wiederholung Stillstand. El-Wakil formuliert es an einer Stelle mit einer Pointe: „Man braucht keinen neuen Stil. Man braucht Exzellenz im Handwerk und im Material.“
Das bedeutet für ihn nicht, dass die Gegenwart historische Gebäude bloß reproduzieren sollte. Es heißt aber, dass sie sich nicht damit begnügen darf, Tradition als Kulisse zu zitieren, während Konstruktion, Klima und Proportion nach anderen Regeln funktionieren.

Foto: Christian Müller/Adobe Stock | Lizenz: Adobe Stock, erworben
Die Stadt und ihre Maßstäbe
Besondern kritisch äußert sich El-Wakil über die allgegenwärtigen Hochhäuser – auch in den beiden Haramain. Die Uhrturm-Bebauung in Mekka empfindet er als Zumutung, weil sie den Haram überragt und dessen Maß verändert.
Seine Kritik richtet sich nicht nur gegen die Höhe. Die öffentliche Uhr steht für ihn für eine mechanische Ordnung von Taktung und Synchronisierung, entstanden aus Eisenbahnfahrplänen. Dem setzt er die Zeit des Gebets, der Sonne und der Jahreszeiten entgegen.
Man kann diese Gegenüberstellung für zu scharf halten. Dennoch benennt sie eine Wirkung von Architektur, die im Streit über Flächen und Renditen oft verloren geht: Gebäude setzen Hierarchien. Was überragt wen? El-Wakil fragt, warum hohe Bauten nicht hinter den Bergen von Mekka und Medina errichtet wurden, sodass die Nähe der Heiligtümer von der vertikalen Konkurrenz verschont bliebe.
Die Frage betrifft nicht nur Saudi-Arabien. Auch europäische Städte kennen Sichtachsen, Kuppeln, Türme und öffentliche Orte, deren Bedeutung von Maßstab und Umgebung lebt.
Sein Ideal der Stadt ist niedrig, dicht, fußläufig und vom Auto entlastet. Die PKW, nicht Menschen, seien die eigentlichen „Raumfresser“. Er rechnet vor, wie viel Fläche ein abgestelltes und bewegtes Fahrzeug beansprucht, während ein Fußgänger nur wenig Platz braucht.
Daraus folgt für ihn nicht die romantische Abschaffung jeder Technik, sondern eine Umkehr der Prioritäten: Für ihn haben der Mensch und der öffentliche Raum Vorrang vor Verkehr und Durchfahrtsstraßen.
Als Beispiel nennt er ausgerechnet Disney World. Nicht aufgrund seiner Ästhetik, vielmehr wegen zweier Organisationsprinzipien: Sauberkeit und Sicherheit durch die Trennung von Fußgängern und Autos.
Für Medina zieht er daraus den radikalen Schluss, Fahrzeuge außerhalb zu halten und Besucher anders ins Zentrum zu bringen. Seine Argumentation scheint manchen provokativ, doch der Kern ist klar: Eine Stadt, die ihre Bewohner Lärm, Abgasen, Verkehr und langen Wegen aussetzt, kann nicht zugleich behaupten, ihren Alltag zu erleichtern.
„Eine Stadt sollte ein Ort sein, an dem man gern lebt und soziale Beziehungen hat“, sagt El-Wakil. In seinen Augen machen der Individualverkehr, Lärm und Verschmutzung Menschen unruhig und aggressiv. Architektur allein erklärt gesellschaftliche Gewalt nicht. Aber es wäre ebenso naiv, Gebäude und Stadträume für folgenlos zu halten.
Wer auf engem Raum ohne Rückzug lebt, wer Kinder nur zwischen Parkplätzen und Fahrbahnen spielen sieht, wer sich im Haus eingeengt und auf der Straße bedroht fühlt, erlebt Stadt anders als jemand, der zu Fuß einen Platz, einen Hof, einen Laden oder eine Moschee erreichen kann.
Bereits vor Jahrzehnten haben Muslime in New Mexiko mit Adobe-Bauweise experimentiert. (Foto: Dar Al Islam)
Eine Frage an die Gegenwart
El-Wakils Perspektive ist kein neutraler Überblick der islamischen Architektur. Es ist das Plädoyer eines Architekten, der heutige Bauweisen nicht nur kritisch, sondern oft kompromisslos ablehnt.
Seine Aussagen zu Beton, Hochhäusern, Moderne und Bildung sind zugespitzt. Deshalb sollte man seine Thesen nicht als Bauanleitung lesen, vielmehr als eine Aufforderung, die richtigen Fragen stellen zu lernen.
Welche Materialien stehen einer Region zur Verfügung? Was lässt sich reparieren, statt abreißen zu müssen? Was für Fähigkeiten bleiben nach einem Bauprojekt im Ort? Wie verteilt ein Gebäude Licht und Wärme? Wie schützt es vor Hitze und Lärm? Welche Wege eröffnet eine Stadt Kindern, Alten und Fußgängern? Und was für ein Ort gibt dem Heiligen, dem Wohnen und dem gemeinsamen Leben den angemessenen Rang?
Die Antwort des Baumeisters ist nicht eine Formel. Sie beginnt mit einer Haltung: Die Moschee ist kein beliebiges Sondergebäude, das durch Kuppel oder Minarett erkennbar gemacht werden muss.
Das Haus ist keinesfalls eine Wohnmaschine. Und die Stadt lässt sich nicht als ein Diagramm aus Verkehrsströmen und Grundstückswerten verflachen. Architektur trägt eine Vorstellung vom Menschen in sich.
Vielleicht liegt darin der stärkste Satz des langen Gesprächs: „Wenn etwas wahr oder schön ist, bleibt es für alle Zeiten wahr oder schön.“ Der Satz kann konservativ klingen. Er muss aber nicht als Absage an die Gegenwart verstanden werden.
